Dienstag, 30. Januar 2018

Wenn die Kanzel zur Bütt wird

Menschen, die zum Lachen in den Keller gehen, kennt man. Menschen, die zum Lachen in die Kirche gehen, kennt man nur, wenn man die närrischen Festmesse besucht, zu der Pastor Michael Clemens und die Karnevalisten gestern in die Sankt-Engelbert-Kirche einluden.  Da predigte  Pastor Clemens in bester Büttenrednermanier: „Ein besonders infames Stück, fies wie ein Abszess, heißt im Bistum Essen Pfarreientwicklungsprozess. (PEP) Bis 2030, das durften wir erfahren, müssen wir die Hälfte unserer Einkünfte einsparen. Knopf auf Spitz rechnen, alles zusammenraffen, am Ende ist es wohl Ziel, uns selbst abzuschaffen. Bei diesen Prozessen auch giftige Blüten sprießen. Es gibt Pfarrer, die sind Meister im Kirchen schließen.“  

Kein Wunder, dass der Pastor mit Pepp gegen den PEP predigte und dabei keinen Spaß versteht, wenn es auch um die Zukunft seiner Kirche geht. Doch er tat auch die Wahrheit kund, dass für die Zukunft der Kirche nicht die  Kirchenmauern, Kirchenräte und Prälaten entscheidend sind, sondern die Menschen,  die an der Basis auch ohne Amt und Würden, die Frohe Botschaft ins Werk setzen und dafür sorgen, dass wir das Lachen nicht verlernen, ob wir nun Christenmenschen sind oder nicht.

Dieser Text erschien am 22. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung


Zwischen Kirchenhügel und Ruhr: Ein Zeitsprung an der Delle

Wir schauen auf die Delle in Richtung Kirchenhügel und landen im Jahr 1932. Ein Foto aus dem Stadtarchiv macht es möglich. Im Hintergrund sehen wir noch die unzerstörte Marien- und die Petrikirche. Rechterhand, allerdings auf dem historischen Foto nicht mehr sichtbar steht damals auch noch die lutherische Paulikirche, die bei den alten Mülheimern auch eine beliebte Kirche für Hochzeits- und Werktagsgottesdienste war.
Die um 1880 errichtete (zweite)  Paulikriche überstand den Zweiten Weltkrieg, wurde aber 1971 gegen vehemente Bürgerproteste abgerissen. An ihrer Stelle sollten damals unter anderem Altenwohnungen errichtet werden. Doch dazu kam es nicht. Wo einst die Paulikirche stand, parken heute Autos. Bis zu seinem Abriss, in den frühen 1980er Jahren, stand hier noch ein windschiefes Fachwerkhaus, in dem die Grünen ihre erste Geschäftsstelle hatten. Die Häuser auf der linken Straßenseite fielen im Juni 1943 fast alle dem schwersten von 160 alliierten Luftangriffen auf Mülheim zum Opfer.

Im Vordergrund sehen wir links das alte Haus der Heimatkundlichen Vereine mit seínem Aquarium. Heute sehen wir dort seit 1989 die Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse. Auf der rechten Straßenseite befinden sich heute ein Auktionshaus für Antiquitäten und ein modernes Möbelhaus. Bereits im 17. Jahrhundert wird die Delle als leicht abfallender Weg vom Kirchenhügel zur Ruhr erwähnt. Die Delle, die ihren heutigen Straßennamen erst 1859 erhielt. war im alten Mülheim so etwas, wie die Haupt- und Geschäfsstraße der Stadt. Hier wohnte und regierte auch Bürgermeister Christian Weuste, ehe er 1842 das erste Rathaus am Rathausmarkt errichten ließ.

Dieser Text erschien am 29. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 29. Januar 2018

Man(n) folgt einer starken Frau

Manchmal streichelt einen   ein Sonnenschein, obwohl die Wetterlage trübe ist. Mir begegnete jetzt ein doppelter Sonnenschein, namens Paula und Max. Paula (5) und Max (3) kreuzten meine Wege, als sie zusammen mit ihren Eltern im Drogeriemarkt meines Vertrauens einkauften. Natürlich übernahm Charlotte mit ihrem weiblichen Einkaufswagen die Führung und nahm ihren kleinen Bruder resolut an die Hand, um ihn zielsicher von einem Regal zum nächsten zu führen und ihren kleinen Einkaufswagen mit Zahnbürsten, Zahnpaste, Lutschbonbons und Papiertaschentüchern zu füllen.

Nicht nur die Eltern hatten ihre Freude daran, als die beiden kleinen Einkäufer alle Zahnbürsten unter die Lupe nahmen, um herauszufinden, welche von ihnen „die coolste und bunteste“ sei. „Träumst, du Max?“ fragte Paula ihren Bruder, als er etwas unschlüssig zwischen den zahlreichen Regalen und Gängen stehen blieb, ehe er sich dann doch seiner Schwester anschloss, die zielsicher den Weg zur Kasse fand und sich dort die Waren von ihrem Bruder anreichen ließ, um sie aufs Laufband der Kasse zu legen. So lernt Man(n) schon früh, wer einer starken und klugen Frau folgt, kommt schneller ans Ziel.

Dieser Text erschien am 29. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 28. Januar 2018

Sankt Mariae Geburt und Sankt Mariä Himmelfahrt stellen die Weichen für ihre Zukunft

Die Pfarrkirche St. Mariae Geburt
Weniger katholische Christen, weniger Priester und weniger Kirchensteuereinnahmen. Von dieser Erwartung sind auch die Gemeindevoten der Pfarreien St. Mariae Geburt und St. Mariae Himmelfahrt geprägt, die jetzt öffentlich vorgestellt und an der Ruhrbischof weitergeleitet wurden. Mit der Entscheidung des Bischofs rechnen die Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte bis Ostern.
Während in St. Mariä Himmelfahrt Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat einstimmig das Gemeindevotum beschlossen, gab es in St. Mariae Geburt eine Gegenstimme und eine Enthaltung. In Mariae Geburt fürchtet man, dass die Pfarrei in acht Jahren insolvent sein könnte, wenn jetzt nicht kostensparend gegengesteuert wird. In beiden Pfarreien haben sich in den vergangenen zwei Jahren weit mehr als 200 Gemeindemitglieder aktiv in den Beratungsprozess eingebracht. Beide Gemeindevoten betonen das Primat der pastoralen Arbeit und die Absicht, diese an allen vorhandenen Gemeindestandorten zielgruppenorientiert fortsetzen zu wollen. Da sich die Priesterzahl bis 2030 auf sechs halbieren wird, betonen beide Pfarreien die Notwendigkeit verstärkt ehrenamtliche Begräbnisleiter und Wortgottesdienstleiter ausbilden zu müssen.
In beiden Pfarreien leben zurzeit noch 16.000 Katholiken. Beide Pfarrgemeinden haben in den vergangenen 20 Jahren etwa 5000 Gemeindemitglieder verloren. In St. Mariae Geburt rechnet man bis 2030 noch einmal mit einem Gemeindemitglieder-Rückgang von 15 Prozent, der vor allem der allgemeinen Überalterung geschuldet ist.
Alle vorgeschlagenen Konsolidierungsmaßnahmen werden nicht sofort, sondern schrittweise im Laufe des kommenden Jahrzehnts umgesetzt.
Für St. Mariae Geburt (mit den Stadtteilen Stadtmitte, Heißen und Holthausen) bedeutet das: Aufgabe des Pfarrheims an der Althofstraße und der Begegnungsstätte an der Pastor-Jakobs-Straße und des Theresia-Gemeindeheims in Heißen-Heimaterde, Suche nach einem alternativen Finanzierungsmodell für die Altenwohnungen an der Pastor-Jakobs-Straße, Umbau der Heißener Josephskirche zur Seniorenwohnanlage mit Gottesdienstort. Die Theresiakirche in Heißen-Heimaterde wird zu einem multifunktionalen Kirchen- und Veranstaltungsraum umgebaut. Die Pfarrkirche St. Mariae Geburt soll künftig verstärkt für Konzerte genutzt werden. Das Pfarrhaus von St. Joseph und die Räume oberhalb der Sakristei von St. Mariae Geburt werden künftig für die kirchliche Jugendarbeit zur Verfügung stehen. In der Pius-Kappel von St. Mariae Geburt soll künftig der Bedürftigen-Mittagstisch stattfinden.
Die Heilig-Geist-Kirche in Holthausen wird entweder Jugendkirche des Bistums oder, wie das bereits beim Gemeindeheim der Fall ist, künftig durch einen privaten Förderverein unterhalten. Die Entscheidung darüber fällt spätestens bis Ende des Jahres.
Personalpolitisch empfehlen Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat, sich mit der Pfarrgemeinde St. Barbara eine Verwaltungsleiterstelle zu teilen und die Kirchenmusikerstelle für den Gemeindebereich Heißen-Heimaterde um 50 Prozent zu reduzieren. Diese Personalreduzierung soll sozialverträglich bewältigt werden, sobald die aktuellen Stelleninhaber pensioniert werden.
In der Pfarrgemeinde St. Mariae Himmelfahrt wird es bereits ab Ostern 2018 nur noch ein zentrales Gemeindebüro an der Klosterkirche in Saarn geben. Unter der Voraussetzung, dass sich keine alternativen Finanzierungsmodelle finden lassen, will die Links-Ruhr-Pfarrei, zu der die Stadtteile Saarn, Speldorf, Broich und Selbeck gehören, bis 2030 die Elisabethkirche in Saarn und ihr Pfarrhaus, die Herz-Jesu-Kirche und ihr Gemeindezentrum in Broich und die Pfarrhäuser von St. Michael (Speldorf) und St. Theresia (Selbeck) aufgeben.

