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Donnerstag, 24. Januar 2019

Begegnung mit Tersteegen


Wie aktuell Gerhard Tersteegen doch ist. Die Tersteegens Texte und Ulrich Kellermanns Erläuterungen lesende Schauspielerin Maria Neumann, die Sopranistinnen Gela Brinckenstedt und Clementine Jedinsky und die Instrumentalisten Gijs Burger (Orgel) und Katja Dolainsky (Viola da Gamba) zeigten es ihren Zuhörern am Montagabend in der leider nur mäßig besuchten Petrikirche.

Der Abend, der den am 3. April 1769 in Mülheim verstorbenen Dichter, Seelsorger und Naturheilpraktiker Tersteegen lebendig werden ließ, war ein geistliches und sinnliches Erlebnis. Natürlich fehlten Tersteegens vertonte und weltberühmten Gedichtzeilen: „Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart“ und: „Gott ist gegenwärtig“ nicht. Doch nicht nur die musikalischen Darbietungen waren hörenswert, auch die Musikalität, mit der die Schauspielerin aus dem Ensemble des Theaters an der Ruhr Tersteegens Zeilen vortrug, zog ihre Zuhörer ins Tersteegens Denkens und Leben hinein.

Wer den poetischen Zeilen des 1697 in Moers geborenen Gerhard Tersteegen folgte, in denen er über die Scheinheiligkeit seiner sich christlich nennenden Mitmenschen, über die unendliche Liebe und Vergebungsbereitschaft Gottes und über die Kraftquelle der Stille in einer lärmenden Welt nachdachte, der musste dem Superintendenten des evangelischen Kirchenkreises Gerald Hillebrand zustimmen. Hillebrand sagte mit Blick auf die nun begonnene Veranstaltungsreihe zu Tersteegens 250. Todestag: „Es ist gut, wenn wir jetzt Tersteegen neu entdecken, den wir viel zu lange haben links liegen lassen. Denn er hat uns mit seiner Spiritualität auch heute noch viel zu sagen.“ 

Dieser Text erschien am 23. Januar 2019 in NRZ/WAZ

Sonntag, 2. April 2017

Ansichten eines Schäfchens

"Komm uns bloß nicht mit einem Protestanten nach Hause!“ Diesen Satz musste sich meine katholische Großmutter noch von ihren Eltern anhören. Dabei hatte sie zunächst einen evangelischen Freund, den sie gerne geheiratet hätte. Doch zu ihrer Zeit war Ökumene ein Fremdwort.

Deshalb hätte Großmutter sicher gestaunt, wenn sie bei der Verabschiedung des evangelischen Superintendenten Helmut Hitzbleck seinen katholischen Amtsbruder, Stadtdechant Michael Janßen, als einen der Laudatoren erlebt hätte, der sich nicht nur freundschaftlich über den scheidenden Chef der evangelischen Stadtkirche, sondern auch lobend über die ökumenischen Fortschritte äußerte.

Vielleicht hätte sich Großmutter dann über die Ungnade ihrer frühen Geburt beklagt. Doch wenn sie dann Janßens Appell gehört hätte,  dass es 54 Jahre nach dem Wunsch des Konzils-Papstes Johannes XXIII. „Alle Christen sollen eins werden“ im 500. Reformationsjahr  2017 doch Zeit für weitere ökumenische Fortschritte sei, hätte sie eingesehen:  Es bleibt dabei, wenn es um Posten, Positionen und Portemonnaies geht, bleibt der Fortschritt eine Schnecke.

Dieser Text erschien am 1. April 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 24. Mai 2016

"Die Alterspyramide sieht nicht gut aus": Drei Fragen an den Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde, Alexander Drehmann

Alexander Drehmann
Wie wirkt sich der demografische Wandel auf Ihre Gemeinde aus, die insgesamt 2565 Mitglieder hat, davon 900 in Mülheim?

Negativ, die Alterspyramide sieht nicht gut aus. Die Mitglieder werden immer älter, mit zu wenig Nachwuchs.

Was sehen Sie als die größte Herausforderung an?

Die Sicherheitssituation und der wachsende Antisemitismus, die Betreuung ältere Gemeindemitglieder,die Bindung an die Gemeinde sind mit Abstand die wichtigsten Herausforderungen

Gibt es auch in der jüdischen Gemeinde einen Trend zur Säkularisierung und welchen Beitrag kann und will die Gemeinde für die künftige Stadtgesellschaft leisten?

Hinsichtlich der Säkularisierungstendenzen, die man in unserer Gesellschaft beobachten kann, sind wir mit anderen Kirchen vergleichbar. Wir können als jüdische Gemeinde unsere Stadtgesellschaft, die immer multikultureller wird, zum Beispiel mit für Menschen aller Religionen offenen Kultur- und Vortragsveranstaltungen bereichern. Solche Veranstaltungen zeigen, dass alle Religionen voneinander lernen können

Dieser Text erschien am 14. Mai 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 22. Mai 2016

Kleiner, ärmer, aber nicht unbedingt schlechter: Wie aktive Christen die Zukunft ihrer Kirche sehen

Neue Wege, neues Logo: Pfarrer Pater Josef Prinz, Verwaltungsleiterin
Anneliese Rakowski und der Pfarrgemeinderatsvorsitzende von
St. Mariä Himmelfahrt, Manuel Gatz
Am morgigen Sonntag will die Evangelische Kirche mit einem großen Pfingstfest begeistern. Pfingsten gilt als das Fest der Aussendung des heiligen Geistes und damit als Gründungsfest der christlichen Kirchen. Doch viele Menschen sind heute nicht mehr begeistert von den christlichen Kirchen und ihrer Frohen Botschaft. Die Kirchen schrumpfen aus demografischen Gründen, aber auch weil viele ihrer Mitglieder bewusst austreten und nur wenige den Weg zurückfinden.

„Wir sind von der Volkskirche zur Kirche im Volk geworden“, sagt Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck. Kirchen werden aufgegeben, verkauft oder umgewandelt. Gemeinden müssen fusionieren. Aktuell befinden sich die drei katholischen Pfarrgemeinden in einem Pfarrentwicklungsprozess, der sich damit beschäftigt, wie das kirchliche Leben im Jahr 2030 aussehen kann, wenn man mit nur noch 56 Prozent der heutigen Mitgliederzahl und mit der Hälfte der heutigen Kirchensteuereinnahmen rechnen kann.

Johannes Kretschmann, Gemeinderatvorsitzender von St. Joseph und stellvertretender Pfarrgemeinderatsvorsitzender von St. Mariae Geburt, gibt sich keinen Illusionen hin, wenn er in die Zukunft schaut: „Ich gehe davon aus, dass der Schrumpfungsprozess und die Glaubenserosion noch eine geraume Zeit Hand in Hand weiter voranschreiten werden. Sie bedingen sich jeweils gegenseitig. In der Arbeit vor Ort zeigt sich, dass religiöses Wissen und die Bereitschaft, sich mit Fragen des Glaubens auseinanderzusetzen, an den Rändern besonders schwach ausgeprägt ist. Hier ist auch der Schrumpfungsprozess am stärksten zu beobachten.“

Kretschmann geht also davon aus, dass die Kirchen immer stärker auf einen harten Kern überzeugter und aktiver Christen schrumpfen werden. Aber wie können die, die bleiben, die Kirche wieder anziehungsfähig machen?

Der evangelische Pfarrer Michael Manz aus Styrum und der katholische Gemeinderatsvorsitzende Manuel Gatz aus der Saarner Gemeinde St. Mariae Himmelfahrt sind sich einig: „Die Kirche hat nur eine Zukunft, wenn wir als Christen durch unser Vorbild überzeugen, in dem wir nicht aufgeben, sondern auftreten und auch über unseren Glauben sprechen.“

Auch wenn die Kirche der Zukunft vielleicht kleiner und ärmer sein werde, mahnt Manz zur Gelassenheit. „Wir dürfen nicht an alten Strukturen festhalten, wenn diese nicht mehr zeitgemäß sind. Wir müssen eine Sprache sprechen, die jeder verstehen kann, helfen, wo wir Not sehen und Orte der Begegnung schaffen, an denen Menschen erfahren können, das der christliche Glaube etwas mit ihrem Leben zu tun hat und ihnen gut tut.“

Sein katholischer Amtsbruder Pater Josef Prinz aus St. Mariä Himmelfahrt warnt angesichts der rückläufigen Kirchensteuereinnahmen davor, „in einen kontraproduktiven Zentralismus zu verfallen“. Prinz meint: „Man muss genau hinschauen und funktionierende Gruppen und Initiativen erhalten, statt sie einem Sparzwang zu opfern.“ Er geht von einer Kirche aus, in der die Laien auch in der Seelsorge und in der Verkündigung immer mehr Aufgaben übernehmen und sich nicht mehr alles um die Person des Pfarrers drehen wird, weil der nur noch größere Pfarreien mit mehreren kleinen Teil- und Basisgemeinden betreuen werden kann.

