Freitag, 18. August 2017

Die Gnade der frühen Geburt

Wer sich die Zeit nimmt, um in alten Zeitungen, etwa anno 1900, nachzulesen, wie die damaligen Zeitgenossen, ihre noch wesentlich knapper bemessene Freizeit verbrachten, lernt viel über unsere Zeit. Man stößt auf eine Unmenge von Gaststätten, geselligen Veranstaltungen und Vereinen. Das reicht vom Raucherclub über den Gesangverein bis hin zur Literaturgesellschaft. Man fragt sich: Woher nahmen die Menschen bloß die Zeit für all diese Aktivitäten. Und dann kommt man darauf, dass sich unsere Vorfahren die Zeit nahmen, die wir heute oft mit Fernsehen, Internet, Hörfunk, Smartphones, Computerspielen, Staufahrten in den Urlaub und anderen Zerstreuungsmöglichkeiten vergeuden. Natürlich lebten auch die Zeitgenossen um 1900 nicht im Paradies. Aber sie wurden dank ihrer frühen Geburt von weitaus weniger Zeitfressern daran gehindert, sich Zeit für die wichtigen Dinge zu nehmen. Früher war nicht alles, aber manches besser. Aber zum Glück kann man als Zeitgenosse ja aus der Geschichte lernen. Und einfach mal ab- und sich ins richtige Leben einschalten.
Wer sich die Zeit nimmt, um in alten Zeitungen, etwa anno 1900, nachzulesen, wie die damaligen Zeitgenossen, ihre noch wesentlich knapper bemessene Freizeit verbrachten, lernt viel über unsere Zeit. Man stößt auf eine Unmenge von Gaststätten, geselligen Veranstaltungen und Vereinen. Das reicht vom Raucherclub über den Gesangverein bis hin zur Literaturgesellschaft. Man fragt sich: Woher nahmen die Menschen bloß die Zeit für all diese Aktivitäten. Und dann kommt man darauf, dass sich unsere Vorfahren die Zeit nahmen, die wir heute oft mit Fernsehen, Internet, Hörfunk, Smartphones, Computerspielen, Staufahrten in den Urlaub und anderen Zerstreuungsmöglichkeiten vergeuden. Natürlich lebten auch die Zeitgenossen um 1900 nicht im Paradies. Aber sie wurden dank ihrer frühen Geburt von weitaus weniger Zeitfressern daran gehindert, sich Zeit für die wichtigen Dinge zu nehmen. Früher war nicht alles, aber manches besser. Aber zum Glück kann man als Zeitgenosse ja aus der Geschichte lernen. Und einfach mal ab- und sich ins richtige Leben einschalten.

Dieser Text erschien am 14. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 17. August 2017

170 Jahre Pfarrbücherei St. Mariae Geburt: Ihr ehrenamtliche Leiterin Maria Baumgarten erzählt

Maria Baumgarten leitet die Pfarrbücherei von St. Mariae Geburt
seit 30 Jahren, ehrenamtlich.
170 Jahre. So lange gibt es in der Stadt-Pfarrei St. Mariae Geburt eine Pfarrbücherei. Damit dürfte sie zu den landesweit ältesten ihrer Art gehören. Seit 30 Jahren wird die kleine und gemütliche Bibliothek an der Pastor-Jakobs-Straße von Maria Baumgarten geleitet.
Wie ihre acht Kolleginnen, arbeitet Baumgarten, ehrenamtlich.
Ich investiere 10 bis 15 Stunden pro Woche. Aber das mache ich gerne. Denn meine Kolleginnen und ich lernen interessante Menschen kennen, die nicht nur Bücher, sondern oft auch ein offenes Ohr und ein gutes Gespräch suchen“, erzählt Baumgarten.
Die 80-Jährige, die früher auch als ehrenamtliche Katechetin und Pfarrgemeinderätin aktiv war, kennt noch die Zeiten, in denen die Regale der Pfarrbücherei nur mit frommen Büchern gefüllt waren. Doch das ist Vergangenheit. „Wir sind eine Katholische öffentliche Bücherei und haben inzwischen auch viele muslimische Nutzer. Wir fragen niemanden nach seiner Konfession“, betont Baumgarten.
Und so finden sich neben religiösen Büchern auch Romane, Biografien, Zeitschriften, Gesellschaftsspiele, Hörbücher, Sachbücher und Lesestoff für alle Geschmäcker in den Regalen der Bücherei. Das zwischen Buchdeckeln gedruckte Wort steht hier noch hoch im Kurs. Einen Internet-Arbeitsplatz sucht man vergebens. Wer unter den 10.000 Medien einen ganz bestimmten Titel sucht, muss mit dem guten alten Karteikastenschrank Vorlieb nehmen.
Das wir hier noch ohne Computer und mit echtem Papier und echten Büchern arbeiten, kommt aber auch bei unseren jüngeren Nutzern gut an. Bei der Ausleihe sind Kriminalromane und Biografien besonders gefragt“, berichtet Baumgarten. Das Bistum und die Pfarrgemeinde stellen jährlich 1600 Euro für den Ankauf neuer Titel zur Verfügung. Hinzu kommen Spenden und Kollekten zwischen 200 und 400 Euro. Welche neuen Bücher sie sich in ihrer Pfarrbücherei wünschen, dürfen ihre Nutzer in deren Wunschbucheintragen Außerdem lässt sich Baumgarten bei den Neuanschaffungen vom örtlichen Buchhändler Michael Fehst beraten.

Auch wenn das katholische Milieu, das 1847 die Gründung der Pfarrbücherei nötig und möglich machte, so heute nicht mehr existiert, hat Baumgarten keine Existenzängste. „Wir werden auch künftig als wohnortnaher und niederschwelliger sozialer und kultureller Treffpunkt gebraucht“, ist Baumgarten überzeugt. Wenn sie die Bücherei dienstags um 9.30 Uhr und um 15 Uhr und freitags um 15 Uhr öffnet, dann wird dort nicht nur gelesen und geplaudert, sondern auch die eine oder andere Tasse Kaffee getrunken. Ein Frauenkreis aus der Gemeinde trifft sich hier ebenso regelmäßig, wie die Kinder aus der benachbarten Gemeinde-Kita Lummerland. Die Kita-Kinder lassen sich von Maria Baumgarten und ihren Kolleginnen nur zu gerne vorlesen. Und manchmal wird auch gemeinsam gebastelt. „Die meisten unserer Stammbesucher, die täglich zwischen 40 bis 120 Medien ausleihen, gehören aber zur Generation 50 Plus“, betont die ehrenamtliche Leiterin der alten, aber immer noch gefragten Pfarrbücherei. 

Dieser Text erschien im August 2017 im Neuen Ruhrwort und in NRZ/WAZ

Mittwoch, 16. August 2017

Die Wiederauferstehung einer Kaufhaus-Legende: Ein Zeitsprung an der unteren Schloßstraße

Als das Foto aus dem Stadtarchiv entsteht schreibt man das Jahr 1935. Das Woolworth-Kaufhaus, das heute mit Gastronomie, Einzelhandel und Wohnraum wiederbelebt werden soll, steht damals erst  seit acht Jahren.

Wie man sieht, ist die Schloßstraße damals noch eine Durchbruchstraße. Das Haus, das man im Hintergrund, quer zum Straßenverlauf,  sieht, wird schon ein Jahr später verschwinden. Die Schloßstraße wird das Bild annehmen, das wir heute von ihr kennen. „1938 fuhr die erste Straßenbahn über die Schloßstraße“, weiß der 1936 geborene Walter Neuhoff von seinem Vater Wilhelm.

Auch als die Schloßstraße 1974  zur Fußgängerzone wird, bildet das vom Bauhausstil der 20er Jahre  inspirierte Kaufhaus das Eingangstor zur Geschäftsstraße. Doch 90 Jahre, nachdem Woolworth erstmals seine Türen an der Schloßstraße öffnete, ist für die zuletzt 19 Mitarbeiter des Kaufhauses für immer Feierabend.

Das Geschäftsmodell alles kaufen unter einem Dach steckt in der Krise. Drei Jahre nach Woolworth schließt auch der gleich gegenüber  gelegene Kaufhof. Während der 1953 eröffnete Kaufhof sieben Jahre leer steht, ehe er abgerissen wird, um 2019 dem neuen Stadtquartier Schloßstraße Platz zu machen, versuchen sich im ehemaligen Woolworth-Gebäude zeitweise neue Geschäfte, ehe der kommerzielle Lehrstand, kulturell mit dem Art-Square oder dem Theater der Ruhrorter gefüllt wird. Jetzt machen sich neue Investoren auf den Weg, um im alten Woolworth-Kaufhaus und auf dem ehemaligen  Kaufhof-Grundstück neue Anziehungspunkte an der unteren Schloßstraße zu schaffen. Die Geschichte geht auch in der Innenstadt weiter.

Dieser text erschien am 14. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 15. August 2017

Worüber man so redet

Sage mir, worüber du redest und ich sage dir, wer du bist. Wenn man über die Schloßstraße schlendert und hier oder dort ein Rentner-Clübchen sitzen und stehen sieht, hört man entweder etwas über den letzten Urlaub oder über den nächsten Arztbesuch.

Wenn man eine Gruppe oder ein Pärchen nadelgestreifter Anzugträger beim Mittags-Meeting im Bistro sitzen sieht, sprechen sie garantiert über ihren Chef, ihr aktuelles Projekt oder über den nächsten Karrieresprung. Wohl beleibte Menschen haben natürlich nur ein Leib- und Magen-Thema: Gutes Essen und Trinken. Entweder tauschen sie sich über Rezepte oder Restaurants aus. Da bleib ich auch schon mal gerne stehen und höre mit. Wirklich begeistert hat mich aber eine hoch betagte Dame, der ich jetzt zum Geburtstag gratulieren durfte. Meine Eingangsfrage, was aus ihrer lebenerfahrenen Perspektive das Schönste im Leben sei, beantwortete sie mir prompt mit: „Sex, natürlich!“

Wenn sie es mit ihrer langen Lebenserfahrung sagt, muss es stimmen. Wenn das keine ermutigende Einsicht für alle unfreiwilligen Singles und Mauerblümchen ist. Es ist nie zu spät für den Spaß an der Freude, egal, ob wir den Generationen Ü30, Ü40, Ü50, Ü60, Ü70 oder UHu („unter 100“) angehören. Also, haben wir Mut, mal wieder zu kuscheln, statt uns ständig über die Idiotien und die Idioten des Lebens zu ärgern. 

Dieser Text erschien am 15. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 14. August 2017

Loch an Loch und hält doch

Kennen Sie noch Alfred Zerban? Der Mann machte einst für den WDR-Hörfunk Testfahrten mit Autos der verschiedenen Hersteller. Der Härtetest für die Fahrzeuge und den Fahrer war die sogenannte „Folterstrecke“, bei der es auf vier Rädern über mehr als nur über Stock und Stein ging,

Gestern fühlte ich mich wie Zerban auf der Folterstrecke. Dabei habe ich noch nicht mal einen Führerschein und bin deshalb oft zu Fuß unterwegs. Als Innenstadt-Bewohner dachte ich bisher,
das Fußgänger-Pflaster auf der Leineweber-Straße sei die größtmögliche aller Zumutungen und Stolperfallen. Seit gestern ist für mich in diesem Punkt aber der untere Steinknappen rekordverdächtig. Neben der wunderbar glatten Fahrbahn fühlt man sich als Fußgänger auf dem so genannten Gehweg wie ein Hindernisläufer oder ein Trabi in der DDR.

Die DDR und ihr real existierender Sozialismus sind nicht nur, aber auch an ihren Straßenzuständen gescheitert. Das sollte unserer Stadt zu denken geben. „Loch an Loch und hält doch“ An diesem Prinzip Hoffnung sollte man sich nicht zu lange festhalten, wenn man als Stadt mit erstklassigen Gewerbesteuersätzen, aber mit stellenweise drittklassigen Straßenverhältnissen keinen Schiffbruch oder besser gesagt Hals- und Beinbruch erleiden will.

Dieser Text erschien am 11. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 13. August 2017

St. Mariae Rosenkranz: Die Kirche der kleinen Leute ist ein großes Kunstwerk

Nicht nur der Bild-Altar von St. Mariae Rosenkranz ist sehenswert.
Kirchen kann man nicht nur während des Gottesdienstes besuchen. Jetzt führte Gemeindemitglied Beate Düster Kultur- und Kunstinteressierte durch St. Mariae Rosenkranz, um ihnen zu zeigen welche geistlichen Kulturschätze St. Mariae Rosenkranz zu bieten hat. Die nächsten kostenlose Kirchenführung am Marienplatz in Styrum bietet Gemeindemitglied Hans Hanisch am 27. August um 12.30 Uhr an.
"Mir liegt diese Kirche ganz besonders am Herzen, weil sich hier ganz einfache Menschen krumm gelegt haben, um sich einen würdigen Ort der Seelsorge zu schaffen", erklärt Beate Düster. Deshalb führt sie interessierte Menschen nicht nur sonntags in den Sommerferien durch die sehenswerte Kirche ihrer 3000-Seelen-Gemeinde im Mülheimer Norden.

Sie hat den wenigen, aber umso interessierter zuhörenden Teilnehmern der Kirchenführung viel zu zeigen und zu erzählen. "Wir hätten niemals gedacht, dass eine Arbeiter-Kirche so viele Schätze in sich birgt", sind sich Oliver Birnkammer und Urszula Chanko nach dem einstündigen Kirchen-Rundgang einig.

Schon vor dem Kirchenportal lohnt sich der Blick nach oben. Gleich über der Pforte zeigt ein Relief im Mauerwerk der neugotischen Kirche den heiligen Dominikus, der von der Mutter Gottes einen Rosenkranz überreicht bekommt. Auf der anderen Seite sieht man die mittelalterliche Kirchenreformerin Katharina von Siena. Darüber sieht man ein Rosettenfenster und eine 1982 überarbeitete Marienfigur. Geht man durch das Portal in die Kirche hinein, stößt man auf kunstvoll gestaltete Boden-Kacheln. Die Architektin Beate Düster, die hauptberuflich als Denkmalschützerin in Gelsenkirchen arbeitet, lenkt den Blick der Besucher auf ein Bodenrelief. Das zeigt Sankt Georg, der mit einem Drachen das Sinnbild des Bösen besiegt. "Das Böse soll draußen bleiben, wenn die Gottesdienstbesucher sich in der Kirche auf das Gute besinnen", erklärt Düster die Symbolsprache. Das damals beim Bau der neuen Kirche nicht gespart wurde, zeigt die Tatsache, dass das Styrumer Gotteshaus mit den Villeroy & Boch-Kacheln gefliest wurde. Sie hatte man auch im 1880 eingeweihten Kölner Dom verwendet.

Thyssen und seine Arbeiter zogen an einem Strang

Auch wenn die 1894 eingeweihte Kirche nach den Plänen des Architekten und Wiener Dombaumeisters Franz Schmidt im neugotischen Stil gebaut worden ist, vermittelt die allgegenwärtige biblische Bildersprache einen geradezu barocken Eindruck. Das gilt für den 1904 von Peter Schneider geschaffenen Bilderltar ebenso, wie für den 1902 von Josef Kannengießer gemalten Kreuzweg oder die 1904 gebaute Kanzel.

Komplettiert wird der religiöse Bilder-Reigen durch die in den frühen 1950er Jahren neu geschaffenen Chorfenster. Der Bilderaltar, die Holzkanzel und die Chorfenster zeigen uns unter anderem  das Abendmahl und die Evangelisten, die Jünger von Emaus, Marias Empfängnis und Marias Himmelfahrt, die Apostel und Kirchenlehrer Johannes, Magdalena, den ungläubigen Thomas und Thomas von Aquin oder die pfingstliche Erleuchtung und Entsendung der Jünger Jesu. Aber auch die Stahlarbeiter, die in August Thyssens 1870 gegründeten Styrumer Stahlwerk arbeiteten, sind in einem der Chorfenster verewigt.

"Auch wenn der katholische Unternehmer August Thyssen 100.000 Goldmark für den Kirchenbau gestiftet hat, darf man nicht vergessen, dass es damit bei weitem nicht getan war. Auch die einfachen Leute, Arbeiter und Bauern, haben als Gemeindemitglieder ihren Beitrag dazu geleistet. Nur so konnte die  Kirche zu dem geistlichen Kunstwerk werdent, das sie heute ist", betont Beate Düster.

Als ein Beispiel nennt sie die wertvolle und an Relief-Bildern reiche Holzkanzel. Sie, die heute nur noch symbolischen Wert hat und nur in selten Ausnahmen als Predigt-Plattform genutzt wird. Sie wurde dem ersten Pfarrer von St. Mariae Rosenkranz, Reinhold Bergmann, von seiner Schwester Elisabeth im Jahr 1904 zum silbernen Priester-Jubiläum geschenkt.

Der Papst spendierte einen Altar

Besonders sehenswert sind auch die beiden Seitenaltäre mit mächtigen und zugleich filigran geschnitzten Figuren der Mutter Gottes mit dem Jesus-Kind und ihrem Gemahl Josef. "Früher wurden in dieser Kirche an ihrem Hauptaltar und ihren beiden Nebenaltären bis zu drei Gottesdienste gleichzeitig gefeiert", weiß Beate Düster aus der Pfarrchronik zu berichten. Priester-Mangel und nachlassender Gottesdienstbesuch waren in der Gründungsphase der Styrumer Gemeinde kein Thema. "Es waren vor allem die katholischen Zuwanderer aus Polen, Schlesien, Westfalen und aus dem Sauerland, die bei Thyssen Arbeit fanden, die die ersten Gemeindemitglieder stellten", berichtet Düster.

Besonders stolz ist die Gemeinde, die heute von Constant Leke, einem Pastor aus Kamerun, betreut wird, auf den Josefs-Altar. Den Josef ist der Schutzpatron der Arbeiter und sein Altar wurde der Gemeinde in ihrer Gründungsphase vom damaligen Papst Leo XIII. geschenkt. Dieser Papst, der von 1878 bis 1903 der Nachfolger Petri war, gilt mit seiner 1891 veröffentlichten Sozial-Enzyklika Rerum Novarum als Begründer der katholischen Soziallehre.

Wie ein Wunder

Wie ein Wunder wirkt es in der Rückschau, dass die Arbeiter-Kirche im Industrieort Styrum während des Zweiten Weltkrieges fast unzerstört blieb. Nur ihre Fenster mussten nach dem Krieg erneuert werden. "Da hat jemand seine schützenden Hände über diese Kirche gehalten", glaubt Beate Düster. Auch außerhalb der Sommer-Führungen macht die Denkmalschützerin interessierte Gruppen gerne mit der besonders sehenswerten und inspirierenden Kirche am Styrumer Marienplatz vertraut. Weitere Auskünfte bekommt man im Gemeindebüro am Marienplatz unter der Rufnummer gibt sie unter der Rufnummer 0208-400060

Dieser Text erschien im August 2017 in der Mülheimer Woche und im Neuen Ruhrwort

Samstag, 12. August 2017

Hungern und sterben für Kaiser und Reich: Vor 100 Jahren gibt es Lebensmittel auch in Mülheim nur auf Karte. Die Mülheimer gehen zum Hamstern aufs Land oder essen Maisbrote, Brennsuppe und Steckrüben: Der Erste Weltkrieg fordert viele Opfer

Schlange stehen, nicht nur an der Leinewebrstraße
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Wer heute am Sinn der Europäischen Union zweifelt, sollte 100 Jahre zurückschauen. Im Sommer 1917 wird auch in Mülheim gehungert. Denn das auf Lebensmittel- und Rohstoff-Importe angewiesene Deutschland steht im Krieg. Um das Kaiserreich in die Knie zu zwingen, hat der Kriegsgegner Großbritannien eine Seeblockade verhängt.

Lebensmittel und Rohstoffe werden knapp. Seit 1915 sind Lebensmittel rationiert. Bezugskarten werden zur neuen Währung beim Einkauf. Nicht nur vor dem Lebensmittelgeschäft Zorn an der Leineweberstraße kommt es immer wieder zu Menschenaufläufen. Ein halbes Pfund Butter kostet damals 15 Mark. Die von Oberbürgermeister Paul Lembke geführte Stadt richtet in ihrem Schlachthof eine Konservenfabrik und eine Gemüsedörranstalt ein, um Lebensmittelvorräte für den Winter anzulegen.

Es fehlt am nötigsten, auch am Mehl. So ist der Brotbezug auf 14-täglich zwei Brote und 20 Brötchen pro Person begrenzt. War die Kriegsbegeisterung im August 1914 noch groß und die Mülheimer Zeitung titelte zum Kriegsbeginn am 2. August 1914: „Mit Gott für Kaiser und Reich. Der Herr segne die deutschen Waffen“! Doch 1917 schlägt die Stimmung im dritten Kriegsjahr um. Es kommt zu Hunger-Streiks und Protesten.

Obwohl der damalige Papst Benedikt XV. zum Frieden aufruft und auch im Deutschen Reichstag eine Mehrheit der Abgeordneten für einen raschen Verständigungsfrieden eintritt, kommt es nicht dazu.
Denn damals haben nicht die Politiker, sondern Kaiser Wilhelm II. und seine obersten Generäle Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff das Sagen. Sie halten an  ihrer unrealistischen Vision eines deutschen Siegfriedens mit umfangreichen Gebietsgewinnen fest.

Obwohl auch die Mülheimer Bevölkerung unter den Kriegsfolgen leidet und immer öfter Maisbrot und Steckrüben aufgetischt bekommt, bleibt vor allem Paul von Hindenburg sehr beliebt. Nach dem General, der 1914 russische Truppen aus Ostpreußen vertrieben hat,  benennen die Mülheimer 1916 eine ihrer Hauptstraßen. 17 Jahre später werden sie den Reichspräsidenten von Hindenburg zusammen mit dem von ihm ernannten Reichskanzler Adolf Hitler sogar zum Ehrenbürger der Stadt machen. Aus dem Notweg wird die Hindenburgstraße und erst 1949 die Friedrich-Ebert-Straße.

Anders, als die Zivilbevölkerung müssen die Generäle im Ersten Weltkrieg nicht hungern. Hamsterfahrten aufs Land, wie sie viele Ruhrstädter in diesen Kriegszeiten unternehmen müssen, um das Überleben ihrer Familien zu sichern, kennen sie nur vom Hörensagen. Eine Mülheimer „Hamsterfahrerin“ schreibt damals in den Vaterstädtischen Blättern: „Die Fahrt war beschwerlich und viel zu unergiebig. Auf den Feldern arbeiteten französische Kriegsgefangene. Man freute sich doch auch über das Wenige, das man bekommen hatte.“ Um den Hunger zu lindern, gehen die Stadtpfarrer aufs Land, um dort mit „Kartoffelpredigten“ die Herzen der Landbevölkerung für die hungernden Städter  zu öffnen.

Mit den Folgen des Krieges werden die Mülheimer auch konfrontiert, wenn sie am Garnisonslazarett an der Dimbeck vorbeikommen. Hier werden vor 100 Jahren die verwundeten Kriegsheimkehrer versorgt. 3500 Mülheimer Soldaten werden ihre Heimat nicht mehr wiedersehen. Sie fallen zwischen 1914 und 1918 auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges für Kaiser und Reich. Das Kaiserreich wird nach der deutschen Niederlage im November 1918 zur Republik. Ab 1919 dürfen auch die Mülheimerinnen erstmals wählen und gewählt werden. Doch viele der Soldaten des Mülheimer Infanterieregiments 159, die am 13. Dezember 1918 nach Mülheim zurückgekehrt sind, können sich mit der Kriegsniederlage nicht abfinden und schließen sich deshalb dem rechtsextremen und republikfeindlichen Freicorps  von Siegfried Schulz an.

Das Geld ihrer Kriegsanleihen sehen die Mülheimer nicht wieder. Der Krieg hat die Wirtschaft ruiniert. Hinzu kommen die Reparationsverpflichtungen des Versailler Friedensvertrages. Die Folge ist eine Hyperinflation, in der auch die Mülheimer ihre Ersparnisse verlieren. Der Erste Weltkrieg war furchtbar und der Frieden ist hart. Und 21 Jahre nach dem Ende des ersten beginnt der Zweite Weltkrieg. Wieder wird in Mülheim gehungert und gestorben, diesmal nicht für Kaiser und Reich, sondern für Führer und Reich. 

Dieser Text erschien am 12. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung