Donnerstag, 29. November 2018

Mülheim unter dem Hakenkreuz

Schätzungsweise sechs Millionen Juden wurden Opfer des Holcaust. Allein in Mülheim wurden 270 jüdische Mitbürger ab 1941 in sogenannten Judenhäusern interniert und dann vom damaligen Hauptbahnhof, dem heutigen Bahnhof West an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße in die Vernichtungslager deportiert. 1933 zählte die Jüdische Gemeinde noch 640 Mutglieder. In Deutschland lebten damals rund 64 Millionen Bürger, von denen nur rund 650.000 der jüdischen Religion angehörten. Als die 1907 am damaligen Viktoriaplatz, heute Platz der alten Synagogen, in der Reichspogromnacht 1938 vom Chef der damaligen Berufsfeuerwehr, Alfred Fretr, in Brand gesetzt wurde, war das Gebäude bereits in den Besitz der Sparkasse übergegangen. Bereits im März 1933 hatten die Nationalsozialisten und ihre Bündnispartner in Mülheim die politische Führung der Stadt übernommen und im Rat durchgesetzt, dass Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg, der ihn am 30. Januar 1933 ernannt hatte, zu Mülheimer Ehrenbürgern ernannt wurden und alle jüdische Unternehmen von städtischen Aufträgen ausgeschlossen wurden. Gleichzeitig gehörten Mülheimer Industrielle wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorff zu den frühen Fördern Hitlers und seiner Partei, der NSDAP, die sich in Mülheim 1925 gründete und 1929 erstmals in den Stadtrat einzog.  

De 1933 von den Nationalsozialisten ins Amt gewählte Oberbürgermeister Wilhelm Maerz musste nach nur drei Jahren im Amt wegen offensichtlicher Unfähigkeit durch den deutschnationalen Verwaltungsexperten Edwin Hasenjaeger ersetzt werden. Weltweit geht man von 60 Millionen Menschen aus, die im 2. Weltkrieg ihr Leben verloren haben. 1945 ging man in Mülheim von 3500 gefallenen Soldaten, 2700 Vermissten und 1100 zivilen Luftkriegsopfern aus. Während des Krieges war die Stadt 160 Mal Ziel eines Luftangriffs geworden. Auf den Straßen der Stadt, in der (bei Ende der Kampfhandlungen im April 1945) nur noch 88.000 Menschen lebten, lagen 1945 880.000 Kubikmeter Trümmerschutt. Drei ehemalige Stadtverordnete (Wilhelm Müller, Fritz Terres und Otto Gaudig von der SPD und von der KPD) hatten ihren Widerstand, ebenso, wie der in Heißen aufgewachsene katholische Priester Otto Müller und der in Stadtmitte aufgewachsene Generalstabsoffzier Günther Smend mit dem Leben bezahlen müssen. 

Während des 2. Weltkries mussten in Mülheim rund 24.000 ausländische Zwangsarbeiter kriegswichtige Arbeiten verrichten. Während ihres Einsatzes waren sie in 55 Lagern interniert. 1956 wurde im Luisental ein Mahnmal für die Mülheimer Opfer von Krieg und NS-Gewaltherrschaft errichtet. 

Teile dieses Textes erschienen am 28. November 2018 in NRZ/WAZ

Mittwoch, 28. November 2018

Begegnung mit einem Zeitzeugen


Es ist nicht einfach, Schüler zwei Stunden lang mit einem Lebensbericht und einem anschließenden Gespräch zu fesseln. Sally Perel kann es. 400 Jugendliche hören ihm in der Aula des Gymnasiums Broich gebannt zu, als der 93-Jährige ihnen erzählt wie er als Jude den Holocaust überlebte, weil er als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat in eine neue Identität schlüpfte und damit den Willen seiner von den Nazis ermordeten Mutter erfüllte: "Geh, Sally. Du musst leben!"



Die Jugendlichen haben ihre Begegnung mit dem Zeitzeugen gut vorbereitet. Sie haben sich den 1990 gedrehten Film "Hitlerjunge Salomon" angeschaut, der die Überlebensgeschichte Sally Perels erzählt. Und sie haben sich zusammen mit ihren Geschichtslehrern Florian Sauer und Seydi Güngör überlegt, welche Fragen sie dem Zeitzeugen aus einer Zeit stellen wollen, die sie und ihre Eltern nur aus dem Geschichtsbuch kennen. Am Ende seines ergreifenden Lebensberichtes sagt Perel seinen jungen Zeitzeugen: "Die Geschichte ist die wichtigste Lehrmeisterin der Menschheit und Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer. Aber die Zeitzeugen meiner Generation wird es nicht mehr lange geben. Doch jetzt, wo ihr meine Lebensgeschichte gehört habt, seid auch ihr Zeitzeugen und ich gebe euch den Auftrag, dass ihr das Gehörte und eure Erfahrungen an eure Kinder und Kindeskinder weitergebt, damit sich eine menschliche Katastrophe wie sie meine Generation erleben musste, niemals wiederholen kann."



Die Fragen, die Luisa Schleinitz (16), Tom Herzberg (17), Till Herrmann (16) und Xenia Schetter (17) Sally Perel stellvertretend für ihre Mitschüler stellen, zeigen, dass sie seine Botschaft verstanden haben und seinen Auftrag angenommen haben. Und die brutal ehrlichen Antworten, die sie von dem in Peine geborenen und heute in Israel lebenden Sally Perel bekommen, zeigen, dass der Holocaust-Überlebende seinen Auftrag als Zeitzeuge bis zuletzt zu seiner Lebensaufgabe macht. "Wie fühlen Sie sich mit ihrer Lebensgeschichte, wenn Sie hier heute unter deutschen Jugendlichen sitzen?", wollen seine jungen Interviewer wissen: "Ich spüre, dass mein Überleben einen Sinn hat und dass ich meine Mission erfüllt habe, wenn ich auch nur einen Jugendlichen, der mit rechtsextremen Ideen liebäugelt, durch meine Lebensgeschichte eines besseren belehrt habe", sagt Perel.

"Wie sehen Sie die religiös motivierten und begründeten Konflikte zwischen Juden, Christen und Muslimen", fragen die Schüler nach. Perel antwortet: "Gott war nicht in Auschwitz. Ich bin Atheist. Und deshalb sage ich, schafft heute die Religionen ab und wir haben morgen Frieden, weil jede Religion für ihren Gott kämpft und die Anhänger anderer Religionen als Götzendiener ansieht." In der nächsten Fragerunde wollen die Jugendlichen wissen, was aus Perels Bruder geworden ist, der das KZ Dachau überlebt hat, aber inzwischen verstorben ist. "Mein älterer Bruder war für mich mehr Vater als Bruder. Als wir uns 1945 wiedersahen und in die Arme fielen, haben wir wild gelacht. Und er hat mir die Kraft für das Weiterleben gegeben, in dem er mir sagte: 'Mir ist egal wie du überlebt hast. Mir ist nur wichtig, dass du überlebt hast" erklärt Perel.



"Bereuen Sie rückblickend eine Entscheidung", wollen die Schüler wissen. "Ich bereue nichts. Denn hätte ich mich anders verhalten als ich es getan habe, säße ich heute nicht unter Ihnen. Ich habe mich für das Leben entschieden. Denn ich wollte leben", lässt der Zeitzeuge seine jungen Gesprächspartner wissen. Und zum Schluss ihres Zeitzeugengesprächs wollen die Broicher Gymnasiasten von dem in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Israeli erfahren, ob er im Nahen Osten einen Weg zum Frieden sieht. "Ich bin in der israelischen Friedensbewegung aktiv, weil ich glaube, dass man dem Frieden nachlaufen muss. Wenn ein Frieden funktionieren soll, muss er gerecht sein. Und das bedeutet für mich. Die israelischen Siedler müssen aus den besetzten Gebiete räumen und es muss neben dem Staat Israel eine Staat Palästina mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem entstehen."



Nach ihrem Zeitzeugeninterview, dass nicht nur ihre Geschichtslehrer beeindruckt, sind sich Xenia, Luisa, Tom und Till einig: "Viele Fakten haben wir vorher schon gekannt. Doch das Gespräch mit dem Zeitzeugen Sally Perel hat uns emotional bewegt und uns eine viel tiefer gehende Vorstellung davon vermittelt, was während des Nationalsozialismus passiert ist."



Dieser Text erschien am  27. November 2018 in NRZ/WAZ

Dienstag, 27. November 2018

Nachbarn kommen sich näher


Die Innenstadt gilt als anonymes Pflaster. Hier gibt es kein rechtes Stadtteilbewusstsein wie andernorts in Mülheim.

Beate Gottwald, Raghild Geck und Jörg Marx arbeiten im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Stadtmitte daran, dass sich das ändert. Ihr Ausgangspunkt ist das Quartier rund um den Hans-Böckler-Platz. Die 1951 gegründete Wohnungsbaugesellschaft SWB ist dort unter anderem Eigentümerin der Wohn-Hochhäuser Hans-Böckler-Platz 7 bis 9. Sie hat mit der sogenannten Tenne dem Netzwerk der Generationen einen Treffpunkt zur Verfügung gestellt, der für Feste, für Kaffeeklatsch, Filmvorführungen, gemeinsames Singen und Nachbarschaftstreffen aller Art genutzt wird. „Wir stecken viel Arbeit in den Aufbau einer lebendigen Nachbarschaft, in der man sich kennt oder kennen lernt“, betont die ehrenamtliche Nachbarschafts-Netzwerkerin Beate Gottwald. Deshalb ist sie manchmal enttäuscht, wenn nur zehn oder 20 Nachbarn zum Treffen in die Tenne kommen. Gerne würde sie dort auch mehr Nachbarn der Generation U60 sehen.“ Doch ihre hauptamtlichen Netzwerk-Kollegen Jörg Marx und Raghild Geck sind mit der bisherigen Resonanz durchaus zufrieden und dämpfen die Erwartungen Gottwalds. „Es geht nicht um Masse, sondern um Qualität. Wenn auch nur zehn Nachbarn einen schönen Nachmittag oder einen schönen Abend miteinander erleben, hat sich unsere Arbeit schon gelohnt“, sagt Jörg Marx.

Seine Kollegin Ranghild Geck weist darauf hin, dass sich in Folge der neu entstandenen „Tenne-Connection“ auch schon so etwas wie Nachbarschaftshilfe entwickelt habe. Da wird mal nacheinander geschaut und gefragt wie es dem Nachbarn auf dem Hausflur geht. Da wird mal ein Bild aufgehängt, eine Birne eingedreht oder eine schräge Schublade gerichtet. Inzwischen gibt es auch Überlegungen das Nachbarschaftsnetzwerk am Hans-Böckler-Platz um eine Schreibwerkstatt und eine Telefonkette zu erweitern.

Besonders freut sich Jörg Marx darüber, dass die Nachbarn in der City nicht nur von der SWB, sondern auch von der Betriebsgesellschaft des Hans-Böckler-Platz in Person ihres Geschäftsführers Michael Zühlke handfest unterstützt werden. „Ich bin davon überzeugt, dass solche Nachbarschaftsnetzwerke in unserer alternden Stadtgesellschaft, in der viele Menschen von Einsamkeit und Isolation bedroht sind, wichtig sind und Zukunft haben. Aber sie brauchen auch eine lange Anlaufzeit, um bekannt zu werden und sich im Bewusstsein der Bürger zu verankern“, unterstreicht Jörg Marx. Weitere Auskunft zur Arbeit des Nachbarschaftsnetzwerks Stadtmitte gibt Raghild Geck raghild.geck@muelheim-ruhr.de unter der Rufnummer: 0208-455-5007. 


Dieser Text erschien am 21. November 2018 in der Mülheimer Woche

Montag, 26. November 2018

Politiker und Puppenspieler

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet kam eine halbe Stunde zu spät zum Prinzenball, aber noch früh genug, um am Samstagabend im ausverkauften Festsaal der Stadthalle die tolle Tanzshows der Tollitäten, der Ruhrgarde und der Tanzformation Calypso mit zu erleben. "Mülheim hat eine hervorragende Verkehrsanbindung, wenn nicht gerade mal wieder die Deutsche Bahn ausfällt oder man auf der A40 im Stau steht", sagte der aus Berlin eingeflogene Landesvater unter den Lachern der 500 Gäste. Man weiß: Der Mann hat als Ministerpräsident, CDU-Landeschef und Bundes-Vize seiner Partei nicht nur an Rhein und Ruhr viele Termine. "Ich war jetzt eine Woche lang in Berlin. Wenn man dort das Theater erlebt, ist man froh am Samstagabend hier wieder unter normalen Menschen zu sein", machte der aus der Karnevalshochburg Aachen stammende Preisträger der Spitzen Feder deutlich, dass er mit Spitzer Feder Pointen zu setzen weiß.

Diese Kunst beherrscht(e) auch Karikaturist Thomas Plaßmann, der als "Ordensbruder" die Laudatio auf Laschet hielt.
"Ich habe gezögert, als ich erfuhr, dass ich eine Laudatio auf Armin Laschet halten soll. Nicht das ich ein Baumhaus im Hambacher Forst hätte. Doch ich frage mich schon, ob ein politischer Karikaturist einen Politiker loben darf. Aber wir leben alle mit Widersprüchen. Wir sind für Umweltschutz und fahren trotzdem mit dem Geländewagen zum Bäcker oder nutzen den Strom aus der Steckdose, auch wenn wir gegen Atomkraftwerke sind", lautete eine Einsicht seiner Laudatio. Und dann lobte Plaßmann Laschet ausdrücklich für seine Sprache, mit der er  schon als NRW-Integrationsminister nicht auf Polarisierung, sondern auf Integration und Verständigung gesetzt habe und "damit die Gräben der gesellschaftlichen Spaltung auf beispielhafte Weise zugeschüttet und damit ein Zeichen gegen politischen Populismus gesetzt hat."

Versöhnlich zeigte sich Laschet auch mit Blick auf seine Mülheimer Ordensschwester und Amtsvorgängerin Hannelore Kraft. "Dass ich ausgerechnet in der Heimatstadt von Hannelore Kraft mit der Spitzen Feder für das freie Wort geehrt werde, ist schon so, als würde man den BVB in der Schalke-Arena auszeichnen. Aber ich kann nicht nur mit meiner Ordensschwester Hannelore Kraft, sondern auch mit meinen Ordensbrüdern Hans-Dietrich Genscher, Norbert Blüm, Wolfgang Clement und Manfred Stolpe gut leben. Hannelore Kraft und ich haben 2017 gezeigt, dass man auch ohne persönliche Angriffe und politische Hetze Wahlkampf führen kann", unterstrich Laschet.
Dass der Landesvater aus Aachen Mülheim als "Karnevalshochburg des Ruhrgebietes" mit Blick auf die Grenzen der alten preußischen Rheinprovinz dem Rheinland zuordnete, wollte Sitzungspräsident Heino Passmann dann aber doch nicht gelten lassen. "Ich dachte immer der Fluss, der durch unsere Stadt fließt, hieße Ruhr", frotzelte der Ex-Prinz und ehemalige SPD-Stadtrat. Doch dann schritt der amtierende SPD-Stadtrat Johannes Terkatz als amtierender Stadtprinz Johannes II, zur Tat und verlieh nicht nur dem christdemokratischen Ministerpräsidenten, sondern auch dem Puppenspieler, Regisseur und Synchronsprecher Martin Reinl die Spitze Feder für Verdienste um das Freie Wort. Das ergriff Reinl denn auch gleich mit seinem Zirkuspferd Horst-Ferdinand, das unter dem Gelächter der Jecken spottete: "Du bekommst die Spitze Feder, die ich mir dann anstecken darf." Die Lacher auf seiner Seite hatte an diesem Abend auch Reinls Laudator und "Ordensbruder", Ralph Morgenstern. Besonders viel Applaus bekam der 1956 in Mülheim geborene Schauspieler, Musiker und Moderator, als er in seine Laudatio auf seinen Kollegen, "der mit seinem Wortwitz die Fernsehsender wechselt wie seine Unterhosen", als er sich an seine Tanzstunden bei Pentermann erinnerte. Morgenstern: "Das war damals für mich harte Arbeit, hat sich aber gelohnt und mich später weitergebracht."


Dieser Text erschien am 26. November 2018 in NRZ & WAZ

Sonntag, 25. November 2018

Spitze Feder im Doppelpack

Mit Armin Laschet und Martin Reinl zeichneten die Mülheimer Karnevalisten jetzt gleich zwei Persönlichkeiten mit einer Spitzen Feder für Ihre Verdienste um das freie Wort aus.
Beide Preisträger, die jetzt auch "Ordensbrüder" sind, zeigten in ihren Dankesworten, dass sie den seit 1984 vom Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval verliehenen Ehrenpreis zu Recht erhalten haben. "Du bekommst die Spitze Feder, damit ich sie mir an meinen Hut stecken kann", ließ der Autor, Regisseur und Synchronsprecher Martin Reinl sein Zirkuspferd Horst Ferdinand spotten.
Der aus der Karnevalshochburg Aachen stammende NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der sein Geld früher als Journalist verdient hat, hatte die Lacher der 500 Jecken im ausverkauften Festsaal der Stadthalle auf seiner Seite, als er feststellte: "Ich war die ganze Woche in Berlin. Und wenn man das Theater sieht, das sich dort abspielt, ist man froh, wenn man am Samstagabend hier wieder unter normalen Menschen sein darf." Auch eine andere Pointe des frei sprechenden Landesvaters traf den Geschmack seiner Zuhörer: "Dass ich in der Heimatstadt meiner Amtsvorgängerin Hannelore Kraft mit der Spitzen Feder ausgezeichnet werde, ist so, als ehre man in der Schalke-Arena den BVB." Nicht gelten lassen wollte Sitzungspräsident Heino Passmann, dass Laschet mit Verweis auf die Grenzen der preußischen Rheinprovinz die Karnevalshochburg Mülheim ins Rheinland eingemeinden wollte. Passmann spitz: "Ich dachte immer, der Fluss, der durch unsere Stadt fließt, hieße Ruhr."
Gut Lachen hatten die Jecken im Saal auch bei Martin Reinls Ordensbruder und Laudator Ralph Morgenstern. Der 1956 in Mülheim geborene Musiker, Moderator und Schauspieler erinnerte sich unter anderem an seine "harten, aber erfolgreichen" Tanzschulstunden bei Pentermann und an eine Aufführung des Hippie-Musicals "Hair", das er 1970 ebenfalls im Festsaal der Stadthalle erlebt habe. Morgenstern bescheinigte dem Puppenstar Martin Reinl und seinen Plüschkollegen Horst Pferdinand, Charming Traudl und Wiwaldi die Fähigkeit, "mit geistreichem Wortwitz zu sagen, was gesagt werden muss." Der so gewürdigte Preisträger gab sich bescheiden: "Die Worte, die ich im Laufe meines Lebens benutzt habe, kommen ja nicht von mir selbst, sondern alle aus dem Duden. Schauen Sie mal nach."
Nicht lange nachschauen musste auch der Laschet-Laudator Thomas Plaßmann, um die Spitze Feder auszupacken. "Darf ich als politischer Karikaturist einen Politiker loben. Ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst", fragte sich der Vor-Jahres-Preisträger und erteilte sich dann aber selbst die Absolution: "Das ganze Leben ist ja ein Widerspruch in sich, wenn wir gegen Atomkraft und Braunkohle sind, aber den Strom aus der Steckdose genießen oder für Umweltschutz eintreten, aber mit dem Geländewagen fahren."
Ausdrücklich lobte der politische Zeichner Plaßmann den Politiker Laschet für seine sachlichen und versöhnlichen Rhetorik, mit der er "Toleranz und Verständnis füreinander befördert und gleichzeitig die Gräben der gesellschaftlichen Spaltung zuschüttet und überwindet."
Dieser Text erschien am 25. November 2018 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Samstag, 24. November 2018

Ein Ritter mit Spaß an der Freude

"Ich erkenne dich ohne Kappe gar nicht wieder", frotzelte Oberbürgermeister Ulrich Scholten am Mittwochabend bei seiner Laudatio auf Hans Klingels. Der 68-jährige Industriekaufmann und selbstständige Stahlhändler wurde im Stadthallenrestaurant Caruso vom Stadtprinzen Johannes II. (Terkatz) sanft zum 34. Ritter vom Schiefen Turm geschlagen.

Bevor Klingels seine Rittermütze aufgesetzt bekam, stand der Geschäftsführer des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval ungewöhnlich zivil, im schwarzen Smoking und ohne Narrenkappe vor den geladenen Jecken.

Ulrich Scholten, selbst Ehrensenator der Röhrengarde, würdigte Ritter Hans "als einen Motor des Mülheimer Karnevals, der den Frohsinn in Mülheim zum Laufen bringe." Hauptausschuss-Präsident Markus Uferkamp wünschte sich von Klingels, der unter anderem auch den Narrenkurier und die Prinzenhefte herausgibt, "noch viele schöne Jahre, in denen wir den Mülheimer Karneval gestalten können."

Der am Aschermittwoch (22.2.1950) geborene Klingels nannte seine 20 aktiven Jahre im Mülheimer Karneval "die schönste und interessanteste Zeit in meinem Leben." Ausdrücklich bedankte sich der begeisterte Vater und Großvater, der in seiner Freizeit auch gerne Fahrrad fährt und dem Reitsport verbunden ist, nicht nur für die Unterstützung seiner Karnevalsfreunde, sondern auch für den Rückenwind, "den mir meine liebe Frau Bärbel gegeben hat". "Ohne sie", so Ritter Hans, "hätte ich nicht das  leisten können, was ich geleistet habe. Und last, but not least bescheinigte Prinz Johannes dem neuen Ritter "die Tugenden der Tapferkeit und des ruhigen Langmutes, ohne die du deine Organisationsarbeit für den Karneval nicht so erfolgreich hättest gestalten können."

Dieser Text erschien am 23. November 2018 in NRZ & WAZ

Freitag, 23. November 2018

Was tun gegen Kinderarmut?

Die Zahl erschreckt. Ein Drittel der Kinder in Mülheim leben mit ihren Eltern von Arbeitslosengeld 2, sind also von Armut bedroht. Gleichzeitig ist in den vergangenen Jahren nicht nur die Zahl der "armen" Kinder, sondern auch die Zahl der Einkommensmillionäre in unserer Stadt gestiegen.

Nach einer Auftaktveranstaltung zum Thema Kinderarmut in Mülheim, die im September in der Stadthalle über die Bühne ging, beschäftigten sich jetzt 30 interessierte Mülheimer, auf Einladung der SPD-Fraktion, im Medienhaus mit der Frage, was man konkret gegen Kinderarmut tun könnte.

Sowohl die Profis, die als Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagoginnen, Erzieher, Lehrer und Fallmanager mit dem Thema beschäftigt sind, als auch die schlicht interessierten Bürger, wie der Vorsitzende des Eppinghofer Bürgervereins, Bernhard Köhler, führten während der gut zweistündigen Diskussion bemerkenswerte Lösungsvorschläge ins Feld.

Bernd Köhler sind einen Kern des Problems in der finanziellen Förderstruktur, die sich im Bereich der Bekämpfung von Kinderarmut auf fast 150 verschiedene Gesetze verteile. Er fordert eine Durchforstung der kommunalen, regionalen und nationalen Förderinstrumente und eine radikale Aufhebung des Kooperationsverbotes der verschiedenen politischen Ebenen, wenn es um konkrete sozialpolitische Maßnahmen zugunsten armer Kindern und ihrer Eltern gehe.

Der ehemalige Leiter der Sozialagentur, Klaus Konietzka, sieht unter anderem im Bildungsbereich Nachholbedarf, da 40 Prozent der betroffenen Eltern noch nicht mal einen Hauptschulabschluss und 84 Prozent keine Berufsausbildung hätten. Flankierend spricht er sich für die bundesweite Einführung einer Kindergrundsicherung aus.

Aus Sicht des Mülheimer Sozialforschers, Volker Kersting, täte die Stadtplanung gut daran, mehr Spiel- Bewegungs- und Freiräume für Kinder einzuplanen, weil die Gehirnforschung gezeigt habe, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Motorik und intellektueller Entwicklung gebe.

Schulsozialarbeiter Georg Jöres lobte die Stadt Mülheim ausdrücklich für ihre überdurchschnittlichen Investitionen in denen offenen Grundschulganztag. Während der kommunale Pflichbeitrag bei 400 Euro pro Kind liege, zahle man in Mülheim 2800 Euro, um eine qualifizierte pädagogische Betreuung und Förderung zu gewährleisten, auf die vor allem Kinder aus armen und bildungsfernen Familien angewiesen seien. In diesem Zusammenhang würdigte Klaus Konietzka die Absicht der Mülheimer Kommunalpolitiker, trotz der desolaten Haushaltssituation der Stadt am hohen Förderniveau für den offenen Ganztag in den Grundschulen festzuhalten. Georg Jöres hielte es angesichts der in Mülheim drastisch angestiegenen Kinderarmut für sinnvoll den offenen Ganztag in Grundschulen in einen gebundenen und für alle Kinder verpflichtenden Ganztag umzuwandeln.

Das würde aus Sicht der Pädagogen Abdrea Schindler (Erich-Kästner-Grundschule) und Matthias Kocks (Willy-Brandt-Gesamtschule) aber nur dann Sinn machen, wenn allen Schülern, wie zum Beispiel in Lübeck, über ein Förderbudget für arme Kinder ein kostenfreies Mittagessen und eine Finanzierung der schulischen Grundausstattung, respektive der Teilnahmen an Schulprojekten ermögliche. Für 

Elena Stanowski vom Kinderschutzund können gut gemeinte Förderprogramme wie das Bildungs- und Teilhabepaket BUT ihre oft durch Arbeitslosigkeit und andere soziale Probleme Adressaten nur erreichen, wenn die Beantragung entbürokratisiert würde. Außerdem fordert Stanwoski vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen aus der Eltern-Kind-Beratung die freien Träger von Kindertagesstätten zu mehr Flexibilität und Entgegenkommen auf, wenn es darum gehe, Kinder aus nicht-christlichen Zuwandererfamilien aufzunehmen und ihnen damit die für sie besonders notwendige Frühförderung zugute kommen zu lassen. Die Styrumer Schulsozialarbeiterin Doris Wieschermann glaubt, dass man Kinder aus bildungsfernen und materiell armen Elternhäusern nur dann aus dem Teufelskreis der sich vererbenden Armut befreien kann, wenn man die Förderdfizite in den Elternhäusern durch den verstärkten Einsatz von Schulsozialarbeitern kompensiere. Nur so könne man eine strukturelle Überforderung der Lehrer verhindern und Kindern aus den betroffenen Familien eine Entwicklungsperspektive eröffnen.

