Donnerstag, 4. März 2021

Alles, was recht ist

 Wenn ein Nachbarschaftsstreit vor Gericht landet, kann das für alle Beteiligten nicht nur unangenehm, sondern auch teuer werden. Doch zum Glück gibt es Menschen wie Anja Lüthe.

Hünxe. Die 50-jährige bekleidet neben ihrem Beruf als freiberufliche Projektleiterin seit fünf Jahren das Ehrenamt als Schiedsfrau. Gerade erst ist sie vom Gemeinderat für weitere fünf Jahre in Ihrem Amt bestätigt worden. Wer in Drevenack oder Krudenburg wohnt und zum Beispiel Streit mit seinem Nachbarn hat, ist bei der Schiedsfrau an der richtigen Adresse, um diesen schnell, unkompliziert und rechtsverbindlich beizulegen. Im Gespräch mit dem Lokalkompass und dem Niederrhein Anzeiger berichtet Anja Lüthe, was es mit ihrem Ehrenamt im Dienste der Rechtspflege auf sich hat.

Wie kamen Sie zu Ihrem Ehrenamt?
Anja Lüthe: Mein Jugend-Wunsch war es, Jura zu studieren. Aber durch einen persönlichen Schicksalsschlag, den frühen Tod meiner Mutter, ist alles anders geworden. Durch die Tätigkeit als Schiedsfrau bin ich dann meinem Jugend-Wunsch wieder ein Stück näher gekommen. Zudem hat mein Großvater mir bereits in jungen Jahren einen großen Gerechtigkeitssinn mit auf den Lebensweg gegeben und mir beigebracht, dass man jeden Streit friedlich beilegen kann und das unbewältigter Streit Menschen krank machen kann. Diese Weisheit hat meine Entscheidung für das Ehrenamt noch zusätzlich bestärkt.

Was muss man als Schiedsfrau mitbringen?
Anja Lüthe: Vor allem Lebenserfahrung, gute Menschenkenntnis, eine hohe Einsatzbereitschaft und Interesse an juristischen Abläufen. Ich habe mehrere Fortbildungen im Zivil,- Straf und Nachbarrecht absolviert und in diesem Zusammenhang auch die Mediation erlernt. Das alles ist Voraussetzung für eine gute Amtsausführung.

Bekommen Sie als ehrenamtliche Schiedsfrau eine finanzielle Aufwandsentschädigung?
Anja Lüthe: Ja. Das sind in meinem Fall monatlich 40 Euro, die ich zum Beispiel für Fahrt,- Porto,- Telefon- oder andere Bürobedarfs-Kosten einsetzen kann.

Was motiviert Sie zu ihrem Ehrenamt als Schiedsfrau?
Anja Lüthe: Meine Lebenserfahrung und meine Berufserfahrung zeigen mir, dass man Konflikte, egal welcher Art, gut lösen und beilegen kann, wenn man mit menschlichem Einfühlungsvermögen, einer guten Kommunikationstechnik und gutem Menschenverstand an die Probleme herangeht. Ich leiste mit meiner Tätigkeit als Schiedsfrau einen wesentlichen Beitrag für ein konfliktfreies Zusammenleben und entlaste damit die Amtsgerichte.

Mit welchen Konflikten werden Sie konfrontiert?
Anja Lüthe: Ich übernehme Fälle wie zum Beispiel Hausfriedensbruch, Beleidigung, üble Nachrede, leichte oder fahrlässige Körperverletzung, Nachbarschaftsstreitigkeiten wie zum Beispiel Streit um Grundstücksgrenzen und Heckenschnitt, zudem Fälle von vermögensrechtlichen Werten, wie zum Beispiel Herausgabe von Dingen, wie zum Beispiel Möbel aus einer gemeinsamen Wohnung.

Können Sie alle Ihre Fälle mit einem Vergleich beenden?
Anja Lüthe: ja. Bisher konnte ich alle Verhandlungen mit einem Vergleich beenden.

Sie werden als Schiedsfrau sicher oft mit sehr privaten und auch heiklen Fakten konfrontiert.
Anja Lüthe: Ja. Aber ich bin ebenso wie Richter oder Rechtsanwälte vereidigt und zur Verschwiegenheit verpflichtet. Als Schiedsfrau stehe ich unter der dienstlichen Aufsicht des Amtsgerichtes, das mich auch bei juristischen Nachfragen jederzeit gut unterstützt.

Können Sie in der Corona-Pandemie Ihres Schiedsamtes walten?
Anja Lüthe: Nicht wirklich. Denn mit Blick auf die Corona-Schutzbestimmungen kann ich zurzeit im Rathaus keine Präsenz-Verhandlungen führen. In einigen Tür- und Angel-Fällen konnte ich Konfliktparteien aber telefonisch auf dem kurzen Dienstweg weiterhelfen.

Sind Schiedsverhandlungen für die Streitparteien kostenfrei?
Anja Lüthe: Nein. Die Gebühren betragen zwischen zirka 50- und 100 Euro. Das ist im Vergleich zu einem Gerichtsverfahren kostengünstiger. Hinzu kommt, dass die Schiedsverfahren kurze Verfahrenszeiten haben, anders, als gegenüber den meisten gerichtlichen Prozessen.

Wie rechtsverbindlich sind die Vergleiche Ihrer Verhandlungen?
Anja Lüthe: Die Vergleiche sind für die Parteien bindend. Sie sind ein Rechtstitel, der 30 Jahre lang vollstreckbar ist.

Wie kommt man im Fall der Fälle mit Ihnen in Kontakt?
Anja Lüthe: Unter der Rufnummer: 0175-1996711 oder per Mail unter: Schiedsamt@huenxe.de


aus dem Niederrheinanzeiger vom 09.02.2021

Samstag, 27. Februar 2021

Ganz schön haarig

 Wir leben in haarigen Zeiten. Das macht mir der Blick in den Spiegel deutlich. Meine Haare werden lang und länger. Auch Mitmenschen, die sonst eher häufiger als seltener zum Friseur gingen, begegnen einem jetzt mit zum Teil haarsträubenden Frisuren. Nur als Glatzenträger kann man in diesen Corona-Tagen noch frisurtechnische Kontinuität und Fassung bewahren. Was mich immer wieder verwundert, ist der Anblick unserer medial omnipräsenten und immer gut frisierten Spitzenpolitiker und Top-Manager. Sollten diese so gut bezahlten Spitzen von Staat und Wirtschaft am Ende auch noch begnadete Friseure sein, die nicht nur anderen, sondern auch sich selbst daheim den Kopf waschen und eben nicht nur Bilanzen und Statistiken frisieren können?! Bei genauer Betrachtung wird es aber wohl so sein, dass man gerade in haarigen Zeiten, wie diesen, den sozialen Status der Menschen an ihrer Haarmähne erkennt. Wer uns jetzt noch schnittig begegnet, muss entweder genug Geld für einen gut maskierten Haus- und Hoffriseur oder gute Beziehung zu einem solchen haben. Nun sollen die Friseursalons ja bald wieder öffnen. Doch schon jetzt dürften ihre Wartelisten länger als so mache Haarmähne sein. Mal sehen, ob die Friseure mit dem Haareschneiden schneller vorankommen, als die Gesundheitsbehörden mit dem Impfen. Zur Not lassen wir unsere Haare einfach weiter wachsen und gehen nächstes Jahr als Hippies im Mülheimer Rosenmontagszug mit! Und als Kostüm Prämie beantragen wir dann beim Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval einen Friseurgutschein.


aus der NRZ vom 25. 02. 2021

Freitag, 26. Februar 2021

Bedingt dienstbereit

Service ist nicht gleich Service. Das lernte ich jetzt bei meinem jüngsten Bankbesuch. Ich wollte nur mal eben mein Sparbuch durchlaufen lassen und schauen, ob sich in der Zwischenzeit eine wunderbare Geldvermehrung ergeben hätte. Als mich die Zahlen in meinem Sparbuch auf den Boden der fiskalischen Tatsachen zurückholten, war ich nicht enttäuscht. Enttäuschend fand ich nur, dass ich nach geraumer Zeit in der ersten Warteschlange vor dem Service-Schalter von der Bank-Mitarbeiterin zum Kassenschalter verwiesen wurde: mit dem Satz abgefertigt wurde: “Sie wollen nur ihr Sparbuch durchlaufen lassen? Dann müssen Sie zur Kasse gehen!” Während ich ihrer wenig serviceorientierten Aussage irritiert Folge leistete und mich in die nächste Warteschlange vor dem Kassenschalter eingereihte, hatte ich das Gefühl, dass der Service-Schalter meiner Bank nicht das hält, was seine Name verspricht. Schade, dass die Kollegin am Serviceschalter sich ihre Dienstauffassung vor die Dienstleistung stellte. Hatte ich als Kunde zu viel verlangt, mein Sparbuch von ihr durchlaufen und so aktualisieren zu lassen?

Als Mitarbeiterin einer Bank, die ihre Kunden dazu aufruft: “Wenn es um’s Geld geht” den Weg zu ihr zu finden, hätte sie vielleicht eine Sekunde lang daran denken können, dass auch die Zeit der Kunden Geld  wert ist. Vielleicht ist die Service-Kollegin noch in der Zeit ausgebildet worden, als ihre Bank ein städtisches Amt war, in dem man vom Amts Wegen in bester Beamten-Manier erst mal die Zuständigkeit prüfen musste, ehe man zur Tat schritt. Wie schön, dass der Busfahrer der Ruhr-Bahn, der mich zu meinem nächsten Termin bringen sollte, eine Sekunde länger als nötig seine Bustüre offen hielt, um mir eine weitere Wartezeit zu ersparen. Danke, Herr Kollege, fürs Mitdenken und Mitfühlen. Das schloss an diesem Tag mein Service-Defizit und versöhnte mich mit der Menschheit. Gut, wenn man Menschen begegnet, die ihren Dienst am Mitmenschen und ihn nicht nur nach Vorschrift leisten.


aus der NRZ vom 22.02.2021

Dienstag, 23. Februar 2021

Immer wieder sonntags

Gestern habe ich an dieser Stelle über den Aschermittwoch philosophiert. Und heute hatte ich im Supermarkt eine Begegnung der besonderen Art. Mir begegnete der Osterhase, der aus Schokolade, um genau zu sein. Aus dem Regal blinzelte mich der schokoladige Meister Lampe, gewandet in der signalfarbenen Verpackung eines bekannten Schokoladen-Herstellers verführerisch an. “Nimm mich jetzt, ehe es zu spät ist!” schien mir das süße und kurvige Geschöpf aus Schokolade zu zuraunen. Vor solchen Situationen von Versuchung und Begierde hat mich Mutter immer gewarnt. Ich habe ihren Rat im Ohr: “Geh niemals hungrig einkaufen. Das wird teuer!” Tatsächlich ist es ja schon manchem Mann nicht nur beim Einkauf teuer zu stehen gekommen, wenn er scheinbar süßen und unwiderstehlichen Hasen vernascht hat, der nachher nicht gehalten hat, was er versprochen hat. Aber bleiben wir lieber bei den Süßigkeiten aus Schokolade, ehe wir auf Abwege geraten. Tatsache ist: Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Und da passt so ein Schokoladenhase nicht wirklich rein. Es denn, man vernascht ihn sonntags. Denn die Sonntage sind kirchenrechtlich betrachtet fastenfrei. So gibt es von jeder Regel eine Ausnahme. Gott sei Dank. Denn jede Moral, auch die in Sachen Ernährung, ist nur zu ertragen, wenn Sie an der einen oder anderen Stelle mit doppeltem Boden gelebt werden kann. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Pfarrer, Ihren Hausarzt oder ihre Waage. Oder fragen Sie niemanden und genießen Sie aller Stille, immer wieder sonntags.


aus der NRZ vom 18.02.2021

Sonntag, 21. Februar 2021

Mölmscher Aschermittwoch

Heute ist Aschermittwoch. Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Doch was ist eigentlich vorbei. Der Karneval hat bestenfalls punktuell und digital stattgefunden. Also haben wir auch keinen Grund, in Sack und Asche zu gehen und um den Hoppeditz zu trauern. Der hat ja in dieser Session gleich durchgeschlafen. So mancher Zeitgenosse, dem auch schon vor Aschermittwoch die Heiterkeit abhanden gekommen ist, würde es ihm sicher gerne gleichtun und erst wieder aufwachen, wenn der Coronavirus und seine Folgen Geschichte sind. Das gleiche ermüdende Gefühl mag auch manchen Gewerbetreibenden beschleichen, den der Lockdown ins Schleudern bringt. Und auch als glatteis-geschädigter Fußgänger, der auf Mülheims Gehwegen immer wieder in einen Schleudergang gerät, möchte gerne mal mit den Eisheiligen Schlitten fahren, die die Gehwege nicht vom Eis befreien, obwohl sie vom Amts- und Rechtswegen dazu verpflichtet sind. Mülheim, frei nach Heinrich Heine ein Wintermärchen: “Denk nicht in Mülheim an der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht!” Besser nicht. Denn wir brauchen unseren Schlaf gerade jetzt, um am Tag hellwach zu sein und die Unebenheiten des Lebens mit dem Humor zu ertragen, der, wie wir durch Joachim Ringelnatz wissen: Nicht nur zur fünften Jahreszeit “verhindert, dass uns der Kragen platzt!” Und weil wir spätestens ab dem 11.11.2021 wieder jeck, aber keine Narren sein wollen, sollten wir uns mit Erich Kästner sagen: “Wird’s besser? Wird’s schlecht? So fragt man sich alljährlich. Doch seien wir ehrlich. Das Leben ist immer lebensgefährlich.” In diesem Sinne wünsche ich uns allen Hals und Beinbruch. Aber bitte! Nehmen wir’s nicht zu wörtlich. 


aus der NRZ vom 17.02.2021

Freitag, 19. Februar 2021

Eine Mülheimer Familiengeschichte

 Eigentlich dreht der Journalist Marcel Kolvenbach dokumentarische Filmbeiträge für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Oder er unterrichtet als Professor die Studierenden der Kunst- und Medien-Hochschule Köln. Doch jetzt schaute der Dokumentarfilmer auf einen Dreh im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße vorbei. Bisher hatte er von Mülheim nur das Theater an der Ruhr gesehen.

Seine filmreife Hauptdarstellerin war Stadtarchivarin Annett Fercho. Denn Kolvenbach dreht einen Film über seine Familiengeschichte. Und Fercho hat ihm bei der Recherche geholfen. Sie lieferte ihm die Standesamts- und Einwohnermeldekarteikarten. Die beleuchten das Leben und Schicksal seines "Großvaters" Fritz Kann, der am 31. Dezember 1898 in Mülheim das Licht der Welt erblickt hat und hier die heutige Karl-Ziegler-Schule besucht hat. Seine Eltern Simon und Lina betrieben an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, die damals noch Hindenburgstraße hieß, eine Metzgerei. Doch in Mülheim begann, nach 13 Lebensjahren in Düsseldorf am 21. April 1942 auch seine Fahrt in den Tod. Denn Fritz Kahn, dessen Einwohnermeldekarte den Beruf Arbeiter anzeigt, war Jude und er wurde wie 270 Mülheimer Juden zum Holocaust-Opfer. Von den 290 Juden, die ab 1941 aus Mülheim deportiert wurden, kehrten 27 ab 1945 nach Mülheim zurück. Als junger Mann war Fritz Kann Teil einer damals aus 700 jüdischen Bürgern bestehenden Gemeinde, die sich 1907 eine sehr repräsentative Synagoge am Viktoriaplatz bauen konnte. Der Platz heißt seit 2009 Platz der Alten Synagoge und erinnert daran, dass diese Synagoge, die bei ihrer Einweihung im August 1907 von der Lokalpresse als "eine Zierde der Stadt" gefeiert wurde, in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in den Flammen des nationalsozialistischen Hasses auf alles Jüdische verbrannte. Mülheims Feuerwehrchef Alfred Fretr half dienstbeflissen mit, obwohl das jüdische Gotteshaus bereits im Oktober 1938 in den Besitz der Stadtsparkasse übergegangen war.


Von der Heimatstadt in den Holocaust

Als Fritz Kann 1941 in seine Heimatstadt zurückkehrte tat er das nicht freiwillig. Als Jude hatte er sich von seiner katholischen Ehefrau Christine Caroline, die er 1927 in Düsseldorf geheiratet hatte, scheiden lassen müssen. Die Scheidung wurde von den NS-Machthabern auf der Grundlage ihrer 1935 in Nürnberg verabschiedeten Rassegesetze von Staats wegen aufgelöst. Denn jüdische und andersgläubige Frauen und Männer durften in Hitlers Deutschland kein Liebespaar und schon gar kein Ehe- oder Elternpaar sein. Weil Fritz Kann seine katholische Ehefrau und die gemeinsamen Kinder Horst und Albert vor der politisch von den Nationalsozialisten gewollten Verfolgung und Vernichtung schützen wollte, ließ er sich scheiden und kehrte in seine Heimatstadt Mülheim zurück. Dort wurde er in sogenannte Judenhäuser, zunächst an der Düsseldorfer Straße 16 und dann am Scharpenberg 42 mit Glaubens- und Leidensgenossen einquartiert. Es waren zwei von stadtweit zehn Judenhäusern. Von hier aus wurde nicht nur er am 21. April 1942 von der Polizei abgeholt und zum damaligen Hauptbahnhof, dem heutigen Bahnhof West an der Friedrich-Ebert-Straße eskortiert. Es passte in die Zeit, dass diese heute nach dem sozialdemokratischen Reichspräsidenten der Weimarer Republik benannte Straße damals noch den Namen seines Nachfolgers Paul von Hindenburg trug. Denn Hindenburg hat sich als General im Ersten Weltkrieg die Anerkennung seiner Landsleute verdient. 1933 hatte der Stadtrat ihn und den von ihm ernannten Reichskanzler Adolf Hitler zu Ehrenbürgern Mülheims gemacht. Doch ihren jüdischen Mitbürger Fritz Kann wollten die Mülheimer 1942 nicht mehr unter sich haben. Seine Deportation begann am Mülheimer Hauptbahnhof und führte ihn, wie seine jüdischen Mitbürger, zunächst nach Düsseldorf. Dort mussten sich Kann, dessen Geburtsurkunde den ab 1941 staatlich verordneten Zusatznamen "Israel" auswies, mit seinen Leidensgenossen im Schlachthof zur Abfahrt ins polnische Transit-Ghetto Izbica einfinden. Von Izbica aus führt ihn sein Leidensweg dann ins Vernichtungslager Auschwitz. Wann Fritz Kann dort ermordet wurde, lässt sich nicht mehr feststellen. Seine Einwohnermeldekarte weist nur aus, das er 1957 auf Beschluss des Amtsgerichtes Mülheim rückwirkend zum 31. Dezember 1945 für tot erklärt worden ist.

Marcel Kolvenbach sagt angesichts seiner schwierigen Spurensuche, die ihn auch für Zeitzeugen-Interviews nach Argentinien geführt hat: "Die Hollywood-Variante sieht so aus: Mein Großvater und meine Großmutter haben sich vor seiner Deportation noch einmal getroffen und in einer letzten gemeinsamen Liebesnacht meinen Vater Hans-Jürgen gezeugt, der genau neun Monate nach Fritz Kanns Deportation zur Welt kam. Wahrscheinlicher ist aber die profane Variante, dass mein Vater der leibliche Sohn des Mannes war, den ich als meinen Großvater kennengelernt habe. Mein Großvater Johann Jakob Maria Kolvenbach hatte meine Großmutter, die nach der Zwangsscheidung mit zwei Jungs alleine stand und als Kellnerin ihren Lebensunterhalt verdienen musste, geheiratet und sich so um sie und ihre Kinder gekümmert. Und wahrscheinlich hat meine Großmutter damals schon die Hoffnung verloren, ihren ersten Ehemann und den Vater ihrer erstgeborenen Söhne noch einmal lebend wiederzusehen," beschreibt Marcel Kolvenbach die Geschichte seiner aus der Not heraus entstanden Patchworkfamilie."


Finanzielle und fachliche Förderung

Kolvenbach betont mit Blick auf seinen 90-minütigen Film, der zunächst in Kinos und bei Film-Festivals gezeigt werden soll: "Ich bin kein Historiker. Ich will nicht die große Weltgeschichte und eine ganz persönliche und menschliche Familiengeschichte erzählen." Es ist eine Familiengeschichte, die die menschliche Tragödie zeigt, die der Nationalsozialismus über Deutschland und die Welt gebracht hat. Insofern ist Kolvenbachs filmische Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte auch ein historisches und politisches Lehrstück. Deshalb wird es auch eine 45-minütige Filmfassung für Schulen geben. Die fachliche Unterstützung aus dem Mülheimer Stadtarchiv und die finanzielle Unterstützung des Filmstiftung NRW und der zum Deutschen Gewerkschaftsbund gehörenden Stiftung BGAG Walter Hesselbach haben es möglich gemacht.


Erinnerung wachhalten

Wenn Marcel Kolvenbach im April seinen Film nach siebenjähriger Produktionszeit dem interessierten Publikum präsentieren kann, wird er dabei auch an Mülheim denken. Und schon jetzt denkt er mit Stadtarchivarin Annett Fercho darüber nach, seinen Dokumentarfilm über seinen Mülheimer Großvater Fritz Kann im Rahmen der Reihe zur Mülheimer Geschichte im Haus der Stadtgeschichte zu zeigen und seine Biografie auf der Internetseite des Stadtarchivs und mit einem Stolperstein vor seinem letzten frei gewählten Mülheimer Wohnsitz an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße 73 vor dem Vergessen zu bewahren.

aus dem Lokalkompass der Mülheimer Woche vom 09.02.2021

Montag, 15. Februar 2021

Närrischer Neuanfang

 Elli Schott, Vorsitzende der Röhrengarde, und Markus Uferkamp, Präsident des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, sind sich mit Blick auf die Zukunft des Karnevals einig: "Wir fangen wieder bei Null an!"

Bei den Karnevalisten stellen sie vor dem Beginn der Tollen Tage, die an diesem Jahr keine sein werden, eine Traurigkeit und Niedergeschlagenheit fest. Am 15. Februar wäre Rosenmontag. Normalerweise würde dann ein großer Narrenzug mit Tollitäten, Kamelle und Co durch die Innenstadt ziehen. 

Nicht zum ersten Mal Schluss mit lustig

1957 gründeten die damaligen Gesellschaften MüKaGe, Blau Weiß, Mölmsche Houltköpp und Mölm Boowenaan den Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval. Ihr Ziel: Einen Rosenmontagszug auf die Straßen der Mülheimer Innenstadt zu bringen. Am Rosenmontag 1958 war es soweit. Prinz Erich I. (Ibing) und sein Gefolge konnten beim ersten Mülheimer Rosenmontagszug Kamelle und gute Laune unter das mölmsche Narrenvolk bringen. Wenn der Rosenmontagszug am 15. Februar Corona-bedingt ausfällt, wird dies nicht das erste Mal sein. 1990 und 2015 sorgten Stürme für einen Ausfall des Narrenzuges. 1991 mussten die Jecken vor dem Golfkrieg kapitulieren. Auch während des Zweiten Weltkriegs war für die Narren der 1937 gegründeten ersten Mülheimer Karnevalsgesellschaft MüKaGe Schluss mit lustig. Dass sich bereits zwei Jahre nach Kriegsende 1947 mit Blau Weiß eine neue Karnevalsgesellschaft gründete, mag den heutigen Karnevalisten Mut machen, dass der organisierte Frohsinn in Mülheim auch die Corona-Pandemie überleben wird.

Ohne Geselligkeit geht es nicht

Davon gehen auch Elli Schott und Markus Uferkamp überzeugt: "Der Karneval lebt von der Geselligkeit und den sozialen Kontakten. Wir wollen mit den Menschen feiern und ihnen Freude machen", sagen Sie im Gespräch mit dem Lokalkompass und mit der Mülheimer Woche.
Beide Karnevalisten machen sich aber keine Illusionen darüber, dass "wir wieder klein und bodenständig anfangen müssen, weil einige Sponsoren nach der Corona-Krise vielleicht nicht mehr da sein werden oder zumindest kein Geld mehr für Karnevalssponsoring übrig haben."
Deshalb freut sich Uferkamp über ein hoffnungsvolles Gespräch mit dem Groß-Sponsor Metro, "der uns auch in der nächsten Session unterstützen möchte."

