Samstag, 16. Januar 2021

Mülheim zu Kaisers Zeiten

 Mit der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Schloss von Versailles wurde vor 150 Jahren der erste deutsche Nationalstaat aus der Taufe gehoben. Zwei Jahre später stellten die Mülheimer auf ihrem Rathausmarkt ein Denkmal auf, das den gefallenen Mülheimer Soldaten des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) gewidmet war. Heute steht das alte Kriegerdenkmal am Wilhelmplatz zwischen Wilhelmstraße und Dohne. Etwa 30 Mülheimer mussten als Soldaten in diesem Krieg ihr Leben für die von Otto von Bismarck militärisch herbeigeführte Einigung mit ihrem Leben bezahlen. Doch auch dieser Blutzoll änderte nichts daran, dass auch die Mülheimer Lokalpresse den ersten Reichskanzler Otto von Bismarck bei jeder sich bietenden Gelegenheit als nationalen Heilsbringer feierte.

Die Mülheimer Bismarck-Begeisterung, die Teil eines übersteigerten deutschen Nationalismus war kam unter anderem darin zum Ausdruck, dass der Eiserne Kanzler 1895 zum Ehrenbürger der Stadt ernannt und postum 1909 mit der Errichtung des Bismarckturms an der gleichnamigen Straße geehrt wurde. Mülheimer Straßennamen, wie Kaiser-Wilhelm-Straße, Kaiserstraße, Kaiser-Wilhelm-Platz Friedrichstraße, Goebenstraße, Zastrowstraße, Moltkestraße oder Sedanstraße erinnern bis heute im Vorbeigehen an die Zeit des Kaiserreichs und an dessen Monarchen und Generäle. Mit dem Sedanstag (2. September) feierten auch die Mülheimer den Tag der entscheidenden Schlacht des Deutsch-Französischen Krieges als nationalen Feiertag. Ebenfalls als Nationalfeiertage wurden die Geburtstage der jeweils amtierenden Kaiser Wilhelm I., Friedrich III. und Wilhelm II. gefeiert.

Das vor 150 Jahren gegründete Kaiserreich war auch für Mülheim eine von der Industrialisierung geprägte dynamische Epoche. Ab 1871 wurde im Styrumer Thyssen-Werk Eisen verarbeitet. Mülheim bekam ab 1880 seine Ruhranlagen, in denen Statuen von General Moltke, Preußens Königin Luise und Reichskanzler Bismarck grüßten. 3000 Bergleute fanden auf den örtlichen Zechen Wiesche, Humboldt und Rosenblumendelle Arbeit und Lohn.

Mülheim bekam mit Hilfe des 1879 vom Bürgermeister Karl von Bock gegründeten Verschönerungsvereins ab 1880 seine schönen Ruhranlagen, eine Volksbücherei (1883), einen Straßenbahnanschluss (1897), ein Amtsgericht (1902), ein Solbad mit Park am Raffelberg (1909), eine ebenfalls am Raffelberg gebaute Trapprennbahn (1910), die erste Schloßbrücke (1911), ein Stadtbad (1912) und ein Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohlenforschung (1914). Auch das heutige Rathaus wurde, trotz des bereits begonnen Ersten Weltkrieges noch während des Kaiserreiches (1916) fertiggestellt.
 

Mülheim wurde Großstadt

Der ab 1904 regierende nationalliberale Oberbürgermeister Paul Lembke machte Mülheim in seiner bis 1928 dauernden Amtszeit zur Großstadt und wurde als Dank dafür am Ende seiner Amtszeit zum Mülheimer Ehrenbürger ernannt. Heute erinnert auch eine Lembkestraße am Kahlenberg an das tatkräftige Stadtoberhaupt der Kaiserzeit. Aufgrund seiner geschickten Eingemeindungspolitik hatte Mülheim 1908 die 100.000-Einwohner-Grenze zur Großstadt überschritten. Industrielle wie August Thyssen und Hugo Stinnes waren im Mülheim der Kaiserzeit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch tonangebend. Denn das damals geltende preußische Drei-Klassen-Wahlrecht billigte ihnen als Spitzensteuerzahlern der Stadt in der ersten Steuer- und Wählerklasse ein Drittel der Stimmen zu, genauso viele wie den 75% der Mülheimer, die aufgrund ihrer geringen Steuerlast in der dritten Wähler- und Steuerzahler-Gruppe landeten. Kein Wunder, dass die Mülheimer Kommunalpolitik des Kaiserreiches vor allem von wirtschaftsfreundlichen Konservativen und Liberalen und nicht, wie später, von den Sozialdemokraten dominiert wurde. Hinzu kam. dass die Mülheimerinnen während des Kaiserreiches kein Wahlrecht hatten und auch Gewerkschaften und Streiks als illegal betrachtet wurden und deshalb von der Polizei, die sich als des Kaisers Stellvertreter auf der Straße sah, verfolgt und niedergeschlagen werden.

Ab 1899 Garnisonsstadt

Besonders stolz waren die Mülheimer der Kaiserzeit, dass ihre Stadt 1899 durch den Einzug des Infanterieregiments 159 eine florierende Garnisonsstadt wurde, So wie das Kaiserreich begonnen hatte, endete es auch im Herbst 1918, mit einem Krieg. "Gott segne die deutschen Waffen" hatte die Mülheimer Zeitung nach dem Kriegsbeginn im August 1914 getitelt. Vier Jahre später waren 3500 Mülheimer an den Fronten des Ersten Weltkrieges getötet. Mit dem Kriegsende wurde aus dem Kaiserreich eine Republik. Die Überlebenden des Infanterieregimentes 159 kehrten im Dezember 1918 in ihre Kaserne an der Kaiserstraße zurück und die Mülheimer Zeitung ersetzte den Kaiseradler in ihrem Titelkopf  durch das Mülheimer Stadtwappen. Die seit 1872 erscheinende Mülheimer Zeitung war während des Kaiserreiches ein Verlautbarungsblatt, ohne politische Kommentare. Denn die Presse des Kaiserreiches erschien unter der polizeilichen Nachzensur. Stufte sie einen Bericht als staatsgefährdend, als groben Unfug oder als majestätsbeleidigend ein, drohten dem verantwortlichen Redakteur Geldbußen oder sogar Gefängnis.

Ironie der Geschichte: Wenn heute rechtsextreme Staatsgegner die schwarz-rot-weiße Fahne des Kaiserreiches bei Demonstrationen mit sich führen, ignorieren sie dabei die Tatsache, dass die Verfassung des Kaiserreiches, anders als das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, keine bürgerlichen Grundrechte und deshalb auch keine Demonstrations- und Versammlungsfreiheit kannte.


Dieser Text erschien am 16.01.2020 im Mülheimer Lokalkompass

Freitag, 15. Januar 2021

Gemeinde ist Gemeinschaft

 Am 15. Januar 1971 wurde der Mülheimer Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg in St. Engelbert zum Priester geweiht. Im Gespräch mit der Mülheimer Woche und dem Lokalkompass blickt der 76-Jährige dankbar, aber nicht unkritisch auf sein Leben als Priester und auf seine Kirche.

Was hat Sie bewegt, Priester zu werden?
SCHWARTZENBERG: Das waren Menschen, die mir in ihrer Lebensführung und in ihrer lebendigen Religiosität ein Vorbild waren und die ich deshalb hoch geschätzt habe. Neben meinen Eltern denke da vor allem an meinen Religionslehrer,-an meinen Deutschlehrer und an meinen Musiklehrer. Hinzu kamen großartige Gemeinschaftserlebnisse im katholischen Jugendbund Neudeutschland, in dem man mir Organisations- und Leitungsaufgaben zugetraut hat. Das alles zusammen hat mich dazu gebracht, mich genauer mit den Möglichkeiten eines Berufslebens in der Kirche zu beschäftigen. Auch die Nachwirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das mit seinen Reformen dafür gesorgt hat, das wir in der katholischen Kirche erwachsen geworden sind, haben mich motiviert, Priester zu werden.

Gab es auch andere Berufswünsch?
SCHWARTZENBERG: In meiner Schule hatten wir eine große Aula, in der oft auch Künstler aufgetreten sind, denen wir dann den Vorhang auf- und zugezogen haben und die wir mit unseren Scheinwerfern ins richtige Licht gesetzt haben. Damals habe ich darüber nachgedacht, Theaterwissenschaft zu studieren. Aber auch die Theologie hat ja ihre theatralischen Momente. Liturgie feiern und Theaterspielen. Das passt gut zusammen.

Was hat Sie als Priester angetrieben?
SCHWARTZENBERG: Musik und Caritas waren immer meine Antriebsfedern. Soziales Engagement, Mitmenschlichkeit und die Gestaltung der Liturgie. Das war mir immer wichtig.

War die priesterliche Pflicht zur Ehelosigkeit für Sie kein Hindernis?
SCHWARTZENBERG: Nein. Ich habe als Priester immer in Gemeinschaft gelebt und mich niemals einsam gefühlt. Das fing schon während der Schul- und Studienzeit an, in der ich einen gemischten Chor geleitet habe. Als Kaplan habe ich dann eine Band gegründet und durch die Jugendarbeit das Skifahren und Segeln gelernt. Als Militärseelsorger habe ich Soldatenwallfahrten nach Lourdes organisiert und in St. Barbara habe ich als Pfarrer mit Leuten aus meiner Gemeinde unter anderem das Nikolaus-Groß-Musical auf die Bühne gebracht. Ich habe 50 glückliche Jahre erleben dürfen, weil ich immer tolle Menschen getroffen habe, mit denen ich zusammen produktiv etwas machen konnte. Das gilt auch für den Einsatz unserer Gemeinde in der Flüchtlingshilfe. Ich kann für all diese menschlich wertvollen Begegnungen und Erfahrungen nur dankbar sein.

Gab es nie einen Moment des Zweifels?
SCHWARTZENBERG : Ich fahre voll auf die Frohe Botschaft des Jesus von Nazareth ab und bin ein Mann der Kirchen, deren soziales Engagement ich sehr bewundere. Aber ich stehe dem kirchlichen Dogmatismus sehr kritisch gegenüber. Was da alles im Laufe der Zeit erfunden worden ist, ist zum Teil wirklich grauenhaft. Da fühle ich mich als vernunftbegabter Mensch nicht ernst genommen. Die wichtigste Erfahrung meines Priesterlebens ist: Das Schlimmste, was es gibt, sind Menschen, die die Wahrheit gepachtet haben und sie anderen aufzwingen wollen. Ich habe als Pfarrer viele gläubige Gemeindemitglieder getroffen, die sich von der Kirche distanziert hatten, weil sie als geschiedene und wiederverheiratete Eheleute nicht an der Heiligen Kommunion teilnehmen durften. Die habe ich zurück in die Kirche geholt, in dem ich ihnen gesagt habe: Schaut euch mal den Jesus von Nazareth an, wie menschlich er den Menschen seiner Zeit begegnet ist und wie er ihnen jenseits aller Gesetze geholfen hat. Denken wir nur an die biblischen Gleichnisse vom verlorenen Sohn oder von der Ehebrecherin. "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!"

Die Kirche ist in einem tiefgreifenden Strukturwandel, den Sie als Pfarrer und Stadtdechant mitgestalten mussten. Wie sehen Sie die Gegenwart und Zukunft Ihrer Kirche?
SCHWARTZENBERG: Ich leide sehr unter den Missbrauchsfällen im Priesteramt. Die haben die Kirche nach unten gezogen und ihre Glaubwürdigkeit beschädigt. Viele sind deshalb ausgetreten. Aber ich werbe dafür, die Kirche nicht aufzugeben, weil Sie für unsere Gesellschaft gut und wichtig ist. Denn sie tritt für soziale Gerechtigkeit ein und gibt den Menschen Gemeinschaft und Halt, ob im Gottesdienst, bei einer Fronleichnamsprozession, beim Gemeindefest oder bei einer Jugendfete. Deshalb hat uns die Coronavirus-Pandemie ins Mark getroffen, weil Gemeinde immer auch Gemeinschaft ist. Die Kirche hat sich immer wieder in kleinen Gemeinschaften erneuert. Und diese Gemeinschaft braucht Menschen, die sich in ihr und für sie engagieren. Das ist das A und O. Ich freue mich aber auch über kreative Menschen, die dieses Corona-bedingte Nicht-Begegnung überbrücken, sei es im Internet oder in dem die Mitarbeitenden der Pfarrbücherei Gemeindemitgliedern Bücher nach Hause bringen. Ich selbst feiere mein Priesterjubiläum am 15. Januar um 19 Uhr mit einem Hausgottesdienst, dem man über die Internetseite unserer Pfarrgemeinde www.barbarakirche.de beitreten kann.

Zur Pfarrgemeinde St. Barbara

Zur Person

Manfred von Schwartzenberg wird 1944 in Essen geboren. Nach dem Abitur am dortigen Burg-Gymnasium studiert er an der Ruhr-Universität Bochum katholische Theologie. Nach seiner Priesterweihe arbeitet er zunächst als Kaplan in Gelsenkirchen-Schalke. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre lernen ihn die Mülheimer als Kaplan von St. Mariae Rosenkranz und als Stadtjugendseelsorger kennen. 1982 beruft ihn der damalige Ruhrbischof Franz Hengsbach zum Militärseelsorger bei der Bundeswehr. 1992 kehrt er als Pfarrer von St. Barbara nach Mülheim zurück und wird ein Jahr später zum Mülheimer Stadtdechanten berufen. Bis 2007 steht er an der Spitze der katholischen Stadtkirche und bis 2019 an der Spitze seiner Pfarrgemeinde St. Barbara. 2018 wird er für sein vielseitiges Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Freitag, 1. Januar 2021

100 Jahre Caritas

Seit 100 Jahren machen sich Mitarbeitende des katholischen Sozialverbandes Caritas in Mülheim für Menschen in Not stark. Wie hat sich die Sozialarbeit der Caritas seit 1920 verändert und welche Kontinuitäten gibt es? Ein Gespräch mit die beiden Caritas-Vorständen Regine Arntz und Martina Pattberg.

Was haben die Mitarbeitenden der Caritas im Jahr 2020 noch mit der Gründungsgeneration der Mülheimer Caritas gemein?

Regine Arntz: Heute wie damals gilt für uns das Motto: Der Mensch steht im Mittelpunkt und wir wollen nah bei den Menschen sein. Damals wie heute gibt es viel Not in unserer Stadtgesellschaft. Damals wie heute müssen wir erkennen, dass es administrativ und organisatorisch gut aufgestellte und in der Stadtgesellschaft verankerte Strukturen braucht, um Menschen in Not wirkungsvoll beistehen zu können.

Wie hat sich die Sozialarbeit der Caritas in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Martina Pattberg: Ging es früher vor allem um die Fürsorge, also darum, Menschen in Not Aufgaben aus der Hand zu nehmen und sie damit zu entlasten, geht es heute um aktivierende Sozialarbeit. Wir schauen heute ganz genau hin, welche Ressourcen unsere Klienten haben und wie wir sie zur Hilfe zur Selbsthilfe anleiten können. Die Hilfesuchenden sollen soweit verselbstständigt werden, dass wir als Sozialverband uns langfristig bei ihnen überflüssig machen. Wir haben im Laufe der vergangenen Jahrzehnte immer wieder neue Aufgaben übernommen, etwa die Betreuung der Kinder und Jugendlichen in der Offenen Ganztagsschule, die Sozialarbeit in Mülheimer Schulen, die Integrationsberatung von Zuwanderern sowie die ambulante und stationäre Betreuung von seelisch erkrankten Menschen.

Regine Arntz: Trotz des Lockdowns bleiben alle unsere Beratungsstellen am Start. Sie müssen zurzeit sogar einen steigenden Beratungsbedarf bewältigen. Das gelingt, weil unsere Mitarbeitenden sehr kreativ und motiviert sind. Wir haben unsere Präsenz-Beratung durch telefonische Beratung, Video-Beratung und Beratung to go ersetzt. Letzteres bedeutet, dass sich unsere Mitarbeitenden mit ihren Klienten unter Beachtung der geltenden Coronaschutz-Bestimmungen an der frischen Luft zu einem gemeinsamen Spaziergang verabreden, bei dem dann alle Probleme besprochen werden. Jeder weiß, dass ein Spaziergang an der frischen Luft den Kopf für neue Gedanken und Entscheidungen freimachen kann. Die Caritas-Zentrale an der Hingbergstraße ist zurzeit Corona-bedingt für den Publikumsverkehr geschlossen. Und wir haben inzwischen viele Mitarbeitende der Caritas mit einem Tablet ausgestattet, so dass sie auch Videoberatungen durchführen und Kontakt zu allen Klienten halten können.

"Wir spüren in den Gesprächen eine tiefsitzende Existenzangst"

Mit welchen Fragestellungen wird die Caritas zurzeit konfrontiert?

Martina Pattberg: Wir spüren in den Gesprächen eine tiefsitzende Existenzangst, etwa die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und dann nicht mehr die laufenden Kosten des eigenen Haushaltes finanzieren zu können. Besonders hart trifft es alleinerziehende Eltern, wenn sie in Kurzarbeit gehen müssen oder ihre Arbeitsstelle ganz verlieren. Da bricht dann gleich alles zusammen, während es in Familien mit zwei Elternteilen vielleicht noch ein Elternteil gibt, der mit seinem Einkommen den Familienunterhalt sicherstellen kann. Besonders hilfsbedürftig sind auch Personen, die zu den sogenannten Risikogruppen gehören, also Menschen über 60, die zum Teil mit mehreren Erkrankungen zu kämpfen haben. Für sie haben wir zum Beispiel ehrenamtliche Helfer mobilisiert, die einen Einkaufsservice anbieten. Wir sind dankbar dafür, dass wir als Arbeitgeber bisher keine Kurzarbeit beantragen mussten. Dafür bekommen wir auch positive Rückmeldungen von den Mitarbeitenden, die erleben, wie durch die Kurzarbeit ihres Partners das Familieneinkommen geschmälert wird.

Wir wirken sich Kirchenaustritte auf die Finanzierung der Caritas aus?

Regine Arntz: Die Kirchenaustritte machen uns große Sorgen. Denn die meisten unserer Hilfsdienste werden durch eine Mischfinanzierung aus Fördermitteln der Stadt, des Landschaftsverbandes Rheinland, des Landes NRW und des Bistums Essen finanziert. Wenn die Austrittswelle anhält und die Kirchensteuereinnahmen des Bistums weiter sinken, kann das für uns bedeuten, dass wir Beratungszeiten einschränken und vielleicht auch ganze Abteilungen und Einrichtungen der Caritas schließen müssen.

Welche Rolle spielt die katholische Konfession heute noch in der Arbeit des katholischen Sozialverbandes Caritas?

Martina Pattberg: Schon vor neun Jahren haben wir mit der interkonfessionellen und interkulturellen Öffnung der Caritas begonnen. Wir haben heute nicht nur katholische und evangelische, sondern auch muslimische oder andersgläubige Mitarbeitende in unseren Reihen. Unsere kostenfreien Beratungen werden allen Menschen, unabhängig von ihrer Konfession, Religion oder Nation angeboten. Wir erwarten aber von all unseren 240 Mitarbeitenden eine den Menschen wertschätzende Grundhaltung, die mit den Grundsätzen des christlichen Glaubens vereinbar ist.

Was wünschen Sie der Caritas zu ihrem 100. Geburtstag?

Regine Arntz: Dass sie auch in den kommenden 100 Jahren für das Prinzip der Solidarität mit ihrer Sozialarbeit und mit ihrer Lobbyarbeit für benachteiligte Menschen vor Ort einstehen kann und diese Sozialarbeit immer wieder ausreichend von unseren Geldgebern finanziert werden kann.

STATIONEN DER CARITAS

Der damalige Pfarrer von Sankt Mariae Geburt, Stadtdechant Pastor Konrad Jacobs (1874 bis 1931), war nicht nur Seelsorger, sondern auch Sozialreformer. 1919 kam er als Pfarrer nach Mülheim und gründete im Folgejahr den hiesigen Caritasverband.

Das ehemalige Garnisonslazarett an der Dimbeck, das heute als Seniorenresidenz dient, war das erste Caritas-Zentrum. Es nannte sich Josefshaus und bot ab 1921 jungen unverheirateten Müttern und schwererziehbaren Jugendlichen Zuflucht und Betreuung. Auch die Gründung des Franziskus-Hauses, das zunächst als Waisenhaus und später als Pflegeheim betrieben wurde, geht auf Konrad Jacobs und die Caritas zurück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich der Caritasverband breiter auf

Im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte haben die Mitarbeitenden der Caritas immer wieder neue soziale Arbeitsfelder entdeckt und aufgegriffen. Dazu gehören zum Beispiel Hilfe und Beratung für Suchtkranke und für psychisch erkrankte Menschen, Schwangeren- und Erziehungsberatung, Beratung von Zuwanderern, Familienhilfen und die sozialpädagogische Mitarbeit im Bereich der offenen Ganztagsschule.

Seit 2007 befindet sich das Caritas Zentrum in der ehemaligen Kirche Sankt Raphael an der Hingbergstraße 176. Seit 2007 wird der katholische Sozialverband von einer weiblichen Doppelspitze geführt.

Caritas betreut zurzeit 1872 Kinder und Jugendliche

Im Jubiläumsjahr tragen Regina Arntz und Martina Pattberg als Vorstände die Verantwortung für die vielseitige Sozialarbeit von insgesamt 230 hauptamtlichen und 220 ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Arntz und Padberg stehen in der Tradition von Maria Blasweiler, die 1957 als erste Geschäftsführerin des Caritasverbandes ihr Amt antrat.

Die Caritas betreut zurzeit 1872 Kinder und Jugendliche im Rahmen ihrer Schulsozialarbeit. Außerdem haben in diesem Jahr 225 Kinder und Jugendliche an ihrer Lernförderung teilgenommen.


Dieser Text erschien am 30.12.2020 in NRZ & WAZ


Mülheim zu Kaisers Zeiten

  Mit der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Schloss von Versailles wurde vor 150 Jahren der erste deutsche Nationalsta...