Direkt zum Hauptbereich

Posts

Es werden Posts vom September, 2014 angezeigt.

Geld ist doch nicht alles: Der Organisator der Mülheimer Bibeltage, Oskar Dierbach, über die fortschreitende Ökonomisierung unserer Gesellschaft

"Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Was hat uns dieses über 2000 Jahre alte Wort aus der Bergpredigt Jesu heute noch zu sagen? Es könnte nicht aktueller sein, glaubt der Organisator der ökumenischen Mülheimer Bibeltage, Oskar Dierbach. Deshalb hat Dierbach, der als Pflegedienstleiter im Altenheim Ruhrgarten arbeitet, zusammen mit einem Kreis von Theologen und Nichttheologen der Gerhard-Tersteegen-Konferenz eben dieses Wort als Leitthema für die Bibeltage ausgewählt, zu denen er am 20. und 21. September rund 400 Gäste einlud. Es können natürlich auch mehr werden, weil die seit über 100 Jahren stattfindenden Bibeltage eintrittsfrei und für alle Interessierten offen sind. Aber was könnte Menschen 2014 an der Mahnung Jesu vor dem Mammon interessieren? Es würden nicht so viele Menschen zu den Bibeltagen kommen, wenn sie nicht das Gefühl hätten, dass die Frohe Botschaft vom lebendigen und in Jesus Christus offenbarten Gott, der die Menschen liebt und will, etwas mit ihrem Leb…

"Wir müssen wegkommen vom Sitzungskatholizismus": Ein Rückblick und Ausblick mit dem scheidenden Vorsitzenden des Mülheimer Katholikenrates

An der Spitze des Katholikenrates, der als Laiengremium die 51.751 Mülheimer Katholiken veritt, vollzog sich am 24. September ein Stabwechsel. Der Vorsitzende Wolfgang Feldmann gibt sein Ehrenamt nach zwölf Jahren ab. Im Gespräch, das ich mit ihm für die NRZ führte, zieht er Bilanz und blickt nach vorn.

Frage: Warum geben Sie Ihr Amt auf?

Antwort: Feldmann : Ich finde es besser aus freien Stücken und zu einem Zeitpunkt zu gehen, an dem die Meisten sagen: „Schade, dass er schon geht.“ Man sollte kein Amt zu lange inne haben und es damit überstrapazieren. Denn neue Leute bringen wieder neue Ideen und Impulse mit. Das gilt für die Kirche ebenso wie für die Politik oder die Wirtschaft.

Frage: Gibt es denn schon einen potenziellen Nachfolger?

Antwort: Den gibt es, auch wenn ich mich gefreut hätte, eine Nachfolgerin zu bekommen. Über Namen spreche ich nicht, aber die Mitglieder der Vollversammlung des Katholikenrates werden nicht auf ihre Schnürsenkel schauen und sagen müssen: Hoffentlich frag…

Wie und warum an die Shoa erinnern? Eindrücke aus einer Tagung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg

„Wie und warum die Shoa erinnern?“ Eine schwierige Frage. Eine Tagung in der Wolfsburg stellte sie am 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen. Tagungsleiter Jens Oboth nannte gleich zu Beginn zwei Zahlen, die er selbst als unfassbar beschrieb: 55 Millionen Menschen verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben. 6 Millionen Menschen wurden Opfer der Shoa. „Wie kann man dieses unglaubliche Menschheitsverbrechen der nachwachsenden Generation vermitteln, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden“, fragte Oboth.
Der Regisseur Johannes Kuhn gab eine Antwort mit seinem Film „Der Dachdecker von Birkenau.“ In ihm gab er den millionenfachen Holocaust-Opfern ein Gesicht, in dem er den 90-jährigen Mordechai Ciechanower an den Orten seines Martyriums von seinem Leiden und Überleben in sechs Konzentrationslagern und Ghettos berichten ließ. „Das war das schlimmste Erlebnis in meinem Leben. Das hat mich zerbrochen“, erinnert sich Ciechanower im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau, in dem er ein…

Ein Modell, mit dem alle besser fahren würden: Warum der Vorsitzende des Seniorenbeirates, Helmut Storm, der Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft für unentberlich hält

Dass der von 15 Mitarbeitern geleistete Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) vor dem Aus stehen könnte, weil das Bundesprogramm Bürgerarbeit (siehe unten) Ende des Jahres ausläuft, treibt den Vorsitzenden des Seniorenbeirates, Helmut Storm, um. Deshalb plädiert der ehemalige Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes, wie der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur, Ulrich Schreyer, für einen steuerfinanzierten sozialen Arbeitsmarkt, weil sich dieser aus seiner Sicht nicht nur sozial, sondern auch volkswirtschaftlich auszahlt.

Frage: Warum ist der MVG-Begleitservice aus Ihrer Sicht unverzichtbar?

Antwort: Man muss sehen, dass viele ältere Menschen kein Auto haben oder kein Auto mehr fahren können und deshalb um so mehr auf Bus und Bahn angewiesen sind, um mobil zu bleiben und am öffentlichen Leben teilzunehmen. Dabei geht es um alltägliche Dinge, wie einen Arztbesuch, einen Einkauf, einen Theaterbesuch oder die Teilnahme an einem Kaffeekränzchen. W…

Gemeinsam vorankommen: Der Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft wird von Nutzern und Mitarbeitern nicht nur als ein Mobilitätsgewinn für alle Beteiligten erlebt: Seine langfristige Finanzierung steht aber auf wackeligen Beinen

Wer glückliche Menschen erleben möchte, sollte den Begleitservice der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) begleiten.

Begleiter, wie Joachim Schmidt (61), Hicham Hadij (40) oder Sven Becker (34) sind glücklich, weil sie aus der Arbeitslosigkeit herausgekommen sind und jetzt eine sinnvolle Arbeit haben, indem sie täglich Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, mobil machen, indem sie sie von zu Hause abholen und mit ihnen zusammen im Bus oder in der Bahn zum Friseur, zum Arzt, zum Einkauf oder zum Seniorentreff begleiten.

„Wenn Sie das einmal gemacht haben, wollen Sie das immer weitermachen“, sagt der aus Marokko stammende Jurist Hadij, dessen Hochschulabschluss in Deutschland nicht anerkannt wird. Auch sein Kollege Schmidt, der früher als Speditionskaufmann gearbeitet hat, sagt: „Ich habe noch nie eine Arbeit gemacht, die mich so befriedigt.“ Und Becker, der schon als Verkäufer, Gärtner und Kellner gearbeitet hat, erlebt bei seinen täglichen Bus- und Bahntouren, bei denen e…

So gesehen: Ein Silber-Blauer bei den Roten

Nun soll also Ulrich Scholten neuer SPD-Vorsitzender werden, ein Mann, von dem mehrere Dinge bekannt sind. Er ist Stadtverordneter und beherrscht damit das kleine Einmaleins der Politik. Er ist Arbeitsdirektor, was darauf hindeutet, dass er Arbeitnehmerbelange nicht nur vom Hörensagen kennt. Und er arbeitet für ein Stahlwerk, was eine robuste Kondition nahelegt. Eher unbekannt dürfte aber sein, dass der designierte SPD-Chef auch Ehrensenator der Karnevalsgesellschaft Röhrengarde Silber-Blau ist und sich damit auch unter Narren zu bewegen weiß. Jetzt wird auch klar, warum Scholten erst am 22. November gewählt werden soll - mitten in der Karnevalszeit. Aber, sehen wir es positiv, ein Karnevalist kann im Tollhaus der Politik, in dem so manche Narren das Blaue vom Himmel versprechen, nur hilfreich sein. Denn bei Politikern ohne Humor würden auch die Wähler bald nichts mehr zu lachen haben. Dieser Text erschien am 12. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Wenn Kinder ins Kloster gehen: Wie der Saarner Klosterfreund Wolfgang Geibert dem Nachwuchs dem Nachwuchs die Lebenswelt der Zisterzienserinnen von Marien Saal näherbringt

An diesem Sonntag kommen viele Menschen in den Saarner Klosterhof, um im Kloster-Café Kaffee und Kuchen zu genießen. Randi, Jonas, Ole-Einar,Tabitha, Carlos und Lorena wollen mehr. Sie lassen sich vom Klosterfreund Wolfgang Geibert durch das ehemalige Zisterzienserinnenkloster führen, das heute eine Bürgerbegegnungsstätte ist.

Eine gute Stunde kommen die Kinder, das Jüngste ist fünf, das Älteste zehn, nicht mehr aus dem Staunen heraus. Denn sie tauchen sehr spielerisch und handfest in eine Zeit ein, in der über 600 Jahre im Kloster gebetet und arbeitet wurde. Erste Überraschung: Wo heute Menschen im Kloster Saarn beschaulich wohnen, arbeiteten früher die Handwerker des Klosters. „Da wurde zum Beispiel Brot gebacken und Eisen geschmiedet. Und das Wasser kam damals natürlich nicht aus dem Wasserhahn, sondern aus dem Brunnen im Klosterhof, wo es die Nonnen mit einer Kurbel und einem Eimer aus zehn Metern Tiefe zu Tage fördern mussten“, berichtet der Klosterfreund. Die Kinder sind beim Bl…

Kostenlos, aber nicht umsonst: Telefonseelsorge wird immer wichtiger: Die Zahl der Anrufe stieg 2013 um 4000 auf 24.000 an

Telefonseelsorge wird immer wichtiger. Ihre 125 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprachen im vergangenen Jahr mit 24.000 Menschen in Not. Damit stieg die Zahl der Anrufer im Vergleich zum Jahr davor um 4000. Das bedeutet: Im Durchschnitt wählen täglich 66 Anrufer die kostenlosen Rufnummern der Telefonseelsorge. „Es vergeht kein Tag, an dem nicht mindestens ein Anrufer davon spricht, sich das Leben nehmen zu wollen. Außerdem stellen wir fest, dass die Leute sehr viel mehr als früher auch nachts anrufen“, schildert der Leiter der Telefonseelsorge Olaf Meier die Entwicklung.

Arbeitslosigkeit, Armut, soziale Isolation und daraus resultierende Probleme, wie Drogensucht oder Depression und andere psychische Erkrankungen. Das sind die zunehmend artikulierten Probleme, die sich die ehrenamtlichen Frauen und Männer am anderen Ende der Leitung anhören. „Die Probleme. die in den Gesprächen mit der Telefonseelsorge geäußert werden, schlagen auch in unseren Beratungsstellen auf. Dor…

Schlaglichter auf den Mülheimer Alltag während des Ersten Weltkrieges

August Thyssens Maschinenfabrik, in der damals auch Kriegsgefangene aus Russland und Belgien eingesetzt wurden, war während des Ersten Weltkriegs der drittgrößte Munitionshersteller Deutschland. Thyssen konnte die Gewinne seiner Fabrik durch die Kriegsproduktion bis 1917 auf rund 300 Millionen Mark verdreifachen und war, ebenso, wie der damalige Oberbürgermeister Paul Lembke bis zuletzt Verfechter eines deutschen Siegfriedens mit weitreichen Annexionen in Frankreich und Belgien. Auch in der Friedrich-Wilhelms-Hütte wurden Granaten für den Krieg produziert, aber in erheblich geringerem Umfang als bei Thyssen. Im Kriegsjahr 1917 bestand die Belegschaft der FWH aus 395 deutschen Arbeitern und aus 398 Kriegsgefangenen. Auch während des Zweiten Weltkrieges sollten Zwangsarbeiter in den Mülheimer Rüstungsbetrieben eingesetzt werden.
Kriegsbegeisterung Auch in Mülheim herrschte im August 1914 Euphorie. „Die Menschen sind auch hier auf die Straße gelaufen und haben gejubelt. Sie haben später …

Eine Zäsur der Zeitgeschichte: 1914-2014: Was lässt sich heute noch aus dem Ersten Weltkrieg lernen? Ein Gespräch mit dem Historiker Hans-Werner Nierhaus

40 Jahre lang hat Hans-Werner Nierhaus als Lehrer Schülern der Karl-Ziegler- und der Otto-Pankok-Schule Geschichte beigebracht. Als Ruheständler schreibt der 65-Jährige Geschichte. Nach seinem 2007 im Klartextverlag erschienen Buch über den Zweiten Weltkrieg in Mülheim will er voraussichtlich im Laufe des kommenden Jahres nun auch ein Buch über das lange 19. Jahrhundert vorlegen. In diesem Zusammenhang hat er sich auch mit dem Mülheimer Alltag im Ersten Weltkrieg beschäftigt. Zu Beginn einer kleinen Serie, die mit seiner Hilfe den Mülheimer Alltag im Ersten Weltkrieg beleuchtet, fragte die ihn in der Mülheimer NRZ danach, was wir 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges aus dieser Zäsur der Zeitgeschichte lernen können.

Frage: Warum ist für sie der Erste Weltkrieg noch ein Teil des langen 19. Jahrhunderts?

Antwort: Nierhaus: Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war die deutsche Gesellschaft immer noch eine sehr konservative Klassengesellschaft, die von den Werten des 19. Jahrhu…

Ein Leben in zwei Ländern im Herzen Europas: 75 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges sagt der in Polen geborene Mülheimer Wojciech Brzeska: "Auch in Polen schauen die meisten Menschen heute nach vorne und nicht mehr zurück."

„Deutschland macht Friedensvorschlag, aber Polen will nicht verhandeln.“ Mit dieser Titelschlagzeile verschleierte die vom NS-Regime gleichgeschaltete Mülheimer Zeitung am 1. September 1939 den deutschen Überfall auf Polen, mit dem vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg begann. Wie sieht der 20 Jahre nach Kriegsende in Polen geborene Mülheimer Wojciech Brzeska , der seit 26 Jahren in Deutschland lebt, den 1. September, der auch in diesem Jahr auf Einladung des Deutschen Gewerkschaftsbundes als Antikriegstag mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal im Luisental begangen wurde? Und wie beurteilt er vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie die wechselvolle Geschichte und Gegenwart der deutsch-polnischen Beziehungen?

Frage: Welche Rolle spielt die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Ihrem Leben?

Antwort: Brzeska : Mein deutschstämmiger Vater, der 1927 geboren wurde und 1975 gestorben ist, hat während des Weltkriegs als Soldat in der Wehrmacht gekämpft. Er hat mir später aber nur erzählt, d…