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Es werden Posts vom 2020 angezeigt.

Als die Spanische Grippe Mülheim lähmte

Was für uns heute das Corona-Virus, war für die Mülheimer im Herbst 1918 die Spanische Grippe, die bis 1920 weltweit 50 Millionen und in Deutschland etwa 500.000 Menschen zum Opfer fielen. Schaut man, wie jetzt Stadtarchivar Jens Roepstorff, in die Mülheimer Lokalpresse der letzten Tage des Ersten Weltkrieges, so stößt man auf den Hinweis, „dass sich das Gespenst Spanischen Grippe auch in Mülheim breit macht.“ Nicht nur mit Blick auf das Ruhrgebiet attestiert der Generalanzeiger, dass sich die Menschen „in einer schwer zu beschreibenden Seelenverfassung sind.“ Das Ausmaß, das die Spanische Grippe auch in unserer Stadt im Herbst 1918 angenommen hatte, machte der Generalanzeiger unter anderem an den überfüllten Wartezimmern der örtlichen Ärzte fest.

Wie heute das Corona-Virus führte damals die Spanische Grippe auch in Mülheim zu Schulschließungen, aber auch zur Ausdünnung von Zugfahrplänen, weil immer mehr Schüler, Lehrer und Eisenbahnbedienstete an der Spanischen Grippe erkrankt waren. …

Der Mensch hinter der Maske

Seit Gottfried Keller anno 1874 seine gleichnamige Novelle niederschrieb, wissen wir: „Kleider machen Leute.“ So wie Gottfried Kellers Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der aufgrund seiner vornehmen Erscheinung für einen polnischen Grafen gehalten wurde, führte auch der straffällige Schuster Wilhelm Voigt dank einer Uniform seine militär- und autoritätsgläubigen Landsleute anno 1906 als Hauptmann von Köpenick an der Nase herum.


Immer noch gibt es Menschen, die Krawatten- und Anzugträgern auf den ersten Blick mehr Seriosität und Kompetenz zutrauen als jenen Mitmenschen, die in Jeans, T-Shirt oder Blaumann daherkommen. Doch auch hier hat das Corona-Virusdie allgemeine Kleiderordnung radikal auf links gedreht. Wurden Masken bisher nur als Kostüm im Karneval, als Vermummung bei einer Demonstration oder auch als Sccutzverband im Sport genutzt, ist sie heute ein allgegenwärtiges Accessoire. Heute, da das Corona-Virus das Maskentragen zur ersten Bürgerpflicht in Sachen Gesundheitsschutz ge…

In Memoriam Norbert Blüm

Einsichten eines politischen Christenmenschen


Der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm gab auf Einladung des Medienforums und der Pax-Bank seine reichen Lebenserfahrungen weiter


Essen. Es lohnt sich Rentnern zuzuhören. Vor allem dann, wenn Sie ihre Lebenserfahrungen, so wie der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (82) so geistreich und pointiert vortragen können, dass es für die Zuhörer erbaulich und unterhaltsam zugleich sein kann.


Mit einer Mischung aus Lesung und Gespräch fesselten Norbert Blüm und Moderatorin Vera Steinkamp die vom Medienforum des Bistums und von der Pax-Bank eingeladenen Zuhörer in der fast vollbesetzen Aula des Generalvikariates.


Da erfuhr man nicht nur, dass Norbert Blüm seit 30 Jahren Mitglied von Borussia Dortmund ist und sich auch eine Berufskarriere als Kapitän hätte vorstellen können. Man spürte in seinen spontanen Erzählungen und in den Lektionen aus seinem Vermächtnis-Buch: „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht“, dass da nicht nur …

Als die Stadt in Trümmern lag

Als die Amerikaner am 11. April 1945 mit ihrem Einmarsch den Zweiten Weltkrieg beendeten, lag der damals 17-jährige Mülheimer Horst Heckmann, weit ab seiner Heimat, in einem mecklenburgischen Lazarett und kurierte dort Fußverletzungen aus, die er sich durch das Marschieren in seinen viel zu kleinen Wehrmachtsstiefeln zugezogen hatte. „Das war mein großes Glück. Denn wäre ich bei meiner Einheit geblieben, die an der Oder von der Roten Armee vollständig vernichtet worden ist, hätte ich den Krieg nicht überlebt“, erinnert sich Heckmann. Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett meldete er sich nicht, wie befohlen, bei der nächsten Wehrmachtsdienststelle, sondern beging mit zwei Kameraden Fahnenflucht und schlug sich zu Fuß und im Gefolge von ostpreußischen Flüchtlingstrecks gen Westen durch.
Südlich von Schwerin gingen Heckmann und seine Kameraden in amerikanische Kriegsgefangenschaft und wurden später von den Briten übernommen. Nach einer Zwischenstation in Schleswig-Holstein und im ber…

Mülheim 1945: Ein Zeitzeuge erinnert sich

1931 geboren, gehört der Diplomingenieur, Heinz Wilhelm Auberg, zu jenen Mülheimern, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben. Als die amerikanischen Truppen am 11. April 1945 mit ihrem Einmarsch den Krieg in Mülheim beendeten, befanden sich Auberg und seine Kammeraden aus der Mittelschule für Jungen noch auf dem Heimweg aus der Kinderlandverschickung.

