Sonntag, 13. Februar 2011

Quo vadis Stadkirche? Quo vadis Priesteramt: Ein Gespräch mit Mülheims Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg, der seit 1971 Priester ist



Die katholische Kirche sucht sie, findet sie aber hierzulande immer seltener Priester. Im letzten Jahr wurde im Ruhrbistum nur ein Priester geweiht. 2011 werden es gerade mal zwei sein. Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg wurde vor 40 Jahren zum Priester geweiht. Für die NRZ sprach ich mit ihm über die Sonnen- und Schattenseiten eines Berufes, der für ihn bis heute Berufung und Traumberuf geblieben ist.


War das Priesteramt immer schon Ihr Traumberuf?
Nein. Ich wollte erst Theaterwissenschaftler und Regisseur werden, angeregt durch das Vorbild zweier Lehrer, die mit uns Theater gespielt und kreative Sachen gemacht haben.


Warum sind Sie dann doch Priester geworden?
Der Tick des Heiligen Geistes kam bei mir durch die besagten Lehrer und zwei Priester, die ich im Essener Münster kennen gelernt habe. Das waren Menschen, die ich nicht nur als fromm, sondern auch als kreativ erlebte und die mich darin bestärkten, dass ich ein Stück Berufung in mir haben könnte. Dieses Gefühl hat sich dann während meines Studiums verstärkt, in dem ich auch einen Chor für neue liturgische Musik aufbauen konnte.


Was begeistert Sie für Ihren Beruf?
Seine Vielschichtigkeit. Ich würde auch im Rückblick nicht behaupten, dass ich ein sehr frommer Mensch gewesen wäre, der seinen Hauptgenuss im Beten und Meditieren gefunden hätte. Mir hat es immer Freude gemacht, mich Menschen zuzuwenden und ihnen helfen zu können, aber auch mit ihnen die Freude am Glauben zu teilen und Feste zu feiern.


Was macht einen guten Priester aus?
Das Wichtigste ist, dass man sich für Menschen Zeit nimmt und ihnen zuhört. Das tut ihnen gut und macht mir Freude, auch wenn man an dem Leid, mit dem man als Priester konfrontiert wird, oft nicht viel ändern kann.


Haben Sie 1971 so etwas, wie Aufbruchstimmung erlebt?
Wir hatten ein enormes Selbstbewusstsein. Mit unserem Studium begann auch die Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils, das für eine Erneuerung der Kirche sorgte. "Wandelt euch durch neues Denken." Dieses Paulus-Wort war damals in aller Munde.


Erleben Sie Ihre Kirche heute im Abbruch?
Wir arbeiten in unserer Gemeinde derzeit an einem Pastoralplan, in dem wir auch der Frage nachgehen, wie kann kirchliches Leben in Zukunft organisiert werden. Zurzeit spüren wir noch keine Not. Denn wir haben für jede Gemeinde einen Pastor. Doch in fünf Jahren wird das schon anders aussehen und in 20 Jahren wird es in Mülheim nur noch eine Pfarrgemeinde geben, St. Mariae Geburt, in der sich alle katholischen Christen versammeln. Wir werden weniger Gläubige und damit auch weniger hauptamtliches Personal, weniger Kirchen und Gemeindehäuser haben.


Frustriert Sie diese Aussicht?
Wir müssen die Situation realistisch sehen, um keine falschen Erwartungen zu wecken und damit Frustration zu erzeugen. Mein Lebensprinzip ist es, in neuen Situationen immer wieder neue Antworten zu finden. Man darf nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen. Denn dabei geht nur der Kopf kaputt.

Was bedeutet das für die Kirche der Zukunft?
Die Kirche der Zukunft wird ganz anders sein als heute. Wir werden nicht mehr überall einen Pastor und eine Kirche haben. Die Laien werden einen Lernprozess durchmachen und künftig noch mehr Leitungsfunktionen in der Kirche übernehmen. Dann werden die Gottesdienstbesucher vielleicht die Kommunion für einen kranken Nachbarn selbst mitnehmen und es werden sich vielleicht auch mehr private Haus- und Bibelkreise gründen. Viele neue Formen von Kirche sind denkbar und nötig, ohne das man heute schon sagen könnte, wie diese Formen konkret aussehen.


Könnte die Aufhebung des Pflichtzölibates den Priestermangel beheben?
Es gibt sicher viele Priester, die den Zölibat nicht um des Zölibates Willen auf sich nehmen, sondern weil ihnen das Priesteramt und das Mittun in der Kirche etwas bedeuten. Der Kirche in Deutschland würde es sicher weiterhelfen, wenn man auch verheirateten Männern, die das wollen, den Zugang zum Priesteramt ermöglicht. Warum auch nicht? Aber das hätte Konsequenzen für die gesamte Weltkirche. Und das ist der Haken daran. Ich glaube aber auch, dass der Zölibat nicht ausschlaggebend dafür ist, dass sich heute nur wenige Männer zum Priesteramt berufen fühlen. Früher wurden Priesteramtskandidaten viel mehr von der Gesellschaft getragen und mussten sich nicht die Frage gefallen lassen: "Bist du verrückt?" Die jungen Männer, die aber trotzdem heute Priester werden, sind oft besonders fromm und würdig, Priester zu sein.


Weshalb kommt es dann zu Missbrauchsfällen und sexuellen Entgleisungen katholischer Priester?
Die größte Gefahr sehe ich in der Einsamkeit, wenn ein Priester sich in seiner Gemeinde nicht anerkannt, sondern isoliert und missverstanden fühlt. Dann besteht das Risiko, dass er sich die Anerkennung wo anders sucht und im Extremfall in kriminelle Entgleisungen abdriftet, die etwa in einen Missbrauch münden können. Oft ist es aber so, dass solche Priester sich ihre Anerkennung dann in einer Partnerschaft suchen und damit den Zölibat und ihr Amt aufgeben.


Zur Person: Der in Essen aufgewachsene Manfred von Schwartzenberg (66) wurde nach seinem Theologie- und Philosophiestudium in Münster, Bonn und Bochum am 15. Januar 1971 vom ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach in St. Engelbert zum Priester geweiht. Nach ersten Kaplansjahren in Gelsenkirchen, kam er 1976 als Kaplan und Stadtjugendseelsorger erstmals nach Mülheim, wo er bis 1982 in der Gemeinde St. Mariae Rosenkranz tätig war, ehe er für zehn Jahr als Militärseelsorger zur Bundeswehr wechselte. Doch 1992 kam er als Pfarrer von St. Barbara zurück nach Mülheim und übernahm 1993 für 15 Jahre zusätzlich das Amt des Stadtdechanten. Seit 2006 steht er an der Spitze der neuen Nord-Pfarrei St. Barbara, zu der neben St. Barbara (Dümpten) auch die Gemeinden St. Mariae Rosenkranz (Styrum), Christ König (Winkhausen) und St. Engelbert (Eppinghofen) mit insgesamt knapp 20 000 Seelen gehören. 2008 wurde von Schwartzenberg zum Ehrenstadtdechanten ernannt und im Jahr darauf für seine Verdienste als Seelsorger mit der Nikolaus-Groß-Medaille ausgezeichnet. Er hat das Libretto für ein Musical über den 1945 ermordeten Widerstandskämpfer Nikolaus Groß geschrieben, das seit 1998 von Gemeindemitgliedern aus St. Barbara fast 60 Mal aufgeführt worden ist.


Dieser Text erschien am 29. Januar 2011 in der NRZ

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