Mittwoch, 22. April 2020

Als die Stadt in Trümmern lag

Als die Amerikaner am 11. April 1945 mit ihrem Einmarsch den Zweiten Weltkrieg beendeten, lag der damals 17-jährige Mülheimer Horst Heckmann, weit ab seiner Heimat, in einem mecklenburgischen Lazarett und kurierte dort Fußverletzungen aus, die er sich durch das Marschieren in seinen viel zu kleinen Wehrmachtsstiefeln zugezogen hatte. „Das war mein großes Glück. Denn wäre ich bei meiner Einheit geblieben, die an der Oder von der Roten Armee vollständig vernichtet worden ist, hätte ich den Krieg nicht überlebt“, erinnert sich Heckmann. Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett meldete er sich nicht, wie befohlen, bei der nächsten Wehrmachtsdienststelle, sondern beging mit zwei Kameraden Fahnenflucht und schlug sich zu Fuß und im Gefolge von ostpreußischen Flüchtlingstrecks gen Westen durch.

Südlich von Schwerin gingen Heckmann und seine Kameraden in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurden später von den Briten übernommen. Nach einer Zwischenstation in Schleswig-Holstein und im berühmt-berüchtigten Wiesenlager bei Rheinberg, wo 1000de deutscher Kriegsgefangener unter freiem Himmel kampieren mussten, erreichte er im Juli 1945 auf einem britischen Militärlaster seine in Trümmern liegende Heimatstadt. „Die Briten hatten mich aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, weil ich angegeben hatte, im Ruhrbergbau arbeiten zu wollen. Bergleute wurden damals dringend gebraucht“, erinnert sich Heckmann. Doch als er dann wieder zuhause war, „stellte sich heraus, dass ich viel zu schwach und unterernährt war, um wie einige meiner Onkel zum Beispiel auf der Zeche Wiesche oder in der Friedrich-Wilhelms-Hütte arbeiten zu können.“

Doch Heckmann hatte Glück im Unglück. Sein Elternhaus an der Heinrichstraße stand noch und hatte, „abgesehen von einigen Brandschäden auf dem Speicher“, die Luftangriffe auf Mülheim leidlich überstanden. Dort konnte er zusammen mit seinem Vater Heinrich leben, allerdings sehr beengt auf nur einem Zimmer, weil der Wohnraum mit ausgebombten Nachbarn geteilt werden mussete. „Heißen hatte den Luftkrieg, anders als die Innenstadt, vergleichsweise glimpflich überstanden. Hier waren nicht ganz so viele Häuser zerstört worden“, erinnert sich Heckmann. „Was können wir heute essen, um zu überleben?“ formuliert er die zentrale Frage, die alle Mülheimer in den ersten Nachkriegsmonaten und darüber hinaus umtrieb. „Mein Vater und ich sind oft zu den Bauern nach Menden geradelt, um dort Eier, Speck und Kartoffeln zu hamstern. Mein Vater kannte sie noch als Kunden aus seiner Vorkriegszeit als Kurzwarenhändler und Hausierer“, erzählt Horst Heckmann.

Er erinnert sich daran, dass „die seit dem Juni 1945 im Rathaus einquartierten Offiziere der britischen Militärregierung im öffentlichen Leben Mülheims sehr zurückhaltend auftraten und daran, dass die Hauptstraßen relativ schnell trümmerfrei waren und selbst in stark kriegsbeschädigten Häusern Geschäfte eröffneten.“ Doch Lebensmittel, so Heckmann, habe es damals nur auf Lebensmittelkarten gegeben und oft habe man lange anstehen müssen, um etwas zu bekommen. Der 1928 geborene Mülheimer, der heute in Styrum lebt, hat die ersten Nachkriegsmonate als eine Zeit der Niedergeschlagenheit und der Orientierungslosigkeit in Erinnerung behalten. „Als Mitglied der Hitler-Jugend hatte ich daran geglaubt, dass Deutschland einen gerechten Krieg führe. Doch jetzt musste ich einsehen, dass wir von einem verbrecherischen Regime verraten und verkauft worden waren und dass unser jugendlicher Idealismus missbraucht worden war“, beschreibt Horst Heckmann seine Stimmungslage in den ersten Nachkriegsmonaten. Damals hielten sich sein Vater und er mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Aus Schrotteilen bauten sie Fahrräder, die sie dann wieder gegen Lebensmittel eintauschen konnten. Doch Heckmann erinnert sich im Rückblick auf die ersten Nachkriegsmonate in Mülheim auch „an das befreiende Gefühl, dass wir jetzt im Frieden lebten und nicht mehr in den Luftschutzkeller laufen mussten.“ Im Oktober 1945 brachen die beiden Heckmänner von Mülheim nach Thüringen auf. Denn dort lebte ihre Mutter und Frau Emma. Hier hatte Horst Heckmann seine Mittlere Reife gemacht, nachdem seine Mülheimer Schule, die Mittelschule für Jungen, im Juni 1943 von Bomben zerstört worden war. Und hier sollte er in den ersten Nachkriegsjahren als Volksschullehrer arbeiten, ehe er aus  politischen Gründen die junge DDR wieder verließ und mit seinen Eltern in der alten Heimat Mülheim ein neues Leben als Bürokaufmann anfing. In der Rückschau auf die Nachkriegszeit staunt Heckmann noch heute darüber, wie schnell die Stadt wiederaufgebaut und mit neuen Leben gefüllt worden ist. „Die Menschen hatten nach dem Krieg einen enormen Nachholbedarf und wollten einfach nur leben“, sagt Heckmann. Und wenn er auf die heutige Krise schaut, dann hat er vor dem Hintergrund seiner Kriegs- und Nachkriegserfahrungen das Gefühl, „dass ich das nicht so tragisch nehme, wie es vielleicht angemessen wäre.“
Dieser Text erschien am 21. April 2020 in NRZ &WAZ

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