Montag, 23. Oktober 2017

Erinnerung an Heinz Oskar Vetter: Der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Hans-Böckler-Stiftung ehrten den ehemaligen DGB-Bundesvorsitzenden und Europaabgeordneten mit einer Veranstaltung in der Stadthalle

Elmar Brok
Am Samstag wäre der langjährige DGB-Chef und Europaabgeordnete Heinz-Oskar Vetter 100 Jahr alt geworden. Mit einer Gedenkveranstaltung in der Stadthalle machten der Deutsche Gewerkschaftsbund und seine Hans-Böckler-Stiftung (HBS) deutlich, dass das Erbe des 1990 in seiner Wahl-Heimat Mülheim gestorbenen Gewerkschafters und Europapolitikers auch heute inspirierend und wegweisend wirken kann.

Michael Guggemos, Sprecher der HBS-Geschäftsführung erinnerte daran, dass es der DGB-Chef Heinz Oskar Vetter, war, der ins seiner Amtszeit (1969 bis 1982) die Gründung der Hans-Böckler-Stiftung durchsetzte, um die Gewerkschaftsarbeit vor allem im Bereich der betrieblichen Mitbestimmung wissenschaftlich zu begleiten und Begabte mit Stipendien zu fördern.
„Vetter war davon überzeugt und arbeitete dafür, dass Unternehmen nicht nur der Gewinnmaximierung dienen, sondern auch einen gesellschaftlichen Zweck erfüllen, in dem sie einen Beitrag zur einer guten und gerechten Gesellschaft leisten müssen“, sagte Guggemoos. In Vetters Geist, so Guggemos, arbeite die Hans-Böckler-Stiftung derzeit zusammen mit Wissenschaftlern der Universitäten St. Gallen und St. Georgen an Modellen für eine demokratischere und sozial gerechtere Wirtschaftspolitik in Zeiten der Globalisierung,

Der Christdemokrat Elmar Brok, der seit 1980 dem Europäischen Parlement angehört und den 1979 ins Europäische Parlament gewählten Sozialdemokraten Heinz Oskar Vetter (bis 1989) als Parlamentskollegen kennengerlernt hat, erinnerte daran, dass sich Vetter bereits damals um das Thema Migration gekümmert und 1987 vorschlug, einen europäischen Marshall-Plan zu initiieren, um eine massenhafte Armuts-Flucht nach Europa zu verhindern.

„Seine Forderung“, so Brok, „ist heute aktueller denn je. Wir brauchen einen europäischen Marshallplan für Afrika. Sonst werden wir eine drohende Völkerwanderung nicht bewältigen können.“ Außerdem plädierte der Chef der christdemokratischen Arbeitnehmerschaft in Europa für gleiche Löhne und Sozialstandards in der Europäischen Union, „damit sich die Menschen in der EU zuhause fühlen.“ Mit Sorge sieht Brok, „dass heute bereits 50 Prozent der ostdeutschen Unternehmen aus der Tarifvertragsbindung ausgestiegen sind.“

Reiner Hoffmann, der als DGB-Chef seit 2014 Vetters mittelbarer Nachfolger ist, erinnerte an dessen Verdienste beim Auf- und Ausbau der parteiunabhängigen Einheitsgewerkschaften und bei der 1976 durchgesetzten Ausdehnung der betrieblichen Mitbestimmung auf alle Kapitalgesellschaften.
Hoffmann erinnerte daran: „Vetter wusste, dass die Richtungsgewerkschaften der Weimarer Republik zu schwach waren, um 1933 ihre Zerschlagung durch die Nationalsozialisten zu verhindern. Deshalb hütete er die Einheitsgewerkschaften, wie seinen Augapfel und verhinderte, dass die christlich-sozialen Kräfte im DGB nicht übergangen und marginalisert wurden.“
Doch mit Blick auf seine Jugend im Nationalsozialismus und den Untergang der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat in seinen letzten Jahren als DGB-Chef machte Hoffmann auch deutlich, dass Vetters Biografie Schatten und Brüche hatte.
„Auch wenn Vetter als DGB-Chef die kriminellen Machenschaften bei der Neuen Heimat konsequent aufklären ließ und dafür sorgte, dass die Mutschuldigen zur Rechenschaft gezogen wurden, warf der Skandal um die Neue Heimat einen langen Schatten auf Vetters Amtszeit als DGB-Vorsitzender“, unterstrich Reiner Hoffmann.

Dieser Text erschien am 23. Oktober 2017 in der NRZ und in der WAZ

Sonntag, 22. Oktober 2017

Ein Mann für jede Tonart: Otto Spindler ist Musiker mit Leib und Seele, ob als Jazztrompeter auf der Club-Bühne, im Tanzlokal oder als Wachtmeister mit Pickelhabe an der Drehorgel

Otto Spindler in Aktion
Zweimal im Monat, meistens montags und mittwochs steht Otto Spindler mit seiner Drehorgel auf der Schloßstraße oder am Kurt-Schumacher-Platz.

„Ich habe mich für diese Tage entschieden, weil ich dann den Markthändlern nicht in die Quere komme“, erzählt der 79-Jährige. Mit seiner Drehorgel und seiner Trompete tourt er regelmäßig durch die Städte an Rhein und Ruhr, um seine Rente aufzubessern. „Bräuchte ich das Geld nicht, würde ich trotzdem hier stehen und spielen. Denn ich bin Musiker und das macht mir hier einfach Freude“, sagt Spindler.

Wenn der Reisende in Sachen Musik mit seiner in Dinkelsbühl gebauten 26-Pfeifen-Drehorgel oder an seiner Trompete los legt, kommt nicht nur bei ihm Freude auf. Menschen aller Generationen bleiben stehen und lassen einen Euro oder 50 Cent in die kleine Schale fallen, die Spindler neben  einem Plüschaffen auf seiner Drehorgel stehen hat.
Ein kleines Mädchen lässt er bei „Alle Vögel sind schon da!“ einige Takte mitkurbeln. 300 Lieder hat Spindler im  Repertoire. Da ist für jeden Geschmack und jede Jahreszeit etwas dabei. Das kleine Mädchen strahlt über das ganze Gesicht und auch Spindler hat sichtlich seinen Spaß.
Ein Ehepaar mittleren Alters bleibt stehen und hört sich „Das gab’s nur einmal. Das kommt nicht wieder.“ an. „Das hat einfach was Anheimelndes an sich und erinnert einen an die gute alte Zeit“, sagt der Mann. Nicht nur Lieder, wie: „Davon geht die Welt nicht unter. Sie wird ja noch gebraucht“, stimmen eine nostalgische Note an. Auch Zindlers Outfit, die kaiserblaue Uniform eines kaiserlich-königlichen Polizeibeamten (samt Pickelhaube) entführen seine Zuhörer und Zuschauer für einen Augenblick aus ihrer geschäftigen Umtriebigkeit in eine vermeintlich gute alte Zeit, in der alles etwas ruhiger vonstatten ging.

Wenn Spindler zu seiner Trompete greift, merkt man: Der Mann kann auch swingen. Kein Wunder. Seit 55 Jahren jazzt er, der in Berlin geboren wurde, in Hamburg aufwuchs, dort mit Uwe Seeler in einer Jugendmannschaft des HSVs kickte und in den 60er Jahren der Liebe wegen nach Düsseldorf kam, durch die Region. „Entweder trete ich mit meiner Drehorgel und meiner Uniform auf, die ich in einem Kostümverleih in Korschenbroich erworben habe oder ich spiele mit meiner Band Jazz mit Schmackes in Clubs und bei anderen Gelegenheiten“, erzählt Spindler.
Vor der großen Disco-Welle war der gelernte Industriekaufmann in den 60er und frühen 70er Jahren mit einem großen Tanzorchester unterwegs. „Damals hatten wir sogar Monatsverträge  mit den entsprechenden Cafes, Restaurants und Hotels“, erinnert sich Spindler an seine gute alte Musiker-Zeit, in der er seinen ungeliebten kaufmännischen Job bei einem großen Ölkonzern hinter sich gelassen hatte.

Auch wenn das seinen Rentenansprüchen nicht gut getan hat, bereut er diese Lebenswende nicht. Heute hangelt sich der glücklich verheiratete Mann an der Orgel und mit der Trompete von einem Auftritt zum nächsten. Ein Erfolgserlebnis ist es für ihn, wenn er, wie an diesem sonnigen Oktobertag in der Mülheimer City nicht nur manchen Euro einspielen kann, sondern auch von Leuten angesprochen wird, die ihn für eine Weihnachtsfeier, einen Geburtstag oder eine Hochzeit buchen wollen. Da swingt das Herz des alten Jazz-Musikers.

„Wenn ich heute im Lotto gewinnen würde, würde ich trotzdem als Straßen- und Bandmusiker weitermachen. Denn mit Musik kann man Menschen glücklich machen und das macht mich selbst glücklich, weil ich bei Musizieren nur von gut gelaunten Menschen umgeben bin“, betont Spindler.

Würde er denn auch als musizierender Lotto-Millionär um eine milde Gabe des wohlwollenden Publikums bitten?

„Na, klar. Dann würde ich eben eine Spendendose für die Diakonie oder das Deutsche Rote Kreuz aufstellen“, sagt der freundliche Herr in der preußischen Polizeiuniform und erinnert seinen Zuhörer daran: „Es dauert noch ein paar Jahre. Und dann sind wir die gute alte Zeit!“

Dieser Text erschien am 21. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 20. Oktober 2017

Das Cafe Ziegler: Ein Jugendzentrum in der Schule

Cafe Ziegler. Das hört sich nach einer Mensa an. Doch die hat das Karl-Ziegler-Gymnasium bereits. Immerhin ist die nach dem Mülheimer Chemie-Nobelpreisträger des Jahres 1963 benannte Schule seit acht Jahren Ganztagsschule und arbeitet in diesem Bereich mit der Caritas zusammen.
Doch jetzt gibt es gleich neben der Mensa an der Schulstraße das Cafe Ziegler. Die von der Sozialpädagogin Lisa Gliem und ihrem Kollegen Thorsten Lersch betreute Einrichtung will im Rahmen der Schule jetzt auch offene Kinder- und Jugendarbeit leisten. „Das bedeutet mehr Arbeit, die wir aber gerne leisten, um unsere Schule zu einem Lern- und Lebensort zu machen“, sind sich Schulleiter Martin Teuber und Ganztagskoordinator Jens Schuhknecht einig.

Eine Befragung der Schüler hat bereits erste Projekte im Cafe Ziegler entstehen lassen: Da wird Theater gespielt, getanzt, Ausflüge geplant, gebastelt oder gemeinsam gespielt und gekickert. Das Cafe Ziegler wird montags bis freitags (ab 11.30 Uhr für alle Karl-Ziegler-Schüler und von 13.30 Uhr bis 19 oder 20 Uhr für alle interessierten Kinder und Jugendliche geöffnet sein.

Ergänzung statt Konkurrenz

„Wir haben klare Regeln, wollen den Besuchern keine Vorgaben machen, sondern auf ihre eigenen Bedürfnisse und Ideen eingehen“, betonen Lisa Gliem und Thorsten Lersch. Ist das neue Cafe Ziegler eine Konkurrenz für das Jugendzentrum Stadtmitte an der Georgstraße? „Man wird sehen, wie sich das entwickelt“, sagt Richard Grohsmann vom Jugendzentrum Stadtmitte. Gerne erinnert er sich aber an gemeinsame Projekte mit der Karl-Ziegler-Schule, wie etwa einen Ausflug in den Duisburger Landschaftspark Nord. Daran könne und solle man anknüpfen. Karl-Ziegler-Lehrer Jens Schuhknecht will nicht von Konkurrenz sprechen, sondern sieht das Cafe Ziegler als ein ergänzendes Freizeitangebot für Kinder und Jugendliche, die bisher den Weg in kein Jugendzentrum gefunden haben.

„Man muss verstärkt in diese Richtung denken, weil man davon ausgehen kann, dass alle weiterführenden Schulen auf Dauer Ganztagsschulen werden“, sind sich der Schuldezernent Ulrich Ernst und Mülheims Bundestagsabgeordneter Arno Klare einig. Klare verweist in diesem Zusammenhang auf das wegweisende Beispiel englischer Schulen, die sich schon lange zu einem umfassenden Lern- und Lebensraum für Kinder und Jugendliche entwickelt hätten. Schülersprecher Sebastian Kawelke hofft, "dass das Cafe Ziegler das Schulleben entspannter, kreativer und angenehmer machen wird."

Finanzierung zunächst nur für 3 Jahre

Bei aller Freude über die Eröffnung des Cafe Ziegler bleibt allerdings ein kleiner 
Wehrmutstropfen. Denn das aus Mitteln des Landes, der Caritas und der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft finanzierte finanzierte Jugendzentrum im Gymnasium an der Schulstraße, ist zunächst nur ein Modellprojekt, das Ende 2019 auslaufen wird. Doch Ulrich Ernst und der leitende Schul- und Sozialarbeiter der Caritas, Georg Jöres, zeigten sich bei der Eröffnung zuversichtlich, dass das Cafe Ziegler so erfolgreich sein werde, dass es auch nach 2019 eine Zukunft haben werde.

Entscheidend für eine dauerhafte Finanzierung dürften die Ergebnisse der Jugendforscher von der Universität Dortmund sein, die die Arbeit des offenen Jugendzentrums bis 2019 wissenschaftlich begleiten und auswerten.


Dieser Text erschien am 15. Oktober 2017 im Lokalkompass & in der Mülheimer Woche 

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Kuschelkurs im Vorbeigehen

Eine elegante Dame geht mit ihrem kleinen Hund über die  Schloßstraße. Sie lässt das Wollkneul auf vier Beinen an der langen Leine laufen. Ihr Liebling nutzt die Gunst der Stunde und zieht sein Frauchen in die Richtung eines Mannes mit Bierflasche und Sportkappe, Typ Schwiegermutter-Schreck. Frauchen zieht die Leine an. Doch es ist schon zu spät. Ihr Liebling hat das Ziel seiner Begierde erreicht und lässt sich von dem Mann mit der Bierflasche kraulen, was das Zeug hält. Der Zweibeiner, der schon bessere Tage gesehen hat und der Vierbeiner, der sich einfach pudelwohl fühlt, haben sichtlich Freude an den Streicheleinheiten im Vorbeigehen.
Nur das Frauchen schaut noch etwas skeptisch, ob des plötzlichen Schmusekurses ihres Pfiffis.

Erst nachdem dieser sein Kuschelquantum intus hat, verabschiedet er sich von seiner Zufallsbekanntschaft und Frauchen kann weiter gehen. Eigentlich ist es doch hundsgemein, dass wir Zweibeiner uns von der langen Leine unserer Vorurteile immer wieder vom Wesentlichen abhalten lassen.

Dieser Text erschien am 18. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 17. Oktober 2017

Erich Kästner hatte wohl doch recht

Wo bleibt das Positive? Das fragte sich schon Erich   Kästner und antwortete mit der Gegenfrage: „Weiß der Teufel, wo das bleibt?“ Warum so negativ? Es  ist alles eine Frage der Perspektive. Ich hätte es als schlechte Nachricht lesen können, dass die Abfallgebühren leicht steigen. Aber ich kann mich auch darüber freuen, dass die Abfallgebühren nur leicht und nicht massiv ansteigen. Und wenn sich jetzt auch noch die FDP mit ihrer Forderung durchsetzen sollte, den Solidaritätszuschlag Ost auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen, kommt am Ende durch die Verrechnung mit der so erzielten Steuerentlastung vielleicht sogar noch eine schwarze Null heraus.

Aber ich befürchte, dass meine Nachbarn, die trotz mehrfacher Aufklärungsversuche, mit der Mülltrennung und Müllvermeidung auf Kriegsfuß stehen, in diesem Punkt nicht solidarisch genug sein werden, damit die Querfinanzierung Abfallgebühren statt Solidaritätszuschlag am Ende aufgehen wird. Weil dem Kämmerer bei seiner Haushaltsplanung das Wasser bis zum Hals steht, werden wir wohl auch bei den Abwassergebühren am Ende noch einen Solidaritätszuschlag berappen müssen, auch wenn wir den Solidaritätszuschlag Ost los werden sollten. Ich befürchte, Erich Kästner hatte wohl doch recht.

Dieser Text erschien am 17. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 16. Oktober 2017

Die Heinrich-Thöne-Volkshochschule an der Bergstraße: Ein Zeitsprung

Die VHS kurz nach ihrer Eröffnung im Jahr 1979
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Die Volkshochschule an der Bergstraße steht nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt politischer Kontroversen, seit sie aus brandschutztechnischen Gründen geschlossen ist.
Das historische Bild zeigt sie im September 1979. Damals lag ihre Eröffnung am 24. August 1979 gerade mal einen Monat zurück. Schon damals war ihr Bau und seine Kosten von 14,5 Millionen Mark (das wären heute etwa 7,25 Millionen Euro) ebenso umstritten, wie sein Name.

Die SPD hatte mit ihrer damaligen absoluten Mehrheit den Bau der VHS und ihre Benennung nach dem langjährigen sozialdemokratischen Oberbürgermeister Heinrich-Thöne gegen den Widerstand von CDU und FDP durchgesetzt.

Die VHS bestand 1979 genau 60 Jahre. Ihre Kurse fanden bis dahin in Schulräumen und dann auch im restaurierten Schloss Broich statt. Mit ihrer modernen, terrassenförmigen Architektur war die neue Volkshochschule, die damals von Norbert Greger geleitet wurde, ein Kontrapunkt zum alten Schloss Broich, dessen Ursprung bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht.

Die Befürworter der neuen VHS, allen voran der damalige Oberbürgermeister Dieter aus dem Siepen und der damalige NRW-Kultusminister Jürgen Girgensohn, sahen den ambitionierten VHS-Bau an der Bergstraße, als Beitrag für eine breite Weiterbildungsbewegung und als einen Beitrag zur Hebung der Lebensqualität.

Tatsächlich sollte die VHS, die im Wintersemester 1979/80 700 Kurse für 1700 Teilnehmer anbieten konnte nicht nur zu einem Haus der Erwachsenenbildung, sondern mir ihrem Forum auch zu einem beliebten Veranstaltungsort und Treffpunkt werden. 

Dieser Text erschien am 16. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 15. Oktober 2017

Der Handfeste: Markthändler Martin Henninghaus (36) ist ein hart arbeitender Familienmensch, der seinen Arbeitsplatz in der Innenstadt aber trotz mancher Zumutungen auch künftig auf keinen Fall missen möchte.

Martin Henninghaus an seinem Marktstand
Für Martin Henninghaus beginnt der Tag früh. Um 3.30 Uhr klingelt der Wecker. Und dann muss es auch schon schnell gehen. Sein erstes Frühstück besteht aus einem Glas Milch und einem Plätzchen. „Mein zweites Frühstück, Brötchen mit Aufschnitt, nehme ich schon an unserem Stand ein“, berichtet der 36-jährige Familienvater und Markthändler. Bevor er zusammen mit Mutter Maria, Vater Theo und Verkäuferin Marlies seinen Obst- und Gemüsestand um 6 Uhr vor dem Medienhaus am Synagogenplatz aufbauen kann, muss er mit seinem 7,5-Tonner erst mal zum Großmarkt und anschließend zu einigen Landwirten aus der Region.

„Vor sechs Jahren haben wir den eigenen Anbau aufgegeben und unsere Felder verpachtet, weil sich das in unserer Größenordnung und zusammen mit unserem Marktstand nicht mehr gerechnet hat“, erzählt Henninghaus.

Schon mit 14 hat er zusammen mit seinem Bruder Theo den Eltern auf dem Markt geholfen. Damals schlug Familie Henninghaus ihren Stand noch auf  dem Rathausmarkt auf.

Drastischer Wandel

„Als meine Großeltern 1948 auf dem Rathausmarkt ihren Stand für Obst, Gemüse, Kartoffeln, Blumen und Eier erstmals aufschlugen, standen sie dort 40 bis 50 Kollegen. Als ich mit 14 Jahren erstmals meinem Vater half, gab es dort noch 20 bis 30 Händler. Heute stehen wir mit neun Kollegen an der Schloßstraße und auf dem Synagogenplatz. Früher gab es einfach noch mehr nicht berufstätige Hausfrauen, die morgens auf dem Markt einkauften, um mittags ihre Familie zu bekochen“, schildert Martin Henninghaus die Entwicklung des Marktes, während er einer Stammkundin Bananen, Orangen und Äpfel in die Einkaufstasche packt.

„Wir leben von unseren Stammkunden und kämpfen mit Frische, Freundlichkeit Qualität um unsere Zukunft“, sagt Henninghaus. „Lern was anderes. Der Markt hat keine Zukunft“, hat ihm sein Vater schon vor 20 Jahren gesagt. Doch Totgesagte leben länger. Henninghaus hat eine Gärtnerlehre gemacht und zwischenzeitlich im Zentrallager eines großen Einzelhändlers gearbeitet. „Doch da ist man nur ein Herr Xy. Hier kennt man seine Kunden und arbeitet im Familienverband für sich selbst“, erklärt Henninghaus, warum er beruflich am Ende doch in die familiären Fußstapfen getreten ist. Auch sein zehnjähriger Sohn Markus hilft jetzt schon mal mit und ist an Papas Arbeit rege interessiert. Doch ob Markus Henninghaus eines Tages den Familienbetrieb, der immer noch von Großvater Theo geführt wird, eines Tages in die vierte Generation führen wird, mag sein Vater Martin beim besten Willen nicht vorherzusagen.

Der Markthändler hat einen harten Arbeitstag, vor allem, wenn das Wetter  mit Regen, Sturm und Schnee einen Strich durch die Rechnung macht. „Doch die Kunden erwarten, dass man da ist“, weiß Henninghaus. Er kennt seine zum Teil langjährigen Stammkunden mit Namen und oft auch mit ihrer Geschichte. An seinem Stand wird nicht nur über Obst, Gemüse und Preise, sondern auch über Fußball, Krankheiten und schöne Familienereignisse gesprochen.

Wenn Familie Henninghaus um 13.30 Uhr ihren Marktstand abbaut, geht es nach Hause. Dann wird der LKW geleert. Was noch frisch und unverkauft geblieben ist, kommt ins Kühlhaus und bekommt am nächsten Tag eine zweite Chance. „Freitags und samstags sind unsere besten Tage und wenn dann noch die Sonne scheint, lacht das Herz“, sagt Henninghaus.

Wie könnte die Stadt helfen?

Und was könnte die Stadt tun, damit sein Herz und das seiner Markt-Kollegen noch öfter lacht? „Die Stadt hat den Marktbetrieb 2016 an die Deutsche Marktgilde vergeben, die zunächst auch einige neue Händler für den Markt gewonnen hatte. Die sind inzwischen aber wieder abgesprungen.  Für uns Markthändler wäre die Eigenregie des Wochenmarktes an der Schloßstraße auf jeden Fall besser und preisgünstiger“, betont Henninghaus. Aufgrund der Laufkundschaft an der oberen Schloßstraße kommt für Henninghaus und seine Kollegen eine Rückkehr zum Rathausmarkt nicht mehr in Frage, „weil die Ecke da unten tot ist.“ Als Unterstützung für den Wochenmarkt empfände es Henninghaus auch, wenn der Weihnachtstreff den Wochenmarkt nicht mehr verdrängen, sondern an der unteren Schloßstraße ein dauerhaftes Quartier finden würde.

Und wo ist der bodenständige und handfeste Markthändler jenseits der Marktzeiten in der City unterwegs?
„Einmal pro Woche trainiere ich ehrenamtlich eine Bambini-Fußballmanschaft. Außerdem bin ich aktiver Schützenbruder und treffe mich einmal in der Woche mit einem generationsübergreifenden Kreis von Skatbrüdern“, erzählt Martin Henninghaus.

Gleich nach Feierabend schaltet er täglich sein Handy aus und geht eine Stunde lang mit seiner Labrador-Hündin Mandy im Wald spazieren. „Das tut gut und macht den Kopf frei“, sagt der Markthändler. Längere Urlaubsreisen kann sich der Händler nicht leisten. Stattdessen unternimmt er mit seiner Frau Melanie und seinen Kindern Kindern Markus, Michelle und Milinda ein bis zwei Kurzreisen pro Jahr. Und auch wenn das Schützenfest gefeiert wird, nimmt sich der Markthändler eine kurze Auszeit, „in der ich mal auf ganz andere Gedanken kommen kann.“

Dieser Text erschien am 14. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung