Posts mit dem Label Fußball werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fußball werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 1. Oktober 2018

Wunder gibt es immer wieder

Am Samstag begegneten mir ganze Heerscharen in Blau und Weiß auf meinem Weg durch den Hauptbahnhof. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sie sich als Fans von Schalke 04, die auf dem Weg zum Bundesliga Spiel gegen Mainz 05 waren. Sie machten einen erstaunlich fröhlichen Eindruck, was bei einigen vielleicht an dem Bier, das sie sich zur Mittagszeit als Wegzehrung ins Fußballstadion gönnten, frei nach dem Motto: Was ich nicht esse, kann ich auch trinken.
Doch auch die nüchternen Fans machten auf mich einen erstaunlich hoffnungsfrohen Eindruck, obwohl ihr Club, frei nach Carmen Thomas' legendärem ZDF-Sport-Studio-Versprecher "Schalke 05" in der laufenden Saison bereits fünfmal verloren und null-mal gewonnen hatten.

Doch als Ruhrgebietsmensch ist man ja an Leid gewohnt und daran, dass man Humor und Hoffnung auch in düsteren Momenten nicht aufgibt. Und siehe da: Die Hoffnung hatte diesmal nicht getrogen, wie Schalkes 1:0-Sieg über Mainz 05 zeigte. Man sieht: Gerade, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, darf man den Kopf nicht hängen lassen und muss dem Prinzip Hoffnung vertrauen, auch wenn man, nicht nur auf dem Fußballplatz, vor dem einen oder anderen Wunder so manches blaue Wunder erleben und überleben muss.

Dieser Text erschien am 1. Oktober 2018 in der NRZ

Sonntag, 8. Juli 2018

Fans diskutieren über Feindesliebe

Ein Blick in die Schalker Fankneipe Bosch am Ernst-Kuzorra-
Platz in Gelsenkirchen

Die katholische Kirche kann noch Wunder bewirken. Nach dem deutschen WM-Aus und vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison diskutierten Fußballfans der rivalisierenden Revierclubs Borussia Dortmund und Schalke 04 ganz friedlich im Schalker Vereinslokal "Bosch" über das Thema Feindesliebe. Eingeladen zu der Diskussion mit dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer hatte die Katholische Akademie des Bistums Essen "Die Wolfsburg".

Stadion und Fußball seien ein Spiegelbild der Gesellschaft, sagte Pfeffer in der Diskussion mit christlichen Fußballfans. "Wir brauchen Rivalität, weil ein Leben ohne Rivalität langweilig wäre und keine Fortschritte hervor brächte." Aber trotzdem brauche es in unserer Gesellschaft "Respekt und keine Feindschaft".
Der Sozialarbeiter und Fanbetreuer des FC Schalke 04 Markus Mau nannte die in der Bergpredigt Jesu geforderte Nächstenliebe mit Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit "unrealistisch." Angesichts dieser Kritik präzisierte Pfeffer, Jesus gehe es mit seinem Gebot der Feindesliebe nicht darum, "dass wir uns alle lieb haben und um den Hals fallen, sondern darum, dass wir uns in unserer Verschiedenheit respektieren und erkennen, dass wir bei allen Unterschieden eines gemein haben, nämlich das Menschsein."

Dabei scheute der Generalvikar auch nicht vor der selbstkritischen Einschätzung zurück, "dass so manche Derby-Schlacht in der Fußball-Bundesliga gegen die 'Prügeleien' in der Geschichte der Christenheit geradezu harmlos" sei. Auch mit Blick auf aktuelle politische und kircheninterne Kontroversen müssten Christen ihren Ton immer wieder kritisch hinterfragen.

"Zu uns kommen Leute, die sonst nirgendwohin gehen", so der Sozialarbeiter und BVB-Fanbetreuer Thilo Danielsmeyer. Es seien Leute, "die in der einen Woche dem Fan der gegnerischen Mannschaft eins aufs Maul geben und in der nächsten Woche 2.000 Euro für einen Kindergarten sammeln", warnte er vor Schwarz-Weiß-Sicht auf die Szene der Ultras. Diese kämen nach seiner Erfahrung überwiegend aus gutbürgerlichen Lebensverhältnissen und wollten beim Fußball im Stadion Emotionen ausleben und gemeinsam Spaß haben.

Der Sozialpsychologe Pradeep Chakkarath von der Ruhr-Universität Bochum sieht in der Fußball-Fankultur vor allem einen Ausdruck der "urmenschlichen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung in einer Gruppe". Kritisch sieht Chakkarath auch mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte, "dass sich unsere Gesellschaft derzeit immer stärker polarisiert und die eine gesellschaftliche Gruppe die andere nicht mehr verstehen will." Es brauche Mitgefühl und die Fähigkeit, den anderen bei allen Unterschieden als leidensfähige Kreatur anzuerkennen.

Darüber hinaus widersprach Chakkarath mit dem Hinweis auf den zivilen Ungehorsam Gandhis der These, Feindesliebe sei illusorisch. Der gewaltlose Widerstand Gandhis sei deshalb erfolgreich gewesen, weil sie an die christliche Ethik der britischen Kolonialherrn appellierte und die britischen Besatzer sich diesem Appell auf Dauer nicht entziehen konnten.

Für den Theologen Jens Oboth von der gastgebenden Katholischen Akademie bietet der Fußball mit seinen klaren Regeln und deren konsequenter Durchsetzung "Konfliktlösungsansätze, die wir als Christen auch in andere Lebensbereiche übersetzen können". Dirk Haslinde vom christlichen Fanclub des BVB sieht die Gemeinschaft der Fußballfans für viele als "eine Ersatzfamilie, in der sie Anerkennung und auch Antworten auf Lebensfragen erfahren". Und für die katholische Theologin Anke Ballhausen vom christlichen Fanclub "Mit Gott auf Schalke" gibt es in dieser Familie sogar so etwas wie Liebe: Weil Gott sie liebe, könnten zumindest christliche Fußballfans auch die Fans des Gegners lieben.

Ein Bericht für die Katholische Nachrichtenagentur vom 6. Juli 2018

Montag, 25. Juni 2018

Wenn aus einem Spiel Ernst wird

Kann man das noch Spiel nennen?“ fragt mich NRZ-Leser  Gerhard Bennertz, als wir uns in der Stadtmitte treffen und über die Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft ins Gespräch kommen.
Wir lassen die Szene des Deutschland/Schweden-Spiels Revue passieren, in dem sich der deutsche Mittelfeldspieler Sebastian Rudy einen Nasenbeinbruch zuzog und blutend ausgewechselt werden musste, weil ihm sein schwedischer Gegenspieler im Zweikampf mit dem seinem Knie ins Gesicht gesprungen war. Wer die Szene gesehen hat, fühlte sich eher an einen antiken Gladiatorenkampf oder ans Catchen, denn an gepflegtes Fußballspiel erinnert. 

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragt erst mal euren Arzt und Apotheker, ehe ihr von einer Karriere als Fußball-Profi träumt“, möchte man da ballverliebten Jugendlichen sagen, die auf staubigen Sportplätzen hoffnungsvoll und begeistert den langen Weg durch die Fußballinstanzen antreten.
Man ahnt, warum Britanniens einstiger Premierminister Winston Churchill nach dem Motto: „No, sports“ lebte und damit 91 Jahre alt wurde, wenn man manches Foul auf dem Fußballplatz mit ansehen muss oder angesichts eines  Achterbahn-artigen Spielverlaufs Baldrian braucht. Wenn es nicht nur um Tore, Punkte und die Ehre, sondern auch um zu viel Geld geht, verwandelt sich der Spaß am Spiel zu oft in bitteren und manchmal auch blutigen Ernst.

Dieser Text erschien am 25. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 14. Juni 2018

Wenn es einfach rund läuft

Wenn ihr Kollege in den nächsten Tagen und Wochen unausgeschlafen oder mit viereckigen Augen ins Büro kommt und in so manchen Familien ein heftiger Streit um die Fernbedienung ausbricht, weil sich Sportmuffel und Fußballfans unversöhnlich das Feld vor dem Fernsehgerät streitig machen, dann liegt das an der heute in Russland beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft. Ob Grillkohle, Schokoriegel, Limonade oder Brotaufstrich. Alles wird uns in diesen Tagen im schwarz-rot-goldenen Fußball-Design schmackhaft gemacht.


Erstaunlich. 22 Männer kämpfen um einen Ball und versuchen ihn im gegnerischen Tor zu versenken. Klimawandel,  Staatsverschuldung, Strafzölle, demografischer Wandel, Vermüllung der Meere, Krieg und Frieden. Das alles kann jetzt erst mal warten. Wir wollen Tore sehen, ob im Stadion oder in der Fankurve auf der Couch daheim. Warum ist Fußball weltweit so erfolg- und damit in unseren ökonomisierten Zeiten auch so ertragreich? Ganz einfach. Es ist ganz einfach, für alle nachzuvollziehen und mit klaren Regeln ausgestattet, über die unparteiische Schiedsrichter wachen und denen sich die Akteure auf dem Spielfeld nicht entziehen können. Wer gut spielt, schießt Tore und gewinnt. Wer sich daneben benimmt, bekommt eine gelbe und dann eine rote Karte und fliegt vom Platz. So klare Regeln würde man sich auch auf anderen Spielfeldern unserer Welt wünschen.

Dieser Text erschien am 14. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 8. Juni 2018

Farbtupfer im Straßenbild

Wer derzeit durch die Stadt geht, sieht zunehmend Schwarz-Rot-Gold, wenn er nicht gerade schwarz oder rot sieht. Beides gibt die aktuelle Nachrichtenlage in unserer kleinen und großen Welt ja her.
Ist uns im hektischen Alltagsgetriebe etwa ein Nationalfeiertag durchgegangen. 

Nein. Es ist der Nationalsport Fußball, dessen Weltmeisterschaft ihre Schatten in Form von reichlich Schwarz-Rot-Gold voraus wirft.   Egal, ob wir im richtigen Leben oben auf oder unten durch sind: Während der Weltmeisterschaft, sind wir alle „Weltmeister“ und würde es gerne auch über den Finaltag hinaus bleiben, wenn wir schon kein Papst mehr sein dürfen.

Nun weiß ich nicht, ob nach der peinlichen 1:2-Pleite gegen Österreich eher schwarz-rot-goldene Fußball-Euphorie, in Erinnerung an den grandiosen Titelgewinn 2014 oder, Benedikt hilf, eher Beten und der Glaube an das Fußballwunder einer deutschen Titelverteidigung angesagt sind.

In einigen Geschäften habe ich auch schon andere Fahnen, als das deutsche Schwarz-Rot-Gold gesehen. Nicht nur in der Welt des Fußballs hängt so macher Zeitgenosse im Ernstfall sein Fähnchen nach dem Wind des Siegers. 

Dieser Text erschien am 5. Juni 2018 in der Neuen Ruhrzeitung

Samstag, 27. August 2016

Ein grün-weißes Sommermärchen: 1956 schaffte es der VfB Speldorf bis ins Berliner Finale der deutschen Fußball-Amateure und euphorisierte damit die Mülheimer Fußballfans

Was für Deutschland die Helden von Bern, das waren für Mülheim die Helden von Berlin. Die Rede ist von der Elf des VfB Speldorf, die vor 60 Jahren Vizemeister der deutschen Fußball-Amateure wurde.

Nur den „Roten“ aus Neu-Isenburg mussten sich die Grün-Weißen aus Speldorf im Berliner Finale geschlagen geben. Auch wenn es für die von Kurt Biesenkamp trainierte Mannschaft nach 90 Minuten 2:3 hieß, sahen viele der 75 000 Zuschauer die vom Verletzungspech und von umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidungen gebeutelten Speldorfer als „moralische Sieger.“ Auch Bundestrainer Sepp Herberger und Torwart-Legende Bernd Trautmann diktierten der Presse den Satz: „Die Speldorfer waren eine Klasse besser“ in den Block.

VfB-Leistungsträger und Nationalspieler Theo Klöckner, erlitt gleich zu Beginn des Spiels einen Wadenbeinbruch, machte aber unbeirrt weiter und schoss später sogar noch ein Tor.
Helmut Hirnstein, Heinz Riepe, Ernst Stroß, Hans Otto Bösebeck, Georg Hanselmann, Horst Riemenschneider, Walter Krogel, Werner Höttger, Walter Reichert, Theo Klöckner, Kurt Zimmermann, Heinz Brands, Harro Weiß

Die Spieler-Namen der Vizemeister-Elf von 1956 klingen für Speldorfer Fußball-Nostalgiker noch heute, wie Musik oder wie Fritz Walter, Toni Turek und Helmut Rahn.
Nach ihrer Rückkehr aus Berlin wurden die Verlierer, wie Sieger gefeiert. Ihr Triumphzug durch die Stadt dauerte eineinhalb Stunden. Tausende säumten die Straßen. In vielen Fenstern wurde Grün und Weiß geflaggt. Der Verkehr kam zeitweise völlig zum Erliegen.

Spieler des Vizemeisters und VfB-Präsident Heinz Otten sprachen später von einem „100-prozentigen Mülheimer Ereignis“ und von einem nie zuvor und nie danach erlebten „Rausch“ der Fußball-Euphorie. „Die Menschen feierten die Mannschaft auf eine Art, wie es Mülheim bisher noch nie erlebt hatte“, schrieb die lokale Sportpresse.

Das Speldorfer Sommermärchen 1956 hatte mit dem Gewinn der Niederrhein-Meisterschaft begonnen. Als Niederrhein-Meister hatte sich der VfB Speldorf für die ab 1951 ausgetragene Deutsche Meisterschaft der Fußball-Amateure qualifiziert.

Siege über Duisburg 08, Dortmund 95, die Spielvereinigung Hagen und Eintracht Braunschweig sowie ein Unentschieden bei Troisdorf 05 hatten Speldorf den Weg zum Deutschen Vizemeister der Fußball-Amateure geebnet.

Auch wenn die Speldorfer nach ihrer umjubelten Vizemeisterschaft für eine Saison in der Zweiten Liga West und viele Jahre später immerhin auch in der NRW-Liga spielen sollten, konnten sie bis heute nie wieder die Fans so begeistern, wie sie es im Sommer 1956 getan hatten.
Während ein in Speldorf verwurzelter Spieler, wie Kurt Zimmermann Angebote von Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf ablehnten und noch bis 1963 in den Reihen der Grün-Weißen kickten, spielte Theo Klöckner nach der Einführung der Bundesliga (1963) unter anderem für Werder Bremen und wurde so in der Saison 1964/65 Deutscher Fußballmeister.

Stichwort: VFB Speldorf


Das VFB im Vereinsnamen der Speldorfer steht für „Verein für Bewegungsspiele.“ Der 1919 gegründete VFB Speldorf trat als Zusammenschluss die Nachfolge der Clubs Rheinland und Preußen an. Die Grün-Weißen, deren erste Mannschaft zurzeit in der Landesliga spielt, kickten in den 30er Jahren in der Bezirksklasse Niederhein, die sie zweimal als Meister abschlossen, ohne in die Gauliga aufsteigen zu können. Der kriegsbedingte Spielermangel führte 1943 dazu, dass der VFB Speldorf zusammen mit dem TSV Broich 85 und dem MSV 07 eine Kriegsspielgemeinschaft Linksruhr bildete. Nach dem Krieg spielte der VFB zunächst in der Bezirksliga Niederrhein. Nach seinem 1956 erreichten Aufstieg in die Zweite Oberliga West konnte sich der VFB nur eine Saison lang in dieser Klasse halten. Ursprünglich am Blötter Weg beheimatet, spielen und trainieren die Grün-Weißen seit 2010 im Ruhrstadion und auf dem Sportplatz an der Saarner Straße. 2009 konnte sich VFB Speldorf als Niederrhein-Pokalsieger für den DFB-Pokal qualifizieren.

Dieser Text erschien am 20. August 2016 in NRZ/WAZ

Sonntag, 13. Juli 2014

Doppelpass mit der Wirklichkeit oder: Als wir wieder wer waren: Mülheimer erinnern sich an das Fußballwunder von Bern


Das Fußball-Wunder von Belo Horizonte, der deutsche 7:1-Sieg über Brasilien, weckt bei manchem älteren Mülheimer die Erinnerungen an das Fußballwunder von Bern. „Jubel über 3:2-Triumph - Die Sensation von Bern: Deutschland ist Fußballweltmeister“, titelte die Neue Ruhr Zeitung fast auf den Tag genau vor 60 Jahren, nach dem ersten Titelgewinn, dem mit Hilfe eines kleineren oder größeren Fußballwunders am kommenden Sonntag der vierte deutsche WM-Titel folgen könnte.

„Wir haben auch damals gesagt: Das kann doch nicht wahr sein. Denn im Jahr 1954 waren die Ungarn das, was heute die Brasilianer sind und die deutsche Mannschaft hatte in der Vorrunde mit 3:8 gegen die damals seit langer Zeit ungeschlagenen Ungarn verloren“, beschreibt Pfarrer und Religionspädagoge Gerhard Bennertz (damals 16 Jahre junger Schüler) die Reaktionen in seiner Familie, die das Wunder von Bern am Radio verfolgte. „Auch meine Mutter war fußballverrückt und hat sich später fast alle Länderspiele im Fernsehen angeschaut. Doch das kam erst 1958 ins Haus. 1954 hatten wir nur ein Radio. Und ich habe noch heute das TOR! TOR! TOR! des legendären Rundfunkkommentators Herbert Zimmermann im Ohr“, erzählt Bennertz.

„Neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war der Weltmeistertitel für die Deutschen, wie ein helles Licht, das ihnen mit den Helden von Bern zeigte: Es lohnt sich wieder, sich für etwas einzusetzen“, beschreibt er die mentale Wirkung des ersten WM-Titels.

Auch Alt-Bürgermeister Günter Weber (damals 19 Jahre junger Angestellter bei Siemens), der das Berner WM-Finale vom 4. Juli 1954 mit seinen Freunden vom sozialdemokratischen Jugendverband der Falken bei einem Tagesauflug in einer Gaststätte am Radio verfolgte, wird Herbert Zimmermanns „Aus dem Hintergrund kommt Rahn. Rahn müsste schießen. Rahn schießt. Tor!“ nie vergessen. „Der Sieg über Brasilien war eine Überraschung ersten Ranges. Aber der Sieg in Bern war ein echtes Wunder. Das passte in die damalige Aufbruchstimmung und war ein wichtiger Baustein für das Selbstbewusstsein der Deutschen, die die Ruinenhäuser in ihren Städten noch vor Augen hatten“, erinnert sich Weber. Rückblickend hat er das Gefühl, dass die damaligen Fußballhelden ihren Fans näher waren, „weil sie noch keine hochbezahlten Stars waren und mit ihren Heimatclubs eng verbunden blieben.“

„Wir sind damals bis an die Decke gesprungen“, beschreibt der damals 13-jährige MBI-Ratsherr Hans Georg Hötger, wie sein zwölf Jahre älterer Bruder Werner und er auf den 3:2-Sieg-Treffer Helmut Rahns reagierten. „Das hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wir saßen mit 30 Leuten aus der Nachbarschaft, bei meiner Tante Hermine, die damals schon ein Fernsehgerät hatte“, berichtet Hötger, der in der Jugendmannschaft des VFB Speldorf kickte. „Wir haben damals noch Monate darüber gesprochen und hatten nach der WM ‘54 viele Neuanmeldungen“, erinnert sich Hötger und meint: „Nachdem Deutschland noch 1950 von der Fußball-WM ausgeschlossen war, hat der WM-Gewinn 1954 viele Brücken in die internationale Sportgemeinschaft gebaut und Deutschland neue Anerkennung gebracht.“ Seine persönliche Anerkennung für die Helden von Bern ist auch deshalb so groß, „weil damals noch mehr Idealismus im Spiel war, ohne den der Sport nicht überleben kann.“

„An jeder Ecke wurde darüber gesprochen. Die Euphorie war groß. Denn die Anerkennung tat den Deutschen nach dem verlorenen Krieg gut. Und man hatte das Gefühl, wieder auf etwas stolz sein zu können“, erinnert sich Bezirksbürgermeister Arnold Fessen an die psychologische Aufbauhilfe, die die Helden von Bern geleistet haben. Einen kannte der damals 13-jährige Volksschüler besonders gut. Denn der Ersatztorwart Fritz Herkenrath unterrichtete damals als Referendar an seiner Schule.

„Das war die erste Fernsehsendung meines Lebens und ich bin fast in die Bildröhre hineingekrochen“, erinnert sich der Künstler Peter Torsten Schulz an sein Wunder von Bern. Als zehnjähriger Schüler erlebte er frisch gescheitelt und mit weißem Hemd und dunkler Hose das WM-Finale ‘54 im illustren Kreis der Verlegerfamilie Giradet. Denn sein Vater war damals Chefredakteur der Essener Allgemeinen Zeitung. „Noch spannender als das Spiel fand ich, dass gestandene Herrn in dunklen Anzügen so laut jubeln und sich umarmen konnten“, erzählt Schulz.

SPD-Fraktionschef Dieter Wiechering (damals 12) und als linker Läufer fußballerisch aktiv, erlebte der Fußballer das Fernseh-Finale ‘54 mit seinem Vater in einer norddeutschen Dorfkneipe. „Damals schauten dort nur Männer zu. Und nach dem Spiel war man sehr stolz und das Echo in den Zeitungen lautete: Wir sind wieder wer“, erinnert sich Wiechering.


Dieser Text erschien am 11. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 12. Juli 2014

So gesehen: W wie WM und Werbung


König Fußball regiert die Welt. Diesen Eindruck kann König Kunde in diesen WM-Tagen wirklich bekommen. Schokoriegel und Softdrinks präsentieren sich ihm jetzt ebenso im Fußballdesign, wie die Leberwurst beim Metzger. Letzteres macht durchaus Sinn. Denn am Donnerstag geht es für die deutsche Mannschaft um die Wurst. Und man muss kein Fußballfanatiker sein, um zu hoffen, dass die DFB-Kicker nicht als arme Würstchen vom Platz gehen.

Denn dann hätten nicht nur die Fußballfans, sondern auch alle Marketingstrategen, die geschickt auf die unterbewussten Fanreflexe ihrer Kunden spekulieren, die Schnauze voll. Dabei hat ja alles mal ein Ende, auch die WM. Nur die Wurst hat bekanntlich zwei, im Zweifel auch ein dickes.

Apropos dickes Ende. Auch im Schaufenster eines örtlichen Sanitätshauses wird in diesen Tagen mit einem WM-Fußball und diversen Nationalfähnchen geworben. Dass Fußball zur Reha-Sportart taugen würde, wäre mir neu. Aber vielleicht denken die Geschäftsinhaber ja auch schon weiter. Denn wer die zum Teil rüden Fouls bei der WM beobachtet, der begreift, dass Fußball nicht immer gesund sein muss, sondern ein Nachspiel haben kann, in dem das eine oder andere Reha-Hilfsmittel zum Einsatz kommt. Doch das wird hoffentlich nicht oft der Fall sein. Man kann ja auch mit Bier und Würstchen das Nachspiel bestreiten. Das ist für Fans und Fußballer alle
mal heilsamer und appetitlicher.
 
Dieser Text erschien am 25. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 11. Juli 2014

"Brasilien ist ein Land mit einem großen Potenzial": Ein Gespräch mit Michael Könen, der mit seinem Verein Kinder helfen Kindern grenzenlos seit vielen Jahren im Süden Brasiliens die Sozialarbeit der Salesianer Don Boscos unterstützt


Michael Könen hat sich gerade in Porto Alegre den französischen 3:0-Sieg über Honduras angeschaut. Als nächstes stehen die Partien Niederlande gegen Australien und Russland gegen Algerien auf seinem WM-Spielplan. Doch der 46-jährige Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmensberater aus dem Ruhrgebiet ist zurzeit weniger als Fußballfan, denn als Entwicklungshelfer im Süden Brasiliens unterwegs. Denn mit seinem Verein Kindern helfen Kindern, grenzenlos unterstützt er seit mehr als 15 Jahren die Sozial- und Jugendarbeit, die die Salesianer Don Boscos im Süden Brasiliens in Belle Itajai, Viamao, Ascurra, Joinville, Curitiba und Guarapuava leisten. Über die Motivation für sein persönliches Engagement und die soziale Lage im Land der Fußballweltmeisterschaft äußerte er sich jetzt im Gespräch mit der Tagespost.
Wie kam es zu Ihrem persönlichen Engagement für die Salesianer Don Boscos im Süden Brasilien?

Vier Jahre nach meinem Abitur am Essener Don-Bosco-Gymnasium habe ich 1992 in Brasilien einen Freund besucht und dabei die Sozialarbeit der Salesianer in Belle Itajai kennengelernt. Im Jahr darauf machte ich dort ein achtwöchiges Praktikum. Das war der Anfang.

 Wer trägt Ihren Verein?

Wir haben im Moment rund 50 Mitglieder, die durch ihre eigenen Mitgliedsbeiträge und durch ihre Mund-zu-Mund-Propaganda, etwa in Schulen, Gemeinden oder bei unterschiedlichen Veranstaltungen vom Festival Brasil bis zum Weltkindertag jedes Jahr 5000 bis 10.000 Euro für die gute Sache zusammenbringen.

Was ist die gute Sache?

Die Salesianer Don Boscos betreiben im Süden Brasilien fünf Sozialstationen, die alle in sogenannten Armenviertel (Favelas) liegen. Hier bekommen Kinder und Jugendliche nicht nur eine Mahlzeit, eine werteorientierte Erziehung und eine sinnvolle Freizeitgestaltung, sondern auch eine Schul- und Berufsausbildung und damit eine Chance für ihr weiteres Leben.

Können viele diese Chance nutzen?

Dort, wo die Salesianer arbeiten, entwickeln junge Leute eine positive Lebenseinstellung, die sie an ihre Zukunft glauben und in ihre Zukunft investieren lässt. Das sieht man schon daran, wenn die Menschen beginnen, ihre Hütten durch den Bau eines Steinhauses zu ersetzen. Viele brauchen noch nicht mal eine zwei- oder dreijährige Berufsausbildung als Friseur, Bäcker oder Sekrtärin. Oft reicht schon der Anschub durch ein mehrmonatiges Berufstraining, um ihnen einen Arbeitsplatz zu verschaffen.

Wie unterstützen Sie diese Sozialarbeit?

Durch die 5000 bis 10.000 Euro, die wir jährlich als Spenden zusammentragen und 1:1 den Salesianern im Süden Brasiliens zur Verfügung stellen, konnten wir schon diverse Arbeitsgeräte von der Druckmaschine über einen Backofen bis zum Lieferwagen, aber auch die Errichtung von Spiel- und Sportplätzen, den Bau einer Begegnungsstätte oder die Anschaffung von Schulmaterialien, Sportgeräten und Musikinstrumenten finanzieren. Das Geld bringe ich jedes Jahr persönlich nach Brasilien und bespreche die aktuellen Projekte mit dem Pater Provinzial. Derzeit müssen zum Beispiel Sanitäranlagen renoviert werden.

Warum protestieren die fußballverrückten Brasilianer auf einmal gegen die WM?

Wenn der Ball rollt, ist der Brasilianer Fußballer. Das war so. Das ist so. Und das bleibt so. Aber die Proteste haben mich nicht überrascht. Denn immer mehr Menschen in Brasilien erkennen, dass die WM und die Olympischen Spiele 2016 für sie eine geeignete Plattform sind, um öffentliche und politische Aufmerksamkeit für ihre berechtigten Interessen zu bekommen. Hinzu kommt, dass im Oktober Präsidentschafts- und Parlamentswahlen anstehen. Da müssen die Politiker auf Proteste reagieren.

Wo hakt es im Land des fünffachen Fußball-Weltmeisters?

Beim Stadienbau für die WM ist viel Geld dumm verbraten worden, während die versprochenen Investitionen in die Infrastruktur von Straßen und Flughäfen weiter auf sich warten lassen. Aber auch im Gesundheits- und Bildungssektor muss dringend investiert werden. Die Gesundheitsversorgung ist teuer und schlecht. Die Renten- und Krankenversicherung ist in Brasilien nicht ansatzweise mit der unseren zu vergleichen. Die Salesianer helfen den Armen zum Teil mit einer kostenlosen Gesundheitsversorgung. Aber die Ärzteverteilung im Land ist nicht optimal. Und es gibt zu wenige Krankenhäuser und zu viele Kliniken, die bereits marode sind. Auch Bildung ist in Brasilien ein Wirtschaftsgut. Wer seinen Kindern eine gute Ausbildung verschaffen will, wird tunlichst vermeiden, sie auf staatliche Schule zu schicken. Doch für die Ausbildung an privaten Schulen und Hochschulen muss man tief in die Tasche greifen. Die monatlichen Studiengebühren liegen bei umgerechnet rund 1000 Euro, der gesetzliche Mindestlohn bei etwa 250 Euro pro Monat. Und die Preise in Brasilien sind im Schnitt mit denen bei uns vergleichbar.

Wie sehen Sie die Zukunft Brasiliens, unabhängig davon, ober der WM-Gastgeber diesmal auch Fußballweltmeister wird?

Das Land hat ein großes Potenzial. Der Mittelstand ist in den letzten Jahren gewachsen. Es gibt viele Rohstoffe und eine junge und wachsende Bevölkerung, die mit ihrer riesigen Binnennachfrage die Wirtschaft ankurbelt. Die Zivilgesellschaft hat Fortschritte gemacht. Immer mehr Brasilianer engagieren sich und haben erkannt, dass sie ihre Lebensbedingungen durch eigenes Zutun verbessern können und das politische Korruption kein Naturgesetz, wie das tägliche Auf- und Untergehen der Sonne ist. Ich kenne zum Beispiel einen Rechtsanwalt, der mit einem privaten Verein die Ausgaben des Bürgermeisters von Itajai kontrolliert. Allerdings hat Brasilien den Fehler gemacht, seine Märkte zu sehr nach außen abzuschotten. Damit wird es natürlich schwer, neue Technologien ins Land zu bekommen.

(Weitere Informationen gibt es unter www.grenzenlose-hilfe.de im Internet oder direkt bei Michael Könen  unter der Rufnummer 0173/3215008)
Dieser Text erschien am 28. Juni 2014 im Neuen Ruhr Wort und in der Tagespost

Mittwoch, 9. Juli 2014

Die Fußball-Weltmeisterschaft als Anschub zur Hilfe: Michael Könen und sein Verein Kinder helfen Kindern grenzenlos unterszützt seit vielen Jahren die Sozialarbeit, die die Salesianer Don Boscos im Süden Brasiliens leisten


Seit Michael Könen 1992 einen Freund in Brasilien besuchte, hat ihn das Land nicht mehr los gelassen. „Die Brasilianer sind fröhlicher und offener, als ich das von den Deutschen kenne“, sagt der 46-jährige Ökonom und Unternehmensberater. Mindestens einmal pro Jahr ist der Mülheimer im Land der Fußball-Weltmeisterschaft. Auch jetzt weilt er in Brasilien und hat sich bereits einige WM-Spiele angeschaut. Doch das ist nicht sein eigentliches Ziel.

Könen besucht im Süden Brasiliens fünf Sozialprojekte der Salesianer Don Boscos. Die katholischen Ordensleute kümmern sich in Belle Itajai, Viamao, Ascurra, Joinville, Curitiba und Guarapuava um Kinder und Jugendliche in den Favelas. Mit Schulunterricht, Berufsausbildung, sinnvoller Freizeitgestaltung, kostenlosen Mahlzeiten und kostenfreier Gesundheitsversorgung sorgen die Salesianer dafür, dass Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien eine Lebensperspektive bekommen. „Dort, wo die Salesianer aktiv sind, kann man beobachten, dass mehr Menschen in den Favelas Arbeit bekommen und ihre Holzhütten durch Steinhäuser ersetzen“, beschreibt Könen den positiven Einfluss der sozialen Arbeit, die er Mitte der 90er Jahre als Student während eines achtwöchigen Praktikums kennen lernte.

Dieses Erfahrung inspirierte ihn vor 15 Jahren zusammen mit Freunden den Verein Kinder helfen Kindern, grenzenlos ins Leben zu rufen. „Wir sind zwar längst keine Kinder mehr, haben dafür aber inzwischen selbst Kinder“, sagt Könen mit Blick auf die rund 50 Mitglieder des Vereins, die nicht nur mit reger Mund-zu-Mund-Propaganda, sondern auch bei Veranstaltungen vom Weltkindertag in der Müga über das Styrumer Familienfest bis zum Markt der guten Taten im Forum für die finanzielle Unterstützung der sozialen Basisarbeit in Brasilien werben.

Nicht ohne Erfolg. Seit seiner Gründung hat der Verein nach Könens Angaben jährlich 5000 bis 6000 Euro zusammengetragen, die in Brasilien Fußball- und Spielplätze entstehen ließen oder den Salesianern geholfen haben Sportmaterial und Arbeitsgeräte von der Druckmaschine bis zum Backofen oder auch Musikinstrumente anzuschaffen.

„Egal, ob die Jugendlichen aus den Favelas bei den Salesianern das Friseur- oder das Bäckerhandwerk erlernen oder sich zur Sekretärin ausbilden lassen. Sie müssen gar nicht unbedingt eine dreijährige Ausbildung machen, um mit den dort erworbenen Grundkenntnissen Arbeit zu finden“, weiß der sozial engagierte Ökonom zu berichten.

Die sozialen Proteste im Vorfeld der Fußball-WM überraschen den Brasilienfreund nicht. „In einer Stadt mit einem viertklassigen Fußballclub hat man für die WM ein riesiges Stadion gebaut und viel Geld dumm verbraten, das anderswo dringend gebraucht würde“, ärgert sich Könen. Nicht nur in der Verkehrsinfrastruktur, sondern auch im Bildungs- und Gesundheitssektor sieht er in Brasilien Investitionsbedarf. „Eltern, die für ihre Kinder eine gute Ausbildung wollen, müssen sie auf private Schulen schicken und dafür tief in die Tasche greifen. Die monatlichen Studiengebühren liegen bei 1000 Euro. Und auch eine gute medizinische Versorgung muss privat bezahlt werden“, schildert er die sozialpolitische Ausgangslage im wirtschaftlich ambitionierten Land, das aus seiner Sicht schon aufgrund einer günstigen Demografie und einer enormen Binnennachfrage „ein großes Potenzial hat.“

Werden die Proteste der Brasilianer, die nicht auf der Sonnenseite des Wirtschaftswunders leben, die Fußball-WM beeinflussen? Könen meint: „Brasiliens Demokratie ist noch jung. Und die Menschen entdecken langsam, dass sie durch ihr eigenes Zutun politisch etwas bewirken können. Deshalb werden sie die WM auch als Plattform für Proteste nutzen, zumal im Oktober Präsidentschaftswahlen anstehen. Aber wenn der Ball rollt, ist der Brasilianer Fußballer.“

Weitere Informationen unter www.grenzenlose-hilfe.de oder direkt bei Michael Könen unter der Rufnummer 0173/3215008


Dieser Text erschien am 25. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 7. Juli 2014

So gesehen: Die Sehnsucht nach dem Happy End


Wenn Sie sich in diesen Tagen als Fußballfan outen und die Hoffnung ausdrücken, Deutschland möge nach 1954, 1974 und 1990 doch mal wieder Weltmeister werden, wird ihnen eine fast 100-prozentige Zustimmung in Schwarz-Rot-Gold sicher sein. Wenn Sie sich aber als Mitglied einer Religionsgemeinschaft oder einer politischen Partei outen, müssen Sie im Zweifel mit Widerspruch, Hohn und mancher Schwarz-Weiß-Malerei rechnen. Das Gespräch mit Pfarrer und Fußballfan Michael Manz (siehe unten) gewährt interessante Einsichten in die deutsche Volksseele. Und aus dieser Volksseele kommen ja auch die Volksmärchen, die meistens ein Happy End haben. Und weil die Deutschen im Spiel des Lebens von manchem Spielführer so manches Märchen erzählt bekommen haben, das sich am Ende als Horrorgeschichte entpuppte, wollen sie heute lieber mit König Fußball, der ihnen im Gegensatz zu anderen Spielfeldern klare Regeln und Ergebnisse garantiert, ein Sommermärchen mit Happy End erleben. Und selbst, wenn es damit nicht klappt, bleibt ihnen die Gewissheit, dass nach dem Spiel immer vor dem Spiel ist und wir deshalb früher oder später auf jeden Fall Weltmeister werden.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 6. Juli 2014

Brot und Spiele: Warum schafft der Fußball, was Politik und Kirche oft nicht gelingt, nämlich die Menschen zusammenzubringen und zu begeistern? Ein Gespräch mit dem Styrumer Pfarrer und Fußballfan Michael Manz


Wer zurzeit durch die Stadt geht, sieht an allen Ecken und Enden Schwarz-Rot-Gold. Die Fußball-Weltmeisterschaft macht es möglich. Warum können sich so viel mehr Menschen mit hoch bezahlten Profifußballern identifizieren als zum Beispiel mit Kirchen und Parteien, die mit ihren Pfarrern und Politikern qua Amt für soziale Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen sollten? Liegt es nur am Unterhaltungswert? Ein Gespräch mit dem evangelischen Pfarrer und Fußballfan Michael Manz, der seit vielen Jahren und auch bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft zum Public Viewing ins Gemeindehaus einlädt.

Frage: Warum begeistert und vereint die Fußball-WM so viele Menschen aus unterschiedlichen Schichten?

Antwort: Das ist das Prinzip Brot und Spiele. Die Menschen erleben die Fußball-WM als eine befreiende und reinigende Ablenkung vom harten Alltag.

Frage: Wovon geht diese befreiende und reinigende Wirkung aus?

Antwort: Bei einer Fußball-WM kann man vor dem Fernsehen, im Stadion oder beim Public Viewing gemeinsam schreien, lachen, weinen und jubeln, ohne das einen jemand schräg anguckt.

Frage: Warum können hoch bezahlte Fußballer mehr Menschen hinter sich vereinen als Politiker, Pfarrer oder Verbandsfunktionäre?

Antwort: Weil sie als „unsere Jungs“ in einem Stellvertreterkampf für uns alle gewinnen oder verlieren und damit ein großes Gefühl der Verbundenheit schaffen, das Menschen die Siege und Niederlagen der Fußballer als persönlichen Erfolg oder Misserfolg erleben lässt. Als Joseph Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wurde, waren wir plötzlich Papst und wenn die deutsche Mannschaft das WM-Turnier gewinnt, werden wir Weltmeister sein.

Frage: Liefert die Fußball-WM den Menschen also die Erfolgs- und Gemeinschaftserlebnisse, die sie im Alltag vermissen?

Antwort: Richtig. Wenn ich zum Public Viewing einlade, kommen schon mal 120 Leute. Beim Gottesdienst sind es höchstens die Hälfte. Obwohl Fußballspiele und Gottesdienste viele Gemeinsamkeiten haben. Man singt gemeinsam. Man steht in bestimmten Momenten kollektiv auf oder setzt sich wieder und ein Mann in Schwarz, entweder der Schiedsrichter oder der Pfarrer, leitet das Spiel. Ich stelle beim Public Viewing immer wieder fest, dass man schneller das Eis brechen und mit den Menschen ins Gespräch kommen kann, weil sie fröhlich und gelöst sind und auch Leute, die alleine kommen, tauchen plötzlich ins Wir ein.

Frage: Warum finden die Menschen dieses Wir nicht auch in Kirchen, Parteien und Verbänden?

Antwort: Eine Fußball-WM ist etwas außergewöhnliches. Politik und Kirche sind Alltag. Der Fußball lässt die Menschen Lebensfreude spüren. Da verzeihen sie einem Uli Hoeneß auch schon mal, dass er Steuern in Millionenhöhe hinterzogen hat, während sie im Zweifel nicht nur aus der katholischen, sondern auch aus der evangelischen Kirche austreten, weil ein Bischof Franz-Peter Tebartz van Elst Kirchensteuergeld verschwendet hat. Da wird vieles miteinander verrührt. Aber wir machen sicher nicht nur in der Kirche oft den Fehler, nur auf Sachthemen zu setzen und zu wenig die Gefühle anzusprechen. Deshalb lade ich auch zum Public Viewing ins Gemeindehaus der Immanuelkirche ein, um den Leuten zu zeigen, dass Kirche nicht nur eine verkopfte Veranstaltung ist.

Antwort: Aber wir müssen auch in unserem Alltag daran arbeiten, den Menschen mehr Lebensfreude zu vermitteln. Das sollte uns als Kirche mit der Frohen Botschaft eigentlich nicht allzu schwer fallen.

Dieser Text erschien am 2. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 5. Juli 2014

Fußball ist ihr Leben: Ein Gespräch mit Manfred Weides vom Kreisligisten 1. FC Mülheim-Styrum über die alltäglichen Herausforderungen an der Fußball-Basis


Wenn sich Detlef Weides in diesen Tagen im Fernsehen die Spiele der Fußballweltermeisterschaft anschaut, hat er immer wieder den Eindruck: „Das ist ganz weit weg. Das hat gar nichts mit uns zu tun.“ Dabei geht es doch um Fußball, ob bei der WM in Brasilien oder beim 1. FC Mülheim in Styrum.

Heute ist der 59-jährige Weides Geschäftsführer des Traditionsclubs, sein Bruder Manfred ist Vorsitzender. „Der Verein und der Fußball sind mein Leben. Ich bin hier aufgewachsen, war schon mit 13 als Mannschaftsbegeleiter dabei und spielte später in der A-Jugend“, erinnert sich Weides.

Der Unterschied zwischen den WM-Kickern und den Kreisliga-Kickern in Styrum liegt vor allem in etlichen Millionen, die sich aus Eintrittsgeldern, Werbeeinnahmen und Fernsehübertragungsrechten speisen. „Wenn ich höre, dass der argentinische Fußballer Lionel Messi 24 Millionen Euro pro Jahr verdient oder das der Deutsche Fußballbund dem ehemaligen Bundestrainer Bert Vogts eine monatliche Lebensrente von 3000 Euro zahlt, frage ich mich schon: Ist das vertretbar. Warum macht man so was?“

Von 250 Millionen Euro Jahresumsatz, schrieb die NRZ, als der Deutsche Fußballbund 2010 zu seiner bisher letzten Jahresbilanz-Pressekonferenz einlud. „Davon kommt hier unten nichts an. So weit gehen die nicht runter, aber der DFB kann auch nicht alle Amateurvereine retten“, sagt Weides ohne Bitterkeit. Bei seinem Engagement an der Fußballbasis hält er es mit John F. Kennedy: „Frage nicht, was der Verein für dich tun kann, frage, was du für den Verein tun kannst?“

Fünf Väter und eine Mutter sehen das genauso, wie er. Sie haben Zeit und Geld in einen Lehrgang investiert, um eine Trainerlizenz zu erwerben und jetzt ein- bis zweimal pro Woche eine Kinder- oder Jugendmannschaft des 1. FC Mülheims unentgeltlich zu trainieren. Selbst der Trainer der ersten Mannschaft, die in der Kreisliga A kickt, bekommt derzeit nur seine Fahrtkosten erstattet. „Wir bekommen zwar vom Landessportbund eine Übungsleiterpauschale. Aber das sind im Jahr vielleicht 350 Euro. Das würde nicht ausreichen, um als Verein davon Trainer zu bezahlen“, sagt Weides.

Über Zahlen möchte der Geschäftsführer des 1. FC Mülheim eigentlich gar nicht sprechen. Aber so viel wird im Gespräch mit ihm dann doch deutlich. Ganz ohne Sponsoren geht es auch bei einem Amateurclub nicht. Denn auch Trikots, Bälle, Fußballschuhe, Fußballtore, Startgelder, Sportversicherung, Fahrtkosten oder Schiedsrichtergebühren wollen bezahlt sein. Wenn man weiß, dass der Eintritt zu den Heimspielen des 1. FC Mülheims bei zwei Euro und der Monatsbeitrag der rund 200 Vereinsmitglieder bei sechs Euro liegt, weiß man, dass der Club mit seinen Bordmitteln keine großen Sprünge machen kann.

Ausgesprochen glücklich ist Weides deshalb, dass er mit der Mülheimer Energiedienstleistungsgesellschaft (Medl) ein größeres Unternehmen als Sponsoren für die Jugendfußballmannschaften des Vereins gewonnen hat. Auch die Gelder der Stadt und der Sparkassenstiftung, die jetzt in den Umbau des Sportplatzes an der Moritzstraße fließen, sind für den Traditionsclub und seinen Platzpartner Croatia Mülheim Gold wert: „Denn Fußballvereine, die keinen Kunstrasenplatz haben, gehen einer ganz schwierigen Zukunft entgegen, weil die Eltern ihre Kinder nicht mehr auf Ascheplätzen spielen lassen wollen“, weiß Weides.

Ansonsten putzt er bei Kleinunternehmern und Einzelhändlern im Stadtteil die Klinken, um Kleinstsponsoren, etwa für die Plakatwerbung des Vereins zu gewinnen. „Helft uns doch, die Jungs von der Straße zu holen, damit sie zum Training kommen und am Ende nicht bei euch die Scheiben einschmeißen“, lautet eines seiner Argumente. Weides lässt keinen Zweifel daran, dass die Kinder- und Jugendtrainer oft nicht nur als Übungsleiter, sondern auch als Sozialarbeiter gefragt sind, wenn es darum geht dem Nachwuchs in der Gemeinschaft bestimmte Verhaltensregeln beizubringen.

„Wir sind dankbar, dass wir sie haben“, sagt Detlef Weides, mit Blick auf die Eltern, die sich ehrenamtlich als Trainer oder Mannschaftbegleiter engagieren. Dennoch würde er sich noch mehr Einsatz mancher Eltern wünschen, die ihre Kinder nur am Spielfeldrand abgeben, statt sie anzufeuern oder auch zu Auswärtsspielen zu begleiten.

Aber Weides ist auch Realist: „Es ist angesichts der auch zeitlich immer flexibleren Arbeitsverhältnisse für viele Menschen sehr schwer geworden, im Verein aktiv zu werden. Früher waren 90 Prozent der Leute aus Styrum bei Mannesmann. Und wenn die um 14 Uhr ihre Frühschicht hinter sich hatten, war es für sie kein Problem um 18 Uhr zum Training zu kommen“, erinnert sich Weides an alte Zeiten. Damals kamen auch noch deutlich mehr als 50 Zuschauer zu den Heimspielen, weil es keine Sonntagsspiele in der Ersten und Zweiten Bundesliga und keine Live-Spiele im Bezahlfernsehen gab.
 

Rückpass

 
„Eigentlich hat uns die schönste Zeit als Verein den größten Schaden gebracht, weil damals viele alte Mitglieder verprellt wurden, die weggegangen und nicht wieder gekommen sind“, erinnert sich Detlef Weides an die Zeit, als der 1. FC Mülheim im Styrumer Ruhrstadion gegen Manschaften, wie Bayer Uerdingen, Hannover 96, FC St. Pauli oder Arminia Bielefeld in der Zweiten Fußballbundesliga spielte. Damals waren sechsstellige Sponsorensummen und üppige Spielergehälter keine Seltenheit. Doch nach dem sportlichen kam dann mit der Insolvenz 1976 auch der wirtschaftliche Abstieg und sogar das Vereinsheim musste aufgegeben werden. Noch heute ärgert sich Weides darüber, dass er mit seinen Manschaftskameraden aus der A-Jugend 1973 nicht an der 50-Jahr-Feier seines Clubs im Handelshof teilnehmen durfte, weil das die Vereinsführung des damaligen Regionalligisten als nicht standesgemäß empfand. Weitere Informationen rund um den 1923 gegründeten 1. FC-Mülheim-Styrum, der bis zur für Ende Juli geplanten Fertigstellung des neuen Kunstrasensportplatzes an der Moritzstraße auf dem Sportplatz an der Von-der-Tann-Straße trainiert, findet man im Internet unter: www.1.fc-muelheim.de
 
Dieser Text erschien am 30. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...