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Was hat uns Karl Marx heute noch zu sagen? Drei Fragen an den Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit & Kultur: Ulrich Schreyer

Der Wirtschaftswissenschaftler und evangelische Theologe
Ulrich Schreyer führt die Geschäfte des Diakoniewerkes
Arbeit & Kultur, das Menschen eine zweite und dritte
Chance auf dem Arbeitsmarkt bietet. Weitere Informationen
im Internet unter: www.diakoniewerk-muelheim.de
Hat sich Karl Marx fundamentale Kapitalismus-Kritik mit dem Scheitern des real existierenden Kommunismus, etwa in der DDR oder in der UdSSR erledigt?

Schreyer: Der real existierende Kommunismus ist zu Recht gescheitert, weil er die Ansätze von Marx konterkariert und die Diktatur des Proletariates durch eine Diktatur einer Staatspartei ersetzt und deren Ideologie absolut gesetzt hat. Das hatte mit Marx, der die Menschen von ihrer wirtschaftlichen Ausbeutung befreien und die Gesellschaft für die soziale Frage sensibilisieren wollte, nichts zu tun.

Marx fordert: "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" Wer ist heute noch Proletarier und wer will es sein?

Schreyer: Mit Proletariat meinte Marx die besitzlosen Menschen, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen konnten. Heute erleben wir eine Drittelung unserer Gesellschaft, in der ein Drittel sehr gut lebt, ein Drittel in einem konjunkturell abhängigen Beschäftigungszustand mal besser und mal schlechter über die Runden kommt und ein Drittel als Niedriglöhner und befristet Beschäftigte im unsicheren und schlechten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen lebt.

Marx kritisierte im 19. Jahrhundert die sozial- und wirtschaftspolitischen Auswüchse der Industrialisierung. Was würde er uns heute angesichts der Flexibilisierung und Digitalisierung des Arbeitsmarktes, die mit massiven Arbeitsplatzverlusten einher geht, ins Stammbuch schreiben?

Schreyer:  Er würde uns sagen, dass die Wirtschaft für den Menschen da ist und nicht umgekehrt. Und er würde uns darauf hinweisen, dass unsere freie Gesellschaft langfristig scheitern wird, wenn sie Menschen weiter in Gewinner und Verlierer einteilt.

Dieser Text erschien in der Neuen Ruhr Zeitung am 4. Mai 2018



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