Freitag, 21. August 2015

Ein Vormittag im Haus Ruhrgarten oder: Junges Blut trifft alte Hasen

Oskar Dierbach, Patrick (18) und Frauke Philippsen


Alte Menschen, die es in ihrem Leben nicht immer leicht gehabt haben treffen an diesem Vormittag auf junge Menschen, die es in ihrem Leben nicht immer leicht gehabt haben. Die Gastgeber aus dem Haus Ruhrgarten schauen auf ein langes Leben zurück. Ihre Gäste aus dem Sankt-Josefshaus haben ihr Leben noch vor sich. Die 14- bis 18-jährigen Mädchen und Jungen fragen sich: „Was soll aus mir werden, nicht nur beruflich?“

Da kommt ihnen der Ausflug in den Pflegealltag eines Altenheimes gerade recht. „Die von uns betreuten Jugendlichen kommen aus belasteten Familien. Und wir wollen, dass sie möglichst früh selbstständig werden. Und dazu gehört auch die Erkundung der Berufswelt“, betont Sozialarbeiterin Heike Wagner vom Sankt-Josefshaus.
Und so schnuppern die Jugendlichen in den Alltag der Altenpflege hinein. Die Einen finden sich in einer Stuhlgymnastikgruppe wieder. Die anderen backen mit Bewohnern einen Apfelkuchen oder lernen in der Tagespflege das biografischen Gedächtnistraining und etwas über Dialekte, Biersorten und demenzielle Persönlichkeitsveränderung. Den härtesten Job an diesem Tag hat der 18-jährige Patrick. Obwohl er als Fußballer fit, wie ein Turnschuh ist, meint er nach einer halben Stunde im Seniorenanzug: „Das war krass. Ich bin fix und fertig. Jetzt weiß ich, was manche Menschen im Alter ertragen müssen.“ Westen, Manschetten, Kopfhörer und eine dicke Brille mit abgedunkelten Gläsern, die Patrick, wie einen Außerirdischen erscheinen lassen, haben ihn am eigenen Leibe erleben lassen, was es bedeutet, wenn im Alter Augen, Ohren, Beine, Knie und Gelenke nicht mehr so wollen, wie man selber will.

„Ihr könnt nach einer halben Stunde wieder aussteigen, aber unsere Bewohner, müssen ihre Handicaps jeden Tag rund um die Uhr ertragen“, unterstreicht der Pflegedienstleiter des Ruhrgartens, Oskar Dierbach.
Gästen und Gastgebern gefällt das Kennenlernen der jeweils anderen Generation. „Es ist einfach schön, wenn man Alt und Jung mischt“, findet Edith (88). „Ich hätte nicht gedacht, dass einige der Bewohner noch so fit sind und begeistert mitmachen“, staunt Jasmin (17) „Wir haben hier nicht zum ersten Mal junge Leute im Haus. Und mit ihnen macht die Gymnastik einfach mehr Spaß“, freut sich Hedwig (93). „Hier leben Menschen, die 100 Jahre und älter sind. Ich finde es krass, dass Menschen so ein hohes Alter erreichen können und trotzdem noch Spaß am Backen eines Apfelkuchens haben können“, staunt Redofa (15). Und Irmgard (91) glaubt mit Blick auf Alter und Krankheit: „Das ist für die Jugendlichen eine wichtige Erfahrung, zu erleben, dass das, was uns heute passiert, morgen ihnen passieren kann.“ Auch wenn Julia (18) es toll findet, „dass die Altenpfleger sich in die alten Menschen hineinversetzen und so freundschaftlich und respektvoll mit ihnen sprechen“, geht es ihr, wie den meisten ihrer Altersgenossen. Sie können sich nicht vorstellen, in einem Beruf zu arbeiten, in dem sie jeden Tag mit Alter und Krankheit konfrontiert werden.
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Dennoch haben Pflegedienstleiter Oskar Dierbach und Altenpflegerin Frauke Philippsen am diesem Tag das eine oder andere Pflegetalent entdeckt. „Man muss kein Superpfleger sein, sondern sich wirklich für Menschen und dafür interessieren, wie es ihnen geht und wie es ihnen noch etwas besser gehen könnte. Und man lernt mit der Zeit, dass das Sterben zum Leben dazu gehört“, geben sie den Jugendlichen mit auf den Heimweg ins Sankt-Josefshaus. Ihr Tag im Altenheim bestätigt den Jugendlichen aus dem Kinderheim. Ein Heim kann zur Heimat werden, wenn sich Menschen für Menschen interessieren-

Dieser Text erschien am 20. August in der NRZ und in der WAZ

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