Dienstag, 28. April 2020

Der Mensch hinter der Maske


Seit Gottfried Keller anno 1874 seine gleichnamige Novelle niederschrieb, wissen wir: „Kleider machen Leute.“ So wie Gottfried Kellers Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der aufgrund seiner vornehmen Erscheinung für einen polnischen Grafen gehalten wurde, führte auch der straffällige Schuster Wilhelm Voigt dank einer Uniform seine militär- und autoritätsgläubigen Landsleute anno 1906 als Hauptmann von Köpenick an der Nase herum.


Immer noch gibt es Menschen, die Krawatten- und Anzugträgern auf den ersten Blick mehr Seriosität und Kompetenz zutrauen als jenen Mitmenschen, die in Jeans, T-Shirt oder Blaumann daherkommen. Doch auch hier hat das Corona-Virus  die allgemeine Kleiderordnung radikal auf links gedreht. Wurden Masken bisher nur als Kostüm im Karneval, als Vermummung bei einer Demonstration oder auch als Sccutzverband im Sport genutzt, ist sie heute ein allgegenwärtiges Accessoire. Heute, da das Corona-Virus das Maskentragen zur ersten Bürgerpflicht in Sachen Gesundheitsschutz gemacht hat, heißt es: „Sage mir, welche Maske du trägst und ich sage dir, wer du bist.“ Da gibt es die sachlichen und zweckorientierten Zeitgenossen, die es bei einer weißen oder grünen Maske bewenden lassen, um Mund und Nase sachgemäß abzudecken. Ihnen stehen die gegenüber, die ihre Maske als Modeaccessoire und als Aussage tragen. Ich denke dabei an die Träger selbstgenähter Stoff- und Tuchmasken, die uns zum Beispiel mit einem fröhlichen Smiley, einer beschaulichen Blumenwiese, einem meditativen Sternenhimmel oder auch mit einem possierlichen Tiermotiv entgegenkommen. Und dann gibt es natürlich auch noch die Individualisten und Improvisationskünstler, die sich gar nicht erst mit der Suche nach einer passenden und möglicherweise überteuerten Corona-Maske aufhalten, sondern gleich auf ihre häuslichen Fundus zurückgreifen. Wer hätte gedacht, dass Schals in allen Größen und Farben mal zu einer Frühlingsmode würden, die uns wohl nicht nur in dieser Jahreszeit erhalten bleibt. Man sieht: Masken verhüllen nicht nur. Sie offenbaren den charakteristischen Wesenszug ihres Träger oder ihrer Trägerin. Schauen wir also genau hin, wenn wir heute wieder unseren maskierten Mitbürgen in der Stadt begegnen. Es lohnt sich, natürlich unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes.

Dieser Text erschien am 25. April 2020 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 25. April 2020

In Memoriam Norbert Blüm


Einsichten eines politischen Christenmenschen



Der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm gab auf Einladung des Medienforums und der Pax-Bank seine reichen Lebenserfahrungen weiter



Essen. Es lohnt sich Rentnern zuzuhören. Vor allem dann, wenn Sie ihre Lebenserfahrungen, so wie der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (82) so geistreich und pointiert vortragen können, dass es für die Zuhörer erbaulich und unterhaltsam zugleich sein kann.


Mit einer Mischung aus Lesung und Gespräch fesselten Norbert Blüm und Moderatorin Vera Steinkamp die vom Medienforum des Bistums und von der Pax-Bank eingeladenen Zuhörer in der fast vollbesetzen Aula des Generalvikariates.


Da erfuhr man nicht nur, dass Norbert Blüm seit 30 Jahren Mitglied von Borussia Dortmund ist und sich auch eine Berufskarriere als Kapitän hätte vorstellen können. Man spürte in seinen spontanen Erzählungen und in den Lektionen aus seinem Vermächtnis-Buch: „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht“, dass da nicht nur ein Ex-Politiker sein Buch vorstellen, sondern ein Mensch seine Botschaft vom Primat der Liebe und dem Frieden zwischen Mensch und Natur.


Bewegend, wie sich Blüm, an die Bombennächte des Kriegsjahres 1943 erinnerte, die er als Achtjähriger erlebte „und bis heute wie einen Film im Kopf“ mit sich trägt. Seine Konsequenz: Ein glühendes Ja zu Europa und ebenso energisches Nein zu allen Nationalismen. O-Ton Blüm: „Der Nationalismus hat noch kein Problem gelöst oder wollen Sie das Ozonloch nur über Gelsenkirchen schließen?“ oder: „Wenn wir es als 500 Millionen Europäer in der Europäischen Union nicht hinbekommen, fünf Millionen Flüchtlinge aufzunehmen, dann können wir den Laden zu machen.“

Mit Blick auf den Ressourcenverbrauch und die Ideologie des unbegrenzten Wirtschaftswachstum sagt Blüm: „Ein weiter so kann es nicht geben!“ In der aktuellen Politik vermisst der soziale Christdemokrat und ehemalige Bundesminister vor allem „die Ausdauer, an einer Sache dran zu bleiben!“ Ausdauer und Hartnäckigkeit, verbunden mit einem unbedingten Ja zur Liebe wünscht Blüm denn auch nicht nur seinen Enkeln, sondern auch allen anderen Mitmenschen. „In meiner Lehrzeit bei Opel habe ich gelernt: Immer nur ein Werkstück im Schraubstock zu bearbeiten und es solange zu feilen, bis es rund ist. Ohne diese Lektion in Ausdauer und Hartnäckigkeit hätte ich die CDU nie überlebt“, sagt der ehemalige Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse und weiß damit den Applaus und die Lacher auf seiner Seite.


Hartnäckigkeit und Ausdauer scheinen auch in Blüms Erinnerung an seine Begegnung mit dem chilenischen Militärdiktator Augusto Pinochet durch. In einem Gespräch, in dem Pinochet sich zunächst hinter der Fassade des aufrechten Antikommunisten und des täglich betenden Christen verbarg, konfrontierte Blüm ihn mit seinen Folteropfern und fragte ihn: „Was wollen Sie Gott antworten, wenn er Sie fragt: ‚Was hat du den geringsten meiner Brüder getan?‘“ Das Gespräch blieb nicht ohne Wirkung auf den Diktator und veranlasste ihn 16 zum Tode verurteilte chilenische Oppositionelle nach Deutschland ausreisen zu lassen.


Eine von Blüms Geschichten zum Hinhören und Aufhorchen war auch die von seinem kommunistischen Onkel Adolf, der im Krieg von seinem Vorgesetzten, einem katholischen Kirchenvorstand denunziert wurde, weil er heimlich russische Zwangsarbeiterinnen mit Lebensmitteln versorgt hatte und dafür zwei Jahre im KZ überleben musste.

Die vielleicht wichtigste politische und menschliche Botschaft, die Norbert Blüm, seinen Zuhörern im Generalvikariat mit auf den Heimweg gab, war wohl die, „dass eine Gesellschaft, in der jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, nicht funktionieren kann, weil wir alle von der Wiege bis zu Bahre aufeinander angewiesen sind.“ Den Menschen im Ruhrgebiet bescheinigte der Rheinländer in diesem Zusammenhang die wegweisende Toleranz eines Schmelztiegels, in dem die Menschen gemeinsam arbeiten, Herausforderungen annehmen und dabei „leben und leben lassen.“

Dieser Text erschien am 24. März 2018 im Neuen Ruhrwort


Mittwoch, 22. April 2020

Als die Stadt in Trümmern lag

Als die Amerikaner am 11. April 1945 mit ihrem Einmarsch den Zweiten Weltkrieg beendeten, lag der damals 17-jährige Mülheimer Horst Heckmann, weit ab seiner Heimat, in einem mecklenburgischen Lazarett und kurierte dort Fußverletzungen aus, die er sich durch das Marschieren in seinen viel zu kleinen Wehrmachtsstiefeln zugezogen hatte. „Das war mein großes Glück. Denn wäre ich bei meiner Einheit geblieben, die an der Oder von der Roten Armee vollständig vernichtet worden ist, hätte ich den Krieg nicht überlebt“, erinnert sich Heckmann. Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett meldete er sich nicht, wie befohlen, bei der nächsten Wehrmachtsdienststelle, sondern beging mit zwei Kameraden Fahnenflucht und schlug sich zu Fuß und im Gefolge von ostpreußischen Flüchtlingstrecks gen Westen durch.

Südlich von Schwerin gingen Heckmann und seine Kameraden in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurden später von den Briten übernommen. Nach einer Zwischenstation in Schleswig-Holstein und im berühmt-berüchtigten Wiesenlager bei Rheinberg, wo 1000de deutscher Kriegsgefangener unter freiem Himmel kampieren mussten, erreichte er im Juli 1945 auf einem britischen Militärlaster seine in Trümmern liegende Heimatstadt. „Die Briten hatten mich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, weil ich angegeben hatte, im Ruhrbergbau arbeiten zu wollen. Bergleute wurden damals dringend gebraucht“, erinnert sich Heckmann. Doch als er dann wieder zuhause war, „stellte sich heraus, dass ich viel zu schwach und unterernährt war, um wie einige meiner Onkel zum Beispiel auf der Zeche Wiesche oder in der Friedrich-Wilhelms-Hütte arbeiten zu können.“

Doch Heckmann hatte Glück im Unglück. Sein Elternhaus an der Heinrichstraße stand noch und hatte, „abgesehen von einigen Brandschäden auf dem Speicher“, die Luftangriffe auf Mülheim leidlich überstanden. Dort konnte er zusammen mit seinem Vater Heinrich leben, allerdings sehr beengt auf nur einem Zimmer, weil der Wohnraum mit ausgebombten Nachbarn geteilt werden mussete. „Heißen hatte den Luftkrieg, anders als die Innenstadt, vergleichsweise glimpflich überstanden. Hier waren nicht ganz so viele Häuser zerstört worden“, erinnert sich Heckmann. „Was können wir heute essen, um zu überleben?“ formuliert er die zentrale Frage, die alle Mülheimer in den ersten Nachkriegsmonaten und darüber hinaus umtrieb. „Mein Vater und ich sind oft zu den Bauern nach Menden geradelt, um dort Eier, Speck und Kartoffeln zu hamstern. Mein Vater kannte sie noch als Kunden aus seiner Vorkriegszeit als Kurzwarenhändler und Hausierer“, erzählt Horst Heckmann.

Er erinnert sich daran, dass „die seit dem Juni 1945 im Rathaus einquartierten Offiziere der britischen Militärregierung im öffentlichen Leben Mülheims sehr zurückhaltend auftraten und daran, dass die Hauptstraßen relativ schnell trümmerfrei waren und selbst in stark kriegsbeschädigten Häusern Geschäfte eröffneten.“ Doch Lebensmittel, so Heckmann, habe es damals nur auf Lebensmittelkarten gegeben und oft habe man lange anstehen müssen, um etwas zu bekommen. Der 1928 geborene Mülheimer, der heute in Styrum lebt, hat die ersten Nachkriegsmonate als eine Zeit der Niedergeschlagenheit und der Orientierungslosigkeit in Erinnerung behalten. „Als Mitglied der Hitler-Jugend hatte ich daran geglaubt, dass Deutschland einen gerechten Krieg führe. Doch jetzt musste ich einsehen, dass wir von einem verbrecherischen Regime verraten und verkauft worden waren und dass unser jugendlicher Idealismus missbraucht worden war“, beschreibt Horst Heckmann seine Stimmungslage in den ersten Nachkriegsmonaten. Damals hielten sich sein Vater und er mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Aus Schrotteilen bauten sie Fahrräder, die sie dann wieder gegen Lebensmittel eintauschen konnten. Doch Heckmann erinnert sich im Rückblick auf die ersten Nachkriegsmonate in Mülheim auch „an das befreiende Gefühl, dass wir jetzt im Frieden lebten und nicht mehr in den Luftschutzkeller laufen mussten.“ Im Oktober 1945 brachen die beiden Heckmänner von Mülheim nach Thüringen auf. Denn dort lebte ihre Mutter und Frau Emma. Hier hatte Horst Heckmann seine Mittlere Reife gemacht, nachdem seine Mülheimer Schule, die Mittelschule für Jungen, im Juni 1943 von Bomben zerstört worden war. Und hier sollte er in den ersten Nachkriegsjahren als Volksschullehrer arbeiten, ehe er aus  politischen Gründen die junge DDR wieder verließ und mit seinen Eltern in der alten Heimat Mülheim ein neues Leben als Bürokaufmann anfing. In der Rückschau auf die Nachkriegszeit staunt Heckmann noch heute darüber, wie schnell die Stadt wiederaufgebaut und mit neuen Leben gefüllt worden ist. „Die Menschen hatten nach dem Krieg einen enormen Nachholbedarf und wollten einfach nur leben“, sagt Heckmann. Und wenn er auf die heutige Krise schaut, dann hat er vor dem Hintergrund seiner Kriegs- und Nachkriegserfahrungen das Gefühl, „dass ich das nicht so tragisch nehme, wie es vielleicht angemessen wäre.“
Dieser Text erschien am 21. April 2020 in NRZ &WAZ

Donnerstag, 16. April 2020

Mülheim 1945: Ein Zeitzeuge erinnert sich

1931 geboren, gehört der Diplomingenieur, Heinz Wilhelm Auberg, zu jenen Mülheimern, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben. Als die amerikanischen Truppen am 11. April 1945 mit ihrem Einmarsch den Krieg in Mülheim beendeten, befanden sich Auberg und seine Kammeraden aus der Mittelschule für Jungen noch auf dem Heimweg aus der Kinderlandverschickung.


In Buchtaberg, 150 Kilometer südöstlich von Prag, hatten 200 Mülheimer Mittelschüler Zuflucht vor den Bomben gefunden, die in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 auch Aubergs Elternhaus an der Friedrich-Karl-Straße zerstört hatten. Auberg und seine Klassenkammeraden lebten und lernten mit ihren Lehrern Wilhelm Dietz und Martha Kükel in einer ehemaligen Lungenheilanstalt für Kinder. „Trotz des Kriegs erlebten wir dort eine schöne Zeit. Im Winter konnten wir Skifahren und im Frühjahr und Sommer durch die Wälder wandern. Außerdem hatten wir ein gutes Verhältnis zu den Bewohnern des nahegelegenen Dorfes Niemetzki, die uns zu ihren Gottesdiensten einluden und regelmäßig unsere Skier reparierten“, erinnert sich Auberg.

Doch am 26. April, als die Amerikaner schon in Mülheim das Kommando übernommen hatten, mussten die Mülheimer Mittelschüler, per Zug und auf Lastwagen der Wehrmacht vor der heranrückenden Roten Armee gen Westen fliehen. Auberg erinnert sich: „Wir wussten damals nichts von unseren Eltern und von der Lage in Mülheim, da die Postverbindung seit Monaten abgebrochen war. Ein Klassenkamerad, der bereits Wochen vor mir auf eigene Faust von seinem Vater aus nach Mülheim zurückgeholt wurde, konnte uns später berichten, dass die amerikanischen Truppen am 11. April aus Essen kommend über die Aktienstraße in Mülheim einmarschiert waren, ohne dabei auf Widerstand der Wehrmacht zu treffen, die sich bereits zurückgezogen hatten.“


Ihren ersten schwarzen GI sahen Auberg und seine anderen Mitschüler nicht in Mülheim, sondern auf ihrem Heimweg dorthin, der sie auch durch Berchtesgaden führte. „‘Come on, boys‘ sagte er zu uns und schenkte uns Schokolade und Kaugummi. Dabei war er überrascht, dass wir Englisch sprechen und ihn verstehen konnten“, erinnert sich Auberg. 