Manche sind ausgestiegen

Elli Schott berichtet aus ihrer Gesellschaft, das zehn der bisher 85 Mitglieder abgesprungen sind, weil sie ihr Hobby Karneval zurzeit nicht mehr aktiv ausüben können." Schott und Uferkamp glauben aber angesichts der im Karneval nicht ungewöhnlichen Mitglieder-Fluktuation trotzdem daran, "dass wir auch wieder neue Freunde für den Karneval gewinnen können, sobald wir wieder mit Präsenzveranstaltungen öffentlich in Erscheinung treten können." Das aus der Corona-Not heraus geborene "Karnevalsstreaming" erkennen Schott und Uferkamp als eine gute Notlösung und als eine zusätzliche Kommunikationsmöglichkeit des Karnevals an. Doch beide sich sich sicher: "Das digitale Video-Streaming ist kein Ersatz für den gemeinsam und live erlebten Karneval im Saal oder auf der Straße."

Die Krise als Chance

Markus Uferkamp übt sich in Zweckoptimismus. "Vielleicht führt die Erfahrung der Corona-Pandemie ja auch dazu, dass wir alle wieder bodenständiger und zufriedener werden und nicht alles immer noch größer, noch schöner oder noch teurer werden muss, um beim Publikum anzukommen."

Auch hier kann ein Blick in die Geschichte den Corona-geschädigten Karnevalisten Mut machen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Karneval nicht in großen Sälen, sondern in Lokalen und mit kleinen Stadtteilumzügen gefeiert. Doch ein Fragezeichen setzten Schott und Uferkamp hinter die kommende Session 2021/2022. Deren Durchführung hängt nach ihrer Ansicht vom Erfolg und vom zeitlichen Ablauf der jetzt begonnen Impfkampagne ab. Zumindest eine Frage müssen sich die Karnevalisten vor dem 11.11.2021 nicht mehr stellen, nämlich die nach dem Prinzenpaar. Denn die im November 2020 und im Januar 2021 nicht proklamierten mölmschen Prinzenpaare werden nach dem Motto: "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben" mit zwölfmonatiger Verspätung für Spaß an der Freude sorgen.

Virtuelle Karnevalserlebnisse

Karnevalsfans müssen aber auch in diesen nicht stattfindenden Tollen Tagen nicht ganz auf den Karneval verzichten. Denn die für Mülheimer Pflegeeinrichtungen und für die karnevalsbegeisterten Bewohner des Theodor-Fliedner-Dorfes aufgenommene Karnevals-Memory-Show der mölmschen Jecken wird am Karnevalssonntag (14. Februar) zwischen 14 und 16 Uhr unter: www.livestream-karneval.de. auch für andere Interessierte zu sehen und zu hören sein. Auf der gleichen Internetseite kann man am Karnevalssamstag (13. Februar) zwischen 14 und 16 Uhr eine Kinderkarnevalsparty und am Rosenmontag von 11.11 Uhr bis 19.19 Uhr einen digitalen Rosenmontagszug miterleben. Der noch amtierende Stadtprinz und neue Senatspräsident Dennis Weiler macht es mit seinem veranstaltungstechnischen Fachwissen möglich. Er bringt den Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval ins Netz. Und die KG Blau Weiß, die den Beginn der ausgefallenen Session 2020/2021 im vergangenen November mit einem karnevalistischen Hoppeditz-Video eröffnete, wird auch am Karnevalssamstag (13. Februar) um 19.11 Uhr mit einer digitalen Prunksitzung auf ihrer Internetseite www.kgblauweiss1947kf.de sowie via Facebook und Youtube ins Netz gehen und so digital von sich hören und sehen lassen.

aus dem Mülheimer Lokalkompass vom 10.02.2021

Alles, was recht ist

  Wenn ein Nachbarschaftsstreit vor Gericht landet, kann das für alle Beteiligten nicht nur unangenehm, sondern auch teuer werden. Doch zum ...