Samstag, 26. Dezember 2020

Er geht nicht so ganz

Eigentlich sollte der 61-jährige Ulrich Schreyer bereits Ende März aus seinem Amt als Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur verabschiedet werden. Doch dann kam alles anders. Weil sich die ins Auge gefasste Nachfolgeregelung nicht bewährt hatte, musste Schreyer nach 25 Jahren im Amt seine eigene Nachfolge antreten. „Die Corona-Pandemie hat die Karten neu gemischt und uns allen gezeigt, dass wir als Menschen nicht alles in der Hand haben. Die letzten Monate wurden für mich eine harte und herausfordernde Zeit. Aber in solch einer Krise ist es gut, wenn Führungskräfte mit langer Erfahrung, die besonnen handeln können, an Bord bleiben“, sagt Ulrich Schreyer über seine berufliche Nachspielzeit. 1986 war er als Sozialsekretär beim Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr eingestiegen.

Gottesdienst in der Petrikirche

Doch am 27. Dezember ist es soweit. Dann wird er mit einem Gottesdienst, der um 11:15 Uhr in der Petrikirche beginnt, vom Superintendenten des Evangelischen Kirchenkreises An der Ruhr, Gerald Hillebrand, aus seinem Amt In den Ruhestand verabschiedet. Aufgrund der Corona-Pandemie kann der Präsenz-Gottesdienst nur im kleinen Kreis gefeiert werden. Aber wie die anderen Gottesdienste, so wird auch dieser Gottesdienst aus der Petrikirche via Live-Stream auf der Internetseite der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim (www.vek-muelheim.de) übertragen. „Ich schaue dankbar auf 35 Jahre Im Dienst der evangelischen Kirche und auf 25 Jahre als Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur zurück“, sagt der auch als kirchlicher Predikant aktive Schreyer. Und er fügt hinzu: „Ich habe in dieser Zeit sehr viele beeindruckende und im besten Sinne bemühte Menschen kennenlernen dürfen.“

Dem Hospiz bleibt er erhalten

Schreyer ist zuversichtlich, dass das Diakoniewerk Arbeit und Kultur und seine zurzeit 280 Mitarbeitenden auch die Folgen des Corona-Lockdowns überstehen wird. „Ich kann meine Arbeitsstelle mit ruhigem und gutem Gewissen verlassen und meine Aufgabe loslassen. Wir haben alle nur ein zeitlich begrenztes Mandat, um zu tun, was wir tun können und tun wollen. Mein Mandat ist abgelaufen. Jetzt müssen meine drei Nachfolger sehen, welche Herausforderungen anstehen und wie und mit welchem Stil sie damit umgehen können“, betont Schreyer. Auch im Ruhestand wird er als Co-Geschäftsführer mit Mülheim und dem seit 2012 vom Diakoniewerk und dem Evangelischen Krankenhaus betriebenen Hospiz an der Friedrichstraße verbunden bleiben.

„Ich hoffe, dass die unsere Gesellschaft aus der Corona-Krise solidarischer hervorgeht und die jetzt erkannten und offengelegten Schwachstellen, etwa im Pflegebereich, nicht mehr aus dem Auge verliert und entsprechend umsteuert. Aber wenn ich die aktuelle Diskussion um den Umgang mit den Folgen der Corona-Pandemie, bin ich leider nicht so optimistisch wie manche anderen, dass dieser positive Solidaritätsschub, den wir teilweise in der der aktuellen Krise erlebt haben, anhalten wird. Insgesamt sehe ich in der Krise aber auch auf allen gesellschaftlichen Ebenen viel gemeinsames Bemühen darum, unser Land, so gut wie möglich, aus dieser Krise herauszuführen“, resümiert Ulrich Schreyer. Und auch wenn der scheidende Geschäftsführer des Mitte der 1980er Jahre gegründeten Diakoniewerkes an der Georgstraße von einem persönlichen Vermächtnis nichts wissen will, „weil ich dafür zu evangelisch bin“, lässt sich der Kern seines persönlichen und beruflichen Wirkens an der Spitze des Diakoniewerkes doch sehr gut in dem Satz zusammenfassen, den er am 4. Mai 2018 in einem Interview mit der Mülheimer Presse gesagt hat: „Die Wirtschaft ist für den Menschen da ist und nicht umgekehrt. Unsere freie Gesellschaft wird langfristig scheitern, wenn sie Menschen weiter in Gewinner und Verlierer einteilt.“


Dieser Text erschien am 18. Dezember 2020 im Mülheimer Lokalkompass

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