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Freitag, 7. Oktober 2016

Unter die Lupe genommen: Andreas ten Brink erzählt in seinem Buch über 100 Häuser-Geschichten vom Kirchenhügel und hat damit eine historisch wertvolle Fundgrube geschaffen

Andreas ten Brink mit seinem Buch über den Kirchenhügel
Jeder Mülheimer, der sich für die Geschichte seiner Stadt interessiert, wird sich auch für die Geschichte des Kirchenhügels und seiner Häuser interessieren“, glaubt Andreas ten Brink. Er selbst hat immer wieder gerne alte Postkarten mit Altstadt-Motiven angeschaut oder in der alten Mülheimer Zeitung, die ab 1872 erschien, gestöbert.

Irgendwann fragte er sich: „Welche Geschichte steckt hinter den Häusern, die man auf den alten Postkarten sehen kann?“

Das war der Beginn einer zweijährigen Recherche im Stadt- und Landesarchiv. Ten Brink, der schon 2009 an dem Band „Mülheimer Ansichtssachen“ mitgewirkt hat, wertete alte Grundakten, Urkunden und Steuerlisten aus. Das Ergebnis ist eine einzigartige historische Fundgrube.

Der Autor erzählt in 112 kompakten Portraits von Häusern, die zum Teil noch heute stehen oder beim großen Luftangriff vom 23. Juni 1943 zerstört wurden. Mit den Häusern werden auch ihre Bewohner und deren Namen und Geschichten dem Vergessen entrissen. Zum Teil führt die Spurensuche bis ins Mittelalter zurück. Und wir erfahren, dass die Bewohner der heutigen Altstadt, zunächst Bauern und später vor allem Kaufleute und Handwerker, einst jährlich zwei Rebhühner als Gebäudesteuer an die Herrschaft Broich und (wenn sie an der Bogenstraße vor der Kirchofmauer wohnten) einen Taler Brückengeld an die Kirche und für den Armenfonds zahlen mussten.

Einer der ursprünglichen drei Torbögen, die immer nur wegführenden und zivilen Charakter hatten, wurde nach einem Hausbrand 1897 abgerissen.

Auch im Rückblick auf das frühe 19. Jahrhundert, als das kleine Mülheim, zunächst unter französischer und dann unter preußischer Herrschaft zur Stadt wurde, möchte ten Brink nicht von einer „guten alten Zeit“ reden. „Die Häuser waren durch Erbteilungen stark hypothekenbelastet. Die Menschen hatten enorme hygienische Probleme, auch weil Bäche, wie die Dimbeeke und der Rumbach mit allem Unrat, allen Abwässern und Einleitungen der Lohgerbereien bis 1843 oberirdisch durch die Alt- und Innenstadt flossen. Die Kindersterblichkeit war hoch. Die meisten Straßen waren noch nicht asphaltiert. Und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es nur Elementar- und Kirchenschulen, so dass von einer urbanen Infrastruktur kaum die Rede sein konnte“, wirft der Autor einige Schlaglichter auf den Alltag unserer Vorfahren.

Ein nach Straßennamen und Hausnummern gegliedertes Inhaltsverzeichnis, ein Personenregister und ein Glossar, das historische und deshalb heute nicht mehr gebräuchliche Begriffe erläutert, erleichtern die Lektüre. Sie wird zudem durch zahlreiche historische Abbildungen inspiriert, die in die unzerstörte Altstadt der Vorkriegsjahrzehnte und Jahrhunderte eintauchen lässt.

Besonders reizvoll ist es, bei ten Brink nachzulesen, was sich früher in den Häusern abgespielt hat, die die Stürme der Zeit überstanden haben oder deren Adressen es zumindest noch gibt. Wer hätte etwa vermutet, dass die Vorgänger der heutigen Kortumstube an der Kettwiger Straße 48 bis 50 als Kamper Hof per Ehekontrakt anno 1463 zum Witwensitz der Grafen von Broich bestimmt wurde.


Dieser Text erschien am 10. September 2016 in NRZ/WAZ

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Als die Mütter noch hamstern mussten: Im Gespräch mit Zeitzeugen erzählt der Buchautor Thomas Kahl Mülheimer Kindheits- und Jugendgeschichten aus den 40er und 50er Jahren

Thomas Kahl

"Sagt mal. Wie war das damals, als ihr jung wart?“ Wenn Enkel ihren Großeltern diese Frage stellen, könnte das Buch „Mülheim - aufgewachsen in den 40er und 50er Jahren“ ihr Gespräch anregen. Denn mit seinen historischen Fotos und seinem kompakten, gut verständlichen und aus anschaulichen Zeitzeugenberichten gespeisten Texten wirft es ein bezeichnendes Licht auf den Alltag im Nachkriegsjahrzehnt zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder.

Als Thomas Kahl im vergangenen Herbst von einem Verlag das Angebot bekam, ein Buch über die Mülheimer Jugend der 40er und 50er Jahre zu schreiben, zögerte er zunächst. „Ich bin ja kein gebürtiger Mülheimer, sondern ein Zugezogener“, sagt er. Doch dann wurde ihm klar: „Auf diesem Weg könnte ich meine Wahlheimat besser kennen lernen.“ Gesagt. Getan. Schnell merkte er, dass die Großstadt Mülheim eigentlich ein großes Dorf ist, in dem jeder jeden kennt oder jemanden, der wieder jemanden kennt, der zum Beispiel über seine Kindheit und Jugend nach dem Krieg erzählen kann und will.

Heimatforscher Heinz Hohensee gehörte ebenso zu Kahls Gesprächspartnern, wie der ehemalige Kulturdezernent Hans-Theo Horn, der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie, Willi Bruckhoff oder Heinz Auberg vom Styrumer Geschichtsgesprächskreis.

„Ich habe bei den Gesprächen gelernt, dass die Mülheimer gerne über ihre Stadt schimpfen, aber trotzdem nichts auf Mülheim kommen lassen, weil sie sich mit der grünen Stadt an der Ruhr eng verbunden fühlen“, erzählt der 51-Jährige.

Die Mülheimer Zeitzeugen erzählten dem zugewanderten Chronisten nicht nur manche Anekdote, sondern steuerten, ebenso, wie das Stadtarchiv manch sehenswertes Foto aus ihrem Fundus bei.

Da wurde zum Beispiel von einem Knirps berichtet, der mit einem Holzgewehr versuchte, die britische Armee aufzuhalten oder von den Jahren, in denen ganze Familien in den Kellern ihrer von Bomben zerstörten und noch nicht wieder aufgebauten Häusern überleben mussten. Die Nachgeborenen können zum Beispiel etwas über eine Schulspeisung erfahren, an der sich die Geschmacksnerven der Schüler schieden oder über den unermüdlichen Einsatz der tapferen und fleißigen Mütter, die zum Beispiel mit ihren schweren Nähmaschinen in überfüllten Zügen (bis nach Niedersachsen) aufs Land fuhren, um sich für die in Mülheim fehelenden Lebensmittel die Finger wund zu nähen.

„Obwohl der Krieg in den Erinnerungen übermächtig ist und auch die Not nach dem Krieg nicht vergessen worden ist, hat niemand der Zeitzeugen über sein Schicksal geklagt“, staunt Kahl. „Arbeiten, vorankommen und mit der Familie einen bescheidenen Wohlstand genießen“, beschreibt er den Zeitgeist der 50er Jahre.



Der Autor und sein Buch



Das im Wartberg-Verlag erschienene Buch „Mülheim - Aufgewachsen in den 40er und 50er Jahren“ ist 64 Seiten stark und ist im Buchhandel für 12,90 Euro erhältlich.

Der Autor Thomas Kahl (Jahrgang 1963) wurde in Kassel geboren. Vor zwölf Jahren kam er der Liebe wegen nach Mülheim.

Der Politikwissenschaftler und Vater eines achtjährigen Sohnes hat lange als Zeitungsredakteur gearbeitet, ehe er sich als Journalist und Kommunikationsberater selbstständig machte.

Dieser Text erschien am 23. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ



Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...