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Menschliche Nähe & Soziale Distanz

„Ich vermisse die täglichen Spaziergänge mit meiner Frau an der Ruhr. Das macht mich sehr traurig. Damit kann ich schlecht umgehen“, sagt Karl-Heinz Sell. Der 80-Jährige ist seit drei Monaten im Franziskushaus am Leinpfad zuhause, zusammen mit 115 anderen pflegebedürftigen Senioren. Normalerweise ist das Ruhrufer nur wenige Schritte entfernt. Doch seit dem 13. März ist es für die Bewohner des Franziskushauses unerreichbar.


Jetzt müssen Sell und seine Mitbewohnerinnen Gisela Bormann (80) und Ursula Heidermann (92) telefonisch Kontakt mit den Menschen halten, die ihnen am Herzen liegen. Sell telefoniert täglich mit seiner Frau und einmal pro Woche mit seinen drei Kindern, die in Norwegen und Hessen leben. „Natürlich sprechen wir darüber, wie sich die Dinge in der Welt entwickeln und wünschen uns gegenseitig, dass wir gesund bleiben“, sagt Sell. Ursula Heidermann telefoniert täglich mit einer alten Freundin, die sie noch aus der Wandergruppe der Naturfreunde kennt. Kraft schöpft sie auc…
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Wiedersehen macht Freude

Wiedersehen macht Freude. Dieses spontane Gefühl überkam mich, als ich am Samstag in unserer Zeitung den Bericht über die pensionierten Feuerwehrleute und Ärzte las und dabei „alte Bekannte“ wiedersah, die sich jetzt für den Corona-Krisenstab der Stadt und für das Diagnosezentrum an der Mintarder Straße aus dem Ruhestand holen und reaktivieren ließen. Ihr löbliches und wertvolles Engagement entlarvt alle Protagonisten des Jugendwahns, die zum Beispiel in ihrer Medien- und Konsumforschung alle Menschen unter 14 und über 49 links liegen lassen, als falsche Propheten. Diese falschen Fünfziger, die sich auch im reifen Lebensalter noch wie halbstarke Teenager gebärden und die Jugend oder das, was sie dafür halten, zum Maßstab aller Dinge erklären und damit ihre Zeitgenossen traktieren oder sie gar auf den Holzweg führen. Diese Berufsjugendlichen werden jetzt nicht zum ersten Mal eines Besseren belehrt. Sie und wir dürfen jetzt erleben, dass in Krisenzeiten die Lebenserfahrung der alten Sch…

So arbeiten die Sozialverbände in der Corona-Krise

„Die exakten finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise kann ich noch nicht abschätzen. Aber wir können mit unseren öffentlichen Geldgebern (Bund, Land und Sozialfonds der Europäischen Union weiter Fachstunden abrechnen, die wir jetzt zum Teil von Präsenz- auf Telefonberatung umstellen mussten. Dass eingeplante Mittel weiter fließen, ist ein positives Signal und lässt uns hoffen, dass wir unsere Angebote, die von 120 Mitarbeitern bewerkstelligt werden, langfristig fortführen und nicht einstellen müssen“, sagt die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt, Michaela Rosenbaum. „Die berechtigten Anforderungen der Gesundheitsvorsorge zwingen uns zu einem schwierigen Spagat“, betont die Awo-Chefin. Auch in Corona-Zeiten kommt Sozialarbeit nicht ganz ohne soziale Kontakte aus. So ist das Café Light derzeit geschlossen. Dennoch vereinbaren Mitarbeiter der Awo-Drogenhilfe mit ihren Klienten vor Ort an der Gerichtsstraße Einzeltermin, damit zum Beispiel Spritzen getauscht und Wäsche zu waschen. …

Die Caritas hilft auch in Corona-Zeiten

„Der Mensch im Mittelpunkt.“ Dieses Motto hat sich die vor 100 Jahren von Pastor Konrad Jakobs ins Leben gerufene Caritas gegeben. „Diesem Grundsatz wollen wir auch in Zeiten der Corona-Krise treu bleiben, in dem wir die Grundregel der Sozialarbeit beherzigen: ‚So viel menschliche Nähe wie möglich und so viel Distanz wie nötig‘“, sagt Caritas-Vorstand Martina Pattberg. Um seine 240 hauptamtlich Mitarbeitenden und seine Klienten vor dem Corona-Virus zu schützen, hat der katholische Sozialverband alle seine Beratungsstellen und Begegnungsstätten für den Publikumsverkehr geschlossen. Alle Beratungsgespräche werden verschoben oder telefonisch oder per Chat erledigt. „Wie kann ich meinem Kind erklären, dass es sich jetzt nicht draußen mit Freunden zum Spielen verabreden kann? Wie und wo können wir Hilfeleistungen beantragen, wenn die Arbeits- und Sozialagenturen geschlossen sind? Wie soll es mit uns weitergehen, wenn die Lebensmittelpreise so teuer sind und weiter steigen?“, zitiert Pa…

Heilsamer Humor

Gut maskiert und mit Einweghandschuhen bekleidet erledige ich in der Innenstadt meine Tageseinkäufe. Zuweilen gleicht der Gang durch die vertraute und doch plötzlich so befremdlich wirkende Stadt in diesen Corona-Tagen schon manchmal einem Slalomlauf. Sobald mehrere Mitmenschen auf mich zukommen, suche ich instinktiv einen Ausweg, um sicherheitshalber Abstand zu gewinnen. Der normale Alltag nimmt jetzt zuweilen doch skurrile Züge an. Manchmal fühle ich mich mit meiner Corona-Maskerade in meiner Heimatstadt jetzt wie ein Außerirdischer. Doch bevor ich meiner melancholischen Befindlichkeit zu sehr nachgebe und am Ende noch den nächsten Corona-Sicherheits-Slalom verpasse, sehe ich in einigen Metern Entfernung plötzlich einen mir bekannten und ebenfalls maskierten Mülheimer. „Alles Gute und schön, dass ich noch soviel von ihrem Gesicht sehe, um Sie wiederzuerkennen“, ruft er mir der Stadt- und Schicksalsgenosse zu. Da müssen wir beiden maskierten Mölmschen dann doch spontan lachen und wi…

Gefragter denn je

Die Corona-Krise stellt für viele Menschen eine extreme seelische Belastung dar. Was bedeutet das für die ökumenische Telefonseelsorge, bei der Menschen aus Mülheim, Duisburg und Oberhausen unter den gebührenfreien Rufnummern: 0800-1110111 und: 0800-1110222 anonym, kostenfrei und rund um die Uhr Rat, Hilfe und ein offenes Ohr finden. Ein Gespräch mit dem Diplom-Theologen und Diplom-Psychologen Olaf Meier, der die Telefonseelsorge seit 1996 hauptamtlich leitet. Ist die Zahl der Anrufe, die die Telefonseelsorge erreichen mit dem Beginn der Corona-Krise gestiegen?
Meier: Seit die NRW-Landesregierung am 13. März die corona-bedingte Schließung der Schulen bekanntgegeben hat, hat sich die Zahl der Anrufe, die uns erreichen um rund 20 Prozent erhöht. Davor hatten wir täglich 40 bis 50 Anrufe. Wenn Menschen fragen: „Muss ich etwas dafür bezahlen? Ist das wirklich anonym? Sind Sie auch zur Verschwiegenheit verpflichtet?“ merken wir, dass es sich um Erstanrufer handelt, die die Telefonseelsorge…

Harte Schule

Noch vor nicht allzu langer Zeit hetzte ich zur Haltestelle, um dort die abfahrbereite Straßenbahn zu erreichen. Ich drückte alle Knöpfe und klopfte gegen das Bahnfenster. Doch keine Tür tat sich mir auf. Ich wollte schon in Wut über die vermeintliche Ignoranz des Straßenbahnfahrers geraten. Doch dann sah ich beim Blick auf den Zielanzeiger der Tram, dass ich selbst ignoriert hatte, was dort stand: „Fahrschule“.

Als ich jetzt an einem der letzten Sonnentage auf dem Weg zur Haltestelle eine Straßenbahn ankommen sah, ließ ich es ruhiger angehen. Nur keine falsche Eile. Dicht an dicht in der Bahn stehen oder sitzen ist in Corona-Zeiten keine verlockende Aussicht. Ich nahm mir also die Zeit, schön langsam noch etwas durch die frische Luft zu gehen und den Sonnenschein zu genießen. Ich dachte: „Was soll’s? Zu Fuß erreiche ich mein Ziel vielleicht etwas später, aber dafür entspannter und angenehmer, Sicherheitsabstand inklusive.
So bringt einen die Fahr-Schule und der Fahrplan der Krise auf e…