Sonntag, 31. März 2019

Ein Mann sieht Rot

😒Gestern konnte ich Ihnen an dieser Stelle noch davon berichten wie ich in der olivgrün getarnten S-Bahn vorankam. Heute bin ich schon einen Schritt weiter und muss Ihnen berichten, dass ich regelmäßig Rot sehen, wenn ich an der Straßenbahnhaltestelle Marienplatz stehe und die Absicht habe dort die Oberhausener Straße zu überqueren. Dann sehe nicht nur ich dort rot und das länger als mir lieb ist. Selbst wenn die Fahrbahn frei und weit und breit kein Auto zu sehen ist, will die Fußgängerampel dort partout nicht auf Grün umspringen. Will hier ein fanatischer Autofahrer freie Fahrt für freie Bürger durchsetzen? Aber was ist mit der Freiheit der zu Fuß gehenden Bürger, deren Lebenszeit ja auch begrenzt ist. Ich habe den Verdacht, dass da das Team der Fernsehshow „Verstehen Sie Spaß im Spiel“ ist. Vielleicht warten die Kollegen von Guido Cantz auf den ersten gesetzestreuen Fußgänger, der an der dauerroten Ampel übernachtet und kurz nach Mitternacht mit der Frage aufgeweckt wird: „Verstehen Sie Spaß!“ Tatsächlich habe ich noch keinen Fußgänger erlebt, der nicht spätestens nach fünf Minuten Wartezeit sich über das Dauerrot hinweggesetzt und sich nach einem vorsichtigen Blick nach rechts eine grüne Welle gegeben hätte, ohne vorher mit seinem Mitläufer über diese verdammte rote Fußgängerampel geschimpft zu haben. Vielleicht sind wir, die wir an der Haltestelle Marienplatz stehen und gehen auch Teil eines sozialwissenschaftlichen Langzeitexperimentes, das unser Potenzial an zivilem Ungehorsam und Solidarisierung mit ausgebremsten Fußgängern testet. Doch am Ende wird es wohl viel profaner sein. Da wird ein schlauer Ingenieur oder IT-Experte seine Programmierung der Ampelsteuerung mit der ein oder anderen 0 oder 1 an der falschen Stelle geschrieben haben, so dass die besagte Ampel an der Haltestelle Marienplatz glaubt, dass dort nur alle 100 Jahre statt alle 100 Sekunden ein Fußgänger die Oberhausener Straße überqueren will. Kein Wunder. Marienplatz. Das hört sich ja auch irgendwie schon nach himmlischer Ewigkeit an. Wen interessiert da noch eine rote Ampel?

Dieser Text erschien am 28. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 30. März 2019

Worauf sich Theaterfreunde freuen können


Theaterfreunde dürfen sich freuen. Das Backsteintheater am Evangelischen Krankenhaus wartet am 30. und 31. März mit einer neuen Premiere auf. Die Kartenreservierung für die insgesamt 18 eintrittsfreien Aufführungen der Komödie „Eine himmlische Karriere“ startet am 18. März.

Da der Aufführungsort, das Kasino im Evangelischen Krankenhaus, nur 180 Plätze bietet, ist eine Kartenreservierung erforderlich. Beim 30. Programm des Backsteintheaters, das Regisseur Michael Bohn und seine Assistentin Anna Wolf mit 13 semiprofessionellen Schauspieler auf die Bühne bringen, handelt es sich um eine musikalische Theaterbühnenfassung des Film-Welterfolges von Sister Act. Weil Whoopi Goldberg anderweitig beschäftigt ist, wird Edda Willems unter anderem die junge Doloris von Cartier spielen, die als Mordzeugin vor ihrem mörderischen Ex-Geliebten Vince LaRocca im Kloster Zuflucht sucht und damit das dortige Leben kräftig aufmischt. Der Gangsterboss, der seiner Ex-Geliebten nach dem Leben trachtet, wird vom Backstein-Routinier Wolfgang Bäcker verkörpert.

Eine herausfordernde Doppelrolle, als Gangster und Geistlicher, hat Bäckers ebenfalls erfahrene Mitspieler Klaus Wehling auszufüllen. „Der Gangster fällt mir leichter als der Priester, weil ich meine eigenen dunklen Seiten besser kenne als die Persönlichkeitsstruktur eines Priesters, der als guter Mensch sein Leben seinen Mitmenschen widmet.“, sagt Wehling, der abseits der Bühne beim hiesigen Umweltamt arbeitet. „Gerade weil die Mutter Oberin mit meiner eigenen Person so gar nichts zu tun hat“, sagt Wehlings Ensemble-Kollegin Susanne Zambelly, „finde ich diese Rolle spannend.“ Zambelly knüpft mit ihrem ehrenamtlichen Engagement auf der Backstein-Bühne an ihr erstes Berufsleben als Schauspielerin und Theaterpädagogin an. Hauptberuflich arbeitet die verheiratete Mutter heute als Operationstechnische Assistentin im Evangelischen Krankenhaus. Wehling und Zambelly sagen: „Das ehrenamtliche Engagement im Backsteintheater ist für uns eine kreativer Ausgleich zu unserem Berufsleben.“ Auch mit Blick auf die neue Produktion des Backsteintheaters zitiert sein Regisseur Michael Bohn den Großmeister seiner Zunft, Max Reinhardt. Er sagte: „Mir schwebt ein Theater vor, das den Menschen Freude macht.“ (T.E.)

Das von der Unesco ausgezeichnete Backsteintheater am Evangelischen Krankenhaus wurde 1990 vom damaligen Stiftungsdirektor des EKMs, Volkmar Spira ins Leben gerufen. Seine ehrenamtlichen Schauspieler sind derzeit zwischen 14 und 81 Jahren alt. Sie verteilen sich auf zwei Ensembles, die von den Regisseuren Michael Bohn und Heribert Lochthove geleitet werden. Die Kartenreservierung ist ab 18. März am Empfang des Evangelischen Krankenhauses, in der Muhrenkamp-Gaststätte Die Schatulle (0208-383894) unter der Karten-Telefonnummer 0208-309-2067 sowie online unter: www.grosse-buehne.de zu bestellen. Weitere Infos findet man im Internet unter: www.backsteintheater.de

Dieser Text erschien am 14. März 2019 in NRZ & WAZ

Freitag, 29. März 2019

Franz Grave: Ein Priester, der etwas zu sagen hat

Franz Grave

Der katholische Priester Franz Grave (86) gehört seit seiner Emeritierung als Weihbischof des Bistums Essen (2007) zum Seelsorgeteam der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt. Wie sieht er seine Kirche und seinen geistlichen Beruf 60 Jahre nach seiner Priesterweihe. Ein Gespräch.

Warum sind Sie Priester geworden?
Grave:
Ich habe gute Beispiele in der Familie und unter den Gemeindepfarrern und Religionslehrern erleben dürfen. Es waren diese Menschen, die mich mit ihrem überzeugenden und verbindlichen Vorbild auf diesen Weg gebracht haben, weil sie mich daran teilhaben ließen, was sie konnten und was sie waren. Und ich bereue auch heute nicht, diesen Weg gegangen zu sein.

In was für einer Zeit wurden Sie Priester?

Grave:
Das war eine Aufbruchzeit. Wir haben schon im Theologiestudium so etwas wie ein geistliches Wetterleuchten gespürt. Aber wir erlebten die Kirche noch in ihrer Vergangenheitsform, in der die Heilige Messe vom Priester in lateinischer Sprache und mit dem Rücken zur Gemeinde zelebriert wurde. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen. Das war für uns junge Priester belastend. Wir warteten brennend darauf, die Liturgie in deutscher Sprache feiern zu können, was dann mit dem von Papst Johannes XXIII. 1962 eröffneten 2. Vatikanischen Konzil auch gegen den Wiederstand vieler älterer Priester Wirklichkeit wurde. Damals konnten wir in unserer Muttersprache die Herzen der Menschen für das Evangelium öffnen. Auch heute bleibt es eine theologische Herausforderung, die Frohe Botschaft den Menschen in einer zeitgemäßen und verständlichen Sprache zu vermitteln.

Wie hat das Konzil das Priesteramt verändert?

Grave
: Wir erlebten als Priester eine Hinwendung zum Volk Gottes und wir erlebten Laien, die ihre eigene Verantwortung spürten und wahrnahmen. Wir haben damals als Priester und als Laien erkannt wie wichtig die Ökumene und die Erkenntnis war, dass die Kirche und ihre Theologie nicht nur eine Angelegenheit für Spezialisten sein darf.

Was kann die Kirche aus dieser Aufbruchzeit heute lernen?
Grave:
Der Zeitfaktor ist nicht entscheidend für die Prägung der Kirche durch die Reformen des 2. Vatikanischen Konzils. Wir tun auch heute gut daran, uns an seinen Dokumenten zu orientieren und aus dieser Inspiration heraus auch die Linien für die Zukunft der Kirche festzulegen. Papst Franziskus steht in der Tradition dieses Konzils. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Und ich kann nur hoffen, dass wir noch lange Freude an ihm haben werden.

Wie sehen Sie die Kirche von heute und von morgen?
Grave:
Jeder sieht, dass die Kirche und ihre Lage reformbedürftig ist. Wer heute als Laie oder als Priester Verantwortung für die Kirche übernimmt, muss wissen, dass er sich von einer Kirche der Zukunft ergreifen und umwandeln lassen muss. Dies wird eine Kirche sein, in der sich Laien und Priester von einer priesterzentrierten Gemeinde verabschieden und mehr Verantwortung übernehmen bzw. abgeben müssen. Wir können nicht auf der Stelle stehen bleiben. Wir müssen den Status quo verändern und dürfen alte umstrittene Positionen nicht für die Zukunft festschreiben.

Was meinen Sie damit?

Grave: Die Kirche muss noch mehr als heute zu einer geschwisterlichen und solidarischen Kirche werden, in der die katholische Soziallehre nicht nur verkündet, sondern praktiziert wird. Die Kirche muss ein sozialer und jugendlicher Ort sein und werden. Als Priester und Laien müssen wir uns gemeinsam auf den Weg machen und uns bewegen. Wir dürfen nicht nur unsere Position sichern. Wir müssen mit unserem Wissen und unseren Möglichkeiten Menschen eine Perspektive geben, die jetzt keine Perspektive haben und am Rande der Gesellschaft leben. Dafür brauchen wir aber auch gute Beispiele aus der Wirtschaft und aus der Politik.

Wie sehen Sie das Priesteramt der Zukunft?
Grave
: Unsere priesterliche Situation, in der immer weniger Priester immer größere Gemeinden betreuen müssen, kann so nicht bleiben. Die zölibatäre Lebensform der katholischen Priester, die etwas für sich hat, kann nicht der alleinige Weg in die Zukunft sein. Wir müssen als Kirche auch über andere Formen des priesterlichen Wirkens nachdenken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der zölibatäre Lebensweg in Zukunft der einzige Weg zum Priesteramt sein wird. Wir müssen das Priesteramt für weitere Formen öffnen. Ich kann mir auch lebenserfahrene verheiratete Männer als Priester vorstellen. Auch die Diskussion über Frauen im Priesteramt halte ich für eine gute Position. Wir dürfen es der Kirche nicht antun, sie von neuen Formen des Priesteramtes abzuschneiden.

Zur Person
Franz Grave wird 1932 in Essen geboren und macht sein Abitur am Gymnasium Borbeck. Nach seinem Theologie-Studium und der Priesterweihe arbeitet er zunächst als Gemeindepriester in Duisburg. Als Präses begleitet er die Arbeit der Kolpingfamilien und der Katholischen Arbeitnehmerbewegung. 1970 übernimmt er die Leitung des bischöflichen Seelsorgeamtes, ehe ihn Papst Johannes Paul II. 1988 zum Weihbischof des Ruhrbistums ernennt. Als Vorsitzender des Hilfswerkes Adveniat und als Bischofsvikar für weltkirchliche Fragen arbeitet er für Lebens- und Berufsperspektiven junger Menschen im Ruhrgebiet und für eine geistliche und entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit den katholischen Christen in Lateinamerika.

Dieser Text erschien am 9. Februar 2019 in der Mülheimer Woche und im Neuen Ruhrwort

Mittwoch, 27. März 2019

Der Bund tarnt die Bahn

😏 Ich traute meinen Augen kaum, als meine S-Bahn in Olivgrün einfuhr. Da fühlte ich mich gleich wie in einem Truppentransporter. Die Tarnfarbe täuschte nicht. Und das Eiserne Kreuz der Bundeswehr beseitigte alle Unklarheiten. Hier machte die Bahn Werbung für den Bund. 

"Mach, was wirklich zählt. Bei uns kommt es nicht auf Stillstehen, sondern aufs Weiterkommen an!" Diese Aussage der Bundeswehr auf einer Schnellbahn der Deutschen Bahn lässt aufhorchen. Denn wir wissen. Nicht nur bei der Deutschen Bahn, sondern auch bei der Bundeswehr bringen deren Fortbewegungsmittel ihre Insassen nicht immer voran. Viel zu oft stehen sie still oder kommen zu spät. Als friedliebender Mensch könnte man den Stillstand der Bundeswehr-Fahr- und Flugzeuge noch als Zeichen des äußeren Friedens begrüßen. Es sei denn: Ein internationaler Spielverderber macht uns einen Strich durch unsere fromme Friedensrechnung.

Aber als Fahrgast der Deutschen Bahn würde man sich mit Verspätungen und Fahrpreiserhöhungen schon wünschen, dass dieses Verkehrsunternehmen etwas mehr auf Zack wäre. Deshalb kann es vielleicht nicht schaden, wenn der Bund die Bahn mal mit etwas militärischem Drill auf Zack bringt, aber bitte immer schön friedlich.

Dieser Text erschien am 27. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 26. März 2019

Welcher Vogel darf es denn sein?


Ich gehöre nicht zu den Menschen, die gerne früh aufstehen. Für mich haben die frühen Morgenstunden kein Gold im Mund, sondern Blei im Hintern. Ich hatte deshalb immer den Verdacht, dass ich vielleicht nicht dynamisch und diszipliniert genug sei. Doch jetzt weiß ich es besser. Denn rechtzeitig vor dem Beginn der Sommerzeit am 31. März, die uns erst mal wieder eine Stunde wegnehmen wird, um sie uns am 27. Oktober wiederzugeben, fiel mir jetzt ein Bericht über unsere innere biologische Uhr in die Hand. Dieser Bericht klärte mich darüber auf, dass jeder Mensch eben auch dann unterschiedlich tickt, wenn es um seinen Tagesablauf geht und dies auch beachten muss, um keinen „seelischen Jetlag zu erleiden, der uns auf Dauer gesundheitlich aus unserer persönlichen Flugbahn werfen kann.

Demnach gehöre ich zu den Eulen, die erst in der zweiten Tageshälfte langsam aber sicher zu ihrer Höchstform auflaufen. Auch wenn wir späten Eulen den frühen Lerchen als Spätzünder hinterherlaufen müssen, bescheinigen uns die in dem Bericht zitierten Schlafforscher, dass wir Spätaufsteher in unserem Denken besonders kreativ, analytisch und sozial ausgerichtet seien, während die früh aus ihrem Nest geflogenen Lerchen nicht nur den Wurm, sondern auch die Logik und Rationalität für sich eingefangen hätten. Na, also. Jetzt wissen wir’s. Alles hat seine Zeit und jeder hat seinen eigenen Vogel und tickt anders. Das eine ist so gut wie das andere. Denn nur wenn wir uns als Lerchen und Eulen gegenseitig ergänzen und beflügeln , kommen wir gut durch den Tag und lassen uns nicht von schrägen Vögeln an unseren ganz eigenen Höhenfügen hindern, die vielleicht nur deshalb schräg drauf sind, weil sie zu frühe oder zu spät aufgestanden sind. Also nehmen wir uns Zeit, die wir brauchen und nicht das Leben, ob als Lerche oder als Eule. 


Dieser Text erschien am 26. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 25. März 2019

Schlag nach bei Ludwig Erhard

Zeitunglesen bildet. Doch zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie Ihren Hausarzt. Ich hatte die Berichte über die Respektrente noch im Kopf, als mir jetzt bei der Frühstückslektüre unserer Zeitung ein Bericht über die lebenslange Besoldung unserer Altbundespräsidenten und Altkanzler den Appetit verdarb. Von Ehrensold statt von Respektrente war bei Deutschlands prominentesten Rentnern die Rede. Von 236.000 € Jahresruhegehalt, Büro, Dienstwagen und eigenem Mitarbeiterstab war da die Rede und davon, dass die prominenten Staatsdiener außer Diensten künftig zusätzliche Einkünfte auf ihren Ehrensold angerechnet bekommen sollen. Wohlgemerkt, künftig. Respekt. Soviel Respektlosigkeit vor den Otto-Normal-Steuerzahlern und Respekt-Rentern, die unseren Staat am Laufen halten und sich angesichts des sinkenden Rentenniveaus fragen, ob sie auch morgen noch ihre Miete bezahlen können, muss man sich erst mal trauen, ohne als Volksvertreter, vor dem Volkssouverän vor Scham im Boden zu versinken. Zu Risiken und Nebenwirkungen, liebe aktive und ausgediente Staatsherrschaften, fragen Sie ihre Mitbürger, Steuerzahler und Wähler, die Sie vielleicht schon bei der nächsten Wahl auf eine Nulldiät setzen. Demokratie funktioniert nämlich nur dann, wenn sie sich in Worten und Taten als Mehrwert für alle Bürger und nicht nur für die Herrschaften auf dem Sonnendeck Tankers Deutschland auszahlt. Wenn wir mit unserem Demokratie-Dampfer keinen Schiffbruch erleiden wollen, sollten wir uns an unseren altvorderen und wirklich verdienten Steuermann Ludwig Erhard erinnern, der als Bundeswirtschaftsminister und Bundeskanzler mit „Wohlstand für alle!“ und: „Maß halten“ das das Staatsschiff auf Kurs hielt.

Dieser Text erschien am 25. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 24. März 2019

Über den Tellerrand schauen


Hans Dieter Flohr (von links) Gerhard Robbrock, Manfred Krister und Joachim Schiwi
bei der Mitgliederversammlung im Bürgergarten
Wie ist es um Mülheims Städtepartnerschaften bestellt? Der am Montagabend von der Mitgliederversammlung im Bürgergarten einstimmig im Amt bestätigte Vorstand des Vereins zur Förderung der Mülheimer Städtepartnerschaften gab den 110 anwesenden Vereinsmitgliedern einen differenzierten Bericht.