In Buchtaberg, 150 Kilometer südöstlich von Prag, hatten 200 Mülheimer Mittelschüler Zuflucht vor den Bomben gefunden, die in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 auch Aubergs Elternhaus an der Friedrich-Karl-Straße zerstört hatten. Auberg und seine Klassenkammeraden lebten und lernten mit ihren Lehrern Wilhelm Dietz und Martha Kükel in einer ehemaligen Lungenheilanstalt für Kinder. „Trotz des Kriegs erlebten wir dort eine schöne Zeit. Im Winter konnten wir Skifahren und im Frühjahr und Sommer durch die Wälder wandern. Außerdem hatten wir ein gutes Verhältnis zu den Bewohnern des nahegelegenen Dorfes Niemetzki, die uns zu ihren G…

Journalismus 2.0

„Die Menschen haben sich in den letzten 100 Jahren nicht verändert. Sie waren immer schon so dumm und so klug, wie sie es sind. Wir haben das vergessen. Aber jetzt wird das alles durch das Internet und die Sozialen Medien öffentlichkeistwirksam hochgespült.“ So bringt ein Zuhörer im Kardinal-Hengsbach-Saal der katholischen Akademie Die Wolfsburg die Konsequenzen der digitalisierten Medienwelt des Jahres 2020 auf den Punkt.

Auf dem Podium beleuchten die Journalisten Jürgen Domian (WDR), Joachim Frank (Kölner Stadtanzeiger), Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing, der Politikwissenschaftler und Publizist Andreas Püttmann und die Kommunikationswissenschaftlerin und Bloggerin Daniela Sprung die Sonnen- und Schattenseiten der digitalen Medienwirklichkeit, die den Journalismus in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Die Diskussion zeigt: Es gibt kein Schwarz. Es gibt kein Weiß, sondern viele Grautöne und eine große Buntheit mit vielen Baustellen.
„Wir sind noch in einem Übergangs- und Lernp…

Als die Amerikaner kamen

11. April 1945: Soldaten der 17. amerikanischen Luftlandedivision marschieren am frühen Morgen in Mülheim ein und beenden damit für die 88.000 Menschen, die in der Trümmerstadt an der Ruhr leben, den Krieg. Bei Kriegsbeginn hatte die Stadt noch fast 137.000 Einwohner. Wenige Tage vor dem Einmarsch hat Oberbürgermeister Edwin Hasenjäger die städtischen Lebensmittelvorräte auflösen und an die Bürger verteilen lassen. Die Stadt hat mit dem Krieg 160 Luftangriffe überlebt. 4600 Mülheimer haben den Krieg nicht überlebt. Noch am Tag vor dem amerikanischen Einmarsch sterben acht Mülheimer durch Artilleriebeschuss und Granaten an der Sandstraße und an der Liebigstraße. 3100 Mülheimer gelten bei Kriegsende als vermisst. 800.000 Kubikmeter Schutt liegen auf den Straßen der Stadt. Jedes dritte Haus ist zerstört. Bis zur bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht wird es noch einmal fast einen Monat dauern. Die 183. Volksgrenadierdivision der Wehrmacht hat sich nach Mintard und auf den Auberg zur…

Ulrich Schreyer geht in die Verlängerung

Eigentlich wollte der durch ein Augenleiden gehandicapte Ulrich Schreyer als Geschäftsführer des Diakoniewerks Arbeit und Kultur Ende April in den Ruhestand gehen. Doch nachdem sich das Diakoniewerk aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen nach nur drei Monaten von seiner Nachfolgerin Nadine Soth getrennt hat, übernimmt Schreyer jetzt wieder Verantwortung in der ersten Reihe. „Ich hatte zuletzt im Background gearbeitet und bin über die jetzige Situation nicht beglückt. Aber sie ist wie sie ist. Und deshalb habe ich mich nach eingehender Beratung mit meinen Ärzten dazu entschlossen, der intensiven Bitte des Aufsichtsrats zu folgen und bis Ende des Jahres erneut die Geschäftsführung zu übernehmen.“, erklärt Schreyer. Das Diakoniewerk an der Georgstraße, das insgesamt 280 Mitarbeiter beschäftigt, davon 35 im Festangestellten-Verhältnis, wurde wie andere Unternehmen von der Corona-Krise, hart getroffen. „Alle Geschäfte und Werkstätten sind zu“, schildert Schreyer die aktuelle Lage. Für ei…

