Mittwoch, 20. Juni 2018

"Wir mussten wieder bei Null anfangen": Walter Neuhoff erinnert sich an den Tag, als die D-Mark auch nach Mülheim kam

So sah es in einer von 80 Ausgabestellen aus, als die Mülheimer
am Sonntag, den 20. Juni 1948, ihre ersten D-Mark-Scheine in
Empfang nahmen. (Archivfoto: Sparkasse Mülheim an der Ruhr)
Walter Neuhoff holt einige D-Mark-Scheine aus einem Umschlag, die er bei der Währungsumstellung auf den Euro, 2002, zurückbehalten hat, als Erinnerung.
Mit seinen 82 Jahren gehört der Mülheimer zu jenen, die nicht nur das Ende, sondern auch den Beginn der D-Mark miterlebt haben.

„Morgens hat es geregnet. Aber mittags schien dann die Sonne. Nach dem Mittagessen bin ich dann zusammen mit meinen Eltern in den Altenhof gegangen, wo die neue Währung ausgegeben wurde“, erinnert sich Neuhoff an den 20. Juni 1948, den Tag der Währungsreform. Es war ein Sonntag. Das Foto, das er an diesem denkwürdigen Tag, als die D-Mark auch nach Mülheim kam, von seinen Eltern Wilhelm und Mathilde beim Sonntagsspaziergang zum Hauptfriedhof aufgenommen hat, hat er ebenso aufbewahrt, wie die alten D-Mark-Scheine. Auf seinem 70 Jahre alten Foto wirken Wilhelm und Mathilde Neuhoff ernst. „Jetzt müssen wir wieder bei Null anfangen und uns alle einschränken“, hatte der Vater gesagt, bevor die Familie im Altenhof das neue Geld gegen Vorlage ihrer Identitätsbescheinigung und der Abgabe eines Fingerabdrucks in Empfang nahmen.

„Im Altenhof wurden damals auch Gottesdienste gefeiert, weil die Petri- und die Marienkirche nach den Bombenangriffen des 2. Weltkrieges noch instandgesetzt werden mussten“, erinnert sich Neuhoff. Auch sein eigenes Elternhaus an der Tersteegenstraße musste damals instandgesetzt werden. „Immerhin bezahlte die Stadt den Abtransport der Bombentrümer“, erzählt Neuhoff. Vom Wirtschaftswunder, so erinnert er sich, sei damals noch nichts zu sehen gewesen. Das habe in Mülheim erst 1953 richtig Fahrt aufgenommen, nachdem der damalige NRW-Ministerpräsident Karl Arnold an der Friedrich-Ebert-Straße den neuen Kaufhof eröffnet habe.

Immerhin füllten sich nach der Währungsreform, die den Neuhoffs ein Startkapital von drei Mal 40 D-Mark einbrachten wieder die bis dahin leeren Geschäftsauslagen. Der an der Kaiserstraße betriebe Schwarzhandel verschwand aus dem Stadtbild. Dafür boten immer mehr Händler auf dem Rathausmarkt ihre Waren an. „Es waren plötzlich so viele Händler da, dass der eigentliche Marktplatz nicht ausreichte und auch an der Bahnstraße und am Löhberg Stände platziert wurden“, berichtet Walter Neuhoff.

Seine erste D-Mark, damals keine Münze, sondern eine Banknote, gab der zwölfjährige Schüler des staatlichen Gymnasiums, das wir seit 1974 als Otto-Pankok-Gymnasium kennen, für die Schulspeisung der amerikanischen Quäker aus. „Meistens bekamen wir eine Erbsensuppe, die wir in der ersten großen Pause aus unseren Henkelmännern löffelten“, berichtet Neuhoff.

Vor allem sein 1904 geborener Vater, so erinnert er sich, habe die Währungsreform 1948 mit der Verbitterung eines Menschen gesehen, der bereits die Geldentwertung der Hyperinflation 1923 am eigenen Sparbuch erlebt hatte.


Anders, als 1923, behielten die alten Reichsmark-Guthaben im neuen D-Mark-Zeitalter noch 
10 Prozent ihres ursprünglichen Wertes, so dass aus den 7000 Reichsmark, die die Neuhoffs 1948 auf ihrem Sparbuch hatten 700 D-Mark wurden. „Nach den dreimal 40 D-Mark vom 20. Juni 1948, erhielten wir am 1. November 1948 noch einmal 20 D-Mark pro Person. Über ihre abgewerteten Sparguthaben aus der Reichsmarkzeit konnten meine Eltern erst ab dem 1. Januar 1950 verfügen, schildert Zeitzeuge Neuhoff den weiteren Fortgang der Währungsreform. Sie war am 16. Juni 1948 im Stadtrat und via Rundfunkansprache vom damaligen Wirtschaftsdirektor Ludwig Erhard bekanntgegeben worden war. Die ersten 6,5 Millionen D-Mark, die am 20. Juni 1948 an 80 Ausgabestellen von 8 bis 18 Uhr unter das Mülheimer Volk gebracht wurden, sollten sich trotz anfänglicher Startschwierigkeiten und Klagen wegen Preiswuchers in der Ruckschau als Beginn des Wirtschaftswunders erweisen. Sein eigenes Wirtschaftwunder sollte Walter Neuhoff 1957 erleben. Damals erhielt der 21-Jährige sein erstes Gehalt als Mitarbeiter der Thyssen-Betriebskrankenkasse (260 D-Mark), von denen er 100 D-Mark in einen schicken blauen Anzug investierte, den er beim Herrenausstatter Pollmeier an der Ecke Schloßstraße/Löhberg erstand. Der heute 82-jährige Rentner hat sich damit abgefunden, dass er inzwischen keine D-Mark, sondern Euro in seinem Portemonnaie hat. Trotzdem erinnert er sich gerne an die D-Mark, die für ihn, mehr als der Euro, zum Symbol wirtschaftlicher Stabilität wurde. 

Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 wurde notwendig, weil die Reichsmark nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Wert verloren hatte. Aufgrund des akuten Metallmangels gab es anfangs keine Geldmünzen, sondern auch für kleine D-Mark-Beträge nur Banknoten, die bereits im Herbst 1947 in den USA gedruckt worden waren, Mit der D-Mark wurde in Westdeutschland die soziale Marktwirtschaft eingeführt. Die Währungsreform in West-Berlin wurde von der Sowjetunion Stalins mit der ein Jahr lang aufrechterhaltenen Land-Blockade West-Berlins beantwortet. Die Westalliierten antworteten ihrerseits mit eine Luftbrücke für die Bevölkerung in West-Berlin. 

Dieser Text erschien am 20. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 19. Juni 2018

Mehr Grün wagen zahlt sich aus

Weil die Stadt rote Zahlen schreibt, müssen die Kleingärtner an der Holzstraße also schwarz sehen. Kein Wunder, dass sie das auf die Palme treibt, selbst wenn in ihrem Kleingarten keine steht. Der Chronist, der nicht gerade mit einem grünen Daumen gesegnet ist und deshalb heilfroh sein kann, wenn er seine Topfpflanzen durch rechtzeitiges und regelmäßiges Gießen über den Sommer bringt, denkt an die Cree-Indianer. Die sind zwar keine Kleingärtner, haben uns aber die Weisheit überliefert: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.‘‘ Die Cree wissen, wovon sie sprechen. 

Denn auch sie verloren ihr Land an das Profitstreben der Mächtigen. Obwohl die Kommunalpolitik angesichts der städtischen Finanzlage  ohnmächtig statt mächtig erscheint, sollte sie bei ihrer Finanzakrobatik daran denken, dass sich jedes grüne Fleckchen in unserer reichlich zubetonierten Stadt als Lebensversicherung bezahlt macht, weil es dafür sorgt, dass auch jene für unsere Stadtgesellschaft tragenden Normalverdiener ins Grüne schauen und auftanken können, die sich kein eigenes Haus im Grünen leisten können.

Dieser Text erschien am 19. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 18. Juni 2018

Plakative Verführung

Mir lacht einer unserer Nationalspieler entgegen. Ich sehe ihn auf einem Werbeplakat. Er macht einen energischen und entschlossenen Eindruck. So sehen Weltmeister aus. Toll. Wie macht der Mann das bloß? Das Werbeplakat verspricht mir, dass auch ich zu einem solchen Strahlemann und Siegertypen werden kann, wenn ich mir den selben Schokoriegel, wie der plakative Spitzensportler einverleibe. Nicht, dass ich einem Schokoriegel gegenüber abgeneigt wäre, der mir Energie liefert. Doch ich kenne mich. Es bleibt am Ende nicht nur bei einem Riegel und meine Energie wird zu teuer bezahltem Hüftgold, das mich davon abhält energisch und sportiv mein Spiel zu machen. Außerdem werde ich den Verdacht nicht los, dass der Nationalspieler auf dem Werbeträger nicht wegen seines Schokriegels, sondern wegen der Kröten strahlt, die er als Nachspeise kassiert, während Unsereins am Ende nur seine Kröten verliert und Kröten schlucken muss, die alles andere, als bekömmlich sind.

Dieser Text erschien am 18. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 17. Juni 2018

Bischof Overbeck mahnt Kompromissbereitschaft beim Thema Asyl an

Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok (am Rednerpult)
und Ruhrbischof Dr. Franz-Josef-Overbeck im
Ratssaal
Mönchengladbach. Mit Blick auf die Asyl- und Finanzpolitik fordert der katholische Sozialbischof Franz-Josef Overbeck von der deutschen Politik mehr Solidarität mit den EU-Partnern. Zugleich warnte der Ruhrbischof am Freitag in Mönchengladbach vor populistischen Scheinlösungen. Nationale Alleingänge in diesen Politikfeldern widersprächen auch dem Interesse Deutschlands. "Demokratie braucht immer auch Kompromissbereitschaft", sagte Overbeck.

Angesichts populistischer Tendenzen in Ungarn, Polen, Griechenland und Italien plädierte Overbeck dafür, die europäische Integration stärker sozial zu flankieren. Auch der Wahlsieg Donald Trumps sei auf sozioökonomische Probleme zurückzuführen, "weil sich viele Industriearbeiter im Rust-Belt der USA angesichts ihrer schwindenden sozialen Teilhabe nicht mehr von den Demokraten vertreten fühlten". Der Ruhrbischof rief die Politik auf, "die in unserer Gesellschaft vorhandenen Ängste vor einer sozialen kulturellen Marginalisierung ernst zu nehmen".

Wie Overbeck sieht auch der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok Arbeitslosigkeit und soziale Abstiegsängste als Nährboden für Populisten. Heftige Kritik übte der Politiker an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Es sei "nicht nur unchristlich und unsolidarisch, sondern auch dumm", die Flüchtlingsfrage nicht gesamteuropäisch und global, sondern durch nationale Abschottung lösen zu wollen.
Brok warnte die CSU davor, die Grundlagen des deutschen Wohlstandes zu gefährden. Aus kurzfristiger Wahltaktik heraus dürften Freizügigkeit und Solidarität in der EU nicht aufgegeben werden, auf die das Exportland Deutschland existenziell angewiesen sei. 45 Prozent des Wohlstands schöpfe Deutschland aus dem Export. Und dieser wiederum gehe zu 75 Prozent in die EU-Länder.

Deshalb wäre es aus Broks Sicht fatal, "wenn vor dem Hintergrund einer bayerischen Landtagswahl die europäischen Gestaltungsinstrumente zerstört würden". Die großen Fragen der Zukunft könnten die europäischen Nationalstaaten nicht allein lösen, weil sie gegenüber den globalen Großmächten USA, Russland und China zu klein seien. Brok forderte die EU auf, durch Flüchtlingsströme besonders geforderte Länder wie Griechenland, Italien, Malta, den Libanon und Jordanien nicht allein zu lassen. - Brok und Overbeck sprachen bei einer Tagung der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

KNA-Bericht vom 15. Juni 2018

Samstag, 16. Juni 2018

Gefährlicher Hochsprung

Nicht nur bei der Fußball-WM wird heute gespielt. Auch im Bundestag wird heute um 9.20 Uhr ein wichtiges Spiel angepfiffen. Anders, als bei der Fußball-WM steht der Spielausgang schon so gut, wie fest: Denn Union und SPD wollen sich mit ihrer Regierungsmehrheit etwas gönnen. Und das bedeutet, dass Sie und ich und wir alle zusammen als Steuerzahler es bezahlen müssen.

Denn die Parteien sollen mehr Geld für ihre politische Arbeit bekommen, nämlich 190 Millionen statt 165 Millionen Euro, und das, obwohl der Bundestag 2013 160 Millionen Euro pro Jahr, plus Teuerungszulage als "absolute Obergrenze" festgelegt hatte. Doch was ist heute schon absolut. Wir leben nicht mehr im Absolutismus, sondern in der Demokratie. Weil die Macht bei uns vom Volke, also von uns ausgeht, dürfen wir uns absolut sicher sein, dass die Parteien ihre Mehreinnahmen auf unsere Kosten für unerwartet teure Arbeit für die Demokratie, nur uns zu Liebe für ihre digitalen Botschaften via Internet, Facebook, Twitter und Co ausgeben wollen. Der manische Twitterer Trump lässt grüßen. Frau Merkel und Co müssen ja dagegenhalten, wenn unser großer ungezogener Bruder jenseits des Atlantiks seinen Unsinn im virtuellen Netz verbreitet.

Ob es unserer Demokratie und damit uns allen besser geht, wenn unsere Parteien mehr Geld zum Twittern und Posten haben, darf bezweifelt werden. Denn wir brauchen auch im digitalen Zeitalter nicht mehr Tweets, sondern Geld für gute Taten, die uns allen im Alltag gut tun, statt uns, wie so manche Web-Botschaft, zu belästigen und die Zeit zu stehlen. Daran sollte heute auch unser Bundestagsabgeordneter Arno Klare denken, wenn es im Schatten der Fußball-WM um einen Hochsprung in der Parteienfinanzierung geht, der spätestens bei der nächsten Wahl für die Parteien zum Eigentor werden könnte.

Dieser Text erschien am 15. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 14. Juni 2018

Wenn es einfach rund läuft

Wenn ihr Kollege in den nächsten Tagen und Wochen unausgeschlafen oder mit viereckigen Augen ins Büro kommt und in so manchen Familien ein heftiger Streit um die Fernbedienung ausbricht, weil sich Sportmuffel und Fußballfans unversöhnlich das Feld vor dem Fernsehgerät streitig machen, dann liegt das an der heute in Russland beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft. Ob Grillkohle, Schokoriegel, Limonade oder Brotaufstrich. Alles wird uns in diesen Tagen im schwarz-rot-goldenen Fußball-Design schmackhaft gemacht.


Erstaunlich. 22 Männer kämpfen um einen Ball und versuchen ihn im gegnerischen Tor zu versenken. Klimawandel,  Staatsverschuldung, Strafzölle, demografischer Wandel, Vermüllung der Meere, Krieg und Frieden. Das alles kann jetzt erst mal warten. Wir wollen Tore sehen, ob im Stadion oder in der Fankurve auf der Couch daheim. Warum ist Fußball weltweit so erfolg- und damit in unseren ökonomisierten Zeiten auch so ertragreich? Ganz einfach. Es ist ganz einfach, für alle nachzuvollziehen und mit klaren Regeln ausgestattet, über die unparteiische Schiedsrichter wachen und denen sich die Akteure auf dem Spielfeld nicht entziehen können. Wer gut spielt, schießt Tore und gewinnt. Wer sich daneben benimmt, bekommt eine gelbe und dann eine rote Karte und fliegt vom Platz. So klare Regeln würde man sich auch auf anderen Spielfeldern unserer Welt wünschen.

Dieser Text erschien am 14. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 13. Juni 2018

Ein Schulbeispiel fürs Leben

Als ich gestern in der NRZ las, dass die Stadt und die Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft Medl Kinder zu einem Mitmach-Zirkus einladen, kam mir spontan der Gedanke: Endlich erkennt mal jemand die Zeichen der Zeit. „Also lautet ein Beschluss:

Dass der Mensch was lernen muss“, wusste uns schon Meister Wilhelm Busch in seinen Max-und Moritz-Geschichten mitzuteilen:  So weit würden ihm bis heute alle Pädagogen und Eltern zustimmen.


Aber was soll man heute fürs Leben lernen? Wer schon etwas länger auf der Welt ist, weiß, dass sich das wahre Leben jeder Schulweisheit entzieht und zuweilen, wie der reinste Zirkus funktioniert, in dem nicht die klugen Köpfe, sondern so mancher dumme August oder Drahtseiltänzer den Ton und die Richtung vorgeben und nebenbei das eine oder andere Raubtier in Schach gehalten werden muss, damit es zu keinem größeren Unglück kommt.


Stadt und Medl haben also recht: Wer etwas fürs Leben lernen will, muss in die Zirkuslehre gehen, um etwa zu lernen, wie man einen Drahtseilakt bewältigt, sich als Dompteur klug und furchtlos große Tiere vom Leibe hält oder als Clown auch dann noch als letzter lacht und gute Miene zum bösen Spiel macht, ohne sein eigenes Ziel und seine eigene Dramaturgie aus dem Auge zu verlieren. Denn nur so bringt man am Ende seine Zuschauer zum Lachen und begeistert applaudieren zu lassen.


Dieser Zexz erschien am 13. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung