Sonntag, 11. Dezember 2011

Warum die Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt in der kommenden Woche nach Lateinamerika schaut

Reisen bildet bekanntlich. Doch weil die 19.000 Mitglieder der katholischen Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt nicht alle nach Lateinamerika reisen können, kommt Lateinamerika in Person von Erzbischof Jorge Jimenez Caravajal aus Kolumbien zu ihnen. Warum blickt die Gemeinde bereits zum dritten Mal im Advent nach Südamerika? "Man kann dort eine enorme Frische des Glaubens erleben, weil der Glaube dort kein Tabu ist, das man verstecken möchte, sondern eine Kraftquelle, zu der man sich auch gerne öffentlich bekennt", sagt Franz Grave. Als Weihbischof des Ruhrbistums stand er lange an der Spitze des Hilfswerkes Adveniat und kennt die Situation in Lateinamerika aus eigener Anschauung.

"Wenn wir über unseren eigenen Kirchturm hinausschauen und mit Erzbischof Jorge Jimenez Caravajal ins Gespräch kommen, können wir daraus auch für uns selbst lernen und sehen, dass wir hier trotz aller Probleme immer noch auf sehr hohem Niveau klagen", glaubt Pfarrer und Stadtdechant Michael Janßen. Der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, ist vor allem deshalb auf den Bischof aus Lateinamerika gespannt, weil er von ihm erfahren möchte, welche Erfahrungen die Katholiken dort mit dem bereits 2005 begonnenen Dialogprozess gemacht haben, der im Ruhrbistum 2011 angelaufen ist. Obwohl der Dialogprozess bei uns noch nicht abgeschlossen ist, zeigen die bisherigen Diskussionen bereits bekannte Problempunkte auf: Wie geht die katholische Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen um? Wird sie Frauen zum Priesteramt zulassen und den Pflichtzölibat für Priester angesichts des akuten Priestermangels überdenken? Welche Konsequenzen zieht die Kirche aus den Missbrauchsfällen im Priesteramt?

Feldmann lässt keinen Zweifel daran, dass der Kirchendialog in Deutschland in absehbarer Zeit konkrete Ergebnisse zeitigen muss, damit "Menschen das Gefühl haben, dass ihre Anliegen von der Kirche auch ernst genommen, angesprochen und angegangen werden. Während die Generalversammlungen der Katholiken in Lateinamerika inzwischen zum Start eine kontinentalen Glaubens- und Missionsoffensive geführt haben, macht Feldmann vor allem die Glaubenserosion in den jungen Familien Sorge. "

"Ich spüre aber auch bei jungen Menschen eine große Sehnsucht nach einem sinnvollen und glaubenserfüllten Leben. Und ich führe nicht nur Gespräche mit Menschen, die die Kirche verlassen haben, sondern auch mit denen, die wieder in die Kirche zurückkehren", hält Janßen fest und warnt vor übertriebenen Pessimismus.

Neben Gottesdiensten und Treffen mit aktiven Katholiken der Stadt steht am 15. Dezember um 19 Uhr auch eine Vortrags- und Disskussionsveranstaltung im Altenhof an der Kaiserstraße auf dem Besuchsprogramm von Erzbischof Jorge Jimenez Caravajal. Bei dieser Gelegenheit sollen die Ergebnisse der Kirchendialoge in Lateinamerika und im Ruhrbistum zur Sprache kommen.

Weitere Informationen zur Lateinamerikawoche finden sich auf der Internetseite www.mariae-geburt.com, auf einem öffentlich ausliegenden Faltblatt oder im Pfarrbüro von St. Mariae Geburt an der Althofstraße, das telefonisch unter der Rufnummer 0208/32525 erreichbar ist. Weitere Information über das Hilfswerk Adveniat, das seit 50 Jahren besteht, gibt es im Internet unter: http://www.adveniat.de/

Zahlen & Fakten: 2010 verließen 429 Katholiken und 331 Protestanten ihre Kirche. In diesem Jahr waren es bisher 256 Katholiken und 276 Protestanten. Mit jeweils rund 52.000 Mitgliedern stellen die beiden großen Kirchen jeweils ein knappes Drittel der Stadbevölkerung.



Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 9. Dezember 2011 in der NRZ

Montag, 28. November 2011

Ein Streifzug durch ein dunkles Kapitel der Mülheimer Straßennamen

Nomen est omen. Das gilt auch für die Straßennamen unserer Stadt. Zum 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, machte ich mich für die NRZ auf die Spurensuche nach Mülheimer Straßennamen in der NS-Zeit. Wussten Sie, dass die Friedrichstraße während des Dritten Reiches Adolf-Hitler-Straße hieß und der Kaiserplatz der Platz der SA war. Die Heißener Straße hieß Horst-Wessel-Straße. Die Mendener Brücke trug den Namen Hermann Görings. Und die Schulstraße war nach dem deutschnationalen Verleger und Parteiführer Alfred Hugenberg benannt.

Es überraschte mich, im Stadtarchiv herauszufinden, dass die Stadtverwaltung im Mai 1945, auf Befehl der alliierten Militärregierung 17 Straßen umbenennen musste, die nach Nazi-Größen benannt worden waren. Nachdem die Nazis ihre Macht gefestigt hatten, hatten sie ab Mitte der 30er Jahre offensichtlich mit Erfolg die Vordenker und Wegbereiter ihrer Ideologie im Straßenbild und damit im öffentlichen Bewusstsein der Bürger zu verankern.

Es gab aber auch strittige Straßennamen, die das Kriegsende überstanden. Dazu gehörte unter anderem die Hindenburgstraße, die erst 1949, auf Anordnung der Alliierten, umbenannt werden musste und seitdem den Namen des ersten sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert trägt. Die Hindenburgstraße, die die alten Mülheimer vor 1916 als Froschenteich und als Notweg gekannt hatte, war ein Sonderfall. Im Ersten Weltkrieg widmete die Stadt dem "Helden von Tannenberg" eine ihrer zentralen Straßen, weil Hindenburg als General 1914 Ostpreußen von den Russen befreit hatte. Erst später wurde Hindenburg als Reichspräsident, der Hitler zum Reichskanzler ernannte, zu einem der Totengräber der Weimarer Republik.

Noch wesentlich länger überdauerten allerdings die nach dem deutschen Kolonialisten Carl Peters benannte Straße in Eppinghofen und eine Straße sowie ein Platz in Oberdümpten, die noch bis Mitte der 90er Jahre den Namen des antisemitischen Hofpredigers Adolf Stöcker trugen. Heute tragen diese Straßen und Plätze die Namen der sozialdemokratischen Verfassungsmutter und Juristin Elisabeth Selbert sowie der von den Nazis 1945 ermordeten Anne Frank, die mit ihrem Tagebuch ein unvergängliches und bestürzendes Zeitdokument für die Verbrechen des Holocaust hinterlassen hat.

Ebenfalls erst Mitte der 90er Jahre fasste der Rat der Stadt einen offiziellen Beschluss, der Hitler und Hindenburg die 1933 verliehene Ehrenbürgerschaft der Stadt aberkannte. Zuvor hatte die Stadt argumentiert, die Ehrenbürgerschaften seien mit dem Tode Hitlers und Hindenburgs automatisch erloschen. Nach Auskunft des Verbandes der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN) stand die Aberkennung der umstrittenen Ehrenbürgerschaften aus der NS-Zeit bereits 1946 und 1985 Thema im Stadtparlament, war aber nie abschließend beschlossen wurde.

Bis heute gibt es in Mülheim Straßennamen, an denen sich die Geister scheiden. Das bekannteste Beispiel ist die 1967 nach Fritz Thyssen benannte Straße in Dümpten. Thyssen, der einst von sich sagte: "I paid Hitler/Ich bezahlte Hitler" wandelte sich immerhin noch während der Nazi-Zeit vom Förderer zum Gegner Hitlers und wurde so selbst zum Verfolgten. Die Debatte über diesen Straßennamen ist sicher noch nicht abgeschlossen.

Ein ausführlicher Beitrag zu diesem Thema erschien in der NRZ vom 9. November 2011

Samstag, 5. November 2011

Eine Politikerin mit Weitsicht: Die Mülheimer Bundestagsabgeordnete Helga Wex starb vor 25 Jahren






Elterngeld bei Vätern immer beliebter." So titelte kürzlich die NRZ. Die Idee, Eltern finanziell zu unterstützen, damit sie Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren können, ist nicht neu.Bereits 1973 beantragte eine Mülheimerin im Deutschen Bundestag, ein Erziehungsgeld einzuführen und Erziehungszeiten auf die gesetzliche Rente anzurechnen. Helga Wex hieß sie. Sie war damals als stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende der Union eine der prominentesten Bundespolitikerinnen.










Als Bundesvorsitzende der damals 160?000 Mitglieder zählenden Frauenvereinigung in der CDU, die heute Frauenunion heißt, gehörte sie in den 70er und 80er Jahren zu den exponiertesten Frauen- und Familienpolitikerinnen.Viele Ideen und Forderungen, die sie damals in Positionspapieren und Programmen formulierte, klingen auch 25 Jahre nach ihrem Tod immer noch aktuell: Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, etwa durch Teilzeitarbeit und Job-Sharing, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, mehr Frauen in politische Führungsverantwortung, Partnerrente und Erziehungsgeld. Mit letzterem konnte sich Wex 1973 nicht durchsetzen, weil ihr Anliegen auf finanzpolitische Vorbehalte stieß. Auch das klingt uns heute vertraut."Einige ihrer Forderungen waren für einige in ihrer Partei damals fast revolutionär", erinnert sich ihr damaliger Mitarbeiter Jochen Hartmann. Bis heute bewundert er ihre Intensität und Leidenschaft, mit der sie für ihre Überzeugungen kämpfte. Woher diese unermüdliche Motivation kam erfuhr er in einem Gespräch, in dem sie von ihrem sozialdemokratischen Vater erzählte, der von den Nazis in Handschellen durch die Straßen von Buxtehude geführt wurde, wo Wex als Helga Schimke 1924 geboren wurde und heute ein Platz ihren Namen trägt.










"Damit so etwas in Deutschland nicht noch einmal vorkommen kann", wollte die promovierte Literaturwissenschaftlerin nach ihrem Studium in die Politik gehen.Nach einem Intermezzo als Mitarbeiterin einer Literaturzeitschrift und einem Auslandstudium in Brügge und Den Haag machte Wex als Ministerialreferentin in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Bonn ab 1953 ihre ersten politischen Erfahrungen. In der damaligen Bundeshauptstadt lernte sie auch ihren Mann, den Juristen Günther Wex kennen, mit dem sie nach Mülheim ging, wo später zwei Töchter zur Welt kamen. Hier stieg Helga Wex 1961 als CDU-Ratsfrau mit den Themenschwerpunkten Weiterbildung und Kultur in die Kommunalpolitik ein.Doch schon bald bahnte sich der Wechsel in die Bundespolitik an.










1965 kandidierte sie erstmals für den Bundestag. Erfolglos. Ausgerechnet der Tod des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer sorgte im April 1967 dafür, dass die Stadträtin über die Landesliste ihrer Partei in den Bundestag einzog. Dort machte sie sich nicht nur im Ausschuss für Bildung Wissenschaft einen Namen, der dafür sorgte, dass Wex auch in der Bundespolitik blieb, als sie 1969 den Wiedereinzug in den Bundestag verpasste. 1969 wurde sie deshalb zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden ihrer Partei gewählt, um mit dem Themenschwerpunkten Frauen und Familie weibliche Wähler für die gerade abgewählte Union zurückzugewinnen. Ein Jahr vor ihrem Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag übernahm Wex 1971 den Vorsitz der CDU-Frauenvereinigung, mit der sie 1975 ein modernes frauen- und familienpolitisches Programm durchsetzte, das sich zum Prinzip Partnerschaft in Familie und Beruf und zur Gleichwertigkeit von Familien- und Erwerbsarbeit bekannte.










"Wir sind Mitstreiter für eine freie Gesellschaft, in der die Stellung der Frau auf gleicher Verantwortung, gleichen Pflichten und gleichen Rechten beruht," betonte sie damals in ihrer Parteitagsrede.Das mag heute, da wir von einer Kanzlerin und einer Ministerpräsidentin regiert werden, fast banal klingen, hört sich aber ganz anders an, wenn man weiß, dass Frauen erst 1977 das Recht erhielten, ohne Zustimmung ihres Ehemannes berufstätig zu werden. Mit Erfolg kämpfte Wex in den 70ern für die Einrichtung einer Bundestags-Kommission und eines Forschungsinstitutes, die ebenso, wie die 1985 von ihr initiierten CDU-Leitsätze "für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau" Antworten auf ihre Lebensfrage gaben: Wie wird Gleichberechtigung Wirklichkeit?










Obwohl sie während der Bundestagswahlkämpfe 1972, 1976 und 1980 in den Schattenkabinetten der jeweiligen Unions-Kanzlerkandidaten als Familienministerin vorgesehen war, wurde sie nach dem Regierungswechsel 1982 unter dem CDU-Kanzler Helmut Kohl keine Familienministerin. Sie blieb Fraktionsvize und wurde Koordinatorin für die deutsch-französischen Beziehungen. Auch ihr Vorschlag eines Familienkabinetts, das alle Regierungsentscheidungen auf Familienfreundlichkeit überprüfen sollte, wurde nicht aufgegriffen. Warum? Der Spiegel mutmaßte in einem Nachruf auf die 1986 an einem Krebsleiden verstorbene Helga Wex, Kohl habe die "elegante und unbequeme Dame aus Mülheim nicht leiden" können. Der Spiegel selbst würdigte sie als "christliche Frauen-Streiterin" und als "Farbtupfer in dem vom grauen Männer-Zwirn beherrschten" Bundestag.










Dieser Beitrag erschien am 10. Seotember 2011 in der NRZ

Sonntag, 23. Oktober 2011

Keine Institution von gestern oder: Warum die Katholischen Öffentlichen Büchereien in Zeiten des demografischen Wandels nötiger denn je sind

Vera Steinkamp vom Medienforum des Bistums nennt beeindruckende Zahlen: 1200 Frauen und Männer haben sich 2010 als ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit insgesamt 112.000 Arbeitsstunden in den Katholischen Öffentlichen Büchereien ihrer Gemeinden engagiert. Sie haben dabei 1843 Veranstaltungen auf die Beine gestellt und rund 38.000 Leserinnen und Leser beraten, 5,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. "Ihre Arbeit wird geschätzt. Sie sind sichtbar. Sie sind keine grauen Mäuse", bestätigt die Leiterin des Medienforums den rund 90 ehrenamtlichen Bibliothekaren, die den Weg zum Diözesantag der Katholischen öffentlichen Büchereien in die Wolfsburg gefunden haben.

Die Frauen und Männer des guten Buches haben sich an diesem Samstag im Auditorium der katholischen Akademie versammelt, um sich mit ihrer Zukunft zu beschäftigen. Wie wird diese Zukunft aussehen? "Weniger, vielfältiger, älter und weiblicher", sagt Referentin Ellen Ehring. Die Organisationsberaterin ist immer wieder gefragt, wenn Städte und Landkreise darüber nachdenken, wie sie sich auf den demografischen Wandel einstellen können. Dass unsere Gesellschaft immer älter und bunter wird, macht Ehring mit einem "bewegten Einstieg" deutlich. Alle Tagungsteilnehmer müssen sich in einer Runde aufstellen. "Wer ist unter 30? Bitte vortreten!" Keiner. Gerade mal zwei KÖB-Frauen sind unter 40. Die Gruppe der 40- bis 50-Jährigen ist überschaubar. Die Gruppe der 50- bis 60-Jährigen ist die größte, gefolgt von der Gruppe 60 Plus. Viele treten auch vor, als nach Freunden, Nachbarn und Verwandten mit Zuwanderungshintergrund gefragt wird.

Die Zahlen, die Ehring nennt machen nachdenklich. 2010 hatten wir in 16 deutschen Bundesländern nur 678.000 Neugeborene. 1964 waren es in elf westdeutschen Bundesländern noch 1,57 Millionen. 2050 werden ein Drittel aller Deutschen 65 und älter sein. Schon heute wächst ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland in einer Zuwandererfamilie auf. Und 73 Prozent aller Frauen über 65 sind heute aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung verwitwet. Was bedeutet diese Entwicklung für die Katholischen öffentlichen Büchereien der Zukunft? Ehring macht ihren Zuhörern Mut. "Das wird Ihre Stunde sein. Denn sie sind mit ihren Büchereien nah dran an den Menschen. Halten sie das aufrecht. Denn wir brauchen in Zukunft immer mehr kommunikative Bildungs- und Begegnungsorte, zu denen ältere Menschen hingehen können. Außerdem brauchen wir mehr Komm- und Bringstrukturen." Und auch das macht Ehring deutlich. Katholische öffentliche Büchereien müssen sich im Zeitalter des demografischen Wandel mehr denn je vernetzen, um mit Partnern neue Angebote machen zu können. Sei es eine Informationsveranstaltung für pflegende Angehörige, Qualifizierungsangebote für Zuwanderer oder eine intensivere Betreuung und Förderung der weniger, aber um so wichtiger werdenden Kinder einer immer älter werdenden Gesellschaft. Für Vera Steinkamp steht nach dem Vortrag fest: "Katholische öffentliche Büchereien sind kein kultureller Luxus, sondern ein gesellschaftliches Muss."

Dieser Beitrag erschien am 21. Oktober 2011 im Ruhrwort

Freitag, 21. Oktober 2011

Warum Bernd Fleskes das Prädikat eines behindertenfreundlichen Arbeitgebers verdient hat

Schwerbehindert. Das Wort klingt nach Leistungsunfähigkeit. Vielleicht liegt es daran, dass der Landschaftsverband Rheinland (LVR) zu dem Ergebnis kommt, dass 80 Prozent aller Unternehmen in seinem Bereich ihre gesetzliche Verpflichtung nicht erfüllen, nämlich mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung zu vergeben. Lieber zahlen sie eine entsprechende Ausgleichsabgabe und kaufen sich von ihrer Verpflichtung frei. Der Anteil der Mitarbeiter mit Behinderung liegt in der freien Wirtschaft landesweit gerade mal bei 4,3 Prozent, während im öffentlichen Dienst immerhin 6,6 Prozent aller Beschäftigten ein Handicap haben.

Doch es gibt auch in der freien Wirtschaft Ausnahmen von dieser unrühmlichen Regel. Eine von ihnen ist der Mülheimer Unternehmer Bernd Fleskes. Der 50-Jährige, der selbst einen behinderten Schwager hat, betreibt im Hafen eine Firma für Behältermanagement und Verpackungslogistik. Drei seiner zwölf Mitarbeiter, also 25 Prozent sind schwerbehindert. Einer von ihnen arbeitete zuvor in einer beschützenden Werkstatt und absolviert jetzt bei ihm mit Aussicht auf Erfolg eine Ausbildung zum Fachlageristen. Er schaffte damit den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt. Zwei weitere Mitarbeiter von Fleskes sind körperbehindert. „Sie sind alle sehr glücklich, dass sie mit ihrer Arbeit ihr Leben selbstständig gestalten können und sind deshalb auch besonders leistungsbereit und zuverlässig“, lobt Fleskes seine behinderten Mitarbeiter.

Sein Vorbild empfiehlt der LVR zur Nachahmung und verlieh Fleskes jetzt das Prädikat „behindertenfreundlicher Arbeitgeber.“ Er selbst weiß, was er an seinen Kollegen mit und ohne Handicap hat. „Wir verstehen unseren Betrieb als ein Unternehmen mit sozialem Anspruch“, betont Fleskes. Aber auch in der betriebswirtschaftlichen Praxis hat sich sein Vertrauen in seine gehandicapten, aber leistungsbereiten Mitarbeiter ausgezahlt. „Wir arbeiten sehr gerne mit unseren Mitarbeitern mit Behinderung zusammen. Denn wenn die Rahmenbedingungen auf die persönlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt sind, haben alle Freude an der Arbeit und liefern gute Qualität“, versichert Fleskes und macht so seinen skeptischen Unternehmerkollegen Mut, seinem Beispiel zu folgen.

Auch die bei Arbeitgebern weit verbreitete Furcht vor unkalkulierbaren finanziellen und rechtlichen Risiken kann er aus seiner Erfahrung nicht bestätigen.Er selbst musste aus betriebsbedingten Gründen schon einmal zwei gehörlosen Mitarbeiterinnen kündigen und bekam das vom LVR nach einer entsprechenden Begründung auch genehmigt. „Ich bin dort gut aufgehoben“, erklärt Fleskes mit Blick auf die fachliche Beratung und finanzielle Unterstützung, die ihm vom LVR, sowie vom Sozial- und Integrationsamt zuteil geworden ist.

Weitere Arbeitgeberfragen zu den rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen der Einstellung eines schwerbehinderten Mitarbeiters beantwortet Frank Spiller von der Fürsorgestelle beim Sozialamt unter  der Rufnummer: 4 55 -50 62

Dieser Beitrag erschien am 14. Oktober 2011 in der NRZ

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Welche Bedeutung hat die Styrumer Gesamtschule in den letzten 25 Jahren für den Stadtteil gewonnen? Ein Gespräch mit ihrem Schulleiter Behrend Heeren

Heute kann man es sich gar nicht mehr vorstellen. Aber bis 1986 konnte man in Styrum kein Abitur machen. Dann kam die Gesamtschule, die seit 1993 den Namen des ehemaligen Bundeskanzlers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt trägt. Welche Bedeutung hat diese Schule mit ihren heute 975 Schülern in den letzten 25 Jahren gewonnen. Behrend Heeren muss es wissen. Der 65-jährige Pädagoge leitet die Schule von Anfang an.

Wie hat sich die Schule in den letzten 25 Jahren verändert?
Die Schule hat an Kontinuität und Stabilität gewonnen. Anfangs hatten wir nur 85 Schüler und begannen als eine Abteilung der Gustav-Heinemann-Schule. Damals mussten wir um unser Standing kämpfen. Doch schon im zweiten Schuljahr hatten wir bei den Anmeldungen Überhänge und das hat sich eigentlich bis heute so gehalten. Heute kommen 60 Prozent unserer Schüler aus Styrum.

Wie hat sich der Stadtteil aus Ihrer Sicht seit 1986 gewandelt?
Der Bau dieser Schule war Teil einer Wohnumfeldverbesserung in Styrum, die auch Früchte getragen hat. Doch seit zehn bis 15 Jahren merkt man, dass die soziale Spaltung des Stadtteils voranschreitet und die soziale Schere weiter aufgeht.Frage: Woran merkt man das?Antwort: Man muss nur mit offenen Augen durch die Straßen gehen und sehen, wie sich Menschen kleiden und bewegen, um zu erkennen, dass die Zahl der sozial schwachen Familien zugenommen hat. Ein Indikator an unserer Schule ist die Tatsache, das über 100 von insgesamt 975 Schülern Leistungen des Bildungsteilhabepaketes und kostenlose Schülerbücher des Schulträgers in Anspruch nehmen.

