Donnerstag, 31. Mai 2018

Rettungsringe für die Stadt

Jetzt wird mir klar, dass unsere Stadt ins Schwimmen kommt. Als Mülheimer, der noch im alten Stadtbad bei einem beamteten Bademeister Schwimmen gelernt hat, staune ich darüber, dass die Stadt, die von uns Steuerzahlern, inklusive Tariferhöhung im Öffentlichen Dienst, über Wasser gehalten wird, personell und finanziell nicht mehr in der Lage ist, dafür zu sorgen, dass wir regelmäßig baden gehen.

Wahrscheinlich würden wir als Stadtgesellschaft wirklich baden gehen, wenn nicht aktive Bürger in der PIA-Stiftung und in den Mülheimer Schwimmvereinen der Stadt einen Rettungsring zuwerfen würden, damit Mülheimer Kinder auch heute und morgen nicht als Nichtschwimmer aufwachsen müssen. Denn als solche könnten sie ja noch nicht mal kostenneutral in der Ruhr baden gehen. Sie sehen: Wir müssen uns als Bürger täglich neu abstrampeln, um den Kopf über Wasser zu halten, nicht nur im Schwimmbad

Dieser Text erschien am 31. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 30. Mai 2018

Zugehört: Kirche zu und fertig? - Ein WDR-Stadtgespräch zum Pfarreientwicklungsprozess

Essen-Schönebeck. Der Gemeindesaal in St. Antonius-Abbas reicht nicht aus. 150 Menschen haben sich versammelt, um das WDR-5-Stadtgespräch: "Kirche zu und fertig" live mitzuerleben und mit zu diskutieren. Deshalb wird die Veranstaltung mit Generalvikar Klaus Pfeffer, der Theologin Magdalena Bußmann von der Bewegung "Wir sind Kirche" und dem Bonner Theologie-Professor Albert Gerhards via Video auch in die benachbarte Kirche übertragen. Auch dort haben sich kurz vor dem Beginn der Sendung um 20.05 Uhr gut 100 Interessierte versammelt, um zuzusehen und zuzuschauen.

Judith Schulte-Loh, die das Podium moderiert und Olaf Biernat, der mit dem Publikumsmikrofon durch die Reihen geht, verstehen es 55 Sendeminuten zu prall mit Positionen und Fakten zu füllen, dass auch der außenstehende Zuhörer am Radio nach der Sendung weiß, worum es geht.

Die Sendung verläuft erwartungsgemäß emotional, ohne den Boden der Sachlichkeit und des gegenseitigen Respektes zu verlassen. "Das ist hier meine geistige Heimat und die will ich mir nicht nehmen lassen!" "Wir sind eine sehr lebendige und aktive Gemeinde, in der Menschen aus allen Generationen aktiv sind", bekommt Klaus Pfeffer aus dem Publikum zu hören. Auch die ebenfalls aus Essen kommende Magdalena Bußmann, bescheinigt den Menschen in St. Antonius Abbas: "Ich habe hier ein lebendiges, aktives und generationsübergreifendes Gemeindeleben erlebt, das ich so heute nicht mehr erwartet hätte. Deshalb wäre es falsch, dieses Gemeindeleben den finanziellen Strukturgesetzen zu opfern." Dafür gibt es natürlich kräftigen Beifall. Und Schulte-Loh sagt: "Frau Bußmann, Sie sind als Anwältin für die Gemeinde gebucht!"

Aber auch Generalvikar Pfeffer, der an diesem Mittwochabend den schwierigen Job hat, findet seine Zuhörer, die ihm abnehmen, dass er es sich nicht leicht macht und um eine tragfähige Strukturlösung ringt. Ein Gemeindemitglied rät ihm, sich auf der Bundesebene für einen Finanzausgleich zwischen den reichen und armen Bistümern stark zu machen. "Darüber wird innerhalb der Bischofskonferenz bereits diskutiert. Aber das ist im Detail eben alles nicht so leicht und bisher haben wir nur einen Finanzausgleich zwischen den west- und den ostdeutschen Bistümern erreicht", beschreibt er den Ist-Zustand.

Pfeffer weist darauf hin, dass sich die Zahl der katholischen Christen im Ruhrbistum seit seiner Gründung im Jahre 1958 auf heute knapp 750.000 halbiert habe. "Angesichts der Tatsache, dass die Zahl der Gläubigen sinkt, werden wir langfristig nicht weiterkommen, wenn wir uns nur auf kleine Gruppen und Gemeinden fixieren. Wir brauchen Lösungen, die auch über das Jahr 2030 hinaus tragfähig sein können, damit wir nicht alle drei bis vier Jahre die gleiche Strukturdiskussion führen müssen."

Mit Blick auf die Situation in der Gemeinde Antonius Abbas und in ihrer Pfarrgemeinde St. Josef räumt Pfeffer ein, "dass der Pfarreientwicklungsprozess hier nicht glücklich gelaufen ist" und er sich fragen müsse: "Warum Sie hier als Gemeinde mit ihrem Potenzial nicht gesehen worden sind."
  
Professor Gerhards macht der Gemeinde Mut, in dem er Beispiele dafür nannte, wie man Kirchenräume sowohl sakral als auch säkular nutzen könne. Man könne, so Gerhards, Teile der Kirchenräume zum Beispiel auch für Kindertagesstätten, die Caritas, Gemeinde- und für Beratungsbüros oder auch für örtliche Gruppen, Vereine und Gastronomie nutzen. Letzteres stieß aber im Publikum auf wenig Gegenliebe.

"Ich bin nicht der Papst und Essen ist nicht der Vatikan", antwortete Generalvikar Pfeffer auf Magdalena Bußmanns Anregung, den akuten Priestermangel durch einen erweiterten Zugang zum Priesteramt, für Frauen und verheiratete Männer zu beheben. "Es gibt kein biblisches Gebot, das nur zölibatär lebende Männer zu Priestern geweiht werden dürfen. Wenn wir die bisher brach liegenden Potenziale nicht nutzen, versündigen wir uns am Wort Gottes", hielt die Frau von "Wir sind Kirche dagegen."

Auch der in St. Josef und St. Antonius tätige Religionslehrer und Diakon Peter Lenz unterstützte Bußmanns Thesen zum Priesteramt. "Wenn, dann sollte man nicht nur das Diakonat der Frau einführen, sondern Frauen den gleichberechtigten Zugang zum Priesteramt ermöglichen", stellte er im Gespräch nach der Sendung fest. Und der im Sachausschuss von St. Antonius Abbas tätige Michael Holtwiesche resümierte: "Das war eine gelungene Sendung, die uns in unserer Gemeinde und in unserer Pfarrgemeinde helfen wird, unseren Weg fortzusetzen und zu einem friedensstiftenden Ergebnis zu kommen, mit dem alle Beteiligten in der Gemeinde und in der Pfarrgemeinde gut leben können."

Dieser Text erschien am 13. April 2018 im Neuen Ruhrwort 

Dienstag, 29. Mai 2018

Ziemlich viel Profil

Gestern fielen mir gleich mehrere leicht bekleidete Damen in die Hände. Wie mir das passieren konnte? Ein Werbeprospekt der Neuen Ruhr Zeitung für die aktuelle Bademode machte es möglich. Da schaut man(n) gerne hin. Nach dem ersten Entzücken über die makellosen weiblichen Rundungen, schoss mir plötzlich der Gedanke in den Kopf. Wie würdest du eigentlich als Badehosen-Model im Werbeprospekt aussehen? Beim Blick auf mein Körperprofil musste ich mir eingestehen: Das Entzücken der Damenwelt würde sich angesichts meiner pfundigen Erscheinung in engen Grenzen halten, auch wenn es Damen geben soll, die die männliche Angriffsfläche nicht nur bei der Bademode zu schätzen wissen. Ich sehe den Fleisch gewordenen Tatsachen ins Auge: Als Model mit Idealfigur komme ich nicht in Frage. Da modelliere ich dann schon lieber Tagesglossen für die NRZ, auch wenn ich damit die eine oder andere Angriffsfläche biete. Aber damit kann ich leben. Sie hoffentlich auch.

Dieser Text erschien am 28. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 28. Mai 2018

Unter Umständen ans Ziel

Wer eine Reise macht, der kann was erleben. Das hat sich seit Goethes Zeiten nicht geändert. Das merkte ich jetzt, als ich am Wochenende meine Schwester im Münsterland besuchte. „Sie wollen nach Nottuln-Appelhülsen? Wo liegt das? Buchstabieren Sie mal. Nachdem ich die Erdkundekenntnisse der freundlichen Dame hinter dem Fahrkartenschalter erweitert hatte, ging es los und das im doppelten Sinne des Wortes. Denn der Zug, der durchfahren sollte, fuhr aufgrund von  Gleisbauarbeiten nicht. „Der Zug fällt heute aus. Wir bitten um Ihr Verständnis“, ließ die Deutsche Bahn aus dem Lautsprecher wissen. Und wer hat Verständnis für mich, der ich pünktlich zu meiner Schwester ins Münsterland kommen will? 

Ein Ersatzzug brachte uns unerschrockenen Münsterlandfahrer erst nach Essen, wo wir in eine Regionalbahn umstiegen, um uns bis Haltern dem Münsterland anzunähern. Von dort ging es mit einem weiteren Ersatzzug über durch das schöne, aber nahverkehrstechnisch nur bedingt zu empfehlende Münsterland. Wie schön, dass mich zwei freundliche Damen an meiner Endstation Sehnsucht mit ihrem Auto in den Ortskern Nottulns mitnahmen, nachdem der Taxibus am Bahnhof Nottuln-Appelhülsen schon weg war. So konnte ich mein Schwesterherz schon nach 3 ½ Stunden Anfahrt in den Arm nehmen und an ihrer Geburtstagstafel Platz nehmen, nicht ohne zu vergessen, dass der letzte Bus in Richtung Bahnhof Nottuln-Appelhülsen vier Stunden nach meiner Ankunft und keine 4 später kommen sollte. 3 ½ Stunden und einen Kegelclub im Zugabteil später hatte mich die Mülheimer Heimat ermattet wieder. Danach wusste ich: Nur die Harten kommen in den Garten oder mit der Deutschen Bahn ans Ziel.

Dieser Text erschien am 28, Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 27. Mai 2018

Zugehört: Sind die Religionen Friedensstifter oder Brandstifter?

Die Religionen machen Schlagzeilen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder lässt in allen Amtsstuben des Freistaates Kreuze aufhängen, um die christliche Leitkultur zu dokumentieren. In Berlin wird ein jüdischer Kipa-Träger von einem Muslim geschlagen. Der selbsternannte Islamische Staat mordet und terrorisiert die Menschheit. Vor diesem Hintergrund griff das WDR-5-Stadtgespräch in der Bürgerhalle der Bezirksregierung die Frage auf: „Kreuz, Kippa und Koran – Wie können die Religionen friedlich zusammenleben?“ Laut WDR-Fakten-Check leben im 18 Millionen Einwohner zählenden  Nordrhein-Westfalen derzeit rund sie sieben Millionen katholische und evangelische Christen, rund 1,5 Millionen Muslime und 26.000 Juden.

Wozu religiöse Intoleranz und Dummheit führen können, machten die Moderatoren der Sendung, Thomas Koch und Holger Beller, mit einer ersten Publikumsrunde deutlich. Da berichtete eine muslimische Grundschullehrerin von einer alten Frau, die ihr im Bus sagte: „Ihr gehört alle vergast.“ Und ein junger Mann aus der jüdischen Gemeinde Münster erinnerte sich an verbale Übergriffe, a la „Scheiß Juden, haut ab!“

Auch Podiumsgast Margarita Voloj-Dessauer von der Jüdischen Gemeinde Münster musste einräumen, dass sie in jüngster Zeit immer öfter negative Reaktionen auf das Tragen eines Schmuckstückes in Form des jüdischen Davidsternes bekommen habe und als jüdische Deutsche oft für die Palästinenser-Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht werde.

„Aber es gibt auch viel Positives und daran baue ich mich immer wieder auf“, machte Voloj-Dessauer mit Blick auf interreligiöse Begegnungen und Gespräche in der Münsteraner Synagoge deutlich. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass jüdische Einrichtungen polizeilich geschützt werden müssten und sie deshalb als jüdische „Weltbürgerin leider nicht so offen und vorbehaltlos auf Menschen zugehen kann, wie ich mir das wünschen würde.“ Spontanen Applaus erhielt Voloj-Dessauer, als sie ihre nach dem Zweiten Weltkrieg aus Südamerika nach Deutschland zurückgekehrte Mutter zitierte. „Wir leben in Deutschland, weil Hiltler nicht Recht behalten soll, dass Deutschland judenfrei sei.“
Münsters Weihbischof Dr. Stefan Zekorn wies angesichts des bevorstehenden 101. Katholikentages in Münster darauf hin, dass sich dort 120 Veranstaltungen mit dem Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen beschäftigen werden. Der Weihbischof zeigte sich zuversichtlich, dass Begegnungen und Gespräche beim Katholikentag mit dazu beitragen könnten Vorurteile und Ängste gegenüber der jeweils anderen Kultur und Religion zu überwinden. Zekorn ist davon überzeugt, „dass Religionen in ihrem gemeinsamen Glauben an einen göttlichen Schöpfer, ein großes Potenzial in sich tragen, Frieden zwischen den Menschen zu stiften, wenn sie nicht selbst nach Macht streben oder sich für politisch motivierte Machtinteressen instrumentalisieren lassen.“
Auch abseits von Kirchentagen, ermutigte der Weihbischof nicht nur seine eigenen Landsleute, sondern auch die Menschen in muslimisch geprägten Ländern zu einem Auf- und Ausbau der Begegnungen und Gespräche zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse.

Auf eine entsprechende Anfrage aus dem Publikum, ob Deutschland nicht besser eine klare Trennung von Kirche und Staat vollziehen und wie Frankreich zu einem säkularen Staat werden solle, erwiderte Zekorn, dass die kirchliche Präsenz, etwa als Trägerin von Kindertagesstätten, Schulen, Sozialdiensten und Krankenhäusern, Ausdruck der kulturellen Vielfalt in unserer Demokratie seien.

Die unter Morddrohungen lebende Buchautorin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der französische Säkularismus das westliche Nachbarland auch nicht vor Intoleranz, Fanatismus und politisch oder religiös motivierter Gewalt habe bewahren können. Der Theologe und Journalist Theo Dierkes, der beim WDR-Hörfunk die Religionsredaktion leitet, hält die Idee einer apolitischen Religion, die sich aus der sozialen Wirklichkeit zurückzieht, für illusorisch, weil alle Weltreligionen „durch die göttlichen Gebote von Nächstenliebe und Barmherzigkeit dazu angehalten sind, Politik zu machen und Partei für die Armen und Schwachen einer Gesellschaft zu ergreifen.“ Für Theo Dierkes beginnt der gesellschaftliche und religiöse Frieden dort, „wo wir nicht mehr von den Christen, Juden oder Muslimen sprechen, sondern den einzelnen Menschen betrachten und ihm als Individuum begegnen.“

Lamya Kaddor, die aufgrund akuter Morddrohungen ihren Beruf als islamische Religionslehrerin seit zwei Jahren nicht mehr ausüben kann, und deshalb derzeit als Pädagogin nur in vorbeugenden Bildungsprojekten gegen die Saat des Fanatismus und des Hasses arbeiten kann, sieht es „als eine persönliche Niederlage an“, dass sich fünf ihrer Schüler durch Hassprediger außerhalb der Schule innerhalb eines Jahres so radikalisiert hätten, dass sie als IS-Kämpfer nach Syrien gegangen seien. Aber auch außerhalb der islamischen Gemeinschaft sieht sie in der deutschen Gesellschaft eine zunehmende Intoleranz gegenüber der anderen Meinung und eine mangelnde Wertschätzung für den Frieden. In ihren Augen ist die Integrationsaufgabe, vor der Deutschland steht, „nicht nur eine Bringschuld der Zuwanderer, sondern auch eine Bringschuld der deutschen Ursprungsgesellschaft, die sich verändern muss, damit der Zusammenhalt und der soziale Frieden bewahrt werden können.“

Aus dem Publikum heraus vorgetragene Berichte, etwa über einen Gesprächskreis, zu dem sich christliche, jüdische und muslimische Frauen regelmäßig treffen oder über die positive Resonanz, die zwei junge jüdische Gemeindemitglieder in Münsteraner Schulen finden, wenn sie dort auf Einladung engagierter Religionslehrer über den jüdischen Gemeindealltag berichten, machten am Ende der Sendung Hoffnung darauf, dass die Religionen heute und morgen zu einem friedlichen und vorurteilsfreien Zusammenleben beitragen können.

Dieser Text erschien am 12. Mai 2018 im Neuen Ruhrwort

Donnerstag, 24. Mai 2018

Lehren aus der der Geschichte

Gestern hörte ich im Radio einen Beitrag über den Beginn des Dreißigjährige Krieges, der auch über die Menschen im damaligen Mülheim viel Unheil im Namen des Heils brachte. Zwischen Marmeladenbrot und Kaffe wurde mir klar, wie unglaublich es ist, dass sich Menschen bis heute um ihres Glaubens Willen für Machtinteressen einspannen lassen. Von den christlichen Kreuzfahrern bis zu den islamistischen Terroristen zieht sich eine blutige Spur durch die Geschichte. Und das im Namen von Religionen, die den Menschen Liebe, Hoffnung, Vergebung und Seelenheil versprechen. 

Da hat jemand etwas gründlich falsch verstanden. Oder hat das Missverständnis Methode. Hat der Philosoph Hegel Recht, wenn er sagt: „Das einzige, was wir aus der Geschichte lernen, ist, dass der Mensch nichts aus der Geschichte lernt“!? Ich will das nicht glauben und halte es lieber mit „Ringparabel“ des Dichters Lessing, in der ein Vater jedem seiner Söhne, die er alle gleich lieb hat, seinen goldenen Ring als Erbe verspricht und den daraus resultierenden Zwiespalt mit der Anfertigung von drei gleichen Ringen überwindet. Den Söhnen, die sich nach dem Tod des Vaters um die Echtheit und Einzigartigkeit ihres Rings streiten, brauchen, wie so manches Menschenkind bis heute, ihre Zeit, um zu begreifen, dass ihr Vater sie alle gleich lieb hatte. Dass sich der Ring unseres Lebens schließt und unser Leben eine runde Sache wird, wünsche ich uns allen nicht nur heute.

Dieser Text erschien am 24. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 23. Mai 2018

Dem Ernst ins Auge schauen

"Lach bloß nicht!" rät die Ehefrau Ihrem Ehemann. Ehekrach? Nein. Die beiden lassen nur Passfotos machen.

"Sie müssen geradeaus und neutral schauen. Sonst sind Sie auf Ihrem biometrischen Personalausweis nicht identifizierbar", sagt die Fotografin. Der Angesprochene schaut verdutzt. Kein Wunder. Was ist heute schon neutral? Angesichts des Weltgeschehens um uns herum, erscheint es zwangsläufig, ernst in die Welt zu schauen. Aber wenn man sich die unfreiwilligen Chefkomiker Trump, Putin, Erdogan und Co anschauen, kann man nur noch lachen, um nicht zu weinen. Wer hat eigentlich gesagt: "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand!" Kann man den Urheber dieser Unweisheit noch zur Rechenschaft ziehen? Am besten täte man dies gleich zusammen mit all jenen, die sich in ihren Ämtern als mächtig dumm, skrupellos und beratungsresistent erweisen und damit nicht nur dieser Volksweisheit, sondern auch den Völkern Hohn spotten. Wir bräuchten nicht nur für Unternehmen, die ihre Kunden hinters Licht führen eine Musterfeststellungsklage ohne Verjährungsfrist.

Nur so könnten wir dafür sorgen, dass die Mächtigen, die ihre Macht missbrauchen, nichts mehr und die Ohnmächtigen und Missbrauchten endlich wieder mehr zu lachen hätten und beim nächsten Passfoto geradeaus und fröhlich in die Kamera schauen könnten. 

Dieser Text erschien im Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 22. Mai 2018

Psychologie des Alltags

"Die Packung sah doch sonst immer anders aus?" frage ich den Verkäufer. "Die Firma hat ihr Produkt neu verpackt. So wie wir uns regelmäßig neue Kleider kaufen und anziehen, so verpacken die Unternehmen ihre Waren regelmäßig neu", klärt mich der freundliche Mann Supermarktregal auf. Das nennt man wohl Marketing. Und das sich die Gramm-Zahlen auf der neuen Verpackung leicht nach unten verändert haben, während der Preis des Produktes gleich geblieben ist, gehört wohl auch dazu. Und das alles, damit wir Kunden mal was neues im Regal sehen, das uns doch altbekannt ist? Wer das glaubt, ist auch davon überzeugt, dass es kleine Wichte sind, die nachts unsere Kleider enger nähen, so dass sie uns am anderen Morgen nicht mehr passen und wir genötigt werden, zu diäten oder in unser Portemonnaie zu greifen. Vielleicht hilft es ja, wenn wir dann kleinere Packungen einkaufen, in denen weniger ist, als wir denken, damit wir weniger essen und die kleinen Wichte nachts nicht so schnell nachkommen, wenn sie unsere Kleider enger nähen. Mindestens die Hälfte des Lebens ist eben reine Psychologie.

Dieser Text erschien am 22. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 21. Mai 2018

Schüler entdecken Israel „So eine Reise hätten wir alleine nicht machen können“

Zu Besuch in Jerusalem
Die meisten Deutschen kennen Israel nur aus den Medien. 18 junge Frauen und Männer, die das Mülheimer Berufskolleg Stadtmitte und das Gymnasium in Essen-Werden besuchen konnten sich jetzt ein eigenes Bild machen. Der dafür mit früheren Zuschüssen der Städte Mülheim, Oberhausen und Duisburg gefüllte Sparstrumpf der DIG und eine Finanzspritze der Mülheimer Sparkasse machten es möglich. Jerusalem und Tel Aviv standen ebenso auf dem einwöchigen Reiseprogramm, wie die Golanhöhen, der See Genezareth, das Tote Meer und Mülheims, 15 Kilometer nordöstlich von Tel Aviv gelegene  Partnerstadt Kfar Saba.

“So eine Reise hätten wir für 450 Euro pro Person niemals machen können”, sagt die Gymnasiastin Franziska Halle, während sie beim Nachtreffen der Israel-Fahrer auf einer Leinwand die Fotos ihre Reiseeindrücke vorbeiziehen lässt und dabei in ein Stück Pizza beißt. Was ist den Schülern nach sieben vollen Tagen in Israel besonders im Gedächtnis geblieben?

“Man lernt den Frieden zu schätzen”

Die Berufsschülerin Bianca Deuse fand den Besuch auf den seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 größtenteils von Israel kontrollierten, aber bis heute von Syrien beanspruchten Golanhöhen und das dortige Gespräch mit zwei UN-Blauhelm-Soldaten besonders beeindruckend. „Ein österreichischer Soldat berichtete von den jüngsten Granateinschlägen im Drei-Länder-Eck Israel-Syrien-Jordanien. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass die seit 1974 auf den Golanhöhen stationierten UN-Blauhelme nur als neutrale Beobachter agieren und militärisch von der israelischen Armee geschützt werden müssen“, berichtet sie. Deuse ist durch den Besuch auf den Golanhöhen deutlich geworden, „wie wertvoll die Zusammenarbeit in der Europäischen Union und die damit verbundene Tatsache ist, dass wir von befreundeten Nachbarländern umgeben sind, in die wir jederzeit problemlos reisen können.“

„Ich fühlte mich absolut sicher!“

Vor dem Hintergrund ihrer medialen Israel-Eindrücke, die vom Nahost-Konflikt und Terroranschlägen geprägt sind, war die Berufsschülerin Paulina Woldetzky positiv überrascht, „wie sicher ich mich auch abends als Frau in Tel Aviv gefühlt habe.“ Auch die mit Maschinen-Pistolen patrollierenden Soldaten, denen sie am Damaskus-Tor in der  Jerusalemer Altstadt begegnete, erlebte sie als freundliche und auskunftsbereite Gesprächspartner, so dass ihr der zunächst ungewohnte Anblick von Soldaten im Straßenbild bald vertraut war.

„Eigentlich sollte jeder mal so eine Reise machen!“

Können die jungen Israel-Fahrer aus dem westlichen Ruhrgebiet ihre Reise Altersgenossen empfehlen? „Auf jeden Fall, weil man in Israel eine sehr facettenreiche und multikulturelle Gesellschaft kennen lernen kann, in der Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich zusammenleben“, sagt die Gymnasiastin Franziska Halle. Sie hat deshalb besonders der Besuch in einer Grundschule in Tel Aviv begeistert. „Dort lernten und spielten Kinder aus Israel und Flüchtlinge aus unterschiedlichsten Ländern ganz selbstverständlich und fast familiär miteinander. Und obwohl viele der Flüchtlingskinder noch nicht lange an der Schule waren, bewegten sie sich dort selbstverständlich und sahen in ihren Lehrern so etwas, wie ihre Freunde.“, schildert sie ihre vor Ort gesammelten Eindrücke. Geht man in der von Einwanderern geprägten Acht-Millionen-Gesellschaft Israels unverkrampfter mit dem multikulturellen Zusammenleben um. Franziska Halle meint: „Ja!“

„Sie waren sehr aufgeschlossen und interessiert!“

Die Berufsschülerin und angehende Erzieherin Meike Linscheidt erlebte das Gespräch mit etwa gleichaltrigen Wehrpflichtigen als besonders spannend. Vor dem Hintergrund ihres Wissens um die deutsche Tradition friedensbewegter Wehrdienstverweigerer und Zivildienstleistenden, als die Bundeswehr bis 2011 noch keine Freiwilligen, sondern eine Wehrpflicht-Armee war, fand sie es interessant wie selbstverständlich und klaglos die gleichaltrigen Israelis ihrem zwei- bis dreijährigen Militärdienst ableisteten. Besonders beeindruckend fand sie aber das Interesse und die Aufgeschlossenheit, „die wir in unseren Gesprächen mit den jungen Israelis erlebten, die ihrerseits davon beeindruckt waren, dass wir uns als junge Deutsche für das Land Israel, seine Menschen und seine Kultur interessierten, obwohl wir keine Juden sind.

Mit den unmittelbaren Auswirkungen des Nahost-Konfliktes Berufsschüler und Gymnasiasten aus dem Ruhrgebiet nicht nur im Gespräch mit den jungen israelischen Soldaten, sondern auch bei ihrem Besuch in der Mülheimer Partnerstadt Kfar Saba konfrontiert. Im Angesicht der acht Meter hohen Mauer, die die israelische Stadt Kfar Saba von ihrer palästinensischen Nachbar-Gemeinde Qalqilia trennt, lernten sie das Kontrastprogramm zu den offenen Grenzen des europäischen Schengen-Raumes kennen. „Wenn ich in Kfar Saba auf den dortigen Aussichtsturm steige und auf der einen Seite die Mauer von Qalqiliya und auf der anderen Seite die israelische Mittelmeer-Küste sehe, wird mir immer wieder die ganze Tragweite des Nahost-Konfliktes bewusst“, sagt der Ruhr-Vorsitzende der DIG, Markus Püll, der die junge Reisegruppe zusammen mit seinem Vorstandskollegen Günter Reichwein durch Israel führte. Für Reichwein, der in den 60er Jahren zu den ersten deutschen Studenten gehörte, die Israel besuchten, ist es eine große Genugtuung, „zu sehen, wie frei und unbefangen sich heute junge Israelis und junge Deutsche begegnen.“

„Wir dürfen das nicht vergessen!“


Aber auch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Ruhrgebiet sparten das traumatische Thema Holocaust nicht aus. „Es ist schon etwas anderes, ob man in einem Buch über den Holocaust und seine sechs Millionen Opfer liest oder ob man in der Gedenkstätte Yad Vashem unter anderem durch Video-Interviews mit Holocaust-Überlebenden deren Leidensweg in Yad Vashem sehr anschaulich und persönlich nachvollziehen kann“, sagt die 18-jährige Gymnasiastin Hannah Bündert. Fühlt man sich als Urenkelin der deutschen Täter-Generation schuldig? „Nein. Denn es war nicht unsere Generation, von der diese Verbrechen begangen wurden. Aber unsere Generation darf die Verbrechen des Holcaust nicht vergessen und muss die Erinnerung an sie auch in die Zukunft tragen, damit niemand den Holocaust leugnen und die Geschichte sich nicht wiederholen kann“, bringt Bündert die wichtigste Erkenntnis ihres Besuches in Yad Vashem auf den Punkt.

Dieser Text erschien im Mai 2018 im Magazin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Sonntag, 20. Mai 2018

Adolph Kolpings Erben stellen die Weichen in Richtung Zukunft

Klaudia Rudersdorf ist zurzeit stellvertretretende
Bundesvorsitzende des Kolpingwerkes
Kolping Upgrade. Wie hat der 1850 vom seligen Gesellenvater Adolf Kolping gegründete Verband eine Zukunft? Darüber diskutierten 100 Kolpinggeschwister am 28. April bei einem Regionalforum im Gertrudissaal. Die Tagungsteilnehmer kamen nicht nur aus dem Bistum Essen, sondern auch aus den Nachbardiözesen Köln und Aachen

"Wo katholisch drauf steht muss auch katholisch drin sein", betonten die Traditionalisten. "Wir müssen uns für alle Menschen guten Willens öffnen, die sich zu Kolpings Grundwerten bekennen", forderten die Erneuerer. "Durch unsere Mitarbeit in der Flüchtlingshilfe haben wir auch viele junge Nicht-Christen kennengelernt, die gerne in unserem Verband mitarbeiten würden", erklärt das Diözesanvorstandsmitglied Klaudia Rudersdorf den Hintergrund der aktuellen Diskussion.

Kontrovers wurde auch über die künftige Ausrichtung der Öffentlichkeitsarbeit diskutiert. Sollte Kolping im Zeitalter der sozialen Internet-Netzwerke auf allen Kanälen kommunizieren oder sich auf die Medienkanäle beschränken, die zum eigenen christlichen Profil passen?

Viele Kolping-Geschwister plädierten für ein Zusammenrücken der unterschiedlichen Verbandsebenen und einen verstärkten Ideenaustausch zwischen den Kolpingfamilien. Auch die interne Kommunikation, so hieß es, müsse verbessert werden, damit alle Kolping-Mitglieder auch genau wüssten, was ihr Verband wo leiste. "Allein in Essen betreibt Kolping ein Bildungswerk, ein Berufsbildungswerk und eine Jugendwohneinrichtung unterstreicht  Rudersdorf", die als stellvertretende Bundesvorsitzende auch die Arbeitsgruppe Kolping Upgrade leitet. 



Die Impulse und Ideen, die das Essener Regionalforum und die bundesweit 19 anderen Regionalforen in den vergangenen vier Wochen geliefert haben, werden jetzt im Kölner Bundessekretariat zusammengetragen und spätestens im Herbst allen Kolpingmitgliedern in einer Druckfassung und im Internet unter:www.kolping.de zur Verfügung gestellt. Im Rahmen eines Zukunftskongresses, zu dem der Kolping-Bundesverband im März 2019 nach Fulda einladen wird, sollen die so dokumentierten Ergebnisse dann diskutiert und weiterentwickelt werden, damit die Bundesversammlung 2020 ein tragfähiges und allgemein akzeptiertes Zukunftskonzept beschließen kann. Bundesweit ist die Zahl der Kolpinggeschwister seit 2010 um rund 15.000 auf rund 240.000 zurückgegangen. Im Bistum Essen sank die Mitgliederzahl zeitgleich um 1500 auf 8500.

Dieser Text erschien am 6. Mai 2018 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 19. Mai 2018

Ein Popstar ohne Stimme

Ed Sheeran kann jetzt vielleicht auch nicht in Düsseldorf abrocken, weil seinem Konzert auf dem dortigen Parkplatz Bäume im Weg stehen. Ich möchte nicht sein Tourmanager sein. Dem armen Mann muss ja bald Hören und Sehen vergehen. Erst wird sein Rockstar, dessen Musik und Gesang in den Ohren der Fans, wie eine Nachtigall klingt, auf dem Mülheimer Flughafen vor der Feldlerche und den explosiven Altlasten des Zweiten Weltkrieges weichen und jetzt stehen seiner Tonkunst Bäume im Weg. Mich würde nicht wundern, wenn man demnächst davon lesen sollte, das Ed Sheeran einen Vogel bekommen oder auf die nächstbeste Palme gegangen ist.

Da muss sich doch was machen lassen, damit sich der Mann mit seiner Musik Gehör verschaffen kann. Ist nicht irgendein Bundesliga-Stadion frei, das während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ohnehin nicht bespielt wird, weil unsere Nationalkicker dann hoffentlich bei ihren Auswärtsspielen die reinste Fußballsinfonie auf den Rasen zaubern, ohne das ein schräger Vogel mit Misstönen das Finale Furioso versaubeutelt.

Dieser Text erschien am 19. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 18. Mai 2018

Eine Hilfe für die fremden Helfer: Sylvia Eberlein von der Alzheimer-Gesellschaft wird im Mai polnische Betreuungspersonen fortbilden

Gemeinsam für eine bessere Pflege von demenziell veränderten Menschen
(von links) Axel Matheja, Margarete Illigens und Sylvia Eberlein.
Wenn ein Angehöriger an Demenz erkrankt, kann das ein Ehe- und Familienleben aus den Fugen geraten.

Nach Angaben des Servicezentrums Demenz Westliches Ruhrgebiet, gibt es in der 172 000-Einwohner-Stadt derzeit rund 3600 Demenzerkrankte. Hinzu kommt, dass rund 22 000 Mülheimer über 75 Jahre alt sind und deshalb ein erhöhtes Risiko haben, an Demenz zu erkranken.

Die örtliche Alzheimer-Gesellschaft unterstützt Demenzerkrankte und ihre Angehörigen. Ihr Vorstandsmitglied Sylvia Eberlein, die hauptberuflich in der Pflegedienstleitung des ambulanten Pflegedienstes Pflegepartner arbeitet, kümmert sich jetzt im Auftrag der Alzheimer-Gesellschaft um ein sehr spezielles, aber wichtiges Fortbildungsprogramm. Mitte Mai fliegt sie nach Breslau, um dort polnische Betreuungspersonen auf ihren Einsatz in Deutschland vorzubereiten.

Möglich macht das die Pflegevermittlung Brinkmann, die mit mehreren Pflegediensten in Polen zusammenarbeitet und aktuell 50 polnische Betreuungspersonen begleitet, die sich in Mülheimer Familien um demenzkranke Angehörige kümmern.

„Das sind Frauen und Männer, die keine Altenpflegeausbildung haben, dafür aber Lebenserfahrung und familiäre Pflegeerfahrungen mitbringen“, berichtet Axel Matheja. Der unter anderem in der Altenpflege-Fortbildung aktive Psychologe ist der für Essen und Mülheim zuständige Standortleiter der Brinkmann-Pflegevermittlung. Er geht davon aus, dass derzeit 200 polnische Betreuungspersonen legal, also kranken- und pflegeversichert, in Mülheimer Familien Pflegearbeit leisten. Die Zahl der in Mülheim illegal beschäftigten Betreuungspersonen aus Polen schätzt er auf mehrere 100.

Doch Matheja warnt vor einer solch illegalen Beschäftigung: „Wenn der Zoll dahinter kommt, kann das sehr teuer werden“, sagt er.

Die Betreuungspersonen, die er aus Polen nach Mülheim vermittelt und sie auch als Ansprechpartner vor Ort begleitet, sind während ihres Einsatzes als Arbeitnehmer bei polnischen Pflegediensten angestellt. Ihre deutschen Sprachkenntnisse sind sehr unterschiedlich ausgeprägt. „Bevor ich eine polnische Betreuungsperson in einen Mülheimer Haushalt vermittle, besuche ich die Familie und kläre in einem Gespräch den Bedarf und die Rahmenbedingungen. Gibt es einen eigenes Zimmer für die Betreuungsperson? Wie wichtig sind im jeweiligen Einzelfall ihre deutschen Sprachkenntnisse?“, beschreibt Matheja seine Arbeit.  Beim ersten Gespräch klärt Matheja die Gast- und Arbeitgeberfamilien auch darüber auf, dass für die polnischen Betreuungskräfte in ihrem Haushalt eine 40-Stunden-Woche gilt und der Anspruch auf eine entsprechende Freizeit gilt. Außerdem pflegen die Betreuungspersonen im Tandem. Das bedeutet: Zwei Frauen oder Männer wechseln sich, jeweils nach zwei Monaten, in der Betreuungsarbeit ab.

Warum entscheiden sich Familien für eine Betreuungsperson aus Polen? „Weil das mit 2500 Euro pro Monat für sie einen Tick preiswerter ist, als ihre Angehörigen aus der Familie in ein Pflegeheim oder in eine Demenz-Wohngruppe zu geben und natürlich weil der demenziell veränderte Angehörige so in seiner gewohnten häuslichen Umgebung bleiben kann“, weiß Matheja aus seinen vielen Gesprächen mit Angehörigen.

Mit Sylvia Eberlein ist er sich darin einig. „dass die Betreuungspersonen aus  Polen die professionelle Behandlungspflege durch einen ambulanten Pflegedienst nicht ersetzen können, weil sie nur in der Grundpflege Hand anlegen dürfen.“

Matheja, der auf Eberleins Einladung im Dezember 2017 dem Runden Tisch Demenz, an dem Fachleute aus Pflegeheimen, Pflegediensten, aus der  Stadtverwaltung, den örtlichen Kliniken und aus den Krankenkassen sitzen, über seine Erfahrungen berichtete, arbeitet inzwischen am Runden Tisch selbst mit. Eberleins Angebot einer Fortbildung für polnische Betreuungspersonen hat er ebenso gerne an, wie die polnischen Pflegediensten, mit denen er kooperiert.
„Ich möchte den Betreuungskräften Ängste vor ihrer Arbeit mit den Demenzkranken nehmen und ihnen einige Grundregeln für den Umgang mit ihnen an die Hand geben. Womit muss ich bei Demenzkranken rechnen? Wie kann ich ihre Körpersprache lesen? Und wie kann ich ihnen in der Sterbephase helfen?“, erklärt Eberlein  das Ziel ihrer auf jeweils vier Stunden angelegten Fortbildungsarbeit, die kein Ausbildungsersatz sein kann, sondern nur eine Vorbereitung und Handreichung sein will.“

Info: „Auch ich kenne einige Angehörige demenzkranker Menschen, die gute Erfahrungen mit Betreuungspersonen  aus Polen gemacht haben“, sagt Margarete Illigens, die selbst ihren demenzkranken Ehemann bis zu seinem Tod gepflegt hat und heute für die Alzheimer-Gesellschaft einen monatlichen Stammtisch für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet. Sie hat aber auch davon erfahren, „dass es zu Schwierigkeiten kommen kann, wenn die Chemie zwischen den Beteiligten nicht stimmt oder auch dann, wenn es zu Eifersüchteleien rund um den demenzkranken Angehörigen kommt.“

Margret Illigens Stammtisch beginnt jeweils am ersten Mittwoch des Monats um 14.30 Uhr in der Evangelischen Familienbildungsstätte am Scharpenberg 1b.
Rat und Hilfe finden Demenzangehörige bei der örtlichen Alzheimer-Gesellschaft. Informationen dazu findet man im Internet unter: www.alzheimer-muelheim.de Die Beratungsstelle der Alzheimer-Gesellschaft ist am Tourainer Ring 4 und telefonisch unter der Rufnummer 0208-99 107 670 sowie per Mail an: info@alzheimer-muelheim.de erreichbar.

INFO: „Auch ich kenne einige Angehörige demenzkranker Menschen, die gute Erfahrungen mit Betreuungspersonen  aus Polen gemacht haben“, sagt Margarete Illigens, die selbst ihren demenzkranken Ehemann bis zu seinem Tod gepflegt hat und heute für die Alzheimer-Gesellschaft einen monatlichen Stammtisch für Demenzkranke und ihre Angehörigen anbietet. Sie hat aber auch davon erfahren, „dass es zu Schwierigkeiten kommen kann, wenn die Chemie zwischen den Beteiligten nicht stimmt oder auch dann, wenn es zu Eifersüchteleien rund um den demenzkranken Angehörigen kommt.“
Margret Illigens Stammtisch beginnt jeweils am ersten Mittwoch des Monats um 14.30 Uhr in der Evangelischen Familienbildungsstätte am Scharpenberg 1b.

Rat und Hilfe finden Demenzangehörige bei der örtlichen Alzheimer-Gesellschaft. Informationen dazu findet man im Internet unter: www.alzheimer-muelheim.de Die Beratungsstelle der Alzheimer-Gesellschaft ist am Tourainer Ring 4 und telefonisch unter 0208-99 107 670 sowie per Mail an: info@alzheimer-muelheim.de erreichbar. 

Dieser Text erschien am 12. April 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 17. Mai 2018

Als der Petrikirche noch die Turmspitze fehlte: Ein Zeitsprung an der Teinerstraße

Die Teinerstraße im Jahr 1954: Ein Foto
aus dem damaligen Adressbuch der Stadt
Wir springen zurück ins Jahr 1954. Sonntagsausflug in die Altstadt. Diese Foto erscheint damals im Adressbuch der Stadt und zeigt die Reste der Altstadt, die den Luftangriff vom 23. Juni 1943 überstanden haben. Das heute baufällige und eingerüstete Tersteegenhaus (rechts) ist damals seit vier Jahren Heimatmuseum. Die im 13. Jahrhundert errichtete Petrikirche, von den Bomben des Zweiten Weltkrieges schwer getroffen, steht damals noch ohne Turmspitze da. Erst 1958 kann ihr Wiederaufbau abgeschlossen werden. "Dieser Tag ist nicht nur ein Fest für die Mülheimer Gemeinde, sondern ein Fest für die Gemeinden im ganzen Land, weil die uralte Petrikirche ein Zeichen dafür ist, dass an diueser Stelle Menschen schon seit über 1000 Jahren an Gott glauben und ihn anbeten", sagt der damilige Präses der Rheinischen Landeskirche, Joachim Beckmann beim Wiedereröffnungsgottesdienst am 21. Dezember 1958. Der Wiederaufbau der Petrikirche, der 1949 begonnen wird, kostet am Ende 900.000 Mark. Das wären heute etwa 450.000 Euro. Das Geld wird nicht zuletzt durch Bürgerspenden aufgebracht- Neben der Spendenaktion "Die Glocken rufen auch dich bringt auch eine beliebte Pfingstkirmes auf dem Kirchenhügel Geld in die Kirchenbaukasse.  Durch diese hohle Gasse muss man kommen, wenn man von der Innenstadt durch den Torbogen zum 1850 errichteten Evangelischen Krankenhaus geht. Vorbei kommt man nicht nur an dem Haus, in dem der Mystiker, Dichter und Menschenfreund Gerhard Tersteegen von 1746 bis 1769 gelebt hat, sondern auch am ehemaligen Tante-Emma-Laden der Eheleute Walter und Käthe Gosny, in dem heute eine Schmuck- und Uhrengeschäft seine Waren anbietet. 

In dem Haus Teinerstraße 4, auf das man links schaut, betrieb Otto te Bay ebenfalls bis 1980 eine Trinkhalle- Wer durch die Teinerstraße blickt, schaut heute auf das 2017 eröffnete Petrikirchenhaus, das von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde, von der Kantorei und Singschule und dem Freundeskreis Las Torres genutzt wird, der im Kellergeschoss des neuen Hauses auf altem Grund erstklassige Bücher aus zweiter Hand zugunsten hilfsbedürftiger Kinder in Venezuela an die Frau und den Mann bringt. Im Rücken des Betrachters steht sein 1962 das CVJM-Haus, das an der Stelle steht, an der bis 1957 das Geburtshaus des Arztes und Dichters Carl Arnold Kortum gestanden hatte.

Dieser Text erschien am 14. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 16. Mai 2018

Nehmen wir das Leben bloß nicht zu wörtlich

"Ich habe kürzlich unser Wohnzimmer ausgemessen“, erzählt der Mann im Bus neben mir. „Schön, wenn man handwerklich begabt ist. Das spart Geld“, sage ich und ernte ungläubige Blicke. Kein Wunder. Meine Zufallsbekanntschaft ist mit Krücken unterwegs und ich bin ins Fettnäpfchen getreten. Sorry. Mein Gegenüber hat Humor und muss ob meines Missverständnisses lachen.  Denn neben mir sitzt kein  Do-it-yourself-Mann, sondern ein  gestrauchelter und gestürzter Mitmensch, der am eigenen Leibe die statistisch längst belegte Tatsache erfahren musste, dass das Leben zuhause am aller gefährlichsten ist, weil in der vertrauten Umgebung die meisten Unfälle passieren. 

Der Mann mit den Krücken und dem Handverband, der im Rucksack seine Einkäufe nach Hause schleppt, beeindruckt mich. Er hält sich nicht lange mit seiner Krankengeschichte auf, sondern erzählt begeistert von seinen Reiseplänen. Nach Venedig soll es gehen, ob mit oder ohne Krücken. „Toll! Venedig sehen und sterben!“ sage und füge noch hinzu: „Venedig sehen und sterben!“ sage ich. Der Mann mit Humor und Nehmerqualitäten meint: „So weit wollte ich nicht gehen“ und wünscht mir zum Abschied noch „Hals und Beinbruch!"

Dieser Text erschien am 15. Mai 2018 der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 15. Mai 2018

Hüsch lesen lohnt sich

Vorleser Wolfgang Hausmann in der Fünte

Er war kein lauter, aber ein scharfsinniger und einfühlsamer Kabarettist und Autor. Wolfgang Hausmann liest am Freitagabend in der Fünte Hanns Dieter Hüsch mit seinen Texten lebendig werden. Gastgeber Frank Bruns hatte recht: „Sie könnten heute Abend auch an der Ruhr sein, aber das wäre ein großer Fehler!“

30 Zuhörer entdeckten in der alten Kultur-Kneipe an der Gracht 209 den 2005 verstorbenen Hüsch neu, der über sich und seine Landsleute vom Niederrhein gesagt hat: „Der Niederrheiner weiß nichts, kann aber alles erklären!“ Eine pure Untertreibung, wie Hausmanns Hüsch-Abend zeigte, an dem man den 1925 in Moers geborenen Kabarettisten, Buchautor, Chansonier, Rundfunkmoderator, Synchronsprecher, Gelegenheitsschauspieler und Heimorgelspieler als Poeten und Philosophen kennen lernte und seine Impulse mit nach Hause nahm.

O-Ton-Hüsch in seinem Gedicht gegen ein rechthaberisches Christentum: „Mein Glück soll auch dein Glück, dein Leid soll auch mein Leid sein. Gottes Liebe möge auch unsere Liebe sein, auf das er uns in den Garten des Erbarmens und auf Wege führe, die wir bisher nicht zu betreten wagten, denn er will mit dem Menschen gehen und ihn nicht gebückt, sondern aufrecht und fröhlich sehen.“ Mit seinem literarisch-biografischen Hüsch-Abend, an dem er auch eine 1973 entstandene Schallplatte mit Hüsch-Chansons zu Gehör brachte, zeigte Hausmann, wie man auch in „Zimmerlautstärke“ große Kleinkunst auf die Bühne bringen kann: Noch einmal Hüsch im O-Ton mit seinem Lied für die Verrückten: „Für die Verrückten will ich singen, für die Geschlagenen und gegen die Verschlagenen, gegen die, die über Leichen gehen und für die, die unter den Leichen sind, gegen die, die Geschichte machen und für die, mit denen Geschichte gemacht wird, gegen die, die immer mehr und alles und für die, die immer weniger und nichts haben. Denn die Erde gehört uns allen. Und Gott sitzt in einem Kirschbaum und schaut uns zu. In seine Liebe will ich mich versenken, die unsere Seele wieder zu einem Instrument der Zärtlichkeit macht!“

Am Ende des Abends gab Hausmann seinen Zuhörern den Rat mit auf den Heim: „Lesen Sie mal wieder öfter Hüsch. Es lohnt sich“ Diesen Rat kann man nur weitergeben.

Dieser Text erschien am NN. Mai in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 14. Mai 2018

Nachlese zum Muttertag

Mutter, Vater und zwei kleine Jungs machen einen Sonntagsspaziergang durch die Innenstadt. Schon haben die Knirpse einen der Spielbrunnen auf der Schloßstraße entdeckt und gleich geentert.
Herrlich, wie sich da von einem Bein aufs andere springen lässt. Nur als die beiden Abenteurer sich auf die Brunnenplattform knien, um die ersten Wasserproben  zu nehmen, wird es der Frau Mama zu abenteuerlich. Sie   legt einen Spurt ein und springt selbst auf die Brunnenplattform, um ihre schon halb im Wasser hängenden Jugend-forscht-Anwärter aus dem sprudelnden Nass zu ziehen und ihnen anschließend eine klare Ansage über den Fortgang des Spaziergangs zu machen.
Während dessen hält sich der Herr Papa am Regenschirm fest und schaut unbeteiligt in eine andere Richtung, als habe er mit den Vorgängen am Brunnen auf der Schloßstraße nichts zu tun.
Manche Dinge ändern sich eben nie, auch nicht am Muttertag. Die Brunnen-Szene auf der Schloßstraße erinnert mich an eine Vatertagsszene an der Ruhr, als er zu ihm, halb im Spaß, halb im Ernst sagt: „Weißt du. Solange wir gesund sind und unsere Frauen Arbeit haben, geht es uns gut.“

Dieser Text erschien am 14. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 13. Mai 2018

Arbeiten für unsere gemeinsame Zukunft: Warum sich die pensionierte Pädagogin Marlies Pesch-Krebs ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert

Eine schöne Erinnerung: Marlies Pesch-Krebs in dem
inzwischen nicht mehr existenten Historischen
Klassenzimmer in Styrum, das sie über viele
Jahre zusammen mit August Weilandt liebevoll betreut hat.
Zusammen mit dem Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) stellt die Mülheimer Woche Menschen vor, die als Ehrenamtler unbezahlte Arbeit leisten, die sich für unsere Stadtgesellschaft auszahlt. Marlies Pesch-Krebs gehört dazu.
"Kinder liegen mir am Herzen", sagt die 68-jährige Heißenerin Marlies Pesch-Krebs. Man glaubt es ihr sofort, wenn man erfährt, dass die Mutter eines heute 39-jährigen Sohnes früher als Grundschullehrerin und Grundschulrektorin gearbeitet hat.

Viele Mülheimer werden sie noch als Rektorin der Gemeinschaftsgrundschule an der Schlägelstraße kennen, an der sie zusammen mit August Weiland ein historisches Klassenzimmer einrichtete. Schon als Schulleiterin in Styrum und später in Hamborn hatte es die Pädagogin mit Kindern aus aller Herren Länder zu tun, die zum Teil auch aus sozial benachteiligten Familien kamen. "Mir war es immer wichtig, vor allem jene Kinder zu unterstützen, die durch ihr Elternhaus nur wenig oder gar keine Hilfe auf ihrem Bildungsweg erfahren", sagt Pesch-Krebs.

Da lag es nahe, dass sie sich auch nach ihrer Pensionierung nicht von diesem Ziel verabschiedete und sich 2015 vom CBE für eine ehrenamtliche Mitarbeit in der Flüchtlingshilfe gewinnen ließ. Zusammen mit Gleichgesinnten bereitete sie sich im Rahmen einer Schulung durch das CBE auf ihre Aufgabe vor, lernte mit welchen Problemen sie konfrontiert würde und was die Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, aber auch aus der Balkan-Region nach Deutschland trieb.

Vom Spielen zum Lernen

Zunächst wurde sie in der Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Grundschule am Fünter Weg aktiv und wechselte nach deren Auflösung Ende 2016 in die sogenannte Talentwerkstatt am Fronhauser Weg, "Das ist eine ehemalige Wohnung der SWB, in der wir nachmittags mit Kindergarten- und Grundschulkindern spielen und lernen. "Anfangs wollte ich nur mit den Kindern spielen, weil ich mit dem Lernen als Lehrerin lange genug zu tun gehabt hatte", erzählt Pesch-Krebs. Doch inzwischen ist sie auch in die Hausaufgabenbetreuung mit eingestiegen und hat es nicht bereut.

"Die Kinder sind sehr dankbar für die Hilfe und die Zeit, die man ihnen schenkt. Sie gehen in der Regel gerne zur Schule, schon allein deshalb, weil sie dort ihre Freunde treffen und auch gemeinsam schwimmen gehen können. Außerdem ist unsere ehrenamtliche Arbeit mit den Kindern eine wertvolle Entlastung für die Eltern", weiß Pesch-Krebs.

Etwas zurückgeben

Wenn sie montags zwischen 15 und 18 Uhr mit ihren ehrenamtlichen Kollegen in der Talentwerkstatt am Fronhauser Weg mit den Flüchtlingskindern spielt, lernt und arbeitet oder auch kleine Feste und Ausflüge organisiert, kommt ihr zum Bewusstsein, "wie gut ich es doch habe, dass ich bisher keinen Krieg erleben musste." So versteht Pesch-Krebs ihr ehrenamtliches Engagement auch als Dank dafür, dass sie als gesunde Rentnerin auf ein erfolgreiches Berufsleben zurückschauen darf und deshalb "auch etwas zurückgeben will"!

Doch als ehrenamtlicher Coach der Flüchtlingskinder und ihrer Eltern bekommt Pesch-Krebs auch viel zurück, einerseits die Dankbarkeit der Menschen, denen sie in ihrem schwierigen Alltag etwas helfen kann und andererseits "soziale Kontakte mit gleichgesinnten, gleichalterigen und interessanten Menschen, die mich sehr bereichern."

2015 sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Blick auf den massenhaften Flüchtlingszustrom nach Deutschland: "Wir schaffen das!" Schaffen wir das als Gesellschaft wirklich? "Wir haben beim Thema Integration viele Baustellen. Aber die Zuwanderung kann für Deutschland angesichts des demografischen Wandels auch zu einer Chance werden, wenn Politik und Wirtschaft damit ernst machen, kein Kind zurücklassen zu wollen und wir alle begreifen, dass sich jede Investition in unsere Kinder und in ihre gute und kostenlose Erziehung und Bildung um ein Vielfaches auszahlen wird." Die gut organisierte und vernetzte Unterstützung, die die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer in Mülheim nicht nur durch die hauptamtlichen Mitarbeiter des CBEs, sondern auch durch die Kirchengemeinden, die Rotarier und die Stadtverwaltung erfahren, machen ihr Mut. 

Dieser Text erschien am 3. Mai 2018 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Samstag, 12. Mai 2018

Die heile Welt lässt grüßen


Auch wenn meine geistig behinderte Schwester älter ist, als ich, hat sie sich ein kindliches Gemüt bewahrt. „Du weißt, dass ich bald Geburtstag habe“, sagte sie mir gestern am Telefon. Als ob ich den Geburtstag meiner Schwester vergessen könnte. Und gleich bekam auch schon ihre Wünsche und meine Geschenkalternativen mitgeteilt. Nur keine falsche Zurückhaltung. Man muss ja sehen, wo man bleibt und das bekommt, was man braucht: Eine Musik-CD mit Nenas Lied von den 99 Luftballons und DVDs mit den Sissi-Filmen und dem Schloss am Wörther See. Na, dann. Nichts wie los. Gut, die Verkäuferin schaute mich schon etwas komisch an, als ich meine besondere Bestellung aufgab. Aber nur keine intellektuelle Verkrampfung. Was tut man nicht alles für sein Schwesterherz, das sich wie Pippi Langstrumpf die Welt so macht und anschaut, wie sie ihr gefällt und sich deshalb einen unverstellten Blick auf die schönen Seiten des Lebens bewahrt hat. Davon können wir alle nur lernen, denen täglich vor allem die unschönen Seiten des Lebens um die Ohren gehauen werden. Fangen wir am besten gleich heute damit an, einzusehen: Das Leben ist trotz allem schön und lebenswert.

Dieser Text erschien am 10. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 11. Mai 2018

Adveniat warnt vor einer humanitären Katastrophe in Venezuela

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck stellte zusammen mit den Geschäftsführern
Stephan Jentges (links) und Pater Michael Heinz und Pressesprecherin
Carolin Kronenburg die aktuelle Adveniat-Bilanz vor.
Mehr zum Thema findet man im Internet unter: www.adveniat.de
Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck und die beiden Adveniat-Geschäftsführer Pater Michael Heinz und Stephan Jemtgens bedankten sich gestern bei den Menschen, die dem Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland 2017 Spenden in Höhe vom 44,4 Millionen Euro beschert haben.

Damit konnte das Hilfswerk 2164 Sozial- und Bildungsprojekte fördern. Allein 24,8 Millionen Euro kamen bei der Weihnachtskollekte zugunsten Adveniats zusammen. Neben Spenden konnte sich das Hilfswerk auch über Nachlässe und 1,2 Millionen Euro Zuwendungen aus Kirchensteuermitteln freuen.

Obwohl die Einnahmen aus der Weihnachtskollekte um 800.000 Euro niedriger ausfiel, als im Jahr davor, stieg die Gesamtsumme der bei Adveniat eingegangenen Spenden im Jahresvergleich um 100.000 Euro. "Das ist angesichts der großen Konkurrent auf dem deutschen Spendenmarkt ein schöner Erfolg und zeigt, dass die Menschen in unserem Land auch über ihren eigenen Tellerrand hinaus denken, wenn es darum geht christliche Nächstenliebe zu praktizieren", sagte Ruhrbischof Overbeck. Er wies darauf hin, dass allein 11,8 Millionen Euro aus Einzelspenden stammen.

"Wir sind eine Brücke nach Europa", betonte Pater Michael Heinz mit Blick auf die Sozial- und Bildungsarbeit, die die katholische Kirche für die Ärmsten der Armen in Lateinamerika leistet. Heinz appellierte an die Vereinten Nationen und an die Bundesregiering, allles in ihrer Macht stehende zu tun, um eine humanitäre Katastrophe in Venezuela und seinen zunehmend von Flüchtlingen aufgesuchten Nachbarländern zu verhindern.

Laut Heins fehlt es in Venezuela inzwischen am nötigsten. Lebensmittel und Medikamente sind zur Mangelware geworden. Deshalb verlassen immer mehr Venezulaner ihre Heimat in Richtung Kolumbien, Chile, Brasilien und Argentinien. Gerade erst hat Adveniat, das nur 8 Prozent seiner Spenden für Verwaltungsaufgaben ausgibt, eine Soforthilfe von 50.000 Euro für Schulspeisungen in Venezuela zur Verfügung gestellt.

Zuletzt hatte das Lateinamerika-Hilfswerk 1,3 Millionen Euro in Hilfsprojekte für Venezuela und 3,5 Millionen Euro in Hilfsprojekte für Kolumbien investiert. "Auch die Bundesregierung erkennt an, dass die christlichen Kirchen in vielen politisch und wirtschaftlich schlecht regierten Ländern einen wichtigen Kern der Zivilgesellschaft darstellt", unterstreicht Pater Michael Heinz.

Dieser Text erschien am 27. April 2018 im Neuen Ruhrwort

Donnerstag, 10. Mai 2018

Die Musik macht den Ton

Kirche. Dabei denken heute viele an Austritt, manche aber auch an das Gegenteil. Das erlebte ich gestern im Gespräch mit ehrenamtlich engagierten Frauen, die in der evangelischen Ladenkirche an der Kaiserstraße mit Menschen ins Gespräch kommen, die wieder in die Kirche eintreten wollen.  Da kann, muss aber nicht über alles gesprochen werden. Zugehört wird aber in jedem Fall. Zugehört wurde auch am Sonntagnachmittag, als das Mercator-Ensemble im Gemeindehaus von Sankt Laurentius bei Kaffee und Kuchen aufspielte. „Mein Gott, war das schön!“ sagte eine ältere Dame nach der Veranstaltung, die Gemeindemitglieder aus Mintard ohne theologischen Unterbau, aber mit großem Herzen auf die Beine gestellt hatten, um ihren Nachbarn und sich selbst mit Musik, Genuss und Gesprächen eine Freude zu machen.

Wie schön, wenn sich Menschen in kirchlichen Räumen glücklich und willkommen fühlen, weil man dort den richtigen Ton trifft und ihnen zuhört, ganz ohne großes Credo, dafür aber mit großer und zugewandter Herzlichkeit. Vielleicht wäre das ja nicht nur für die christlichen Kirchen der richtige Grundton sein, damit wieder mehr Menschen über Eintritt statt über Austritt nachdenken.

Dieser Text erschien am 8. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 9. Mai 2018

Wo die alten schon schwammen: Ein Zeitsprung ins Styrumer Freibad

Ein Foto aus dem Adressbuch der Stadt Mülheim an der Ruhr
aus dem Jahr 1936
„Besucht das Ruhrstadion!“ fordert das Adressbuch der Stadt Mülheim anno 1936 auf einer seiner ersten Seiten und illustriert diese Aufforderung mit der historischen Aufnahme.
1925 wurde das Styrumer Freibad mit dem Ruhrstadion errichtet.  Damals hatten die deutschen Arbeitnehmer maximal zwölf Urlaubstage pro Jahr. 1936 waren es immerhin schon 21. Heute sind es im Durchschnitt 30.

Doch auch wenn die Nationalsozialisten mit ihrem Ferienwerk Kraft durch Freude (KDF) erstmals auch Arbeitern und kleinen Angestellten einen Urlaub ermöglichten und dies als Propagandaerfolg für ihre Diktatur feierten, konnten die meisten Deutschen damals von Urlaubsreisen in ferne Länder nur träumen. Nach Angaben des Statistischen Reichsamtes verdienten 1936 62 Prozent der Steuerzahler weniger als 1500 Reichsmark pro Jahr. 60 Prozent ihres Einkommens mussten sie für Lebensmittel und Wohnungsmiete aufwenden. 

Umso wichtiger waren für die einfachen Bürger in dem von Thyssen geprägten Industrieort Styrum und für ihre Mitbürger in Mülheim und seinen Nachbarstädten preiswerte Naherholungsangebote, wie das des Styrumer Freibades. Erwachsene zahlten 1936 werktags 20 und sonntags 40 Pfennig. Für Kinder kostete der Eintritt ins Badevergnügen 10 und 20 Pfennig.

Wer das Styrumer Freibad mit der Straßenbahn oder mit einem Schiff der Weißen Flotte ansteuerte, konnte für 40 und 50 Pfennig eine Fahrkarte erwerben, in der der Eintritt ins Freibad enthalten war. Das Styrumer Freibad bot schon damals eine Wasserfläche von 12800 Quadratmetern, Liege- und Spielwiesen, einen Erfrischungsraum mit Dachgarten und eine Wasserrutsche. Außerdem durften die Badegäste auch die Sportanlagen des Ruhrstadions benutzen.


Dass es heute auch noch ein Styrumer Freibad gibt, das seit 2012 als Naturbad von der Pia-Stiftung betrieben wird, ist vor allem dem Kampf der Bürgerinitiative Schwimmen in Styrum zu verdanken. Sie wehrte sich mit einem Bürgerbegehren gegen die 2001 vom Rat der Stadt beschlossenen Schließung des Freibades und erzwang so 2002 die Wiedereröffnung des Freibades, das seit 2006 als Naturbad betrieben wird.

Dieser Text erschien am 7. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 8. Mai 2018

Ganz schön ausgeschlafen

Ausgerechnet in der NRZ-Beilage Geld und Karriere wurde mir ein „Power-Nepping“ empfohlen. Wie bitte? Power-Nepping. Ich bin alt genug, um mich noch an Eduard Zimmermanns Fernsehsendung „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ zu erinnern. Seit dieser Zeit weiß ich: Nepper betrügen und täuschen ihre Mitmenschen, um auf deren Kosten Kasse zu machen. Und das wird einem jetzt in einer Geld- und Karriere -Beilage empfohlen? Ist dem Turbo-Kapitalismus denn wirklich nichts mehr heilig? Doch bei genauerem Hinschauen wurde aus dem Power-Nepping ein Power-Napping. Wenn Sie das bisher nicht kannten, geht es Ihnen, wie mir. Hinter dem Power-Napping, unser tägliches Denglisch gib uns heute, verbirgt sich das gute alte deutsche Nickerchen. 

Das gönnt man landläufig eher alten Menschen, den Menschen, die mitten im Berufsleben stehen und gefälligst etwas leisten, statt ihre Zeit verschlafen sollen, aber nicht. Doch jetzt erfahre ich: 20 bis 30 Minuten Schlaf am Mittag reduziert das Gewicht, produziert Glückshormone und stärkt das Herz-Kreislauf-System. Na, dann: Gute Nacht! Wenn Sie mich mittags nicht erreichen sollten, rufen Sie später an. Wahrscheinlich war ich nur kurz beim Power-Napping.

Dieser Text erschien am 7. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 7. Mai 2018

Das Berufskolleg Stadtmitte: Ein Zeitsprung an der Kluse

Das Berufskolleg Stadtmitte an der Kluse im Jahr 1955
Ein Foto aus dem Historischen Kalender Mülheim gestern 2018
von Burkhard Otto Richter, der auch im örtlichen Buchhandel
erhältlich ist.
Wir schauen auf das Berufskolleg an der Kluse. Das Foto aus dem von Burkhard Richter herausgegebenen und im Buchhandel erhältlichen Kalender „Mülheim gestern“ 2018 zeigt die Berufsschule 1955, vier Jahre nach ihrer Eröffnung,

Der vom städtischen Hochbauamt geplante und realisierte Berufsschulbau wurde in den 1960er Jahren mehrfach durch zusätzliche Klassen,- Fach- und Wirtschaftsräume erweitert. In den 1980er Jahren erhielt das Berufskolleg Stadtmitte, das ursprünglich unter dem Namen Gewerblich-Technische Unterrichtsanstalten firmierte ein zusätzliches Gebäude an der Von-Bock-Straße.
Bevor die Berufsschule an der Kluse 1951 eröffnet wurde, fand die seit 1902 gesetzlich verpflichtende berufliche Bildung dezentral in verschiedenen Mülheimer Schulen der statt. Anders, als die heute 2400 Schüler des Berufskollegs Stadtmitte mussten die Berufsschüler, die ab 1850 die Handwerkerschule in der Stadtmitte besuchten, für ihren ausbildungsbegleitenden Unterricht noch Schulgeld bezahlen.
Heute bietet das Berufskolleg Stadtmitte ein breites Spektrum von Bildungsgängen an. Technische Lehrgänge in den Bereichen Elektro, Informationstechnologie, Kraftfahrzeuge, Metall, Chemie und Physik gehören ebenso dazu, wie berufsbegleitende Bildung in den Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens.

Pädagogisch verdient gemacht hat sich das Berufskolleg Stadtmitte unter anderem auch mit seinen Internationalen Förderklassen für junge Zuwanderer sowie durch seine projekt- und praxisorientierte Zusammenarbeit mit weiterführenden Schulen in Mülheim und mit Schulen in England und Israel.

Dieser Text erschien am 1. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 6. Mai 2018

Bleiben Sie bloß gesund

"Bitte noch vor Weihnachten!“ sagt die gesetzlich versicherte Patientin in der Facharztpraxis, als die von der Arzthelferin nach ihrem Wunschtermin gefragt wird. Da muss selbst die Dame hinter dem Praxisthresen lachen. „Das sollte machbar sein“, meint sie. Die Frage der älteren Dame stimmt nachdenklich. Wenn man früher zum Facharzt ging, hatte man das Gefühl, ihm etwas gutes zu tun. Jetzt muss man sich bei den meisten Fachärzten auf wochen- oder  monatelange Wartezeiten einstellen. Und wenn man vorsichtig nach einem früheren Termin fragt, erntet man je nach Temperament der Arzthelferin einen mitleidigen Blick oder eine harsche Zurechtweisung: „Wissen Sie eigentlich, wie viele Patienten auf der Warteliste stehen und das unser Budget in diesem Quartal schon fast ausgereizt ist?“ 

Krankheit ist die reinste Zumutung, nicht nur für den betroffenen Patienten, sondern auch für den Arzt, der in unserem Gesundheitssystem, das jährlich mit rund 300 Milliarden Euro gefüttert wird, nicht nur, wie ein Arzt, sondern auch wie ein Unternehmer denken muss. Auch wer schon mal das Pech hatte, in ein Krankenhaus eingeliefert zu werden, wird es erlebt haben nicht mit der Frage: „Guten Tag, was haben Sie denn?“ sondern mit: „Haben Sie eine Zusatzversicherung“ begrüßt worden zu sein. Da begreift man, dass es im Gesundheitswesen allen Lippenbekenntnisse zum Trotz eben nicht nur um unsere Gesundheit, sondern um unser Geld geht. Da möchte man sich selbst gute Gesundheit und unserem Gesundheitssystem gute Besserung wünschen, damit wir unseren nächsten Facharzttermin auch noch erleben. 

Dieser Text erschien am 5. Mai 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 5. Mai 2018

Was hat uns Karl Marx heute noch zu sagen? Drei Fragen an den Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit & Kultur: Ulrich Schreyer

Der Wirtschaftswissenschaftler und evangelische Theologe
Ulrich Schreyer führt die Geschäfte des Diakoniewerkes
Arbeit & Kultur, das Menschen eine zweite und dritte
Chance auf dem Arbeitsmarkt bietet. Weitere Informationen
im Internet unter: www.diakoniewerk-muelheim.de
Hat sich Karl Marx fundamentale Kapitalismus-Kritik mit dem Scheitern des real existierenden Kommunismus, etwa in der DDR oder in der UdSSR erledigt?

Schreyer: Der real existierende Kommunismus ist zu Recht gescheitert, weil er die Ansätze von Marx konterkariert und die Diktatur des Proletariates durch eine Diktatur einer Staatspartei ersetzt und deren Ideologie absolut gesetzt hat. Das hatte mit Marx, der die Menschen von ihrer wirtschaftlichen Ausbeutung befreien und die Gesellschaft für die soziale Frage sensibilisieren wollte, nichts zu tun.

Marx fordert: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" Wer ist heute noch Proletarier und wer will es sein?

Schreyer: Mit Proletariat meinte Marx die besitzlosen Menschen, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen konnten. Heute erleben wir eine Drittelung unserer Gesellschaft, in der ein Drittel sehr gut lebt, ein Drittel in einem konjunkturell abhängigen Beschäftigungszustand mal besser und mal schlechter über die Runden kommt und ein Drittel als Niedriglöhner und befristet Beschäftigte im unsicheren und schlechten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen lebt.

Marx kritisierte im 19. Jahrhundert die sozial- und wirtschaftspolitischen Auswüchse der Industrialisierung. Was würde er uns heute angesichts der Flexibilisierung und Digitalisierung des Arbeitsmarktes, die mit massiven Arbeitsplatzverlusten einher geht, ins Stammbuch schreiben?

Schreyer:  Er würde uns sagen, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist und nicht umgekehrt. Und er würde uns darauf hinweisen, dass unsere freie Gesellschaft langfristig scheitern wird, wenn sie Menschen weiter in Gewinner und Verlierer einteilt.

Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zeitung am 4. Mai 2018



Mülheim zu Kaisers Zeiten

  Mit der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Schloss von Versailles wurde vor 150 Jahren der erste deutsche Nationalsta...