Für die Vorsitzende des Vereins, Hilfe für Frauen, Nicole Weyers kommt es darauf an, das Potenzial der besonders oft von Armut betroffenen alleinerziehenden Mütter zu heben, "in denen man ihnen nicht nur Bildung und ehrenamtliche Arbeit, sondern einen auskömmlich bezahlten Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkr verschafft."

Dieser Text erschien am 23. November 2018 un NRZ/WAZ

Donnerstag, 22. November 2018

Deutschlands erste Polizeibeamtin


Henriette Arendt wurde am 11. November 1874 als Tochter des jüdischen Kaufmanns Max Arendt und seiner Frau Johanna Wohlgemut im ostpreußischen Königsberg geboren. Sie wuchs in einer großbürgerlichen Unternehmerfamilie ohne materielle Sorgen auf, litt aber unter fehlender Elternliebe. Ihre leibliche Mutter starb bereits im Jahr nach Henriettes Geburt.

Die wichtigste Bezugsperson ihrer Kindheit und Jugend war ihre Großmutter, die sie regelmäßig besuchte und später auch pflegte. Diese prägenden Erfahrungen weckten in Henriette Arendt, der Tante der Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) den Wunsch, Krankenschwester zu werden. Unter dem Eindruck der ärmlichen Lebensverhältnisse, die sie unter anderem bei den Arbeitern ihres Vaters kennenlernte, entwickelte Henriette einen starken Gerechtigkeitssinn und wurde schon bald zu einer Sozialdemokratin, die unter anderem für die Einführung des Frauenwahlrechtes stritt.

Doch ihr Vater bestimmte sie als Mit-Inhaber einer Lampen-Export-Firma für eine Ausbildung zur Buchhalterin und Korrespondentin. 1890 hatte sich Arendt versucht, ihrem ungeliebten Schicksal durch Selbsttötung zu entziehen. Erst als sie mit 21 Jahren volljährig wurde, konnte sie sich ihren Traum erfüllen. Doch auch als Krankenschwester tat sie sich schwer, sich ihren Vorgesetzten unterzuordnen und musste deshalb immer wieder ihre Arbeitsstellen wechseln.

Als Mitglied des von Paula Steinthal geleiteten Hilfspflegerinnenverbandes erhielt Henriette Arendt durch den damaligen Stuttgarter Polizeiamtsleiter Karl Wurster im Februar 1903 als erste Frau in Deutschland eine Anstellung als Polizeiassistentin der Stuttgarter Polizei. Zu ihren Aufgaben gehörte das Verhör und die Betreuung straffällig gewordener Frauen und Kinder sowie die Überwachung ihrer polizei-medizinischen Untersuchungen, die immer wieder vorgekommene Übergriffe auf die oft aus dem Bereich der Prostitution kommenden Frauen zu verhindern. Darüber hinaus zeigte sie Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollten, berufliche Alternativen auf.

Ihre Erfahrungen, unter anderem mit dem von ihr aufgedeckten Kinderhandel, machte sie in Büchern, Aufsätzen und Vorträgen in Deutschland und Europa öffentlich und zog als Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin auch politische Konsequenzen. Das führte dazu, dass die streitbare Polizeiassistentin sich mit ihren Vorgesetzten bei der Polizei und mit ihrer Förderin Paula Steinthal überwarf und deshalb im Januar 1909 ihren Polizeidienst beenden musste. In einem ihrer Vorträge hatte Arendt 1907 festgestellt: „Und wenn wir auch nur ein verirrtes Menschenkind retten und auf den rechten Weg zurückbringen können, hat sich unsere Arbeit schon gelohnt.“ Im gleichen Jahr hatte die Polizeiassistentin ihren Erfahrungsbericht: „Menschen, die ihren Pfad verloren“ veröffentlicht. 1910 und 1911 folgten ihre Erfahrungsberichte: „Erlebnisse einer Polizeiassistentin“ und „Weiße Sklaven“.

Die Lebenserfahrungen Henriette Arendt sind einzuordnen in die Klassengesellschaft des Deutschen Kaiserreiches, in der die Bestimmung der Frau vor allem in der Rolle als Ehefrau und Mutter gesehen wurde. Bildung, Beruf und politische Mitbestimmung mussten sich die Frauen unter Führung von Frauenrechtlerinnen wie Louise Otto-Peters (1819-1895), Auguste Schmidt (1833-1902), Henriette Goldschmidt (1825-1920), Minna Cauer (1841-1922), Marie Cauer (1861-1950), Gustava Heymann (1868-1943) und Anita Augspurg (1867-1943) erst erkämpfen mussten. Bis 1918 hatten Frauen kein Wahlrecht. Die gesellschaftliche Konvention sah sie vor allem als Frau und Mutter. Arendt rebellierte, wie die Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit dagegen, dass Frauen ein selbstbestimmtes Leben verweigert. So wie sie, rebellierten auch die Mitglieder des Bundes Deutscher Frauenvereine, dem 1901 bereits 70.000 Frauen angehörten, die in 137 Vereinen organisiert waren. Nach dem Tod Henriette Arendts, im Jahr 1922, sollte noch einmal sechs Jahrzehnte vergehen, ehe Frauen als Beamtinnen gleichberechtigt in den Polizeidienst eingestellt wurden.

Literatur zum Thema: Henrike Sappok-Laue: Henriette Arendt – Krankenschwester, Frauenrechtlerin und Sozialreformerin, Frankfurt am Main 2015

Mittwoch, 21. November 2018

Supermann, bitte melden!

Schon als kleiner Junge konnte ich mit Supermann nichts anfangen. Der omnipotente und jeder Bedrohung durch das Böse gewachsene Comic- und Zeichentrick-Held erschien mir einfach zu toll und damit als unglaubwürdig. 

Jetzt sucht die Stadt Mülheim also einen Superdezernenten, der mindestens so super sein soll wie sein bald aus dem Amt scheidender Vorgänger, der für die Bereiche Kultur, Bildung und Soziales zuständig ist.

Obwohl die Lebenserfahrung immer wieder lehrt, dass Weniger oft Mehr ist, glaubt man in Politik und Wirtschaft immer noch, dass viel viel hilft, wenn man nur den einen omnipotenten Supermann oder die Superfrau schlechthin findet, die auf möglichst vielen fachpolitischen "Hochzeiten" tanzen und dabei eine gute Figur machen und dabei noch das Salär der mehrerer Verwaltungsvorstandskollegen einspart.

Auch ein Superdezernat, in dem noch mehr Fachbereiches von Wirtschaft über Soziales bis Stadtplanung und Digitalisierung umfassen soll, wabert im politischen Raum. Demnach bräuchte Mülheim also die Frau oder den Mann, der einfach alles kann. Doch diese übermenschlichen Helden wird man auf diesem Planeten nur in der der Phantasie, aber nicht in der Realität finden.

Denn auch Dezernenten sind nur Menschen. Und für die gilt: Wer auf allen Hochzeiten tanzt, sitzt am Ende zwischen allen Stühlen. Die scheinbar "billige" Lösung eines fachübergreifenden Superdezernenten könnte uns am Ende vielleicht teurer kommen, als mehr Beigeordnete, die in weniger Fachbereichen mehr für unsere Stadt tun können.

Dieser Text erschien am 15. November 2018 in der NRZ

Dienstag, 20. November 2018

Jeder Jeck ist anders

Am Samstag waren jetzt gleich zwei Hubwagen auf der Schloßstraße im Einsatz. Endlich ging es in der Innnenstadt mal wieder hoch hinaus. Der Weihnachtsmarkt und die Fünfte Jahreszeit machten es möglich. Während die Mitarbeiter der Mülheimer Stadtmarketing- und Tourismus-Gesellschaft hoch hinaus wollten, um die Weihnachtsbeleuchtung anzubringen, ließen sich die schwindelfreien Karnevalisten Udo Bohnenkamp und Max-Martin Fischer hoch heben, um die Vereinswappen der mölmschen Karnevalsgesellschaften am Narrenbaum vor dem Forum anzubringen.

Narrenbaum und Christbaum Seit an Seit. Ist die Welt närrisch geworden? Wer regelmäßig das Weltgeschehen verfolgt, wird diese Frage bejahen müssen. Umso wichtiger ist es, dass uns der Advent und die Fünfte Jahreszeit in dunklen Tagen den einen oder anderen Lichtblick verschaffen, um uns zu zeigen, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt, wenn wir uns mal hier mal dort ein erhellendes Licht darüber aufsetzen lassen, dass wir ohne Frieden und Toleranz auf der einen und Spaß an der Freude auf der anderen Seite nicht weit kommen werden, weil jeder Jeck auf dieser Welt eben anders ist, und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Dieser Text erschien am 20. November 2018 in der NRZ

Montag, 19. November 2018

Mensch, Malocher, Macher

Heinrich Thöne ist der erste sozialdemokratische Oberbürgermeister Mülheims. Am 18. November 1948 wird er vom Rat der Stadt ins Amt gewählt und tritt damit die Nachfolge des Christdemokraten Wilhelm Diederichs an.

Ein Sozialdemokrat an der Stadtspitze. Das wäre im Kaiserreich noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Denn bis 1918 gilt bei den Kommunalwahlen in Preußen ein Drei-Klassen-Wahlrecht, das die Spitzensteuerzahler bevorzugt und ihrer Stimme 17 Mal mehr Gewicht verleiht als der eines Arbeiters. Als der 1890 in Bocholt geborene Heinrich Thöne 1907 nach Mülheim kommt, um als in der Friedrich-Wilhelms-Hütte Arbeit zu finden, machen Liberale und Konservative als Vertreter des Bürgertums die Kommunalpolitik unter sich aus.

Erst als Deutschland 1918 eine Republik wird, gewinnen die Sozialdemokraten, zu denen jetzt auch der Metallarbeiter und Gewerkschafter Heinrich Thöne gehört, politisch an Gewicht. 1929 wird der mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnete Heinrich Thöne erstmals für seine Partei ins Stadtparlament gewählt. Doch seine kommunalpolitische Karriere währt nur kurz. Denn nach der Kommunalwahl vom 12. März 1933 geben auch in Mülheim die Nationalsozialisten und ihr Oberbürgermeister Wilhelm Maerz den Ton an. Sie machen den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und den Führer der NSDAP Adolf Hitler, den von Hindenburg am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt hatte, zum Ehrenbürger Mülheims.

Der Sozialdemokrat Thöne stimmt dagegen und muss seine Haltung in den kommenden Jahren mit existenzieller Not und Bedrängnis bezahlen. Doch das 1000-Jährige Reich ist nach 12 Jahren zu Ende und hinterlässt auch in Mülheim Trümmerschutt, Not und Elend. Thöne gehört zu den Sozialdemokraten, die die SPD 1945 in Mülheimer wieder gründen. Der inzwischen hauptamtlich für die Allgemeine Ortskrankenkasse tätige Thöne wird nach der ersten Nachkriegs-Kommunalwahl Partei- und Fraktionsvorsitzender der SPD, die ihn schließlich auch zum Bürgermeister wählt.

