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Montag, 5. September 2016

Eine Frau für jede Tonart: Wer Chorleiterin Christiane Böckeler begleitet, merkt, wie viel Leidenschaft man braucht, wenn man die Musik zum Beruf macht

Christiane Böckeler gibt bei der Chorprobe den Ton an.
Ihr Tag beginnt um 9 Uhr. Nach dem Frühstück heißt es: üben! Erst Klavier- und Orgelspiel. Dann geht Christiane Böckeler zum Dirigieren über. Musik macht der 50-jährigen Kirchenmusikerin Freude, aber auch Arbeit. Am Nachmittag steht noch eine Probe mit dem Projektchor ihrer Gemeinde auf dem Programm, mit dem sie eine lateinamerikanische Messe einstudiert.

An anderen Tagen würde sie vielleicht noch ein Seminar an der Düsseldorfer Musikhochschule besuchen, wo sie sich auf ihr Examen als Kirchenmusikerin vorbereitet.

Auch private Klavierstunden gehören für die studierte Klavierpädagogin normalerweise zu ihrem täglichen Brot, doch die lässt sie aufgrund ihrer aktuellen Studienverpflichtungen derzeit ruhen.

Weiter gehen für die Chorleiterin allerdings ihre abendlichen Proben mit den modernen A-Capella-Chören, den Silk-O-phonics und dem Ruhrschrei. An diesem Abend warten zehn der 17 Ruhrschrei-Sänger im evangelischen Gemeindehaus an der Witthausstraße auf sie. Der erste Blick in den Saal überrascht positiv. Von Überalterung keine Spur. In diesem Chor reicht das Altersspektrum von 25 bis 60, von der Studentin bis zum Vorruheständler.

Warum ist das so? Ein Blick ins Proben-Repertoire lässt es erahnen. Robbie Williams „Angles“, „Every Breath You Take“ von The Police und „Das Beste“ von Silbermond stehen auf dem Programm.

„Solche Lieder entsprechen heute eher den Hörgewohnheiten und dem Lebensgefühl der Menschen. Außerdem wirken populäre A-Capella-Chöre, wie Basta, Maybe Bob oder die Wise Guys sehr inspirierend“, erklärt sich Christiane Böckeler die Anziehungskraft solcher und ähnlicher Pop- und Rocksongs. Bernd, 52, Handwerksmeister, stimmt ihr zu: „Ich habe 30 Jahre in einem Männergesangverein gesungen, bevor ich zum 2009 gegründeten Ruhrschrei kam. Hier kommt mit der Musik einfach mehr Lebensfreude auf.Und das hat auch mit dem Einfühlungsvermögen und dem emotionalen Gespür für Menschen zu tun, das Christiane Böckeler einfach mitbringt.“

Die Mutter eines erwachsenen Sohnes, die seit ihrem 19. Lebensjahr Chöre leitet, Klavierunterricht gibt und Kirchenmusik macht und jetzt spätberufen auf ein Kirchenmusik-Examen zusteuert, weiß: „Als Chorleiterin muss man die Begeisterung für die Musik vermitteln und die Sänger zum Grooven bringen.“ Böckeler ist davon überzeugt: „Musik ist eine Sprache, die jeder verstehen und die alles ausdrücken kann, was sonst unsagbar wäre, egal, ob es sich um ein Volkslied, ein Oratorium oder einen Popsong handelt.“

Dass guter Gesang etwas mit einem guten Körpergefühl zu tun hat, merkt man, wenn Böckeler die Damen und Herrn des Ruhrschreis zum Auftakt der Probe aufstehen und sich recken, strecken und lockern lässt. Und bevor sie mit ihrer Chor-Crew an „I sit and wait, does an angel contemplate my fate“, „Every breath you take. Every move you make“ und: „Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Es tut so gut wie du mich liebst“ herangeht, begleitet sie auf dem Klavier erst mal einige Sprach- und Gesangsübungen, a la „Si, si, si, si, sie“ und: „Ti, Ti, Ti, r, Ti.“ Nach dem Mundmuskulatur und Stimmbänder so geschmeidig gemacht worden sind, geht es ans eigentliche Chorwerk.

Der Laie im Hintergrund staunt darüber, wie lange und intensiv man drei Liebeslieder proben kann, die der Ruhrschrei demnächst bei einer Hochzeit singen wird. Die Chorleiterin nimmt jeden zweiten bis dritten Takt auseinander. Immer wieder wird unterbrochen und neu angesetzt, wenn sie im Halbkreis ihrer Sänger eine stimmliche Unebenheit herausgehört hat: „Hier müsst ihr den Ton etwas besser führen und höher halten.“ „Das ist ein schöner Akkord. Der passt aber nicht an diese Stelle.“ Oder: „Denkt dran: Ihr müsst hier verliebter klingen.“

Was positiv überrascht, ist der Umstand, dass Böckler es versteht, ihre kontinuierlichen Korrekturen so freundlich und charmant an die Frau und den Mann zu bringen, dass keine angestrengte und stressige Stimmung aufkommt. Wenn Christiane Böckeler bei den Proben mit ihrem Klavierspiel die Tonalität und den Rhythmus ihres Mülheimer A-Capella-Chores unterstützt, alternativ mit den Fingern schnipst und sich zur Melodie in den Hüften wiegt oder diese mit ihren Handbewegungen in der Luft nachzeichnet, scheint die Chorleiterin zur Chorschwester zu werden, die mit ihrem Ensemble verschmilzt.

Kurz nach 22 Uhr beendet Christane Böckler dann mit einem „so, das reicht für heute“ die Chorprobe und handelt mit ihrem Ensemble noch einen Ersatztermin für die nächste Probe aus. Denn in der kommenden Woche muss sie zur üblichen Zeit an eine Workshop in der Düsseldorfer Musikhochschule teilnehmen, damit aus der schon lange praktizierenden demnächst auch eine examinierte Kirchenmusikerin werden kann. 


Dieser Text erschien am 3. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 31. Oktober 2015

Eine handliche Harfe macht Lust aufs Musizieren Musikpädagogin Renate Lindemann und Heile Wilde geben spätberufenen Musikfreunden, die keine musikalische Vorbildung haben, mit ihren Veehharfenkursen eine zweite Chance. Der instrumentale Erfolg stellt sich schnell ein

Heike Wilde (links und Renate Lindemann

Anders, als die Harfe, ist die Veehharfe ein sehr handliches Instrument, das man leicht in die Hand oder auf einen stabilen Notenständer stellen kann. Ihr englesgleicher und harmonischer Klang erinnert ein wenig an die Zither. Wer Anton Karas Filmmusikklassiker „Der dritte Mann“, mag wird die Veehharfe lieben.

Musikpädagogin Renate Lindemann entdeckte das von Hermann Veeh für seinen behinderten Sohn entwickelte Instrument durch ihre 80-jährige Mutter. Im Gegensatz zu ihrer Tochter hat sie keine musikalische Vorbildung, konnte aber schon nach wenigen Stunden erste Volkslieder, Schlager, Spirituals und kleine Klassikstücke intonieren.

Lindemann und ihre Kollegin Wilde waren elektrisiert. Im April stellten sie das Instrument für spätberufene Musikanten bei der Seniorenmesse im Forum der Öffentlichkeit vor. Die Resonanz war so positiv, dass Wilde und Lindemann erste Kurse auf die Beine stellten. „Man kann dieses Instrument ohne Notenkenntnisse spielen und hat schnell musikalische Erfolgserlebnisse“, schildern die Kursteilnehmerinnen Elisabeth Bauer und Angelika Wolff den Reiz der Veehharfe, die mit 25 Stahlsaiten auf einem hölzernen Resonanzkörper zum Klingen gebracht wird. Zusammen mit Dorothee Tolba, Thomas Kocks, Lindemann und Wilde stimmen sie „Morning has broken“ an. Das Ergebnis lässt sich hören. „Menschen die aus ganz unterschiedlichen Gründen in ihrer Kindheit und Jugend kein Instrument erlernt haben, entdecken im reiferen Alter den Spaß und die Begeisterung am gemeinsamen Musizieren. Das fördert soziale Kontakte, aber auch die Motorik und die geistige Fitness“, beschreibt Profi-Musikerin Lindemann ihre Faszination für die Veehharfe, die mit einer einfachen Punkteskala, die man hinter die Saiten klemmen kann, intoniert wird.

„Wenn man dieses Instrument spielt und seinen harmonischen Klang hört, ist das Entspannung pur“, findet Thomas Kocks. Deshalb hat der Alltagsbegleiter, der Franziskushaus Senioren betreut, das Instrument auch bei seiner Arbeit im Altenheim mit Erfolg eingesetzt.

„Die oft auch demenziel veränderten Bewohner, können sich gut entspannen, wenn sie vertraute Melodien hören“, schildert Kocks seine Erfahrungen mit der Veehharfe.

Tatsächlich sind auch Klassiker, wie etwa „Ännchen von Tharau“, „Du liegst mir am Herzen“, „Die kleine Kneipe in unserer Straße“ oder „Wenn ich ein Vöglein wär“ ein Hörgenuss, wenn sie auf der Veehharfe intoniert werden. Und das System aus kleinen, großen, ausgemalten und leeren Punkten, das die herkömmlichen Noten ersetzt, lässt sich leicht und schnell erlernen.


Kurse für Einsteiger & Fortgeschrittene

Unterstützt von Heike Wilde bietet die Musikpädagogin und Musikdozentin Renate Lindemann Schnupperkurse für Menschen an, die mit der Vehharfe musizieren möchten.

Gerade erst hat sie einen Schunpperkurs für Menschen mit Down Syndrom begonnen.

Die jeweils maximal 6 Teilnehmer eines auf 5x60 Minuten angelegten und wöchentlich abgehaltenen Schnupperkurses bekommen ein Leihinstrument und Unterrichtsmaterial gestellt.

Veranstaltungsorte und Termine werden nach individueller Absprache festgelegt.

Die Kursgebühr beträgt 70 Euro

Es gibt auch Kurse für Fortgeschrittene.

Die Anschaffung eines neuen Instrumentes würde rund 700 Euro kosten

Weitere Informationen finden Interessierte unter: www.renate-lindemann.de, per E-Mail an: info@renate-lindemann.de sowie unter der Rufnummer 0208/763855 oder unter der Rufnummer 0152/09847877 


Dieser Text erschien am 26. Oktober 2015 in der NRZ und in der WAZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...