Die seit 1953 bestehenden Beziehungen zum nordenglischen Darlington sind eng und stabil. Mit Tom Nutt und Nigel Davis, die mit englischen Spezialitäten am Adventsmarkt in der Altstadt teilnehmen, gibt es zuverlässige Ansprechpartner. Sie stehen an der Spitze der Twin Town Association in Darlington. In den Sommern 2017 und 2018 besuchten Mülheimer Bürgergruppen die englische Partnerstadt. Für den September 2020 ist eine weitere Bürgerfahrt nach Darlington geplant. Im August 2020 werden auch Gäste aus Darlington zum Silbernen Jubiläumsfest des Fördervereins erwartet. Der Brexit überschattet die Städtepartnerschaft, wird sie nach Einschätzung des Vorstands aber nicht nachhaltig beeinträchtigen. Mit Rosemarie Scholz und Friedhelm Baguette kümmern sich im Verein zwei Kompetenzteamleiter um die Städtepartnerschaft mit Darlington. Für den 15. Dezember 2019 ist eine Tagesfahrt zum Charles-Dickens-Fest in Deventer geplant.

Die seit 1962 bestehende Partnerschaft mit dem französischen Tours ist ebenfalls stabil und lebendig. Mit dem Tourainer Centre Franco Allemande und dessen Leiterin Eliane Lebret gibt es eine feste Ansprechpartnerin. 2018 führte der Vereine eine Radtour durch die Loire durch. 2017 war eine Tourainer Gruppe zu Gast in Mülheim. Zum Jubiläumsfest des Fördervereins im August 2020 werden auch Gäste aus Tours erwartet. Als Nachfolger von Brigitte Mangen und Bernhard Mohr kümmern sich derzeit Hannelore Geistert und Margit Niclauß als Koordinatorinnen des Kompetenzteams um die Städtepartnerschaft mit Tours.

Die seit 1972 bestehende Städtepartnerschaft mit Kuusankoski (Finnland) zeigt auch zehn Jahre nach Kuusankoskis Eingemeindung in den neuen Gemeindeverband Kouvola stabil. Im September 2018 besuchten Bürger und offizielle Vertreter der Stadt Kouvola Mülheim. Im Mai 2019 wird eine Mülheimer Bürgergruppe Kouvola besuchen. Die Bürgerfahrt ist bereits ausgebucht. Auch zum Jubiläumsfest im August 2020 werden Freunde aus Kouvola erwartet. Um die 1972 vom Saarner Pastor Ewald Luhr initiierte Städtepartnerschaft kümmert sich heute Ingeborg Scholz als Kompetenzteamleiterin des Fördervereins.

Zum Dreh- und Angelpunkt der 1989 ins Leben gerufenen Städtepartnerschaft mit dem schlesischen Oppeln, das seit 1945 zu Polen gehört, ist inzwischen der enge Kontakt zum Oppelner Chor Camerton geworden, der zuletzt im Oktober 2018 Gast in Mülheim war. Die Pflege des deutschen und polnischen Liedgutes hat eine Brücke zwischen deutschen und polnischen Gästen und Gastgebern geschlagen. „Es wird eine anstrengende und spannende Reise, bei der Sie das halbe Polen kennenlernen“, macht der als Kompetenzteamleiter für die Städtepartnerschaft zuständige Adam Wagemann Lust auf die für den September 2019 geplante elftägige Bürgerfahrt ins östliche Nachbarland deutlich.

Zunehmender Beliebtheit erfreut sich die seit 1993 gepflegte Städtepartnerschaft mit dem israelischen Kfar Saba. Die zurzeit vergleichsweise entspannte Sicherheitslage macht es möglich. Im April 2019 wird eine vom Kompetenzteamleiter Peter Wolfmeyer angeführte Bürgergruppe aus Mülheim Kfar Saba besuchen. Auch vor einem Jahr besuchten Mülheimer die israelische Partnerstadt und auch für 2020 ist eine Reise dort hin geplant, allerdings jeweils mit unterschiedlichen geografischen Schwerpunkten. Zuletzt konnte der Förderverein mit dem Jugendmusikensemble im Mai 2018 Gäste aus Kfar Saba in Mülheim begrüßen.

„Zurzeit haben wir keinen Kontakt mit Beykoz. Aber wir bleiben am Ball“, sagt der für die 2009 begründete Städtepartnerschaft mit dem Istanbuler Stadtbezirk Beykoz zuständige Kompetenzteamleiter Wilfried aus der Beeck. Die Vorstandsmitglieder teilen seinen Eindruck, dass eine Bürgerfahrt nach Beykoz unter den politisch seit 2016 zugespitzten Rahmendbedingungen nicht zu vertreten wäre. „Wir haben keine Ansprechpartner in der Bürgerschaft von Beykoz und der Bürgermeister scheint auch nur an offiziellen Kontakten mit der Stadt Mülheim interessiert zu sein“, beklagt aus der Beeck. Vor diesem Hintergrund hat der Vorstand darauf verzichtet, Gäste aus Beykoz zu seinem Jubiläumsfest einzuladen. Bis 2016 hatte es immerhin Berufsschulkontakte zwischen Beykoz und Mülheim und drei Bürgerfahrten nach Beykoz gegeben. 

Der Verein zur Förderung der Mülheimer Städtepartnerschaften wurde am 21. Februar 1995 gegründet. Er hat zurzeit 393 Mitglieder und wird vom ehemaligen stellvertretenden Leiter des städtischen Kunstmuseums Alte Post, Dr. Gerhard Ribbrock, geleitet. Neben ihm gehören die beiden Vize-Vorsitzenden Manfred Krister und Hans Dieter Flohr sowie Schatzmeister Joachim Schiwy dem Vereinsvorstand an. Da maximal 30 Personen an Bürgerfahrten teilnehmen können, die erfahrungsgemäß schnell ausgebucht sind, bittet der Verein Interessierte darum, sich auf seine Vormerkliste setzen zu lassen. Umfassende Informationen bietet die Internetseite: www.staedtepartner-mh.de. E-Mail-Kontakt ist unter vorstand@staedtepartner-mh.de möglich. Vorstand Hans Dieter Flohr ist auch telefonisch unter 0208-3881818 erreichbar.

Dieser Text erschien am 13. März 2019 in NRZ & WAZ

Samstag, 23. März 2019

Mit Toleranz kommt man weiter

Prof. Dr. Christoph Kampmann bei
seinem Vortrag im Petrikirchenhaus
"Wer kann schon im Exil sagen: Ich sehe meine Heimat", freut sich der Vorsitzende des Fördervereins für das zurzeit noch eingerüstete und  auf seine Restaurierung wartende Tersteegenhaus, Markus Püll. 70 interessierte Mülheimer sind jetzt der Einladung des Förderkreises ins benachbarte Petrikirchenhaus gefolgt, um mit dem in Mülheim aufgewachsenen Historiker Christoph Kampann in die Lebenszeit des vor 250 Jahren in seinem Haus an der Teinerstraße gestorbenen Menschenfreundes, Predigers und Poeten zurückzuschauen.
Sie hören einen lebendigen und engagierten Vortrag, der ihnen zeigt wie aktuell Tersteegens auf religiöse Toleranz und christliche Nächstenliebe ausgerichtetes Denken auch zweieinhalb Jahrhunderte nach seinem Tod ist. Christoph Kampmann, der mit dem Geschäftsführer des Freundes- und Förderkreises Tersteegenhaus, Hansgeorg Schiemer Geschichte studiert hat und heute als Professor an der Marburger Philipps-Universität lehrt, zeigt: Tersteegens Wirken war im 18. Jahrhundert auch deshalb möglich, weil das Herzogtum Berg, zu dem auch die Herrschaft Broich gehörte, eine der wenigen multikonfessionellen Territorien im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation war, in dem die Landesherren nicht auch die Konfession ihrer Untertanen bestimmte.
"Diese keineswegs konfliktfreie Erfahrung religiöser Toleranz hat den Menschen an der Ruhr auch später während der Industrialisierung geholfen, Menschen unterschiedlicher Konfessionen zu integrieren", erklärte Kampmann. Er wies darauf hin, dass viele andere Regionen Deutschlands, abseits der Metropolen, diese Erfahrung erst nach dem Zweiten Weltkrieg schrittweise nachholen mussten.
Spannend war es auch von der Denksc Ulrich Khrift Tersteegens zu hören, mit der der Mülheimer Mystiker an den atheistischen Preußen-König Friedrich II. appellierte seine Kriegspolitik aufzugeben und sich zum christlichen Glauben an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele zu bekehren. Dass Tersteegen Friedrichs Einladung zu einem Gespräch ablehnte, erklärte Tersteegen-Biograf Professor Dr. Ulrich Kellermann mit Tersteegens begrenzten Französisch-Kenntnissen, mit denen er sich einem Dialog mit dem Französisch sprechenden Preußen-König nicht gewachsen gesehen habe.

Dieser Text erschien am 22. März 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Freitag, 22. März 2019

Bitte, nicht nur freitags


Nun wird es sie auch in Mülheim geben, die Fridays for Future. Auch hier wollen Schüler während ihrer Unterrichtszeit für den Klima- und Umweltschutz auf die Straße gehen. Da passte es ins Bild, dass Stadt und Ruhrbahn am Mittwoch auf der Linie 133 einen emissionsfreien E-Bus testen ließen. Kaum machen die Kinder Krach in Sachen Klimaschutz, posieren die Steuerleute von Stadt und Ruhrbahn in der Presse plakativ mit dem umweltfreundlichen Nahverkehrsmittel von morgen. Vorauseilender Gehorsam? 

Leider nicht. Denn der abgasfreie E-Bus, den wir nicht nur auf der Linie 133 lieber gestern als heute gebrauchen könnten, wird uns als Vision für 2030 verkauft. Hätte Carl Benz seine Erfindung ebenso dynamisch vorangetrieben, wären wir heute noch mit der Postkutsche unterwegs. Das wäre zumindest für unsere Umwelt besser als der automobile Dauerstau, der unser Klima und uns selbst kaputt macht.  Mülheims Kinder treibt es aus ihren Klassenzimmern, weil sie auch morgen und übermorgen noch in einer Stadt und in einer Welt leben wollen, in der man noch durch- und aufatmen kann.

Wir alle können aber erst dann aufatmen, wenn den berechtigte Kampf der Kinder gegen die Klimakiller unserer Zeit nicht auf Kosten ihrer Lernzeit geht und so zu ihrem Wissenskiller wird. Denn wir brauchen euch, liebe Schüler, als Erwachsene, die auch morgen und übermorgen nicht nur durchatmen, sondern auch 1 und 1 zusammenzählen können. Nur so kann unsere Welt besser werden. Deshalb müssen jetzt erst mal die Erwachsenen nachsitzen und die Gleichung: „Wenigere ist mehr“ lernen. Weniger Autos  = Mehr Fußgänger und Radfahrer. Mehr Busse und Bahnen = Weniger Staus. Weniger Billigflieger, Kreuzfahrten und Plastiktüten = Mehr saubere Luft und sauberes Wasser. Wäre das nicht großartig, wenn wir mal ganz unabhängig von Stunden- und Lehrplänen generationsübergreifend etwas für unser gemeinsames Leben lernen würden, was uns wirklich weiterbringt und glücklicher macht? 

Dieser Text erschien am 22. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 21. März 2019

Hand aufs Herz

Prüfen - Rufen - Drücken: Dazu will das Wiederbelebungstraining Held werden
siehe: www.evkmh.de Menschen motivieren.
Das sieht wirklich sportlich aus. 50 Viertklässler der Saarner Klostermarktschule holen den Torso Dummy Little Anna mit einer kräftigen Herz-Druck-Massage zurück ins Leben. Selbst die eher zierlichen Mädchen und Jungen, denen man das auf den ersten Blick nicht zutraut, drücken Little Annas Brustkorb fünf bis sechs Zentimeter tief durch und das bis zu 120 mal pro Minute. Ein Amplitudenmesser zeigt via Smartphone oder IPad an, ob der lebensrettende Druck auf Herz- und Brustbein ausreicht.
Die Jungen und Mädchen geben auf den Gymnastikmatten alles und werden dabei von ihren Trainern kräftig angespornt: "Das sieht gut aus. Mach weiter. Du schaffst das. Klasse, wir sind im grünen Bereich. Little Anna ist gerettet. Herzlichen Glückwusch. Du bist ein Held", hört man an den Matten.
Die Trainer der kleinen Lebensretter und Helden in spe. Das sind zum Beispiel der Leiter der Leiter der Zentralambulanz des Evangelischen Krankenhauses, Dr. Ingmar Gröning, der ebenfalls am Evangelischen Krankenhaus arbeitende Gefäßchirurg  Philip Höffken, Dr. Grönings Assistentin Sabine Schlösser, Öffentlichkeitsarbeiterin Ines Kruse und die zurzeit am Evangelischen Krankenhaus hospitierenden Medizinstudenten Kai Yin und Tim Hoeppner.

Raus aus der Schockstarre

"Es ist schon ein Schock, wenn man eine bewusstlose Person auf dem Boden liegen sieht. Aber es macht einen glücklich, wenn man sieht, dass man ihr helfen kann. Denn jeder Mensch hat doch das Recht zu leben", sagt Viertklässler Amira, nachdem sie unter der geduldigen und zugewandten Anleitung von Dr. Gröning Little Anna wiederbelebt hat und deshalb von ihrem Coach mit einer Herz-Karte zur "Heldin" gekürt  worden ist. "Das Interesse und der Einsatz der Kinder sind unfassbar", freut sich Ingmar Gröning über die Resonanz auf seine medizinische Aufklärungsarbeit, für die sich das Team aus dem Evangelischen Krankenhaus an diesem Schultag drei Stunden Zeit genommen hat. "Es ist schön zu sehen wie schnell unsere Botschaften von den Kindern auf- und angenommen werden", freut sich Hospitant Tim Hoeppner. 
Stolz zeigt Viertklässlerin Amira auch ihre gut ausgfüllte Lernmappe. In Ihr hat sie festgehalten, was bei der Ersten Hilfe im Notfall zu beachten ist und wie man ein Pflaster oder einen Verband anlegen kann. Gelernt hat sie das mit ihren Mitschülern im Sachunterricht ihrer Lehrerin Jennifer Wieschmann. Denn die Pädagogin hatte dem Themenfeld Gesundheit und Körper im Vorlauf zum handfesten Helden-Training mehrere Stunden gewidmet. Wieschmann hat auch dafür gesorgt, dass die Klostermarktschüler Begriffe, Techniken und Bilder wie etwa die der stabilen Seitenlage nicht erst sehen und hören, als es für sie zum Heldentraining auf die Matte geht. Auch die Notrufnummer 112, mit der sie Hilfe holen müssen, bevor sie selbst damit beginnen zu helfen, kennen sie bereits aus dem Sachunterricht. Allerdings zeigt sich nicht nur bei diesem Training, mit dem das Evangelischen Krankenhaus seit dem Projekt-Start im Februar 2018 750 Mülheimer für die Wiederbelebung trainieren konnte, dass viele Helden in spe im Eifer des Gefechts eben doch die 112 überspringen und von ihren Trainern erst an das lebenswichtige Absetzen des Notrufes erinnert werden müssen.

Übung macht den Meister

Übung macht den Meister. Das gilt auch für die wiederbelebende Herz-Brust-Massage. Deshalb bieten Dr. Ingmar Gröning und sein Trainer-Team am 23. Mai, im Konferenzsaal des Evangelischen Krankenhauses (10. Etage) von 17 bis 19 Uhr ein für alle Interessierte offenes Hand-auf-Herz-Training an. Bei Bedarf und Interesse (siehe Klostermarktschule) lassen sich die Wiederbelebungstrainer aus dem Evangelischen Krankenhaus auch von Schulen, Unternehmen, Verbänden, Vereinen, Jugendzentren, und anderen Einrichtungen einladen. Anmeldung und Auskunft sind möglich bei Sabine Schlösser unter der Rufnummer: 0208-309-2169 sowie per E-Mail an: sabine.schloesser@evkmh.de
Dieser Text erschien am 20. März 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Mittwoch, 20. März 2019

Mülheim braucht ganz viele Marshalls

„Zu viele Waffen am Hauptbahnhof“ Die Samstagsschlagzeile auf der Lokalseite 1 und der darunter stehende Bericht ließ sicher nicht nur mir das Frühstücksbrötchen im Halse stecken. Das Mülheim eine Stadt im Westen ist, weiß ich. Das wir jetzt aber schon im wilden Westen angekommen sind, war mir neu. Da lebt und arbeitet man seit Jahrzehnten in seiner Stadt, von der man glaubt, dass man sie kennt. Und plötzlich wird man durchgeschüttelt, weil man erkennt, dass man sie doch nicht so gut kennt. Der Lagebericht vom Hauptbahnhof zeigt, dass sich nicht nur in unserer Stadt etwas zum Schlechteren verschoben hat und der Zug der Zeit in einer Sackgasse zum Stehen gekommen ist. „Zwölf Uhr mittags“ in Mülheim. Wer wird jetzt unser Town-Marshall Will Kane? Gary Cooper ist mit dem Zug der Zeit schon lange abgereist. Es ist Zeit einzusehen, dass es die einsamen und unerschrockenen Helden, die das Böse allein und im Handstreich besiegen, nur auf der Leinwand gibt. Die Filme, die das wirkliche Lebens auch in unserer Stadt schreibt, entziehen sich jeder Schwarz-Weiß-Sicht aufs Leben. Sie verlangen nach kugen Regisseuren ganz vielen Marshalls und Sheriffs. Diese Marshalls und Sheriffs arbeiten nicht nur bei der Polizei, sondern an ganz vielen Tat-Orten in unserer Gesellschaft, an denen sie täglich zu Helden werden, weil sie ihren Schützlingen zeigen, dass Lebenslust, Freude, Mut, Selbstvertrauen, Freundschaft, Liebe, Solidarität, Bildung und Durchhaltevermögen in jedem Fall die besseren Waffen sind als Pistolen, Messer & Co, um sich in seinem Leben ein filmreifes Happyend zu erkämpfen. 

Dieser Text erschien am 20. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 18. März 2019

Ein altes Haus kann viel erzählen

Foto aus der Sammlung
Buhrkard Otto Richter
Mit einem Foto aus der Sammlung des Mülheimers Burkhard Otto Richter schauen wir heute zurück ins Jahr 1930 und vom 27,5 Meter hohen Bismarckturm aus auf das 1913 errichtete Haus Urge, das seit 1988 unter Denkmalschutz steht. Es war die Lederfabrikantenfamilie Coupienne, die sich die Villa an der Bismarckstraße vom Architekten Franz Hagen als „Unseren Rittergutsersatz“ errichten ließ. Jean Baptiste Coupienne (1877-1922) und seine 1882 auf Haus Blegge in Paffrath bei Bergisch Gladbach geborene Frau Martha Schmidt-Leverkus baten den von ihnen beauftragten Architekten Franz Hagen (1871-1953), sich von der barocken Architektur von Marthas Elternhaus, inspirieren zu lassen. Zum Zeitpunkt der historischen Aufnahme war der 21 Jahre zuvor errichtete Bismarckturm für die Bürger der Stadt geschlossen. Bis 1929 hatten Ausflügler dort die besten Aussichten auf ihre Stadt genossen. Kinder hatten dafür 5- und Erwachsene 10 Pfennige bezahlt. Doch das Geld fehlte jetzt. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise, die mit dem New Yorker Börsenkrach im Herbst 1929 eingesetzt hatte, erreichten auch Mülheim. Zum Zeitpunkt der historischen Aufnahme war nicht mehr die Familie Coupienne, sondern die mit ihr verwandte Industriellenfamilie Stinnes Herr im Haus Urge. Die neuen Bewohner des Hauses erlebten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wie die die neue Staatspartei ab 1933 den Kahlenberg und den Bismarckturm nutzte, um ihre Ideologie propagandistisch in Szene zu setzen. Neun Jahre nach der historischen begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Im Keller des Hauses Urge wurde ein Bunker eingerichtet. Dort fanden bei Luftangriffen bis zu 3000 Schutzsuchende Platz. 1945 war der Krieg zu Ende. Jetzt zogen die Briten ins Haus Urge und in den nahen Bismarckturm ein. Das Haus wurde zum Militärkasino, der Turm zum Funkerturm. 1958 kehrte Familie Stinnes zurück ins Haus Urge. Dort hieß sie so prominente Zeitgenossen wie den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, Vizekanzler Erich Mende und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer willkommen. Ende der 50er Jahre wollte die Stadt neben dem Haus Urge Wohnraum für ganz viele Bürger schaffen. Das ließ den Bismarckturm wackeln. Doch empörte Bürger sorgten dafür, dass er stehen blieb. Seit 1998 ist der Bismarckturm wieder ein öffentlicher Ort, an dem Kunst entsteht und gezeigt wird sich Besucher auch ein Bild von der Stadt machen können. Dem Künstler Jochen Leyendecker sei Dank. Und wo bis 1971 die Familie Stinnes zu Hause war, wohnten zwischen 1972 und 2003 Gastwissenschaftler des Max-Planck-Institutes für Kohleforschung, ehe 2004 die Wirtschaftsberater der Zenit GmbH in das Haus an der Bismarckstraße 28 einzogen. Das hätte sicher auch seinen früheren Bewohnern gefallen. 

Dieser Text erschien am 18. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 17. März 2019

Immer schon eine Baustelle: 100 Jahre Volkshochschule in Mülheim


Logo der Mülheimer Volkshochschule
Gerne hätte VHS-Leiterin Annette Sommerhoff den 100. Geburtstag der Volkshochschule im großen Rahmen gefeiert. Doch die ungeklärten Raum- und Standortfragen zwingen auch im Jubiläumsjahr zur Improvisation. Mit einem Doppelvortrag zum Start der Mülheimer Geschichtsreihe machten Sommerhoff und der Leiter des Stadtarchivs, Kai Rawe, am Donnerstagabend aus der Not eine Tugend.
Im Rückblick auf die Geschichte und im Ausblick auf Gegenwart und Zukunft der kommunalen Erwachsenen- und Weiterbildungseinrichtung, lieferten sie ihren gut 100 Zuhörern im Haus der Stadtgeschichte eine bemerkenswerte Standort- und Aufgabenbeschreibung, was Volkshochschule leisten will und soll.
Dabei zeigte schon der Blick in die Geschichte. VHS in Mülheim: Das war von Anfang an eine Baustelle. Die Initiative zur Gründung der VHS ging vom damaligen Leiter der städtischen Oberrealschule aus, deren Nachfolgerin wir heute als Karl-Ziegler-Schule kennen. Das städtische Gymnasium an der Schulstraße sollte für Jahrzehnte zum zentralen VHS-Standort werden. Obwohl man bereits Ende der 50er Jahre über ein zentrales VHS-Gebäude nachdachte, realisierte sich dieser Plan erst 1979 mit der Eröffnung der Heinrich-Thöne-Volks-Hochschule an der Bergstraße. Auch wenn dieser von der SPD mit absoluter Ratsmehrheit durchgesetzte Neubau der Akzeptanz und dem Spektrum des Weiterbildungsangebotes guttat, waren es vor allem Kostengründe und die Forderung nach einer dezentral aufgestellten VHS, die CDU und FDP damals opponieren ließen.
Wurde die VHS zunächst ehrenamtlich von Dr. Luther, einem Lehrer der Oberrealschule geleitet und von 28 nebenamtlichen Dozenten inhaltlich ausgestaltet, so stehen der hauptamtlichen Leiterin der VHS, Annette Sommerhoff, heute 200 Honorardozenten zur Verfügung, die Kurse in den Bereichen Fremdsprachen, berufliche Bildung, Kultur, Politik, Gesundheit, Alphabetisierung, Integration, Erwerb der deutschen Sprache sowie zum Nachholen von Schulabschlüssen geben. Das Angebot von Fremdsprachenkursen zieht sie wie ein roter Faden durch die gesamte VHS-Geschichte, die aus wirtschaftlichen und politischen Gründen ab 1925 für zwei Jahrzehnte abgebrochen und erst im Rahmen der von der Britischen Militärregierung politisch gewollten „Umerziehung“ der Deutschen zunächst unter der Leitung des Juristen Valentin Tonberg ab 1946 wiederbelebt wurde.
Ein Sprung nach vorne schaffte die VHS unter der Führung des Politikwissenschaftlers Norbert Greger, der sich als erster hauptamtlich Leiter ganz auf die VHS-Arbeit und deren zielgruppenorientierten Weiterentwicklung konzentrieren konnte. Dabei half ihm auch die politisch gewollte Aufwertung der Weiterbildung, die 1975 in NRW zur kommunalen Pflichtaufgabe gemacht wurde. 

Selbstverständnis der Volkshochschule

In ihrem Vortrag sagte VHS-Leiterin Annette Sommerhoff unter anderem: „Die Volkshochschule war, ist und bleibt ein Lern- und Begegnungsort, der allen Menschen Bildung ermöglicht, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und ihren Vorerfahrungen mit Bildung. In einer immer komplexeren Welt ist es wichtig, dass Menschen in der VHS ein zugewandtes Lernen in der Gruppe erleben, das ihnen hilft, ihr Leben selbstbestimmt und sinnvoll zu gestalten.“ 

Drei Fragen an; VHS-Leiterin Annette Sommerhoff


Wie hat sich die Volkshochschule in 100 Jahren entwickelt und wie wird sie sich weiterentwickeln? Das zeigen der Leiter des Stadtarchivs, Kai Rawe und die VHS-Leiterin Annette Sommerhoff am 14. März um 19 Uhr in einem eintrittsfreien Vortrag zum Auftakt zur Reihe über die Mülheimer Stadtgeschichte im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37.

Warum kam es gerade vor 100 Jahren zur VHS-Gründung?
Die Initiative zur Gründung am 30. April 1919 ging von Lehrern der heutigen Karl-Ziegler-Schule aus. In einer Denkschrift an Oberbürgermeister Paul Lembke forderten sie Weiterbildungangebote für Arbeiter, um die örtliche Wirtschaft zu stärken.

Ist Weiterbildung in und mit der VHS so aktuell wie vor 100 Jahren und was hat sich verändert?
Sie ist mindestens so aktuell wie damals. Wir stehen mit unseren Dozenten für den Grundsatz: Bildung für alle. In einer immer komplexeren Welt brauchen Menschen Weiterbildung, um an unserer Gesellschaft teilhaben zu können und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Sicher ist unser Spektrum heute viel breiter als 1919 und wir können heute eine digitale und interaktive Technik nutzen.

Was wünschen Sie der VHS, an deren Spitze sie seit 2015 stehen, zum 100. Geburtstag?

Ich wünsche mir, dass Menschen gerne in die VHS kommen und noch mehr Menschen das Angebot der VHS für sich entdecken. Und ich wünsche mir viele engagierte Dozenten, die Spaß an ihrer aööe offenen Bildungsarbeit haben.


Dieser Text erschien am  14. und 16. März 2019 in NRZ & WAZ

Freitag, 15. März 2019

Guter Rat für Verbraucher

Zum Weltverbrauchertag haben Christiane Lersch und Gudrun Schäfer von der Verbraucherzentrale an der Leineweberstraße 54 Kunden vor uninformierten Lust- und Spontaneinkäufen in den Shops der Telekommunikations- und Internetanbieter gewarnt. Bevor man Internet- und Telefonieverträge abschließe, so die beiden Verbraucherberaterinnen, sollten sich interessierte Kunden zunächst darüber Klarheit verschaffen, welches Datenvolumen sie für ihre eigene Nutzung von Internet und Telekommunikation brauche. Auch ein Preis-Leistungs-Vergleich unterschiedlicher Anbieter lohne sich.
Grund für die Warnung sind die negativen Kundenerfahrungen, die sich in der  Rechtsberatung widerspiegeln, die die örtliche Verbraucherzentrale mit Hilfe ortsansässiger Rechtsanwälte anbietet.

Oft gesuchter Rat

42 Prozent aller Fälle kommen aus dem Bereich Telekommunikation und Internet. Im Kern geht es immer wieder darum: Unerfahrene und uninformierte Kunden kommen mit Fragen zu ihrem bestehenden Vertrag oder mit Fragen zu einem möglichen neuen Vertrag  in einen Telekommunikations- und Internetshop und kommen  mit einem  überdimensionierten und überteuerten  Vertrag wieder heraus. Und dieser Vertrag bindet sie dann in der Regel für 24 Monate.
"Viele Verbraucher wissen leider nicht, dass ein im Laden abgeschlossener Vertrag sofort in Kraft tritt und es anders, als bei telefonisch oder online abgeschlossenen Verträgen kein 14-tägiges Widerrufsrecht gibt", sagt die Leiterin der örtlichen Verbraucherzentrale, Christiane Lersch. Sie erinnert sich etwa an den Fall einer 85-jährigen Dame, die mit Fragen zu ihrem analogen Telefonanschluss in einen Telekommunikations- und Internetladen ging und anschließend mit einem Telefon- und Internetvertrag nach Hause kam, obwohl sie den Verkäufer ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass sie das Internet nicht nutze und auch künftig nicht daran interessiert sei. Auch wenn in diesem Fall ein Anruf der Verbraucherschützerin reichte, um die übervorteilte Seniorin aus dem Vertrag herauszuholen, hat sich der Eindruck aus der Rechtsberatung jetzt durch die Ergebnisse eines in 59 Städten des Landes durchgeführten Internet- und Telekommunikationsshop-Tests der Verbraucherzentrale NRW bestätigt. 
Mitarbeiterinnen wie zum Beispiel Gudrun Schäfer besuchten inkognito als "Test-Kunden" landesweit 301 Shops, darunter sechs in Mülheim. Ergebnis: Nu
Nur 2 der 301 Shops gaben den interessierten Kunden Produktinformationsblätter an die Hand. Einer der beiden positiv herausstechenden Shops war ein Mülheimer. Weitere 24 Shops waren immerhin nach einer zweiten Nachfrage dazu bereit. Am Ende erfüllten aber 91 Prozent der getesteten Shops ihre 2017 vom Gesetzgeber eingeführte Informationspflicht nicht. Als Test-Kundin mussten Gudrun Schäfer feststellen, dass die Aussagen im Verkaufsgespräch und die tatsächlichen, schriftlich fixierten, Vertragsbedingungen nicht immer übereinstimmten. Ein Verkäufer ließ sie  wissen: "Den ausgedruckten Vertrag kann ich Ihnen erst geben, nachdem Sie ihn auf unserem Mousepad digital unterschrieben haben!"
 

Das Grundproblem

Das Grundproblem der Branche sieht Christiane Lersch darin, dass die Höhe des Gehaltes der Shop-Mitarbeiter maßgeblich davon abhängt wie viele Verträge sie mit Kunden abschließen können. Außerdem sieht sie den Gesetzgeber gefordert, dafür zu sorgen, dass auch für Verträge, die von Kunden in den Shops vor Ort abgeschlossen werden, ein 14-tägiges Widerrufsrecht eingeführt wird.
Die Verbraucherzentrale an der Leineweberstraße 54 bietet am 18. März von 9 bis 14 Uhr eine kostenlose Rechtsberatung rund um das Thema Telefon- und Internetveträge an. Außerdem wird dort das Infoblatt "Handyvertrag ohne Ärger" für Interessierte bereitgehalten. Mehr Informationen zum Thema findet man auch im Internet unter: www.verbraucherzentrale.nrw/handyvertrag

Schlag nach bei Kennedy

Auf Initiative der Verbraucherschutzorganisation Consumers International wird der 15. März seit 1983 weltweit als Verbrauchertag begangen. Er bezieht sich auf den 15. März 1962, als der damalige US-Präsident John F. Kennedy drei Grundrechte der Verbraucher proklamierte: Schutze vor Irreführung und Betrug, Schutz vor gefährlichen oder unwirksamen Medikamenten und Wahlfreiheit bei Produktvielfalt zu marktgerechten Preisen.
Erschienen am 15. März 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche


Mittwoch, 13. März 2019

Einblicke ins Jüdische Alltagsleben


Berichtete Schüler aus seinem jüdischen 
Alltag in Deutschland: Alex Bondarelenko.
Christian Kamann unterrichtet unter anderem Politik an der Realschule Mellinghofer Straße. Der Lehrer hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht, wenn es um die Themen Judentum und Antisemitismus geht. Einerseits engagieren sich viele seiner Schüler in der Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine. Hier recherchieren und dokumentieren sie Opfer-Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Ergebnis ihrer Arbeit ist eine Wanderausstellung, die auch Jugendlichen an anderen Schulen den Holocaust näherbringt.

Andererseits ist Kamann darüber erschrocken, wenn er in dem einen oder anderen Schülerstreit schon mal den als Beschimpfung gedachten Ausdruck „du Jude“ hört. Auch wenn der Politiklehrer darin keinen fundierten Antisemitismus, sondern gedankenlose Unwissenheit sieht, haben ihn seine zwiespältigen Erfahrungen dazu motiviert, sich an Rent a Jew zu wenden. Das ist ein ehrenamtlicher Referentenpool von deutschen Juden, die zum Beispiel wie jetzt in der Realschule an der Mellinghofer Straße, mit Jugendlichen über ihren Alltag als einer von derzeit 100.000 Juden in Deutschland ins Gespräch kommen. Damit wollen Sie Unwissenheit, Vorurteile oder Berührungsängste überwinden.

Genau das tat jetzt auch Alex Bondarelenko. Der 30-Jährige, der als Jugendreferent beim Jüdischen Sportverband Makkabi Deutschland arbeitet, gehört zur Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Sie ist mit 7000 Mitglieder deutlich größer als die 2500 Mitglieder zählende Jüdische Gemeinde Mülheim-Duisburg-Oberhausen, besteht aber genau wie diese zu rund 90 Prozent aus Mitgliedern, die ihre Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion haben.

Schon die ersten Fragen aus der 15-köpfigen Schülerrunde zeigt, warum der studierte Marketingfachmann Alex Bondarelenko  gut daran tut, Jugendlichen etwas über jüdisches Leben im Deutschland des Jahres 2019 zu erzählen: „Waren Sie selbst, Ihre Eltern oder Ihre Großeltern im Konzentrationslager?“ wollen Schüler von ihm wissen: „Dafür bin ich zu jung. Das war ja von 1933 bis 1945 und damit deutlich vor meiner Zeit. Auch meine Eltern und Großeltern, die aus der Ukraine stammen, mussten das nicht erleiden. Meine Großeltern wurden nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion 1941 nach Weißrussland und Kasachstan evakuiert. Ich selbst bin in der Ukraine geboren und als Neunjähriger in den 1990er Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen, weil meine Mutter als Jüdin in der damaligen Sowjetunion keine Schulleiterin werden konnte. Ich habe erst mit 10 Jahren erfahren, dass ich Jude bin“, skizziert Bondarelenko seinen Lebenslauf.

„Judentum in Deutschland ist eben nicht nur Hitler und Holocaust“, betont er und bestätigt auf Nachfrage, „dass ich mich in Deutschland wohlfühle und auch viele nichtjüdische Freude habe.“ Das schließt für den verheirateten Vater von zwei Kindern nicht aus, „dass ich bestimmte politisch und gesellschaftliche Tendenzen in Deutschland kritisch sehe, obwohl ich selbst noch keine antisemitische Diskriminierung erfahren musste.“

Im Gespräch über die religiöse Praxis in den Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam werden schnell Gemeinsamkeiten deutlich. Bondarelenko liest aus der Tora vor, die die Christen als Altes Testament kennen und rezitiert singend ein Gebet zum Beginn des Schabbat, den Juden so wie die Christen den Sonntag und die Muslime den Freitag als siebten Tag der Woche feiern, an dem man ruhen und dem Schöpfungswerk Gottes gedenken soll. Die Beschneidung von Jungen kennt man im Islam ebenso wie im Judentum. Die jüdische Kipa und der jüdische Gebetmantel, die Alex Bondarelenko den Schüler vorführt erinnern seine christlichen Zuhörer an die Gewänder der Priester und die Kopfbedeckung der Bischöfe.

Im jüdischen Lichterfest Chanukka, an dem die Juden der Einweihung des zweiten Tempels in Jerusalem gedenken und das mit dem Anzünden von Kerzen, einem Festmahl im Freundes- und Familienkreis und mit dem Beschenken der Kinder feiern, erkennen viele Schüler Ähnlichkeiten zum christlichen Weihnachtsfest. Und das Jüdische Purimfest, an dem sich Juden kostümieren, feiern, Süßes naschen und ihre Honoratioren aufs Korn nehmen, erscheint den Dümptener Realschülern zurecht als so etwas wie den Jüdischen Karneval, der die Freude über die Rettung des von Mordplänen in der persischen Diaspora bedrohten jüdischen Volkes feiert.

Das Gespräch zwischen den Schülern und Alex Bondarelenko pendelt zwischen religiösen Regel, Alltagsleben, Hobbys, Familie und Freunden. Plötzlich wird in der Runde deutlich, was Bondarelenko, so auf den Punkt bringt: „Wir sind alle nur Menschen, egal woran wir glauben oder auch nicht glauben. Und wir werden diese Welt nur dann zu einem besseren Ort machen, wenn wir uns als Menschen respektieren und achten und nicht so tun, als sei unsere Religion besser als die anderer Menschen.“

Da stimmen ihm seine junge Zuhörer, die ihn nach 45 lehrreichen Schulminuten applaudieren, zu. Doch die meisten sind schon überrascht, dass gläubige Juden keine fleischigen und milchigen Lebensmittel gemeinsam verzehren dürfen, weil das im Judentum als „nicht koscher“ gilt. Bondarelenko erklärt ihnen das mit dem Gebot der Tora: „Du sollst das Kälblein nicht in der Milch seiner Mutter baden!“ Und dann sagt er mit einem Augenzwinkern ganz pragmatisch: „Wenn meine nicht-jüdischen Freunde in einem bestimmten Schnellrestaurant Cheeseburger essen, bestelle ich mir eben nur Pommes.“
Und auch, was ihnen Bondarelenko über orthodoxe und liberale Juden erzählt hat, kennen seine jungen christlichen und muslimischen Zuhörer nur zu gut aus ihrer Religion nur zu gut, nämlich dass man ihre Regeln, je nach Lesart und Interpretation strenger oder toleranter auslegen kann. Und auch wenn Alex Bondarelenko in einer Unterrichtsstunde nicht alle Fragen über das Judentum und Juden im heutigen Deutschland beantworten kann, bleibt nicht nur für Lehrer Christian Kamann das gute Gefühl, „dass die Schüler heute wichtige Denkanstöße in Sachen Toleranz mitnehmen und einige Wissenslücken schließen konnten.“ 

Dieser Text erschien am 11. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 12. März 2019

Wenn eine Familie Theater macht


Das Ensemble bei der Probe
Wenn eine Familie Theater macht, kann das heiter werden. Das Ensemble Komödchen Sorglos zeigte es am Wochenende mit dem Dreiakter „Krimi für ein Schlossgespenst.“ Die Zuschauer im Theater an der Dimbeck hatten zurecht ihren Spaß an dem Familiendrama der besonderen Art. Ab dem zweiten Akt nahmen die Schauspieler um Regisseur Andreas Pawlowski richtig Fahrt auf. Jetzt konnten alle Darsteller die pointenreiche Situationskomik ausspielen, die sich daraus ergab, dass unwillige Familienmitglieder auf Teufel komm heraus für ein Theaterstück proben mussten, das ihnen die reiche Erbtante und Schlossbesitzerin für das nächste Familientreffen ins Drehbuch diktiert hatte.

Was tut man nicht alles für die Aussicht auf das große Geld. Was die 120 Spielminuten kurzweilig machte, war, dass jeder Darsteller in seiner Rolle mit Wortwitz glänzen konnte. Jürgen Loss begeisterte zum Beispiel als entnervter Regisseur Ulrich Sperling, Jürgen Tobergte als sein stoischer und begriffsstuziger Assistent Bruno Nagler, Desire Növermann als gelangweilte Tochter Birgit Sperling, die möglichst bald einen Platz an der Sonne haben möchte, Heidi Trojahn als mannstolle Amanda Katz, Dagmar Schauerte als dominante und mit ihrer Wahl unzufriedene Ehefrau Jutta Fink sowie ihr Pantoffelheld Reiner, der urkomisch von Horst Kleinert verkörpert wurde. Und das Tüpfelchen auf dem i – der unerwartete Knalleffekt zum guten Schluss, setzte der, technisch hervorragend von Alexander Liebich ins Bild gesetzten Inszenierung die Krone auf.

Nicht nur Gerhild Tombergte hatte im Publikum gut lachen. Sie feierte mit ihrem auf der Bühne stehenden Mann Jürgen am Premierentag ihren 25. Hochzeitstag. Wer die Premiere von: „Krimi für ein Schlossgespenst“ verpasst hat, bekommt am 17., 24. Und 31. März (jeweils um 15 Uhr) im Theater des Seniorenparks an der Dimbeck eine zweite Chance auf zwei vergnügliche Theaterstunden. Für 11 Euro sind Theaterfreunde dabei. Mehr Infos bei Jürgen Loss unter 0208-51261 oder online unter: www.komoedchen-sorglos.de 

Dieser Text erschien am 11. März 2019 in NRZ & WAZ

Sonntag, 10. März 2019

Blumen statt Beton

Ein Häuschen im Grünen. Davon haben ganze Generationen geträumt. Dieses Ensemble war das Symbol dafür, dass man es geschafft hatte.

Doch als ich gestern in meiner Zeitung mit dem grünen Titelkopf lesen musste, dass viele Hausbesitzer, die das Privileg haben, im Grünen wohnen zu können das Grün vor ihrer Haustür gar nicht mehr zu schätzen wissen und stattdessen pflegeleicht zubetonieren, machte mich das schon nachdenklich. Sind das die Auswirkungen des demografischen Wandels? Sicher. Wer sich heute einen Steingarten anlegt spart sich morgen übermorgen das Rasenmähen.

Ob wir mit diesem Rationalismus Marke Betonkopf aber steinalt, geschweige den glücklich werden, wage ich als Innenstadtbewohner mit Aussicht auf jede Menge Stein und Beton zu bezweifeln. Denn nicht nur der Blick ins Grüne tut den Augen und der Seele gut. Jedes noch so kleine Pflänzchen im urbanen Steinmeer mit hoher Auto- und Abgas dichte leistet mit der Photosynthese Kohlenstoffdioxid-Abgase in Sauerstoff verwandeln, der uns durchatmen und uns überleben lässt. Also, liebe Haus- und Gartenbesitzer. Seid keine Betonköpfe. Spart euch die Steine und gönnt euch das Grün vor eurer Haustür. Denn wenn wir alle uns so den entspannenden Blick ins Grüne nicht nur, aber auch vor der eigenen Haustür erhalten, der unseren Geist weit macht und unsere Seele und unseren Körper gesund erhält, sparen wir uns so sicher so manchen Arztbesuch und sorgen dafür, dass die Mülheimer auch morgen und übermorgen noch stolz sein können auf ihre grüne Stadt, die ihnen nicht die Luft zum Atmen nimmt.

Dieser Text erschien am 7. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 9. März 2019

Bleiben wir heiter

Ist heute alles vorbei wie es uns ein Karnevalsschlager nahelegt? Oder müssen wir ab heute, wo die Narretei zu Ende ist, wieder mit dem ganz normalen Wahnsinn rechnen? Ein Narr wäre, wer sich darüber hinwegtäuschen würde, dass auch der größte Spaß an der Freude den Ernst des Lebens nicht weglachen kann. Daran erinnert uns der heutige Aschermittwoch. Müssen wir deshalb alle in Sack und Asche gehen? Lieber nicht. Dafür ist das Leben viel zu ernst als dass wir es uns erlauben könnten, die närrische und heitere Gelassenheit des Karnevals zwischen Aschermittwoch und dem Elften im Elften zu vergessen. Denn wie uns der Dichter Joachim Ringelnatz wissen lässt, ist der Humor (nicht nur zur Fünften Jahreszeit) der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt. Und dieser Humor – die Zeitungslektüre zeigt es uns täglich - ist heute überlebenswichtiger denn je. Bleiben Sie deshalb heiter.

 Dieser Text erschien am 6. März 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 8. März 2019

Das vorerst letzte Helau

Auch die längste und schönste Session hat einmal ein Ende. Am Dienstagabend war es soweit. Die kleinen und großen Tollitäten mussten die an Altweiber eroberten Stadtschlüssel an Oberbürgermeister Ulrich Scholten zurückgeben. "Die Stadtkasse ist leer. Es lohnt sich nicht, sie zuzuschließen. Deshalb haben wir ihnen noch etwas Geld mitgebracht", zeigte sich Kinderprinz Marcel I. dabei großzügig.
"Wir haben es geschafft, Leben in die Stadt zu bringen", zog Stadtprinz Johannes II. eine positive Bilanz seiner Regentschaft. Auch Oberbürgermeister Scholten, der als "Rathausclown" in der karnevalistisch geschmückten Rathausbibliothek, erschien bescheinigte den Tollitäten und den in 13 Gesellschaften aktiven 1.350 Karnevalisten: "Ihr wart die Garanten dafür, dass wir auf eine tolle Zeit zurückschauen können."

Der Präsident des Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval, Markus Uferkamp, dankte nicht nur den Karnevalisten und Tollitäten, sondern auch den vielen Karnevalssponsoren. An Ulrich Scholten gerichtet sagte der Chefkarnevalist: "Sie haben auch in dieser Session gezeigt, dass sie immer für einen Spaß zu haben sind, wenn es um das karnevalistische Brauchtum geht. Und mir hat der ´Rathausclown´ gut gefallen."
Die Präsidentin der Röhrengarde Silber-Blau, Elli Schott, die Scholten als Obermöhne an Altweiber das Kostüm als Rathausclown verpasst hatte, bekam von Scholten den Gründungsorden ihrer 1959 ins Leben gerufenen Gesellschaft geschenkt. "Diesen Orden habe ich vor einigen Jahren von einem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Mannesmann-Röhrenwerke geschenkt bekommen. Und ich glaube, dieser besondere Orden ist bei Ihnen am besten aufgehoben", sagte Scholten, der vor seiner Amtszeit als Oberbürgermeister als Personalleiter bei den heute zur Salzgitter AG gehörenden Mannesmann-Röhrenwerken gearbeitet hatte.
Neben den Tollitäten sorgten auch die Musiker vom Musikzug der Roten Funken, das Tanztrio der Funken und das Kindertanzpaar der KG Mölm Boowenaan für ein kleines Showprogramm zum Sessionsausklang.
Am 11.11. starten die Karnevalisten in die nächste Session, die dann mit dem Rosenmontag am 24. Februar 2020 ihren Höhepunkt erreichen wird.

Dieser Text erschien am 6. März 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Mittwoch, 6. März 2019

Suchtfaktor Karneval


Mitglieder der KG Aunes Ees 2017
beim Rathaussturm am 28.02.2019
Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.

Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellschaft. Schwebig Schwägerin trainiert die integrative Garde der KG Aunes Ees, die bereits beim Fliednerkarneval in Selbeck, beim Grenzenlos-Fest in der Stadthalle und bei weiteren Sozialveranstaltungen das Publikum begeistern konnten.

2018 konnte sich die inzwischen 40 Mitglieder zählende Gesellschaft über 2000 Euro freuen, die sie bei der von der Mülheimer Sparkasse und dem Radio Mülheim gesponserten Aktion „Scheine für Vereine“ gewonnen hatten. Das Geld investierten Schwebig und sein Geschäftsführer Bastian Wahl in die Anschaffung der Gardeuniformen, die mit Türkis-Weiß eine ganz neue Farbmischung auf die Mülheimer Karnevalsbühnen gebracht hat.