Bei der Kommunalwahl 1948 wird die SPD erstmals stärkste Partei in Mülheim. Damit ist der Weg frei für einen Oberbürgermeister Heinrich Thöne, der damals nicht von den Bürgern, sondern vom Rat gewählt wird. Obwohl Thöne damals kein hauptamtlicher Oberbürgermeister und Verwaltungschef, sondern ehrenamtliches Stadtoberhaupt und Vorsitzender des Stadtparlaments ist, wird er schnell als bürgernaher OB, dessen Türen für Ratsuchende immer offen stehen, schnell zur populären Gallionsfigur des Mülheimer Wiederaufbaus. An seinem 70. Geburtstag würdigen seine Ratskollegen Thönes Lebensleistung mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft. Zwei Jahre später, schließen die Mülheimer 1962 Freundschaft mit ihrer Partnerstadt Tours und füllen die von Konrad Adenauer und Charles de Gaulles begründete Versöhnung der ehemaligen Kriegsgegner mit Leben.

Thönes Bürgernähe und Popularität beschert seiner Partei bei Wahlen mehrfach absolute Mehrheiten, von denen sie heute nur noch träumen kann. Als er sich 1969 aus seinem Amt verabschiedet und Platz für seinen 32 Jahre jüngeren Nachfolger Heinz Hager macht, beschreibt er die wichtigste Einsicht seines Lebens mit dem Satz: "Politische Gegner dürfen nicht zu Feinden werden!"

Zwei Jahre nach seinem Amtsverzicht stirbt Heinrich Thöne. Die Heinrich-Thöne-Stiftung, die Heinrich-Thöne-Volkshochschule und ein nach ihm benanntes Schiff der Weißen Flotte halten seinen Namen im öffentlichen Bewusstsein.

Dieser Text erschien am 18. November 2018 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Sonntag, 18. November 2018

Mahnung für die Zukunft

Bei der Volkstrauertags-Kundgebung des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge konnte des Vorsitzender Markus Püll heute deutlich mehr Teilnehmer als in den Vorjahren begrüßen. Püll, Superintendent Gerald Hillebrand und Bürgermeisterin Margarete Wietelmann machten in ihren Gedenkansprachen deutsch, dass der nach dem Ersten Weltkrieg eingeführte Volkstrauertag nichts an seiner Aktualität verloren habe. "Der Tag führt uns allen vor Augen, dass wir alle uns fragen müssen, was wir persönlich dafür tun können und tun müssen, um Frieden und Demokratie zu bewahren", sagte Wietelmann. Püll bedankte sich ausdrücklich bei den Mülheimer Schülern, die auf Initiative des Jugendstadtrates ein Zeichen für Frieden und Toleranz gesetzt hätten, in dem sie die Gräber von gefallenen Soldaten und Zwangsarbeitern gesäubert haben.

Der Superintendent erinnerte an das Leitwort des Volkstrauertages: "Den Toten zum Gedenken. Den Lebenden zur Mahnung!" Dieses Wort aufgreifend kritisierte er "das in unseren Tagen wieder neu aufkommenden Wort- und Waffengerassel." Pfarrer Hillebrand warnte mit Blick in die Zukunft vor einer "fatalen Vergesslichkeit", wenn es "in unserem Alltag darum geht Frieden und Freiheit zu bewahren und Krieg und Gewalt zu verhindern." Angesichts der geschätzt rund 80 Millionen Menschenleben, die die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts gefordert haben  und den 68 Millionen Menschen, die derzeit weltweit vor Krieg und Gewalt in ihrer Heimat fliehen müssen, erhielten die von Hillebrand vorgetragenen Gedicht-Verse Kurt Tucholskys aus dem Jahr 1926 eine berührende und bedrückende Aktualität.

Der Graben

Mutter, wozu hast du deinen Sohn aufgezogen?
Hast dich zwanzig' Jahr mit ihm gequält?
Wozu ist er dir in deinen Arm geflogen,
und du hast ihm leise was erzählt?
    Bis sie ihn dir weggenommen haben.
    Für den Graben, Mutter, für den Graben.

Junge, kannst du noch an Vater denken?
Vater nahm dich oft auf seinen Arm.
Und er wollt dir einen Groschen schenken,
und er spielte mit dir Räuber und Gendarm.
    Bis sie ihn dir weggenommen haben.
    Für den Graben, Junge, für den Graben.

Drüben die französischen Genossen
lagen dicht bei Englands Arbeitsmann.
Alle haben sie ihr Blut vergossen,
und zerschossen ruht heut Mann bei Mann.
    Alte Leute, Männer, mancher Knabe
    in dem einen großen Massengrabe.

Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker!
Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!
In die Gräben schickten euch die Junker,
Staatswahn und der Fabrikantenneid.
    Ihr wart gut genug zum Fraß für Raben,
    für das Grab, Kameraden, für den Graben!

Werft die Fahnen fort!
Die Militärkapellen spielen auf zu euerm Todestanz.
Seid ihr hin: ein Kranz von Immortellen -
das ist dann der Dank des Vaterlands.

    Denkt an Todesröcheln und Gestöhne.
    Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne,
    schuften schwer, wie ihr, ums bißchen Leben.
    Wollt ihr denen nicht die Hände geben?
    Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben
    übern Graben, Leute, übern Graben -!

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