Menschliche Nähe & Soziale Distanz

„Ich vermisse die täglichen Spaziergänge mit meiner Frau an der Ruhr. Das macht mich sehr traurig. Damit kann ich schlecht umgehen“, sagt Karl-Heinz Sell. Der 80-Jährige ist seit drei Monaten im Franziskushaus am Leinpfad zuhause, zusammen mit 115 anderen pflegebedürftigen Senioren. Normalerweise ist das Ruhrufer nur wenige Schritte entfernt. Doch seit dem 13. März ist es für die Bewohner des Franziskushauses unerreichbar.


Jetzt müssen Sell und seine Mitbewohnerinnen Gisela Bormann (80) und Ursula Heidermann (92) telefonisch Kontakt mit den Menschen halten, die ihnen am Herzen liegen. Sell telefoniert täglich mit seiner Frau und einmal pro Woche mit seinen drei Kindern, die in Norwegen und Hessen leben. „Natürlich sprechen wir darüber, wie sich die Dinge in der Welt entwickeln und wünschen uns gegenseitig, dass wir gesund bleiben“, sagt Sell. Ursula Heidermann telefoniert täglich mit einer alten Freundin, die sie noch aus der Wandergruppe der Naturfreunde kennt. Kraft schöpft sie auc…

Wiedersehen macht Freude

Wiedersehen macht Freude. Dieses spontane Gefühl überkam mich, als ich am Samstag in unserer Zeitung den Bericht über die pensionierten Feuerwehrleute und Ärzte las und dabei „alte Bekannte“ wiedersah, die sich jetzt für den Corona-Krisenstab der Stadt und für das Diagnosezentrum an der Mintarder Straße aus dem Ruhestand holen und reaktivieren ließen. Ihr löbliches und wertvolles Engagement entlarvt alle Protagonisten des Jugendwahns, die zum Beispiel in ihrer Medien- und Konsumforschung alle Menschen unter 14 und über 49 links liegen lassen, als falsche Propheten. Diese falschen Fünfziger, die sich auch im reifen Lebensalter noch wie halbstarke Teenager gebärden und die Jugend oder das, was sie dafür halten, zum Maßstab aller Dinge erklären und damit ihre Zeitgenossen traktieren oder sie gar auf den Holzweg führen. Diese Berufsjugendlichen werden jetzt nicht zum ersten Mal eines Besseren belehrt. Sie und wir dürfen jetzt erleben, dass in Krisenzeiten die Lebenserfahrung der alten Sch…

So arbeiten die Sozialverbände in der Corona-Krise

„Die exakten finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise kann ich noch nicht abschätzen. Aber wir können mit unseren öffentlichen Geldgebern (Bund, Land und Sozialfonds der Europäischen Union weiter Fachstunden abrechnen, die wir jetzt zum Teil von Präsenz- auf Telefonberatung umstellen mussten. Dass eingeplante Mittel weiter fließen, ist ein positives Signal und lässt uns hoffen, dass wir unsere Angebote, die von 120 Mitarbeitern bewerkstelligt werden, langfristig fortführen und nicht einstellen müssen“, sagt die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt, Michaela Rosenbaum. „Die berechtigten Anforderungen der Gesundheitsvorsorge zwingen uns zu einem schwierigen Spagat“, betont die Awo-Chefin. Auch in Corona-Zeiten kommt Sozialarbeit nicht ganz ohne soziale Kontakte aus. So ist das Café Light derzeit geschlossen. Dennoch vereinbaren Mitarbeiter der Awo-Drogenhilfe mit ihren Klienten vor Ort an der Gerichtsstraße Einzeltermin, damit zum Beispiel Spritzen getauscht und Wäsche zu waschen. …

Die Caritas hilft auch in Corona-Zeiten

„Der Mensch im Mittelpunkt.“ Dieses Motto hat sich die vor 100 Jahren von Pastor Konrad Jakobs ins Leben gerufene Caritas gegeben. „Diesem Grundsatz wollen wir auch in Zeiten der Corona-Krise treu bleiben, in dem wir die Grundregel der Sozialarbeit beherzigen: ‚So viel menschliche Nähe wie möglich und so viel Distanz wie nötig‘“, sagt Caritas-Vorstand Martina Pattberg. Um seine 240 hauptamtlich Mitarbeitenden und seine Klienten vor dem Corona-Virus zu schützen, hat der katholische Sozialverband alle seine Beratungsstellen und Begegnungsstätten für den Publikumsverkehr geschlossen. Alle Beratungsgespräche werden verschoben oder telefonisch oder per Chat erledigt. „Wie kann ich meinem Kind erklären, dass es sich jetzt nicht draußen mit Freunden zum Spielen verabreden kann? Wie und wo können wir Hilfeleistungen beantragen, wenn die Arbeits- und Sozialagenturen geschlossen sind? Wie soll es mit uns weitergehen, wenn die Lebensmittelpreise so teuer sind und weiter steigen?“, zitiert Pa…

Heilsamer Humor

Gut maskiert und mit Einweghandschuhen bekleidet erledige ich in der Innenstadt meine Tageseinkäufe. Zuweilen gleicht der Gang durch die vertraute und doch plötzlich so befremdlich wirkende Stadt in diesen Corona-Tagen schon manchmal einem Slalomlauf. Sobald mehrere Mitmenschen auf mich zukommen, suche ich instinktiv einen Ausweg, um sicherheitshalber Abstand zu gewinnen. Der normale Alltag nimmt jetzt zuweilen doch skurrile Züge an. Manchmal fühle ich mich mit meiner Corona-Maskerade in meiner Heimatstadt jetzt wie ein Außerirdischer. Doch bevor ich meiner melancholischen Befindlichkeit zu sehr nachgebe und am Ende noch den nächsten Corona-Sicherheits-Slalom verpasse, sehe ich in einigen Metern Entfernung plötzlich einen mir bekannten und ebenfalls maskierten Mülheimer. „Alles Gute und schön, dass ich noch soviel von ihrem Gesicht sehe, um Sie wiederzuerkennen“, ruft er mir der Stadt- und Schicksalsgenosse zu. Da müssen wir beiden maskierten Mölmschen dann doch spontan lachen und wi…

Gefragter denn je

Die Corona-Krise stellt für viele Menschen eine extreme seelische Belastung dar. Was bedeutet das für die ökumenische Telefonseelsorge, bei der Menschen aus Mülheim, Duisburg und Oberhausen unter den gebührenfreien Rufnummern: 0800-1110111 und: 0800-1110222 anonym, kostenfrei und rund um die Uhr Rat, Hilfe und ein offenes Ohr finden. Ein Gespräch mit dem Diplom-Theologen und Diplom-Psychologen Olaf Meier, der die Telefonseelsorge seit 1996 hauptamtlich leitet. Ist die Zahl der Anrufe, die die Telefonseelsorge erreichen mit dem Beginn der Corona-Krise gestiegen?
Meier: Seit die NRW-Landesregierung am 13. März die corona-bedingte Schließung der Schulen bekanntgegeben hat, hat sich die Zahl der Anrufe, die uns erreichen um rund 20 Prozent erhöht. Davor hatten wir täglich 40 bis 50 Anrufe. Wenn Menschen fragen: „Muss ich etwas dafür bezahlen? Ist das wirklich anonym? Sind Sie auch zur Verschwiegenheit verpflichtet?“ merken wir, dass es sich um Erstanrufer handelt, die die Telefonseelsorge…

Harte Schule

Noch vor nicht allzu langer Zeit hetzte ich zur Haltestelle, um dort die abfahrbereite Straßenbahn zu erreichen. Ich drückte alle Knöpfe und klopfte gegen das Bahnfenster. Doch keine Tür tat sich mir auf. Ich wollte schon in Wut über die vermeintliche Ignoranz des Straßenbahnfahrers geraten. Doch dann sah ich beim Blick auf den Zielanzeiger der Tram, dass ich selbst ignoriert hatte, was dort stand: „Fahrschule“.

Als ich jetzt an einem der letzten Sonnentage auf dem Weg zur Haltestelle eine Straßenbahn ankommen sah, ließ ich es ruhiger angehen. Nur keine falsche Eile. Dicht an dicht in der Bahn stehen oder sitzen ist in Corona-Zeiten keine verlockende Aussicht. Ich nahm mir also die Zeit, schön langsam noch etwas durch die frische Luft zu gehen und den Sonnenschein zu genießen. Ich dachte: „Was soll’s? Zu Fuß erreiche ich mein Ziel vielleicht etwas später, aber dafür entspannter und angenehmer, Sicherheitsabstand inklusive.
So bringt einen die Fahr-Schule und der Fahrplan der Krise auf e…