„In Sportvereinen geht es um Wettbewerb. Bei uns geht es nur um Spaß an der Freude“, erklärt Schwebig, warum es ihn nicht nur als Vereinsvorsitzenden, sondern auch als Wagenbauer des Hauptausschusses in den Karneval zieht. „Ich bin im Karneval aktiv seit ich sieben bin. Ich kann mir ein Leben ohne Karneval gar nicht vorstellen. Denn nirgendwo sonst wird man so herzlich empfangen und findet eine so generationsübergreifende und unkomplizierte Gemeinschaft“, beschreibt Bastian Wahl seinen persönlichen Suchtfaktor Karneval. Schwebig und Wahl sind sich einig, dass gerade die kleinen und oft belächelten Gesellschaften dem Karneval seine bunte, familiäre und freundschaftliche Farbe geben.

Auch wenn Schwebig von einer großen Karnevalssitzung ihrer Gesellschaft träumen, belassen sie es vorerst aus Kostengründen bei der Einladung zu einer Karnevalsparty. „Wir haben als kleine neue Gesellschaft noch keine Sponsoren und können uns deshalb keinen großen Saal leisten“, betont Schwebig. „Einen Gaststättenkarneval mit Programm wie wir ihn feiern, gibt es so im Mülheimer Karneval kaum noch“, erklärt Wahl das Alleinstellungsmerkmal des kleinen und kommunikativen Karnevalsformates. „Wenn 80 Leute in einer Gaststätte Karneval feiern, ist das gemütlicher und alle kommen miteinander ins Gespräch“, erinnert sich Schwebig an die erste Karnevalsparty seiner Gesellschaft, die am Karnevalssonntag, 3. März, um 17 Uhr in der Gaststätte Zur Reichskrone an der Hauskampstraße 37 in Styrum eine Neuauflage erleben wird. Dort werden die mölmschen Tollitäten, die Tanzgarden der KG Aunes Ees und Schlagersängerin Janine Marx das Publikum in Stimmung bringen 

 Verstärkung willkommen


Neue Mitglieder und Sponsoren sind bei der KG Aunes Ees herzlich willkommen. Die Gesellschaft lädt zu einem monatlichen Staamtisch in die „Reichskrone“ an der Hauskampstraße 37 ein. Ihre Tanzgarden trainieren in einem Übungsraum des Mülheimer Carnevalsclubs, Im Rosenmontagszug werden die Mitglieder der neuen Gesellschaft als Fußgruppe mitgehen. Für die nächste Session plant die Gesellschaft die Anschaffung einer Vereinsstandarte, den Aufbau eines Musikzuges und den Bau eines Rosenmontagszugwagens. Im Sommer steht eine Vereinsfahrt nach Holland im Kalender der KG Aunes Ees. Wer sich für die jüngste Mülheimer Karnevalsgesellschaft interessiert, erreicht ihren Vorsitzenden Jörg Schwebig unter der Rufnummer 0151-14948435. Weitere Informationen finden sich auch im Internet unter; www.kg-aunes-ees-2017.de 

Dieser Text erschien am 1. März 2019 in NRZ & WAZ


Dienstag, 5. März 2019

30.000 Menschen kamen zum Mülheimer Rosenmontagszug


„Kamelle und Helau“, hieß es auch beim Rosenmontagszug 2019, der unter glimpflichen Wetterbedingungen durch die Innenstadt rollte. Doch was am Straßenrand auffiel. Die klassischen Kamelle werden meistens liegen gelassen, während Bälle, Schokoriegel, Plüschtiere, kleine Kartoffelchipstüten und Popkornbeutel bei den kleinen und großen Rosenmontagszugfängern heiß begehrt waren. So mancher machte an der Zugstrecke aus der Not eine Tugend und nutzte seinen Regenschirm mal so und mal so. Nach Angaben des Hauptausschusses Groß Mülheimer Karneval kamen in diesem Jahr rund 30.000 Menschen zum Rosenmontagszug. Das Deutsche Rote Kreuz musste an der Zugstrecke drei Verletzte behandeln. Deren Schnitt- und Kopfverletzungen bezeichnete DRK-Einsatzleiter Martin Meier als „nicht dramatisch.“ Ein gutes Ende nahm der Rosenmontagszug auch für drei kleine Kinder, die im Zuggetümmel ihre Eltern verloren hatten und deshalb nach dem Zug von der Polizei nach Hause gebracht werden mussten.

„Dank der Aktiven aus unseren Gesellschaften und mit Unterstützung unserer Sponsoren und der Mülheimer Hilfsorganisationen Deutsches Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk und Polizei ist es ein wirklich toller Rosenmontagszug geworden, dessen Organisation so abgelaufen ist wie man sich das wünscht“, zog Hauptasschuss-Präsident Markus Uferkamp eine positive Bilanz des erstmal von Reiner Bleier geleiteten Rosenmontagszug. „Wetter gut. Alles gut. Wir haben einen Rosenmontagszug erlebt, dessen Erinnerung uns ein leben lang begleiten wird“, sagten Stadtprinz Johannes II. und Stadtprinzessin Martina I. stellvertretend für sein Tollitäten-Team. „Wir hatten genug Wurfgut an Bord und es hat wirklich Spaß gemacht in so viele fröhliche Gesichter zu schauen“, fanden Kinderprinzessin Dana I. und Kinderprinz Marcel I.

Wenn auch viele Jecken sich für das wettertechnisch wärmere Straßenzivil entschieden hatten, bot der Rosenmontagszug auch diesmal ein kostümtechnisch buntes Bild. Die Klassiker Cowboy, Indianer, Matrosen, Hexen, Piraten, Clowns, Teufelsweib waren ebenso an der Strecke zu sehen wie echte Hingucker. Da entpuppte sich die Dame mit dem topfähnlichen Antennenhelm auf dem Kopf als Außerirdische. Da tummelten sich an der Kaiserstraße Drachen und Flamingos. Und mache närrischen Tierfreunde kamen als Hasen, Kühe, Tiger, Esel, Schafe oder Katzen im Partner- oder gar im Familienlook daher. Sage mir wie du dich verkleidest und ich sage dir, wer du bist. In einem besonders sehenswerten Kostüm ging Dirk Wiesel als ganz großes Küken im Zug der sogenannten Kükengarde der KG Blau Weiß voran, die den Zug mit Musik, Hallo und Helau am Altenhof begrüßte.

Einen echten Farbtupfer verpassten auch die Mitläufer und Mitfahrer aus dem Fliednerdorf dem Rosenmonatagszug, die nicht nur hoch auf dem Wagen der Röhrengarde, sondern auch als Fußgruppe unter anderem als Meerwesen im Zug mit von der närrischen Partie waren. Eine schöne Idee hatten auch die 24 Mitglieder des Rote-Funken-Musikzuges, die im Jahre nach dem Aus der deutschen Steinkohleförderung als Bergleute im Zug mit. Vor allem der schwarze Kohlenstaub im Gesicht machte den Kumpel-Effekt perfekt. „Das ist echte Grillkohle“, verriet Corpsführer Dirk Filipiak die Schminktricks der Funken-Musiker.

Unverhoffte Verstärkung hatte der Rosenmontagszug in letzter Minute aus Bottrop bekommen, wo der Rosenmontagszug wetterbedingt abgesagt worden war. „Wir sind happy, dass Zugleiter Reiner Bleier Ja gesagt hat und wir mit unserem Planwagen und unserem Wurfgut in Mülheim mitfahren können“, freute sich die Vorsitzende des 1. Tanzsportvereins Bottrop, Claudia Adams, die mit 40 Tanzgardistinnen an den Sportstätten Aufstellung genommen hatte, ehe es pünktlich um 14.11 Uhr unter den Klängen von: „Am Rosenmontag bin ich geboren“ los ging.

Mit im Zug fuhren auch vier Motivwagen, die die Dauerbaustelle des eingerüsteten Tersteegenhauses, die zu kurz geratene Thyssenbrücke, die Plastikschwemme in den Ozeanen und den internationalen Terrorismus aufs Korn nahmen. „So groß die Spinne des Terrorismus auch sei. Beim Karneval sind wir dabei“ und: „So viel Plastik kann kein Meer mehr schlucken“, konnte man da lesen. Echte Hingucker waren auch die Prinzenwagen. Die großen Tollitäten kamen in einem Wasserbahnhof, nebst Schiff der Weißen Flotte daher. Und für das Kinderprinzenpaar hatten die Wagenbauer des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval einen Wagen gebaut, der an eine bunte Geburtstagstorte erinnerte und die Mülheimer Landmarken wie den Broicher Wasserturm mit der Camera Obscura und den Bismarckturm oder die Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz ins Bild setzte. Die fleißigen Wagen des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, Jörg Schwebig, Wolfgang Durgeloh und Udo Bohnenkamp räumten mit ihren Prinzenwagen und ihren Motivwagen zur Thyssen-Brücke und zum Plastik in den Weltmeeren alle drei Ehrenpreise für die von den Gesellschaftsvertretern gewählten besten Rosenmontagswagen ab.

Ins Bild passte auch, dass so mancher geschäftstüchtige Jeck mit Getränkeständen, Brezelwagen und Berliner-Ballen-Verkauf die Gunst der närrischen Stunde nutzte, um von der Karnevalskonjunktur ein wenig zu profitieren. Die letzte Gruppe des Rosenmontagszuges bildeten auch diesmal die Mitarbeiter der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft, die mit ihren Müllwagen und Kehrmaschinen den Rest vom Karnevalsfest von der Straße kehrten. Denn auch diesmal hatten manche Jecken, frei nach dem Motto: „Wir sind alle kleine Umwelt-Sünderlein“ ihren Fang noch an Ort und Stelle vernaschten und den Verpackungsmüll auf der Straße liegen ließen.

Dieser Text erschien am 4. März 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

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