Katrin Schirmer, evangelische Pfarrerin in Speldorf, hat keine Angst vor kleineren und weniger finanzstarken Gemeinden, weil sie als junge Pfarrerin solche Gemeinden in den USA kennengelernt hat. „Diese Gemeinden sind kleiner und haben auch keine Kirchensteuereinnahmen, dafür sind ihre Gemeindemitglieder aber aktiver und auch menschlich enger miteinander verbunden“, erinnert sich Schirmer. Die Gemeinden der Zukunft sieht sie als kleiner, aber aktiver. Es könnten Gemeinden sein, die weniger von institutionellen Strukturen. als durch nachbarschaftliche Netzwerke und Eigeninitiativen zur Hilfe und Selbsthilfe geprägt sein werden. Gemeinderat Kretschmann ist überzeugt: „Glaube und Religion werden nie verschwinden.“

Dieser Text erschien am 14. Mai 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 27. März 2016

Weil der Glauben stark macht: Warum sich Jonas Seeger (14) und George Allotey (41) taufen lassen

Das Taufbecken von St. Mariae Geburt
Können Sie sich noch an Ihre Taufe erinnern? Wahrscheinlich nicht. Denn wie die meisten Christen werden Sie als Baby getauft worden sein. Jonas Seeger und George Allotey haben es da besser. Der 14-jährige Schüler und der 41-jährige Fachmann für Systemgastronomie stehen kurz vor ihrer Taufe. Ostern ist neben Pfingsten ein besonders beliebter Tauftermin.

Was motiviert den Schüler aus Speldorf und den Wirtschaftswissenschaftler aus Dümpten zu diesem Schritt, zumal in einer Zeit, in der viele Menschen ihre Kinder gar nicht mehr taufen lassen oder selbst als getaufte Christen ihre Kirche verlassen?

„Meine Eltern sind beide aus der Kirche ausgetreten und haben mich als Baby nicht taufen lassen. Das finde ich gut, weil ich mich so selbst für die Taufe entscheiden konnte“, erzählt Jonas Seeger. Obwohl seine Eltern der Kirche nicht mehr angehören und er nicht getauft war, haben seine Eltern und er doch zumindest einmal im Jahr zu Weihnachten die Lutherkirche an der Duisburger Straße besucht.

Das hat Jonas beeindruckt: „Ich kenne viele ältere Menschen, die regelmäßig in den Gottesdienst gehen, weil ihnen der Glaube Kraft gibt und irgendwann hatte ich das Gefühl, da muss was dran sein“, berichtet Seeger. Die Teilnahme am interreligiösen Unterricht der Gustav-Heinemann-Schule und die damit verbundenen Gespräche und Diskussionen haben sein Interesse an der christlichen Religion geweckt. Und als Pfarrerin Katrin Schirmer ihn Weihnachten 2015 fragte, ob er sich taufen und konfirmieren lassen wollte, sagte er Ja. „Religion kann einem Kraft und Motivation geben“, meint er. Und die Erfahrungen seines Konfirmandenunterrichtes haben ihn darin bestärkt, dass die evangelische Kirchengemeinde Speldorf eine starke Gemeinschaft ist, der er angehören möchte.

Anders als Jonas Seeger hat der in Kamerun geborene und seit 2001 in Deutschland lebende George Allotey die Erziehung eines christlichen Elternhauses und anschließend die Ausbildung an katholischen Schulen und Hochschulen erlebt. Doch weil seine Eltern unterschiedlichen protestantischen Kirchen angehörten, konnten sie sich nicht einigen, welcher Kirche ihr Sohn angehören sollte. Das sieht Allotey im Rückblick als einen Segen an. Denn so konnte er unterschiedliche Religionen und Konfessionen kennenlernen. Der Vater von drei Kindern, die alle katholisch getauft sind, hat im Laufe der Jahre viel gelesen und mit Menschen gesprochen, die ihn religiös inspiriert haben.

Wie Jonas Seeger hat auch George Allotey sich mit Christentum, Judentum und Islam auseinandergesetzt, ehe er sich selbst für die katholische Konfession des Christentums entschieden hat. „Die katholische Kirche ist die älteste christliche Gemeinschaft und hat die größte Kontinuität. Und trotz all ihrer Fehler tut sie doch sehr viel für die Menschen, ob im sozialen Bereich, in der Bildung oder in der Seelsorge“, erklärt Allotey seine Entscheidung. Wie Jonas Seeger ist George Allotey davon überzeugt, dass ein nicht dogmatisches, sondern tolerantes Christentum gerade in schwierigen Zeiten in einer offenen und multikulturellen Gesellschaft integrierend sowie Sinn und Werte stiftend wirken kann.

Besonders freut sich George Allotey darauf, dass seine elfjährige Tochter Silo Prudence und sein neunjähriger Sohn Solo Emmanuel seine österliche Taufe in Sankt Barbara als Messdiener begleiten werden. Auch ihnen will er ein gutes Vorbild sein.



Dieser Text erschien am 26. März 2016 in der NRZ und in der WAZ

Dienstag, 13. Oktober 2015

„Zerbruch kann heilen“ - Wolfgang Reinhardt und seine Frau Denise Uwimana berichten bei den Bibeltagen über ihre Versöhnungs- und Aufbauarbeit in Ruanda


Im Gespräch: Moderator Herbert Großarth
und das Ehepaar Uwimana-Reinhardt.
„Der Geist des Herrn ist über mir. Darum, dass mich der Herr gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, den Gefangenen die Freiheit zu verkünden und den Gebundenen, dass ihnen die Tür geöffnet werde.“ Ein Text aus dem Alten Testament (Jesaia 61 1-5) wird plötzlich ganz aktuell und auch die Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5 3-16) Jesu: „Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“, hört sich plötzlich ganz aktuell an.

Wolfgang Reinhardt und seine aus Ruanda stammende Frau Denise Uwimana berichten bei den Bibeltagen im Altenhof über ihre Aufbau- und Versöhnungsarbeit im ostafrikanischen Land der 1000 Hügel und verbinden das mit einer Bibelarbeit. Er hat lange als Pfarrer im Ruhrgebiet gearbeitet und sie hat als Frau aus dem Volk der Tutsi 1994 den von den Hutus verübten Völkermord überlebt. Denise Uwimana hatte ihren ersten Ehemann während des Völkermordes verloren und Wolfgang Reinhardt kam in den 90er Jahren nach Ruanda, um über die Ursachen und Folgen des Völkermordes zu forschen.

„In 100 Tagen wurden eine Million Menschen ermordet“, nennt Reinhardt unglaublichen Zahlen des Genuzids, den die Vereinten Nationen damals nicht verhindern konnten. „Niemand hat Stopp gesagt, auch die Pastöre nicht“, erinnert sich Denise Uwimana. Unglaublich grausam auch, was sie aus dem blutigen Frühjahr 1994 berichtet. 500.000 Frauen wurden vergewaltigt. Viele Mütter mussten zusehen, wie ihre Männer und Kinder brutal gefoltert und ermordet wurden.

Besonders bewegend ist ihr Bericht über eine Witwe, die sich mit dem Mörder ihres Mannes und ihrer Familie ausgesöhnt hat und heute auf seine bedingungslose Unterstützung rechnen kann, wenn sie mit den Witwen und Waisen, die sie bei sich aufgenommen hat, wie in einer neuen Familie zusammenlebt. „Wir sind heute, füreinander, wie Mutter und Sohn und helfen uns gegenseitig, wo wir können“, sagt der der Mörder ihrer Familie. Auch Denise Uwimana hat den Mördern ihres Mannes und ihrer Angehörigen öffentlich vergeben und zusammen mit ihrem heutigen Ehemann den gemeinnützigen Verein Iriba Shalom International („Quelle des Friedens und des Wohlseins für alle Nationen“) ins Leben gerufen. Ihr gemeinsames Ziel: Der Aufbau eines Multifunktionszentrums, das im kommenden Jahr fertiggestellt werden soll. Dort soll ihre schon jetzt geleistete Versöhnungs- und Aufbauarbeit institutionalisiert werden. Es geht ihnen um Seelsorge, um soziale und psychologische Hilfe, um wirtschaftliche Starthilfe durch Kleinkredite und um Bildung durch Schul- und Ausbildungspatenschaften. Deshalb reist das Ehepaar, das heute in Kassel zu Hause ist, nicht nur durch Ruanda, sondern auch durch Deutschland, um Hilfe zu geben und um Hilfe zu bitten.

„Woher nehmen Sie die Kraft?“ fragt nicht nur Moderator Herbert Großarth, sondern auch so mancher der rund 400 Zuhörer im Altenhof. Denise Uwimana, die in einer christlichen Familie aufgewachsen und geprägt worden ist, berichtet „von der Kraft des Gebetes“ und von dem Gefühl, „dass Gott mich auch im größten Grauen beschützt hat, damit ich überlebe und berichten kann, was geschehen ist und damit ich Menschen ermutigen kann, sich zu vergeben und zu versöhnen und trotz Tod und Leid an Gott zu glauben und auf ihn vertrauen.“

Ihr Mann Wolfgang Reinhardt kommt in seiner aktuellen Bibelarbeit zu dem Ergebnis: „Zerbruch tut weh. Aber Zerbruch kann auch heilen, weil Versöhnung und Vergebung möglich und notwendig sind, um neue Kräfte des Lebens und der Liebe freizusetzen.“ Für ihn steht fest, dass Ruanda 21 Jahre nach dem Völkermord auch für aktuelle Krisen- und Kriegsgebiete der Welt zum Vorbild werden kann. (Thomas Emons)

INFO: Wer die Arbeit von Iriba Shalom International unterstützen oder mehr darüber erfahren möchte, erreicht Denise Uwimana-Reinhardt (Heinrich-Schütz-Allee 287) in 34134 Kassel unter der Rufnummer 0561-45007310 oder per E-Mail an: sakinadenise@gmx.de

Dieser Text erschien am 3. Oktober 2015 im Neuen Ruhrwort

Sonntag, 20. September 2015

Offene Kirche in St. Marien: Ein Beispiel für liturgische Selbsthilfe in der Nachbarstadt Oberhausen


„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Diesem Versprechen Jesu folgten Gemeindemitglieder aus Sankt Marien-Rothebusch auch in den vergangenen drei Jahren. Immer wieder sonntags, lud ein Liturgiekreis, um 11.15 Uhr zur Offenen Kirche in Sankt Marien. Denn nach der Versetzung von Pastor Arnold Jentsch war der gewohnte Sonntagsgottesdienst nicht mehr möglich.

So machten 15 Gemeindemitglieder aus der Not eine Tugend und ließen sich beim Katholischen Bildungswerk zur Wortgottesdienstleitern ausbilden, um den Gemeindemitgliedern, die sich am Sonntag in ihrer Kirche treffen und dort gemeinsam beten wollten, eine Alternative anbieten zu können.
„Auch wenn wir weiterhin einen Samstagabend-Gottesdienst hatten, gab es in der Gemeinde ein starkes Bedürfnis, sich auch am Sonntag in der Kirche versammeln zu können“, erinnert sich Mitinitiatorin Rafaela Schmitz, die schon vor der Offenen Kirche als Kommunionhelferin, Wortgottesdienstleiterin, Chormitglied und Katechetin in ihrer Gemeinde aktiv war. Zwischen 40 und 80 Besucher zeigten, dass die Offene Kirche am Sonntag angenommen wurde. Es begann mit einem offenen Sonntagsgebet in St. Marien, zu dem Gemeindereferent Volker Schlünkes einlud.

Doch was von den engagierten Laien im Sinne eines schon vom II. Vatikanischen Konzil gewollten Priestertums aller Laien gut gemeint war, war beim Bistum unerwünscht. Dort sah man die liturgische Selbsthilfe der Gemeinde vor allem als unerwünschte Konkurrenz zu den regulären Gottesdiensten in den Nachbargemeinden St. Pankratius, St. Franziskus, St. Antonius und St. Josef.

Allen hauptamtlichen Mitarbeitern der Pfarrgemeinde wurde die Teilnahme an der Offenen Kirche verboten und deren Initiatoren so in einen Gewissenskonflikt gestürzt. „Dabei wollten wir alles richtig machen und haben uns bei der Gestaltung der Offenen Kirche immer streng am liturgischen Kalender des Kirchenjahres orientiert“, versichert Rafaela Schmitz. Auch wenn der gottesdienstfreie Sonntag in St. Marien-Rothebusch jetzt der Vergangenheit angehört, weil ab dem kommenden Sonntag, jeweils um 11.30 Uhr, wieder eine von einem Priester zelebrierte Heilige Messe angeboten wird, sagt Schmitz im Rückblick auf die Offene Kirche: „Im Grunde konnte unserer Gemeinde nichts besseres passieren, weil die gemeinsame liturgische und musikalische Gestaltung der Offenen Kirche Gemeindemitglieder aus allen Generationen aktiviert und zusammengebracht hat.“

