Mittwoch, 16. Februar 2011

Wie ein Mülheimer mit ägyptischen Wurzeln die Revolution am Nil erlebt: Ein Gespräch mit Adel Saliman


Wie sieht und erlebt ein Mülheimer mit ägyptischen Wurzeln die Revolution im Heimatland seines Vaters, das er selbst aus eigener Anschauung gut kennt. Darüber sprachen ich für die NRZ mit Adel Saliman.

Haben Sie die revolutionären Ereignisse in Ägypten überrascht?
Das hat mich auf jeden Fall überrascht. Das ist ja ein Prozess, der nicht von heute auf morgen entschieden wird. Der Gedanke musste erst mal aufgebaut und die Angst der Menschen überwunden werden. Das fing alles mit dem tunesischen Studenten an, der sich selbst verbrannt und damit geopfert hat. Als ich das sah, habe ich mir zwar gedacht, dass die Proteste auch auf Ägypten überschwappen könnten. Ich habe aber nicht vorausgesehen, dass die Proteste ein solches Ausmaß annehmen würden.

Haben Sie bei Ihren Besuchen in Ägypten und bei Gesprächen mit dort lebenden Verwandten und Freunden etwas von der Unzufriedenheit der Menschen und vom Unterdrückungsapparat des Mubarak-Regimes gespürt?
Diesen Unterdrückungsapparat habe ich selbst gespürt. Das war ein Militärregime. Die Unterdrückung war da. Immer wieder wurden Menschen unterdrückt und niedergemacht. Es gab Folter. Es gab Mord. Es gab Familien, deren Angehörige plötzlich für Wochen verschwunden waren. Überall gibt es von Stadt zu Stadt Militärkontrollpunkte. Ich bin einmal mit Freunden 500 Kilometer von Scharm El-Scheich nach Suez gefahren und auf dieser Strecke fünf Mal kontrolliert worden. Man wollte wissen: Was macht ihr? Woher kommt ihr und wohin wollt ihr? Und warum wollt ihr dort hin, wo ihr hin wollt? Das war beängstigend. Das ist ein Polizeistaat in jeglicher Form, in dem sich die Menschen nicht wohl fühlen, weil sie frei sein wollen.

Sind Sie selbst auch von staatlichen Sicherheitskräften drangsaliert worden?
Das Problem hatte ich selbst nicht, weil ich nicht wie ein Ägypter, sondern wie ein Ausländer aussehe. Deshalb haben sie mich immer in Ruhe gelassen.

Wie frei konnten Sie in Ägypten mit Menschen sprechen?
Mit meiner Familie konnte und kann ich über alles sprechen. Da brauche ich keine Angst zu haben, dass etwas ausgeplaudert wird. Aber nach außen musste man schon vorsichtig mit seinen Äußerungen sein. Es gibt da eine Geheimpolizei, die für den Präsidenten und nicht für dich arbeiten. Alles, was falsch gesagt wird, wird gegen dich verwandt. Man konnte zwar über Politik reden, hat aber manche Themen nicht so angesprochen, wie man es sollte. Man hat zum Beispiel nicht gesagt, dass der Präsident Unrecht tut. Unter Freunden hat man darüber geredet und jeder wusste, worum es geht, ohne es konkret auszusprechen. Denn die Angst war groß, morgen nicht mehr da zu sein.

Sehen Sie die Ereignisse in Ägypten anders, als der deutsche Fernsehzuschauer und Zeitungsleser ohne familiäre Verbindungen nach Ägypten?
Natürlich. Das ist ein Teil von mir, weil meine Familie dort lebt. Und es tut mir weh, zu sehen, dass die Menschen dort so viele Jahre Leid und Unrecht ertragen mussten und umso mehr freue ich mich jetzt darüber, was sie tun.Frage: Würden Sie sich in die Massenproteste einreihen?Antwort: Ich würde sofort mit auf die Straße gehen. Aber ich würde unterscheiden zwischen Gewalt und Demonstration. Die Eskalation der Gewalt ist nicht richtig, weil man damit nicht rüberbringt, was man will, nämlich ein friedliches Leben in einem demokratischen Sozialstaat und dass der jetzt noch amtierende Präsident auf eine faire Weise geht.

Im Westen haben viele Menschen Angst vor einer Machtübernahme durch die Moslembrüder. Wie sehen Sie die Zukunft Ägyptens?
Ich sehe das mit gemischten Gefühlen. Die Moslembrüder werden mit an die Macht kommen. Das bleibt gar nicht aus. Denn sie sind die stärkste Oppositionsgruppe in Ägypten. Gut ist, dass sie Mohammed El-Baradei akzeptieren. Denn das ist eine Person, die sich als ehemaliger Generalsekretär der Internationalen Atomenergiebehörde in der Welt auskennt. Er hat den Friedensnobelpreis bekommen und ist auf der politischen Ebene bekannt und kennt das internationale Recht. Dass die Moslembrüder so eine Persönlichkeit akzeptieren, deutet darauf hin, dass sie doch nicht so islamistisch sind, wie man vielleicht denkt. Sicher müssen sie sich in der Zusammenarbeit mit El-Baradei auf Kompromisse einlassen. Es wäre mein Wunsch, dass Ägypten ein Sozialstaat und eine Demokratie wird, in der alle Menschen frei und friedlich zusammenleben können, ohne Angst zu haben, etwas Falsches zu sagen.


Adel Saliman wurde vor 34 Jahren als Sohn eines ägyptischen Vaters und einer deutschen Mutter in Mülheim geboren. Als Adel (Dieser Name bedeutet: Der Schlichter) fünf Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Suez, wo der Vater als Bauzeichner sechs Jahre lang für britische und amerikanische Firmen arbeitete. Danach kehrte die Familie nach Mülheim zurück.Doch Saliman, der inzwischen beim zentralen Außendienst des Ordnungsamtes arbeitet, bewahrte sich einen engen Kontakt zum Heimatland seines Vaters, indem er jedes Jahr für mehrere Wochen seine in Suez und Alexandria lebenden Verwandten besucht. Außerdem lebt auch seine Schwester, die mit einem Ägypter verheiratet ist, inzwischen wieder in der Heimat des Vaters.Nach Angaben der Stadtforschung lebten in Mülheim Ende 2010 72 ägyptische Staatsbürger

Dieser Text erschien am 9. Februar 2011 in der NRZ

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