Donnerstag, 30. Juli 2020

Auf den Spuren der NS-Zeit

Warum schreibt eine junge Mülheimerin ein Buch über die Mülheimer Stadtverwaltung im Nationalsozialismus und warum lohnt sich dessen Lektüre? Ein Gespräch mit der Autorin und Verwaltungsmitarbeiterin Kyra Sontacki.

 

Wie kamen Sie zum Thema Ihres jetzt im Tectum-Verlag erschienen und für 26 Euro im Handel erhältlichen Buches?

Sontacki: Während meines Studiums habe ich im Rahmen Im Rahmen des Projekts „Spurensuche – die Stadtverwaltung Düsseldorf im Nationalsozialismus“ Personalakten aus der Zeit des Nationalsozialismus ausgewertet. Das hat mich für das Thema Stadtverwaltung im Nationalsozialismus sensibilisiert und interessiert. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, meine Bachelorarbeit über die Stadtverwaltung im Mülheim des Nationalsozialismus zu schreibenDer betreuende Professor Dr. Stefan Piasecki ermutigte mich anschließend, die Arbeit zu veröffentlichen und knüpfte Kontakte zum Verlag.


Auf welche Quellen konnten Sie zurückgreifen?

Sontacki: Mit Hilfe der Mitarbeiter des Stadtarchivs an der Von-Graefe-Straße konnte ich Personal,- Entnazifizierungs,- und Amtsakten auswerten. Außerdem habe ich ein Zeitzeugeninterview mit dem ehemaligen Haupt- und Personalamtsleiter Kurt Wickrath geführt, der 1940 in den städtischen Verwaltungsdienst eingetreten ist.


Zu welchen Erkenntnissen haben Ihre Recherchen geführt?

Sontacki: Ich habe unter anderem feststellen können, dass die Nationalsozialisten gezielt Parteigenossen in Amt und Würden gebracht haben, auch wenn diese keinerlei Verwaltungserfahrungen mitbrachten und ihre Arbeit deshalb nur unzureichend ausführen konnten. So wurde der Reichsbahninspektor Wilhelm Maerz 1933 Oberbürgermeister und der erwerbslose Alfred Freter nach einer Kurzausbildung zum Brandingenieur 1934 Chef der Mülheimer Feuerwehr, Beide waren bereits vor 1933 in die NSDAP eingetreten. 

Welche Folgen hatte diese parteipolitische Ämterbesetzung?

Sontacki: Der mit der Haushaltssanierung überforderte Oberbürgermeister Maerz musste 1936 sein Amt als Oberbürgermeister an den ausgewiesenen Verwaltungsfachmann Edwin Hasenjaeger abgeben, der sich bereits in Stolp und Rheydt als Oberbürgermeister bewährt hatte. Er sanierte die Finanzen der Stadt, wurde aber 1937 gezwungen Mitglied der NSDAP zu werdenFreters Mangel an Qualifikation zeigte sich laut Aussagen seiner Mitarbeiter beispielsweise an oft unsinnigen Befehlen während der Löscheinsätze.

 

Wie erging es Gegnern des NS-Regimes?

Sontacki: Sie wurden in der Regel aus dem Dienst entfernt. So wurden dem Oberbürgermeister Alfred Schmidt und Stadtbaurat Artur Brocke 1933 finanzielle Unregelmäßigkeiten angedichtet. Der Amtmann Peter Dreis wurde gegen Kriegsende inhaftiert, misshandelt und starb in der Haft, nachdem er alliierte Rundfunksender gehört hatte. Die jüdische Lehrerin Elfriede Löwenthal  wurde 1933 als Volksschullehrerin an der Mellinghofer Straße entlassen. Sie durfte nur noch an jüdischen Schulen unterrichten, ehe sie 1942 zunächst nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Der Kreisleiter der NSDAP Karl Camphausen und Oberbürgermeister Wilhelm Maerz erstellten nach 1933 schwarze Listen von Verwaltungsmitarbeitern, die aus dem öffentlichen Dienst entlassen werden sollten, weil sie zum Beispiel Juden oder Zeugen Jehovas waren oder weil sie vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der SPD oder der KPD angehört hatten.


Was wurde aus den nationalsozialistischen Verwaltungsspitzen?

Sontacki: Der 1936 entlassene Oberbürgermeister Wilhelm Maerz kehrte 1937 in den Dienst der Reichsbahn zurück und starb 1945 in Dresden. Der ehemalige Feuerwehrchef Alfred Freter, der während der Reichspogromnacht im November 1938 die Synagoge am damaligen Viktoriaplatz hatte niederbrennen lassen, kam nach Kriegsende in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde aus seinem Beamtenverhältnis entlassen. Er arbeitete später bei einer privaten Werksfeuerwehr und stritt sich mit der Stadt vor Gericht um  finanzielle Ansprüche. Die Prozesse zogen sich bis 1963 hin. Freter musste schließlich sämtliche Prozesskosten tragen und durfte keine Ansprüche mehr gegenüber der Stadt geltend machen, dafür wurde jedoch von der weiteren Strafverfolgung des Synagogenbrands abgesehen. Oberbürgermeister Hasenjäger  wurde 1945 von den Alliierten entlassen und nach seiner Entnazifizierung wieder eingesetzt, ehe er 1946 unter dem politischen Druck von KPD und SPD zurücktreten und in den Ruhestand gehen musste.

Was können wir aus Ihrem Buch lernen?

Sontacki: Dass wir als Bürgerinnen und Bürger wachsam sein sollten gegenüber kleinen und schleichenden Änderungen in unserem Handeln und der Gesellschaft an sich. Wertschätzung und der Kontakt auf Augenhöhe sind im Umgang miteinander enorm wichtig und es gilt zu verhindern, dass Menschen und Gruppen in unserer Stadtgesellschaft durch eine strukturelle Benachteiligung sozial ausgeschlossen und abgehängt werden. 

 

Zur Person:

Die 26-jährige Mülheimerin Kyra Sontacki hat nach ihrem Abitur an der Luisenschule (2013) bei der Stadtverwaltung Düsseldorf eine Ausbildung für den Mittleren Dienst abgeschlossen. Nach ihrem Wechsel zur Mülheimer Stadtverwaltung, studierte sie ab 2016 an der Fachhochschule für Polizei und Verwaltung des Landes Nordrhein-Westfalen. Ihr rechts,- wirtschafts- und verwaltungswissenschaftliches  Studium schloss sie 2019 mit einem Bachelor of Laws ab. Ihre Bachelorarbeit wurde mit 1,0 bewertet. Heute arbeitet sie im Sozialamt der Stadt Mülheim im Fachbereich für besondere Wohnformen.




Dieser Text erschien am 25. Juli 2020 in NRZ/WAZ

Samstag, 25. Juli 2020

Vergessen wir die Freude nicht

Es gibt Menschen, die uns gerade in diesen schwierigen Zeiten Mut machen. Einer von ihnen ist Mülheims Ex-Karnevalsprinz Dennis Weiler. Obwohl er als selbstständiger Veranstaltungsmanager in der Corona-Krise auch nichts zu lachen hat, sagte er mir gestern in einem Telefongespräch: „Ich heule nicht herum. Ich kämpfe lieber. Und meine Berufung auf dieser Erde ist es, Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.“ Das macht er nicht nur mit seiner Online-Schlagerparty, die am kommenden Samstag, 4. April ab 21 Uhr, unter: www.livestreamschlagerparty.de auf dem Video-Kanal Youtube in ihre zweite Runde geht. 7400 Zuschauer feierten bei der Premiere mit. Immerhin 620 Fans der Frohen Botschaft schaltete sich beim Online -Gottesdienst, den der fröhliche Power-Protestant mit närrischer Vergangenheit für die katholische Gemeinde St. Engelbert realisierte. So macht Ökumene Spaß und findet zurecht Anklang. „Da sind wir dabei. Das ist prima“, nicht nur zur Fünften Jahreszeit. Fortsetzung folgt am kommenden Samstag bei der Schlagerparty auf Youtube und am Ostermontag beim Online-Gottesdienst von St. Engelbert. Wiedersehen macht dann auch Freude auf der Pfarreiseite www.pfarreisanktbarbara.de. Ob Schlagerparty oder Gottesdienst. Dennis Weiler zeigt uns mit seinem ehrenamtlichen Einsatz für die menschliche Tonart, dass der lebensfrohe Schlager und das Loblied auf die Frohe Botschaft gemeinsam das Leben feiern und so zwei Seiten derselben Medaille sind, die uns daran erinnern, gerade in traurigen Zeiten die Freude nicht zu vergessen. 

Dieser Text erschien am 2. April 2020 in der NRZ

Freitag, 24. Juli 2020

Die richtige Tonart

Mutter ist seit kurzem ein Fan der italienischen Polizei. Was sie begeisterte, war ein Fernsehbericht über drei musikalische Carabinieri, die bei Ihren Streifenfahrten ihren in ihren Wohnungen eingeschlossenen Landsleuten regelmäßig ein Ständchen bringen. Normalerweise muss die Polizei von Amts wegen ihren Mitbürgern den Marsch blasen, etwa, wenn sie in diesen Corona-Zeiten den notwendigen Sicherheitsabstand nicht einhalten. Aber nicht nur im Land des Belcanto hat man erkannt, dass mit Musik alles leichter ist, auch das Ertragen der Corona-Krise. So hat man sich im Pflegeheim Franziskushaus zuletzt einen Schlagersänger eingeladen. Der machte den Garten des Altenheims am Leinpfad zur Bühne und die rückwärtigen Fenster des Franziskushauses zur Konzertgalerie. Auf der lustwandelten die dort im erzwungenen Hausarrest lebenden Senioren durch die schönsten Zeiten ihres Lebens, in dem sie noch einmal die rote Sonne bei Capri versinken sahen oder die roten Lippen vor Augen hatten, die man küssen soll. Die unvergessene Joy Flemming hatte schon recht, als sie beim Europäischen Schlagerfestival vor 45 Jahren sang: „Ein Lied kann eine Brücke sein. Und jeder Ton ist wie ein Stein. Er macht dich stark und fest. Du kannst darüber gehen und andere verstehen. Ein Lied kann eine Brücke sein. Hab‘ etwas Mut und stimm‘ mit ein. Und ist dein Herz bereit: Komm her aus der Einsamkeit.“ Ihr Lied ist in unseren Zeiten, in den wir uns nichts weniger leisten können, als Trübsal zu blasen, aktueller denn je. Schön, wenn es immer wieder die richtigen Taktgeber gibt, die uns daran erinnern, dass wir in Zeiten, in denen uns das Wasser bis zum Hals steht, den Kopf nicht sinken lassen dürfen.

Dieser Text erschien am 4. April 2020 in der NRZ

Dienstag, 21. Juli 2020

Tierische Lebensretter


Hausnotruf und Rettungsdienst. Damit verbinden viele Mülheimer das Deutsche Rote Kreuz. Doch das der Kreisverband seit 2014 auch eine Rettungshundestaffel in seinen Reihen hat, wissen nur wenige. „Wir haben mit einem Rettungshund und einem Hundeführer begonnen. Inzwischen haben wir sieben Teams im Einsatz und neun weitere Teams in der Ausbildung. Damit gehören wir schon zu den größeren Rettungshundestaffeln im DRK-Landesverband Nordrhein“, schildert Staffelleiter Danny Prinz die Entwicklung.

Wie seine Kolleginnen und Kollegen investiert der 30-jährige Mitarbeiter einer Werksfeuerwehr, der auch schon in der Flüchtlingsbetreuung des Deutschen Roten Kreuzes aktiv war, mehrere 100 Stunden in sein Ehrenamt. „Wir fühlen uns beim Deutschen Roten Kreuz wie in einer großen Familie gut aufgehoben. Wir arbeiten gerne mit Tieren. Wir wollen aber auch Menschen helfen und eine hoch sinnvolle Arbeit leisten, die Menschenleben rettet“, beschreibt Prinz die Motivation, die das Team der Rettungshundestaffel antreibt und verbindet.

Doch nicht immer können die Zwei- und Vierbeiner, die in ihrer Ausbildung dafür trainiert werden, vermisste Menschen zu finden und zu bergen, Menschenleben retten. „Anfang Februar hatten wir einen sechseinhalbstündigen Einsatz in Viersen, an dessen Ende die vermisste alte und demenziell veränderte Frau leider nur noch tot aufgefunden werden konnte“, erinnert sich Danny Prinz.

Doch etliche der insgesamt rund 20 Sucheinsätze, an denen die Rettungshundestaffel des Mülheimer Kreisverbandes beteiligt war, endeten mit einem Happyend, indem vermisste und verirrte Kinder und Senioren lebend gefunden und so in ihr privates Umfeld zurückgeführt werden konnten. Dabei ist der Einsatz der Rettungshundestaffel auch im übertragenen Sinne des Wortes Teamarbeit. Denn im Notfall alarmiert die dafür zuständige Einsatzleitstelle des Landesverbandes Nordrhein in Düsseldorf, via SMS-Mitteilung, nicht nur eine, sondern alle neun Rettungshundestaffeln in ihrem Verantwortungsbereich, der von Düsseldorf bis zur niederländischen Grenze reicht. 

Dieser Generalalarm macht bei großen Einsatzlagen Sinn, weil nicht alle Mitglieder der Rettungshundestaffeln immer die Zeit haben, um sich an einer akuten Suchaktion zu beteiligen. „In Viersen waren insgesamt 113 Rot-Kreuz-Kräfte und acht der neun Rettungshundestaffeln aus Nordrhein im Einsatz“, berichtet Prinz. Dann ist zunächst der Staffelleiter gefordert, der im Falle von Danny Prinz als Abschnittsleiter im Landesverband Nordrhein nicht nur für die Mülheimer Rettungshundestaffel, sondern auch für deren Schwesterstaffeln in Essen, Viersen, Krefeld und beim Deutschen Roten Kreuz Niederrhein zuständig ist. „Mich begeistert die Aufgabe, Einsätze zu planen und zu organisieren und dabei auf ganz unterschiedliche Menschen eingehen und gleichzeitig immer auch das große Ganze im Blick zu behalten“, beschreibt Prinz seine anspruchs- und verantwortungsvolle Arbeit an der Schnittstelle zwischen der anfordernden Polizei und den beteiligten Rettungshundestaffeln des Deutschen Roten Kreuzes. Unterstützt und begleitet wird er dabei vom Kreisbereitschaftsleiter Martin Meier, der im Einsatz vor allem dann gefragt ist, wenn vom Kreisverband, Einsatzkräfte, technisches Material und Verpflegung für die am Einsatz Beteiligten angefordert werden müssen.

Das Fachwissen, das Prinz und seine Mitstreiter für ihren ehrenamtlichen Einsatz im Dienst des Deutschen Roten Kreuzes brauchen, haben sie sich in mehreren 100 Unterrichtsstunden vor allem bei Wochenendlehrgängen des DRK-Landesverbandes angeeignet. „Das funktioniert nur, wenn der Arbeitgeber das ehrenamtliche Engagement mitträgt und mich oder meine Kolleginnen und Kollegen für Ausbildungs- und Einsatzzeiten freistellt“, weiß Danny Prinz.

Allein die Ausbildung der Rettungshundeführer dauert, je nach Voraussetzung und Lernfortschritt zwischen eineinhalb und drei Jahren. „Bei der Ausbildung nutzt man den Fress- und Spieltrieb der Hunde, um ihnen beizubringen, dass sie bellen müssen, um ihren Hundeführer auf die im Gelände aufgefundene Person aufmerksam zu machen oder den Hundeführer, etwa durch das Anstupsen mit der Schnauze, zur gefundenen Person zu führen“, erklärt Staffelleiter Prinz.

Und nach der Ausbildung kommt, immer wieder sonntags und jeweils am  ersten Dienstag des Monats das mehrstündige Training im Gelände. Denn nur so kann das Erlernte für den Ernstfall präsent bleiben. Genau im Blick haben müssen die Hundeführer der Rettungsstaffel natürlich auch die Gesundheit ihrer vierbeinigen Kollegen. „Auch Hunde können alters- und krankheitsbedingt, etwa durch Rückenschäden oder Gelenkverschleiß dienstunfähig werden“, weiß Danny Prinz.
Zur professionellen Aufstellung der Rettungshundestaffel gehört nicht nur eine eigene Hundeausbilderin in Person von Veronique Müller, sondern auch die Tatsache, dass der Kreisverband auch GPS-Geräte, Scheinwerfer zum Ausleuchten des Geländes und ein Einsatzfahrzeug angeschafft hat, mit dem jeweils acht Zwei- und Vierbeiner gemeinsam auf Dienstreise gehen können, um im besten Fall Menschenleben zu retten.


Sonntag, 19. Juli 2020

Verbündete gesucht

Der Polizei-Mord an dem 46-jährigen Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis hat auch hierzulande die Diskussion darüber befördert, wie rassistisch unsere Gesellschaft ist und was man gegen Rassismus tun kann und muss. Dass in Mülheim Menschen aus 140 Nationen zusammenleben, unterstreicht die lokale Relevanz und die strategische Bedeutung des Themas, zu dem die im Senegal geborene Mülheimerin Gilberte Raymonde Driesen uns viel zu sagen hat.

Wie und wo erleben Sie im Alltag Rassismus?
Gilberte Raymonde Driesen: Überall. Zum Beispiel, wenn mir jemand sagt: ‚Sie sprechen aber gut Deutsch, dafür, dass Sie eine Schwarze sind‘ oder darüber staunt, dass ich als schwarze Frau eine akademische Ausbildung absolviert habe. Nicht nur ich erlebe Rassismus, wenn ich als Schwarze bei Bewerbungen, trotz gleicher Qualifikation, schneller aussortiert werde als weiße Bewerber. Ich erlebe Rassismus, wenn meine Kinder in der Schule als Neger bezeichnet werden und Lehrer das als harmlose Kinderspielerei abtun, wenn mich der Fahrkartenkontrolleur in der Straßenbahn als erstes anspricht und die Kellnerin im Bordrestaurant der Deutschen Bahn, alle fragt, was sie essen oder trinken möchten und mich nicht. Rassismus erlebte ich auch, als neue Nachbarn nur mit Herrn Driesen sprechen wollten, weil sie mich in meinem eigenen Haus für die Putzfrau hielten.

Kennen Sie durch Ihre Beratungsarbeit für Zuwandererfamilien auch einen amtlichen Rassismus, zum Beispiel bei der Polizei oder in Schulen?
Ja. Auch das gibt es: Ich denke an einen schwarzen Schüler, der von einem Lehrer zu hören bekam: „Für dich ist eine Drei gut genug, weil du Ausländer bist!“ oder: „Du kannst ja beim Kistenschleppen helfen. Das können Neger gut, weil sie kräftig sind!“ Auch eine schwarze Mutter und ihr Sohn suchten meinen Rat, nachdem sie auf einer Polizeiwache vergeblich versucht hatten, einen Diebstahl anzuzeigen. Statt angehört zu werden und Hilfe zu bekommen, wurden Sie von den Beamten handgreiflich hinauskomplimentiert.

Das hört sich schlimm an.
Ja. Aber man darf angesichts dieser Negativbeispiele auch nicht die vielen sensiblen und engagierten Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, Erzieherinnen, Sozialpädagogen und Nachbarn vergessen, die unter anderem meinen Rat suchen, weil sie den alltäglichen Rassismus den sie mit ansehen und mit anhören müssen, nicht einfach tatenlos hinnehmen, sondern etwas dagegen unternehmen wollen.

Was kann man gegen Alltagsrassismus unternehmen?
Die Betroffenen müssen sich Verbündete unter den Bio-Deutschen suchen, die bereit und in der Lage sind, sie zu unterstützen und Partei für sie zu ergreifen. Wir brauchen auf allen Ebenen eine intensive Bildungsarbeit, die nicht nur Rassismus aufdeckt und seine Ursachen beleuchtet, sondern eine antirassistische Haltung und die Menschenrechte fördert. Diese Bildungsarbeit muss den eurozentristischen Blickwinkel durch eine globale Multiperspektivität ersetzen. Nur so kann sich die faktische Vielfalt der Weltgesellschaft auch in den Schulbüchern, Klassenzimmern, Hörsälen, Behörden, Parlamenten und Ministerien, kurzgesagt in unserer sozialen Wirklichkeit widerspiegeln.

Warum haben wir mit Rassismus zu kämpfen?
Die Sklaverei und das koloniale Erbe der Imperialistischen Epoche, das von einer Überlegenheit der weißen Europäer ausgeht, steckt immer noch in den Köpfen. In Deutschland kommt das rassistische Erbe des Nationalsozialismus hinzu. Und natürlich geht es beim Rassismus auch um eine Mehrheit, die ihre Privilegien nicht mit einer Minderheit teilen möchte. Auch wenn Medien hier nur sehr einseitig über Afrika, Lateinamerika und Asien berichten, wenn es um Exotik oder um Armut, Krankheit, Gewalt und Krieg geht, aber nur selten einen Blick für die kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leistungen in diesen Regionen der Erde und für deren strukturelle wirtschaftliche Benachteiligung haben, begünstigt das Rassismus.

 Zur Person:
Gilberte Raymonde Driesen wurde 1973 in der Hauptstadt des Senegals, Dakar, geboren und lebt seit 2007 in Mülheim. Die Pädagogin und zweifache Mutter kandidiert am 13. September 2020 bei der Wahl zum Mülheimer Integrationsrat auf der Grün-Bunten Liste. Als Stipendiatin hat sie in Dakar und Graz Germanistik und Romanistik auf Lehramt studiert und anschließend sieben Jahre als Gymnasiallehrerin im Senegal unterrichtet. Als Pädagogin arbeitet sie heute mit den Themenschwerpunkten Vielfalt des Engagements ,Migration und Flucht für das Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) und nebenberuflich ist sie als entwicklungspolitische Trainerin bei Engagement Global (für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit) tätig und begleitet internationale Schulpartnerschaften .Seit 2015 führt sie als Gründungsvorsitzende den deutsch-senegalesischen Bildungsverein Axatin e.V.

Samstag, 18. Juli 2020

Therapeutischer Imbiss

„Warum liefern Sie eigentlich nicht ins Haus?“ fragt ein alteingesessener Mülheimer den alteingesessenen Imbissstubenbetreiber seines Vertrauens, während der ihm Hähnchen und Pommes für den Heimweg einpackt. „Weil ich an Ihre Gesundheit denke“, lautet die den Stammkunden verblüffende Antwort des Imbiss-Gastronomen. Der erkennt die Irritation seines Stammkunden und lässt ihn darum wissen: „Wenn Sie einen Spaziergang durch die frische Luft machen müssen, ehe Sie ihr Mittags- oder Abendmenü genießen können, sorgen Bewegung und Sauerstoff dafür, dass Ihnen das Essen besser schmeckt, besser bekommt und besser verdaut werden kann.“ Und weil der Imbissstubenbesitzer einmal in Fahrt ist und gute Laune hat, gibt er seinem Stammkunden einen Apfel als gesunden Nachtisch mit auf den Heimweg. Der unverhofft mit Vitaminen und Ernährungstipps konfrontierte Imbiss-Kunde bedankt sich staunend und lässt den Gastronomen wissen: „An Ihnen ist ein guter Hausarzt verloren gegangen.“

Dieser Text erschien am 16. Juli 2020 in der NRZ

Samstag, 4. Juli 2020

Mölmsche Herberge

Bisher kannte ich nur Designer-Uhren und Mode-Designer. Doch jetzt erweiterte unsere Zeitung meinen Horizont, indem sie über ein geplantes Designerhotel an der unteren Schloßstraße berichtete. Das soll sich, wie man lesen konnte, an das Ortsbild anpassen. So mancher Mülheimer fragt sich angesichts von Leerständen und marodem Straßenpflaster, ob das eine Verheißung oder eine Drohung ist.

Das neue im alten Hotel erinnert uns daran, dass das schönste Hotel nur dann zur gastlichen Herberge werden kann, wenn das Umfeld und der Ausblick aus dem Fenster stimmen. Bevor die ersten Gäste im neuen Designerhotel an der Schloßstraße einchecken, muss sich erstmal das Design der Innenstadt ändern, damit die Gäste nicht nur ins Hotel kommen, sondern gerne auch auf die Straße gehen, um dort den ein oder anderen Euro in den Mülheimer Wirtschaftskreislauf einzuspeisen. Denn nur eine einladende Innenstadt bringt auch zahlende Gäste und Besucher auf den Geschmack und damit in die Hotels, Gaststätten und Geschäfte. Wenn Geschäftsleute, Gastronomen und Hoteliers den Kaffee aufhaben, weil ihr Umfeld potenziellen Gästen auf den Magen schlägt und ihnen den Appetit auf mehr Mülheim verdirbt, ist am Ende für alle Bürger der Stadt der Ofen aus. Deshalb nützt das schönste Designhotel im Herzen der Stadt nichts, wen nicht auch das gesamte Design der Stadt mit einem gesunden Branchen- Miet- und Mobilitätsmix mehr hoffnungsvolle Blicke ins Grüne als bedenkenschwere Anlässe zum Schwarzsehen bietet. Nur dann kann Mülheim zur gastliche Herberge werden, in der alle Platz finden, die mit gutem Willen und nach bestem Wissen und Gewissen der Stadt bestes suchen und sie mit ihren vielen Gaben gerne bereichern, weil sie sich hier zu Hause und angenommen fühlen. Bleibt zu hoffen, dass wir Bürger, Wähler und Steuerzahler spätestens nach der Kommunalwahl im September eine gute Herbergsmutter oder einen guten Herbergsvater bekommen, damit die Stadt am Fluss ein Ort ist, bleibt oder wieder wird, an dem man gut und gerne lebt, weil ihr Design und ihr Zuschnitt für niemanden die Decke zu kurz und die Aussichten zu ungemütlich werden lässt.

Dieser Text erschien am 1. Juli 2020 in der NRZ

Mülheim zu Kaisers Zeiten

  Mit der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Schloss von Versailles wurde vor 150 Jahren der erste deutsche Nationalsta...