Montag, 31. Juli 2017

Künstlerhut statt Klingelbeutel

Früher pilgerten die alten Mülheimer zum Kirchenhügel, zu Sankt Peter  und Sankt Marien. Heute pilgern sie, so sie denn in der Innenstadt wohnen, zum Forum, um ihren täglichen Bedarf zu decken.

Shoppen statt beten. „Ich kaufe ein, also bin ich“, folgen wir heute dem materialistischen Zug der Zeit und beten still, dass der Inhalt unseres Portemonnaies noch für den nächsten Einkauf reichen möge.

Doch am Samstagnachmittag ließ ein junger Mann mit seinem imposant aufgeklappten Konzertflügel die Käufer-Karawane im Café-Dreieck zwischen Rick’s, Leonardo und Alex mit seiner  unüberhörbaren Klaviermusik aufhorchen.  Viele eilige Einkäufer hielten  inne und lauschten andächtig den himmlischen Klängen. Es war, als wollte jemand sagen: Und wir leben doch nicht vom Brot allein, selbst wenn wir nicht ganz ohne unser tägliches Brot auskommen..

Ob der Tonkunst des jungen Pianisten, spendierte der eine oder andere Mithörer dem jungen Mann am Klavier gerne eine Münze, die nicht besser hätte investiert werden können, wenn sie Tags darauf beim sonntäglichen Kirchgang in einen Klingelbeute geworfen worden wäre.

Ich hätte doch auf meine Mutter hören sollen und das Klavierspiel erlernen sollen. Denn ich musste mit den wunderschönen, wenn auch teilweise doch etwas zu kräftig angeschlagenen Klaviertönen im Ohr, einsehen: „Wer Klavier spielen kann hat nicht nur bei den Frauen Glück, und das selbst dann, wenn er auf der Straße steht. Wenn das mal kein Wunder ist.

Dieser Text erschien am 31. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung  

Sonntag, 30. Juli 2017

Auch wenn Papst Benedikt vor 100 Jahren mit seiner Friedensinitiative scheiterte, lohnt es sich, an ihn zu erinnern

Ein Blick auf den Artikel in der Druckausgabe der Tagespost
1.August 1917. Der Erste Weltkrieg geht in sein drittes Jahr. Die europäischen Großmächte liefern sich einen Stellungskrieg, der an seinem Ende 17 Millionen Menschenleben kosten wird.

In dieser Situation ruft Papst Benedikt XV. die kriegführenden Nationen zum Frieden auf. „Der grundlegende Punkt soll der sein, das die materielle Gewalt der Waffen durch die moralische Kraft des Rechtes ersetzt wird.“, unterstreicht der Pontifex in seiner Friedensnote.

Sie hat er zuvor mit dem Fraktionsvorsitzenden der katholischen Zentrumspartei, Matthias Erzberger, und mit seinem bayrischen Nuntius Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., abgesprochen. In ihnen findet Benedikt Gesinnungsgenossen, während deutsche Kardinäle, wie der Münchener Erzbischof Michael Faulhaber oder der Kölner Erzbischof Felix von Hartmann, ganz im Sinne der Obersten Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff den Krieg aus deutscher Sicht als „gerecht“ und dem deutschen Volk „von seinen Feinden aufgezwungen“ verteidigen. Pacellis und Erzbergers Sondierungsgespräche mit Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg bringen kein Ergebnis, da der politisch unter Druck stehende Kanzler keine verbindlichen Friedensbedingungen nennen kann.

Erfolgsaussichten schienen günstig


Obwohl der vormalige Erzbischof von Bologna, Giacomo della Chiesa, der seit dem 3. September 1914 als Papst Benedikt XV. auf dem Stuhl Petri sitzt, bei allen kriegsführenden Staaten moralischen Kredit besitzt, weil er stets eine Politik der Neutralität verfolgt hat, finden seinen Friedensforderungen im Sommer 1917 nur bei den neutralen Staaten uneingeschränkte Zustimmung.
Der 1854 in Genua geborene Papst, der bereits als junger Priester im Staatssekretariat des Vatikans gearbeitet hat, hat bereits in den ersten beiden Kriegsjahren die Kampfhandlungen auf den Schlachtfeldern als „grauenhafte und sinnlose Schlächterei“ verurteilt. Außerdem hat er, auch hier unterstützt, vom deutschen Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, die Unterdrückung und Vernichtung der christlichen Armenier im mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebrandmarkt.

Der Papst schlägt in seiner Friedensnote vom 1. August 1917 vor, alle Kampfhandlungen sofort einzustellen, gemeinsam abzurüsten, auf Reparationen zu verzichten, die besetzten Gebiete zu räumen, die deutschen Kolonien zurückzugeben und die Einrichtung eines Internationalen Gerichtshofes, an dem alle internationalen Streitfragen verhandelt werden sollen.

Vieles spricht zunächst für einen Erfolg Benedikts. Denn die Völker Europas sind 1917 kriegsmüde. Es kommt zu Hungerstreiks und Meutereien. In Russland muss der Zar abdanken. Im März 1917 vermittelt der belgische Offizier, Prinz Sixtus von Parma geheime Friedensgespräche zwischen Österreich-Ungarn und Frankreich. Doch die Verhandlungen werden bekannt und scheitern deshalb, weil Wien den offenen Bruch mit Berlin scheut.
Auch im Deutschen Reich wandelt sich die Stimmung. Der für die deutsche Auslandsproganda zuständige Reichstagsabgeordnete Matthias Erzberger, der noch 1916 für einen deutschen Siegfrieden mit umfangreichen Gebietsgewinnen plädiert hat, stellt am 6. Juli 1917 im Hauptausschuss des Reichstages fest: „Nur der Vorschlag eines sofortigen Verständigungsfriedens kann das Deutsche Reich noch retten.“

Zur Begründung verweist der katholische Politiker auf die Verhandlungen zwischen Frankreich und Österreich-Ungarn, auf den Fehlschlag des deutschen U-Boot-Krieges, den Kriegseintritt der USA zugunsten der Entente-Mächte Frankreich und England sowie auf die offensichtliche Kriegsmüdigkeit der deutschen Bevölkerung und der deutschen Soldaten.
Vor diesem Hintergrund schmiedet Erzberger mit den Sozialdemokraten und der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei eine Koalition, die am 19. Juli 1917 eine Friedensresolution verabschiedet.

Sie bewegt sich ganz auf der Linie Benedikts, fordert sie doch „einem Frieden der Verständigung und der dauerhaften Versöhnung zwischen den Völkern.“ Zwei Tage später sagt auch der neue Reichskanzler Georg Michaelis: „Wir Deutschen wollen in Freiheit und Frieden leben und ein freies Deutschland aufbauen.“
Der Frieden scheint greifbar. Doch die Oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff stellt sich quer. Hindenburg und Ludendorff wollen einen Siegfrieden und umfangreiche Gebietsgewinne für Deutschland um jeden Preis. Hindenburg, der 1914 als „Held von Tannenberg“ die russische Armee aus Ostpreußen vertrieben hat, gilt im Deutschland des Jahres 1917 als eigentlicher Machthaber, der auch Kaiser Wilhelm II.dominiert. Der Nationalökonom und Soziologe Max Weber spricht mit Blick auf Hindenburg von einem „charismatischen Militärdiktator.“

Machtloses Parlament


Das Verfassungsproblem im Deutschen Kaiserreich besteht damals darin, dass die Reichstagsmehrheit allein keine Politik machen kann, weil nur der Kaiser die Reichsregierung ernennen oder entlassen kann.

Unter dem Einfluss der Obersten Heeresleitung hat Kaiser Wilhelm II. am 14. Juli 1917 den Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg entlassen, weil dieser aus ihrer Sicht zu sehr mit einem Verständigungsfrieden geliebäugelt hat. Sein Nachfolger Michaelis weiß sich gewarnt. Dennoch schreibt er im September 1917 an Papst Benedikt: „Wir stimmen mit eurer Heiligkeit überein, dass bestimmte Regeln und Sicherheiten für die gegenseitige Begrenzung der Rüstung zu Lande, zu Wasser und in der Luft,  sowie für die wahre Freiheit  und die Gemeinsamkeit der hohen See, diejenigen Gegenstände darstellen, deren Behandlung in neuem friedlichen Geist das Verhältnis der europäischen Staaten zueinander bestimmen sollte. Sodann ergäbe sich die Aufgabe internationale Meinungsverschiedenheiten mit friedlichen Mitteln entscheiden zu lassen.“

Und in Beratungen mit der österreichischen Regierung sagt 
Michaelis: „Die Frage, ob Deutschland noch ein viertes Kriegsjahr durchhalten wird, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Das Interesse an territorialen Gewinnen muss gegebenenfalls vor der Möglichkeit eines raschen Friedensschlusses zurück treten.“ Doch der Reichskanzler schränkt gleichzeitig ein: „Die letzte Entscheidung hierüber muss bei der militärischen Leitung liegen.“ Und die lässt Michaelis in Person von Paul von Hindenburg wissen: „Ein Blick auf alle Fronten ergibt, dass wir militärisch so stark stehen, wie nie zuvor.“

In einem Brief an Mitglieder des Deutschen Kriegerverbandes fordert Hindenburg: „Die Zähne zusammen gebissen und kein Wort mehr vom Frieden, bis die blutige Arbeit vollbracht und der Sieg unser ist“

Die Macht der Generäle


Und so muss Reichskanzler Michaelis am 19. September 1917 vor allem deshalb die Friedensinitiative des Papstes zurückweisen, weil der Kaiser und seine Generäle nicht bereit sind, mit der Entente nicht über die Räumung des 1871 von Deutschland annektierten Elsaß-Lothringen und des seit 1914 von deutschen Truppen besetzten Belgiens verhandeln wollen.
Aber auch England und Frankreich haben keinen Finger gerührt, um der Friedensinitiative des Papstes zum Durchbruch zu verhelfen. Denn sie fühlen sich nach dem Kriegseintritt der USA, April 1917, militärisch im Vorteil und streben keinen Verständigungsfrieden, sondern eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands, die politische Entmachtung des deutschen Kaisers, die Übernahme der deutschen Kolonien sowie deutsche Reparationen und Gebietsabtretungen an Frankreich an.
Im September 1917 muss der Papst einsehen, dass seine moralische Kraft vor der materiellen Gewalt der Waffen und der Machtpolitiker kapitulieren muss. Fortan konzentriert er seine Kraft auf die humanitäre Hilfe für die Kriegsgefangenen an allen Fronten. Wie im Krieg, so verhallt Benedikts Appell an die Vernunft der politisch Verantwortlichen, auch im Frieden. Benedikts Warnung vor „der Rachsucht“ der Sieger wird ignoriert. Die Siegermächte schreiben im Friedensvertrag von Versailles Deutschland die alleinige Kriegsschuld zu und belasten die neue deutsche Republik mit umfangreichen Gebietsabtretungen und Reparationslasten.  Diese Politik der Revanche kostet Europa einen Diktatur und einen weiteren Weltkrieg.

Auf den Spuren Benedikts


Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, der noch einmal fast 60 Millionen Menschenleben gekostet hat, handeln die europäischen Staatsmänner in Benedikts Geist, in dem sie 40 Jahre nach seiner gescheiterten Friedensinitiative das Friedenswerk der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft auf den Weg bringen. Benedikt Vision eines Internationalen Gerichtshofes wird immerhin schon in seinem Todesjahr 1922 realisiert und 1945 von den neu gegründeten Vereinten Nationen wiederbelebt.

Zweifellos kann man Benedikt XV. als historischen Kronzeugen für die Europäische Union ansehen, die nicht von ungefähr 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Es verwundert nach zwei Weltkriegen nicht, dass es 2005 mit dem 1927 geborenen Kardinal Joseph Ratzinger ein Papst aus Deutschland war, der sich mit seiner Namenswahl als Benedikt XVI. in die Nachfolge des weitsichtigen Friedenspapstes gestellt hat. 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges und des Pontifikates von Benedikt XV. kam die Historikerin Birgit Aschmann bei einer Veranstaltung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu folgender Einschätzung dieses Friedenspapstes:

„Natürlich sind es Spekulationen. Aber es lohnt doch, sich zu fragen, was 1917 passiert oder nicht passiert wäre, wenn es zu dem von Benedikt XV. erstrebten gerechten und dauerhaften Frieden gekommen wäre. Hätte die russische Revolution aufgehalten werden können? Hätten die Nationalsozialischen dann noch in Deutschland einen fruchtbaren Boden gefunden? Eines ist klar: Die deutschen Katholiken, Kleriker und Laien, haben vor und während des Ersten Weltkrieges nicht genug für den Frieden getan.“

Dieser Text erschien am 29. Juli 2017 in der katholischen Zeitung Die Tagespost

Samstag, 29. Juli 2017

Die Kirchen werden kleiner: Dennoch ist Superintendent Gerald Hillebrand davon überzeugt, dass die Christen auch in Zukunft als soziales Gewissen der Gesellschaft gebraucht werden

Superintndent Pfarrer Gerald Hillenrand
Foto: Evangelischer Kirchenkreis An der Ruhr
Die katholische Kirche schrumpft.Die Evangelische Kirche tut es auch. Höchste Zeit, sich Gedanken über die Zukunft der christlichen Kirchen zu machen. Ein Gespräch mit dem neuen Superintendenten des Evangelischen Kirchenkreises, Pfarrer Gerald Hillebrand.

Haben die schrumpfenden Kirchen noch Zukunft oder sind sie ein Auslaufmodell?

Sie haben Zukunft, aber sie werden kleiner und ihre Gemeindeleben wird sich verändern. Wir werden weniger Gottesdienstorte haben und die Gemeinden werden unterschiedliche Schwerpunkte bilden statt alle das ganze Programm der Gemeindearbeit zu leisten. Da wird sich dann eine Gemeinde auf die Kirchenmusik, eine weitere auf Jugendgottesdienste und die nächste vielleicht auf gesellschaftspolitische Fragen konzentrieren, um so zu einem Ort zu werden, der interessierte Menschen anziehen kann.

Bedeutet Konzentration nicht, dass gerade ältere immobile Menschen abgehängt werden?

Da müssen wir mit ehrenamtlichen Transport- und Besuchsdiensten gegensteuern. Doch diese Ehrenamtlichen muss man erst mal finden. Und so werden wir am Ende sicher nicht mehr jeden erreichen, so traurig das ist. Wir werden in jedem Stadtteil nur noch mit einer Kirche präsent sein können.

Haben auch die Hauptamtlichen ihren Anteil daran, dass heute so viele Menschen ihre Kirche verlassen?

Das steht außer Frage. Kirche war in den vergangenen Jahrzehnten fast ausschließlich eine Sache der bürgerlichen Mitte, Trotz einiger Bemühungen haben wir es nicht geschafft auch andere Bevölkerungsgruppen an uns zu binden und ihnen so deutlich zu machen, was wir ihnen zu sagen und zu geben haben. Wir müssen auch erkennen, dass man nicht nur am Sonntagmorgen in der Kirche Gottesdienst feiern und Gemeinde leben kann. Das geht auch in Gemeindegruppen, die sich unter einem gemeinsamen Interesse treffen und entdecken, wie schön es sein kann, auch für andere da zu sein, ohne, dass sie am Sonntag in Scharen in den Gottesdienst kommen.

Wie wird das kirchliche Ehrenamt der Zukunft aussehen?

Das Luther-Musical hat gezeigt, dass sich auch heute Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten für kirchliche Projekte begeistern lassen. Aber Menschen werden sich in Zukunft eben nicht mehr über Jahrzehnte in einer Gruppe oder in einem bestimmten Gremium einbringen..

Warum braucht unsere Gesellschaft auch künftig die christlichen Kirchen?

Weil sie wichtige Werte, wie soziale Verantwortung, gesellschaftlichen Gestaltungswillen und Nächstenliebe vertreten und Menschen eine Stimme geben, die selbst zu schwach sind, um sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern. Diese Aufgabe bleibt.

Wie kann und muss Kirche auch in Zukunft soziale Verantwortung übernehmen?

Das Diakonische Werk und das Diakoniewerk Arbeit und Kultur sind gut aufgestellt, wenn es darum geht Menschen in unterschiedlichen Notlagen zu helfen oder  ihnen eine Stimme und eine Beschäftigung zu geben, die sie auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht bekommen, weil sie die Voraussetzungen dafür nicht mitbringen. Wir müssen als Kirchen und als Gesellschaft in diese Aufgabe investieren und die Menschen davon überzeugen, dass Wirtschaften ein Teil des Lebens ist, aber nicht alles im Leben unter wirtschaftlichem Aspekt betrachtet werden kann.

Wird die Zukunft der Kirchen ökumenisch sein?

Eben weil Kirche heute nicht mehr die Stimme, sondern nur noch eine Stimme unter vielen ist, müssen sich die katholische und die evangelische Kirche gemeinsam äußern, wenn es um soziale und ethische Fragen geht, damit die Stimme der Christen weiter gehört wird. Das so etwas gut funktionieren kann, sehen wir unter anderem bei der Kampagne für den einkaufsfreien Sonntag, bei dem die beiden christlichen Kirchen und die Gewerkschaften den Schulterschluss praktizieren, Auch die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist ein wichtiges ökumenisches Handlungsfeld. Neben dem ökumenischen Friedensgebet und dem ökumenischen Gemeindefest auf dem Kirchenhügel war auch unter das gemeinsame Inklusionsfest auf dem Kirchenhügel ein Beispiel für eine gelungene ökumenische Aktionsgemeinschaft, die in der Zukunft weiter ausgebaut werden kann, auch ganz praktisch bei der ökumenischen Nutzung der kirchlichen Räume.

Wie sag ich's meinem Kinde, wenn eine christliche Sozialisazion die Ausnahme und nicht mehr die Regel ist?

Wir müssen in Zukunft stärker, als bisher in religiöse Jugend- und Erwachsenenbildung investieren und gleichzeitig die Möglichkeiten in unseren Kindertagesstätten mit der Frohen Botschaft bekannt und vertraut zu machen. Außerdem haben wir durch eine gute und engagierte Jugendarbeit die Möglichkeit mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber ganz ohne die Familien wird religiöse Erziehung und Bildung nicht funktionieren. Es wird als für uns schwieriger.

Die Zahl der Christen sinkt, die der Muslime steigt. Wie sehen Sie den islamisch-christlichen Dialog?

Dieser Dialog ist im Moment sehr schwierig, weil es die eine islamische Stimme nicht gibt und die Moscheegemeinden zum Teil sehr klein sind. Vor dem Hintergrund der politischen Entwicklung erleben wir als Vertreter der christlichen Kirchen zurzeit eine große Zurückhaltung auf der muslimischen Seite. Damit der Dialog und das friedliche Zusammenleben gelingen, hoffe ich auf die Erkenntnis, dass man den Islam nicht mit Islamismus gleichsetzen darf. Und ich hoffe auf einen europäischen Islam, der sich auf dem Boden der europäischen Werte bewegt.

Kann die Krise der christlichen Kirchen auch zu einem Aufbruch werden?

Der kirchliche Schrumpfungsprozess, den wir erleben, bringt schmerzliche Abschiede mit sich, aber birgt auch die Chance der Konzentration auf Punkte, die uns wichtig sind und die wir auch in Zukunft in die Gesellschaft tragen werden. Daran wird auch die Tatsache nichts ändern, dass wir als Kirche kleiner werden.

Zahlen und Fakten

Nach Angaben des Bistums Essen gehörten 2016 48.305 Mülheimer der Katholischen Kirche an, 302 traten im Laufes Jahres aus der katholischen Kirche aus, während 4 wieder in die katholische Kirche eintraten.

Nach Angaben des Evangelischen Kirchenkreises gehörten 2016 47.008 Mülheimer der Evangelischen Kirche an. 372 traten aus der Evangelischen Kirche aus und 76 wurden wieder in die Evangelische Kirche aufgenommen. Für den 2017 weist der Evangelische Kirchenkreis An der Ruhr 46.551 Gemeindemitglieder aus.

Dieser Text erschien am 29. Juli 2017 in NRZ und WAZ


Freitag, 28. Juli 2017

Was Jugendliche beim "Judo-Opa" Edmund Hausmann für ihr Leben lernen können

Man sieht Edmund Hausmann seine 80 Jahre nicht an. Der pensionierte Maschinenbauingenieur, der ein halbes Leben für Siemens von einer Kraftwerksbaustelle zur nächsten reiste, macht einen ausgesprochen vitalen und drahtigen Eindruck.
„Ich bin nicht der Mensch, der mit der Fernbedienung und einer Flasche Bier vor dem Fernsehen sitzt. Ich brauche Bewegung und Action“, sagt er. Deshalb geht auch einmal pro Woche zur Gathestraße, um Fünft- und Sechstklässlern zwei Stunden lang zu zeigen, wie sie ihre Mitschüler aufs Kreuz legen können. Denn der dynamische Mann aus Dümpten ist Judotrainer und gibt sein Judo-Wissen nicht nur in Mülheim, sondern auch in Duisburg und Düsseldorf an Kinder und Jugendliche weiter.

"Beim Judo geht es um Werte!


Immer wieder mittwochs trifft er sich in der der Sporthalle an der Gathestraße mit den 12- und 13-Jährigen, um sie in das kleine Einmaleins des Judos einzuweihen. „Beim Judo kann man alles lernen, was man im Leben braucht“, sagt der Trainer mit dem schwarzen Meister-Gurt, den seine Schützlinge liebevoll „Judo-Opa“ nennen. Den Spitznamen lässt der ansonsten streng und konsequent agierende Trainer gelten, weil er diesen Spitznamen, „als einen Ausdruck des Respekts“ empfindet. „Respekt, Wertschätzung, Verantwortungsgefühl, Vorbild sein, Bescheidenheit, Mut, Ausdauer, Rücksichtnahme und das Akzeptieren von Regeln.“ All das bringt Hausmann den Jungen und Mädchen von der Hexbachtalschule auf den mit finanzieller Hilfe der Sparkasse Mülheim angeschafften Judomatten ganz spielerisch bei.

Konsequentes Training


Regelverstöße, wie etwa Nachtreten oder Beschimpfungen, lässt Hausmann nicht gelten. Da geht er sofort dazwischen und maßregelt den Delinquenten. In einem Fall, als auch mehrfache Ermahnungen im Guten nichts brachten, musste Hausmann einen Jungen, „der den Judounterricht gut gebrauchen konnte“ schweren Herzens aus der Gruppe ausschließen. „Aber auch das war für den betroffenen Jungen ein schmerzhafter, aber wichtiger Lernprozess. Kinder brauchen Erziehung, Regeln und Grenzen, wenn sie zu einer sozialen Persönlichkeit heranreifen sollen“, betont der Judo-Trainer. 

„Mir gefällt, dass Herr Hausmann alles mit schönen Beispielen macht. Er hat für alles ein Schlagwort. Er vergleicht die Judobegriffe mit alltäglichen Sachen, sodass man sich das gut vorstellen kann. Judo hat dazu geführt, dass ich sehr viel Spaß habe. Ich fühle mich heute sicherer dadurch. Mich beeindruckt, dass sich Herr Hausmann die Zeit für die Schüler nimmt und dass er auch Schülern etwas beibringt, die nicht so oft kommen. Er hat ganz viel Geduld.“, lobt Schüler René Handke seinen Judo-Trainer.

Bevor Hausmann und seine jungen Judokas an die ersten Wurfübungen herangehen, wärmen sie sich erst mal auf, damit ihre Knochen und Muskeln elastisch werden. Dann sind die Fallübungen dran, mal nah rechts, mal nach links, mal nach vorne und mal nach hinten. Spätestens jetzt erkennt der Zuschauer: Beim Judo geht es zuerst um Körperbeherrschung und erst in zweiter Linie um Selbstverteidigung im Ernstfall. Wer beim Judo auf der Matte im geschützten Raum der Sporthalle gelernt hat, richtig zu fallen, ist auch draußen, auf der Straße sicherer unterwegs und weiß, wie er oder sie sich im Falle eines Sturzes abrollen kann und muss, um keine Knochenbrüche zu erleiden.

Auch in den stressigsten Zeiten seines internationalen Berufslebens hat Hausmann, der selbst als Schüler bei einem kriegsversehrten Trainer seine ersten Judo-Stunden bekam, das Judo nie aufgegeben, „weil es mir immer wieder geholfen hat, den Kopf frei zu bekommen.“

Auch im Alter noch fit und fröhlich


Und wie lange will der „Judo-Opa“ im Rahmen des von CBE-Mitarbeiterin Marlies Rustemeyer betreuten Ziel-Projektes noch als ehrenamtliche Judo-Trainer mit den Hexbachtal-Schülern auf die Matte gehen? „Also am Rollator werde ich nicht mehr auf die Matte gehen. Aber solange ich noch fit bin, mich gerne bewege und den Kindern etwas auf ihren Lebensweg mitgeben kann, mache ich weiter“, sagt der Judo-Altmeister und lächelt mit spitzbübischem Charme. Marlies Rustemeyer, die sein Judo-Training im Auftrag des Centrums für bürgerschaftliches Engagement organisatorisch begleitet, bewundert Hausmann, „weil er mit seinen 80 Jahren noch so fit ist, immer gute Laune hat und als Mensch eine herausragende Persönlichkeit ist.“

Dieser Text erschien am 21. Mai 2017 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

Donnerstag, 27. Juli 2017

Ansichten eines Schäfchens

Heiland, schmeiß Geld runter. So rief mein Religionslehrer in die Klasse, wenn eines seiner Schäfchen die Frohe Botschaft nicht verstehen oder nicht praktizieren wollte. So muss es Mülheims katholischen Gottesmännern gehen, wenn sie gestern in der NRZ lesen mussten, dass nur 8,7 Prozent ihrer Schäfchen zum Gottesdienst kommen und den 302 Kirchenaustritten des  Jahres  2016 nur 4 Kircheintritte gegenüber standen.  Das ist auch im Luther-Jahr kein Grund zur Schadenfreude. Denn auch den evangelischen Hirten laufen Schäfchen davon.

„Heiland, hilf!“ mag der bedrückte Christenmensch da flehen. Doch das allein wird wohl nicht helfen, wenn das Bodenpersonal nicht dafür sorgt, dass Kirchen mehr als ein großer prächtiger Gebetsraum sind, sondern sie zu anziehenden und wärmenden Orten werden, die in einer oft kalten Welt mehr denn je gebraucht werden, um Menschen zusammenzubringen, damit sie nicht nur miteinander beten, sondern sich in der Begegnung und im Gespräch, die im besten Fall zur gemeinsamen Tat führen, mit dem Brot der christlichen Nächstenliebe stärken und helfen. Wenn Kirche so alltäglich wird, wird sie auch wieder für alle Schäfchen attraktiv.

Dieser Text erschien am 27. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 26. Juli 2017

Braucht unsere Demokratie neue Konzepte? Eine Diskussion in der katholischen Akademie

Auf dem Podium (von links): Politikwissenschaftler Martin Florack, Alexander
Trennheuser von Mehr Demokratie e.V., Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck
und Moderator Tobia Hennrix.
Gut, dass die Katholische Akademie wohltemperiert ist. So trauten sich interessierte Staatsbürger aus dem Ruhrbistum auch an einem hochsommerlichen Spieltag der Confederation Cups in ihr Auditorium, um darüber zu diskutieren, ob Deutschland neue Demokratiekonzepte braucht, um auch in Zukunft als freier und demokratischer Rechtsstaat funktionieren zu können.

Thomas Schlenz, Arbeitsdirektor bei Thyssen Stahl und nebenberuflich Vorsitzender des Bistumsrates für Wirtschaft und Soziales wies darauf hin, dass sich die Wahlbeteilung, die zuletzt bei der Landtagswahl wieder auf 65 Prozent angestiegen sei, auf lange Sicht immer noch deutlich unter den 80 bis 90 Prozent liege, die noch in den 70er und 80er Jahren das Maß der politischen Dinge gewesen seien.

Was tun, um den Menschen wieder mehr Lust auf Demokratie zu machen? “Mut zu Volksinitiativen und Volksentscheiden, wie in der Schweiz. Auch die deutschen Bundesländer und Kommunen hätten gute Erfahrungen mit Bürgerbegehren gemacht”, unterstrich der Landesgeschäftsführer des bundesweit 10.000 Mitglieder zählenden Vereins Mehr Demokratie, Alexander Trennheuser. Aus Sicht des Sozialwissenschaftlers könnten Volksinitiativen und Volksentscheide auch auf Bundesebene das leisten, was sie auf Landes- und Stadtebene längst bewiesen hätten, “mehr Bürger an politischen Entscheidungen zu beteiligen und so als Korrektiv der Parlamente zu wirken. Das Volks- und Bürgerbegehren ganz nebenbei auch das politische Wissen der Bürger befördern liegt für den Demokratie-Aktivisten Trennheuser auf der Hand.

Der Duisburger Politikwissenschaftler Martin Florack und Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck schütteten dagegen Wasser in den basisdemokratischen Wein. Den Brexit aber auch lokale Bürgerbegehren gegen verkehrtechnisch sinnvoll Projekte, wie die Weiterführung einer Straßenbahnlinie in Oberhausen oder den Bau eines Straßentunnels in Gladbeck, führten sie als Beispiele dafür ins Feld, dass Volksentscheide nicht automatisch zu besseren politischen Entscheidungen führen müssen.

Florack und Overbeck plädierten für eine Bildungsoffensive, zum zunächst einmal die Grundlage für politische Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungswilligkeit zu schaffen.

Für Overbeck, der innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz die Kommission für gesellschaftspolitische Fragen leitet, steht außer Frage, “dass die repräsentative Demokratie bei allen unbestreitbaren Schwierigkeiten im weltweiten Vergleich immer noch die klügste und funktionsfähigste Staatsform ist.”

Dass sich so viele Menschen in unserem Land und vor allem in unserer sich stark wandelnden Industrieregion abgehängt fühlen und deshalb keine Lust mehr auf Politik haben und ihren Glauben an die Demokratie verloren haben, hat für Franz-Josef Overbeck vor allem einen Grund. “Unsere soziale Marktwirtschaft sorgt nicht mehr ausreichend für soziale Gerechtigkeit. Die soziale Schere zwischen denen, die viel zu wenig und denen, die viel zu viel haben, öffnet sich immer weiter”, diagnostizierte der Ruhrbischof.

Sehr aufschlussreich war der politikwissenschaftliche Parforceritt, den Martin Florack, seinen Zuhörern in der Wolfsburg bot. Dem ausgesprochen demokratischen Verhältniswahlrecht der Konsensdemokratien Deutschlands und der Niederlande stellte er das mehrheitsbildende Wahlrecht in Frankreich und Großbritannien entgegen, das auf der einen Seite viele Stimmen unter den Tisch fallen lässt auf der anderen Seite aber klare Mehrheiten und damit auch schnellere und klarere Entscheidungen und politische Verantwortlichkeiten fördert.

Florack zeigte am Beispiel des Essener und Mülheimer Nord-Südgefälles, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Bildung, Wohlstand und hoher Wahlbeteiligung auf der einen Seite und geringer Bildung, sozialer Benachteiligung und niedriger Wahlbeteiligung gibt. Vor diesem Hintergrund warnte der Politikwissenschaftler vor der Erwartung, dass mehr Volks- und Bürgerbegehren zu mehr politischer Beteiligung und mehr sozialer Gerechtigkeit führen werde. Im Gegenteil. Florack glaubt, “dass plebiszitäre Elemente vor allem von den gebildeten und wohlhabenden Bürgern genutzt werden, um ihre politischen Interessen durchzusetzen und die soziale Verzerrung der politischen Teilhabe dadurch eher noch verstärkt würde.

Aus dem Publikum heraus wurde angeregt, in Deutschland, wie zum Beispiel in Belgien, eine Wahlpflicht einzuführen. Außerdem plädierten einige Zuhörer für die Einführung eines konsultativen Elements, in dem Politiker, aber auch Entscheidungsträger in Wirtschaft und Kirche den Dialog interessierten, ideenreichen und kompetenten Bürgern institutionalisieren sollten.

Ein Veranstaltungsteilnehmer wies darauf hin, dass das Vertrauen der Bürger vor allem dadurch untergraben werde, dass der Gesetzgeber aber auch die oft arbeitstechnisch überlasteten Gerichte und Staatsanwaltschaften den Rechtsstaat oft nur unzureichend und zeitverzögert durchsetzten. 


Dieser Text erschien am 30. Juni 2017 im Neuen RuhrWort

Dienstag, 25. Juli 2017

Die Walkmühle: Von der Mühle zum Restaurant: Ein Zeitsprung im Rumbachtal

Die Walkmühle im Jahr 1930
Eine Postkartenansicht aus dem Stadtarchiv
Die Walkmühle im Rumbachtal kennen Mülheimer seit Generationen als gutes Restaurant. Gerade erst hat der Gastronom Vito Piepoli nach 48 Jahren den Staffelstab an seinen Nachfolger Sergio Sirik übergeben.

Auch die historische Aufnahme aus dem Jahr 1930, die uns Postkarten Sammler Gerd Wilhelm Scholl zur Verfügung gestellt hat, zeigt die alte Walkmühle, in der ab 1385 Getreide, Stoffe, Früchte, Öl, Holz und Papier gewalkt und gemahlen wurden, als einen gastlichen Ort.

Schon seit 1826 ist die Walkmühle im Rumbachtal ein beliebtes Ausflugslokal. Wie man auf der Postkartenaufnahme aus den frühen 30er Jahren erkennen kann, wurde der später zugeschüttete Mühlenteich damals noch für Bootspartien genutzt.
Schon 1898 warb die Walkmühle in einer Zeitungsanzeige mit ihrer „romantischen Lage und schattigen Spazierwegen, die für Ausflüge von Gesellschaften, Vereinen und Schulen besonders geeignet sind.“

Gastronomisch lockte man die  Gäste mit „vorzüglichem Kaffee und selbstgebackenem Weißbrot“ sowie mit „einer reichhaltigen Weinkarte und hellem Dortmunder Bier.“
Als die historische Postkartenaufnahme entstand, wurde das Ausflugslokal bereits seit 30 Jahren vom Gastwirt Haustadt geführt. Der verkaufte das Gasthaus 1939 an Wilhelm Rotthoff. Der wiederum übergab das alte Mühlen- und Gasthaus später seinem Neffen Herbert Storks. Die Familie Storks ist auch heute noch Besitzerin der Walkmühle. Sie war einst nur eine von sieben Mühlen, die am Rumbach klapperten.

Dieser Text erschien am 24. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 24. Juli 2017

Nachbarn können auch nett sein

Feind, Intimfeind, Parteifreund steigerte einst Kanzler Konrad Adenauer. Ähnlich verbindet heute so mancher Zeitgenosse mit dem Wort Nachbarschaft eher das Wort Nachbarschaftsstreit als das Wort Nachbarschaftshilfe.

Streitigkeiten über zu laute Musik, Äste, die zu weit über die Grundstücksgrenze hinausragen, vermüllte Kellerräume, zugeparkte Einfahrten oder ungemähte Rasenflächen füllen  ganze Gerichtsakten oder beschäftigen Heerscharen von Schiedsleuten.  Wie schön, dass es auch noch nette Nachbarn gibt, die einem einfach mal so morgens die Zeitung und eine gut gefüllte Brötchentüte vor die Türe legen, so dass das Frühstück schon geritzt ist und man nur noch die Kaffeemaschine anwerfen muss.

Eine schöne Idee, die nicht viel kostet, aber viel Freude macht. Da darf sich der mitdenkende Nachbar schon mal auf das nächste Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee freuen. Man sieht. Es sind die kleinen Dinge, die den Alltag leichter machen. Auch gute Nachbarschaft geht durch den Magen, wenn einem nur nicht die neueste Post vom Vermieter auf den Magen schlagen würde, der die nächste Mieterhöhung ankündigt. Da ist für alle Nachbarn der Ofen aus.

Dieser Text erschien am 20. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Sonntag, 23. Juli 2017

Die wechselvolle Geschichte eines ganz besonderen Sparschweins

Wenn es um ihr Geld geht, gehen die meisten Mülheimer zur Sparkasse. Wer an der unteren Aktienstraße wohnt, hat keinen weiten Weg und stößt zwischen dem Bürgergarten und der 1965 eröffneten Sparkassenfiliale auf ein steinernes Sparschwein, auf dem Kinder mit ihren Geldbeuteln reiten. Seit 2001 steht diese Skulptur vor der Filiale, in der derzeit sechs Mitarbeiter 3000 Kunden betreuen. Davor war sie, zwischen 1967 und 2001 an der damaligen Sparkassenfiliale an der Prinzeß-Luise-Straße in Broich aufgestellt.
Doch das gewichtige Sparschwein hat eine erheblich längere Geschichte, mit der sich unter anderem der Mülheimer Religionspädagoge Gerhard Bennertz beschäftigt hat. Denn er hat seit den frühen 1980er Jahren das Schicksal der jüdischen Mülheimer erforscht, die während der Nazi-Jahre 1933 bis 1945 verfolgt, gequält und getötet wurden. 

Ein Schwein sorgt für Ärger


Und eben dieses Sparschwein, das heute an der unteren Aktienstraße steht, wurde anno 1909 am Portal der damals neuerrichteten Sparkasse am Viktoriaplatz angebracht. Das Problem: Das Sparschwein zeigte der benachbarten Synagoge, die bereits 1907 am Viktoriaplatz eröffnet worden war, sein Hinterteil. War dies ein antisemitischer Affront, wie es der Leiter des Stadtarchivs, Dr. Kai Rawe, in seinem Jubiläumsvortrag zum 175. Geburtstag der Sparkasse ausgeführt hat? Oder handelte es sich um einen Architektenscherz, der vor allem den orthodoxen, weniger aber den liberalen Mitgliedern der damals rund 700 Seelen zählenden Gemeinde übel aufstieß, wie es Bennertz glaubt? Dass sich die Aufregung in der Jüdischen Gemeinde damals, ob des Sparschweins über dem Sparkassenportal in Grenzen hielt, hat Bennertz bereits vor vielen Jahren in Israel erfahren, wo er damals mit ehemaligen Schülern des damaligen Gemeinde-Rabbiners Otto Kaiser über die Mülheimer Sparschwein-Affäre des Jahres 1909 gesprochen hatte. „Da die Synagoge damals neben ihrem Haupteingang zwei Nebeneingänge hatte, konnten orthodoxe Gemeindemitglieder, die Anstoß am Sparschwein über dem benachbarten Sparkassenportal nahmen, den für sie unangenehmen Anblick beim Besuch des Gotteshauses ganz einfach vermeiden“, berichtet Bennertz.

Stadtverordnete gaben dem Einspruch statt


Immerhin folgte der Stadtrat noch im Jahre 1909 einer Eingabe des Rabbiners Otto Kaiser und ließ das Sparschwein vom Sparkassenportal wieder entfernen. Doch die dunkelsten Jahre sollten der Jüdischen Gemeinde noch bevorstehen. Schon in den ersten Jahren nach der Machtübernahme durch die Nazis gingen viele Gemeindemitglieder zwischen 1933 und 1938 ins Exil. Dadurch sank die Zahl der Gemeindemitglieder auf rund 340. Weil die unter dem Druck der äußeren Ereignisse geschrumpfte Gemeinde ihre Synagoge nicht mehr unterhalten konnte und sich auf ihr Gemeindehaus an der Löhstraße beschränken musste, verkaufte der Gemeindevorstand das ursprünglich für 300.000 Mark erbaute Gotteshaus für 56.000 Reichsmark an die Stadtsparkasse.

Teil einer dunklen Geschichte


Doch die Tage der Synagoge waren gezählt. Ausgerechnet Mülheims damaliger Feuerwehrchef Alfred Freter befahl in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 das Niederbrennen des jüdischen Gotteshauses. 1939 wurden seine Überreste an der Ecke Viktoriaplatz/Wallstraße geräumt. Doch die noch in Mülheim verbliebenen Gemeindemitglieder mussten nicht nur um ihre Häuser und ihren Besitz, sondern um ihr Leben fürchten. Ab 1941 begann ihre Internierung in sogenannten Judenhäusern, der ihre Deportation in die Vernichtungslager der Nazis folgte. 270 jüdische Mülheimer wurden Opfer des Holocaust.

Neues jüdisches Leben


Unglaublich, aber wahr, entwickelte sich nach 1945 ein neues jüdisches Gemeindeleben. Unter der Führung von Salomon Lifsches einigte sich die etwa 100 Mitglieder zählende Gemeinde mit der Stadtsparkasse in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre auf eine Entschädigung für die unter Wert verkaufte und später niedergebrannte Synagoge. Die Stadtsparkasse zahlte der Jüdischen Gemeinde 78.500 Mark und übereignete ihr ein 300 Quadratmeter großes Grundstück an der Wallstraße. Etwa zu gleichen Zeit, musste sich der ehemalige SS-Mann, Feuerwehrchef und Brandstifter Alfred Freter 1959 vor Gericht verantworten. Er wurde aber aus formalrechtlichen Gründen freigesprochen, weil er sich auf einen Befehlsnotstand berief und der Straftatbestand der Brandstiftung damals bereits verjährt war. Ihr Grundstück an der Wallstraße tauschte die Gemeinde in den 60er Jahre gegen ein anderes Gelände an der Kampstraße, wo eine neue Synagoge errichtet wurde. Derweil lagerte das ausgemusterte Sparschwein zunächst in einem Garten an der Zinkhüttenstraße, ehe es 1967 vor der Sparkassenfiliale an der Prinzeß-Luise-Straße aufgestellt werden sollte. Und von einem Zwischenlager an der Bahnstraße kam das Sparschwein mit seinen kleinen Reitern dann an seinen heutigen Standort. Und der ehemalige Viktoriaplatz heißt, in Erinnerung an die dort 1938 niedergebrannte Synagoge, seit 2009 Synagogenplatz.
Einblick in die wechselhafte Geschichte der Mülheimer Sparkasse, bietet eine interessante Ausstellung, die noch bis zum 20. September in ihrer Hauptgeschäftsstelle am Berliner Platz zu sehen ist.


Dieser Text erschien am 27. März 2017 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

Freitag, 21. Juli 2017

Die Sparkasse beleuchtet auch die dunklen Seiten ihrer Geschichte

Sparkassenwerbung aus den 1930er Jahren (Foto DSGV)
Wer in die Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse kommt, sollte sich Zeit nehmen. Denn in der ersten Etage der Sparkassen-Zentrale am Berliner Platz beleuchtet eine Ausstellung der Historiker Dr. Ingo Stader und Max Schlenker die 175-jährige Geschichte. Jetzt haben Stader und Schlenker ihre Ausstellung, die noch bis zum 20.
September zu sehen ist, um einige Text- und Bild-Banner ergänzt. Diese beleuchten die Sparkassengeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus.
"Wir hatten bei unseren Recherchen im Stadtarchiv und im Landesarchiv freie Hand. Das war sehr angenehm und ist auch heute nicht bei allen Unternehmen üblich, die in einem Jubiläumsjahr ihre Geschichte dokumentieren wollen", betont Dr. Stader. "Ich wollte einfach wissen, was in dieser Zeit bei uns passiert ist", erklärt Sparkassen-Chef Martin Weck seine Motivation.

Der Ausstellungsbesucher stößt auf verstörende Werbeplakate aus den 1930er und 1940er Jahren. "Das Sparen der Frau ist Dienst am Volk!" heißt es da oder: "Die Heimat arbeitet und spart für die Front." Max Schlenker weist darauf hin, dass die Sparbucheinlagen der Kunden damals in Reichsanleihen angelegt werden mussten, ohne das die Sparer von dieser Zweckentfremdung ihres Geldes erfuhren. Hitlers Krieg kostete nicht nur Menschenleben, sondern auch Geld. Und nach dem Krieg war die deutsche Währung faktisch wertlos. Bei der Währungsreform 1948 wurden alle Reichsmark-Sparguthaben im Verhältnis 1:10 abgewertet.

"Die Reichsanleihen waren eine Pervertierung des Sparkassen-Gedankens. Denn die Sparkassen waren ja ursprünglich für die Lebens- und Altersvorsorge gegründet worden", erinnert Ingo Stader, Geschäftsführer der gleichnamigen Agentur History & Communication.

Max Schlenker macht deutlich, dass die Nazis mit ihren Führerprinzip bei den Stadtsparkassen der damaligen Zeit leichtes Spiel hatten, weil sie anders, als die heutigen Sparkassen als städtische Ämter geführt wurden. So war es den Nazis, die zusammen mit den Deutschnationalen ab März 1933 in Mülheim die Ratsmehrheit stellten, auch möglich alle Vorstandsposten der Stadtsparkasse mit ihren politischen Gefolgsleuten zu besetzen. So gehörte auch der Kreisleiter der NSDAP, Karl Camphausen, der von Bankgeschäften keine Ahnung hatte, zumindest bis 1936 dem Vorstand der Stadtsparkasse an, 

Parteigenossen erwiesen sich als unfähig


Doch die Rechnung ging nicht auf. Die Nazis mussten bald erkennen, dass ihre Parteigenossen fachlich nicht geeignet waren, ihre Vorstandsämter auszufüllen. Deshalb kam es 1936 nicht nur im Sparkassenvorstand zu einem großen Stühlerücken. Der Vorstandsvorsitzende und Stadtkämmerer Johann Bottenbruch blieb in den Jahren 1934 bis 1946 die einzige personelle Konstante im Vorstand der Sparkasse. Das Bottenbruch NSDAP-Mitglied aber auch Mitglied in der regime-kritischen Bekennenden Kirche war, zeigt, dass es während der NS-Zeit kein reines Schwarz-Weiß-Muster gab. 

Bottenbruch wurde wohl deshalb auch nach dem Krieg als "minder belastet" und später sogar nur als "Mitläufer" entnazifiziert. Als "minder belastet" wurde auch ein Rendant eingestuft, weil ihm nachgewiesen werden konnte, dass er aufgrund seiner langjährigen und aktiven Rolle in der NSDAP die Stelle eines den Nazis politisch missliebigen Kollegen bekommen hatte.

Weil die entsprechenden Akten aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes noch gesperrt sind, konnten die von der Sparkasse beauftragen Historiker bisher keine Erkenntnisse über die Enteignung und Arisierung jüdischer Vermögenswerte gewinnen. Betroffen sind alle Akten über Menschen, die 1917 oder später geboren worden sind. Dokumentiert haben sie dagegen die traurige Geschichte der Stadtsparkasse und der benachbarten Synagoge, die auf Befehl des damaligen Feuerwehrchefs Alfred Fretr in der Reichspogromnacht im November 1938 in Brand gesetzt wurde.

Versicherung musste zahlen


Ironie der Geschichte: Bereits im Oktober 1938 hatte die Sparkasse die zwischen 1905 und 1907 errichtete Synagoge am Viktoriaplatz, weit unter Wert, für 56.000 Reichsmark von der Jüdischen Gemeinde erworben. Deshalb machte die Stadtsparkasse nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 bei der Feuerversicherung auch eine Schadenssumme von 8500 Reichsmark geltend.

1955 einigten sich die Stadtsparkasse und die Vertretung der Jüdischen Gemeinden auf eine Entschädigung in Höhe von 78.500 D-Mark, ergänzt durch die Übertragung eines 300 Quadratmeter großen Grundstücks an der Wallstraße.


Dieser Text erschien am 20. Juli 2017 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Donnerstag, 20. Juli 2017

Mülheim-Krimi in den Grauzonen menschlicher Existenz Kurt Jahn-Nottebohm lässt Frank Wallert wieder ermitteln

Kurt und Ulrike Jahn-Nottebohm
Sprache und Bücher haben den inzwischen pensionierten Deutsch- und Englisch-Lehrer Kurt Jahn-Nottebohm immer schon begeistert. Da lag es nahe, dass der Mülheimer, der mit seiner Frau Ulrike in einem Fachwerkhaus an der Eppinghofer Straße lebt, zur Feder griff. Das war 2005.

Heraus kam damals sein erster Mülheim-Krimi „Dunkelkammer“ und dessen Protagonist Frank Wallert, der in einem brutalen Doppelmord ermittelte. Nach seinem ersten Krimi konnte Jahn-Nottebohm mit dem Schreiben nicht mehr aufhören. Sein Polizei-Hauptkommissar Wallert, der inzwischen als Privatdetektiv auf eigene Faust ermittelt, ließ den Autor nicht mehr los. „Ich wollte nie eine Krimi-Serie schreiben. Das hat sich einfach verselbstständigt“, sagt der Autor heute.

Im Laufe der Jahre erreichte er eine halbe Million Leser. In seinem neuesten Fall löst der Mülheimer Privatdetektiv  seinen achten Fall und stößt dabei in die „Grauzonen“ der menschlichen Existenz vor. Er bekommt es in seinem aktuellen Fall mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie aus Rakka zu tun. Deren Vater Aahlijah Massoud, ein Literaturprofessor der Universität Aleppo, verschwindet plötzlich und taucht nach drei Tagen schwerverletzt wieder auf. Und dann wird aus dem Vermissten-Fall doch noch ein Mordfall.

Auch im neuen Wallert-Fall vermischt der Mülheimer Krimi-Autor geschickt Fiktion und Aktualität. In seinem Roman geht es nicht nur um Spannung, sondern auch darum, warum Menschen heute aus ihrer Heimat fliehen. Jahn-Nottebohm zwingt seine Leser über ihren Tellerrand hinauszuschauen. Der Autor bedient sich einer anschaulichen Sprache, die Leser in Bann schlägt, aber auch erschreckt. Seine Protagonisten sind realistisch und authentisch, weil ihre Biografien von Brüchen geprägt sind. Gekonnt setzt Jahn-Nottebohm den Wechsel der Erzähhl-Ebenen als dramaturgisches Mittel ein. Lässt sich ein Kriminalroman besser an die Leserin und den Leser bringen, wenn er Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen nimmt? „Das weiß ich gar nicht, aber das ist einfach bei mir drin. Denn ich mit ein politisch denkender und fühlender Mensch“, sagt Jahn-Nottebohm

Auch der jüngste, 329-Seiten starke, Kriminalroman aus der Feder Kurt Jahn-Nottebohms wurde von seiner Frau Ulrike Nottebohm layoutet  und zusammen mit Christiane Klingbeil lektoriert.
Der Kriminalroman „Grauzonen“ ist als E-Book (für 2,99 Euro) und als Taschenbuch (für 9,99 Euro) im Buchhandel und online erhältlich. Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.facebook.com/kurt.JahnNottenohm und www.bookrix.de

Mittwoch, 19. Juli 2017

Ein Zeitsprung auf der Schleuseninsel: Wo heute Ausflügler parken, stand früher ein Pionier-Denkmal

Zeitgenössische Postkarte aus dem Stadtarchiv
Dort, wo heute Ausflügler auf der Schleuseninsel, gleich gegenüber des Wasserbahnhofes, ihre Autos parken, wurde vor 80 Jahren ein Pionier-Denkmal enthüllt. Die Ansichtskarte aus dem Stadtarchiv zeigt es. Das Denkmal, das nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand, war Ausdruck seiner Zeit, der Nazi-Zeit. Die von dem Berliner Bildhauer, Professor Liebmann, geschaffene Soldatenskulptur sollte an die gefallenen Pioniere des Ersten Weltkrieges erinnern. Wenn wir den Soldaten mit Stahlhelm, Gewehr und Panzerfaust rückblickend betrachten, erscheint er uns als beklemmender Vorbote des Zeiten Weltkrieges. Dieser sollte zwei Jahre nach der Enthüllung des Mülheimer Pionier-Mahnmals mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnen und 60 Millionen Menschenleben kosten. Schon der Erste Weltkrieg hatte 17 Millionen Menschenleben gefordert.

Vor diesem Hintergrund klingt die Schlagzeile, mit der die Mülheimer Zeitung am 6. September 1937, über die am Vortag enthüllte Skulptur berichtete, geradezu grausam: „Niemals stirbt der Toten Tatenruhm.“ Doch am 5. September 1937 meinte Mülheim, Grund zum Feiern zu haben. 2000 Poniere kamen an diesem Tag in die Stadt. Es wurde das Deutschlandlied gesungen. Mülheims NSDAP-Chef Carl Camphausen und Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger legten Kränze nieder und beschworen das ehrende Gedenken der Gefallenen. Unter dem Jubel der Massen verlas der Verbandsführer der rheinisch-westfälischen Pioniere, Hauptmann Ignee ein Telegramm an Adolf Hitler, in dem ihm für den Wiederaufbau der Wehrmacht gedankt wurde.

Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zeitung am 19. Juli 2017

Dienstag, 18. Juli 2017

In Mülheim fährt man seit 120 Jahren mit der Straßenbahn

Foto Stadtarchiv
Dass man heute mit der Straßenbahn durch einen Tunnel unter der Ruhr fahren kann, hätten sich die ersten Fahrgäste der Mülheimer Straßenbahn nicht träumen lassen. Sie zahlten 10 oder 20 Pfennige für eine Fahrkarte und stiegen am 9. Juli 1897 am Rathausmarkt ein. Von hier aus konnte man mit der Tram bis zur Körnerstraße und zum Kahlenberg, aber auch nach Styrum und Oberhausen fahren. Im ersten Geschäftsjahr umfasste das Gleisnetz der Mülheimer Straßenbahn gerade mal 12,5 Kilometer


Im Jahr sind 27 Millionen Fahrten zu verbuchen



Heute fahren jährlich 27 Millionen Menschen mit den 38 Straßenbahnen und 51 Bussen der Mülheimer Verkehrsgesellschaft. In Zeiten, als ein eigenes Auto noch der pure Luxus war, fuhren 1947 allein mit den Mülheimer Straßenbahnen 32 Millionen Menschen. Die Straßenbahn war das Verkehrsmittel Nummer Eins, wenn es um den Weg zur Arbeit oder um einen Sonntagsausflug zur Monning, in den Uhlenhorst, in den Witthausbusch und zum Kahlenberg ging.

Die Tatsache, dass das Straßenbahnnetz rasch ausgebaut wurde, zeigt, wie schnell die Elektrische akzeptiert wurde. 1908 überschritt Mülheim die 100.000-Einwohner-Grenze und wurde so zur Großstadt. Damit stieg auch das Bedürfnis der Bürger, mobil zu sein und auch in die Nachbarstädte zu fahren.

1898 wurde die damals eigenständige Bürgermeisterei Heißen an das Mülheimer Straßenbahnnetz angeschlossen. 1900 folgten Eppinghofen, Mellinghofen und Dümpten. Als 1911 die neue Schloßbrücke eröffnet wurde, konnten auch die Stadtteile Speldorf. Broich und Saarn angebunden werden. Allerdings sollte die Straßenverbindung nach Saarn 1968 durch eine Buslinie ersetzt werden. 

Rasches Wachstum


Auch während des Ersten Weltkrieges, als Straßenbahnwagen unter anderem für den Transport von Verwundeten genutzt wurden, wuchs das Liniennetz. Ab 1916 wurden Mülheim, Essen und Oberhausen durch die Straßenbahnlinie 18 miteinander verbunden. Bis 1928 wuchs das örtliche Straßenbahnnetz auf 44 Kilometer an.

Der Zweite Weltkrieg brachte einen herben Rückschlag für den öffentlichen Personennahverkehr. Allein während des großen Luftangriffs in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 wurden die Hauptverwaltung der städtischen Verkehrsbetriebe sowie 12 Triebwagen und acht Beiwagen der Straßenbahn zerstört.

Die Tram machte Mülheim schnell wieder mobil


Obwohl viele Straßen nach dem Kriegsende im April 1945 durch Trümmer blockiert wurden, konnte der Straßenbahnbetrieb schon wenige Tage nach dem Einmarsch amerikanischer Truppen wieder aufgenommen werden. Während des Wirtschaftswunderjahrzehnts der 50er Jahre schafften die städtischen Verkehrsbetriebe insgesamt 42 neue Straßenbahnwagen an.

Die 60er Jahre, in denen man "das moderne" und "damit autogerechte" Deutschland schaffen wollte, brachten die Straßenbahn in die Defensive. Wie heute, wurde damals darüber diskutiert, ob Busse nicht viel günstiger zu betreiben seien als Straßenbahnen. So wurde der Straßenbahnverkehr nach Saarn eingestellt. Und auch die Nachbarstadt Oberhausen entschied sich für einen reinen Bus-Nahverkehr. Doch mit der Eröffnung des Centros in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, wurden Mülheim und Oberhausen wieder mit einer Straßenbahnlinie, der 112, miteinander verbunden. Inzwischen wird auch wieder über eine neue Straßenbahnlinie nach Saarn diskutiert.

Beginn des U-Bahn-Zeitalters


Die 70er Jahre standen dann ganz im Zeichen des Stadtbahn- und U-Bahnbaus. Fast genau 80 Jahre nach der Fahrt der ersten elektrischen Straßenbahn, erlebte die U18 am 28. Mai 1977 ihre Jungfernfahrt. Und gegen Ende des 20. Jahrhunderts fuhren dann erstmals Straßenbahnen unter der Ruhr.

Vor dem Hintergrund eines jährlichen Zuschuss-Bedarfs von rund 30 Millionen Euro wird das Für und Wider des Öffentlichen Personennahverkehrs kritisch diskutiert. Zweifellos scheint es im Autoland Deutschland vielen politisch angebracht, deutlich mehr die Infrastruktur des Individualverkehrs, als in den Schienenverkehr zu investieren und diesen so attraktiver und wirtschaftlicher zu machen. Doch ebenso zweifellos ist die Tatsache, dass der öffentliche Personennahverkehr die Nase vorne hat, wenn es um den Umwelt- und Klimaschutz geht. Und die Tatsache, dass ihr gesamter Fuhrpark seit 2015 niederflurig fährt, zeigt, dass sich die MVG auch dem demografischen Wandel stellt.

Ein Jubiläum wird gefeiert


Das 120-jährige Jubiläum der Mülheimer Straßenbahnen feiert die Verkehrshistorische Arbeitsgemeinschaft der Mülheimer Verkehrsgesellschaft am Samstag, 8. Juli, zwischen 11 und 17 Uhr mit einem Tram-Shop in der Passage zwischen Forum und Hauptbahnhof. Dort können Interessierte Fachliteratur und Straßenbahnmodelle erwerben. Außerdem wird zwischen 11 und 15 Uhr die Fahrt mit dem historischen Triebwagen M6D angeboten.

Dieser Text erschien am 8. Juli 2017 in der Mülheimer Woche

Montag, 17. Juli 2017

Ansichten eines Vierbeiners

Was hat mir mein Herrchen aus dieser Zeitung vorgelesen? Erst hat einechter Schweinehund 100 Gummireifen in der Einfahrt zum Hundespaßzentrum entsorgt. Wenn ich diese hundsgemeinen Typen erwischen sollte, pinkeln ich ihnen ans Bein. Darauf können Sie sich  verlassen. „Wuff!“

Und jetzt müssen die Hundefreunde das Gelände, auf dem Unsereins mal richtig Spaß haben konnte, aufgeben, weil es Teil eines Landschaftsschutzgebietes ist. Es dürfe nur zur Erholung und nicht zu gewerblichen Zwecken genutzt werden.

Da wird doch der Hund an der Leine verrückt. „Knurr.“ Versteh einer die Juristen. Die verstehen einfach keinen Spaß! Alles, was Recht ist. Wenn meine Kollegen und ich und vor allem meine Kolleginnen und ich auf dem Hundeplatz an der Hansbergerstraße unseren Spaß haben, dann ist das ja wohl die reinste Erholung. Das kann ich Ihnen  versichern. „Lächtz!“ Schließlich verbietet man den Zweibeinern ja auch nicht ihren Spaziergang oder eine Radtour an der Ruhr, nebst Einkehr in ein Eiscafe. Ist das nicht ein Fall für den Tierschutzverein, den die Hundefreunde mit ihren Einnahmen unterstützt haben oder für das Bundesverfassungsgericht oder für den Europäischen Gerichtshof oder für die Uno? Hunde, aller Länder vereinigt euch!“

Doch wer hätte das gedacht: Jetzt ist ausgerechnet die Mülheimer Wirtschaftsförderung auf den Hund gekommen und will den Hundefreunden, die demnächst mit uns wieder auf der Straße stehen, bei der Such nach einem neuen Platz helfen, auf dem wir und unsere Zweibeiner Spaß haben können. Mal sehen, wohin uns diese beschlipsten Wirtschaftsmenschen im Nadelstreifenanzug, der keinen echten Hundespaßplatz unbeschadet überstehen würde, am Ende hinbefördern werden. Mir schwant schlimmes, etwa eine Betonwüste, gegen das ein Gefängnishof für den täglichen  Freigang wie eine Idylle wirkt. Wenn das so kommt, bekomme ich eine Depression und mein Herrchen muss mit mir zum Hundepsychiater. Das wird teuer.

Wenn schon Wirtschaftsförderung, dann richtig. Also in einer Metzgerei mit aktiver Fleischtheke könnte ich mir ein Indoor-Spaß-Zentrum für uns Hunde wirklich gut vorstellen. „Schlabber!“ Dann dürfte es sogar in einem Gewergebiet liegen.

Dieser Text erschien am 17. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 16. Juli 2017

Die Kümmerin: Alexandra Teinovic vom Mülheimer Nachbarschaftsverein der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft sorgt dafür, dass sich Nachbarn näher kommen und gemeinsam aktiv werden. Ihre Alltagshilfe ist gefragt


Alexandra Teinovic ist auf ihrer bisher 46-jährigen Lebensreise schon viel unterwegs gewesen. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und Romanistin knüpfte als Vetriebs- und Marketing-Mitarbeiterin für einen großen Telefonanbieter und für einen spanischen Schuhfabrikanten internationale Verbindungen. Als Familienberaterin an ihrer Hochschule, der Heinrich-Heine-Universität, half sie Kollegen, deren Familienleben aus den Fugen geraten war, wieder auf ihre Spur zurückzukommen.

In einem Moment, in dem sie Lust auf eine berufliche Veränderung hatte, wies sie eine Kollegin auf eine Stellenausschreibung der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft (MWB) hin, die damals, 2008/2009. einen Nachbarschaftsverein aufbaute. Mülheim und Genossenschaft. Das waren für die Ökonomin aus Düsseldorf damals Fremdworte. Doch sie machte sich schlau und wagte den Sprung ins kalte Wasser.

Das habe ich bis heute nicht bereut. Denn ich bin ein Mensch, der gut auf andere Menschen zugehen und Netzwerke organisieren kann“, sagt Teinovic über sich selbst. Und nach inzwischen neun Jahren, in denen sie als Netzwerkerin für die MWB in Mülheim unterwegs und aktiv ist, sagt sie: „Ich habe hier offene Menschen getroffen, die mich aufgenommen haben und es mir leicht gemacht haben, hier heimisch zu werden.“

Ihre vielseitiger Arbeitstag, der sie als Kümmerin und Frau für alle Fälle ausweist, beginnt in der Regel um 8 Uhr im Büro des Mülheimer Nachbarschaftsvereins an der Friedrich-Ebert-Straße 2. Mit einer Tasse Kaffee im Anschlag checkt sie ihre E-Mails und hört ihren Anrufbeantworter ab.
Sie telefoniert unter anderem mit einem Mann, der aus Mülheim kommt, heute aber in einer weit entfernten deutschen Großstadt lebt und arbeitet. Er macht sich Sorgen um seinen dementen Vater, der in einer Styrumer MWB-Wohnung lebt. Sie verspricht, bei seinem Vater vorbeizuschauen und einen Pflegedienst einzuschalten.

Obwohl die Frau vom Nachbarschaftsverein feste Sprechstunden, zwischen 10 und 12 Uhr hat, kommen und gehen bei ihr zu jeder Zeit Menschen ein und aus, die die Frau vom Mülheimer Nachbarschaftsverein als eine Frau mit einem offenen Ohr für alle Problemlagen kennen- und schätzen gelernt haben. „Können Sie mir mal erklären, wie ich meinen Fernseh- und Sateliten-Receiver einstellen muss?“ „Können Sie mal meinen Arztbrief anschauen und mir erklären, was da drin steht?“ „Worauf muss ich eigentlich achten, wenn ich eine Patientenverfügung aufstelle?“

Die Frau vom Nachbarschaftsverein kümmert sich nicht nur telefonisch, sondern kommt auch persönlich vorbei. Bevor es los geht, muss Teinovic, die übrigens auch einige Semester Medizin studiert hat, in der Tiefgarage der Sparkasse den Stecker ziehen. Denn dort wird ihr Elektro-Dienstwagen aufgeladen, wenn sie gerade mal nicht in der Stadt unterwegs ist. „Mit einer Stromladung für 1,50 Euro komme ich 60 Kilometer weit“, beschreibt sie die Vorzüge ihres umweltfreundlichen City-Flitzers.

An der Eigenheimhöhe in Heißen schaut sie bei zwei alteingesessenen Mieterinnen vorbei. Im Gespräch mit ihnen geht es um eine Patientenverfügung, aber auch um die Hundehaufen auf der kleinen Wiese vor ihrem Haus, um die wunderbar gewachsenen Hortensien und den letzten gemeinsamen Ausflug, den Teinovic für den Nachbarschaftsverein organisiert hat. „Das war wirklich sehr schön und informativ“, hört man über den Tagesausflug ins Neandertal. „Frau Teinovic ist ein sehr sympathischer Mensch. Sie ist sehr aufgeschlossen und kümmert sich auch um unsere kleinen Probleme und Wehwehchen. Mit ihrer Arbeit hat sie dafür gesorgt, dass wir Nachbarn uns jetzt besser kennen und regelmäßig miteinander sprechen“, sind sich Erika Sader und Ingrid Hegemann von der Eigenheimhöhe einig.

Ich organisiere nicht nur Tagesausflüge in die Region, sondern auch Nachbarschaftsfeste in der Stadt“, erzählt Teinovic, während sie zu einem Treffen mit vier Nachbarn von der Salierstraße fährt. Dort soll Ende September ein Nachbarschaftsfest gefeiert werden.
Im Gespräch geht es darum, wo was aufgestellt werden soll und was gebraucht wird. Die vier Mieter, mit denen Teinovic das Fest plant, gehören zum Organisationsteam der Siedlung und haben ihr auch gleich einen Lageplan mitgebracht.


Auch wenn Teinovic auf das Know-How und den Fundus, a# la Grill, Bierzelt-Garnituren und Pavillons, der Genossenschaft zurückgreifen kann, legt sie großen Wert darauf, „dass sich die Mieter und Nachbarn auch selbst mit einbringen.“

Dieser Text erschien am 15. Juli 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung