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Montag, 18. April 2022

Prinzip Hoffnung

Gefühlt ist für viele Menschen Weihnachten das höchste Fest der Christenheit. Tatsächlich und theologisch hat aber Ostern die Nase vorn. Denn Ostern feiern die Christen die Auferstehung Jesu und damit ihre Hoffnung auf ein ewiges Leben mit der Vollendung ihrer Existenz in Gottes Herrlichkeit. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklären die beiden ersten Repräsentanten der christlichen Stadtkirchen, Stadtdechant Michael Janßen und Superintendent Gerald Hillebrand, was sie Ostern 2022 mit Blick auf ihre Kirche und auf unser Leben bewegt.

Was lässt Sie an Auferstehung und Ewiges Leben glauben?

Michael Janßen: Die Sehnsucht nach Ewigem Leben steckt in allen Menschen tief drin. Der Gedanke, dass es nach unserem Tod so sein könnte, als habe es uns nie gegeben, geht für mich gar nicht. Ich halte mich an das Jesus-Wort: ‚Ich bin der Weg, die Wahrheit  und  das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er gestorben ist.“ In den jahreszeitlichen Zyklen der Natur, aber auch in der Kunst und in der Musik erkenne ich irdische Anzeichen für den wahren Kern dieses christlichen Glaubens.

Gerald Hillebrand: Ich teile diesen Glauben gerne in der Gemeinschaft der Gläubigen, weil ich weiß, dass dieser Glauben über Generationen und schwerste Zeiten hinweg Menschen Halt und Hoffnung gegeben hat. Ich wüsste nichts Besseres, wenn es um Hoffnung geht.

Inzwischen gehören weniger als die Hälfte der Deutschen einer christlichen Kirche an. Wie können Glauben Kirche wieder auferstehen?

Michael Janßen: Die zuletzt hohen Austrittszahlen sind in der katholischen Kirche wesentlich den Missbrauchsfällen in ihren Reihen geschuldet. Wir erleben darüber hinaus in vielen Bereichen der Gesellschaft eine Tendenz zur Bindungslosigkeit. Das gilt auch für die Kirche. Aber im Gespräch mit jungen Menschen erlebe ich eine große Sehnsucht nach einem sinnerfüllten Leben, verbunden mit der Erkenntnis, dass die Frohe Botschaft Jesu viele Antworten auf unsere Lebensfragen gibt. „Wir müssen die Kirche“, wie es Johannes XXIII. gesagt hat: „immer wieder verheutigen.“

Gerald Hillebrand: Die Menschen wenden sich nicht von unserer Botschaft, sondern von der Institution Kirche ab. Es gibt eine starke, Institutionenkritik, die Kirche und Staat zu spüren bekommen. Wir brauchen für unsere gute Botschaft also eine zeitgemäße Form, damit Menschen heute Zugang zu ihr finden. Deshalb finde ich es auch gut, wenn man die Passionsgeschichte den Menschen heute nicht nur mit Gottesdiensten und Kreuzweggebeten, sondern auch mit einem Musical nahe bringt.

Muss die Kirche zum Event werden?

Gerald Hillebrand: Großveranstaltungen liegen im Trend und Viele finden es toll, ihren Glauben so zu leben, auch wenn das nicht die einzige Form ist. Wenn wir zu besonderen Pfingstfesten mit Gottesdiensten und anschließendem geselligen Beisammensein in die Freilichtbühne, in die MüGa oder in den Witthausbusch einladen, spricht das die Menschen an. Der werk- und sonntägliche Gottesdienst gehört leider für viele Menschen nicht mehr zu ihrem Leben, Sie suchen und finden aber den Weg in die Kirche, wenn sie ein persönliches Anliegen, wie etwa Taufe, Trauung oder Beerdigung haben, bei dem sie seelsorgerisch und liturgisch begleitet werden möchten.

Michael Janßen: Auch alte Formen, wie Wallfahrten erleben heute eine Renaissance. Denken Sie an die vielen Pilger auf dem Jakobsweg, die auf der Suche nach sich selbst und einem sinnvollen Leben sind. Ähnliche Phänomene erleben wir bei Weltjugendtagen, Kirchentagen oder in der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé. Aber sowas kann man nicht täglich machen, genauso, wie man auch nicht jeden Tag einen Festtagsbraten essen kann.

Not lehrt Beten. Was hat die Corona-Not die Kirchen gelehrt?

Michael Janßen: Wir haben in der Corona-Pandemie unsere ökumenische Telefonseelsorge ausgebaut, weil wir gesehen haben, wie wichtig diese individuelle Form der Seelsorge ist. Wir haben aber auch gute Erfahrungen mit der Wiederbelebung der urchristlichen Hauskreise und Hauskirchen erlebt, die wir als pastorale Gemeinde-Mitarbeitende mit liturgischen Texten unterstützen konnten.

Gerald Hillebrand: Wir haben gelernt, dass zusätzliche Kommunikationskanäle wichtig sind. Die Telefonseelsorge ist zum Beispiel auch per Mail oder Chat erreichbar und das wird vermehrt von Menschen unter 50 Jahren genutzt. Und natürlich haben wir unsere Präsenz im Internet ausgebaut. Denken Sie an unsere Livestream-Gottesdienste oder an Sonntagsgrüße, die Gemeinden per Video ins Netz stellen und per Mail an ihre Gemeindemitglieder versenden. Und wir haben angesichts der knappen Personaldecken im kirchlichen Hauptamt erkannt, dass wir mehr ehrenamtliche Mitarbeitende und interessierte Gemeindemitglieder zum seelsorgerischen Gespräch zu befähigen. Denn jede gute Begegnung und jedes gute Gespräch kann Seelsorge sein. 


Angesichts der Corona-Pandemie- und der Flüchtlingskrise betonen Stadtdechant Michael Janßen und Superintendent Gerald Hillebrand die wichtige Rolle professioneller und gut vernetzter Arbeit von Diakonie und Caritas, die Menschen hilft, neue Hoffnung zu schöpfen.


Meine Beiträge in NRZ & WAZ

Dienstag, 24. November 2015

Was hat uns Sankt Martin heute noch zu sagen? Drei Fragen an die Rektorin der Martin-von-Tours-Schule

Ulrike Kordel
Frage: Was bedeutet Ihr Namensgeber für den Schulalltag?

Antwort: Zum Schuljahr 1999/2000 haben wir den Namen unserer Schule geändert: von Katholische Grundschule Eduardstraße in Martin-von-Tours-Schule. Die Grundintention war, unsere Schule bereits am Namen als katholische Grundschule zu erkennen. Der gewählte Name sollte den Kindern die Möglichkeit zur Identifikation geben. Beides war mit der Wahl des Namens Martin-von-Tours gegeben. Dazu kam, dass die französische Stadt Tours eine Partnerstadt Mülheims ist. Der „Hl. St. Martin“ ist allen Kindern bekannt, auch den nicht katholischen. Wir bemühen uns, das Martinsfest mit dem religiösen Inhalt zu füllen, damit es kein reines Laternenfest bleibt. Die Legende des Martin-von-Tours ist für die Kinder sehr verständlich – unabhängig von der Konfession. Wir sind eine multikulturelle Schule mit vielen Familien (vor allem afrikanischen), die einen christlichen Glauben haben und ihn auch leben.

Frage: Können Kinder leichter teilen als Erwachsene?

Antwort: Kinder teilen nach unseren Erfahrungen gerne und vorurteilsfrei. Ich kann aber aus unserer Schulgemeinde sagen, dass auch die Erwachsenen bereit sind, zu teilen, sie hinterfragen natürlich mehr.

Frage: Greifen Sie das Thema Teilen auch mit Blick auf den aktuellen Flüchtlingszustrom auf?

Antwort: Ja, das ist natürlich ein zentrales Thema und für die Kinder von besonderem Interesse, auch wenn wir an unserer Schule noch keine Flüchtlingskinder haben. Die Kinder verfolgen Berichte und Diskussionen in den Medien, besonders in den 3. und 4. Klassen und setzen sich damit auseinander. Unsere Schule fühlt sich als Konfessionsschule und mit dem Namen dem Teilen verpflichtet. Jedes Jahr findet mindestens eine Aktion statt, die mit Anderen teilt – oft im Rahmen des Martinsfestes.

Dieser Text erschien am 10. November 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 28. September 2014

"Wir müssen wegkommen vom Sitzungskatholizismus": Ein Rückblick und Ausblick mit dem scheidenden Vorsitzenden des Mülheimer Katholikenrates

An der Spitze des Katholikenrates, der als Laiengremium die 51.751 Mülheimer Katholiken veritt, vollzog sich am 24. September ein Stabwechsel. Der Vorsitzende Wolfgang Feldmann gibt sein Ehrenamt nach zwölf Jahren ab. Im Gespräch, das ich mit ihm für die NRZ führte, zieht er Bilanz und blickt nach vorn.

Frage: Warum geben Sie Ihr Amt auf?

Antwort: Feldmann : Ich finde es besser aus freien Stücken und zu einem Zeitpunkt zu gehen, an dem die Meisten sagen: „Schade, dass er schon geht.“ Man sollte kein Amt zu lange inne haben und es damit überstrapazieren. Denn neue Leute bringen wieder neue Ideen und Impulse mit. Das gilt für die Kirche ebenso wie für die Politik oder die Wirtschaft.

Frage: Gibt es denn schon einen potenziellen Nachfolger?

Antwort: Den gibt es, auch wenn ich mich gefreut hätte, eine Nachfolgerin zu bekommen. Über Namen spreche ich nicht, aber die Mitglieder der Vollversammlung des Katholikenrates werden nicht auf ihre Schnürsenkel schauen und sagen müssen: Hoffentlich fragt mich keiner.

Frage: Was war das einschneidendste Erlebnis Ihrer Amtszeit?

Antwort: Das war sicher die Gemeindeumstrukturierung des Jahres 2006, als drei Mülheimer Großpfarreien entstanden und die mittlere Ebene der Stadtkirche wegbrach.

Frage: Sind damals Fehler gemacht worden?

Antwort: Dass wir damals das katholische Jugendamt und die hauptamtliche Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eingespart haben, halte ich auch heute noch für einen Fehler. Hier ist die evangelische Kirche erheblich professioneller aufgestellt.

Frage: Was verbuchen Sie auf Ihrer Haben-Seite?

Antwort: Ich bin stolz darauf, dass ich mit dazu beitragen konnte, dass wir in Mülheim keine Kirche abgerissen haben. Die beiden Kirchen, die aufgegeben wurden, haben als Caritas-Zentrum St. Raphael und als Urnenkirche Heilig Kreuz eine sinnvolle Nachfolgenutzung gefunden. Außerdem freue ich mich, dass wir als Katholikenrat mit dazu beitragen konnten, dass wir seit 2004 eine katholische Ladenkirche haben. Menschen, die in keine Kirche und in kein Pfarrbüro kommen würden, finden dort einen niederschwelligen Zugang und immer jemanden finden, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können. Da wird auch ehrenamtlich gute Seelsorge geleistet. Als wertvolle Initiative des Katholikenrates sehe ich es auch, dass wir mit dem Barbaramahl in der Stadthalle 2012 mehr als 13?000 Euro für die örtliche Hospizarbeit sammeln konnten. Außerdem haben wir mit unserem Neujahrs- und Arbeitnehmerempfang wichtige Foren geschaffen, in denen katholische Kirche öffentlich zu aktuellen Themen Stellung nehmen und mit den Akteuren der Stadtgesellschaft ins Gespräch kommen kann. Das gilt auch für unser Engagement im interreligiösen Dialog, das mit dafür gesorgt hat, dass wir in Mülheim zwischen den Religionen Frieden haben.

Frage: Wie sehen Sie die Zukunft der Stadtkirche?

Antwort: Ich glaube, dass wir in zehn bis 15 Jahren nur noch eine Pfarrgemeinde in Mülheim haben werden und das wird St. Mariae Geburt sein. Verwaltungstechnisch ist das machbar. Aber die Seelsorge muss weiterhin vor Ort geleistet werden. Dabei werden engagierte Gemeindemitglieder, wie in Lateinamerika, eine größere Rolle spielen müssen.

Frage: Wird es diese engagierten Laien dann auch noch geben?

Antwort: Da bin ich zuversichtlich, wenn ich sehe, wie viele junge und gut ausgebildete Menschen sich engagieren, obwohl wir als Kirche ein Wellental durchschreiten, weil wir durch Skandale an Glaubwürdigkeit verloren haben. Aber Menschen suchen in ihrem Leben Sinn und Orientierung und wir haben eine frohe Botschaft, die wir aber glaubhaft und mutig vertreten müssen. Wir müssen vom Sitzungskatholizismus zur praktizierten Nächstenliebe kommen. Wir sollten im Alltag einfach mehr füreinander da sein und aufeinander aufpassen.

Frage: Wie sehen Sie die Kirchenaustritte?

Antwort: Ich glaube, dass viele Menschen, die aus der Kirche austreten, schlagzeilenträchtige Skandale nur als Vorwand nutzen, um Geld zu sparen. Sie vergessen dabei, dass Kirche auch mit Hilfe von Kirchensteuern, etwa bei der Caritas, in Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern, wichtige Arbeit leistet. Sicher haben Einzelne in der Kirche auf schlimme Weise versagt. Trotzdem wehre ich mich immer vehement gegen eine pauschale Verurteilung der Kirche.

Wolfgang Feldmann (63) arbeitete bis zu seiner Pensionierung für ein großes Pharmaunternehmen. 1977 wurde er erstmals in den Pfarrgemeinderat von St. Barbara gewählt, dessen Vorsitz er 1981 übernahm. Nach seiner Wahl zum Vorsitzenden des Katholikenrates gab er 2004 den Pfarrgemeinderatsvorsitz ab und engagierte sich für einige Jahre im Diözesanrat und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. 2005/06 gehörte er auch zu den Mitgliedern der Kommission, die den damaligen Ruhrbischof Felix Genn bei der Neustrukturierung der katholischen Gemeinden beriet. Der verheiratete Familienvater glaubt, dass die katholische Kirche mehr Priester gewinnen könnte, wenn sie auf den Pflichtzölibat verzichten würde. Ein freiwilliger Zölibat kann aus seiner Sicht aber auch den Vorteil haben, dass Priester mehr Zeit für ihre Gemeinde haben.

2006 gab es in Mülheim noch rund 60?000 Katholiken. Heute sind es etwas mehr als 51?000. 2013 traten 413 Mülheimer Katholiken aus der Kirche aus. Im laufenden Jahr waren es bisher 369. Im Jahr 2013 standen 299 katholischen Taufen und 23 Wiederaufnahmen in die Kirche 512 Bestattungen gegenüber.


Dieser Text erschien am 17. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...