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Samstag, 23. Dezember 2023

Systemrelevant

 Viele Menschen treten aus der Kirche aus, auch wenn sie sich mit dem christlichen Glauben verbunden fühlen. "Ich kann auch für mich alleine glauben. Mein Glaube ist unabhängig von der Kirche." Sie haben recht. Und doch sehen sie nur die halbe Wahrheit. Das heute nur noch 80.000 der 175.000 Mülheimer Mitglied einer christlichen Kirche sind, hat seine Gründe. Reformunfähigkeit der römischen Kurie und der moralische GAU des  sexuellen Missbrauchs durch Priester sind in der katholischen Kirche nur zwei zentrale Ursachen dafür, dass selbst bisher aktive Kirchenmitglieder über Austritt nachdenken oder ihn schon vollzogen haben. Was viele KirchenaustreterInnen nicht sehen ist, dass sie mit ihren verständlichen Schritt gesellschaftspolitische Organisation schwächen, die in Wort und Tat der zunehmenden Ökonomisierung unserer Gesellschaft eine soziale Ethik der Menschenwürde entgegenhalten und damit, all ihren unbestreitbaren Defiziten zum Trotz, einen aktiven Beitrag zum Schutz der Menschenwürde leisten, der nicht von ungefähr im Artikel 1 unseres Grundgesetzes steht und in dessen Artikel 79 mit einer Ewigkeitsklausel versehen ist. 

Mit der katholischen Caritas und dem evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr haben im Dezember gleich zwei wichtige kirchliche Akteure einen Führungswechsel vollzogen. Damit haben sie das Personal gewechselt. Aber die Aufgaben bleiben. Dass die neuen Caritas-Vorstände Stefani Harrenberg und Georg Jöres von ihren in den Ruhestand verabschiedeten Vorgängerinnen Regine Arntz und Martina Pattberg einen Sozialverband übernehmen, dessen hauptamtliche Mitarbeiterzahl in ihrer Amtszeit von 72 auf 400 angestiegen ist, die zum Beispiel in der Familienhilfe, in der Erziehungsberatung, in der Betreuung psychisch kranker Menschen sowie in der Kindertagesstätten,- Schul- und Jugendarbeit aktiv sind, zeigt, dass es sich hier nicht um einen kirchlichen Selbstzweck, sondern um ein zunehmendes gesellschaftliches Bedürfnis handelt. Und was für die 1920 vom Ruhrpastor Konrad Jakobs gegründete Caritas gilt, gilt auch für den seit 1870 bestehenden Evangelischen Kirchenkreis. Der hat gerade mit dem Styrumer Pfarrer Manfred Manz seinen 17. Superintendenten ins Amt eingeführt. 

Der Präses der Rheinischen Landeskirche, Dr. Thorsten Latzel, tat gut daran, bei dieser Gelegenheit den Auftrag der Bergpredigt Jesu in Erinnerung zu rufen: "Ihr seid das Licht der Welt und das Salz der Erde." Daran schloss der in 30 Pfarrerjahren kampferprobte Michael Manz an, "der sich selbst als einen positiven Unruhestifter, der sich gesellschaftspolitisch einmischen wird, auch wenn uns das als Kirche nicht immer nur beliebt machen wird." Auch die Sozialarbeit der Evangelischen Kirche, wie sie etwa im Rahmen der Diakonie, des Diakoniewerkes und der Evangelischen Altenhilfe geleistet wird, ist ebenso ein Kontrapunkt und ein Kontrastprogramm zur Ökonomisierung unserer Gesellschaft, wie sie die jetzt von Georg Jöres und Stefani Harrenberg geleitete Sozialarbeit der Caritas ist.


Nicht vergessen werden darf, dass die christlichen Kirchen auch eine soziale und ethische Plattform sind, in der sich Menschen mit ihren Talenten zu aktiven und kreativen Gemeinschaften zusammenfinden. Die Lila Feen, die seit 13 Jahren als ehrenamtliche Zeitschenkerinnen alleinerziehende Eltern entlasten und dafür beim ökumenischen Jahresempfang der christlichen Stadtkirchen zurecht mit deren Hoffnungspreis ausgezeichnet worden sind, sind ein Beispiel dafür. Die 150 ehrenamtlich aktiven Caritas-Mitarbeiter und die von der Caritas und der Neuen Ruhrzeitung im Advent durchgeführte Wunschbaum- und Paketaktion, bei der mithilfe großherziger Menschen 1500 Pakete voller guter Gaben an die bedürftige Frau und den bedürftigen Mann gebracht wurden, ist ein weiteres Beispiel für viele.


Caritas & Kirchenkreis & Autor

Mittwoch, 1. März 2023

Das Ende einer Kirche

 Die Kirche bleibt im Dorf. Die Kirche. Das ist Herz Jesu. Das Dorf ist der Mülheimer Stadtteil Broich. Doch nichts mehr ist so, wie es bis zum 25. Februar war, zumindest für den katholischen Teil der Broicher. Denn an diesem Tag wurde die 1892 eingeweihte Kirche von Weihbischof Wilhelm Zimmermann außer Dienst gestellt. "Ein schreckliches Wort, dass Ihrer Trauer und ihrem Schmerz nicht gerecht wird", gestand Zimmermann den 400 Besuchern des letzten Gottesdienstes in Herz Jesu.

"Schade, dass die Kirche in den vergangenen Jahren nicht öfter so rappelvoll war, wie heute", räumten einige Gemeindemitglieder ein. Tatsache ist: Die Zahl der katholischen Gemeindemitglieder ist seit 2006 von 20.000 auf 14.000 zurückgegangen. Todesfälle und Kirchenaustritte, nicht nur aufgrund der Missbrauchsfälle im katholischen Priesteramt führen dazu, dass die seit 2006 zur Linksruhrpfarrei St. Mariä Himmelfahrt gehörende Gemeinde Herz Jesu die notwendige Restaurierung ihres Gotteshauses nicht mehr finanzieren kann. Allein in den Jahren 2020 und 2021 haben in Mülheim 1828 katholische Christen ihre Stadtkirche verlassen,

Die Rede ist von einem Imvestitionsbedarf in Höhe von rund zwei Millionen Euro. Nach ihrer Schließung soll die Kirche verkauft und umgewidmet werden. Das Ausschreibungsverfahren des Bistums dauert zunächst bis Ende März. Dann wollen Kirchenvorstand, Pfarrgemeinderat und Pastoralversammlung darüber entscheiden, wie es mit dem denkmalgeschützten Gebäude weitergehn soll.

"Ich habe als Kirchenvorstand emotional gegen die Kirchenschließung gestimmt, kann sie rational aber nachvollziehen", sagte Kirchenvorstand Elke Middendorf nach dem Abschiedsgottesdienst, in dem auch Tränen flossen und Stimmen bei den Fürbitten versagten. Vielen, auch aktiven Gemeindemitgliedern, geht es ebenso wie ihr mit dem Schließungsbeschluss vom vergangenen September. 

Eigentlich hatte das 2018 verabschiedete Pfarreientwicklungsvotum die Schließung von Herz Jesu erst für 2030 in Aussicht gestellt. Mülheim und Broich sind mit den Folgen des demografischen und gesellschaftlichen Wandels nicht allein. Weihbischof Zimmermann weist darauf hin, dass das Ruhrbistum seit seiner Gründung 1958 fast die Hälfte seiner damals noch 1,3 Millionen Kirchenmitglieder verloren hat. Heute leben an der Ruhr noch 720.000 Katholiken.

Die Diskussion beim Imbiss nach dem letzten Gottesdienst in Herz Jesu, wo es noch eine hörbar fantastische Orgel gibt offenbarte Zweckoptimismus, Trauer, Wut, Enttäuschung und Kritik an der katholischen Amtskirche, die sich vor allem in ihrer römischen Zentrale reformunwillig zeigt.

Dass der evangelische Superintendent Gerald Hillebrand die katholischen Christen in Broich zu einer ökumenischen Mitnutzung der evangelischen Nachbarkirche an der Wilheminenstraße einlud, wo auch die Osterkerze von Herz Jesu ihren neuen Platz finden soll, wurde von den Gottesdienstbesuchern mit Beifall quittiert. Nicht wenige Gemeindemitglieder aus Herz-Jesu tuen sich offenbar schwer, nahtlos in die katholische, aber in Speldorf beheimatete Gemeinde St. Michael zu wachsen.

Dass sich die römisch-katholische Kirche unter dem Eindruck der massenhaften Kirchenaustritte reformiert und ökumenisiert, war die hoffnungsvollste Perspektive, die im Kirchenschiff von Herz Jesu zu hören war.

Kritisch angemerkt wurde, dass die Kirche ihre interne und externe Kommunikation verbessern, ihre Kinder,- Jugend- und Familienarbeit verstärken und ihrer Führung verjüngen muss. Auch Priester, die lebensnäher predigen und sich weniger als Kirchenbeamte, denn als Seelsorger verstehen standen auf der Wunschliste der katholischen Christen aus Broich.


Mülheimer Presse & Katholische Stadtkirche

Samstag, 4. Juni 2022

Und sie bewegt sich doch

 Fast 1000 Mülheimer Katholiken haben ihrer Kirche in den beiden vergangenen Jahren den Rücken gekehrt. Johanna Reh, Maren Hase, Matthias Hase, Franz Weimann und Alfred Beyer aus der Speldorfer Kirchengemeinde St. Michael erklären im Gespräch mit dieser Redaktion, warum sie sich weiter in ihrer Kirche engagieren und sich wünschen, dass wieder mehr Menschen den Weg in ihre Gemeinde finden.

Die katholische Kirche ist besser als ihr Ruf, der durch Missbrauchsfälle schwer gelitten hat. Davon sind diese engagierten Mülheimer Katholiken überzeugt. „In der Öffentlichkeit wird oft ein Zerrbild der Kirche gezeichnet, dass mit der Kirche vor Ort nichts zu tun hat. Wir sind viel toleranter und aufgeschlossener als viele glauben“, sagt der Vorsitzende des Fördervereins von St. Michael, Franz Weimann.

Um die kirchliche Willkommenskultur auch nach außen zu signalisieren, lud die zur Linksruhr-Pfarrei St. Mariä Himmelfahrt gehörige Gemeinde kürzlich zu einem Gottesdienst ein unter dem Motto: „Eine Gemeinde stellt sich unter den Regenbogen - alle sind willkommen“. Vor rund 150 Gottesdienstbesuchern wurden Menschen vorgestellt, die einen Querschnitt unserer Gesellschaft darstellen.

„Wir wollen und müssen als Gemeinde deutlich machen, dass wir keine Berührungsängste gegenüber Menschen haben, die nicht zur aktiven Kerngemeinde gehören“, sagt Weimann. Diese Kerngemeinde schätzt er in St. Michael auf gut 300 Personen und wünscht ihr ein neues Wachstum.

Der im inklusiven Behinderten- und Rehabilitationssport engagierte Speldorfer Alfred Beyer lobt vor allem den Sonntagstreff, zu dem die Gemeinde nach ihren Zehn-Uhr-Gottesdiensten ins Gemeindezentrum an der Schumannstraße 17 einlädt. „Hier passiert unheimlich viel“, sagt Beyer über den Treff, beim dem auch Nicht-Katholiken ausdrücklich willkommen sind.

„Zwei unserer Gruppenleiter leben offen homosexuell. Das ist gar kein Thema. Und wenn ein Obdachloser beim Sonntagstreff vorbeischaut, bekommt er selbstverständlich eine Gratis-Waffel“, berichtet Johanna Reh, Leiterin der Pfadfinder. Mit Matthias und Maren Hase ist sie sich einig, „dass die katholische Kirche für die unterschiedlichen Lebensstile der Menschen offen sein muss, wenn sie diese nicht verlieren will“.

Ob beim klassischen Sonntagsgottesdienst um 10 Uhr, bei den frühmorgendlichen Gottesdiensten (6 Uhr) in der Fasten- und in der Adventszeit, beim Waldgottesdienst oder beim Familien-Überraschungsgottesdienst am Freitag - die Michaelianer haben keine Angst davor, die christliche Liturgie mit kreativen und geselligen Formen einladender zu gestalten. Die engagierten Speldorfer sind sich einig, „dass Laien im Gemeindealltag immer mehr Verantwortung übernehmen müssen, weil die priesterliche Hierarchie allein gar nicht mehr in der Lage ist, das Gemeindeleben aufrechtzuerhalten“.


Meine Beiträge in NRZ/WAZ

Samstag, 19. Februar 2022

Don Boscos Erben

 In einer Zeit, in der die katholische Kirche aus gutem Grund schlechte Schlagzeilen bekommt, tut es gut, auch mal über die guten Seiten der Kirche zu berichten, zum Beispiel über das 100-jährige Wirken der Salesianer Don Boscos und der Don-Bosco-Schwestern in Essen-Borbeck.

Die Stadt im Ruhrgebiet war der erste Standort, den die 1854 und 1872 von Giovanni Don Bosco in Turin  geründeten Ordensgemeinschaften in Deutschland aus der Taufe hoben. Dass es dazu erst nach dem Ersten Weltkrieg kam, war den Spätfolgen des preußischen Kulturkampfes der 1870er Jahre geschuldet, die erst 1917 mit der Aufhebung des Ordenszulassungsverbotes beseitigt worden war.  Bedarf an Seelsorge und sozialer Fürsorge war und ist in der von der Industrie geprägten Ruhrstadt reichlich gegeben, Seelsorge und soziale Fürsorge. Das waren für den 1929 von Papst Pius XI. selig und 1934 heilig gesprochenen Giovanni Don Bosco (1815-1888) immer zwei Seiten einer Medaille. 

Seine Ordensleute handfeste Praktiker der Frohen Botschaft und der Pädagogik, ob in der Kindertagesstätte, ob im Gymnasium oder im Haus der offenen Türe, die sie in Essen-Borbeck an der Theodor-Hartz-Straße betreiben. Ihr Leitmotiv ist das Lebensmotto ihres Ordensgründers: "Fröhlich sein. Gutes tun. Und die Spatzen pfeifen lassen, damit Leben gelingen kann."

Diesem Credo folgen die Salesianer und die Don-Bosco-Schwestern auch im Bereich der beruflichen Bildung, in der Ausbildung später geistlicher Berufungen und im Angebot von Exerzitien. Dabei steht der Name des Salesianerpaters und zwischenzeitlichen Direktors des Essener St. Johannes Stiftes Theodor Hartz, der 1942 im Konzentrationslager Dachau ums Leben kam, für all die Christen, die auch unter dem Druck der NS-Diktatur der Frohen Botschaft des Jesus von Nazareth treu geblieben sind und dies zum Teil mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Aber auch die dunklen Seiten ihrer Essener Ordensgeschichte verschweigen die Salesianer Don Boscos nicht, wenn sie zum Beispiel darauf hinweisen, dass sich auch ein Essener Mitbruder in den 1970er Jahren des sexuellen Missbrauchs eines Don-Bosco-Schülers schuldig gemacht habe.


Zu den Salesianern Don Boscos

und:

Zu den Don Bosco Schwestern

Freitag, 4. Februar 2022

Das Kreuz mit der Kirche

 Die Katholische Kirche ist nicht nur in einer Krise. Sie steckt, zumindest mit Blick auf Deutschland, in einer Existenzkrise. Allein in meiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr haben in den vergangenen zwei Jahren mehr als 1000 Menschen die Katholische Kirche verlassen. Damit hat die Stadtkirche in den vergangenen 30 Jahren etwa 25.000 Mitglieder verloren und nähert sich damit der 40.000-Mitglieder-Grenze.

Auch wenn die Missbrauchsfälle innerhalb der Evangelischen Kirche nicht vergleichbar ist, verzeichnet auch sie nur minimal geringere Austrittszahlen und dokumentiert damit, ebenso wie ihre katholische Schwesterkirche den demografischen und gesellschaftlichen Wandel. Die Interviews, die ich mit Blick auf die neuesten Münchener Erkenntnisse rund um priesterliche Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche geführt habe, offenbaren eine tiefgreifende Erschütterung der katholischen Kirchenbasis und einen ungeahnten Reformdruck und Reformwillen. Dabei fällt auf, dass die fundiert reformorientierten Aussagen des Ruhrbischofs Franz-Josef Overbeck und seines Generalvikars Klaus Pfeffer ausdrücklich gelobt und als Gegenbeispiele zu Äußerungen anderer Bischöfe genannt werden,

Der Reformwille betrifft sowohl kirchliche Amtsträger, wie den Mülheimer Stadtdechanten Michael Janßen, als auch engagierte Gemeindemitglieder, die von ihrer tiefen Erschütterung und Beschämung, aber auch von der Wut auf die eigene Kirche sprechen. Was die Basis besonders hart trifft, ist die Tatsache, dass die Katholische Kirche, die bisher immer durch eine rigide Sexualmoral in Erscheinung getreten ist mit der gelebten Unmoral einiger Priester ihren eigenen und oft verkündeten moralischen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Der Widerspruch zwischen der Frohen Botschaft des Christentums und der in Teilen kriminellen und menschenverachtenden Kirchenpraxis ist für viele katholische Christen zu groß geworden, als dass sie in der Kirche bleiben könnten. Sie sprechen vom Seelenmord an den Missbrauchsopfern und von der fortgesetzten Unfähigkeit der Amtskirche zu einer angemessenen Hilfe für die Opfer des priesterlichen Missbrauchs zu kommen. Neben dem eigentlichen Missbrauchsskandal beschämt die Katholiken von der Basis die Reaktion ihrer Amtskirche auf die erwiesenen Vergehen gegen die Menschlichkeit. Frühere Kirchenskandale, wie etwa die Geldverschwendung des ehemaligen Limburger Bischofs Tebartz van Elst, die Zweckentfremdung des Peterspfennigs für Immobiliengeschäfte oder das ungeklärte Schicksal der Kinder, deren sterbliche Überreste auf dem Grundstück einer ehemaligen kanadischen Klosterschule gefunden worden sind.

Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger), der 1967 ein wunderbares Buch zur Einführung in das Christentum geschrieben hat, wird aufgefordert, sein weißes Papst-Gewand abzulegen. Sogar der Kirchenausschluss des 2013 zurückgetretenen Kirchenoberhauptes wird gefordert. "Von einem emeritierten Papst muss man erwarten, dass er nichts als die Wahrheit sagt und Reue für sein Fehlverhalten zeigt", wird Ratzingers halbherzige und den Sachverhalt relativierende Verantwortungsübernahme für die Missbrauchsfälle in dem zwischen 1977 und 1982 von ihm geführten Erzbistum München-Freising kommentiert. Dabei sagen auch die Katholiken, die ihrer Kirche Adieu gesagt haben: "Wir sind und bleiben Christen, aber wir können nicht Mitglieder dieser Kirche bleiben."

Auch die Katholiken, die sich weniger auf die Kirche als auf das Evangelium Jesu Chriti beziehen und die Kirche deshalb als ihre geistige Heimat ansehen und einen Kirchenaustritt deshalb "als das falsche Signal" oder als "religiöse Fahnenflucht" betrachten, belassen es längst nicht mehr bei den altbekannten Reformforderungen nach der Abschaffung des Pflichtzölibates, der Unfehlbarkeit des Papstes und der Zulassung von Frauen zum Priesteramt.

Selbst der vorsichtige Stadtdechant Michael Janßen sagt im Zeitungsinterview unumwunden: "Wir müssen im Rahmen des synodalen Weges die Machtstrukturen unserer Kirche neu überdenken. Der Schutz der Institution darf niemals über den Schutz der Menschen gehen und die in der Kirche überzeugend gelebten Glaubensbeispiele dürfen nicht von den Missbrauchsskandalen in der Kirche überlagert werden. Es muss also jetzt etwas getan werden, weil es gar nicht mehr anders geht!"

Der heute in der katholischen Ladenkirche an der Wallstraße engagierte Johannes Brands bringt es aif den Punkt, wenn er sagt: "Wir müssen mal wieder ins Evangelium schauen, um zu sehen, was Kirche ist und was Kirche sein kann." Inzwischen hat das Ruhrbistum reagiert. Generalvikar Klaus Pfeffer holt sich vier gleichberechtigte Kollegen ins neue Führungsteam des Ruhrbistums, zudem unter anderem die Leiterin der Katholischen Akademie Die Wolfsburg, Dr. Judith Wolf, gehören wird.


Zu meinen Beiträgen in NRZ und WAZ


Sonntag, 8. Juli 2018

Fans diskutieren über Feindesliebe

Ein Blick in die Schalker Fankneipe Bosch am Ernst-Kuzorra-
Platz in Gelsenkirchen

Die katholische Kirche kann noch Wunder bewirken. Nach dem deutschen WM-Aus und vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison diskutierten Fußballfans der rivalisierenden Revierclubs Borussia Dortmund und Schalke 04 ganz friedlich im Schalker Vereinslokal "Bosch" über das Thema Feindesliebe. Eingeladen zu der Diskussion mit dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer hatte die Katholische Akademie des Bistums Essen "Die Wolfsburg".

Stadion und Fußball seien ein Spiegelbild der Gesellschaft, sagte Pfeffer in der Diskussion mit christlichen Fußballfans. "Wir brauchen Rivalität, weil ein Leben ohne Rivalität langweilig wäre und keine Fortschritte hervor brächte." Aber trotzdem brauche es in unserer Gesellschaft "Respekt und keine Feindschaft".
Der Sozialarbeiter und Fanbetreuer des FC Schalke 04 Markus Mau nannte die in der Bergpredigt Jesu geforderte Nächstenliebe mit Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit "unrealistisch." Angesichts dieser Kritik präzisierte Pfeffer, Jesus gehe es mit seinem Gebot der Feindesliebe nicht darum, "dass wir uns alle lieb haben und um den Hals fallen, sondern darum, dass wir uns in unserer Verschiedenheit respektieren und erkennen, dass wir bei allen Unterschieden eines gemein haben, nämlich das Menschsein."

Dabei scheute der Generalvikar auch nicht vor der selbstkritischen Einschätzung zurück, "dass so manche Derby-Schlacht in der Fußball-Bundesliga gegen die 'Prügeleien' in der Geschichte der Christenheit geradezu harmlos" sei. Auch mit Blick auf aktuelle politische und kircheninterne Kontroversen müssten Christen ihren Ton immer wieder kritisch hinterfragen.

"Zu uns kommen Leute, die sonst nirgendwohin gehen", so der Sozialarbeiter und BVB-Fanbetreuer Thilo Danielsmeyer. Es seien Leute, "die in der einen Woche dem Fan der gegnerischen Mannschaft eins aufs Maul geben und in der nächsten Woche 2.000 Euro für einen Kindergarten sammeln", warnte er vor Schwarz-Weiß-Sicht auf die Szene der Ultras. Diese kämen nach seiner Erfahrung überwiegend aus gutbürgerlichen Lebensverhältnissen und wollten beim Fußball im Stadion Emotionen ausleben und gemeinsam Spaß haben.

Der Sozialpsychologe Pradeep Chakkarath von der Ruhr-Universität Bochum sieht in der Fußball-Fankultur vor allem einen Ausdruck der "urmenschlichen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung in einer Gruppe". Kritisch sieht Chakkarath auch mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte, "dass sich unsere Gesellschaft derzeit immer stärker polarisiert und die eine gesellschaftliche Gruppe die andere nicht mehr verstehen will." Es brauche Mitgefühl und die Fähigkeit, den anderen bei allen Unterschieden als leidensfähige Kreatur anzuerkennen.

Darüber hinaus widersprach Chakkarath mit dem Hinweis auf den zivilen Ungehorsam Gandhis der These, Feindesliebe sei illusorisch. Der gewaltlose Widerstand Gandhis sei deshalb erfolgreich gewesen, weil sie an die christliche Ethik der britischen Kolonialherrn appellierte und die britischen Besatzer sich diesem Appell auf Dauer nicht entziehen konnten.

Für den Theologen Jens Oboth von der gastgebenden Katholischen Akademie bietet der Fußball mit seinen klaren Regeln und deren konsequenter Durchsetzung "Konfliktlösungsansätze, die wir als Christen auch in andere Lebensbereiche übersetzen können". Dirk Haslinde vom christlichen Fanclub des BVB sieht die Gemeinschaft der Fußballfans für viele als "eine Ersatzfamilie, in der sie Anerkennung und auch Antworten auf Lebensfragen erfahren". Und für die katholische Theologin Anke Ballhausen vom christlichen Fanclub "Mit Gott auf Schalke" gibt es in dieser Familie sogar so etwas wie Liebe: Weil Gott sie liebe, könnten zumindest christliche Fußballfans auch die Fans des Gegners lieben.

Ein Bericht für die Katholische Nachrichtenagentur vom 6. Juli 2018

Montag, 2. März 2015

Alle Schäfchen im Trockenen? Die Kirche zwischen Steuereinnahmen und Sparzwang: Eine Bestandsaufnahme

Immer weniger Kirchenmitglieder, immer weniger Kirchensteuereinnahmen? Die Antwort scheint logisch ganz klar „Ja“ zu sein. Doch so einfach ist es nicht auf eine Formel zu bringen. Denn: Mit der Zahl der Kirchenmitglieder sinken nicht automatisch auch die Kirchensteuereinnahmen. Die seien nämlich immer auch von der konjunkturellen Entwicklung und den steuerrechtlichen Rahmenbedingungen abhängig. Darauf weisen sowohl die evangelische als auch katholische Kirche hin. Zudem sei auch nicht jedes Kirchenmitglied zugleich ein Kirchensteuerzahler.

Und während man beim Bistum im statistischen Durchschnitt mit 211 Euro Kirchensteuereinnahmen pro Kirchenmitglied rechnet und für das laufende Jahr einen Kirchensteuerrückgang von neun Prozent prognostiziert, verbucht man beim evangelischen Kirchenkreis an der Ruhr dagegen ein Plus – nämlich 2013 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) mit 15,55 Millionen Euro ein Kirchensteueraufkommen, das gut eine Million Euro über dem von 2003 lag.

Doch auch wenn die finanzielle Situation der evangelischen Kirche auf den ersten Blick gut aussieht, warnt Superintendent Helmut Hitzbleck vor voreiligen Schlüssen, weil die Lohnkosten, die im Schnitt mehr als 70 Prozent der kirchlichen Haushalte ausmachten, die zwischenzeitlichen Steuergewinne übersteigen und am Ende „unter dem Strich zu einem Minus führen.“ Deshalb sieht er auch für die Zukunft eine Entwicklung die dazu führt, „dass wir als Kirche mit weniger Menschen an weniger Orten, weiterhin die Arbeit leisten, die uns wichtig ist.“ Dazu gehört „neben der Verkündigung des Evangeliums vor allem für die Menschen da zu sein und sie dort, wo sie sozial abgehängt werden, wieder an die Gesellschaft anzukoppeln.“ Nicht ohne Stolz weist Hitzbleck darauf hin, dass man in den vergangenen Jahren trotz Personalabbau niemanden entlassen und sich auch aus keinem Bereich zurückgezogen habe.

Auch für den katholischen Stadtdechanten Michael Janßen steht fest: „Kirche muss weiter im Stadtbild präsent sein und ihre pastorale und soziale Arbeit vor Ort leisten.“ Doch angesichts der Prognose, dass die katholischen Pfarrgemeinden bis 2030 auf 50 Prozent ihrer aktuellen Kirchensteuermittel in Höhe von je 350?000 Euro verzichten müssen, denkt Janßen über kreative Lösungen nach. So kann er sich zum Beispiel vorstellen, aus den drei Pfarrverwaltungen eine zentrale Kirchenverwaltung zu machen und dort, wo das möglich ist, auch Gemeindezentren und Gemeindesäle aufzugeben und stattdessen Kirchen zu erhalten und sie in multifunktionale Gemeinderäume umzugestalten. Denkbar ist für ihn auch, die katholische Heilig-Geist-Kirche in Holthausen künftig ökumenisch zu nutzen. Im Frühjahr beginnen Gespräche zwischen Stadtkirche und Bistumsleitung. Sie sollen bis Ende 2017 zu konkreten Vorschlägen führen.

Doch nicht erst seit gestern passen die Stadtkirchen ihre Strukturen den veränderten demografischen und finanziellen Rahmenbedingungen an. Auf katholischer Seite wurden 2006 aus 15 eigenständigen Pfarrgemeinden drei Großpfarreien mit Gemeinden und Filialkirchen. Auf evangelischer Seite fusionierten die Gemeinden Holthausen, Altstadt und Menden-Raadt zur Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde. Die Gemeinden Broich und Saarn schlossen sich zusammen. Und Styrum, Johannis und Dümpten bildeten die neue Lukaskirchengemeinde. Gleichzeitig wurden im Laufe der letzten Dekade die 12 Gemeindezentren und Kirchen aufgegeben, damit die zuständigen Gemeinden Bauunterhaltungskosten sparen konnten. In einigen Fällen, wie etwa am Schöltges Hof in Dümpten, an der Walkmühlenstraße oder zuletzt im Fall der Friedenskirche am Humboldthain wurden Gemeindeimmobilien verkauft und zum Beispiel für neuen Wohnraum an der Walkmühlenstraße oder eine privat betriebene Urnenbegräbnisstätte am Humboldthain umgewidmet.

Im Mai diesen Jahres steht die Entwidmung der Christuskirche und ihres Gemeindezentrums am Lindenhof in Saarn an. Die katholische Kirche machte im Rahmen ihrer Gemeindeumstrukturierung 2006 aus der damaligen Pfarrkirche Heilig Kreuz eine Urnenkirche, in der aber weiterhin Gottesdienste gefeiert werden. Gleichzeitig wurde die Pfarrkirche St. Raphael an der Hingbergstraße profaniert und fortan als Caritas-Zentrum genutzt.

Erheblich schmerzhafter waren die Schließung des katholischen Jugendamtes und die Streichung der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit. Die katholischen Gemeindekindergärten wurden damals in einen Zweckverband des Bistums überführt, während die evangelischen Kitas weiter von den Gemeinden finanziert werden müssen. Wie berichtet sucht die Lukaskirchengemeinde für ihr Haus der kleinen Leute am Klöttschen jetzt einen neuen Träger, um sich finanziell zu entlasten.

Wie sich der Sparzwang auf die kirchlichen Strukturen auswirkt


Die Zahl der Mülheimer Protestanten ist zwischen 2003 und 2013 von rund 60?000 auf rund 51?000 zurückgegangen. Gleichzeitig sank die Zahl der Mülheimer Katholiken von 58 613 auf 51 751. Superintendent Helmut Hitzbleck und Stadtdechant Michael Janßen sind sich darin einig, dass die beiden großen christlichen Kirchen künftig noch mehr auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Gemeindemitglieder angewiesen sein werden.

Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus der katholischen Gemeinde St. Mariae Geburt. Hier wurde eine hauptamtliche Küsterstelle durch eine 450-Euro-Kraft ersetzt, die von 20 ehrenamtlichen Helfern aus der Gemeinde unterstützt wird. Gleichzeitig baute die Gemeinde drei Hausmeisterstellen ab und reduzierte die vierte Hausmeisterstelle von Voll- auf Teilzeit.

Im Bereich der Ev. Stadtkirche wurden in den letzten Jahren drei Pfarrstellen eingespart, weil ein Pfarrer in den Ruhestand und zwei weitere in andere Kirchenkreise gingen und durch drei Mülheimer Pfarrer ersetzt werden konnten, deren bisherige Pfarrstellen im Zuge von Umstrukturierungen und Gemeindefusionen aufgegeben wurden. Aktuell gibt es im evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr 26 Gemeinde- und Funktions-Pfarrstellen.

Dieser Text erschien am 28. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...