Montag, 14. Februar 2011

Vom Untergang einer kleinen Geschäftswelt: Vor 30 Jahren wurden die Bahnbögen an der Bahnstraße geöffnet



Der 30. und 31. Januar ist in meinem Kalender rot angestrichen", erzählt Familienforscherin Bärbel Essers. Dass das so ist, hat mit der Geschichte ihrer Familie zu tun. Denn am 30. und 31. Januar 1981 wurde das Geschäft ihrer Eltern am Bahnbogen 19 abgerissen. Mit diesem Abriss ging vor 30 Jahren eine lange Geschäftstradition unter den Bahnbögen an der Bahnstraße zu Ende. Denn als Gerhard Essers 1955 dort sein Geschäft für Angler- und Campingbedarf eröffnete, war er nicht der einzige Geschäftsmann, der unter den 1865 errichteten und 1866 als Eisenbahntrasse in Betrieb genommenen Bahnbögen sein Quartier aufgeschlagen hatte.
Seine 1961 geborene Tochter erinnert sich nicht nur an eine legendäre Pommesbude, eine Eisdiele und den Löschbogen, der damals noch wirklich unter dem Bahnbogen Bier und mehr ausschenkte und die traditionelle Stammkneipe der Marktleute war.


Als Essers noch ein Kind war, handelten ihre Nachbarn unter den Bahnbögen zum Beispiel mit Lederwaren, Obst und Gemüse, Kartoffeln, Kleidung und Futtermitteln oder sie verdienten ihr Geld zum Beispiel mit der Reparatur von Fahrrädern.


Wenn man den bunten Branchenmix unter den Bahnbögen betrachtet und sieht, wie die Bahnbögen heute aussehen, wundert man sich im Rückblick darüber, warum man in den 70er Jahren auf die Idee kam, die Bahnbögen zu öffnen und die dort ansässigen Geschäfte, Wohnungen und Lagerräume abzureißen. "Man war damals der Ansicht, dass die Bahnbögen mit ihren Geschäften ein verkehrshemmendes Bauwerk darstellen", erinnert sich Essers an den fortschrittsgläubigen und autogerechten Zeitgeist der 70er Jahre. "Treibende Kraft für das Projekt war der damalige Bürgermeister und Planungsausschussvorsitzende Gerd Müller", erinnert sich der heutige Stadtsprecher Volker Wiebels, dessen Eltern als begeisterte Camper zu den Stammkunden von Familie Essers gehörten.

Die zog bereits ein Jahr vor der Öffnung der Bögen 1980 mit ihrem Geschäft zur Auerstraße. Wer die alten Bilder von den belebten Bahnbögen betrachtet erkennt über einigen Geschäften auch Wohnräume.


Konnte man denn unter der Bahnstrecke überhaupt wohnen ohne taub zu werden? "Unsere 50 bis 60 Quadratmeter große Wohnung war sehr gut gedämmt und ausgebaut", erinnert sich Essers an ihre Kindheit unter der Eisenbahnbrücke. Die Vibrationen der Züge nahmen sie und ihre Eltern, im Gegensatz zu Gästen gar nicht mehr wahr. Und selbst ihre Lehrer, die sich bei einem Hausbesuch davon überzeugten, dass man auch unter dem Bahnbogen in aller Ruhe seine Hausaufgaben machen konnte, staunten über dem vergleichsweise großen Wohnkomfort.
Bei ihren Recherchen ist Essers auf einen Artikel aus dem Mülheimer Generalanzeiger vom 24. Juli 1905 gestoßen, der belegt, dass man schon damals über eine Öffnung der Bahnbögen nachdachte. Dort ist unter anderem zu lesen: "In der vor längerer Zeit durch die Spalten verschiedener Zeitungen gegangenen Polemik betreffend der Umgestaltung der hiesigen Bahnhofsverhältnisse wurde auch die Verlegung der Rheinischen Bahn und im Interesse der Verschönerung der Stadt durch Beseitigung der Eisenbahnbrücke und des Bahndammes gefordert."


Bereits 1890 dokumentiert ein Zeitungsbericht über einen Geschäftsbrand unter den Bahnbögen, das geschäftige Treiben an diesem Ort am Rande von Ruhr und Rathausmarkt. Und 1954 beschrieb die NRZ (siehe Kasten) die Wiederauferstehung der Ladenstraße unter den Bahnbögen. Doch in den 1970er Jahren, als mit dem Rhein-Ruhr-Zentrum und dem City Center erste Einkaufszentren und an der Schloßstraße eine Fußgängerzone entstand, erschien dieses alte Geschäftsquartier an der Bahn buchstäblich auf der Strecke zu bleiben und vom Zug der Zeit überrollt worden zu sein. Die Öffnung der Bahnbögen, die man mit Ranken, Bäumen und Blumenkübel aufhübschen wollte, begriff man damals als Teil der Innenstadterneuerung, in deren Zuge auch die Bahnstraße und ihre alten Gründerzeithäuser restauriert, umgebaut und erneuert wurden. Nach der Öffnung der Bahnbögen wurden 1982/83 Bahngleise für die heutige Straßenbahnlinie 102 verlegt, die inzwischen aber seit 13 Jahren unterirdisch durch den Ruhrtunnel fährt. In den 90er Jahren wurde dann noch einmal darüber diskutiert, ob man die Bahnbögen nicht wieder durch Geschäfte und Wohnungen beleben könne. Das verwarf man dann aber aus Kostengründen.


Klaus Beisiegel, der sich als Referent der Baudezernentin federführend mit dem Thema Ruhrbania beschäftigt, kann sich in diesem Zusammenhang auch an Vorschläge erinnern, die Bahnbögen als Kunst- und Kulturräume zu nutzen. Im Rahmen des Ruhrpromenaden-Baufeldes 3 gibt es, laut Beisiegel, Pläne ein Wohngebäude direkt an die Bahnbögen anzubauen, so dass man dieses Haus dann durch deren Torbögen betreten könnte, während die alte Bahntrasse dann zum Rad- und Fußweg würde.



Im April 1954 schreibt die Mülheimer NRZ: "Die unansehnlichen Bögen des Bahndammes in der Bahnstraße scheinen nun hübsch dekoriert zu werden. Den Anfang machte das Handarbeitsgeschäft Kunigunde Buschmann. Es richtet unter dem Torbogen 23 ein hübsches Ladenlokal ein. Die Stadt ist wieder sehr daran interessiert, eine sogenannte Ladenstraße anzulegen. Obwohl die Bahnbögen schon seit langem genutzt werden, geben sie als Verschläge und Werkstätten kein angenehmes Bild ab. Dass man daraus eine für das Stadtbild vorteilhafte Bahndammfront schaffen kann, ist nun zu beweisen. Und auch Nachahmer haben sich gefunden, so dass sich vielleicht über kurz oder lang das unschöne Gesicht des Bahndammes vollkommen wandeln wird."


Dieser Beitrag erschien am 31. Januar 2011 in der NRZ

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