Wie wird es sich 2025 in Mülheim wohnen? Sozialdezernent Ulrich Ernst (59) wagt einen Blick in die Zukunft. Er beschreibt seine Idee vom Zusammenleben der Generationen im Mülheim von morgen.
Wie wollen Sie selbst wohnen, wenn Sie alt sind?
Ich bin schon alt. Und ich möchte so wohnen, wie ich jetzt wohne: zentral und mit Blick auf meine Nahversorgung fußläufig. Allerdings wohne ich derzeit in der 2. Etage eines Hauses ohne Aufzug. Vielleicht muss ich da noch einmal umziehen.
2025 werden bereits 27 Prozent der Mülheimer 65 und älter sein. Was bedeutet das für die Wohnkultur in unserer Stadt?
Wir brauchen Wohnquartiere, die sich durch Erreichbarkeit und Zugänglichkeit auszeichnen, wenn es um den Besuch des Hausarztes, des Friseurs, um den Einkauf oder um eine Physiotherapie geht. Auch Bring- und Holdienste werden keine Frage der Bequemlichkeit, sondern der Notwendigkeit sein.
Wie bereitet sich die Stadt auf diese Herausforderung vor?
In dem wir schon heute Netzwerke der Generationen initiieren, in denen wir alle relevanten Akteure eines Stadtteils zusammenbringen, damit sie eigene Initiativen entwickeln und Bedarfe formulieren. Solch eine Entwicklung kann man nicht von oben herab für die gesamte Stadt verordnen. So etwas muss sich von unten aus den Stadtteilen heraus aufbauen.
Wie können die mehr werdenden Alten und die weniger werdenden Jungen auch 2030 friedlich zusammenwohnen?
Wir brauchen Orte, an denen sich Menschen begegnen können und wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Dort, wo alte und junge Menschen sich begegnen, können persönliche Bindungen entstehen, die zum Beispiel dazu führen kann, dass die alte Frau dem kleinen Kind von nebenan vorlesen und der junge Familienvater den einen oder anderen Einkauf für die alte und alleinstehende Nachbarin erledigen könnte.
Welche Wohnformen wird es im Mülheim von Morgen geben?
Wir werden weiterhin eine sehr differenzierte Wohnlandschaft haben. Weil auch eine ältere Stadtgesellschaft aus unterschiedlichen Menschen mit individuellen Bedürfnissen bestehen wird. Da werden wir Mehrgenerationen-Häuser und Alten-WGs ebenso haben wie die kleinen Apartments, in denen alleinstehende Senioren leben, die ganz bewusst allein wohnen und ihre Ruhe haben wollen. Angesichts langfristig sinkender Renten wird es auch mehr arme Rentner geben. Die soziale Spaltung der Stadt wird sich fortsetzen und sie wird nur durch das Beibehalten der jetzt erreichten Achtsamkeit für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Wohn- und Stadtquartiere abgefedert werden können. Mülheim wird eine Stadt mit weniger Menschen und mehr kleinen Haushalten werden.
NRZ, 03.06.2016
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Samstag, 11. Dezember 2021
Dienstag, 23. Juni 2015
Modernes Leben im alten Fachwerkhaus an der Ruhr: Ein Besuch bei Annette und Wolfgang Kamieth
„Mein
Gott, was haben Sie es hier schön.“ Diesen Satz hören Annette und
Wolfgang Kamieth immer wieder, wenn Spaziergänger vor ihrem
Fachwerkhaus am Leinpfad verweilen. Auch Kaufangebote bekommen sie
öfter. Doch die lehnen sie immer dankend ab. Denn dafür gefällt es
ihnen in ihrem Häuschen an der Ruhr, in dem sie gemeinsam alt werden
wollen, selbst viel zu gut.
„Dass
unser Haus so viele Menschen anspricht und auch die meisten Kinder
ein Fachwerkhaus malen, wenn sie ein Haus zeichnen sollen, ist nicht
verwunderlich. Denn Fachwerkhäuser entsprechen mit ihrer ganzen
Gliederung und Maßstäblichkeit der Urform des menschlichen
Wohnens“, findet Architekt Wolfgang Kamieth.
Die
treibende Kraft für den Einzug in das 1784 erbaute Haus, in dem
früher Schmiedemeister und Schiffer mit ihren Familien gelebt haben,
war seine Frau Annette. „Meine Großmutter hat in einem
Fachwerkhaus gelebt und dort auch einen kleinen Lebensmittelladen
betrieben. Das hat mich schon als Kind fasziniert, weil das so
gemütlich und so heimelig war. Da war einfach Leben drin. Seit
dieser Zeit wollte ich auch selbst in einem Fachwerkhaus leben“,
erinnert sich Annette Kamieth.
Bei
ihrem Mann rannte sie mit diesem Wunsch offene Türen ein. Denn der
war als junger Architekt mit der Wiederherstellung einer alten
Arbeitersiedlung beauftragt und seit dem zu einem Fan historischer
Bausubstanz geworden. „Über Jahre haben wir immer wieder nach
einem geeigneten Objekt gesucht, aber die meisten Häuser waren
entweder zu weit weg oder unbezahlbar“, erinnert sich Kamieth.
Doch
dann bot sich plötzlich eine Lösung vor der eigenen Haustür. Denn
gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Dudels stand ein
altes und buchstäblich in die Jahre gekommenes Schifferhaus, in dem
zuletzt eine alte Dame gelebt hatte. Von ihren Kinder bekamen die
Kamieths das Haus zum Kauf angeboten.
„Es
war keine Liebe auf den ersten Blick“ erinnern sie sich an die Zeit
der Kaufentscheidung im Frühjahr 1988. Denn als Architekt und
Farbgestalterin, die sich beruflich mit der Planung und Gestaltung
von Wohngebäuden befassen, ahnten sie, was auf sie zukommen würde.
„Wir
mussten das Haus in enger Abstimmung mit den Denkmalschützern von
der Haustür bis zu den Dachziegeln völlig neu aufbauen, weil gut 70
Prozent des Eichenholzfachwerkes morsch waren“, erzählt Wolfgang
Kamieth. Durch Zufall stießen seine Frau und er bei einem
Spaziergang durch Ratingen auf die Fachwerkhausbaustelle einer
Marburger Zimmerei, die sie für ihren Um- und Neubau gewinnen
konnten. Die baute das gesamte Fachwerk ab, nummerierte alle Balken,
transportierte sie nach Marburg, um dort neue Eichenholzbalken nach
den historischen Vorlagen zu fertigen.
Zwischenzeitlich
bekamen die Kamieths besorgte Anrufe ihrer Bank, weil ihr
Kreditberater bei einem Spaziergang an der Ruhr plötzlich kein
Fachwerkhaus mehr sah. Denn mit den Balken waren auch die ebenfalls
maroden Lehmbausteine des alten Hauses verschwunden. Nichts mehr da,
nur das Grundstück. Doch dann kamen die Zimmerleute aus Marburg
zurück und bauten das gesamte Fachwerk nach historischem Vorbild,
ganz ohne Stahl und dafür mit Holznägeln verbunden binnen einer
Woche am alten Standort wieder auf. Als gelernter Schreiner übernahm
Kamieths Vater die Bauleitung vor Ort.
In
ihren regelmäßigen Baubesprechungen rangen die Kamieths den
Denkmalschützern Kompromisse an den modernen Wohnkomfort ab. In die
das Tageslicht brechenden Sprossenfenster wurde schalldämmendes
Isolierglas und in den bisher durchgängigen Dachstuhl Dachgauben
eingesetzt, um dort mehr Tageslicht hineinzubekommen. In den alten
Bruchsteinkeller des Hauses wurde eine wasserdichte Betonwanne
eingesetzt, um bei Ruhrhochwasser keine nassen Füsse zu bekommen.
Und nicht zuletzt aus energetischen Gründen ersetzte man Lehm und
Rohrgeflecht durch Ziegelbausteine, die mit Kalkmörtel geweißt
wurden und so das neu aufgerichtete Fachwerkhaus im besten Sinne
wieder alt aussehen ließen.
Wer
das alte und zugleich neue Haus betritt, erlebt einen überraschenden,
aber interessanten Kontrast. Das alte Fachwerkhaus von anno 1784 ist
ausgesprochen modern, schlicht und zugleich stilvoll eingerichtet.
„Wir leben zwar in einem Denkmal, aber als Architekt und
Farbgestalterin leben wir auch immer mit der Veränderung“, sagt
die für dieses Innenleben verantwortliche Annette Kamieth. Während
sich im Erdgeschoss die im ehemaligen Kohlenlager untergebrachte
Küche und die Wohnräume befinden, betritt man unter dem Dach
erstaunlich helle und geräumig anmutende Büroräume, die mit einer
kleinen Dachterrasse über der Küche abschließen. Denn die
Katmieths leben nicht nur in ihrem Haus, sondern sie arbeiten auch
dort. „Wir leben unseren Beruf“, sagt Annette Kamieth.
Das
ehemalige Rasenstück auf der Leinpfadseite haben sie in eine
geschmackvolle Terrasse mit Kübelpflanzen umgestaltet. Hecke und
Zaunanlage schützen sie vor neugierigen Blicken vom zunehmend stark
frequentierten Leinpfad, der nicht immer ein ruhiges Pflaster an der
Ruhr ist. Natürlich müssen die Bewohner eines alten Fachwerkhauses
auch Kompromisse machen. Eine Gesamtfläche von 160 Quadartmetern
verteilt sich auf eineinhalb Stockwerke. Das Ess- und Wohnzimmer
im Erdgeschoss ist mit seinen 40 Quadratmetern der mit Abstand größte
Raum des Hauses. Und auch wenn Annette Kamieth versichert, „dass
die Sonneneinstrahlung aufgrund der Südwestlage manchmal so stark
ist, dass wir die Fensterläden schließen müssen, ist es an diesem
Vormittag im Erdgeschoss des Hauses auch nicht übermäßig hell.
Doch das tut dem modernen Wohnkomfort im alten Fachwerkhaus keinen
Abbruch. Und man glaubt es den Kamieths sofort, wenn sie versichern:
„Wir kommen immer wieder gerne nach Hause.“
Zahlen und Fakten zum Denkmalschutz
In
Mülheim gibt es derzeit 907 Baudenkmäler und 1260 Häuser, die
unter Denkmalschutz stehen. Die Zahlendifferenz ergibt sich daraus,
dass Siedlungen, wie der Kirchenhügel, die Mausegatt-Siedlung, die
Papenbusch-Siedlung oder die Siedlung auf der Heimaterde als ein
zusammenhängendes Baudenkmal betrachtet werden.
Ob
ein Haus unter Denkmalschutz gestellt wird, bestimmt das beim
Landschaftsverband Rheinland angesiedelte Rheinische Amt für
Denkmalpflege auf der Basis des Denkmalschutzgesetzes
Nordrhein-Westfalen. Dort heißt es im § 2 (Absatz 1): „Denkmäler
sind Sachen, Mehrheiten von Sachen und Teile von Sachen, an deren
Erhaltung und Nutzung ein öffentliches Interesse besteht. Ein
öffentliches Interesse besteht, wenn die Sachen bedeutend für die
Geschichte des Menschen, für Städte und Siedlungen oder für die
Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse sind und für
die Erhaltung und Nutzung künstlerische, wissenschaftliche,
volkskundliche oder städtebauliche Gründe vorliegen. Die
Vorschriften des Landschaftsgesetzes bleiben unberührt.“
Vor
Ort kontrolliert die beim Stadtplanungsamt angesiedelte Untere
Denkmalbehörde die Einhaltung der Denkmalschutzauflagen. Dabei geht
es um die identitätsstiftenden Merkmale eines Gebäudes, wie
Baumaterialien, Fassaden, Dachflächen sowie Tür- und
Fensteröffnungen.
Anders,
als noch im Jahr 1988 bekommen Hauseigentümer für denkmalschützende
Baumaßnahmen heute keine finanzielle Förderung von Stadt oder Land.
Sie haben aber auf der Rechtsgrundlage des § 40 (Denkmalschutzgesetz
NRW) die Möglichkeit, ihre Baukosten steuermindernd geltend zu
machen. Voraussetzung dafür ist, dass die Baumaßnahmen
abgeschlossen sind und das Haus in die Denkmalliste eingetragen
wurde. Nur dann kann die Untere Denkmalbehörde in Abstimmung mit
LVR-Amt für Denkmalpflege eine entsprechende Bescheinigung
ausstellen.
Dieser Text erschien am 2. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 21. Juni 2015
Leben und Wohnen so normal wie möglich: Ein Besuch bei der "Viererbande" in einer WG der Lebenshilfe
Zu Hause bei den Eltern oder im Heim. Das war früher die
Wohnalternative für Menschen mit geistiger Behinderung. „Matthias und ich
wollten etwas anderes, ein Leben, so normal und so selbstbestimmt wie möglich“,
erinnert sich die ehrenamtliche Vorsitzende der Lebenshilfe für Menschen mit
geistiger Behinderung, Ulrike Stadelhoff, an das Jahr 2006. Damals überlegte
sie zusammen mit ihrem geistig behinderten Sohn Matthias, wie und wo er in
Zukunft wohnen wollte und sollte. Schon während seiner Zeit in der Förderschule
an der Rembergstraße hatten der heute 29-jährige Matthias und seiene ebenfalls
geistig behinderten Schulfreunde Christoph Sachse und Kerstin Kübel die Idee,
später in einer Wohngemeinschaft zusammenleben zu wollen.
Schon bei Klassenfahrten und Sommerfreizeiten der
Lebenshilfe hatten sie das ausprobiert und für gut befunden. Aus der Idee wurde
Wirklichkeit, weil ihre Eltern genau so wie Matthias und Ulrike Stadelhoff
dachten. „Das war viel Arbeit, die uns aber auch bis heute miteinander
verbindet“, erinnert sich Ulrike Stadelhoff an die Zeit, als die Eltern mit
Unterstützung der Lebenshilfe erst mal ein geeignetes Wohnquartier finden
mussten. Als es mit einem Reihenhaus an der Meidericher Straße in Styrum
gefunden worden war, musste über mehrere Wochen kräftig angefasst werden, um
Haus und Garten bewohnbar zu machen. Am 1. Oktober 2006 war es so weit.
Matthias, Christoph und Kerstin konnten in ihr neues Zuhause einziehen. Später
kam dann mit Nicole Clemens eine vierte Bewohnerin in die neue WG der Lebenshilfe.
Wer die Viererbande, so nennen sie sich selbst, besucht,
betritt ein ganz normal eingerichtetes Reihenhaus. Im Keller findet man eine
Waschküche, einen Vorratsraum und einen Partykeller. Im Erdgeschoss bilden die
Küche mit einer Durchreiche zum Wohn- und Esszimmer eine großzügige und
gemütliche Raumeinheit. Von dort aus tritt man auf eine kleine Terrasse mit
einem ebenfalls kleinen Garten. „Die Blumen hier gießen die Bewohner selbst.
Auch beim Waschen, Putzen, Kochen oder Gemüseschnibbeln hilft jeder nach seinen
Möglichkeiten mit. Denn Selbstständigkeit ist hier das A und O“, erzählt
Heilerziehungspfleger Thomas Weiser. Er ist einer von vier Betreuern, die dafür
sorgen, dass die geistig behinderten Bewohner der WG im Haus an der Meidericher
Straße rund um die Uhr eine Alltagsassistenz an ihrer Seite haben. Obwohl
Weiser auch die Arbeit in größeren Wohngruppen kennt, möchte er die familiäre
Atmosphäre in der Lebenshilfe-WG nicht mehr missen: „Wenn die Bewohner
zufrieden sind, bin ich auch zufrieden“, lautet sein Arbeitscredo.
Donnerstags und freitags kaufen dieb Bewohner und ein
Betreuer gemeinsam ein. Und am Sonntag plant man die gemeinsamen und
individuellen Aktivitäten der kommenden Woche. Mal besucht man ein Fest, ein
Fußballspiel, ein Rockkonzert, eine integrative Disco oder man geht gemeinsam
ins Kino. In dieser Woche steht unter anderem der Besuch eines
Basketballturniers auf dem Programm, an dem Nicole, von ihren Mitbewohnern
angefeuert, selbst teilnehmen wird.
Nicole und Christoph gewähren dem Besucher von der NRZ
Einblick in ihre Zimmer im zweiten Stock. Im Treppenhaus geht es an
Urlaubsfotos vorbei. Zuletzt war die WG auf Malloraca. Auch Hamburg und Holland
wurde schon vereist. Stolz präsentiert Nicole ihre schickes Klappbett, das sie
aus einer großen Schrankwand holt und ihren Talker. In das kleine Gerät kann
man Sätze eintippen und je nach Bedarf über ein Display anzeigen oder mit eine
elektronischen Stimme aussprechen. Das hilft der 29-Jährigen, die unter einer
Redeflussstörung leidet, bei der Kommunikation. Auch Christoph, dessen etwa 15
Quadratmeter großes und mit Bett, Schrank und Sesseln eingerichtetes Zimmer
seine Leidenschaft für Puzzle und Fußball verrät, spricht nur selten und wenn,
dann auch nur einzelne Worte oder Sätze. Über seinem Bett hängen selbst gemalte
Bilder und einige Familienfotos.
Zurück am Esstisch im Erdgeschoss, verraten die zwischen 27-
und 29 Jahre jungen Bewohner dem Zeitungsmann, dass bei ihnen nicht nur Pommes,
Pizza und Schnitzel auf den Tisch kommen, sondern dass sie alle echte Obst- und
Gemüsefans sind. Nur Nüsse kommen nicht auf den Tisch. Denn auf die reagiert
Kerstin allergisch.
Während die Bewohner ihr Frühstück und ihr Abendessen mit
Hilfe ihres Betreuers, der sein Schlaf- und Arbeitszimmer ganz oben unter dem
Dach hat, zubereiten, essen sie mittags in der Kantine ihres gemeinsamen
Arbeitgebers, den beschützenden Werkstätten der Theodor-Fliedner-Stiftung
Christoph arbeitet dort in der Küche und Nicole in der Elektrowerkstatt.
Matthias, der sich sehr geschickt mit einer Buchstabentafel verständigen kann
und Kerstin, die sich mit Lauten und Gebärden ausdrückt, werden im Betreuungs-
und Förderbereich beschäftigt. Ihr Arbeitstag beginnt jeweils um 7.30 Uhr. Um
15.30 Uhr ist Feierabend. Dann geht es nach Hause oder auch zu einer Sport-
oder Freizeitgruppe.
Ehe Matthias das Pressegespräch mit der Feststellung: „Jetzt
habe ich aber Hunger beendet“ und nach einem kurzen Blick auf den
Arbeitsverteilungsplan in der Küche das große Tischdecken beginnt, erzählen die
Bewohner dem Pressemann noch, dass sie abends gerne Karten, Memory oder mit
ihrer gemeinsamen Playstation spielen. Und würde einer der Viererbande
vielleicht doch lieber wieder zu Hause wohnen? Christoph und Matthias bringen
es unter dem zustimmenden Gelächter ihrer Mitbewohnerinnen auf den Punkt:
„Nein, danke. Hier geht es uns doch gut, auch wenn wir hier mehr arbeiten
müssen, als zu Hause.“
Zahlen und Fakten
Folgt man den Angaben des Gesundheitsamtes und des
statistischen Landesamtes IT NRW, so leben und wohnen rund 17 200 schwerbehinderte
Menschen in Mülheim. Das sind etwas mehr als zehn Prozent der Stadtbevölkerung.
Rund 2300 von ihnen haben eine geistige oder seelische
Behinderung. Doch, dieses Handicap bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie auf
ein weitgehend selbstständiges und selbstbestimmtes Leben verzichten müssen.
Wie das funktionieren kann, zeigt der Besuch in der Lebenshilfe-WG an der
Meidericher Straße in Styrum.
Da ihre vier Bewohner alle eine Pflegestufe haben, wird ihr
gemeinsames Wohnen nicht nur über ein persönliches Budget des
Landschaftsverbandes, sondern auch durch Leistungen aus der Pflegeversicherung
finanziert. Würden sie, wie 34 andere Menschen mit geistiger Behinderung in
einer der drei Wohngruppen der 1997 eingerichteten Lebenhilfe-Wohnstätte am
Springweg leben, müsste der zu 90 Prozent von seinen Mitglieds-Gemeinden und zu
zehn Prozent vom Land NRW finanzierte Landschaftsverband die Kosten ihrer
Unterbringung alleine tragen. In der Wohnstätte kümmern sich 25 qualifizierte
Mitarbeiter um die Betreuung der Bewohner.
Je nach Hilfebedarf liegen die persönlichen Budgets
WG-Bewohner pro Monat zwischen 2000 und 3500 Euro. Abhängig von der jeweiligen
Pflegestufe kommen pro Monat und Bewohner zwischen 468 und 1612 Euro hinzu.
Mit jeweils rund 50 Euro finanziert der Landschaftsverband
die Fachleistungsstunden, die die als Sozialarbeiter, Sozialpädagogen oder
Heilerziehungspfleger qualifizierten Betreuer der Lebenshilfe leisten, um
stadtweit 40 Menschen mit geistiger Behinderung zu betreuen, die selbstständig
in einer Wohnung leben. Deren Miete wird durch das Sozialamt finanziert.
Hierbei handelt es sich aber um vergleichsweise selbstständige und
leistungsfähige Klienten, die einen Betreuungsbedarf haben, der sich zwischen
einer und elf Stunden pro Woche bewegt.
In einer mietfreien SWB-Wohnung an der Hingbergstraße
betreibt die 1963 gegründete Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung
und die 1983 eröffnete Förderschule für Menschen mit geistiger Behinderung an
der Rembergstraße seit 2008 eine sogenannte Probewohnung, in der
Remberg-Schüler jeweils für vier Wochen unter qualifizierter Anleitung lernen
können, was man können und worauf man achten muss, wenn man selbstständig
wohnen will.
Weitere Informationen zum Thema gibt es bei der Lebenshilfe
für Menschen mit geistiger Behinderung unter: www.lebenshilfe-muelheim.de im
Internet oder telefonisch unter der Rufnummer
0208-40 99 58 0.
Dieser Text erschien am 19. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 23. Mai 2015
Schöner wohnen im Hochhaus: Ein Erfahrungsbericht vom Hans-Böckler-Platz
„Du ziehst ins Hochhaus? Um Gottes Willen!“ Ingrid Bliß hat diesen Satz ihrer Schwägerin noch gut im Ohr. Vor zwei Jahren war das, als sie sich entschloss ihr großes Eigenheim am Uhlenhorst gegen eine 63-Quadratmeter- große Wohnung im 14. Stock des SWB-Hochhauses am Hans-Böckler-Platz 7 bis 9 einzutauschen.
„Das Haus war für mich einfach zu groß geworden. Und die Wege zum Einkauf oder zum Arzt waren plötzlich zu weit“, erinnert sich die 77-Jährige an die Zeit der Entscheidungsfindung. Es waren Schicksalsschläge, die Bliß und ihren inzwischen verstorbenen Lebensgefährten dazu bewogen aus dem grünen Stadtrand Mülheims ins City-Hochhaus zu ziehen. Sie war nach einem Unfall zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen und er war schwer krank. Beide nahmen sich eine gleich große Wohnung, die sie problemlos bewirtschaften, verlassen und wieder erreichen konnten, sie im 14. und er im 6. Stock.
Ingrid Bliß’ Sohn, der bei der Polizei arbeitet war zunächst skeptisch und überprüfte erst mal die Sicherheitslage. Doch als er sah, dass die Kollegen mit einer Dienststelle vor Ort präsent sind, ließ er seine Mutter beruhigt ins Hochhaus ziehen.
Und spätestens, als sie vom Concierge des Hochhauses zum Arzt gefahren wurde, war Ingrid Bliß im Hochhaus zu Hause. Als ihr Lebensgefährte dann vor einem Jahr starb, übernahmen Jutta und Hans Eichholz seine 63-Qudaratmeter große Wohnung im sechsten Stock.
„Die Miete wurde immer teurer und wir hatten in unserer 90 Quadratmeter großen Wohnung in Saarn eigentlich immer das Gefühl, einen Raum zu viel zu haben, nach dem die Kinder aus dem Haus und auch unsere Enkelin nicht mehr so oft wie früher bei uns übernachtete“, erinnert sich die 67-jährige Jutta Eichholz an ihre wachsende Unzufriedenheit, die sie zum Umzug motivierte. Auch ihr 71-jähriger Mann Hans will nicht mehr raus aus dem Hochhaus am Hans-Böckler-Platz: „Wir sind mitten drin und brauchen hier kein Auto und keine Vorratskammer. Denn das Forum und der Bahnhof sind direkt vor der Tür. Auch die Ruhr oder die Ärzte erreicht man zu Fuß“, schildert Eichholz die Vorzüge des zentralen Wohnens im Hochhaus.
Was Ingrid Bliß und ihre Nachbarn aus dem 6. Stock, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hat, gleichermaßen schätzen, sind die Barrierefreiheit ihrer Wohnungen und der umfassende Mieterservice, der rund um die Uhr durch einen Concierge und zwei Hausmeister geleistet werden.
Ebenerdige Hauseingänge, Aufzüge und stufenlose Flure machen auch Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, die Bewegung im und aus dem Haus heraus leicht. „Wir sind hier gut aufgehoben und versorgt“, sind sich Ingrid Bliß und Jutta Eichholz einig. Und mit einer monatlichen Warmmiete von rund 570 bis 590 Euro kommen sie auch finanziell gut über die Runden.
Wenn man ihre Wohnungen betritt, fällt einem die Helligkeit und der funktionale Zuschnitt auf. Die Wohnungen haben zwei große Wohnräume, eine kleine Diele, eine kleine Küche und ein kleines Badezimmer mit niederschwelliger Dusche. Bliß und das Ehepaar Eichholz lieben die raumhohen Fenster, durch die sie in Richtung Dickswall und Tourainer Ring auf die Stadt und bis nach Essen blicken können. Regelmäßig sitzen sie allein oder mit Gästen auf ihrem schmalen, aber langen Balkon. „An den Verkehrslärm gewöhnt man sich schnell. Der ist für mich inzwischen wie Musik. Und wenn man die Balkontüre und die Fenster zumacht, hört man gar nichts mehr“, versichert Jutta Eichholz.
Einen weiteren Vorzug ihrer Hochhaus-Wohnung sieht Eichholz darin, dass sie sich nur den Badeanzug und den Bademantel anziehen und mit dem Aufzug in den 22. Stocke fahren muss, wenn sie schwimmen oder in die Sauna gehen möchte. Ebenso, wie das Ehepaar Eichholz, geht auch Ingrid Bliß donnerstags um 15 Uhr zum Nachbarschaftstreff, den die SWB in einer ehemaligen Gaststätte organisiert, deren Räume sich im Erdgeschoss des 1971 erbauten Hochhauses befinden. Auch die täglichen Gespräche im Postraum oder im Concierge-Büro des Hochhauses lassen bei ihnen erst gar nicht das Gefühl von Anonymität und Einsamkeit aufkommen. Nicht ohne Stolz weist Hausverwalterin Sylvia Timmerkamp darauf hin, dass derzeit nur 2 von 206 Wohnungen leer stehen.
Dieser Text erschien am 27. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
„Das Haus war für mich einfach zu groß geworden. Und die Wege zum Einkauf oder zum Arzt waren plötzlich zu weit“, erinnert sich die 77-Jährige an die Zeit der Entscheidungsfindung. Es waren Schicksalsschläge, die Bliß und ihren inzwischen verstorbenen Lebensgefährten dazu bewogen aus dem grünen Stadtrand Mülheims ins City-Hochhaus zu ziehen. Sie war nach einem Unfall zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen und er war schwer krank. Beide nahmen sich eine gleich große Wohnung, die sie problemlos bewirtschaften, verlassen und wieder erreichen konnten, sie im 14. und er im 6. Stock.
Ingrid Bliß’ Sohn, der bei der Polizei arbeitet war zunächst skeptisch und überprüfte erst mal die Sicherheitslage. Doch als er sah, dass die Kollegen mit einer Dienststelle vor Ort präsent sind, ließ er seine Mutter beruhigt ins Hochhaus ziehen.
Und spätestens, als sie vom Concierge des Hochhauses zum Arzt gefahren wurde, war Ingrid Bliß im Hochhaus zu Hause. Als ihr Lebensgefährte dann vor einem Jahr starb, übernahmen Jutta und Hans Eichholz seine 63-Qudaratmeter große Wohnung im sechsten Stock.
„Die Miete wurde immer teurer und wir hatten in unserer 90 Quadratmeter großen Wohnung in Saarn eigentlich immer das Gefühl, einen Raum zu viel zu haben, nach dem die Kinder aus dem Haus und auch unsere Enkelin nicht mehr so oft wie früher bei uns übernachtete“, erinnert sich die 67-jährige Jutta Eichholz an ihre wachsende Unzufriedenheit, die sie zum Umzug motivierte. Auch ihr 71-jähriger Mann Hans will nicht mehr raus aus dem Hochhaus am Hans-Böckler-Platz: „Wir sind mitten drin und brauchen hier kein Auto und keine Vorratskammer. Denn das Forum und der Bahnhof sind direkt vor der Tür. Auch die Ruhr oder die Ärzte erreicht man zu Fuß“, schildert Eichholz die Vorzüge des zentralen Wohnens im Hochhaus.
Was Ingrid Bliß und ihre Nachbarn aus dem 6. Stock, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hat, gleichermaßen schätzen, sind die Barrierefreiheit ihrer Wohnungen und der umfassende Mieterservice, der rund um die Uhr durch einen Concierge und zwei Hausmeister geleistet werden.
Ebenerdige Hauseingänge, Aufzüge und stufenlose Flure machen auch Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, die Bewegung im und aus dem Haus heraus leicht. „Wir sind hier gut aufgehoben und versorgt“, sind sich Ingrid Bliß und Jutta Eichholz einig. Und mit einer monatlichen Warmmiete von rund 570 bis 590 Euro kommen sie auch finanziell gut über die Runden.
Wenn man ihre Wohnungen betritt, fällt einem die Helligkeit und der funktionale Zuschnitt auf. Die Wohnungen haben zwei große Wohnräume, eine kleine Diele, eine kleine Küche und ein kleines Badezimmer mit niederschwelliger Dusche. Bliß und das Ehepaar Eichholz lieben die raumhohen Fenster, durch die sie in Richtung Dickswall und Tourainer Ring auf die Stadt und bis nach Essen blicken können. Regelmäßig sitzen sie allein oder mit Gästen auf ihrem schmalen, aber langen Balkon. „An den Verkehrslärm gewöhnt man sich schnell. Der ist für mich inzwischen wie Musik. Und wenn man die Balkontüre und die Fenster zumacht, hört man gar nichts mehr“, versichert Jutta Eichholz.
Einen weiteren Vorzug ihrer Hochhaus-Wohnung sieht Eichholz darin, dass sie sich nur den Badeanzug und den Bademantel anziehen und mit dem Aufzug in den 22. Stocke fahren muss, wenn sie schwimmen oder in die Sauna gehen möchte. Ebenso, wie das Ehepaar Eichholz, geht auch Ingrid Bliß donnerstags um 15 Uhr zum Nachbarschaftstreff, den die SWB in einer ehemaligen Gaststätte organisiert, deren Räume sich im Erdgeschoss des 1971 erbauten Hochhauses befinden. Auch die täglichen Gespräche im Postraum oder im Concierge-Büro des Hochhauses lassen bei ihnen erst gar nicht das Gefühl von Anonymität und Einsamkeit aufkommen. Nicht ohne Stolz weist Hausverwalterin Sylvia Timmerkamp darauf hin, dass derzeit nur 2 von 206 Wohnungen leer stehen.
Dieser Text erschien am 27. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
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Dr. Peter Ramme 6.45 Uhr. Der Arbeitstag von Dr. Peter Ramme beginnt nicht in seiner Praxis, sondern im Haus Kuhlendahl, wo der Hausa...