Die Gemeindevoten der beiden Pfarreien finden sich auch im Internet unter: www.kirchengemeinde.net sowie unter: www. Pfarreimariaegeburt.de

Dieser Text erschien am 28. Januar 2018 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 27. Januar 2018

Wie die katholischen Sozial- und Wirtschaftsverbände den Standort Deutschland sehen

Menschen stehen auf der Straße, weil sie ihren Arbeitsplatz verloren haben oder um seinen Verlust fürchten müssen. Laut Focus haben die großen deutschen Unternehmen im abgelaufenen Jahr mehr als 50.000 Stellen abgebaut. Gleichzeitig ergibt eine Umfrage der Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer von Ernst und Young, dass 76 Prozent der 100 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen ihre Gewinne 2017 steigern konnten und ihre Mitarbeiterzahl um 4,9 Millionen gesteigert haben. Dazu passt, dass das Bruttoinlandprodukt um 2,2 Prozent angestiegen ist und somit das größte Wirtschaftswachstum seit sechs Jahren und mit 2,5 Millionen Arbeitslosen die niedrigste Arbeitslosenzahl seit der Wiedervereinigung zu verzeichnen ist.  Dabei zeigt die Ernst-and-Young-Umfrage, dass die Industrieunternehmen und die Exporte in die Länder der Europäischen Union das Rückrat der deutschen Volkswirtschaft bilden, während Deutschland in den Bereichen Dienstleistung und Digitalisierung im Vergleich zu anderen wirtschaftsstarken Nationen, wie etwa den USA, noch Nachholbedarf hat. Alles in bester Ordnung? Ein Blick in die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit zeigt ein differenziertes Bild. Bundesweit liegt die Arbeitslosenquote bei 5,3 Prozent. In den wirtschaftsstarken Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern sind es drei Prozent. In Bundesländern, die strukturschwach oder im Strukturwandel begriffen, sind, wie Nordrhein-Westfalen oder Sachsen-Anhalt, schwanken die Arbeitslosenquoten zwischen sieben und neun Prozent. 35 Prozent der Erwerbslosen sind länger als ein Jahr erwerbslos. Gleichzeitig gelten ein Viertel der deutschen Arbeitnehmer, als prekär beschäftigt, weil ihr Arbeitsplatz schlecht bezahlt und zeitlich befristet ist.
Was sagen Vertreter der katholischen Wirtschafts- und Sozialverbände zu dieser janusköpfigen Wirtschaftslage?
Für den Essener Diözesan-Vorsitzenden des Verbandes der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung, Michael Höttger, steht fest:
„Umsatz- und Gewinnsteigerung sind grundsätzlich etwas Positives und kommen in der Regel auch den Beschäftigten 
zu gute, wie deren gestiegene Zahl belegt. Dank dieser Entwicklung herrscht auch und gerade in unserem Land 
nahezu Vollbeschäftigung, auch wenn die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse zugenommen hat. Im Bereich der umsatzstarken 
Unternehmen sollte es hingegen kaum prekäre Beschäftigung geben. Und selbst ein prekäres Beschäftigungsverhältnis ist aus 
meiner Sicht für das Selbstgefühl und Selbstverständnis eines Betroffenen immer noch besser als gar keins. Sei die Aufgabe auch 
noch so gering oder schlecht bezahlt, so gibt sie dem Individuum doch eine Richtung und einen Anker und das Gefühl, 
gebraucht zu werden.“

Der Bundesvorsitzende der katholischen Unternehmer, Prof. Dr. Ulrich Hemel sieht mit Blick auf die Ernst-and-Young-Umfrage vor allem die Notwendigkeit, in Deutschland, Qualifikation und Innovation zu stärken und gleichzeitig die Unternehmen mit weniger Bürokratie und einem einfacheren Steuersystem zu entlasten und sie so handlungsfähiger zu machen. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung, sagt Hemel: „Wir müssen uns in Deutschland langfristig auf weniger Industrie einstellen. Wir sollten das Kind aber auch nicht mit dem Bad ausschütten. Deutschland braucht einen guten Mix aus Industrie und Dienstleistung. Gleichzeitig werden sich die Industriearbeitsplätze im Rahmen der Digitalisierung aber auch verändern.“
Auch für den Bundesvorsitzenden der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, 

Andreas Luttmer-Bunsmann steht fest, „dass auch in den kommenden Jahren der industrielle Sektor in Bezug auf die Außenhandelsbilanz der Bundesrepublik Deutschlands weiterhin das Rückgrat der deutschen Wirtschaft sein wird.“ Mit Blick auf die zwangsläufigen Folgen, die die voranschreitende Digitalisierung für die Industrie und ihre Arbeitsplätze haben wird, sagt der KAB-Chef: „Wichtig ist, dass diese wirtschaftliche Entwicklung sozial und ökologisch nachhaltig ist und nicht an den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vorbeigeht. Positiv ist daher die Forderung der IG Metall in der aktuellen Tarifrunde, die wöchentliche Arbeitszeit zurückzufahren. Inwieweit die Entwicklung gut ist, hängt in entscheidendem Maße davon ab, ob es gelingt, alle Bürgerinnen und  Bürger an dieser Entwicklung nicht nur der Top-100-Unternehmen teilhaben zu lassen. Nach wie vor durchzieht unsere Gesellschaft,  auch aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung, eine tiefe soziale Spaltung.“

Dieser Text erschien am 25. Januar 2018 in der Tagespost

Freitag, 26. Januar 2018

Temperamente und Temperaturen

Im Winter wundere ich mich manchmal darüber, dass ich vorzugweise webliche Wesen sehe, die so leicht, etwa mit Jeans, T-Shirt,Windjacke, Kostüm und Rock bekleidet sind, als hätten wir Sommer oder Frühling. Haben diese Damen vielleicht die fliegende Hitze oder sind sie von ihrer Natur aus einfach heißblütiger, als ich? In ihrer Gegenwart fühle ich mich mit meiner vermeintlich jahreszeitgrechten Kombination aus Jacke, Mantel und Schal, wie eine Frostbeule oder wie ein Warmduscher. Doch einigen meiner Geschlechtsgenossen scheint es ähnlich, wie mir, zu ergehen. Denn neulich sah ich ein Ehepaar vor mir. Sie ging mit offener Jacke und T-Shirt, natürlich ohne Mütze. Ganz anders ihr Ehemann, der sich seine Winterjacke bis zum Hals zuknöpfte und sich seine Mütze tief ins Gesicht zog.

Sind Männer am Ende das schwächere Geschlecht, das sich vor allem nach Wärme sehnt. Oder sind Frauen einfach heißblütiger? Oder aber liegt es einfach daran, dass sich Männer mit einer Frau an ihrer Seite besser warm anziehen, um nicht kalt erwischt zu werden. Zu Hintergründen fragen Sie besser nicht ihre bessere Hälfte, sondern ihren besten Freund, dem sie vielleicht sicherheitshalber einen Schal mitbringen sollte, um sich ihn warm zu halten. 

Dieser Text erschien am 26. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 25. Januar 2018

Saarner Gesamtschüler werden im "kleinen Horrorladen" zu Musical-Stars

Gemeinsam auf der Bühne und im "kleinen Horrorladen":
Schüler Joshua Kastner (als Seymor), Sozialpädagoge Andreas Leitmann
(als Mr. Muschick) und Schülerin Xenia Hildebrand (als Audrey)
Wenn Schüler Theater machen, macht das nicht immer allen Freude. Doch im Falle der Musical-Aufführung von "Der kleine Horrorladen", dürfte das Vergnügen des Publikums ungetrübt sein. Premiere ist am 2. Februar um 19.30 Uhr im Forum der Gesamtschule Saarn an der Ernst-Tommes-Straße.
Die Vermutung einer tollen und unterhaltsamen Musical-Show liegt nahe, wenn man die 80 Jungen und Mädchen aus den Jahrgangsstufen 6 bis 12 bei der Generalprobe im Forum der Saarmer Gesamtschule 1 auf der Theaterbühne und auf den seitlichen Chorrängen beobachtet und hört.

Da kommt viel Energie und Spielfreude rüber. Von einem Laienspiel kann man nicht sprechen, wenn überhaupt, dann zumindest von einer semi-professionellen Musical-Show, die zwei Stunden wie im Flug vergehen lassen. Joshua Kastner (aus der Jahrgangsstufe 9) und Xenia Hildebrand (aus der Jahrgangsstufe 8) spielen wie Nachwuchsschauspieler, obwohl sie doch noch Schüler sind und diese Theateraufführung ihr Hobby ist.

Viel Arbeit und viel Spaß

"Es ist schon stressig. Aber es macht eben riesigen Spaß und man wird durch die gemeinsame  Arbeit auf jeden Fall selbstbewusster", sind sich Joshua und seine Mitschülerin Xenia einig. Beide spielen eine Hauptrolle und tun diese mit erstaunlicher Bühnenpräsenz. Joshua verkörpert den schüchternen Seymour der durch eine ungewöhnliche Blumenzüchtung vom geknechteten Verkäufer eines kleinen Blumenladens zum Medien-Star und Geschäftsteilhaber wird.