Im Juli 1945 sah der 14-Jährige seine Heimatstadt, eine Trümmerlandschaft, wieder. Dort regierten Not und Hunger. Mit seiner Mutter Else, seinem jüngeren Bruder Horst und seiner Großmutter lebte er im 20 Quadratmeter großen Keller des zerbombten Elternhauses. „Dort regnete es durch. Später konnte mein Onkel Walter Holz, Steine und Zement organisieren, so dass wir notdürftig mit dem Wiederaufbau beginnen konnten, der sich bis 1947 hinziehen sollte“, erinnert sich Auberg. Sein Onkel Hans, der wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft zwischenzeitlich seine Stelle beim stätischen Katasteramt verlor und deshalb in einer Waschmaschinenfabrik an der Charlottenstraße arbeiten musste, machte Heinz derweil mit der klassischen Musik und dem kleinen Einmaleins der Mathematik vertraut.


Sein Vater Heinrich sollte erst 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimkehren und als Straßenbahnschaffner den Lebensunterhalt der Familie verdienen konnte. Bis dahin fuhren Heinz und seine Mutter in überfüllten Zügen zum Hamstern aufs Land nach Hamminkeln und Gifhorn. „Mutter nähte dort für die Bauern und wir bekamen dafür von ihnen Brot, Butter, Kartoffeln, Speck und Wurst“, erinnert sich Auberg. In unguter Erinnerung geblieben sind ihm die Bahnpolizisten, die sich auf der Heimfahrt bei sogenannten Kontrollen sich auch schon mal das eine oder andere erhamsterte Lebensmittel für den Eigenbedarf unter den Nagel rissen.


Unvergesslich bleibt Heinz Auberg auch der Verlust einer Lebensmittelkarte. „Das war eine Katastrophe. Aber ich konnte meinen Fehler wiedergutmachen, in dem ich Zigaretten und Kaugummi, die ich amerikanischen Soldaten aus dem Handschuhfach ihrer Jeeps geklaut hatte, gegen Lebensmittel eintauschte“, erzählt er. Ab dem 1. Oktober 1945 mussten Auberg und seine Klassenkameraden wieder zur Mittelschule. Da ihr altes Schulgebäude an der Ecke Kaiserstraße/Adolfstraße den Bomben zum Opfer gefallen war, wurden die Mittelschulen für Mädchen und Jungen im Schulgebäude an der Oberstraße zusammengelegt. Aber Mädchen und Jungen wurden weiter getrennt unterrichtet. „Wir lernten ohne Bücher und abwechselnd vormittags und nachmittags und bekamen vom Schwedischen Roten Kreuz eine Schulspeise, die aus Erbsen- oder Biskuit-Suppe bestand“, weiß Auberg zu berichten. Auf dem Stundenplan standen Deutsch, Mathematik und Englisch. Aber die jüngste Vergangenheit und ihre politischen Folgen waren in der Schule kein Thema. Der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie und deren philosophischen Grundlagen kamen damals nur in der Jugendgruppe des Styrumer Pfarrers Paul Biermann zur Sprache. Der hatte während der NS-Zeit zur regimekritischen Bekennenden Kirche gehört. Nach dem Unterrichtsende ging es oft zum Steineklopfen und Trümmerräumen in die Stadt. Die geistigen Trümmer zu beseitigen, die die NS-Diktatur hinterlassen hatte, dauerte noch länger. „Ich erinnere mich, dass wir beim Anstreichen unseres Klassenraums das NS-Lied: ‚Ein Junges Volk steht auf, zum Sturm bereit!‘ gesungen haben und dafür beinahe von der Schule geflogen wären“, erinnert sich Auberg. Er räumt ein, dass es für ihn bis in die 1950er Jahre hinein dauerte, ehe er nach der Lektüre von Golo Manns Buch: ‚Deutschlands Weg im 20. Jahrhundert dauerte, ehe er sich endgültig von der NS-Ideologie verabschieden konnte, die das Denken seiner Kindheit und Jugend geprägt hatte.


Dieser Text erschien am 15. April 2020 in NRZ &; WAZ

Sonntag, 12. April 2020

Journalismus 2.0

„Die Menschen haben sich in den letzten 100 Jahren nicht verändert. Sie waren immer schon so dumm und so klug, wie sie es sind. Wir haben das vergessen. Aber jetzt wird das alles durch das Internet und die Sozialen Medien öffentlichkeistwirksam hochgespült.“ So bringt ein Zuhörer im Kardinal-Hengsbach-Saal der katholischen Akademie Die Wolfsburg die Konsequenzen der digitalisierten Medienwelt des Jahres 2020 auf den Punkt.


Auf dem Podium beleuchten die Journalisten Jürgen Domian (WDR), Joachim Frank (Kölner Stadtanzeiger), Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing, der Politikwissenschaftler und Publizist Andreas Püttmann und die Kommunikationswissenschaftlerin und Bloggerin Daniela Sprung die Sonnen- und Schattenseiten der digitalen Medienwirklichkeit, die den Journalismus in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Die Diskussion zeigt: Es gibt kein Schwarz. Es gibt kein Weiß, sondern viele Grautöne und eine große Buntheit mit vielen Baustellen.

„Wir sind noch in einem Übergangs- und Lernprozess. Die Digitalisierung hat auch uns schreibenden Journalisten ungeahnte Reichweiten verschafft. Aber bisher ist die Frage unbeantwortet, wie Qualitätsjournalismus im Print-Bereich angemessen bezahlt werden soll, da die Verlage bisher nicht an der Solidarabgabe für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk partizipieren“, sagt Joachim Frank, Mitglied des Zentralkommitees Deutscher Katholiken und Vorsitzender der mitveranstaltenden Gesellschaft katholischer Publizisten. Er weist darauf hin, dass die Digitalisierung den Aufstieg von Politikern á la US-Präsident Donald Trump, die die Politik in die 140 Zeichnen einer Twitter-Nachricht ordnen, erst möglich gemacht habe. Nach Ansicht des Journalisten und Buchautoren wird die Computertatstatur in Zeiten von Twitter, Facebook und Instagram immer öfter wie ein mittelalterlicher Morgenstern eingesetzt. Frank plädiert für „spürbare Folgen“, auch in Form eines SEK-Einsatzes, wenn Internetnutzer die Anonymität des Netzes zum Beispiel dazu benutzen, um Politiker mit dem Tod zu bedrohen.


WDR-Mann Jürgen Domian hat angesichts mancher erschreckend menschenverachtenden Zuhörer- und Zuschauer-Tweets den Eindruck gewonnen, „dass manche Menschen in der Anonymität des Netzes ihren Anstand verlieren und Dinge rausrotzen, die sie sich im normalen Leben niemals zu sagen trauten. Mit Blick auf den Medienkonsum der jungen Generation, weg von Fernsehen, Hörfunk und Zeitung, hin zu Internet und Netz-Plattformen á la Youtube, sieht Domian die klassischen Medien unter einem verstärkten Digitalisierungsdruck, „weil unsere Medienangebote heute internetkompatibel sein müssen, um auch das junge Publikum noch zu erreichen.“ Kritisch sieht Domian, dass der Einfluss zum Teil extremer Ansichten, die durch das Internet in die Öffentlichkeit transportiert werden, auch differenziert und solide arbeitende Medienmacher „nervöser gemacht hat.“ Auch markanten Politiker-Persönlichkeiten wie Franz-Josef Strauß, Herbert Wehner und Helmut Schmidt wären, so glaubt Domian, in Zeiten der digitalen „Empörungswellen heute schnell wieder von der Bildfläche verschwunden. Auf der anderen Seite räumt der Hörfunk- und Fernsehmoderator ein, „dass das Internet und die Sozialen Medien unsere Gesellschaft demokratischer gemacht haben und wir deshalb eine neue Meinungsvielfalt aushalten müssen.“


„Wir brauchen mehr Medienkompetenz und einen Minimal-Kodex für das im Internet publizierende Publikum“, fordert Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing. In der digitalisierten Medienwelt sieht sie nicht nur Journalisten, sondern auch Mediennutzer in der Verantwortung. strafwürdige Entgleisungen im Internet dürften nicht nur gelöscht, sie müssten auch angezeigt und verfolgt werden. Generell ist die Medienwissenschaftler im Angesicht der multimedialen Welt davon überzeugt, „dass wir heute in unserer Demokratie mehr denn je einen fundierten Journalismus brauchen, der in der Lage ist, Fakten zu bewerten und einzuordnen.“ Positiv sieht die Professorin, „dass die Digitalisierung auch mehr Recherche- und Vermittlungsmöglichkeiten geschaffen“ habe.

Auch der im Kurznachrichtendienst Twitter sehr aktive Journalist und Politikwissenschaftler Andreas Püttmann möchte die Vorteile des Internets nicht mehr missen. Dennoch fordert er einen wehrhafteren Staat, der die Demokratie auch mit dem Mittel der ausgedehnten Datenvorratsspeicherung vor Extremisten schützt, „die mit ihrem im Netz verbreiteten Hass-Botschaften unsere Gesellschaft vergiften und selbst in bildungsbürgerlichen und christlichen Kreisen die Radikalisierung fördern.“ Ein Staat kann nach Ansicht Püttmanns „genauso kippen wie ein See, wenn seine Ökologie vergiftet wird.“ Wie Professorin Prinzing, die die von ihm geforderte Ausweitung der Datenvorratsspeicherung ablehnt, sieht Püttmann die mit einer Personalausdünnung, zunehmend prekären Arbeitsverhältnissen und Arbeitsverdichtung einhergehende Strukturveränderung der Medienlandschaft als existenzielle Gefahr für die journalistische Qualität. 


Die Bloggerin und Kommunikationswissenschaftlerin Daniela Sprung sieht seriöse Medien, aber auch staatliche Behörden, heute in der Pflicht, ihre Internetseiten so publikumswirksam und interaktiv zu gestalten, dass sie in der Meinungs- und Informationsvielfalt des Netzes auch bestehen und ihre Botschaften an die Frau und den Mann bringen könnten. Eine gute und breite Medienbildung auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen Altersgruppen ist für Sprung die in der digitalen Mediengesellschaft lebensnotwendige „Fähigkeit, Informations- und Meinungsquellen gegeneinander abwägen und einordnen zu können.“ Die Probleme des Internets sieht sie als menschengemacht an und warnt deshalb auf einer grundsätzlichen Ablehnung des Internets. Vielmehr fehle es, so Sprung, bei vielen Medienmachern und Plattform-Betreibern zu oft an „Haltung, Führung und klaren Ansagen.“ Unabhängig von der journalistischen Qualität sieht sie in der digitalen Medienwelt einen Trend zu kurzen und schnellen Informationen. Dies, so Sprung, habe zum Beispiel die CDU bei ihrer Reaktion auf die Angriffe des Video-Bloggers Rezo sträflich mussachtet.




Samstag, 11. April 2020

Als die Amerikaner kamen

11. April 1945: Soldaten der 17. amerikanischen Luftlandedivision marschieren am frühen Morgen in Mülheim ein und beenden damit für die 88.000 Menschen, die in der Trümmerstadt an der Ruhr leben, den Krieg. Bei Kriegsbeginn hatte die Stadt noch fast 137.000 Einwohner. Wenige Tage vor dem Einmarsch hat Oberbürgermeister Edwin Hasenjäger die städtischen Lebensmittelvorräte auflösen und an die Bürger verteilen lassen. Die Stadt hat mit dem Krieg 160 Luftangriffe überlebt. 4600 Mülheimer haben den Krieg nicht überlebt. Noch am Tag vor dem amerikanischen Einmarsch sterben acht Mülheimer durch Artilleriebeschuss und Granaten an der Sandstraße und an der Liebigstraße. 3100 Mülheimer gelten bei Kriegsende als vermisst. 800.000 Kubikmeter Schutt liegen auf den Straßen der Stadt. Jedes dritte Haus ist zerstört. Bis zur bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht wird es noch einmal fast einen Monat dauern. Die 183. Volksgrenadierdivision der Wehrmacht hat sich nach Mintard und auf den Auberg zurückgezogen. Von dort aus nehmen sie die amerikanischen Truppen unter Beschuss, ohne damit militärisch etwas ausrichten zu können. Auch die Sprengung fast aller Ruhrbrücken sowie die Thyssen- und die Siegfriedbrücke halten die Amerikaner nicht auf. Nur die Schloßbrücke, unter der wichtige Versorgungsleitungen verlaufen,  übersteht das Kriegsende, weil Unteroffizier Rudolf Steuer die ihm befohlene Sprengung nicht ausgeführt hat. Dafür bedankt sich die Stadt später bei ihm, in dem sie ihm beim Wiederaufbau seines Hauses hilft. Auch der Verwaltungsrat Reichert macht sich verdient, indem er in Styrum die Sprengung des Wasserwerks verhindert.


Die amerikanischen Truppen rücken von Essen aus über die Aktienstraße, aber auch über die Mellinghofer- und die Oberhausener Straße sowie über den Dickswall bis in die Innenstadt vor. Kinder laufen den US-Soldaten mit weißen Taschentüchern entgegen und werden von ihnen mit Schokolade beschenkt. Am Dickswall kommt es zu einzelnen Schusswechseln mit den letzten Männern des Volkssturms. An der Ecke Leibnitzstraße/Kämpchenstraße feuert ein Mann des deutschen Volkssturms eine Panzerfaust ab, trifft damit aber nur ein Haus. Daraufhin nehmen die GI den Straßenzug mit ihren Maschinengewehren unter Feuer und durch später die angrenzenden Häuser. Doch das sind Rückzugsgefechte, die keine militärische Bedeutung mehr haben. Auch die von Volkssturmmännern als Panzersperren auf der Duisburger Straße aufgestellten Straßenbahnwagen bleiben wirkungslos. Die Amerikaner können sie ebenso mühelos bei Seite räumen wie die Bäume, die als provisorische Panzersperren an der Aktienstraße gefällt worden sind . Im Wehrbezirkskommando an der Kämpchenstraße nehmen Gis den Standortältesten Oberst Stein und seinen Kommandostab fest.


Um 9.40 Uhr übergibt Major Harry J. Mrachek als Befehlshaber der amerikanischen Truppen dem damaligen Oberbürgermeister Edwin Hasenjäger die ersten Bekanntmachungen und setzt seinen Kameraden Major Keene als ersten Stadtkommandanten ein. „Gehen Sie nach Hause, damit Sie nicht in Gefahr kommen“, verbreiten die Gis per Lautsprecherdurchsagen. Zu den ersten Maßnahmen der amerikanischen Militärregierung, die im Juni durch eine britische ersetzt wird, ist die Einquartierung der Zwangsarbeiter in den Kasernen an der Kaiserstraße und am Steinknappen. Die insgesamt rund 1000 Zwangsarbeiter haben zuvor in Barackenlagern gelebt und sind plötzlich frei, nachdem sich ihre Bewacher abgesetzt haben. Wohl wissend um das Unrecht, das den nach Deutschland verschleppten Menschen in ihrer Stadt widerfahren ist, haben viele Mülheimer jetzt Angst vor Plünderungen und Übergriffen. Tatsächlich werden in den Tagen nach dem amerikanischen Einmarsch zum Beispiel die Lebensmittel-Magazine der Styrumer Röhrenwerke und die entsprechenden Magazine in der Kaserne an der Kaiserstraße geplündert. Wenige Wochen nach ihrem Einmarsch beginnen die Amerikaner in Mülheim damit, ehemalige NSDAP-Mitglieder aus ihrem Dienst in der Stadtverwaltung zu entlassen. Einer von 274 städtischen Beschäftigten, die aufgrund ihrer Parteimitgliedschaft bis 1946 ihre Stelle verlieren, ist Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger. Obwohl die britische Militärregierung als „unbelastet“ einstufte und ihn im Oktober 1945 ins Amt zurückholte, musste er im April 1946 auf Druck von SPD und KPD als OB zurücktreten. 

Dieser Text erschien am 11. April 2020 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 9. April 2020

Ulrich Schreyer geht in die Verlängerung

Eigentlich wollte der durch ein Augenleiden gehandicapte Ulrich Schreyer als Geschäftsführer des Diakoniewerks Arbeit und Kultur Ende April in den Ruhestand gehen. Doch nachdem sich das Diakoniewerk aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen nach nur drei Monaten von seiner Nachfolgerin Nadine Soth getrennt hat, übernimmt Schreyer jetzt wieder Verantwortung in der ersten Reihe.
„Ich hatte zuletzt im Background gearbeitet und bin über die jetzige Situation nicht beglückt. Aber sie ist wie sie ist. Und deshalb habe ich mich nach eingehender Beratung mit meinen Ärzten dazu entschlossen, der intensiven Bitte des Aufsichtsrats zu folgen und bis Ende des Jahres erneut die Geschäftsführung zu übernehmen.“, erklärt Schreyer.
Das Diakoniewerk an der Georgstraße, das insgesamt 280 Mitarbeiter beschäftigt, davon 35 im Festangestellten-Verhältnis, wurde wie andere Unternehmen von der Corona-Krise, hart getroffen. „Alle Geschäfte und Werkstätten sind zu“, schildert Schreyer die aktuelle Lage. Für einige der 35 festangestellten Mitarbeiter hat er inzwischen Kurzarbeitergeld beantragt. Wohnungsauflösungen, Möbelmontage und Renovierungsservice finden derzeit ebenso wenig statt wie der Verkauf von upgecycelten Möbeln, Büchern Hausrat und Secondhand-Kleidung.

Massive Verluste

Die monatlichen Verluste beziffert Schreyer auf 120.000 Euro. „Noch sind wir liquide, weil wir in den letzten Jahren gut gewirtschaftet haben. Aber lange können wir diese Situation nicht durchhalten“, sagt Schreyer. Besonders schmerzt ihn die Situation der Mitarbeiter, die mithilfe der vom Diakoniewerk organisierten und mit Steuergeldern geförderten Beschäftigungsprojekte des sozialen Arbeitsmarktes aus der Langzeitarbeitslosigkeit herausgekommen sind. „In Zeiten, in denen der Staat riesige Rettungsschirme für Unternehmen aufspannt, finde ich schade, dass man diesen Menschen ihren Mehraufwand von 1,50 Euro pro Arbeitsstunde streicht und sie auf den Arbeitslosengeld-II-Regelsatz zurückfallen lässt“, betont der neue und alte Geschäftsführer des Diakoniewerks. „Wann können wir wiederkommen?“ fragen ihn diese Mitarbeiter. Doch Schreyer muss ihnen die Antwort schuldig bleiben, ebenso wie die nach den langfristigen Perspektiven der in den 1980er Jahren gegründeten gemeinnützigen GmbH. „Wir müssen jetzt sehen, wie wir durch die Krise durchkommen und welche Prüfungen uns noch bevorstehen. Klar ist für mich nur, dass es nach dieser Krise eher weniger als mehr Arbeitslose geben wird und das das Diakoniewerk deshalb auch in Zukunft gebraucht wird“, skizziert Schreyer seine Handlungsperspektive und die seiner Nachfolger.
Derzeit hält Schreyer mit zwei Mitarbeiterinnen in der Verwaltung an der Georgstraße die Stellung. Er kümmert sich um Buchungen, beantwortet telefonische Anfragen und managt darüber hinaus das zum Diakoniewerk gehörende stationäre Hospiz an der Friedrichstraße. „Hier geht es vor allem darum wie man die Gäste und Mitarbeiter im Hospiz vor den Folgen der Corona-Pandemie schützen kann“, erklärt Schreyer. Zwei hauswirtschaftliche Mitarbeiterinnen des Diakoniewerkes kochen weiterhin für das Hospiz. Zwei Fahrer entleeren täglich die Altkleider-Container des Diakoniewerkes. Und drei weitere Mitarbeiter nehmen täglich von 9 bis 12 Uhr an der Georgstraße kleine Sachspenden wie Hausrat und Kleidung entgegen.


Mittwoch, 1. April 2020

Menschliche Nähe & Soziale Distanz


„Ich vermisse die täglichen Spaziergänge mit meiner Frau an der Ruhr. Das macht mich sehr traurig. Damit kann ich schlecht umgehen“, sagt Karl-Heinz Sell. Der 80-Jährige ist seit drei Monaten im Franziskushaus am Leinpfad zuhause, zusammen mit 115 anderen pflegebedürftigen Senioren. Normalerweise ist das Ruhrufer nur wenige Schritte entfernt. Doch seit dem 13. März ist es für die Bewohner des Franziskushauses unerreichbar.


Jetzt müssen Sell und seine Mitbewohnerinnen Gisela Bormann (80) und Ursula Heidermann (92) telefonisch Kontakt mit den Menschen halten, die ihnen am Herzen liegen. Sell telefoniert täglich mit seiner Frau und einmal pro Woche mit seinen drei Kindern, die in Norwegen und Hessen leben. „Natürlich sprechen wir darüber, wie sich die Dinge in der Welt entwickeln und wünschen uns gegenseitig, dass wir gesund bleiben“, sagt Sell. Ursula Heidermann telefoniert täglich mit einer alten Freundin, die sie noch aus der Wandergruppe der Naturfreunde kennt. Kraft schöpft sie auch, wenn sie mit ihrem Rollator in den gut abgeschirmten Garten auf der Rückseite des Franziskushauses geht. „Ich arbeite, zupfe und pflanze dort ein bisschen am Hochbeet. Die Arbeit in der frischen Luft und der Sonnenschein tun mir gut und erinnern mich an den großen Garten, den ich früher hatte“, sagt Heidermann. Die Corona-Krise kommentiert sie gelassen: „Ich bin hier gut versorgt und was kommen soll, das kommt!“


Ihre Mitbewohnerin Gisela Bormann (80) hat inzwischen die neueste telekommunikative Errungenschaft des Franziskushauses, einen mit Videotelefonie ausgerüsteten Tablet-PC genutzt, um etwas von ihrer Tochter zu sehen und zu hören, die mit ihrer Familie in Boston an der US-Ostküste lebt. „Sie und ihr Mann arbeiten im Homeoffice und gehen nur zum Einkaufen raus“, erzählt sie und fügt noch hinzu: „Wir sind uns einig, dass Herr Trump auf die Corona-Krise völlig falsch reagiert hat.“


Gerade weil die Bewohner bis auf weiteres keine Besucher empfangen können, ist man in dem zur Contilia-Gruppe gehörenden Pflegeheim darum bemüht, auf diesem Weg und durch das sogenannte “Fensterln“ Bewohnern und ihren Angehörigen auch einen Blickkontakt zu ermöglichen. Das Fensterln findet dabei auf der Café-Terrasse des Franziskushauses statt, wobei Bewohner und ihre Angehörigen sich auf einen Sicherheitsabstand von drei bis vier Metern sehen und hören können.

 „Wir dürfen die Türen nicht aufmachen und keine Besucher hereinlassen. Unsere Mitarbeiter müssen jeden Tag neue Kleidung anziehen. Sie dürfen die Bewohner nur noch mit Mundschutz pflegen. Viele der entsprechenden Masken sind von Mitarbeiterinnen und ehrenamtlichen Helfern genäht und mit freundlichen Motiven, vom Einhorn bis zum Smiley versehen worden. Außerdem haben wir alle Gemeinschaftsveranstaltungen, wie das Kegeln, Bingo oder den Gymnastikkreis abgesagt und arbeiten nur noch auf den Gruppen. Auch in den Speiseräumen sitzen die Bewohner jetzt in einem Sicherheitsabstand zueinander“, beschreibt die Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg die Folgen der Corona-Krise und der damit verbundenen Kontaktsperre für den Pflegealltag im Franziskushaus.

In der ersten Woche der Kontaktsperre musste Lützenburg vor allem die Angehörigen der Bewohner am Telefon beruhigen. „Viele hatten Angst, dass ihre Angehörigen nicht mehr genug Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie nicht mehr selbst ins Haus kommen und ihre Verwandten besuchen können“, sagt Lützenburg. Doch diese Befürchtungen konnten inzwischen durch eine entsprechende Kommunikation und Information zerstreut werden. „Denn wir machen das, was wir vorher im größeren Kreis gemacht haben, jetzt im individuellen Einzelkontakt oder im kleineren Kreis von zwei oder drei Bewohnern mit einem entsprechenden Sicherheitsabstand“, erklärt die unter anderem für den sozialen Dienst im Franziskushaus zuständige Mitarbeiterin Jessica Hagemeier. Und so gibt es in den Wohngruppen des Franziskushauses auch weiterhin kleine Zeitungs,- Handarbeits- oder Gymnastikkreise. Besonders gut kam bei den Bewohnern das Gartenkonzert eines Musikers an, der den bei dieser Gelegenheit an den Fenstern des Franziskushauses zuschauenden und zuhörenden Bewohnern mit alten Schlagern die Zeit vertrieb. „Bei: ‚Rote Lippen sollst du küssen‘ und: ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt‘, wurden schöne Erinnerungen wach“, erzählt Ursula Heidermann.


Mit ihr freuen sich nicht nur Gisela Bormann und Karl-Heinz Sell auf einen Clown, der sich für die kommende Woche zum nächsten Garten-Open-Air am Franziskushaus angesagt hat. Darüber hinaus sucht Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg schon nach einer kleinen Theatergruppe, die im Garten des Pflegeheims dessen Bewohner vielleicht mit Sketchen oder einem kleinen Lustspiel zum Lachen bringen könnte. Wer Lust auf ein Gastspiel hat kann sich per Mail (franziskushaus@contilia.de) gerne an das Franziskushaus wenden.

„Die Mitarbeiterinnen leisten hier wirklich unglaubliches und begegnen uns derzeit besonders freundlich und zugewandt“, sind sich Gisela Bormann und Ursula Heidermann einig. Und Einrichtungsleiterin Jennifer Lützenburg freut sich „über die spürbare Solidarität unter den Pflegekräften, die jetzt alle Querelen beiseitelassen und mit erhöhter Stundenzahl Hand in Hand arbeiten.“ Als Teil dieser Solidarität erlebt sie auch die Pflegeschüler, die ihre durch die Corona-Krise erzwungenen Schulferien nutzen, um ihren Kollegen im Franziskushaus unter die Arme zu greifen. „Das zeigt mir, dass diese jungen Leute sich ihren Beruf nicht zufällig ausgesucht haben“, lobt Jennifer Lützenburg.

Dieser Text erschien am 1. April 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche


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