Und so sprach der Gemeinderatsvorsitzende von St. Marien-Rothebusch, Ralf de Vys wohl vielen Gemeindemitgliedern, aus dem Herzen, als er bei der vorerst letzten Offenen Kirche am vergangenen Sonntag sagte: „Es ist uns daran gelegen, den Liturgiekreis mit seinen Fähigkeiten weiterhin in unserer Gemeinde einzusetzen. Wir bedanken uns für euer Engagement und für die vielen Offenen Kirchen, die wir gemeinsam erleben durften. Wir bedanken uns dafür, dass ihr mitgeholfen habt, unsere Kirche lebendig zu erhalten.“
Dieser Text erschien im August 2015 im Neuen Ruhrwort

Sonntag, 9. August 2015

Wie ein Zelt gebaut: 50 Jahre Johanniskirche

Der 48 Meter hohe Turm der Johanniskirche

Der pensionierte Pfarrer Helmut Kämpgen und die Eheleute Anke und Ingo Spieker haben Bilder und Texte zusammen getragen, die nicht nur 50 Jahre Johanniskirche Revue passieren lassen. Was dem Betrachters auffällt, ist der Bildvergleich zwischen der heutigen Johanniskirche und ihrer Vorgängerin. Die sah, wie eine Burg auf dem Berge aus, ehe sie im 2. Weltkrieg ein Opfer der Bomben wurde. Was für ein Unterschied zur heutigen Johanniskirche, die seit 1965 auf der Anhöhe an der Aktienstraße 136 steht und 1985 durch ein Gemeindezentrum komplettiert wurde. „Der schlichte Kirchenbau der Architekten Heido Stumpf und Peter Voigtländer erinnert an ein Zelt. Das Zelt steht für das durch die Zeit wandernde Gottesvolk“, sagt Pfarrerin Dagmar Tietsch-Lipski.
Kirche auf dem Weg und in Bewegung! Dass passt auch 50 Jahre nach der Einweihung der Johanniskirche in die Zeit. Tietsch-Lipski hat den Wandel der Kirche selbst erlebt. Als sie 1986 als Pfarrerin in die Gemeinde kam, kümmerten sich drei bis vier Pfarrer um 10 000 Gemeindemitglieder. Heute ist sie allein für 3400 Gemeindemitglieder zuständig, die seit 2011 zur Lukasgemeinde gehören. Manchmal wird die Seelsorgerin von ihrer Kollegin Esther Kocherscheidt unterstützt. Damals waren Taufe, Konfirmation, kirchliche Trauung und kirchliche Bestattungen so selbstverständlich, wie das Amen in der Kirche. Heute sind sie es nicht mehr. Allein 2014 verließen 

675 evangelische Christen ihre Kirche. Immerhin 120 neue Kirchenmitglieder kamen dazu.
Das lässt nicht nur Dagmar Tietsch-Lipski hoffen, dass ihre Kirche vielleicht an Quantität, aber nicht an Qualität verliert. „Auch heute müssen wir als Kirche Salz der Erde und Licht der Welt sein“, zitiert sie die Bergpredigt Jesu. Konkret bedeutet das für Tietsch-Lipski, als Seelsorgerin und frohe Botschafterin mit den Glaubensgeschwistern in der Gemeinde „offen und einladend für Menschen da zu sein, auch für Menschen mit einer schrägen Biografie, die sonst vielleicht gar keinen Raum in unserer Leistungsgesellschaft haben.“

Auch wenn heute viele Menschen an der Kirche und am christlichen Glauben zweifeln, macht Tietsch-Lipski täglich die Erfahrung, „dass Menschen auch heute ein tiefes Bedürfnis an Seelsorge, Spiritualität, Lebenssinn und Gemeinschaft haben.“ Das können sie in der Johanniskirche und ihrem Gemeindezentrum erleben, etwa im Abendkreis, in der Jugendgruppe, im Frauen- und Seniorenkreis, im Gemeindechor Good News oder bei Gottesdiensten und Konzerten.

Weihnachten oder bei Konzerten ist die Johanniskirche, die maximal 450 Menschen Platz bietet, voll besetzt. Doch zu normalen Sonntagsgottesdiensten kommen in der Regel maximal 80 Besucher. „Wir müssen uns künftig vielleicht von reinen Ortsgemeinden hin zu Personal- und Projektgemeinden entwickeln“, denkt Tietsch-Lipski über die Zukunft der Kirche nach. Auch Ferienspiele oder Bildungsveranstaltungen für alle Generationen, wie sie im Gemeindezentrum stattfinden, gehören für sie zum Bestandteil des kirchlichen Gemeindelebens. Auch wenn sich ihr Gemeindebezirk aus finanziellen Gründen und mangels Masse von einem Jugendhaus trennen musste und demnächst die Trägerschaft des Gemeindekindergartens in andere Hände legen wird, sieht Tietsch-Lipski die Kirche und ihre Frohe Botschaft als gesellschaftlich unverzichtbar an. Sie hält es mit Henry Ford III. Er war einer von 39 Prominenten, die 1965 auf Bitten der Gemeinde die Frage beantwortet, ob es heute noch Sinn mache, Kirchen zu bauen. Ford schrieb damals: „Gewiss ist der Tag noch nicht da, und ich hoffe, dass er niemals kommt, an dem freie Menschen unwillig oder unfähig sind, eine Gebäude zur Ehre Gottes errichtet zu sehen.“

Dieser Text erschien am 31. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 28. April 2014

Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies: Rückschau auf die August-Macke-Ausstellung des Mülheimer Kunstmuseums Alte Post

„Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies.“ Unter diesem verheißungsvollen Titel präsentiert das städtische Kunstmuseum Alte Post noch bis zum 27. April Bilder des rheinischen Expressionisten August Macke und einige seiner künstlerischen Zeitgenossen und Wegbegleiter zeigt. Auch 100 Jahre, nachdem Macke mit gerade mal 27 Jahren als Soldat im Ersten Weltkrieg gefallen ist, fasziniert er viele kunstinteressierte Menschen. Weit mehr als 30.000 Besucher, die seit Anfang Februar 70 seiner insgesamt mehr als 500 Gemälde sehen wollten, sprechen für sich.

Warum steht Macke bei Kunstfreunden auch heute hoch im Kurs? Die Kunsthistorikerin Beate Reese, die das Kunstmuseum Alte Post seit 2009 leitet und damit auch für die aktuelle Ausstellung verantwortlich zeichnet, erklärt das unter anderem so. „Macke spricht menschliche Grundbedürfnisse und Werte an, etwa das Grundbedürfnis nach Harmonie und Schönheit, nach Freiräumen, aber auch nach Liebe und Geborgenheit. Die Geborgenheit in einem vertrauten familiären Umfeld ist für ihn ein ganz wichtiges Thema.“ Macke selbst hat diese Geborgenheit und Stabilität in der Ehe mit der Fabrikantentochter Elisabeth Gerhardt gefunden, mit der er zwei Söhne hatte. Nicht von ungefähr hat er seine Frau mehr als 200 mal portraitiert. Sein 1910 gemaltes und unvollendet gebliebenes Gemälde Mutter mit Kind gewährt ebenso Einblick in sein Familienleben und erinnert an Maria und das Jesuskind.

Auch wenn Macke kein explizit religiöser Maler war, setzte er sich mit dem Thema Religion auseinander und war, wie seine Künstlerfreunde davon überzeugt, das Kunst eine eigene Spiritualität habe. „Für Macke und die rheinischen Expressionisten hat Kunst die Aufgabe, eine eigene Wirklichkeit und Geistigkeit zum Ausdruck zu bringen, die sich auch von der rein sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit ablöst und nach dem Wesen der Dinge sucht,“ betont Reese. Der Garten, in dem der Mensch ganz bei sich sein und sich an der Vielfalt der Schöpfung erbauen kann, ist in Mackes Werk ein immer wiederkehrendes Motiv. Hier setzt er seine Vorstellung vom Paradies, die ihn seit seiner Jugend faszinierte, ins Bild. „Es geht mir darum, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies ausdrücken“, schreibt er 1905 an seine spätere Frau Elisabeth. Und 1913 unterstreicht er in einem Brief an seinen Gönner, Elisabeths Onkel Bernhard Koehler: „Das Arbeit ist für mich ein Durchfreuen der Natur und das Kunstwerk ein Gesang auf die Schönheit der Dinge.“ Sein Bild vom Paradies sieht Macke als Kontrapunkt zu einer zunehmend technisierten und industrialisierten Welt. Den Menschen im Spannungsfeld zwischen christlicher Tradition und technisierter und ökonomisierter Gegenwart malt er um 1910 auch, als er den Turm des altehrwürdigen Freiburger Münsters mit dem Gerüst eines Strommastes konfrontiert. Menschen flanieren an beiden Bauwerken vorbei, schauen auf das Stadtpanorama oder in die Auslagen der Geschäfte und bewegen sich so zwischen Vergangenheit und Moderne.
Sehr konkret und biblisch wird Mackes Bild vom Paradies in einem extrem hochformatigen Paradies-Fresko, das er zwischen 1910 und 1912 mit seinem Malerfreund Franz Marc geschaffen hat und das in der Mülheimer Ausstellung als Reproduktion zu sehen ist. Macke und Marc malen das Paradies ohne Schlange und Apfel, zeigen Adam und Eva im Einklang mit der Schöpfung und dem Schöpfer. Ein am Bildrand angedeuteter arabischer Reiter ist ein Ausfluss von Mackes Nordafrikareise und unterstreicht seine von Universalität und auch Exotik geprägte Paradiesvorstellung. Es ist ein Paradies ohne Sündenfall und Vertreibung.

„Vor dem Ersten Weltkrieg sind Paradiesvorstellungen weit verbreitet . Die Expressionisten malen die Sehnsucht nach unberührter Natur und das harmonische Zusammenleben von Mensch und Natur, das von gesellschaftlichen Zwängen befreit ist“, sagt Reese und macht damit deutlich, wie sehr der widersprüchliche Zeitgeist Mackes auch der unsere ist. Und wie Macke sind auch wir auf einer Lebensreise, die uns zuweilen in stürmische Gewässer bringt. Dieses Bild der Lebensreise, auf der wir nicht zuletzt mit Gottvertrauen unseren eignen Lebensweg und unsere eigene Balance finden müssen, sehen wir in Mackes „Seiltänzer“, aber auch in seinem Gemälde „Jesus im Nachen“ wieder, der uns den schlafenden Jesus auf dem stürmischen See Genezareth vor Augen führt, der mit im Sturm der Gezeiten Ruhe, Sicherheit und Vertrauen ausstrahlt und damit einen Kontrapunkt zu seinen hektisch mit den Segeln ihres Fischerbootes hantierenden Jüngern setzt.

Am Ende zeigt uns die Mülheimer Macke-Ausstellung, die mit Bildern von Franz Marc, Otto Pankok und Heinrich Campendonk auch Einblicke in die Kunst des Ersten Weltkrieges liefert, dass auch August Macke ein Kind seiner Zeit und ihrer Widersprüche war. Als Mensch sehnte er sich nach Liebe, Harmonie und Geborgenheit. Als Maler schätzte er seine französischen Kollegen und ließ sich gerne von ihnen inspirieren. Dennoch ließ er sich im August 1914 von der Kriegsbegeisterung mitreißen und kämpfte als deutscher Soldat an der Front in Frankreich.
 „Und wenn man sieht, wie gerne alle gehen, das ist herrlich. Und an sich selbst darf man unter den Millionen gar nicht denken, nur an das Land, das gerettet wird“, schreibt Elisabeth Macke damals voller Euphorie an Franz Marcs Frau Maria. Erst an der Front erkennt August Macke die mörderische Realität des Krieges und schreibt am 9. September 1914 an seine Frau: „Unser aller Gedanke ist Friede. Der Krieg ist von einer namenlosen Traurigkeit. Man ist weg, eh man es merkt. Über allem Kanonendonner schwebt nur eine sonnige Wolke, die Liebe zu euch Allen.“ 17 Tage nachdem er diese Zeilen geschrieben hat, wird Macke am 26. September 1914 bei Perthes-lés-Hurlus im Depratment Marne von einer Kugel tödlich getroffen. Sein Malerfreund Franz Marc, der 1916 bei Verdun fallen wird, schreibt in einem Nachruf: „Im Krieg sind wir alle gleich. Aber unter 1000 Braven trifft eine Kugel einen Unersetzlichen. Mit seinem Tod wird der Kultur eines Volkes eine Hand abgeschlagen, ein Auge blind gemacht. Wie viele schreckliche Verstümmelungen mag dieser grausame Krieg unserer zukünftigen Kultur gebracht haben?“

Dieser Text erschien im April 2014 in der Tagespost und im Neuen Ruhrwort 

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...