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Fans diskutieren über Feindesliebe

Ein Blick in die Schalker Fankneipe Bosch am Ernst-Kuzorra-
Platz in Gelsenkirchen

Die katholische Kirche kann noch Wunder bewirken. Nach dem deutschen WM-Aus und vor dem Start der neuen Bundesliga-Saison diskutierten Fußballfans der rivalisierenden Revierclubs Borussia Dortmund und Schalke 04 ganz friedlich im Schalker Vereinslokal "Bosch" über das Thema Feindesliebe. Eingeladen zu der Diskussion mit dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer hatte die Katholische Akademie des Bistums Essen "Die Wolfsburg".

Stadion und Fußball seien ein Spiegelbild der Gesellschaft, sagte Pfeffer in der Diskussion mit christlichen Fußballfans. "Wir brauchen Rivalität, weil ein Leben ohne Rivalität langweilig wäre und keine Fortschritte hervor brächte." Aber trotzdem brauche es in unserer Gesellschaft "Respekt und keine Feindschaft".
Der Sozialarbeiter und Fanbetreuer des FC Schalke 04 Markus Mau nannte die in der Bergpredigt Jesu geforderte Nächstenliebe mit Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit "unrealistisch." Angesichts dieser Kritik präzisierte Pfeffer, Jesus gehe es mit seinem Gebot der Feindesliebe nicht darum, "dass wir uns alle lieb haben und um den Hals fallen, sondern darum, dass wir uns in unserer Verschiedenheit respektieren und erkennen, dass wir bei allen Unterschieden eines gemein haben, nämlich das Menschsein."

Dabei scheute der Generalvikar auch nicht vor der selbstkritischen Einschätzung zurück, "dass so manche Derby-Schlacht in der Fußball-Bundesliga gegen die 'Prügeleien' in der Geschichte der Christenheit geradezu harmlos" sei. Auch mit Blick auf aktuelle politische und kircheninterne Kontroversen müssten Christen ihren Ton immer wieder kritisch hinterfragen.

"Zu uns kommen Leute, die sonst nirgendwohin gehen", so der Sozialarbeiter und BVB-Fanbetreuer Thilo Danielsmeyer. Es seien Leute, "die in der einen Woche dem Fan der gegnerischen Mannschaft eins aufs Maul geben und in der nächsten Woche 2.000 Euro für einen Kindergarten sammeln", warnte er vor Schwarz-Weiß-Sicht auf die Szene der Ultras. Diese kämen nach seiner Erfahrung überwiegend aus gutbürgerlichen Lebensverhältnissen und wollten beim Fußball im Stadion Emotionen ausleben und gemeinsam Spaß haben.

Der Sozialpsychologe Pradeep Chakkarath von der Ruhr-Universität Bochum sieht in der Fußball-Fankultur vor allem einen Ausdruck der "urmenschlichen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung in einer Gruppe". Kritisch sieht Chakkarath auch mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte, "dass sich unsere Gesellschaft derzeit immer stärker polarisiert und die eine gesellschaftliche Gruppe die andere nicht mehr verstehen will." Es brauche Mitgefühl und die Fähigkeit, den anderen bei allen Unterschieden als leidensfähige Kreatur anzuerkennen.

Darüber hinaus widersprach Chakkarath mit dem Hinweis auf den zivilen Ungehorsam Gandhis der These, Feindesliebe sei illusorisch. Der gewaltlose Widerstand Gandhis sei deshalb erfolgreich gewesen, weil sie an die christliche Ethik der britischen Kolonialherrn appellierte und die britischen Besatzer sich diesem Appell auf Dauer nicht entziehen konnten.

Für den Theologen Jens Oboth von der gastgebenden Katholischen Akademie bietet der Fußball mit seinen klaren Regeln und deren konsequenter Durchsetzung "Konfliktlösungsansätze, die wir als Christen auch in andere Lebensbereiche übersetzen können". Dirk Haslinde vom christlichen Fanclub des BVB sieht die Gemeinschaft der Fußballfans für viele als "eine Ersatzfamilie, in der sie Anerkennung und auch Antworten auf Lebensfragen erfahren". Und für die katholische Theologin Anke Ballhausen vom christlichen Fanclub "Mit Gott auf Schalke" gibt es in dieser Familie sogar so etwas wie Liebe: Weil Gott sie liebe, könnten zumindest christliche Fußballfans auch die Fans des Gegners lieben.

Ein Bericht für die Katholische Nachrichtenagentur vom 6. Juli 2018

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