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Das Raphaelhaus ist heute genauso nötig, wie vor 100 Jahren: Ein Gespräch mit seinen Leitern Christian Weise & Andrea Hörning

 
Christian Weise leitet das Raphaelhaus seit 2002
Am 1. September feiert das Raphael-Haus an der Voßbeckstraße 47 von 14 bis 18 Uhr sein 100-jähriges Bestehen. Bei einer Tagung, zu der das
  Raphaelhaus jetzt in die katholische Akademie einlud, stellten sich seine beiden Einrichtungsleiter, Christian Weise und Andrea Hörning den Fragen der NRZ.

Warum wurde das Raphaelhaus vor 100 Jahren gegründet?

Andrea Hörning: Weil es damals mit August Thyssen noch einen katholischen Unternehmer gab, der etwas für die Kinder seiner Arbeiter und später auch für andere Kinder Mülheims tun wollte. Damals wurde die Vereinigte August-Thyssen-Stiftung gegründet, von der wir bis heute getragen werden. Der Vorläufer des Raphaelhauses wurde aber schon 1858 in der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt vom Pastor Kaspar Wolff und den Elisabeth-Schwestern gegründet. Sie sahen, dass immer mehr Kinder aus armen Familien im Zuge der Industrialisierung sozial und emotional zu verwahrlosen drohten.

Nehmen Sie heute Waisenkinder auf, deren Eltern gestorben sind?

Christian Weise: Nein, es handelt sich um Kinder, die aus sozial benachteiligten und emotional belasteten Elternhäusern kommen, in denen sie zum Beispiel Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung erfahren haben. In unseren Wohngruppen und Außenwohngruppen leben Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 19 Jahren. Wir betreiben aber auch eine Kindertagesstätte mit 40 Plätzen und bieten darüber hinaus ambulante Familienhilfe an.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie und Ihre 58 Kollegen im Raphaelhaus?

Andrea Hörning: Viele der Kinder und Jugendlichen, die bei uns sind, müssen sozial und emotional erst mal nachtanken, um sich als Persönlichkeit zu stabilisieren. Viele sind durch die Erfahrungen in ihrem Elternhaus traumatisiert und entwickeln deshalb oft eine Bindungsstörung, weil sie ihr Urvertrauen verloren haben. Hier versuchen wir als Pädagogen, Erzieher, Sozialarbeiter, Psychologen und Heilpädagogen mit einer persönlichkeitsstärkenden Erlebnis-Pädagogik gegenzusteuern und seelische Verletzungen durch positive Erfahrungen zu heilen.

Warum haben Sie zu ihrem 100. Geburtstag einen Fachtag rund um das Thema Digitatlisierung zwischen Kompetenz und Sucht veranstaltet?

Christian Weise: Weil wir zwar eine alte Institution sind, aber als Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe täglich an unserer Zukunft arbeiten und uns so von Berufs wegen eine jugendliche Frische bewahrt haben. Wir können in unserer Arbeit mit den Jugendlichen, in der auch der Umgang mit Cyber-Mobbing oder der exzessiven Nutzung von Internet, Computer und Smartphone eine Rolle spielt, an dem Thema Digitalisierung nicht vorbeikommen. Ich stelle immer wieder fest, dass Jugendliche heute ein hohes technisches Wissen haben und in der Theorie die Chancen und Risiken der Digitalisierung kennen, aber in der Praxis dann doch oft blauäugig agieren, weil sie einfach dazu gehören wollen.

Welche Erkenntnis hat Ihnen der Fachtag gebracht?

Andrea Hörning: Dass wir auch im Zeitalter der Digitalisierung mit unserer Erlebnispädagogik richtig liegen, indem wir Jugendlichen wichtige Frei,- Spiel- und Erfahrungsräume bietet, damit sie sich zu einer stabilen Persönlichkeit zu entwickeln. Unsere Arbeit basiert auf einem guten, persönlichkeitsstärkenden und vor allem verlässlichen  Beziehungsangebot. Durch dieses Beziehungsangebot erleben die jungen Menschen im Haus oft das erste Mal, dass sie sich auf Erwachsene verlassen können, dass Versprechen eingehalten werden, dass man keine Angst haben muss, wenn „Fehler“ passieren. Die Erlebnispädagogik ist ein tolles Konzept, um Erfahrungen zu machen und seine Erfahrungen ausweiten zu können, um Vertrauen wieder aufbauen zu können.

Christian Weise: Mir ist verstärkt bewusst geworden, dass die bei uns lebenden Kinder und Jugendlichen früher erwachsen werden müssen, als ihre Altersgenossen, die in der Regel immer länger im Elternhaus bleiben. Das ist für unsere Bewohner und Kollegen eine besondere Herausforderung, die sie gemeinsam meistern müssen.
 
Andreas Hörning ist seit 2002 stellv. Leiterin des
Raphaelhauses.
(Die Fragen stellte Thomas Emons)     


Zur Person

Christian Weise - Jahrgang 1961, leitet das Raphaelhaus seit 2002, Der Diplom-Sozialarbeiter
und Diplom-Pädagoge hat an der Universität Duisburg/Essen studiert und ist ausgebildeter , Familienberater.

Andrea Hörning, Jahrgang 1965, ist seit 2002 seine Stellvertreterin.
Die Diplom-Heilpädagogin, Familientherapeutin, Kinder- und
Jugendtherapeutin und  Traumatherapeutin hat an der Fachhochschule in Hannover studiert.

Dieser Text erschien am 12. Juli 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

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