Freitag, 28. August 2020

Themen liegen auf der Straße

 Es ist Wahlkampf. Die Parteien und ihre Kandidaten versprechen: Es soll alles besser werden in Mülheim an der Ruhr. Von vielen großen Pläne und Ideen kann man hören und lesen. Dabei wären wir schon dankbar, wenn der eine oder andere Geh- und Fahrweg so geradlinig saniert werden könnte, dass er nicht zur Stolper- und Schlagloch Falle wird. Ein guter Anfang ist jetzt an der Leineweberstraße gemacht worden. Dort hat man nicht nur das Pflaster erneuert, sondern auch die eine oder andere Sitzbank aufgestellt. Als ich jetzt den noch stark reparaturbedürftigen Gehweg am Steinknappen hinunter stolperte, kam mir auf der vergleichsweisen glatten Fahrbahn des Steinknappens ein Motorradfahrer auf seinem Hinterrad entgegen gerast. Er fuhr im Stile eines Kick-Starters den Steinknappen hoch. Solche Stunts sieht man selbst im Kino nur selten. Da wurde mir schlagartig klar, dass das Steine Klopfen und das Verlegen neuer Asphaltdecken nicht ausreicht, damit die Mülheimer auf den Straßen ihrer Stadt sicher von A nach B kommen. Es reicht nicht, das eine oder andere Schlagloch aus dem Verkehr zu ziehen.


Die Ordnungshüter tun gut daran, den einen oder anderen Raser, der unsere zuweilen abenteuerlichen Straßenzustände mit den Freiheiten eines Abenteuerspielplatzes verwechselt , rechtzeitig aus dem Verkehr zu ziehen, ehe er andere rücksichtsvollere Verkehrsteilnehmer und sich selbst ohne Rücksicht auf Verluste gefährden kann. Im Zweifel muss wohl auch ein dauerhafter Führerscheinentzug als abschreckendes und mahnendes Beispiel für alle Raser herhalten, um ihnen unmissverständlich klar zu machen, das auf unseren Straßen, die oft holpriger sind als die Polizei erlaubt, trotzdem die Regeln der Straßenverkehrsordnung und des Rechtsstaates gelten. Die freie Fahrt des einen Verkehrsteilnehmers endet dort, wo sie Freiheit und Unversehrtheit von Leib und Leben des anderen Verkehrsteilnehmers gefährdet. 


Dieser Text erschien am 27. August 2020 in der NRZ

Mittwoch, 26. August 2020

Damit das Kind nicht in den Brunnen fällt

 42 Anrufe haben das Sorgen-Telefon der Arbeiterwohlfahrt, das sogenannte Elephone, seit seinem Neustart Mitte März unter der kostenfreien Rufnummer 0 800 666 777 6 erreicht. Kinder und Jugendliche haben die kostenfreie Beratung und Hilfe Hotline der AWO ebenso angerufen wie Erwachsene, die sich Sorgen um Kinder und Jugendliche in ihrem Umfeld machen. Das Spektrum der Telefongespräche, die derzeit von 4 hauptamtlichen und neun ehrenamtlichen, aber auch qualifizierten  Mitarbeitern der Awo geführt werden, reicht von Stress mit den Eltern oder mit Klassenkameraden über Mobbing und Beziehungsprobleme bis hin zum sexuellen Missbrauch.

„Wir wollen Kinder und Jugendliche durch unsere Beratungsarbeit stark machen , damit sie verinnerlichen, dass sie in einem übergriffigen Moment, der sie in Bedrängnis bringt, Nein sagen können, Nein sagen dürfen und Nein sagen müssen, um ihre Grenzen aufzuzeigen,“ sagt die Diplom-Pädagogin und Awo-Beraterin Kirsten Schumacher.

Die Awo-Vorstandsvorsitzende Elke Domann-Jurkiewicz lässt keinen Zweifel daran, dass das Sorgen-Telefon der Arbeiterwohlfahrt, das sich eben auch, aber nicht nur um sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche kümmert, nur deshalb wiederbelebt werden konnte, weil sich ein zurzeit 80-köpfiger Patenkreis um den ehemaligen Chef-Karnevalisten Heiner Jansen und die von Thomas Weise geführte Polizei-Stiftung David und Goliath für diese Unterstützungsarbeit zugunsten von Kindern und Jugendlichen finanziell engagieren. Die bisher 80 Paten, die Heiner Jansen für das Elephone gewonnen hat, zahlen jährlich 200 €. Hinzu kommen 35.000 €, die die Stiftung David und Goliath bereitgestellt hat. Stiftungspräsident Thomas Weise und Polizeipräsident Frank Richter unterstreichen, „dass wir als Polizei sehr dankbar für diese partnerschaftliche und qualifizierte Zusammenarbeit sind, die uns dabei hilft, Verbrechen an Kindern und Jugendlichen zu verhindern, die ihre Seelen für immer prägen und beeinträchtigen würden.“

„Deshalb wollen wir wollen uns nicht nur einmalig, sondern langfristig für die Unterstützung des Elephones engagieren“, betont Thomas Weise .

Im jetzt begonnen Schuljahr wollen Kirsten Schumacher und ihre hauptamtlichen Kollegen der an der Heinrich Melzer Straße 17 ansässigen Awo-Beratungsstelle für Schwangerschaftskonflikte, Partnerschaft und Sexualität auch wieder in Mülheimer Schulen gehen. Dort wollen sie mit Kindern und Jugendlichen aus den vierten und siebten Klassen nicht nur darüber reden, was sie tun können und was zu tun ist, wenn sie von Erwachsenen aus ihrem sozialen Umfeld zum Beispiel sexuell bedrängt werden.

 

„Wir werden als Tandems in die Schulen gehen. Dabei ist es uns wichtig, nicht nur die Kinder und Jugendlichen mit unserer qualifizierten und zum Teil auch als Rollenspiel daherkommenden Aufklärungsarbeit zu erreichen. Mindestens genauso wichtig ist die Information und Aufklärung, die wir zum Beispiel im Rahmen von Elternabenden rund um das Thema sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen und wie man ihn erkennen oder verhindern kann, leisten. Als erste Schule hat sich bereits die Gustav-Heinemann-Schule für einen Besuch des Abo Aufklärungs-Tandems angemeldet. Weitere Schulen haben ihr Interesse signalisiert. Das Geld der Elephone-Unterstützer fließt nicht nur in Personalkosten, sondern auch in Werbekosten. So soll eine großangelegte Plakataktion das Präventionsprojekt Elephone zum Schutz vor sexueller Gewalt stadtweit bekannter machen. Wer das rund um die Uhr erreichbare Elephone der Arbeiterwohlfahrt finanziell oder durch seine ehrenamtliche Mitarbeit unterstützen möchte, erreicht Kirsten Schumacher unter der Rufnummer: 0208 45 003 225 oder per Email an: k.schumacher@awo-mh.de.

Hintergrund

Die polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2019 für Deutschland mehr als 4000 Kindesmisshandlungen und rund 16.000 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen aus. Das waren 1300 Fälle mehr als im Jahr zuvor. Hinzu kommen 12.200 Delikte aus dem Bereich der Kinderpornographie. Hier wurde ein Anstieg um 65% verzeichnet . Bei etwa einem Fünftel der Straftäter handelt es sich um Jugendliche.

Um sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen vorzubeugen, rät die Polizei NRW Erwachsenen und Eltern:

Unterstützen Sie Ihre Kinder dabei, selbstbestimmt mit ihrem Körper und ihren Gefühlen umzugehen und auf ihre eigenen Grenzen zu achten.

Sprechen Sie offen und altersgerecht mit ihren Kindern über Sexualität .

Machen Sie ihren Kindern klar, dass man über schlechte Geheimnisse reden kann und das das kein Petzen und kein Verrat ist.

Nutzen Sie für ihre Kinder die Angebote von Selbstsicherheitstrainings .

Machen sie ihren Kindern auch im Alltag deutlich, dass Sie sie in jeder Lebenslage unterstützen, damit sie im Ernstfall auch ihre Hilfe suchen.


Dieser Text erschien am 24. August im Lokalkompass der Mülheimer Woche 

Freitag, 21. August 2020

Altes Eppinghofen

 Eppinghofen macht den Anfang. Im ersten Mülheimer Geschichtsheft , das der städtische Kulturbetrieb und das Stadtarchiv herausgeben, werden die Geschichten der alten Geschäftswelt an der Eppinghofer Straße erzählt und bebildert. Autorin Inge Merz und Layouterin Ulrike Nottebohm haben es möglich gemacht.


Eines Tages wurde Merz von ihrer Mutter beim Gang über den Eppinghofer Straße gefragt: „Wat war da früher noch mal?“ Früher war da in diesem Falle das Lebensmittelgeschäft der Familie Tittgen. Die Frage der Mutter, die jetzt zum Titel des ersten Mülheimer Geschichtsheftes geworden ist, regten Mutter und Tochter dazu an, die Familie Tittgen zu besuchen und über die alten Geschichten aus ihrer aktiven Zeit an der Eppinghofer Straße zu befragen. Dieser Initialzündung folgten weitere Interviews mit ehemals an der Eppinghofer Straße ansässigen Geschäftsleuten.


Diese Zeitzeugen-Interviews bildeten das Fundament für eine Artikelserie, die Inge März Im Jahr 2009 in der Mülheimer WAZ veröffentlichte. Ihre Beiträge hatten ein so großes Leserecho, dass daraus ein Treffen der alten Eppinghofer hervorging. Dieses Treffen, bei dem in Erinnerungen geschwelgt wird, findet immer am ersten Sonntag im Monat März um 11:00 Uhr im Bürgergarten an der Aktienstraße 80 statt und wird inzwischen vom Eppinghofer Bürgerverein organisiert. Für Inge Merz die die ersten 20 Jahre ihres Lebens in Eppinghofen verbracht hat, werfen die zum Teil auch sehr witzigen Geschichten aus der alten Geschäftswelt an der Eppinghofer Straße ein bezeichnendes und wehmütiges Licht auf eine Einkaufskultur, die sehr viel persönlicher war als sie es in den heutigen Zeiten der großen Einkaufszentren und des Internet-Handels sind.


Layouterin Ulrike Nottebohm, selbst Anwohnerin der Eppinghofer Straße, fände es spannend, in einer weiteren Publikation die multikulturelle Fortsetzung der Geschäftswelt an der Eppinghofer Straße zu beleuchten, und so Umbrüche und Kontinuitäten in einem Stadtteil zu dokumentieren, der sich in den letzten Jahrzehnten radikal verändert hat und in dem heute Menschen aus über 100 Nationen zusammenleben. 


Für den Leiter des Stadtarchivs, Dr. Stefan Pätzold, ist der Spaziergang durch das Eppinghofen der 50er,- 60er- und 70er Jahre stilbildend für die neue Publikationsreihe: „Wir möchten ein niederschwelliges, kompaktes und fundiertes Angebot für geschichtsinteressierte Mülheimer machen. Die neue Reihe soll Geschichten und Geschichte aus dem richtigen Leben beschreiben und bebildern, Geschichten und Geschichte, die sich auf einer Straße oder in einem Stadtteil ereignet haben“, erklärt Pätzold das Publikationsprofil.


Das erste Mülheim Geschichtsheft ist für 2€ unter anderem im Stadtarchiv an der von-Graefe-Straße, in der Schiller Apotheke an der Eppinghofer Straße 171 sowie in den Buchhandlungen Fehst am Löhberg 4  und Broicher Bücherträume an der Prinzeß-Luise-Straße 9 erhältlich.


Dieser Text erschien am 12. August 2020 in NRZ & WAZ

Dienstag, 18. August 2020

Hilfe fürs Frauenhaus

„Wir wollen als Bürgerstiftung da sein, wo man unsere Hilfe besonders dringend braucht. Und wir wissen, dass unser Geld im Frauenhaus gut investiert ist. Weil die Arbeit, die hier geleistet wird den von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen und ihren Kindern nachhaltig hilft, können wir uns auch vorstellen, weiterhin Geld in diesen Bereich nachzuschießen“, erklären die Stiftungsvorstände Bettina Gosten und Anke Dieberg-Hemmerle, warum die 2004 gegründete Bürgerstiftung in diesem Fall Geld für Schulmaterial, Lebensmittel und Hygieneartikel zur Verfügung gestellt hat. „Das entlastet uns finanziell und erweitert unseren Handlungsspielraum“, sind sich die Vorsitzende des Vereins Hilfe für Frauen, Annette Lostermann-DeNil und ihre Stellvertreterin Kim Ehring einig.

Was bedeutet diese konkrete Hilfestellung für die betroffenen Frauen und ihre Kinder? Eine Mitdreißigerin, die mit ihren beiden schulpflichtigen Kindern Zuflucht in dem von derDiplom-Sozialwissenschaftlerin Gülsüm Erden geleiteten Frauenhaus gefunden hat, erklärt dazu im Gespräch mit dieser Zeitung:

??? Was bedeutet die Hilfe der Bürgerstiftung für Sie?

!!! Ich bin der Bürgerstiftung sehr dankbar für ihre Hilfe, weil sie dafür sorgt, dass meine Kinder genauso gut mit Schulsachen ausgestattet in das neue Schuljahr starten können wie ihre Klassenkameraden. Und niemand merkt, dass sie mit mir im Frauenhaus leben müssen. Da ich aufgrund der Kindererziehung in den letzten Jahren nicht mehr berufstätig war und finanziell vom Einkommen meines Ehemanns abhängig bin, habe ich zur Zeit keine Rücklagen, auf die ich zurückgreifen kann, um meinen Kindern zum Beispiel einen Ranzen, Stifte, Hefte , ein Geo-Dreieck, ein Lineal , eine Butterbrotdose, Stifte und Füller zu kaufen .

??? Warum haben Sie  Zuflucht im Frauenhaus gesucht?

!!! Die Rufnummer 0208 997086 des Frauenhauses habe ich von einer Freundin bekommen. Ich habe dort vor vier Wochen angerufen, weil ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten habe. Mein extrem eifersüchtiger Ehemann hat mich immer wieder gedemütigt, geschlagen und sexuell genötigt. Und jetzt war das Fass einfach übergelaufen. Obwohl ich von meinem Ehemann finanziell abhängig bin, habe ich begriffen, dass ich so nicht weitermachen kann. Und ich will das auch meinen Kindern nicht antun. Sie mussten die Gewalt, die mein Ehemann mir angetan hat, immer wieder mit ansehen. Die seelischen Schmerzen, die das bei meinen Kindern und bei mir ausgelöst hat, waren mindestens so schlimm, wie die körperlichen Schmerzen, die ich erleiden musste .

??? Wie wird Ihnen im Frauenhaus geholfen?

!!! Die beiden Sozialarbeiterinnen, die sich dort um uns kümmern, haben mein am Boden zerstörtes Selbstbewusstsein wiederaufgebaut. Mit ihrer Hilfe habe ich begriffen, dass ich etwas wert bin und Rechte habe, auch wenn ich von meinem Ehemann finanziell abhängig bin. Anfangs habe ich die Schuld immer bei mir gesucht und mich gefragt, was ich falsch gemacht habe, dass unsere Ehe so aus dem Ruder gelaufen ist. Durch die Beratung und Hilfe, die ich im Frauenhaus bekommen habe, weiß ich jetzt, dass ich mit konkreten Forderungen auf meinem Ehemann zu gehen kann und muss und dass sein Verhalten durch nichts zu rechtfertigen war und ist . Auch bei den Ämtergängen und beim Papierkrieg rund um Fragen des Kindergeldes, des Erziehungsgeldes, der sozialen Grundsicherung und des Unterhalts, den mein Mann zu leisten hat, haben mir die Leiterin des Frauenhauses, Gülsüm Erden und ihre Kollegin sehr geholfen und mir die Angst genommen, dass meine Kinder und ich ohne meinen Ehemann nicht überleben können. Sie haben mich auch ermutigt, meinen Schulabschluss nachzuholen und eine Berufsausbildung anzustreben, damit ich dauerhaft finanziell auf eigenen Beinen stehen kann. Ich will endlich selbstbestimmt leben und meinen Kindern ein gutes Vorbild sein.

??? Wie lange müssen und wollen Sie im Frauenhaus bleiben?

!!! Das kann ich noch nicht genau sagen. Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses unterstützen mich jetzt auch bei der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung. Aber als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern und ohne Job, habe ich es auch bei den Vermietern natürlich besonders schwer. Von Frau Erden weiß ich, dass manche Frauen das Frauenhaus schon nach wenigen Wochen wieder verlassen haben, während andere mit ihren Kindern dort ein halbes Jahr oder sogar ein ganzes Jahr bleiben mussten. Ich könnte zwar einen polizeilichen Wohnungsverweis meines gewalttätigen Mannes erwirken, aber das würde das Problem nur zeitlich aufschieben. Meine Kinder und ich brauchen einen echten Neuanfang in einer neuen Wohnung.

Hintergrund:

Das Frauenhaus finanziert sich mit Landesmitteln und mit Tagessätzen für die Unterkunft. Letztere werden überwiegend von der Stadt, vom Jobcenter, von besser situierten Frauen auch selbst gezahlt. Bei Bedarf gibt es einen städtischen Zuschuss. Und zu einem erheblichen Teil wird das Frauenhaus durch Spenden finanziert. Das Frauenhaus wurde 1994 eröffnet. 1997 setzte der Deutsche Bundestag den Tatbestand „Vergewaltigung in der Ehe“ und 2002 den Tatbestand der häuslichen Gewalt unter Strafe. Das Frauenhaus bietet Platz für 8 Frauen und 14 Kinder. Allein im August haben 10 Frauen und 14 Kinder zwischenzeitlich Zuflucht im Frauenhaus gefunden. 2019 fanden insgesamt 41 Frauen und 56 Kinder dort eine Zuflucht. Die Hälfte der Frauen hatten die deutsche Staatsangehörigkeit. Seit Jahresbeginn haben 35 Frauen und 50 Kinder im Frauenhaus ein Obdach gefunden. Nach Angaben der Einrichtungsleiterin Gülsüm Erden hat der corona-bedingte Lockdown bisher keinen Anstieg der Hilfeanfragen bewirkt. Sie rechnet allerdings mit einem zeitverzögerten Anstieg, da sich von ihren gewalttätigen Ehemännern abhängige Frauen in der Corona-Krise besonders schwer damit täten, die häusliche Lebensgemeinschaft zu verlassen. Neben seiner werktags von 9 bis 12 Uhr geöffneten Beratungsstelle am Hans-Böckler-Platz 9, wo auch Termine außerhalb dieses Zeitfensters vereinbart werden können, wird der Verein Hilfe für Frauen in Kürze eine weitere Beratungsstelle an der Kämpchenstraße 8 eröffnen. Das Frauenhaus ist werktags unter der Telefonnummer 0208/ 997086, die Beratungsstelle vormittags unter 0208 305 68 23

zu erreichen und das überörtliche Hilfetelefon gegen Gewalt gegen Frauen steht rund um die Uhr kostenfrei unter der Rufnummer 08000 116 016 zur Verfügung. Hier kann auch in 17 weiteren Sprachen telefonische Hilfe geleistet werden. Der Träger- der Verein Hilfe für Frauen e.V. ist auch über die Internetseite: www.hilfe-fuer-frauen-ev.de erreichbar.


Dieser Text erschien am 16. August 2020 in NRZ & WAZ

Montag, 17. August 2020

Kulturschock im Supermarkt

Beim Wochenendeinkauf im Supermarkt meines Vertrauens erlebte ich jetzt einen Kulturschock. Die Kassen waren unbesetzt. War etwa An diesem Tag alles gratis zu haben? Mitnichten! Ich sah nur eine der vertrauten Mitarbeiterinnen, die zwischen 4 digitalen Selbstbedienungskassen den Zahlungsverkehr der zum Teil sichtlich irritierten Kunden regelte.


Selbstbedienungskasse!? Durfte man hier als zum Kassierer degradierter König Kunde etwa selbst bestimmen, wieviel man für seinen Einkauf zahlen wollte, frei nach dem Motto: „Was ist ihnen unsere Ware wert?“


Doch meine kühne Hoffnung offenbarte sich schnell als Illusion. Denn auch die digitale Selbstbedienungskasse, an der die Kunden zum unentgeltlichen Mitarbeiter des Supermarktes werden, indem sie ihre Waren über den Scanner ziehen und Ihr Geld in die dafür vorgesehenen Trichter werfen, kannte beim Preis keine Gnade oder einen Mitarbeiter-Rabatt. Soweit wollte der technik- und Fortschritts-affine Einzelhändler das Prinzip der Selbstbedienung dann doch nicht treiben.


Auch im digitalen Zeitalter hat alles seinen Preis, auch die Rationalisierung Denn auch wenn die digitale Selbstbedienungskasse leicht zu bedienen war, blieb bei mir der fade Nachgeschmack, dass ich mit meinem digitalen Selbstkassierungsakt zu einem Rädchen im großen Räderwerk der Rationalisierung geworden bin. Die Rationalisierung macht mit ihrem kurzsichtigen Blick auf die Personalkosten die Rechnung ohne den Menschen, der auch als Konsument nur das Geld ausgeben kann, was er zuvor als hoffentlich fair bezahlter Arbeitnehmer verdient hat . Bleibt also für uns alle nur zu hoffen, dass wir nicht bald feststellen müssen: „Die digitale Revolution frisst ihre Kinder.“


 Dieser Text erschien am 17. August 2020 in der NRZ

Samstag, 15. August 2020

Filmreifes unter freiem Himmel

 "Film ab!"  in der heißt es ab dem 5. September in der Freilichtbühne. Eine Kooperation der Regler-Produktion und des städtischen Kulturbetriebs machen den Kino-Spaß unter freiem Himmel möglich.Wer dabei sein möchte, sollte sich schnell bei den Reglern anmelden. Denn corona-bedingt sind aufgrund der Abstandsregeln maximal 150 Zuschauer erlaubt, wo in normalen Zeiten bis zu 2000 Zuschauer Platz finden könnten. Bis einschließlich 26. September wird die Freilichtbühne, immer wieder samstags um 20 Uhr, zum Freiluftkino.

Den Anfang macht am 5. September "Junges Licht", ein kritischer und poetischer Heimatfilm aus dem Ruhrgebiet der 1960er Jahre, mit dem Regisseur Adolf Winkelmann eine Romanvorlage des im Ruhrgebiet aufgewachsenen Schriftstellers Ralf Rothmann verfilmt hat.

Am 12. September lädt der 128-minütige Musikfilm "Leto" zu einer Zeitreise in die Sowjetunion der Perestroika in den 1980er Jahren, als Michail Gorbatschow Weltgeschichte schrieb und seine Reformpolitik neue gesellschaftliche Freiräume für Musik, Politik, Medien Freundschaft und Liebe schuf.

Philippe van Leeuws Film „Innenleben“ beleuchtet am 19. September über 85 Minuten den Bürgerkriegsalltag in der syrischen Hauptstadt Damaskus und führt uns damit die Ursachen für die weltweite und millionenfache Flucht vor  Augen, deren Folgen sich seit 2015 auch in unserem Land und in unserer Stadt niederschlagen.

Last, but not least läuft an 26. September Ondi Timoners 2018 in den USA gedrehte Biografie-Film über Robert Mapplethorpe, einen fotografischen Chronisten der frühen Punk-Szene. 

Corona-bedingt ist eine Anmeldung per E-Mail an: kino.freilichtbuehne@gmx.de erforderlich. Wer sich mit maximal fünf Begleitern per Mail angemeldet hat, bekommt von den Reglern einen Datenerhebungsbogen zugesandt, den er zuhause ausfüllen und dann als Eintrittskarte mitbringen muss. Weitere Informationen bekommt man unter: www.regler-produktion.de oder unter der Rufnummer: 0208-8210777

Eine Ergänzung der Kinolandschaft

Wie bei anderen Veranstaltungen in der Freilichtbühne gilt: "Eintritt frei, aber der Hut geht rum!" Mit dieser bewährten Tradition möchte Jürgen Mäurer, der die Programm-Kino-Reihe organisiert, nicht brechen. "Wir sehen unsere neue Veranstaltungsreihe nicht als Konkurrenz zum Open-Air-Kino des städtischen Ruhrsommers an der Müga-Drehscheibe vor dem Ringlokschuppen, sondern als eine Ergänzung", betont Mäurer, der als Fotograf und Kameramann von Hause aus "filmverückt" ist. Auch Michael Bohnes vom städtischen Kulturbetrieb sieht keine Kino-Konkurrenz, "weil unser Open-Air-Kino am Ringlokschuppen familienfreundliche und kommerziell erfolgreiche Filme zeigen, die auch in den großen Multiplex-Kinos als Blockbuster laufen." Bohnes ist Mäurer und den Reglern ausgesprochen dankbar dafür, "dass sie als Mülheimer Kreative in den schwierigen Corona-Zeiten ein hoffnungsvolles Zeichen setzen, dass der Sehnsucht nach dem lange vermissten gemeinsamen Kulturerlebnis entgegenkommt."

Mäurer und Bohnes können sich langfristig auch ein "Mini-Festival" mit einem Ruhrgebiets-Bezug und eine Kooperation mit Hochschulen, regionalen Filmfestivals, jungen Filmschaffenden und  privaten Kinobetreibern vorstellen.


Dieser Text erschien am 13. August 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Freitag, 14. August 2020

Wir hören uns

„Wir sehen uns!“ Das ist in Corona-Zeiten leichter gesagt als getan. Was uns gestern noch selbstverständlich erschien: In die Schule oder zur Uni gehen, Verwandte besuchen, sich mit Freunden in der Kneipe auf ein Bier treffen, ist in Zeiten des Virus zu einem Unding geworden. Der tägliche Einkauf wird zum Spießrutenlauf. Einlassschlangen vor Geschäften und Abstandsmarkierungen im Supermarkt zeigen uns, was die Stunde geschlagen hat. Und wir selbst sind geschlagen, weil wir zu Hause bleiben und uns vor dem Lagerkoller bewahren müssen. Von der Schlagerparty des vormaligen Stadtprinzen Dennis Weiler über den Online-Unterricht an Mülheims Schulen bis zum sonntäglichen Online-Gottesdienst in der Petrikirche. Immer öfter sehen wir uns in diesen Zeiten der sozialen Distanzierung nur noch im Netz. In der aktuellen Ausnahmesituation tut aber auch jenseits jeder virtuellen Ansicht jeder Anklang  von Alltag gut und wirkt wie ein Balsam für die Seele. Das Klingeln des Telefons und die vertrauten Stimmen von Freunden und Familienangehörigen, mit denen man sich über seinen Alltag im Ausnahmezustand, über Hoffnungen, Wünsche und Befürchtungen austauschen kann, sind gerade jetzt wie eine kleine Sinfonie der Normalität und Mitmenschlichkeit. Sie gibt uns Mut und lässt uns aus dem Corona-Hamsterrad aussteigen, in dem sie uns hören lässt: Wir sind noch da und wir sind nicht allein. „Ruf mal wieder an!“ Diese werbewirksame Aufforderung der Deutschen Bundespost aus den Zeiten der Telefonzellen und Wählscheinen-Telefone mit Verlängerungsschnur war noch nie so lebenswichtig wie heute. Deshalb vergessen wir nicht und denken daran: „Wir hören uns!“


Dieser Text erschien am 22. März 2020 in der NRZ

Donnerstag, 13. August 2020

Rosenkavalier statt Miesepeter

Im Vorbeigehen sehe ich einen grimmig dreinblickenden Mann in einem Straßencafé vor seinem Cappuccino sitzen. Er schaut wie 7 Tage Regenwetter auf sein Heißgetränk, obwohl gerade die Sonne scheint und er im Außenbereich des Straßencafés tatsächlich auf der Sonnenseite des des Lebens Platz nehmen darf. Mit hörbarem Missvergnügen fagt er sich: : „Wo bleibt denn meine Frau? Wir wollten doch noch einkaufen gehen.“ Mich würde es angesichts seiner missmutigen Erscheinung nicht wundern, wenn sich seine Frau kurzfristig aus dem Staub gemacht haben sollte, frei nach dem Motto : „Ich geh nur mal eben Zigaretten holen? Wieso? Du rauchst doch gar nicht.“ Oder sie hat sich frei nach Udo Jürgens gesagt: „Ich war noch niemals in New York!“ Mir fehlt die Zeit, das Schicksal des Miesepeters weiter zu verfolgen. Doch Ich wünsche ihm, dass seine Frau bald wiederkommt und ihm beim Einkauf eine zweite Chance gibt, sich von seiner besser gelaunt Seite zu zeigen, etwa, indem er ihr ganz überraschend und außerplanmäßig einen Strauß Rosen kauft Denn wer zum Beispiel mit guter Laune, einen freundlichen Lächeln oder einem von Herzen kommenden Blumenstrauß dafür sorgt, dass ist seiner besseren Hälfte gut geht, der sorgt auch dafür, dass es ihm selbst besser geht. Das gilt natürlich nicht nur für Ehepartner, sondern auch für Nachbarn und Mitmenschen aller Art. 


Dieser Text erschien am 12. August 2020 in der NRZ

Mittwoch, 12. August 2020

Perspektiven einer Partnerschaft

 Die Corona-Krise überschattet auch das silberne Vereinsjubiläum des Städtepartnerschaftsvereins. Der Vorstand des 1995 gegründeten Vereins musste die geplante Jubiläumsfeier mit Gästen aus den Partnerstädten absagen und weitere Bürgerbegegnungen absagen. Stattdessen plant der Vorstand um Gerhard Ribbrock und Hans-Dieter Flohr jetzt für den 22. August 2021 ein Sommerfest mit Gästen aus den Partnerstädten, das zusammen mit der Regler-Produktion in der Freilichtbühne an der Dimbeck gefeiert werden soll .

Außerdem gewährt der 400 Mitglieder zählende Verein mit einer Präsentation Einblick in seine Geschichte sowie in die Geschichte der 6 Mülheimer Partnerstädte und ihrer Regionen. Die Präsentation, die Corona-bedingt ausdrücklich keine Ausstellung sein darf, ist bis zum 9. Oktober, montags bis freitags,  jeweils von 9 bis 18 Uhr im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 zu sehen. Die Fototafeln wurden vom Vereinsvorsitzenden Gerhard Ribbrock zusammen mit dem Mülheimer Designer Jan Kromarek entwickelt . Geschäftsführer Hans-Dieter Flohr, der den Verein seit seiner Gründung angehört , hat seit 2018 systematisch Daten und Fakten der Vereinsgeschichte zusammengetragen. Parallel zur Präsentation im Haus der Stadtgeschichte hat der Mülleimer Städtepartnerschaftsverein eine Dokumentation herausgegeben , die auch im Mülheimer Jahrbuch erschienen ist .

„Ich hoffe, dass die Städtepartnerschaften nach der Kommunalwahl von der neuen Oberbürgermeisterin oder von dem neuen Oberbürgermeister stärker vorangebracht werden. Besonders wichtig sind aus meiner Sicht Schülerbegegnungen zwischen den Mülheimer Partnerstädten, um die junge Generation für die Zusammenarbeit mit den Freunden in Darlington, Tours, Kouvola, Oppeln, Kfar Saba und Beykoz zu gewinnen“, sagt Flohr. Er weist darauf hin, dass rund 60 Prozent der Vereinsmitglieder älter als 60 Jahre sind . Die Erinnerung an gelungene internationale Jugend Begegnungen mit Teilnehmern aus allen Partnerstädten dienen ihm als Vorbild für zukünftige Begegnungsprojekte in der Nach-Corona Zeit. „Als Tourist reise ich in andere Länder, schaue mir dort die Highlights der Kultur an und gehe an den Strand. Aber bei den Bürgerfahrten lernen wir Land und Leute kennen. Das hat auch bei mir das Interesse an dem jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Leben deutlich gesteigert“, erklärt der Vereinsvorsitzende Ribbrock den Mehrwert, den Partnerschaften auch im Zeitalter des individuellen und globalen Tourismus haben. Auch wenn die Städtepartnerschaft mit dem türkischen Beykoz zurzeit aufgrund mangelnder zivilgesellschaftlicher Kontakte ruht, gibt es auch hier ein Hoffnungszeichen für die Zukunft. Eine Mülheimerin, die an der Deutsch-Türkischen Universitäten Beykoz lehrt, ist zurzeit dabei, Kontakte mit der Hochschule Ruhr West zu knüpfen. Infos im Internet: www.staedtepartner-mh.de oder: www.stadtarchiv-mh.de


Dieser Text erschien in NRZ & WAZ vom 11. August 2020

Samstag, 8. August 2020

Reif für die Insel

Die Corona-Infektionen nehmen wieder zu . Das Mülheimer Diagnosezentrum an der Mintarder Straße bietet jetzt auch Corona-Tests nach dem Drive-in-Prinzip an. So etwas gab es vorher nur beim Schnellimbiss. Dass der Bund jetzt Corona-Tests für Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten bezahlt, ist einer Mülheimer Altenpflegerin zu Recht auf den Magen geschlagen . Von kostenlosen und regelmäßigen Corona-Tests können die Mitarbeiter in der Alten-, und Krankenpflege nur träumen. Dabei wäre Letzteres mindestens genauso wichtig wie Ersteres. Hier geht aber wohl Masse vor Klasse. Denn unser zusehends alterndes Land hat mehr Urlauber als Pflegekräfte. Letztere sind deshalb oft am Rande ihrer Arbeitskraft und reif für die Insel. Vielleicht müssen wir über einen Gratis-Urlaub für Pflegekräfte, statt über Gehaltszuschläge nachdenken, damit die Pflegekräfte die Chance bekommen, als Urlaubsheimkehrer In den Genuss eines staatlich finanzierten Corona-Tests zu kommen.

Vielleicht könnten sie ja dann an ihren Arbeitsplätzen so lange von jenen vertreten werden, die sich ihren Urlaub sparen und damit auch ihren Corona-Test als Urlaubsrückkehrer. Das wäre doch mal gelebte Solidarität. Aber wahrscheinlich werden einige Pflegebedürftige in Krankenhäusern und Pflegeheimen gegen eine solche Urlaubsvertretung nach dem Zufallsprinzip ihr Veto einlegen, weil sie keine Lust haben, nach dem Urlaub ihrer professionellen Pfleger selbst reif für die Insel zu sein. Zu Risiken und Nebenwirkungen, auch so mancher Zufallsbekanntschaften in der Urlaubszeit, fragen Sie Ihre Angehörigen in Pflegeheimen und Krankenhäusern. 


 Dieser Text erschien am 7. August 2020 in der NRZ

Donnerstag, 6. August 2020

Wirklich wünschenswert

Wenn wir eines aus dieser Krise lernen können, dann, dass wir besser aufeinander aufpassen müssen“, sagte mir gestern in einem Telefongespräch die stellvertretende Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes, Birgit Hirsch-Palepu. „Ein frommer Wunsch“, dachte ich bei mir. Aber als ich dann kurz darauf in der Stadt meine Einkäufe erledigte, konnte ich in einer Bäckerei erleben, wie die Verkäuferin, die das Herz offensichtlich auf dem rechten Fleck hat, einem offensichtlich hilfsbedürftigen Mitmenschen, der sich ihr mit dem Satz: „Ich habe Hunger!“ vorstellte, ein Brötchen schenkte. „Das ist nett“, dachte ich. „Das ist wirklich sehr nett“, sagte ich nur wenig später zurecht, als mir die Inhaberin eines Mülheimer Stadtcafés zwei Stücke Kuchen über die Theke anreichte, aber nur eines davon berechnete. „Das Zweite nehmen Sie heute mal gratis für Ihre Mutter mit“, begründete sie ihre großzügige Überraschung zur besten Kaffeeklatschzeit. So auf den Geschmack gekommen, gönnte ich wenige Meter weiter dem Straßenmusiker einen Groschen, der mich mit seinem Akkordeon daran erinnerte: „Veronika, der Lenz ist da!“ Das war ein echter Wohlklang wie aus alten Zeiten in einer Jahreszeit voller Missklänge. Solche Zwischentöne der Menschlichkeit und der Lebensfreude zu hören, tut gerade jetzt gut und lässt einen daran glauben, dass manchmal auch fromme Wünsche in Erfüllung gehen können, wenn wir sie einfach mal wahr machen.


 Dieser Text erschien am 25. März 2020 in der NRZ

Samstag, 1. August 2020

Schutzengel der Zivilisation

In diesen Tagen, in denen das Corona-Virus unsere Welt aus den Angeln hebt, hat man manchmal das Gefühl, sein blaues Wunder zu erleben. Da sieht, hört und liest man von Menschen, die mit medizinischem Hilfsmaterial zu Wucherpreisen einen Riesenreibach machen. Da erlebt man Zeitgenossen, die offensichtlich ein Eichhörnchen in der Verwandtschaft haben müssen. Denn sie kaufen ohne Rücksicht auf ihre Nachbarn den halben Supermarkt leer, um Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs zuhause zu horten. Und da gibt es auch unverschämt geschäftstüchtige Vermieter, die ihre Mieter in diesen Zeiten von corona-bedingtem Lagerkoller und wirtschaftlicher Existenzangst mit Modernisierungsankündigungen und Mieterhöhungen drangsalieren. Da könnte man schon an der Spezies Mensch verzweifeln, wenn man nicht auch von jenen Mitmenschen lesen, hören und sehen würde, die gerade jetzt ihrem Namen alle Ehre machen, indem sie für alte Nachbarn einkaufen, einsame Mitmenschen anrufen oder Lebensmittel und Hygieneartikel für Bedürftige und Obdachlose spenden. Sie machen uns Mut. Denn sie zeigen, dass sich die menschlichen Tugenden und Laster auch in der Krise nicht immer, aber doch öfter, als man manchmal denkt, die Waage halten. Diese Schutzengel der Zivilisation lassen uns aufatmen und erkennen, dass es auch in diesen von Corona und Angst befallenen Tagen nicht nur blaue Wunder und viele Gründe gibt, schwarz zu sehen.


Dieser Text erschien in der NRZ vom 31. März 2020

Mülheim zu Kaisers Zeiten

  Mit der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Schloss von Versailles wurde vor 150 Jahren der erste deutsche Nationalsta...