Seine Kollegin Audrey, alias Xenia Hildebrand  und er lieben sich, kommen aber erst mal nicht zusammen, weil Audrey an dem mehr als fiesen Zahnarzt Orin Scribello, gespielt von Leonhard Esch, hängt und trotz seiner Brutalität nicht von ihm los kommt. Ob es da ein Happyend gibt? Man wird sehen. Zahnärzte unter den Zuschauern, müssen viel Humor und Selbstironie mitbringen.

Leonhard  Esch ist kein Oberstufen-Schüler mehr, sondern studiert, zwei Jahre nach seinem Abitur, inzwischen Wirtschaftsmathematik. Doch seiner Theatertruppe, die es inzwischen seit elf Jahren an der Gesamtschule Saarn gibt, hat ihn nicht losgelassen: "Weil wir hier einfach eine tolle Gemeinschaft und eine gute Gruppendynamik haben", erklärt Leonhard. Auch Andreas Leitmann, der im Schulalltag als Sozialpädagoge an der Gesamtschule Saarn vor allem sozialer und menschlicher Problemlöser ist, hat sich als Blumenladenbesitzer Mister Muschnick in das Ensemble um die beiden Lehrer und Regisseure Stefanie von der Marwitz und Sebastian Klein einspannen lassen. Er betont: "Für mich ist die Theaterarbeit ein großartiger Ausgleich zu meiner beruflichen Arbeit, weil ich die Schüler hier von einer anderen und vor allem von einer viel positiveren Seite kennen lerne."

"Man lernt sich bei einem solchen Projekt natürlich viel intensiver kennen", sagt auch Stefanie von der Marwitz. für die ihre schulische, aber außer-unterrichtliche Theaterarbeit längst "zu meinem Hobby" geworden ist. Genau das sagt auch Achtklässlerin Xenia Hildebrand über ihr Engagement, für das ihr auch die Mitschüler in der Regel großen Respekt zollen. Zu recht. Denn was auf der Bühne so leicht und lustig gespielt wirkt, ist Ergebnis einer monatelangen und sehr zeitintensiven Probenarbeit. "Wir haben im November mit den Proben begonnen. Wir treffen uns an zwei Nachmittagen pro Woche für jeweils zwei Stunden. Außerdem haben die Schüler jetzt schon sieben Probenwochenenden mit je zweimal sechs Stunden hinter sich", beschreibt Stefanie von der Marwitz den Zeiteinsatz.

Mehrere Aufführungen

Wer bei den Generalproben zugeschaut hat, ist sicher, dass hier gut wird, was lange währt. Das von Alan Mekken komponierte und von Charles Griffith geschriebene Musical "Der kleine Horrorladen" wird nicht nur am 2. Februar, sondern auch am 3., 16. und 17. Februar um jeweils 19.30 Uhr sowie am 4. und 18. Februar um 15 Uhr im Saarner Gesamtschulforum an der Ernst-Tommes-Straße aufgeführt. Eintrittskarten sind Euro im Schulsekretariat der Abteilung 1 der Gesamtschule Saarn an der Ernst-Tommes-Straße oder auf der Internetseite der Gesamtschule Saarn  unter: www.gesaarn.de zu bekommen. Erwachsene zahlen 10 Euro, Schüler nur 5 Euro.

Dieser Text erschien am 24. Januar 2017 in der Mülheimer Woche

Mittwoch, 24. Januar 2018

Von der Gnade der späten Geburt

Manchmal merkt man, dass man älter wird. Gestern erwischte mich diese Erkenntnis bei einer Straßenbahnfahrt.

Vor mir sah ich drei Schüler, die sich über ihre Lehrer, über ihre Eltern, über ihren Unterricht und über ihre aktuelle Freizeitplanung unterhielten.

Diese Schulweggespräche kannte ich natürlich auch aus meiner Schulzeit. Doch, was mir neu war, war die Tatsache, dass man solche Gespräche auch führen kann, wenn man Kopfhörer auf und in den Ohren und ein Smartphone-Display vor Augen hat.

Während allein die Anschauung dieser multimedialen Kommunikation in mir eine gewisse Anspannung aufsteigen ließ, war diese Form der Unterhaltung im Mehrkanalton für die Jugendlichen das Selbstverständlichste von der Welt. Diese Fähigkeit nennt man heute neudeutsch wohl Multitasking. Jetzt hat der von Altkanzler Helmut Kohl geprägte Begriff von der Gnade der späten Geburt für mich einen ganz neuen Klang. Wie dankbar darf ich doch dafür sein, noch ohne Smartphone, I-Pad, Podcast und mobiles Internet aufgewachsen zu sein. Darauf trinke ich erst mal ein Glas Multivitaminsaft, um mich für den Multitasking-Alltag zu stärken.

Dieser Text erschien am 24. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung


Dienstag, 23. Januar 2018

Ganz langsam schneller ans Ziel kommen

Ich musste jetzt feststellen, dass ich nicht der Typ für eine schnelle Nummer bin. Dabei meine ich jetzt nicht das, was Sie vielleicht denken.

Ich meine die mir sehr gut bekannte und oft gewählte Handynummer, die ich kürzlich als Infonummer mal eben schnell in einen Bericht eingefügt habe. Obwohl ich diese Nummer im Schlaf vor mich hersagen kann,  baute ich ausgerechnet hier im hellwachen Zustand einen Zahlendreher ein. 

Ich musste einsehen: Man darf sich nie zu sehr auf sein Bewusstsein verlassen, weil man immer damit rechnen muss. dass einem das eigene Unterbewusstsein einen Streich spielt.
Ich hätte es besser wissen müssen, riet mir mein alter Volontärsvater schon vor erschreckend vielen Jahren: „Wenn Sie es eilig haben, nehmen Sie sich Zeit!“ Der Mann wusste nach einem Herzinfarkt, wo von er sprach.

Und sicher gilt seine Weisheit für alle Lebenslagen und nicht nur für die korrekte Wiedergabe von Rufnummern im Lokalteil dieser Zeitung. Also wünsche ich uns allen zusammen heute einen ruhigen und gelassenen Tag, an dem wir richtig viel schaffen, weil wir auf falsche Hast verzichten und es ganz ruhig angehen lassen.

Dieser Text erschien am 23. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 22. Januar 2018

Vom Dorf zur Stadt: Ein Zeitsprung an der Oberheidstraße

Eine Postkartenansicht aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
Heute stellen wir eine Postkartenansicht aus dem Jahr 1900 einer Fotografie aus dem August 2017 gegenüber. Wir befinden uns auf der Oberheidstraße, benannt nach einem bereits 1720 urkundlich erwähnten Bauernhof in Dümpten.

Auf der Postkartenansicht sehen wir rechts die Evangelische Kirche, die 1892 errichtet wurde. Die heutige evangelische Kirche an der Oberheidstraße, die zur Lukaskirchengemeinde gehört, sehen wir heute weiterhin auf der rechten Straßenseite, auch wenn sie in dieser Perspektive, außerhalb des Bildes steht.
Stattdessen richtet sich unser Blick auf das neue Dümptener Karree, das die SWB dort errichten lässt. Der Bildvergleich zeigt, wie sich Dümpten verändert hat. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten die Menschen in Dümpten vor allem von der Landwirtschaft und vom Bergbau. Von Straßenbahn und Autos war damals in Oberdümpten noch keine Rede. Man ging zu Fuß oder bewegte sich mit Pferd und Wagen weiter.

Das 20. Jahrhundert brachte für Dümpten einen Umschwung. 1904 wurde es unter der Führung von Paul Beuther zur eigenständigen Bürgermeisterei, nach dem es zuvor (ab 1878) Teil der Landbürgermeisterei Styrum gewesen war. Doch 1910 war es mit der Eigenständigkeit vorbei. Das „Königreich“ Dümpten wurde zum Mülheimer Stadtteil, in dem heute rund 25 000 Menschen wohnen.

Die Tatsache, dass sich in Dümpten 1960 ein Bürgerverein, 1968 ein Seniorenclub und 1996 die Werbegemeinschaft Wir im Königreich, kurz WIK gegründet haben, ist Ausdruck eines nach wie vor starken Dümptener Bürgersinns, der sich mit dem Stadtteil identifiziert.


Dieser Text erschien am 22. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 21. Januar 2018

Nichts für Leichtgewichte

Ich habe es immer schon geahnt. Das Leben ist eine windige Angelegenheit. Seit gestern weiß ich es. Das Leben ist nichts für Leichtgewichte.

Gestern riss mir der Sturm die Kappe vom Kopf und ließ meine leeren PET-Flaschen aus meinem Hackenporsche fliegen. Gott sei Dank flogen Kappe und Flaschen genau in Richtung einer hilfsbereiten Dame, die  meine abgängigen Einkaufsutensilien  einsammelte.

Wie schön,  dass es das noch gibt. Menschen, die einem spontan zur Seite springen, wenn einem der Wind ins Gesicht blässt. Danke vielmals, Frau Nachbarin. Vielleicht käme unser Land ja auch in stürmischen Zeiten besser voran, wenn sich die politischen Staatslenker auf solche Zusammenarbeit besinnen würden, statt ihre Profilneurosen zu züchten und zu pflegen und dem Vordermann, dem gerade der Wind ins Gesicht blässt, in die Haken zu treten.

Wenn es, wie gestern richtig, stürmisch wird, merkt man plötzlich, wie gut es ist, wenn noch keine Diät gegriffen hat und man nicht so schnell vom nächsten Windstoß umgehauen werden kann. Das gilt im übertragenen Sinne auch für das politische Leben, in dem wir aber nicht nur körperliche Schwergewichte brauchen.

Dieser Text erschien am 20. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 20. Januar 2018

Die Pallottiner verabschieden sich aus Christ König

Pater Bernhard Küpper (SAC) vor der Galerie seiner Vorgänger
„Das Zeichen.“ Diesen Titel trägt die Zeitschrift der Pallottiner. Deren aktuelle Ausgabe beschäftigt sich mit dem Sonntag. Am kommenden Sonntag setzen die Pallottiner ein Zeichen. Nach fast 63 Jahren der Seelsorge vor Ort, verabschieden sich die letzten Patres der Ordensgemeinschaft von der 3000 Mitglieder zählenden Gemeinde im Norden der Stadt.

„Die Gemeindemitglieder haben beängstigt auf unsere Entscheidung reagiert“, sagt Pater Bernhard Küpper, der noch bis Ende Januar Pastor in Christ-König sein wird, ehe er als Stadtseelsorger nach Limburg an der Lahn gehen wird. Sein Mitbruder Pater Franz Nguyen wird als Seelsorger künftig in St. Bonifatius (Herne) arbeiten und weiterhin für die vietnamesische Gemeinde im Ruhrbistum zuständig sein.

Wehmütig zeigt Pater Bernhard (62) seinem Besucher im Gemeindebüro am Steigerweg die Galerie seiner Vorgänger. 1955 war es Pater Franz-Josef Bezler, der als erster Pallottiner die Leitung der Gemeinde Christ-König übernahm. Ihm folgten im Laufe der Jahre seine Mitbrüder Karl Jung, Werner Nakott, Horst Liedtke, Bernhard Terhorst und Leo Wiszniewski. 2011 trat Pater Bernhard als letzter Pallottiner dessen Nachfolge an.

Er fand eine lebendige Gemeinde mit Jugendarbeit, Familienkreis, Meßdienergruppe und Gemeindekarneval vor. Doch seitdem ist das katholische Milieu an der Stadtgrenze zwischen Essen und Mülheim dramatisch geschrumpft. „Es kommt einfach zu wenig nach. Die Eltern, die heute 30 oder 40 Jahre alt sind, haben oft keine kirchliche Bindung mehr. Die Eltern der Kommunionkinder sind zwar sehr engagiert, lassen sich aber nach der Ersten Heiligen Kommunion oft nicht mehr in der Gemeinde blicken. Zuletzt hatten wir noch sechs Firmlinge. Deshalb ist unsere Jugendarbeit in den letzten Jahren zusammengebrochen“, resümiert Pater Bernhard. Die noch gut funktionierenden Gemeindegruppen, der Treff 74 und der Familienkreis, werden hauptsächlich von Menschen aus der älteren Generation getragen. 

Die gute Zusammenarbeit mit der benachbarten evangelischen Markuskirchengemeinde und der  Gemeinschaftsgrundschule am Steigerweg gehören zu einem weiteren Aktivposten der weitgehend bürgerlich geprägten Nord-Gemeinde, die seit der Strukturreform des Jahres 2006 zur Nord-Pfarrei St. Barbara gehört.

Pater Bernhard, der mit seinen 62 Lebensjahren noch zu den jüngeren Ordensbrüdern der Pallottiner gehört, macht keinen Hehl daraus, dass das Nachwuchsproblem auch seine 1846 von dem römischen Priester Vinzenz Pallotti gegründete Ordensgemeinschaft betrifft. „In den besten Zeiten gab es bis zu sechs Pallottiner-Patres in Christ König, Heute bin ich hier mit meinem 59-jährigen Mitbruder Pater Franz allein“, schildert Pater Bernhard die Entwicklung. Als er 1976 in die vor allem seelsorgerisch und missionarisch aktive Ordensgemeinschaft des Vinzenz Pallotti (1795-1850) eintrat, gab es in Deutschland noch etwa 600 Pallottiner. Heute sind es nur noch 279. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 72 Jahren. Deshalb mussten die katholischen Ordenspriester, deren Credo das Apostolat aller Christen ist, in den letzten Jahren auch andernorts Niederlassungen schließen und ihr Engagement in der Gemeindeseelsorge und in der Bildungsarbeit reduzieren oder aufgeben.
Anders, als in Deutschland, erfreuen sich die Pallottiner in Indien und Polen derzeit eines großen Zulaufs. Zu den dortigen Ordensprovinzen gehören jeweils mehr als 600 Brüder. Auch in Brasilien und Australien sind die heute weltweit rund 2300 Pallottiner aktiv.
„Wir brauchen ehrenamtlich aktive Gemeindemitglieder, die sich für ihren christlichen Glauben interessieren. Und wir brauchen Priester, die von Organisations- und Verwaltungsaufgaben entlastet werden, um mehr Zeit für die aktive und attraktive Seelsorger zu haben, die die Menschen von heute anspricht“, beschreibt Pater Bernhard die Voraussetzungen für eine zeitgemäße und erfolgreiche Gemeindearbeit.

Die Winkhauser Pallottiner-Patres Bernhard und Franz werden sich am 21. Januar um 16 Uhr mit ihrem letzten Gottesdienst in der Christ-König-Kirche am Steigerweg 1 und einem anschließenden Empfang in der Krypta von den Mitgliedern ihrer Gemeinde verabschieden. Am 21. Januar entfällt deshalb der reguläre Sonntagsgottesdienst.
Und wie es geht es mit der Gemeinde Christ König weiter?

Angedacht ist, dass die Seelsorger in der Nord-Pfarrei St. Barbara die Gottesdienste feiern, die auch weiterhin samstags um 17 Uhr und sonntags um 10 Uhr dort stattfinden sollen. Das Gemeindebüro und der Besprechungsraum am Steigerweg sollen den Ehrenamtlichen der Gemeinde erhalten bleiben. Außerdem zieht dort eine Priester-Kommunität ein. Deren Mitglieder sind allerdings außerhalb Mülheims aktiv und können deshalb die bisher von den Pallottinern in Christ König geleistete Arbeit nicht übernehmen.

Dieser Text erschien am 13. Januar 2018 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 19. Januar 2018

Unterwegs mit dem Dekra-Prüfingenieur Martin Mons

Martin Mons bei der Arbeit
 "Ich habe gerne mit Menschen Kontakt. Ich bin ein Dienstleistungsmensch“, sagt Martin Mons über sich selbst. Schon als Schüler hat er sich als Zeitungszusteller und als Servicekraft in der Gastronomie sein Taschengeld aufgebessert. Heute wissen die Kunden der Dekra das Fachwissen des Prüfingenieurs und Kraftfahrzeug-Sachverständigen zu schätzen, wenn er ihren PKw, ihren Lkw oder ihr Wohnmobil auf dem Prüfstand unter die Lupe nimmt. Eine besonders hell leuchtende LED-Taschen-Lampe und sein geschultes Auge sind seine wichtigsten Werkzeuge, wenn er Bremsen, Reifen, Scheinwerfer, Abgaswerte, Achsen, Lenkung und Karosserie überprüft.

Hinzu kommt ein gut sieben Kilo schwerer Koffer, der es in sich hat. Dessen Innenleben besteht aus einem Notebook mit integriertem Drucker. Außerdem hat der an der Fachhochschule Wilhelmshaven und bei der Dekra ausgebildete Ingenieur immer sein Smartphone zur Hand.

Sein tragbares Büro braucht Mons vor allem dann, wenn er in der ersten Tageshälfte nicht an seiner Heimatbasis, der Dekra-Prüfstelle an der Hardenbergstraße, sondern bei Vertragspartnern in Autowerkstätten arbeitet.

Auch an diesem Arbeitstag, der um 8.30 Uhr beginnt, fährt Mons in seinem dekra-grünen VW-Bus von einer Werkstatt zur nächsten, quer durch die Stadt. „Ich habe keinen Dienstwagen. Das ist mein privates Fahrzeug. Die Corporate Identity der Farbe ist Zufall“, klärt Mons auf.

Wenn man Mons beobachtet, wie ruhig und freundlich er mit jedem Kunden spricht und ihm genau erklärt, wie er mit seinem Notebook und seinem Smartphone die Fahrzeugdaten ausliest und welche Arbeitsschritte im einzelnen folgen oder wenn man sieht, mit welcher Akribie und Ruhe er unter der Wagenbühne - nichts für Menschen mit Platzangst - den Unterleib des jeweiligen Fahrzeugs ausleuchtet, dann spürt man, dass ihm seine Arbeit am Herzen liegt.
„Bevor ich 2005 zur Dekra kam, habe ich als Entwicklungs- und Konstruktionsingenieur für einen Auto-Zulieferer gearbeitet, fühlte mich dort aber irgendwie in einer Sackgasse und suchte nach einem neuen Weg mit mehr Perspektive. Genau dieser Weg eröffnete sich, als ich das Auto meiner heutigen Frau zur Prüfung bei der Dekra vorbeibrachte. Der Kollege sah mein Ingenieurhandbuch auf dem Rücksitz und fragte mich spontan: ‘Haben Sie nicht Lust sich bei uns zu bewerben. Wir suchen dringend Prüfingenieure?’“ Mons hatte Lust und hat sie auch heute noch. Eine zwischenzeitliche Weiterbildung zum Schadengutachter vor sieben Jahren rundet sein Dienstleistungsangebot rund um das Kraftfahrzeug ab.

„Wenn es eilt, schreibe ich meine Schadengutachten auch noch nach Feierabend“, erzählt der Prüfingenieur und macht dabei einen zufriedenen Eindruck. „In der Regel sind die Leute sehr dankbar für den fachlichen Rat, den wir ihnen bei ihrer routinemäßig alle zwei Jahre fälligen Fahrzeugprüfung mit auf den Weg geben. Entweder wissen sie, dass mit ihrem Auto alles in Ordnung ist oder sie wissen genau, was zu reparieren ist“, berichtet der Prüfingenieur aus seinem Arbeitsalltag.
Weil Mons nicht nur seinen eigenes Notebook, sondern auch seinen eigenen Drucker dabei hat, kann er seine Prüfberichte sofort ausdrucken und seinen Kunden mitgeben.

Erst vor wenigen Tagen mussten Mons und seine Dekra-Kollegen allerdings auch mit dem einen oder anderen Kunden umgehen, der ausfallend auf ihre Prüfberichte reagierte. Denn im Auftrag der Polizei musste Mons und seine Kollegen im Rahmen der Essener Motorshow frisierte und tiefer gelegte Pkws überprüfen und in 61 Fällen sogar aus dem Verkehr ziehen. „Aber auch damit muss man umgehen“, sagt Mons in der ihm eigenen Gelassenheit.

„Manche Leute finden es einfach sportlich, wenn sie die PS-Zahl ihres Motors in die Höhe treiben und die Karosserie ihres Autos tiefer als erlaubt legen, um schneller und mit einer besseren Kurvenlage fahren zu können. Sie ignorieren damit aber die Tatsache, dass die Betriebserlaubnis ihres Fahrzeugs erlischt und mit der tiefergelegten Karosserie die Gefahr verbunden ist, dass ihre Reifen an Karosserieteilen schleifen können und damit das Risiko entsteht, dass der Reifen in voller Fahrt platzt“, erklärt Mons den schmalen Grat zwischen Fahrspaß und lebensgefährlichem Unfallrisiko.

Und was macht der Dekra-Ingenieur, wenn er nach Hause zu seiner Familie fährt, mit der er in Raadt lebt und kein eiliges Schadengutachten auf seinem Schreibtisch liegt? Dann bin ich mit meiner Frau Silke und unseren beiden kleinen Kindern gerne an der Ruhr, im Rumbachtal, in der Müga oder in unserem kleinen Segelboot auf dem Baldeneysee unterwegs“, erzählt der Ingenieur, der in seiner Freizeit auch gerne Saxophon spielt.

Dieser Text erschien am 5. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 17. Januar 2018

Mülheim, ein Abenteuer

Eins, zwei, drei läuft die Zeit im Sauseschritt. Wir laufen mit. So dichtete es bereits Wilhelm Busch. Der Mann kannte die Mülheimer Straßen nicht. Lose liegende Pflastersteine, hochstehende Bodenplatten, Schlaglöcher.

Vor allem wer in der Stadt zu Fuß unterwegs ist, kann schnell straucheln oder sogar stürzen, wenn er Wilhelm Buschs Lebensweisheit beherzigt.  Erst kürzlich sah ich auf der  Leineweberstraße einen älteren Mann, der  nach einem Sturz von einem Rettungswagenteam vor Ort erst-behandelt und dann  ins Krankenhaus gebracht werden musste. Für den armen Mann war nicht nur der Tag gelaufen. Da können Senioren, die aus der Not eine Tugend machen und am Rollator durch die Stadt gehen müssen schon fast froh sein, dass sie einen gewissen Halt an der Hand haben, der zumindest kleinere Stolperer auffängt.
Sollte der Straßen- und Gehwegverfall in unserer Stadt kontinuierlich voranschreiten, sollte die Stadtspitze aus der Not eine Tugend machen und die Straßen und Wege der Stadt zu Rennstrecken für Mountainbiker, Testfahrer und Extremsportler ausweisen und vermarkten und darauf hinweisen: „Betreten und befahren auf eigene Gefahr.“

Dieser Text erschien am 18. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Aus Trümmern wieder auferstanden: Ein Zeitsprung an der Schloßbrücke

Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ist Mülheim noch eine Trümmerstadt. Das Foto aus dem Stadtarchiv zeigt es. Aus Richtung Broich schaut man damals über die Schloßbrücke in Richtung Innenstadt. Nur wenig Autos sind unterwegs. Deshalb nutzen die Fußgänger auch die Fahrbahn. In der Bildmitte sieht man am Horizont die Petrikirche ohne Turmspitze. Ihr Wiederaufbau wird sich bis 1958 hinziehen.

Zwischen 1945 und 1953 müssen auf Mülheims Straßen fast 900 000 Kubikmeter Trümmerschutt beseitigt sehen. Über die Straßenbahnschienen, die man in der Mitte der Schloßbrücke sieht, fährt in den ersten Nachkriegsjahren nicht nur die Straßenbahn nach Duisburg, sondern auch der feurige Elias, eine Lokomotive, die mit ihrem Waggon Trümmerteile abtransportiert. „Auf der linken Straßenseite der Schloßbrücke stand damals nicht nur die 1943 von Bomben getroffene Stadthalle, sondern auch eine Konditorei, ein Gemüse- und ein Kolonialwarenladen“, erinnert sich der 81-jährige Mülheimer Walter Neuhoff. Die wiederaufgebaute Stadthalle sollte 1957 durch den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss eröffnet werden. 

Links sehen wir einen Teil des alten Stadtbades, das 1912 eröffnet worden war. Wo heute schicke Wohnungen des Ruhrqurtiers entstanden sind, sollten 1951 die Stadtbücherei und 1970 das Kunstmuseum der Stadt einziehen.

Auf der rechten Bildseite sehen wir vorne die 1927 eröffnete Hauptverwaltung der Rheinisch-estfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW, die heute als RWE Aqua zum Energiekonzern RWE gehört und weiter vorne das Möbelhaus von der Linden.

Dieser Text erschien am 15. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 16. Januar 2018

Seelsorger an vorderster Front

Gestern feierte Manfred von Schwartzenberg mit seiner Gemeinde Sankt Barbara sein 25-jähriges Dienstjubiläum als ihr Pfarrer. Dabei verriet er, dass er sein Amt als Militärseelsorger der Bundeswehr anfangs nur widerwillig gegen das Pfarramt von Sankt Barbara eintauschte. Doch inzwischen, so von Schwartzenberg, habe er schon oft „Gott dafür gedankt, dass ich Pfarrer von Sankt Barbara geworden bin.“ Wer den lebensfrohen Pfarrer  kennt, die seine Gemeinde nicht nur zu frommen Musicals zu inspirieren weiß, der konnte gestern aus den vielen Dankesworten an die Adresse des militärisch vorgebildeten Seelsorgers, heraushören, dass der Pfarrer mit seinen Dankgebeten in seiner Gemeinde Gott sei Dank nicht allein ist.

Denn wer als katholischer Priester zölibatär leben muss, ist umso mehr auf die Gegenliebe seiner Gemeinde angewiesen. Das ist wie bei der Bundeswehr. Der General muss zwar nicht zölibatär leben, Frau von der Leyen sei Dank, ist aber immer nur so gut, wie seine Truppe, auf die er sich verlassen kann. Und mal ehrlich. Auch an der Heimatfront kann ein ehemaliger Militärseelsorger mit Generalsqualitäten im Kampf für die Frohe Botschaft und gegen die mutlose Verzagtheit nur gut tun.

Dieser Text erschien am 15. Januar 2018 in der NRZ und in der WAZ

Montag, 15. Januar 2018

Warum braucht Man(n) eine Herrensitzung? - Drei Fragen an den Präsidenten der Roten Funken Heino Passmann

Heino Passmann bei seiner Kür zum Ritter vom Schiefen Turm
im November 2017 (Foto: Sven Sauereßig)
Männer aufgepasst. Jetzt laden die Roten Funken zur Herrensitzung. Los geht es um 11 Uhr im Autohaus Extra an der Fritz-Thyssen-Straße.

 1 Warum ist ein blondes und leicht bekleidetes Nummerngirl in der Herrensitzung so sicher wie das Amen in der Kirche?

Weil der Präsident Durst hat und der Präsident ja schließlich standesgemäß bedient werden muss. Und wie heißt es in einem alten Willy-Millowitsch-Karnevalsschlager: „Wir dreh’n uns nach hübschen Mädeln um, es war immer so, es war immer so.“

2 Was erlebt Mann bei der Herrensitzung, was er nicht bei einer „normalen“ Karnevalssitzung erleben könnte? 

Hier wird die Tradition des gemütlichen Sonntagvormittagsfrühschoppens fortgeführt. Ein gepflegter Frühschoppen unter Gleichgesinnten mit einem heiter-frivolen Programm lässt uns Kräfte sammeln für den Alltag. 

3 Warum müssen die Frauen bei der Herrensitzung ihr Fett weg bekommen?

Wir Männer haben ja mittlerweile verstanden, dass wir vielleicht nicht die Krone der Schöpfung sind. Mein Onkel hat das immer so formuliert: „Das tät schön was geben, wenn der Mann zuhause was zu sagen hätte.“ Wenn nun die Frau ihr Fett abbekommt, stärkt das das Selbstbewusstsein der anwesenden Männer und lässt uns zumindest bis zur Heimkehr im Glauben, das starke Geschlecht zu sein. 

