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Samstag, 11. Dezember 2021

Zentral, erreichbar, bezahlbar

Wie wird es sich 2025 in Mülheim wohnen? Sozialdezernent Ulrich Ernst (59) wagt einen Blick in die Zukunft. Er beschreibt seine Idee vom Zusammenleben der Generationen im Mülheim von morgen.

Wie wollen Sie selbst wohnen, wenn Sie alt sind?
Ich bin schon alt. Und ich möchte so wohnen, wie ich jetzt wohne: zentral und mit Blick auf meine Nahversorgung fußläufig. Allerdings wohne ich derzeit in der 2. Etage eines Hauses ohne Aufzug. Vielleicht muss ich da noch einmal umziehen.

2025 werden bereits 27 Prozent der Mülheimer 65 und älter sein. Was bedeutet das für die Wohnkultur in unserer Stadt?
Wir brauchen Wohnquartiere, die sich durch Erreichbarkeit und Zugänglichkeit auszeichnen, wenn es um den Besuch des Hausarztes, des Friseurs, um den Einkauf oder um eine Physiotherapie geht. Auch Bring- und Holdienste werden keine Frage der Bequemlichkeit, sondern der Notwendigkeit sein.

Wie bereitet sich die Stadt auf diese Herausforderung vor?
In dem wir schon heute Netzwerke der  Generationen  initiieren, in denen wir alle relevanten Akteure eines Stadtteils zusammenbringen, damit sie eigene Initiativen entwickeln und Bedarfe formulieren. Solch eine Entwicklung kann man nicht von oben herab für die  gesamte Stadt verordnen. So etwas muss sich von unten aus den Stadtteilen heraus aufbauen.

Wie können die mehr werdenden Alten und die weniger werdenden Jungen auch 2030 friedlich zusammenwohnen?
Wir brauchen Orte, an denen sich Menschen begegnen können und wir brauchen bezahlbaren Wohnraum. Dort, wo alte und junge Menschen sich begegnen, können persönliche Bindungen entstehen, die zum Beispiel dazu führen kann, dass die alte Frau dem kleinen Kind von nebenan vorlesen und der junge Familienvater den einen oder anderen Einkauf für die alte und alleinstehende Nachbarin erledigen könnte.

Welche Wohnformen wird es im Mülheim von Morgen geben?
Wir werden weiterhin eine sehr differenzierte Wohnlandschaft haben. Weil auch eine ältere Stadtgesellschaft aus unterschiedlichen Menschen mit individuellen Bedürfnissen bestehen wird. Da werden wir Mehrgenerationen-Häuser und Alten-WGs ebenso haben wie die kleinen Apartments, in denen alleinstehende Senioren leben, die ganz bewusst allein wohnen und ihre Ruhe haben wollen. Angesichts langfristig sinkender Renten wird es auch mehr arme Rentner geben. Die soziale Spaltung der Stadt wird sich fortsetzen und sie wird nur durch das Beibehalten der jetzt erreichten Achtsamkeit für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Wohn- und Stadtquartiere abgefedert werden können. Mülheim wird eine Stadt mit weniger Menschen und mehr kleinen Haushalten werden.


NRZ, 03.06.2016

Dienstag, 23. Juni 2015

Modernes Leben im alten Fachwerkhaus an der Ruhr: Ein Besuch bei Annette und Wolfgang Kamieth

„Mein Gott, was haben Sie es hier schön.“ Diesen Satz hören Annette und Wolfgang Kamieth immer wieder, wenn Spaziergänger vor ihrem Fachwerkhaus am Leinpfad verweilen. Auch Kaufangebote bekommen sie öfter. Doch die lehnen sie immer dankend ab. Denn dafür gefällt es ihnen in ihrem Häuschen an der Ruhr, in dem sie gemeinsam alt werden wollen, selbst viel zu gut.

„Dass unser Haus so viele Menschen anspricht und auch die meisten Kinder ein Fachwerkhaus malen, wenn sie ein Haus zeichnen sollen, ist nicht verwunderlich. Denn Fachwerkhäuser entsprechen mit ihrer ganzen Gliederung und Maßstäblichkeit der Urform des menschlichen Wohnens“, findet Architekt Wolfgang Kamieth.

Die treibende Kraft für den Einzug in das 1784 erbaute Haus, in dem früher Schmiedemeister und Schiffer mit ihren Familien gelebt haben, war seine Frau Annette. „Meine Großmutter hat in einem Fachwerkhaus gelebt und dort auch einen kleinen Lebensmittelladen betrieben. Das hat mich schon als Kind fasziniert, weil das so gemütlich und so heimelig war. Da war einfach Leben drin. Seit dieser Zeit wollte ich auch selbst in einem Fachwerkhaus leben“, erinnert sich Annette Kamieth.
Bei ihrem Mann rannte sie mit diesem Wunsch offene Türen ein. Denn der war als junger Architekt mit der Wiederherstellung einer alten Arbeitersiedlung beauftragt und seit dem zu einem Fan historischer Bausubstanz geworden. „Über Jahre haben wir immer wieder nach einem geeigneten Objekt gesucht, aber die meisten Häuser waren entweder zu weit weg oder unbezahlbar“, erinnert sich Kamieth.

Doch dann bot sich plötzlich eine Lösung vor der eigenen Haustür. Denn gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Dudels stand ein altes und buchstäblich in die Jahre gekommenes Schifferhaus, in dem zuletzt eine alte Dame gelebt hatte. Von ihren Kinder bekamen die Kamieths das Haus zum Kauf angeboten.

„Es war keine Liebe auf den ersten Blick“ erinnern sie sich an die Zeit der Kaufentscheidung im Frühjahr 1988. Denn als Architekt und Farbgestalterin, die sich beruflich mit der Planung und Gestaltung von Wohngebäuden befassen, ahnten sie, was auf sie zukommen würde.

„Wir mussten das Haus in enger Abstimmung mit den Denkmalschützern von der Haustür bis zu den Dachziegeln völlig neu aufbauen, weil gut 70 Prozent des Eichenholzfachwerkes morsch waren“, erzählt Wolfgang Kamieth. Durch Zufall stießen seine Frau und er bei einem Spaziergang durch Ratingen auf die Fachwerkhausbaustelle einer Marburger Zimmerei, die sie für ihren Um- und Neubau gewinnen konnten. Die baute das gesamte Fachwerk ab, nummerierte alle Balken, transportierte sie nach Marburg, um dort neue Eichenholzbalken nach den historischen Vorlagen zu fertigen.

Zwischenzeitlich bekamen die Kamieths besorgte Anrufe ihrer Bank, weil ihr Kreditberater bei einem Spaziergang an der Ruhr plötzlich kein Fachwerkhaus mehr sah. Denn mit den Balken waren auch die ebenfalls maroden Lehmbausteine des alten Hauses verschwunden. Nichts mehr da, nur das Grundstück. Doch dann kamen die Zimmerleute aus Marburg zurück und bauten das gesamte Fachwerk nach historischem Vorbild, ganz ohne Stahl und dafür mit Holznägeln verbunden binnen einer Woche am alten Standort wieder auf. Als gelernter Schreiner übernahm Kamieths Vater die Bauleitung vor Ort.

In ihren regelmäßigen Baubesprechungen rangen die Kamieths den Denkmalschützern Kompromisse an den modernen Wohnkomfort ab. In die das Tageslicht brechenden Sprossenfenster wurde schalldämmendes Isolierglas und in den bisher durchgängigen Dachstuhl Dachgauben eingesetzt, um dort mehr Tageslicht hineinzubekommen. In den alten Bruchsteinkeller des Hauses wurde eine wasserdichte Betonwanne eingesetzt, um bei Ruhrhochwasser keine nassen Füsse zu bekommen. Und nicht zuletzt aus energetischen Gründen ersetzte man Lehm und Rohrgeflecht durch Ziegelbausteine, die mit Kalkmörtel geweißt wurden und so das neu aufgerichtete Fachwerkhaus im besten Sinne wieder alt aussehen ließen.

Wer das alte und zugleich neue Haus betritt, erlebt einen überraschenden, aber interessanten Kontrast. Das alte Fachwerkhaus von anno 1784 ist ausgesprochen modern, schlicht und zugleich stilvoll eingerichtet. „Wir leben zwar in einem Denkmal, aber als Architekt und Farbgestalterin leben wir auch immer mit der Veränderung“, sagt die für dieses Innenleben verantwortliche Annette Kamieth. Während sich im Erdgeschoss die im ehemaligen Kohlenlager untergebrachte Küche und die Wohnräume befinden, betritt man unter dem Dach erstaunlich helle und geräumig anmutende Büroräume, die mit einer kleinen Dachterrasse über der Küche abschließen. Denn die Katmieths leben nicht nur in ihrem Haus, sondern sie arbeiten auch dort. „Wir leben unseren Beruf“, sagt Annette Kamieth.

Das ehemalige Rasenstück auf der Leinpfadseite haben sie in eine geschmackvolle Terrasse mit Kübelpflanzen umgestaltet. Hecke und Zaunanlage schützen sie vor neugierigen Blicken vom zunehmend stark frequentierten Leinpfad, der nicht immer ein ruhiges Pflaster an der Ruhr ist. Natürlich müssen die Bewohner eines alten Fachwerkhauses auch Kompromisse machen. Eine Gesamtfläche von 160 Quadartmetern verteilt sich auf eineinhalb Stockwerke. Das Ess- und Wohnzimmer im Erdgeschoss ist mit seinen 40 Quadratmetern der mit Abstand größte Raum des Hauses. Und auch wenn Annette Kamieth versichert, „dass die Sonneneinstrahlung aufgrund der Südwestlage manchmal so stark ist, dass wir die Fensterläden schließen müssen, ist es an diesem Vormittag im Erdgeschoss des Hauses auch nicht übermäßig hell. Doch das tut dem modernen Wohnkomfort im alten Fachwerkhaus keinen Abbruch. Und man glaubt es den Kamieths sofort, wenn sie versichern: „Wir kommen immer wieder gerne nach Hause.“

Zahlen und Fakten zum Denkmalschutz


In Mülheim gibt es derzeit 907 Baudenkmäler und 1260 Häuser, die unter Denkmalschutz stehen. Die Zahlendifferenz ergibt sich daraus, dass Siedlungen, wie der Kirchenhügel, die Mausegatt-Siedlung, die Papenbusch-Siedlung oder die Siedlung auf der Heimaterde als ein zusammenhängendes Baudenkmal betrachtet werden.

Ob ein Haus unter Denkmalschutz gestellt wird, bestimmt das beim Landschaftsverband Rheinland angesiedelte Rheinische Amt für Denkmalpflege auf der Basis des Denkmalschutzgesetzes Nordrhein-Westfalen. Dort heißt es im § 2 (Absatz 1): „Denkmäler sind Sachen, Mehrheiten von Sachen und Teile von Sachen, an deren Erhaltung und Nutzung ein öffentliches Interesse besteht. Ein öffentliches Interesse besteht, wenn die Sachen bedeutend für die Geschichte des Menschen, für Städte und Siedlungen oder für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse sind und für die Erhaltung und Nutzung künstlerische, wissenschaftliche, volkskundliche oder städtebauliche Gründe vorliegen. Die Vorschriften des Landschaftsgesetzes bleiben unberührt.“

Vor Ort kontrolliert die beim Stadtplanungsamt angesiedelte Untere Denkmalbehörde die Einhaltung der Denkmalschutzauflagen. Dabei geht es um die identitätsstiftenden Merkmale eines Gebäudes, wie Baumaterialien, Fassaden, Dachflächen sowie Tür- und Fensteröffnungen.


Anders, als noch im Jahr 1988 bekommen Hauseigentümer für denkmalschützende Baumaßnahmen heute keine finanzielle Förderung von Stadt oder Land. Sie haben aber auf der Rechtsgrundlage des § 40 (Denkmalschutzgesetz NRW) die Möglichkeit, ihre Baukosten steuermindernd geltend zu machen. Voraussetzung dafür ist, dass die Baumaßnahmen abgeschlossen sind und das Haus in die Denkmalliste eingetragen wurde. Nur dann kann die Untere Denkmalbehörde in Abstimmung mit LVR-Amt für Denkmalpflege eine entsprechende Bescheinigung ausstellen.

Dieser Text erschien am 2. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 21. Juni 2015

Leben und Wohnen so normal wie möglich: Ein Besuch bei der "Viererbande" in einer WG der Lebenshilfe


Zu Hause bei den Eltern oder im Heim. Das war früher die Wohnalternative für Menschen mit geistiger Behinderung. „Matthias und ich wollten etwas anderes, ein Leben, so normal und so selbstbestimmt wie möglich“, erinnert sich die ehrenamtliche Vorsitzende der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung, Ulrike Stadelhoff, an das Jahr 2006. Damals überlegte sie zusammen mit ihrem geistig behinderten Sohn Matthias, wie und wo er in Zukunft wohnen wollte und sollte. Schon während seiner Zeit in der Förderschule an der Rembergstraße hatten der heute 29-jährige Matthias und seiene ebenfalls geistig behinderten Schulfreunde Christoph Sachse und Kerstin Kübel die Idee, später in einer Wohngemeinschaft zusammenleben zu wollen.

Schon bei Klassenfahrten und Sommerfreizeiten der Lebenshilfe hatten sie das ausprobiert und für gut befunden. Aus der Idee wurde Wirklichkeit, weil ihre Eltern genau so wie Matthias und Ulrike Stadelhoff dachten. „Das war viel Arbeit, die uns aber auch bis heute miteinander verbindet“, erinnert sich Ulrike Stadelhoff an die Zeit, als die Eltern mit Unterstützung der Lebenshilfe erst mal ein geeignetes Wohnquartier finden mussten. Als es mit einem Reihenhaus an der Meidericher Straße in Styrum gefunden worden war, musste über mehrere Wochen kräftig angefasst werden, um Haus und Garten bewohnbar zu machen. Am 1. Oktober 2006 war es so weit. Matthias, Christoph und Kerstin konnten in ihr neues Zuhause einziehen. Später kam dann mit Nicole Clemens eine vierte Bewohnerin in die neue WG der Lebenshilfe.

Wer die Viererbande, so nennen sie sich selbst, besucht, betritt ein ganz normal eingerichtetes Reihenhaus. Im Keller findet man eine Waschküche, einen Vorratsraum und einen Partykeller. Im Erdgeschoss bilden die Küche mit einer Durchreiche zum Wohn- und Esszimmer eine großzügige und gemütliche Raumeinheit. Von dort aus tritt man auf eine kleine Terrasse mit einem ebenfalls kleinen Garten. „Die Blumen hier gießen die Bewohner selbst. Auch beim Waschen, Putzen, Kochen oder Gemüseschnibbeln hilft jeder nach seinen Möglichkeiten mit. Denn Selbstständigkeit ist hier das A und O“, erzählt Heilerziehungspfleger Thomas Weiser. Er ist einer von vier Betreuern, die dafür sorgen, dass die geistig behinderten Bewohner der WG im Haus an der Meidericher Straße rund um die Uhr eine Alltagsassistenz an ihrer Seite haben. Obwohl Weiser auch die Arbeit in größeren Wohngruppen kennt, möchte er die familiäre Atmosphäre in der Lebenshilfe-WG nicht mehr missen: „Wenn die Bewohner zufrieden sind, bin ich auch zufrieden“, lautet sein Arbeitscredo.

Donnerstags und freitags kaufen dieb Bewohner und ein Betreuer gemeinsam ein. Und am Sonntag plant man die gemeinsamen und individuellen Aktivitäten der kommenden Woche. Mal besucht man ein Fest, ein Fußballspiel, ein Rockkonzert, eine integrative Disco oder man geht gemeinsam ins Kino. In dieser Woche steht unter anderem der Besuch eines Basketballturniers auf dem Programm, an dem Nicole, von ihren Mitbewohnern angefeuert, selbst teilnehmen wird.

Nicole und Christoph gewähren dem Besucher von der NRZ Einblick in ihre Zimmer im zweiten Stock. Im Treppenhaus geht es an Urlaubsfotos vorbei. Zuletzt war die WG auf Malloraca. Auch Hamburg und Holland wurde schon vereist. Stolz präsentiert Nicole ihre schickes Klappbett, das sie aus einer großen Schrankwand holt und ihren Talker. In das kleine Gerät kann man Sätze eintippen und je nach Bedarf über ein Display anzeigen oder mit eine elektronischen Stimme aussprechen. Das hilft der 29-Jährigen, die unter einer Redeflussstörung leidet, bei der Kommunikation. Auch Christoph, dessen etwa 15 Quadratmeter großes und mit Bett, Schrank und Sesseln eingerichtetes Zimmer seine Leidenschaft für Puzzle und Fußball verrät, spricht nur selten und wenn, dann auch nur einzelne Worte oder Sätze. Über seinem Bett hängen selbst gemalte Bilder und einige Familienfotos.

Zurück am Esstisch im Erdgeschoss, verraten die zwischen 27- und 29 Jahre jungen Bewohner dem Zeitungsmann, dass bei ihnen nicht nur Pommes, Pizza und Schnitzel auf den Tisch kommen, sondern dass sie alle echte Obst- und Gemüsefans sind. Nur Nüsse kommen nicht auf den Tisch. Denn auf die reagiert Kerstin allergisch.

Während die Bewohner ihr Frühstück und ihr Abendessen mit Hilfe ihres Betreuers, der sein Schlaf- und Arbeitszimmer ganz oben unter dem Dach hat, zubereiten, essen sie mittags in der Kantine ihres gemeinsamen Arbeitgebers, den beschützenden Werkstätten der Theodor-Fliedner-Stiftung Christoph arbeitet dort in der Küche und Nicole in der Elektrowerkstatt. Matthias, der sich sehr geschickt mit einer Buchstabentafel verständigen kann und Kerstin, die sich mit Lauten und Gebärden ausdrückt, werden im Betreuungs- und Förderbereich beschäftigt. Ihr Arbeitstag beginnt jeweils um 7.30 Uhr. Um 15.30 Uhr ist Feierabend. Dann geht es nach Hause oder auch zu einer Sport- oder Freizeitgruppe.

Ehe Matthias das Pressegespräch mit der Feststellung: „Jetzt habe ich aber Hunger beendet“ und nach einem kurzen Blick auf den Arbeitsverteilungsplan in der Küche das große Tischdecken beginnt, erzählen die Bewohner dem Pressemann noch, dass sie abends gerne Karten, Memory oder mit ihrer gemeinsamen Playstation spielen. Und würde einer der Viererbande vielleicht doch lieber wieder zu Hause wohnen? Christoph und Matthias bringen es unter dem zustimmenden Gelächter ihrer Mitbewohnerinnen auf den Punkt: „Nein, danke. Hier geht es uns doch gut, auch wenn wir hier mehr arbeiten müssen, als zu Hause.“

Zahlen und Fakten


Folgt man den Angaben des Gesundheitsamtes und des statistischen Landesamtes IT NRW, so leben und wohnen rund 17 200 schwerbehinderte Menschen in Mülheim. Das sind etwas mehr als zehn Prozent der Stadtbevölkerung.

Rund 2300 von ihnen haben eine geistige oder seelische Behinderung. Doch, dieses Handicap bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie auf ein weitgehend selbstständiges und selbstbestimmtes Leben verzichten müssen. Wie das funktionieren kann, zeigt der Besuch in der Lebenshilfe-WG an der Meidericher Straße in Styrum.

Da ihre vier Bewohner alle eine Pflegestufe haben, wird ihr gemeinsames Wohnen nicht nur über ein persönliches Budget des Landschaftsverbandes, sondern auch durch Leistungen aus der Pflegeversicherung finanziert. Würden sie, wie 34 andere Menschen mit geistiger Behinderung in einer der drei Wohngruppen der 1997 eingerichteten Lebenhilfe-Wohnstätte am Springweg leben, müsste der zu 90 Prozent von seinen Mitglieds-Gemeinden und zu zehn Prozent vom Land NRW finanzierte Landschaftsverband die Kosten ihrer Unterbringung alleine tragen. In der Wohnstätte kümmern sich 25 qualifizierte Mitarbeiter um die Betreuung der Bewohner.

Je nach Hilfebedarf liegen die persönlichen Budgets WG-Bewohner pro Monat zwischen 2000 und 3500 Euro. Abhängig von der jeweiligen Pflegestufe kommen pro Monat und Bewohner zwischen 468 und 1612 Euro hinzu.

Mit jeweils rund 50 Euro finanziert der Landschaftsverband die Fachleistungsstunden, die die als Sozialarbeiter, Sozialpädagogen oder Heilerziehungspfleger qualifizierten Betreuer der Lebenshilfe leisten, um stadtweit 40 Menschen mit geistiger Behinderung zu betreuen, die selbstständig in einer Wohnung leben. Deren Miete wird durch das Sozialamt finanziert. Hierbei handelt es sich aber um vergleichsweise selbstständige und leistungsfähige Klienten, die einen Betreuungsbedarf haben, der sich zwischen einer und elf Stunden pro Woche bewegt.

In einer mietfreien SWB-Wohnung an der Hingbergstraße betreibt die 1963 gegründete Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung und die 1983 eröffnete Förderschule für Menschen mit geistiger Behinderung an der Rembergstraße seit 2008 eine sogenannte Probewohnung, in der Remberg-Schüler jeweils für vier Wochen unter qualifizierter Anleitung lernen können, was man können und worauf man achten muss, wenn man selbstständig wohnen will.

Weitere Informationen zum Thema gibt es bei der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung unter: www.lebenshilfe-muelheim.de im Internet oder telefonisch unter der Rufnummer
0208-40 99 58 0.
 
Dieser Text erschien am 19. Mai 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 23. Mai 2015

Schöner wohnen im Hochhaus: Ein Erfahrungsbericht vom Hans-Böckler-Platz

„Du ziehst ins Hochhaus? Um Gottes Willen!“ Ingrid Bliß hat diesen Satz ihrer Schwägerin noch gut im Ohr. Vor zwei Jahren war das, als sie sich entschloss ihr großes Eigenheim am Uhlenhorst gegen eine 63-Quadratmeter- große Wohnung im 14. Stock des SWB-Hochhauses am Hans-Böckler-Platz 7 bis 9 einzutauschen.

„Das Haus war für mich einfach zu groß geworden. Und die Wege zum Einkauf oder zum Arzt waren plötzlich zu weit“, erinnert sich die 77-Jährige an die Zeit der Entscheidungsfindung. Es waren Schicksalsschläge, die Bliß und ihren inzwischen verstorbenen Lebensgefährten dazu bewogen aus dem grünen Stadtrand Mülheims ins City-Hochhaus zu ziehen. Sie war nach einem Unfall zeitweise auf einen Rollstuhl angewiesen und er war schwer krank. Beide nahmen sich eine gleich große Wohnung, die sie problemlos bewirtschaften, verlassen und wieder erreichen konnten, sie im 14. und er im 6. Stock.

Ingrid Bliß’ Sohn, der bei der Polizei arbeitet war zunächst skeptisch und überprüfte erst mal die Sicherheitslage. Doch als er sah, dass die Kollegen mit einer Dienststelle vor Ort präsent sind, ließ er seine Mutter beruhigt ins Hochhaus ziehen.

Und spätestens, als sie vom Concierge des Hochhauses zum Arzt gefahren wurde, war Ingrid Bliß im Hochhaus zu Hause. Als ihr Lebensgefährte dann vor einem Jahr starb, übernahmen Jutta und Hans Eichholz seine 63-Qudaratmeter große Wohnung im sechsten Stock.

„Die Miete wurde immer teurer und wir hatten in unserer 90 Quadratmeter großen Wohnung in Saarn eigentlich immer das Gefühl, einen Raum zu viel zu haben, nach dem die Kinder aus dem Haus und auch unsere Enkelin nicht mehr so oft wie früher bei uns übernachtete“, erinnert sich die 67-jährige Jutta Eichholz an ihre wachsende Unzufriedenheit, die sie zum Umzug motivierte. Auch ihr 71-jähriger Mann Hans will nicht mehr raus aus dem Hochhaus am Hans-Böckler-Platz: „Wir sind mitten drin und brauchen hier kein Auto und keine Vorratskammer. Denn das Forum und der Bahnhof sind direkt vor der Tür. Auch die Ruhr oder die Ärzte erreicht man zu Fuß“, schildert Eichholz die Vorzüge des zentralen Wohnens im Hochhaus.

Was Ingrid Bliß und ihre Nachbarn aus dem 6. Stock, mit denen sie sich inzwischen angefreundet hat, gleichermaßen schätzen, sind die Barrierefreiheit ihrer Wohnungen und der umfassende Mieterservice, der rund um die Uhr durch einen Concierge und zwei Hausmeister geleistet werden.
Ebenerdige Hauseingänge, Aufzüge und stufenlose Flure machen auch Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, die Bewegung im und aus dem Haus heraus leicht. „Wir sind hier gut aufgehoben und versorgt“, sind sich Ingrid Bliß und Jutta Eichholz einig. Und mit einer monatlichen Warmmiete von rund 570 bis 590 Euro kommen sie auch finanziell gut über die Runden.

Wenn man ihre Wohnungen betritt, fällt einem die Helligkeit und der funktionale Zuschnitt auf. Die Wohnungen haben zwei große Wohnräume, eine kleine Diele, eine kleine Küche und ein kleines Badezimmer mit niederschwelliger Dusche. Bliß und das Ehepaar Eichholz lieben die raumhohen Fenster, durch die sie in Richtung Dickswall und Tourainer Ring auf die Stadt und bis nach Essen blicken können. Regelmäßig sitzen sie allein oder mit Gästen auf ihrem schmalen, aber langen Balkon. „An den Verkehrslärm gewöhnt man sich schnell. Der ist für mich inzwischen wie Musik. Und wenn man die Balkontüre und die Fenster zumacht, hört man gar nichts mehr“, versichert Jutta Eichholz.

Einen weiteren Vorzug ihrer Hochhaus-Wohnung sieht Eichholz darin, dass sie sich nur den Badeanzug und den Bademantel anziehen und mit dem Aufzug in den 22. Stocke fahren muss, wenn sie schwimmen oder in die Sauna gehen möchte. Ebenso, wie das Ehepaar Eichholz, geht auch Ingrid Bliß donnerstags um 15 Uhr zum Nachbarschaftstreff, den die SWB in einer ehemaligen Gaststätte organisiert, deren Räume sich im Erdgeschoss des 1971 erbauten Hochhauses befinden. Auch die täglichen Gespräche im Postraum oder im Concierge-Büro des Hochhauses lassen bei ihnen erst gar nicht das Gefühl von Anonymität und Einsamkeit aufkommen. Nicht ohne Stolz weist Hausverwalterin Sylvia Timmerkamp darauf hin, dass derzeit nur 2 von 206 Wohnungen leer stehen.

Dieser Text erschien am 27. April 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...