Welche Rolle spielt die starke türkischstämmige Gemeinschaft in Styrum?
Wir haben inzwischen eine gefestigte türkische Infrastruktur im Stadtteil. Das ist nicht nur von Vorteil, weil damit der Zwang abgenommen hat, Deutsch zu lernen. Neben türkischen Geschäften und Vereinen spielt dabei auch das türkische Satellitenfernsehen eine große Rolle, das es vor 25 Jahren noch nicht gegeben hat.Frage: Wie hoch ist der Anteil der türkischstämmigen Schüler an Ihrer Schule?Antwort: Diesen Anteil schätzte ich in der Sekundarstufe 1 auf 25 bis 27 Prozent. Dabei gibt es auch bei den türkischstämmigen Elternhäusern eine Spaltung zwischen bildungsbewussten und bildungsfernen Elternhäusern. In den bildungsnahen Elternhäusern sprechen die Eltern auch ganz bewusst Deutsch. Früher kamen fast alle türkischstämmigen Styrumer Kinder mit Gymnasialempfehlung zu uns. Heute haben einige bildungsnahe türkische Familien auch das Gymnasium für sich entdeckt. Sie stellen dort aber oft fest, dass ihre Kinder nicht so erfolgreich sind, weil wir hier eine breite Stützungs- und Förderinfrastruktur haben, die Kinder fördert und fordert.

Warum hat eine Gesamtschule, wie die Ihre, in Styrum besonders viel Sinn?
Gerade in einem Stadtteil, in dem sich die soziale Schere immer weiter öffnet, ist es wichtig eine Schule zu haben, die als Klammer wirkt, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Dazu trägt das gemeinsame Lernen in unserer Schule bei, in dem die soziale Teilung so lange wie möglich vermieden wird.

Mit der Gründung der Willy-Brandt-Schule konnten Styrumer Schüler erstmals vor Ort Abitur machen. Wie hat sich das auf den Stadtteil ausgewirkt?
Das ist schwer zu sagen, weil wir bisher noch keine Langzeitbiografien erhoben haben. Einige Schüler machen eine Ausbildung. Andere verlassen den Stadtteil, um zu studieren, behalten aber ihre Styrumer Wurzeln. Ein erfolgreiches Bildungsbeispiel ist für mich ein ehemaliger Schüler, der bei uns das Abitur gemacht hat und den ich heute als stellvertretenden Filialleiter regelmäßig in der Styrumer Sparkasse am Sültenfuß treffe.

Welche Bedeutung hat für Sie die in Ihrer Schule ansässige Stadtteilbücherei?
Wir nutzen die Stadtteilbücherei als Schule sehr intensiv, aber auch die Stadtteilbücherei nutzt Räume unserer Schule, etwa für Spiel- und Bastelangebote mit Kindern. Die Leiterin der Stadtteilbücherei, Petra Sachse, stellt regelmäßig Themenapparate für Schüler zusammen. so dass sie in der Bibliothek arbeiten und Aufgaben lösen können. Außerdem haben Schüler zusammen mit der Stadtteilbücherei auch schon eine Ausstellung zum Thema „Widerstand in Mülheim“ erstellt.

Welche Rolle spielt der Stadtteil im Schulalltag?
Er spielt auf vielen Ebenen eine Rolle. Unsere Schüler machen zum Beispiel ihre Betriebspraktika in Styrumer Firmen und Kindertagesstätten. Sie gehen als Lesepaten in die Grundschulen des Stadtteils. Kunstkurse stellen ihre Arbeiten in der Feldmannstiftung oder beim Optiker Früchtenicht aus. Erdkunde- und Kunstkurse haben zum Beispiel Ideen für die Neugestaltung des Sültenfußes oder für die Gestaltung des Naturbades geliefert. Sozialwissenschaftskurse nehmen zum Beispiel die Geschäfte des Stadtteils und ihre Werbung unter die Lupe. Und zurzeit bereitet ein Sozialwissenschaftskurs eine Befragung von Styrumer Senioren vor.

Dieser Beitrag erschien am 20. Oktober 2011 in NRZ und WAZ

Montag, 17. Oktober 2011

Die Stadtbücherei im Wandel der Zeit

Bücher müssen nicht teuer sein. Dafür sorgt die Stadtbücherei. Fast eine Million mal haben Mülheimer im letzten Jahr dort nicht nur Bücher, sondern auch Zeitschriften, Hörbücher, Musik-CDs, Spiele oder DVD-Filme ausgeliehen. Dass sich der Umzug vom Rathausmarkt ins neue Medienhaus 2009 für die Stadtbücherei ausgezahlt hat, sieht Büchereileiterin Claudia vom Felde daran, dass die Zahl der Ausleihen in der alten, 1969 eröffneten Stadtbücherei am Rathausmarkt nur bei 690 000 lag.

„Viele Geschäftsleute verbringen hier ihre Mittagspause. Und es kommen auch mehr Schüler und Studenten als früher“, berichtet vom Felde aus dem Alltag des Medienhauses am Synagogenplatz. Als dieser Platz noch Viktoriaplatz hieß, wurde dort bereits 1905 eine Volkslesehalle eingerichtet. So schließt sich der Kreis.Verführung zum LesenDie Bibliothekschefin bestätigt, dass literarische Appetitmacher, wie die Frankfurter Buchmesse oder die derzeit laufenden Mülheimer Herbstblätter vor allem die Nachfrage nach neuen Romanen steigern. Aber auch Hör- und Sachbücher, so vom Felde, stünden bei den Bibliotheksnutzern hoch im Kurs. Dagegen sind Musik- und Videokassetten inzwischen nicht mehr gefragt und deshalb aus den Regalen verschwunden.Heute haben sie in der Stadtbücherei, zu der neben der Zentralbibliothek im Medienhaus, auch die Schul- und Stadtteilbüchereien an der Oberhausener Straße in Styrum, an der Frühlingstraße in Speldorf, an der Kleiststraße in Heißen und an der Boverstraße in Dümpten gehören die Auswahl aus insgesamt 240 000 verschiedenen Medien. Ein Ankaufetat von jährlich 200 000 Euro sorgt dafür, dass die Stadtbücherei auf dem aktuellen Stand bleibt.

Welcher Unterschied zu den 70 000 Büchern, mit denen die Stadtbücherei vor 60 Jahren an den Start ging. Es war ein Neustart nach dem Krieg. Denn beim großen Luftangriff vom Juni 1943 war ein Großteil des Bibliotheksbestandes in Flammen aufgegangen. Die Reste wurden an der Ruhr- und an der Kettwiger Straße eingelagert. Mit dem Wiederaufbau der Stadtbücherei, deren Ursprünge bis ins Jahr 1883 zurückreichen, konnte man erst 1947 beginnen.Schon ab 1926 hatte der Weg zum guten Buch zur Schloßbrücke geführt. Dort, wo heute neue Wohnungen mit exklusivem Ruhrblick entstanden sind, gingen die Mülheimer damals entweder zum Schwimmen ins Stadtbad oder zum Schmökern in die Stadtbücherei.

Im Haus an der Leineweberstraße, damals lautete die Adresse noch Schloßstraße 70, waren nicht nur Ausleihe und Lesesaal sowie Jugend- und eine Musikbücherei, sondern auch eine heimatkundliche Abteilung, eine Buchbinderei und ein Ausstellungsraum untergebracht. Da war es nur folgerichtig, dass man nach dem Bibliotheksumzug in den Neubau am Rathausmarkt 1970 an der Schloßbrücke das städtische Kunstmuseum einquartierte, das 1994 in die Alte Post umziehen sollte.Und die Geschichte der Stadtbücherei, die heute täglich von mehr als 1000 Bürgern besucht wird, geht mit dem Start der E-Book-Ausleihe im Januar 2012 weiter.

Dieser Beitrag erschien am 15. Oktober 2011 in der NRZ