Dieser Text erschien am 13. Januar 2018 in der NRZ/WAZ

Sonntag, 14. Januar 2018

Warum braucht Frau eine Mädchensitzung: Drei Fragen an deren Sitzungspräsidentin Jasmin Kirstein

Jasmin Kirstein leitet die
 Mädchensitzung der Roten Funken
Frauen aufgepasst. Am kommenden Samstag, 20. Januar (19 Uhr) geht im Autohaus Extra die Mädchensitzung über die Bühne. Wie bei den Jungs seid ihr für 20 Euro dabei.

1 Was erlebt Frau bei der Mädchensitzung, was sie nicht auch bei einer „normalen“ Karnevalssitzung nicht erleben könnte?

Da kann Frau die Männer mal so richtig auf’s Korn nehmen, die sich im Alltag oft als das starke Geschlecht gebärden, das den Frauen die Welt erklären muss. Bei der Mädchensitzung dürfen die Frauen humoristisch mal in die Vollen gehen und brauchen

2 Warum müssen Männer bei einer Mädchensitzung ihr komödiantisches Fett weg bekommen?

Dem Mann selbst fehlt es ja leider allzu oft an Selbstironie... Da helfen wir Mädels natürlich gerne aus. Denn ohne Selbstironie und Humor geht es nicht, wenn uns nicht der Kragen platzen soll. Hier können die Männer von den Frauen etwas lernen.

3 Was sieht Frau gerne, wenn sie ihren Mann zuhause gelassen hat, um zur Mädchensitzung zu kommen?

Gerne sieht Frau natürlich einen gedeckten Frühstückstisch und ein zubereitetes Mittagessen. Bei der Mädchensitzung sieht sie natürlich auch einen attraktiven muskulösen Mann, der einen Waschbrettbauch statt einen Waschbärbauch zu bieten hat. Sie grinst dabei und ist ganz entspannt und ausgelassen unter ihres gleichen.


Dieser Text erschien am 13. Januar 2018 in NRZ und WAZ

Samstag, 13. Januar 2018

Was einen Mann so alles reizt

Als Christenmensch könnte ich morgen in die Heilige Messe gehen. Als Mann komme ich aber in einen Gewissenskonflikt. Denn die Roten Funken laden morgen zur Herrensitzung ins Autohaus.
Was könnte besser passen, wenn Man(n) Spaß haben und Gas geben will. Denn das Auto soll ja des deutschen Mannes liebstes Kind sein. 

Mich reizen die Pferdestärken auf vier Rädern als Fußgänger und als Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs aber nicht wirklich. Was mich als Mann natürlich reizen könnte, wäre das blonde Nummerngirl, das bei der Herrensitzung der Roten Funken, leicht bekleidet und ohne rot zu werden dem Herrn Präsidenten das Bier serviert und dabei mit seinen Reizen nicht geizt. Was wohl der Pfarrer meines Vertrauens dazu sagt, wenn ich morgen nicht im Gottesdienst, sondern in der Herrensitzung sitze. Sollte ich vorher oder nachher bei ihm beichten? Oder werde ich ihn morgen vielleicht gar nicht in der Kirche, sondern im Autohaus bei der Herrensitzung treffen? 

Man(n) weiß es nicht. Doch eines scheint mir als Mann sicher. Blonde und leicht bekleidete Nummerngirls sind noch das harmloseste männliche Vergnügen, in einer Welt, in der Man(n) und Frau mit ganz anderen digitalen und medialen Ansichten überreizt werden. Da lobe ich mir dann doch die weiblichen Reize.

Dieser Text erschien am 13. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 12. Januar 2018

18 Schüler besuchten Israel: Die jungen Leute aus Mülheim, Essen und Duisburg waren eine Woche lang mit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft im Heiligen Land unterwegs.

Nicht nur Jerusalem war und ist eine Reise wert
Foto: Günter Reichwein (DIG)
18 Mülheimer, Essener und Duisburger Schüler konnten jetzt zusammen mit Markus Püll und Günter Reichwein von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Israel besuchen. Beim Nachtreffen im Petrikirchenhaus ließen sie ihre Erinnerungen an die einwöchige Reise Revue passieren. Die drei angehenden Erzieherinnen Bianca Deuse, Meike Linscheidt und Paulina Wodetzky, die zurzeit das Berufskolleg Stadtmitte besuchen, stellten sich am Rande des Treffens den Fragen der Lokalredaktion.

Warum wollten Sie nach Israel reisen?

Meike Linscheidt: Was ich von Israel weiß, weiß ich aus den Medien. Von Bekannten habe ich schon viel Positives über Israel gehört und wollte mir jetzt ein eigenes Bild machen.

Was hat Sie überrascht?

Paulina Wodetzky: Das wir uns in Israel absolut sicher gefühlt haben und auch abends als Frauen problemlos allein unterwegs sein konnten. Auch an die im Straßenbild  überall zu sehenden Soldaten haben wir uns schnell gewöhnt.

Sie haben in Jerusalem die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Mit welchem Gefühl?

Bianca Deuse: Wir waren alle sehr berührt und nach dem Besuch sehr still. Es hat uns alle sehr aufgewühlt, dort mit den Biografien und Erlebnissen der Holocaust-Opfer und dem Leidensweg ihrer Deportation konfrontiert zu werden. Wir fühlen uns nicht schuldig für das, was Deutsche lange vor unserer Geburt verbrochen haben. Aber wir nehmen aus Yad Vashem die Erkenntnis mit, dass dieses Menschheitsverbrechen nicht vergessen werden darf und uns auch heute noch zu Frieden und Menschlichkeit mahnt.

Sie haben mit jungen israelischen Wehrpflichtigen gesprochen. Was nahmen Sie dabei mit?

Meike Linscheidt: Mir war vor der Reise völlig neu, dass alle jungen Israelis, Männer wie Frauen, einen zwei- bis dreijährigen Wehrdienst absolvieren müssen. Wir sprachen mit einer jungen Wehrpflichtigen, die aus Deutschland nach Israel ausgewandert ist und die den absoluten Wehrdienst in der israelischen Armee vor dem Hintergrund ihres  Wissens aus Deutschland um die Möglichkeit des Zivildienst kritisch sah. Doch für ihre in Israel aufgewachsenen Kameraden ist der Wehrdienst eine selbstverständliche Pflicht, die sie nicht angezweifelt oder beklagt haben.

Warum sollten Ihre deutschen Altersgenossen unbedingt mal Israel besuchen?

Bianca Deuse: Weil sie ein sehr vielseitiges und faszinierendes Land kennen lernen würden, in dem die Menschen sehr  aufgeschlossen sind. Bei unserem Gespräch mit zwei UNO-Blauhelm-Soldaten auf den Golan-Höhen im Länder-Dreieck Israel-Libanon-Syrien konnten wir uns ein eigenes Bild davon machen, dass das friedliche Zusammenleben von Nachbarländern, wie wir es heute in der Europäischen Union erleben, bei Weitem keine Selbstverständlichkeit, sondern ein sehr wertvoller Schatz ist.

Die nächste Reise wird schon geplant

Mit finanzieller Unterstützung der Sparkasse und aus Rücklagen, die sich aus früheren Zuschüssen der Städte Mülheim, Oberhausen und Duisburg angesammelt hatten, konnte die Deutsch-Israelische Gesellschaft Mülheim-Duisburg-Oberhausen 20 000 Euro für die Israel-Reise der Schüler zur Verfügung stellen.


Den Rest des Reisebudgets trugen die Schüler mit einem Eigenbeitrag von 450 Euro pro Person. Die DIG sucht Sponsoren für die nächste Schülerreise nach Israel. Infos: dig-duisburg-muelheim-oberhausen.de

Dieser Text erschien am 11. Januar 2018 in NRZ/WAZ

Donnerstag, 11. Januar 2018

Sankt Barbara feiert seinen Hirten - Pfarrer Manfred von Schwartzenberg

Manfred von Schwartzenberg
Am 14. Januar 2018 feiert die Kirchengemeinde St. Barbara mit ihrem Pfarrer Manfred von Schwartzenberg (73) sein 25-jähriges Orts-Jubiläum. 

Sie leben als Priester zölibatär. Ist die Gemeinde für Sie zur Familie geworden?
Im übertragenen Sinne ist das so. Das Dümptener Milieu mit seinen Vereinen, wie DJK, KAB, Kolping und Frauengemeinschaft ist einfach grandios. Ich bin dankbar für die kreativen Menschen dieser Gemeinde, die sich ansprechen und begeistern lassen.

Was genau ist grandios?
Es gibt hier viele Menschen, die kreativ sind und gerne etwas mit ihren Nachbarn zusammen schaffen und sich deshalb für unterschiedliche Aktivitäten ansprechen und begeistern lassen.

Wie wirkt sich das aus?
Wir haben zwei erfolgreiche Musicals über Nikolaus Groß und die Mutter Gottes von Guadalupe auf die Bühne gebracht. Das hat nicht nur nach außen, sondern auch nach innen gewirkt und der Gemeinde eine gewisse Dynamik verliehen. Das gilt aber auch für das gemeinsame Engagement in der Flüchtlingsarbeit, wie in der Partnerschaft mit einer kroatischen Gemeinde oder für die Durchführung von Jugend- und Familienfreizeiten.

Ist St. Barbara eine Insel der Seligen?
Leider nein. Der Kirchenbesuch nimmt seit Jahren ab. Wir haben viele Beerdigungen, aber Gott sei Dank auch viele Taufen und Kommunionkinder. Um Menschen als Kirchengemeinde anzusprechen, muss man sich heute schon etwas besonderes einfallen lassen.

Wie lange werden Sie noch Pfarrer von St. Barbara sein?
Im Mai 2019 werde ich 75 Jahre alt. Dann muss ich in den Ruhestand gehen. Das sieht das Kirchenrecht so vor. Aber ich werde im Rahmen meiner Möglichkeiten auch danach noch im Pastoralteam der Gemeinde mitarbeiten. Die Gemeinde wird keinen neuen Pfarrer, aber einen neuen Pastor bekommen. Stadtdechant Michael Janßen wird dann als Pfarradministrator in einem Verbund von St. Mariae Geburt und St. Barbara vorstehen. Die Pfarrei St. Barbara bleibt rechtlich, mit all ihrem Gremien, erhalten.

Gibt es im Rahmen des Pfarreientwicklungsprozesses schon ein Zukunftsszenario?
Auch wenn die Gemeindevoten erst im Laufe des Februars vorgelegt werden, haben wir in St. Barbara schon ausgefeilte Pläne entwickelt. Die laufen darauf hinaus, dass wir St. Engelbert in Eppinghofen und Albertus Magnus in Styrum aufgeben müssen, weil die notwendige Sanierung nicht zu bezahlen wäre. Für St. Engelbert hoffen wir auf einen Investor, der den Kirchenturm stehen lässt und die Kirche selbst für Büro- und Wohnraum umbaut. Mein ehemalige Pfarrhaus am Schildberg, aus dem ich bereits ausgezogen bin, wird vermietet. Das Pfarrbüro wird ins gegenüberliegende Pfarrheim verlagert. Die Urnenkirche Heilig Kreuz wird bis Ostern um 200 Grabstellen erweitert und  danach wieder für Gottesdienste genutzt. Die Winkhauser Christ-König-Kirche bleibt erhalten. Das dortige Gemeindehaus soll langfristig verkauft oder vermietet werden.

Manfred von Schwartzenberg wurde 1944 (kriegsbedingt) in Baumen bei Waldbröhl geboren. Er wuchs in Essen auf. Nach seinem Abitur am dortigen Burggymnasium studierte er katholische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum. 1971 wurde er in St. Engelbert in Eppinghofen zum Priester geweiht. Als Kaplan arbeitete er anschließend in Gelsenkirchen-Schalke und in St. Mariae Rosenkranz (Styrum). Gleichzeitig übernahm er die Aufgabe des Stadtjugendseelsorgers. Anschließend wechselte er als Militärselsorger zur Bundeswehr. 

Hier organisierte er unter anderem die Soldaten-Wallfahrten nach Lourdes. Neben seinem Pfarramt in St. Barbara, stand er von 1993 bis 2007 als Stadtdechant der katholischen Stadtkirche vor. Heute ist er ihr Ehren-Stadtdechant.

Dieses Interview erschien am 4. Januar 2018 in NRZ und WAZ





Mittwoch, 10. Januar 2018

Der Weg ist das Ziel

Kürzlich gab mir ein Freund die Lebensweisheit der heiligen Katharina von Siena mit auf meinen eigen Lebensweg: „Nicht das Beginnen, sondern das Durchhalten wird belohnt.“

Daran fühlte ich mich gestern erinnert. Es begann damit, dass ich von der Stadtmitte nach Winkhausen fahren wollte, um dort, welch ein Zufall, einen geistlichen 
Gesprächspartner zu treffen.

Bus oder Straßenbahn? Das war für mich, der entweder zu Fuß  oder mit dem öffentlichen Personennahverkehr unterwegs ist, die Frage.

Ich entschied mich für die vermeintlich schnellere Straßenbahn und setzte prompt auf das falsche Pferd. Denn ausgerechnet die Straßenbahn, mit der ich am Nachmittag über die Aktienstraße in den Norden der Stadt fuhr, stieß mit einem Auto zusammen.

Polizei und Ersatzbus brauchten ihre Zeit. Ein Rettungswagen brauchte Gott sei Dank nicht gerufen werden. Doch mein geistlicher Gesprächspartner musste länger auf mich warten, als ihm vielleicht lieb war. Doch er reagierte gelassen auf meinen Handyanruf und die Ankündigung meiner Verspätung. Kein Wunder. Der Mann glaubt an das ewige Leben. Er kennt Katharina von Siena und den Mülheimer Straßenverkehr. 


Dieser Text erschien am 10. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 9. Januar 2018

Lieber lebendig als legendär

Der Jahreswechsel wird gefeiert. Für mich bringt der Beginn des neuen Jahres ein zwiespältiges Gefühl mit sich. Mit dem Aufbruch ins neue Jahr verbinde ich die oft trügerische Hoffnung, dass das neue Jahre besser werden möge, als das alte.

Da ich als im Januar geborenes  Menschenkind aber mit dem neuen Jahr auch gleich in ein neues Lebensjahr starte, führt mir der Jahreswechsel immer auch meine Vergänglichkeit vor Augen. Ich tröste mich mit einem Satz meiner leider viel zu früh verstorbenen Großmutter hinweg: „Wer nicht alt werden will, muss jung sterben!“

Auch wenn die Geschichte voller legendärer Gestalten ist, die unter anderem deshalb zur Legende geworden sind, weil sie jung und unvollendet gestorben sind, ziehe ich es für meinen Teil doch vor, auf den historischen Status der Legende, á la Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert oder John und Robert Kennedy, James Dean oder Jimmy Hendriks  zu verzichten und stattdessen ganz profan aus meinem Leben das Beste zu machen und nicht auf meine Legendenbildung hinzuarbeiten, sondern mich zusammen mit meinen Mitmenschen auf den nächsten legendären Augenblick des Alltags zu freuen. Machen Sie es doch auch so.

Dieser Text erschien am 9. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 8. Januar 2018

Ein Zeitsprung an der Hingbergstraße zwischen Stadtmitte und Heißen

Der Hingberg und die im Krieg zerstörte Zionskirche
Archivfoto: Wilhelm Neumann
Das historische Foto aus dem Jahr 1946 wurde von Walter Neuhoffs Vater Wilhelm aufgenommen und zeigt die um 1900 errichtete und 1943 vom Krieg zerstörte Zionskirche an der Hingbergstraße 6. 

Den Straßenzug, wie wir ihn auf dem Nachkriegsfoto sehen, ist heute nicht mehr existent. Stattdessen schauen wir aus Richtung der 1983 am Hauptbahnhof errichteten Post auf einen Gebäudekomplex des 1994 eröffneten Forums und auf die Ausläufer des in den frühen 1970er Jahren angelegten Hans-Böckler-Platzes. Dort wurde, als Vorläufer des heutigen Forums, 1977 das City Center eröffnet.

Bis 1963 musste die im Jahr 1875 gegründete methodistische Zionskirchengemeinde ihre Gottesdienste in Notkirchen in Speldorf und Heißen feiern. Erst dann konnte die freikirchliche Gemeinde mit Hilfe der Sparkasse auf einem ehemaligen Lagerplatz an der Ecke Klöttschen/Heißener Straße Grundstück für den Neubau eines Gemeindezentrums, das den Bedürfnissen der damals 500 Gemeindemitglieder entsprach. Beim Bau halfen auch Jugendliche mit.

Zum 1963 eröffneten Gemeindehaus gehörte nicht nur ein Kirchenraum mit 750 Sitzplätzen, sondern auch ein Jugendzentrum und Wohnungen für den Pastor und die Gemeindeschwester.
Als die 1875 vom Prediger Johannes Berger gegründete Gemeinde 1984 das 200-jährige Bestehen der in England gegründeten Glaubensgemeinschaft der Methodisten feierte, bescheinigte der damalige Bürgermeister Günter Weber der Mülheimer Zions-Kirchengemeinde „ein ausgeprägtes soziales und ökumenisches Engagement und einen herzlichen Kontakt zur Stadtgemeinde.“

Dieser Text erschien am 8. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 7. Januar 2018

„Frauen können das!“: Alt-Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern im Gespräch über Frauenquote, Betreuungsgeld, Ruhrbania und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft

Eleonore Güllenstern (1929-2018) im Juni 2012
Von 1982 bis 1994 war sie Mülheims erste Oberbürgermeisterin.
16. Juni 1982: An diesem Tag Eleonore Güllenstern zur damals einzigen Oberbürgermeisterin einer deutschen Großstadt gewählt. Für die Neue Ruhr Zeitung sprach ich mit ihr zu diesem Stichtag über Politik von gestern und heute.

Ihre erste Wahl zur Oberbürgermeisterin am 16. Juni 1982 sorgte bundesweit für Schlagzeilen. War es auch für Sie ein besonderer Tag?

Das war schon ein besonderer Tag. Besonders habe ich mich damals darüber gefreut, dass ich bei der Wahl im Rat 46 von 50 Stimmen bekommen habe.

Warum fiel die Wahl damals auf Sie?
Ich wollte das damals eigentlich gar nicht und wurde von meiner Nominierung überrascht. Ich dachte, dass unser damaliger Fraktionsvorsitzer Friedrich Wennmann als Oberbürgermeister die Nachfolge des verstorbenen Oberbürgermeisters Dieter aus dem Siepen antreten würde. Doch Wennmann hat dann mich vorgeschlagen, wohl auch deshalb, weil ich damals ja schon als Bürgermeisterin den kranken OB oft vertreten habe. Die repräsentativen Verpflichtungen, die mit dem Amt verbunden waren, waren für mich also nichts Neues.

Konnten Sie Amt und Familie damals gut miteinander verbinden?

Ich habe mich natürlich vor meiner Wahl mit meinem Mann und meinen beiden Söhnen beraten. Erst nachdem sie ihre Genehmigung gegeben hatten und sagten: „Du schaffst das“, war ich auch bereit, das zu machen. Aber das Amt hat mich viel Zeit gekostet, mindestens 70 bis 80 Stunden pro Woche. Anders als heute war das OB-Amt ja trotz einer Aufwandsentschädigung ein Ehrenamt (Erst seit 1999 ist es ein Hauptamt, d. Red.).

Was hat Sie angetrieben?

Die Menschen haben mich immer interessiert. Ihre Schicksale haben mich auch bewegt. Deshalb waren mir meine Sprechstunden besonders wichtig, in denen die Bürger mit ihren Anliegen zu mir kommen konnten. Ich habe immer wieder da und dort helfen können, weil es eine ganz andere Wirkung hat, wenn ich in einer Angelegenheit als Oberbürgermeisterin zum Beispiel bei einem Amt nachfragte. Außerdem war die Kultur immer mein Steckenpferd, weil mich immer interessiert hat, wie Kunst eine Stadt und ihre Menschen positiv beeinflussen kann.

Was war der schönste Tag ihrer Amtszeit?
Das war der 11. April 1992, als die Müga von Johannes Rau eröffnet wurde. Das war ein tolles Fest. Daran kann ich mich bis heute erfreuen, dass wir so etwas hinbekommen haben, von dem wir bis heute alle profitieren können.

Wir haben heute eine Bundeskanzlerin, eine Ministerpräsidentin und eine Oberbürgermeisterin. Ist die Gleichberechtigung am Ziel?

Sicher nicht, wenn man zum Beispiel den Streit über das Betreuungsgeld oder die Frage betrachtet, ob man über eine Quote oder besser auf freiwilliger Basis mehr Frauen in Führungpositionen großer Unternehmen bringen kann. Es ist keine Frage, dass Frauen das können, sondern nur, ob sie es auch wollen oder aus persönlichen Gründen zufrieden sind mit der Arbeit, die sie tun.

Sie hatten als Oberbürgermeisterin nie Probleme, auf Menschen zu zu gehen. Wie steht es aus ihrer Sicht heute um die Bürgernähe von Politik?

Hannelore Kraft betrachte ich da als meine Freundin und gönne ihr jeden Erfolg, weil sie eine lebendige und herzliche Person ist, die nichts sagt, was sie nicht auch genau so meint. Ich finde es auch gut, dass sie ganz klar gesagt hat, dass sie nicht nach Berlin gehen will. Ich sehe bei ihr auch eine ähnliche Mentalität, wenn es darum geht, energisch zu sein, um etwas durchzusetzen. Sie hat sich Gott sei Dank auch durchgesetzt, dass die Schulden des Landes abgebaut werden müssen und gespart werden muss. Das ist genau das Richtige, um am Ende das eingesparte Geld in wichtige Zukunftsaufgaben investieren zu können.

Und wie sehen Sie die Mülheimer Politik?

Ich denke, dass Kommunalpolitik heute schwerer ist als zu meiner Zeit. Ich weiß nicht, ob wir früher mehr gespart haben. Ich glaube, dass die heutige Oberbürgermeisterin, die auch hauptamtliche Verwaltungschefin ist, auf alles achten wird. Aber der Laden Stadtverwaltung ist sehr umfangreich geworden. Es ist sehr viel ausgelagert worden. Und was ich ins Sachen Zinswetten verfolgt habe, durch die viel Geld verloren gegangen ist, das ist auch sehr ärgerlich. Erfreulich finde ich, dass die Gesamtschulen, die auch in meiner Zeit eingerichtet wurden, heute gut angenommen werden und dort auch Kinder aus Zuwandererfamilien gefördert werden. Das ist eine wichtige Aufgabe für unsere Zukunft. Da sind wir auf einem guten Weg. Die Innenstadt ist ja traurig und die Wohnungen an der Ruhrpromenade sind sehr elitär. Man muss froh sein, wenn Menschen in Mülheim wohnen wollen. Deshalb muss man überall das Augenmerk auf Wohnumfeldverbesserungen haben und nicht nur auf exklusive Baufelder achten, wo die Menschen leben, die sich das leisten können.


Dieser Text erschien am 16. Juni 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 6. Januar 2018

In Memoria Eleonore Güllenstern

Eleonore Güllensterm im Juni 2012
Sie war die erste Frau an der Mülheimer Stadtspitze. Jetzt ist Alt-Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern im Alter von 88 Jahren gestorben.
Als die Sozialdemokratin Eleonore Güllenstern am 16. Juni 1982 zur Oberbürgermeisterin gewählt wurde, war sie die damals einzige Oberbürgermeisterin der Bundesrepublik. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die am 1. Oktober 1929 in München geborene und seit 1961 in der SPD aktive  Kommunalpolitikerin bereits einen Namen als Anwältin und Lobbyistin der Kultur gemacht.

Vor ihrer Zeit als Oberbürgermeisterin war Güllenstern seit 1964 Stadtverordnete, die später zur Bürgermeisterin und Vorsitzenden des Kulturausschusses gewählt wurde. Das Kunstmuseum Alte Post und das Theater an der Ruhr sowie die Mülheimer Theatertage, der Mülheimer Kunstverein, die Einrichtung einer städtischen Gleichstellungsstelle und eines Frauenhauses sind mit ihrem Namen verbunden.

Die Begründung der Städtepartnerschaften mit Opole/Oppeln (1988) und Kfar Saba (1993) fallen ebenso in ihre zwölfjährige Amtszeit, wie die Landesgartenschau Müga des Jahres 1992. Ihre Zeit als erste Frau an der Stadtspitze endete am 16. Oktober 1994 mit ihrem Rücktritt unglücklich. Bei der damaligen Kommunalwahl verlor die SPD ihre langjährige absolute Mehrheit und wurde durch ein schwarz-grünes Bündnis unter ihrem christdemokratischen Nachfolger, Oberbürgermeister Hans-Georg Specht, abgelöst. Auch Parteifreunde gaben Güllenstern damals eine wesentliche Mitschuld am Machtverlust der SPD. Erst 2007 söhnte sich die damalige Parteiführung mit einem Empfang zu Ehren Güllensterns, im Theater an der Ruhr, mit ihrer ehemaligen Frontfrau aus und würdigte ihr politisches Lebenswerk.

Doch auch nach ihrer Amtszeit blieb die verheiratete Mutter zweier Söhne als Vorsitzende des Mülheimer Kunstvereins und als Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ehrenamtlich aktiv.


Dieser Text erschien am 5. Januar 2018 im Lokalkompass und in der Mülheimer Woche

Freitag, 5. Januar 2018

Der "wilde" Rumbach: Ein Zeitsprung an der Bachstraße

Die vom Rumbach 1954 geflutete Bachstraße
Stadtarchiv-Foto: Wilhelm Neuhoff
www.stadtarchiv-mh.de
Die Bachstraße unter Wasser. Das Foto aus dem Stadtarchiv entstand  1954. Ein Unwetter ließ die Ruhr und den ab 1836 schrittweise überwölbten Rumbach Hochwasser führen. Das sorgte nicht nur an der Bachstraße für nasse Füße. Die Kanalisation des Rumbachs wurde erneuert und mit der Durchfahrt eines VW-Käfers auf ihre Tauglichkeit überprüft. 

Schon 1953 war der neue Rumbachtunnel unter der Schloßstraße fertiggestellt worden. 1980 bekam er ein Regenrückhaltebecken an der Walkmühle. Seit 2016 wird die Rumbachkanalisation auf einer Länge von 1,3 Millionen erneuert. 

Die zuständigen Ingenieure rechneten bei Beginn der Bauarbeiten mit Baukosten von bis zu 11 Millionen Euro und mit einer Bauzeit von fünf bis sieben Jahren. Zur Erneuerung des Rohrnetzes kommen Renaturierungsmaßnahmen am Rumbach. Das Land gibt 1,1 Millionen Euro dazu. Seit jeher hatten die Mülheimer ein zwiespältige Verhältnis zum Rumbach. Denn er sorgte nicht nur für nasse Füße, in Folge von Winterschmelze oder Unwettern, sondern auch für die Ansiedlung sieben Mühlen und drei Gerbereien. Ehe man, auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Christian Weuste, in den 1830er Jahren mit der Überwölbung des Rumbachs begann, floß er offen durch die Innenstadt zur Ruhr. Viele Mölmsche missbrauchten ihn auch als Abwasserkanal und Müllkippe. Frei nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn“, floss so mancher Abfall, der vom Tage übrig blieb direkt in die Ruhr. Gestank und gesundheitliche Risiken waren unausweichlich. Genau diese fatalen Nebenwirkungen waren es auch, die Christian Weuste dazu antrieben, den Rumbach unter die Erde zu bringen.

Dieser Text erschien am 2. Januar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mülheim zu Kaisers Zeiten

  Mit der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Schloss von Versailles wurde vor 150 Jahren der erste deutsche Nationalsta...