Freitag, 31. Mai 2019

Immer schön locker bleiben

Kleider machen Leute. So dichtete Gottfried Keller schon 1874. Früher galten Anzug und Krawatte für Männer, die was zu sagen hatten als das modische Maß aller Dinge. Dass eine Mülheimer Bank die Leser der Lokalpresse jetzt wissen ließ, dass ihr  Mitarbeiter künftig auch in Jeans und Sakko an ihrem Arbeitsplatz erscheinen dürfen, ohne eine Abmahnung zu riskieren, zeigt uns eine Zeitenwende an.

Ohne Anzug und Krawatte wäre Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer, eine Ausgeburt von Seriosität, doch nie auf die Straße gegangen. Von dem Mann hätte man sich doch blind gegen alles versichern lassen. Deshalb sahen viele auch rot, als es der Grüne Joschka Fischer in Sakko, Jeans und Turnschuhen Mitte der 1980er Jahre zu seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister antrat.
So ein Mann war doch zu allem fähig.

Welch ein Unterschied zu unseren Tagen, wo auch Top-Manager und Spitzenpolitiker zuweilen in Jeaans, T-Shirt, Sakko, Sportschuhen und mit offenem Hemdkragen vor die Kameras treten. Und was wollen sie uns damit sagen? Wohl, dass man sich in aufgeregten Zeiten wie den unseren alles leisten kann, nur nicht, dass einem der Kragen platzt.

Dieser Text erschien am 30. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 30. Mai 2019

Die Tücken der Technik


Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehen. So riet uns einst Blödelbarde Mike Krüger in einem seiner Spaßhits. Doch mit dem Nippel ist es heutzutage nicht mehr getan. Im digitalen Zeitalter sind Hardware, Software und Pin-Codes das Maß aller Dinge. Doch eines ist auf dem Weg analogen Nippel zum digitalen Pin gleichgeblieben. „Das ist alles ganz einfach!“ erklären uns die Verkaufsfeen aus dem digitalen Einkaufswunderland. Umso dümmer fühlt man sich denn auch als noch analog sozialisierter Kunde, wenn der auf der bereits bezahlte Lizenzkarte angegebene Pincode, für die Verlängerung des Computerprogramms auch beim dritten Anlauf nicht zur Verlängerung der gewünschten und benötigten Programmlizenz führt.

„Haben Sie den angegebenen Pincode auch korrekt eingegeben?“ fragt mich die Verkäuferin im entsprechenden Fachmarkt? Ich bin mir keines Fehlers bewusst und dennoch habe ich als analoger Technikmuffel irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass ich irgendetwas falsch gemacht oder übersehen habe, das mir den „ganz einfachen“ Zugang zur Lizenzverlängerung verwehrt und mir das Gefühl gibt, ein Idiot zu sein, der den Ansprüchen der schönen neuen Computer- und Online-Welt nicht genügt. Ich gebe mein Notebook, samt Pincode vertrauensvoll in die hoffentlich heilenden Hände der Computerfachverkäuferin. Doch auch sie muss nach dreimaliger Eingabe des Pincodes feststellen, dass das installierte Computerprogramm nicht so will wie sie will. „Da kann ich Ihnen leider auch nicht helfen. Ich bin nur alle 14 Tage hier und der Kollege, der sich damit auskennt, ist leider für die nächsten 14 Tage im Urlaub“, entpuppt sich die Fachkraft als Aushilfskraft. Ich freue mich für ihren Kollegen und versuche es jetzt mit einem 24-Stunden-Online-Support, in der Hoffnung, dass die Kollegen am anderen Ende der Datenverbindung nicht gerade in der Mittagspause oder auf Mallorca sind, wo sie vielleicht gerade auch auf eine Fachkraft warten, die ihnen hilft, den richtigen Pincode, zu finden, mit dem sie Geld aus dem Automaten oder ihre Hoteltüre geöffnet bekommen.

Dieser Text erschien am 28. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 28. Mai 2019

Erfolgsrezept Europa

Es gibt doch nichts schöneres als einen Familienausflug ins Grüne. Im vertrauten Kreis mal was anderes sehen und erleben. Das weckt die Lebensgeister. „Lass uns nicht immer zum Italiener gehen“, schlägt die gastgebende Schwester ihren beiden anderen Geschwistern vor. Die lassen sich von ihr gerne zu einer Wanderung ins Grüne überreden. Es geht bergauf und bergab. Der Appetit wächst mit der Aussicht auf die Einkehr in ein Landgasthaus mit gutbürgerlicher deutscher Küche. Mal schauen, was wir uns leckeres gönnen. Auf jeden Fall haben wir uns ein gutes Mittagessen verdient, wenn wir denn unser ersehntes Ziel im Grünen erreichen, das wir noch aus Kindertagen in guter Erinnerung haben. Und siehe da: Die Waldwege, die dort hinführen, sind immer noch so grün und schattig wie früher. Und endlich kommen auch die Hinweisschilder des Restaurants in Sicht, dessen Küche uns stets das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Doch nicht in Sicht kommen leider die netten Gastwirtsleute und ihre plakativ ausgehängten Speisekarten mit Schnitzel, Braten, Spätzle und Co. Die drei hungrigen Wanderer aus der Stadt sehen buchstäblich schwarz. Kein Leben mehr im alten Gasthaus. Alles leer und schwarz, wenn man durch die Fenster ins Innere schaut. Hier ist der Ofen offensichtlich schon länger aus, den alten Hinweisschildern an der Straße zum Trotz. Nach einer kurzen Verschnaufpause auf der Bank vor dem geschlossenen Gasthaus müssen die jetzt nicht nur hungrigen, sondern auch geschafften und frustrierten Wandersleute den Rückweg in die Stadt antreten. Müde, ausgehungert und reumütig kehren sie bei ihrem verschmähten Italiener ein und werden von ihm wie immer freundlich und fürstlich mit Pizza, Pasta, Kaffee und Eis bewirtet. Wie schön kann doch Europa sein, wenn man dort Freunde findet, die einen nicht im Regen stehen und am langen Arm verhungern lassen. Hoffentlich gilt das auch für die politischen Köche im jetzt gewählten Europaparlament, damit uns der Appetit auf Europa nicht vergeht und wir auch in der Zukunft nicht hungrig in die Röhre schauen müssen, weil zu viele politische Köche den Brei verdorben  und dafür gesorgt haben, dass der Ofen für uns aus ist.

Dieser Text erschien am 27. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 27. Mai 2019

Ein Pfarrer geht, der andere kommt


Manfred von Schwartzenberg (links) und Christian Böckmann
Mit einem vorgezogenen Pfarrfest, das am 25. Mai um 17 Uhr mit einem Gottesdienst in St. Barbara am Schildberg beginnt und am 26. Mai fortgesetzt wird, verabschiedet die Pfarrgemeinde ihren scheidenden Seelsorger Manfred von Schwartzenberg und begrüßt ihren neuen Pfarrer Christian Böckmann, der ab dem 1. Juni auch Pfarrer von St. Mariä Himmelfahrt wird. Vor dem Stabwechsel trafen sich die beiden Geistlichen zum Tischgespräch.

Herr von Schwartzenberg, mit welchem Gefühl scheiden Sie aus Ihrem Amt und welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg.

Schwartzenberg: Jeder Abschied fällt schwer. Aber ich empfinde vor allem Dankbarkeit für eine erfüllte Zeit, in der ich als Priester alles machen kannte, was und wie ich es wollte. Ich bin dankbar für die vielen, lieben und aktiven Menschen, auf die auch mein Nachfolger und sein Kollege, der als Pastor ab 1. September in St. Barbara sein wird, bauen können, wenn sie berücksichtigen, dass die etwa 200 ehrenamtlich Aktiven in St. Barbara daran gewohnt sind, frei und selbstständig zu arbeiten.

Pfarrer für zwei sehr unterschiedliche Pfarrgemeinden mit jeweils rund 16.000 Seelen zu sein, macht Ihnen diese Aufgabe keine Angst, Herr Böckmann?

Ich habe Manschetten vor meiner neuen Aufgabe. Ich habe auch noch kein fertiges Konzept. Vieles werde ich erst in der Praxis ausprobieren und lernen müssen. Aber ich trete mein neues Amt als Doppel-Pfarrer von St. Barbara und St. Mariä Himmelfahrt auch mit einer gewissen Gelassenheit an, weil ich weiß, dass es in beiden Pfarrgemeinden sehr selbständige und kompetente Menschen gibt, die mit ihren unterschiedlichen Begabungen zum Beispiel als Katecheten, Wortgottesdienst- und Beerdigungsleiter, in der Trauerpastoral oder auch bei der Verwaltung unserer Immobilien und als Mitglieder der Kirchenvorstände und der Pfarrgemeinderäte Gemeinde mittragen können. Anders wird es auch nicht gehen können.

Wie müssen Pfarrer und Ihre Gemeinden heute auf die Strukturkrise reagieren, in der sich die katholische Kirche befindet?

Schwartzenberg: Pfarrer können heute nicht mehr so auftreten, als hätten Sie die Wahrheit gepachtet. Pfarrer und Gemeindemitglieder müssen glaubwürdig das tun, wohinter sie stehen. Das ist ein Gebot der seelischen Hygiene. Wir dürfen uns an den unbestreitbaren Problemen des kirchlichen Lebens nicht festfressen, sondern müssen als Gemeinden immer wieder die Frohe Botschaft, dass die Liebe Gottes zu den Menschen in Jesus gegenwärtig geworden ist, in den Blick nehmen und leben.

Böckmann: Wir müssen als Pfarrer und Gemeindemitglieder noch stärker als bisher miteinander und zusammen Christen sein und dabei eine Großzügigkeit entwickeln, die auch mögliche Fehler verzeiht. Wenn alte Strukturen zerbrechen, kann das auch zu neuen Chancen und Freiräumen führen. Wir dürfen über alle Strukturdebatten die Freude am Glauben und die Begegnung und Gemeinschaft nicht vergessen, die Kirche stiften kann.

Zwingt der akute Priestermangel in der katholischen Kirche nicht zur Aufgabe des Pflichtzölibates?

Böckmann: Für uns als Kirche muss es darum gehen, sicherzustellen, dass wir auch weiter die Sakramente feiern können. Und vielleicht ist der Priestermangel ja auch ein Fingerzeig des Heiligen Geistes, der uns darauf hinweist, dass der Pflichtzölibat für den Zugang zum Priesteramt nicht erforderlich ist. Ich kenne viele verheiratete Theologen und Frauen, die mit dem Charisma der Seelsorge begabt sind und denen ich das Priesteramtes sofort zutrauen würde.

Schwartzenberg: Mein Eindruck ist, dass unser Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck in dieser Frage nicht blind ist. Er sieht und weiß, was kommen wird.

Wie kann die Kirche die durch die Missbrauchsfälle im Priesteramt entstandene Existenzkrise überleben?

Böckmann: Menschliches Versagen wird uns immer begleiten. Aber wir müssen die Opfer konsequent in den Blick nehmen, und das nicht nur mit Lippenbekenntnissen, sondern mit Taten.

Schwartzenberg: Die Leitung des Bistums ist das Thema des Missbrauchs mit großer Offenheit angegangen und ich kann die Verantwortlichen nur ermutigen, diesen Weg weiterzugehen.

Wie kann eine kleinere Kirche in einer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft ihre soziale und geistliche Relevanz bewahren?

Schwartzenberg: Die Kirche braucht das Feuer der Liebe. Sie muss kompromisslos für die Wertschätzung des Menschen eintreten und ihm Antworten auf seine existenziellen Fragen geben: Woher komme ich und wohin gehe ich?

Böckmann: Die Kirche darf sozialpolitisch nicht schwächeln. Sie muss den Menschen klar machen, was sie von der Wiege bis zur Bahre etwa in Kindertagesstätten, Familienbildungsstätten, in der Jugendarbeit, bei der Caritas, in Krankenhäusern und Pflegeheimen oder in der Trauerpastorale leistet. Der Weckruf des Papstes: „Diese Wirtschaft tötet“ mahnt und motiviert uns kompromisslos dafür einzutreten, dass die Würde des Menschen nicht den Erfordernissen einer ökonomisierten Gesellschaft geopfert werden darf.

Zur Person:

Der 1971 zum Priester geweihte Manfred von Schwartzenberg feiert am 20. Mai seinen 75. Geburtstag. Bevor er 1992 Pfarrer von St. Barbara wurde, war der 1971 zum Priester geweihte Theologie als Seelsorger in Gelsenkirchen und Mülheim sowie als Militärseelsorger in Augustdorf und Bonn tätig. Zwischen 1993 und 2007 war er Mülheimer Stadtdechant. Sein Nachfolger als Pfarrer von St. Barbara ist der 1962 geborene und 1990 zum Priester geweihte Christian Böckmann. Böckmann ist noch bis zum 1. Juni Diözesanbeauftragter für die Krankenhausseelsorge und seit einem Jahr Pfarradministrator in St. Mariä Himmelfahrt. Seine ersten 20 Priester-Jahre verbrachte er in St. Urbanus (Gelsenkirchen).
Dieser Text erschien am 18. Mai 2019 im Neuen Ruhrwort

Sonntag, 26. Mai 2019

Wichtigen Fragen Gehör verschaffen


Katharina Jestaedt
Foto Katholisches Büro Berlin
In einem Gespräch, das ich für die katholische Wochenzeitung Neues Ruhrwort geführt habe, äußert sich die stellvertretende Leiterin des Katholischen Büros in Berlin, Katharina Jesteadt zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes über das Verhältnis zwischen Kirche, Politik und Staat. 

Vor 70 Jahren entstand im Parlamentarischen Rat das Grundgesetz. Welchen Einfluss nahm die Katholische Kirche auf die damaligen Beratungen?



Der Kölner Domkapitular Wilhelm Böhler, wurde 1948 vom Kölner Erzbischof und Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Frings beauftragt, die im Zuge der Beratungen des parlamentarischen Rates eventuell notwendigen mündlichen Verhandlungen mit den katholischen Parlamentariern zu führen. Das war praktisch die Geburtsurkunde des institutionalisierten Kontaktes zwischen der katholischen Kirche und staatlich-politischen Instanzen. Man sagt, dass Prälat Böhler sehr engagiert und durchaus überzeugend agiert hat. So soll es etwa durchaus auch seinem Einfluss zu verdanken seien, dass Art. 7 Abs. 3 des Grundgesetzes in staatlichen Schulen grundsätzlich einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht vorsieht.



Warum brauchen wir auch heute katholische Büros in der Bundeshauptstadt und in den Landeshauptstädten?



Es gibt so viele politische Themen, bei denen wir als Kirche jenen eine Stimme geben, die sonst kaum Gehör finden. Ich nenne nur die Fragen von Flucht und Vertreibung, von globaler Gerechtigkeit, den Schutz der Schöpfung oder den Lebensschutz. Auf all diesen und vielen weiteren Feldern ist unsere Stimmen wichtig, nicht zuletzt, weil wir uns hier als Kirchen glaubwürdig engagieren.

  

Die Zahl der Kirchenmitglieder geht zurück. Schwächt das den politischen Einfluss der katholischen Kirche und ihrer evangelischen Schwesterkirche?



Natürlich ist der Rückgang kirchlicher Bindungen in den Verwaltungen und im Deutschen Bundestag auch in unserer Arbeit spürbar, auch wenn in den politischen Eliten unseres Landes die religiöse Bindung der Politiker noch sehr deutlich spürbar ist. Wir führen übrigens auch sehr fruchtbare Diskussionen mit Politikern, die gar nicht religiös verankert sind.

Ob unser Einfluss im politischen Diskurs noch erheblich ist, hängt in erster Linie davon ab, ob wir überzeugend argumentieren und selber glaubwürdig sind. Für Letzteres ist etwa die Frage unseres Umgang mit dem sexuellen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ganz entscheidend.



Man hört gelegentlich die Kritik, die katholische Kirche kümmere sich oft zu sehr um politische Fragen und vernachlässige die Aufgabe der Glaubensvermittlung. Was sagen Sie zu solcher Kritik? Früher gab es eine enge Koalition zwischen der Katholischen Kirche und den Christdemokraten.



Diese Kritik müssen wir natürlich ernst nehmen. Bevor wir uns zu einer politischen Frage äußern, stellen wir uns immer die Frage, ob es notwendig ist, dass die Kirche zu diesem oder jenem Thema Stellung bezieht. Allerdings stellen wir auch immer wieder fest, dass Politiker dieses Argument bemühen, wenn sie unsere Haltung zu einem bestimmten Thema einfach lästig finden.



Wie sieht es heute mit dem Verhältnis der Katholischen Kirche zu den politischen Parteien aus?



Das Katholische Büro ist mit allen im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien im Gespräch. Die Intensität der Kontakte ist je nach Thema mit der einen oder der anderen Partei größer oder kleiner. Und natürlich gibt es Parteien, für die das christliche Menschenbild stärker handlungsleitend ist als für andere.



Wie hat Ihre Arbeit in Berlin Ihren Blick auf Politik geprägt und verändert? Ist Politik ein dreckiges Geschäft, ein notwendiges Übel, eine Ansammlung von Weltverbesserern und Lobbyisten, das Machtzentrum der Nation, eine Erfüllungsgehilfin der Wirtschaft oder die Ideenschmiede der Nation?



Der enge Kontakt zu den politischen Verantwortungsträgern hat bei mir in erster Linie dazu geführt, dass ich mehr Respekt vor der Arbeit unserer Volksvertreter habe. Das gilt nicht nur für das Arbeitspensum, was jeder Einzelne zu bewältigen hat. Das gilt auch angesichts der inhaltlichen Komplexität der politischen Fragestellungen, nehmen sie nur solche Megathemen wie die Digitalisierung, eines nachhaltigen Lebensstils oder auch den Umgang mit weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen. Hinzu kommt, dass sich der politische Diskurs nicht zuletzt durch die gewachsene Bedeutung der sozialen Medien stark verändert und beschleunigt hat. Es bleibt oft kaum Zeit zum Nachdenken und Diskutieren. Und die Abgeordneten sind heute in sehr viel stärkerem Maße aggressiven, oft anonymen Angriffen ausgesetzt. Das alles sollte man im Kopf haben, bevor man das nächste Mal über „die Politiker“ schimpft.



Was würden Sie gerne durchsetzen, wenn Sie zur Bundeskanzlerin gewählt würden?



Ein ambitioniertes Klimaschutzgesetz und ein Rüstungsexportgesetz, um mal zwei ganz konkrete Anliegen zu benennen.


Katharina Jestaedt, Stellvertreterin des Leiters des Kommissariats der deutschen Bischöfe
1969 geboren in Lissabon/Portugal, 1988-1993 Studium der Rechtswissenschaft in Bonn und Freiburg, Erstes juristisches Staatsexamen, 1993-1995 Mitarbeiterin im Bundeskanzleramt (politische Planung, Reden), 1995-1997 Rechtsreferendariat, Zweites juristisches Staatsexamen, 1997-1999 Referentin im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Europa) und im Bundeskanzleramt (politische Planung, Reden), 1999-2009 Richterin am Verwaltungsgericht Köln und am Oberverwaltungsgericht NRW mit zeitweiligen Abordnungen an die Staatskanzlei NRW (Medien) und das Justizministerium NRW (Leitung Ministerbüro), 2009-2011 Referatsleiterin im Justizministerium NRW  (Personal, Justiziariat). Seit August 2011 Stellvertreterin des Leiters des Kommissariats der deutschen Bischöfe.

Dieser Text erschien am 11. Mai 2019 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 24. Mai 2019

Ansichten eines Zeitzeugen


Dr. Wilhelm Knabe
Am 70. Geburtstag des Grundgesetzes blättert der Zeitzeuge Wilhelm Knabe (95) in unserer Verfassung. Als Wissenschaftler und Politiker war der Nestor der Grünen nicht nur Zeitzeuge, sondern auch eine aktive Person der Zeitgeschichte. Was fällt dem gebürtigen Sachsen, der 1967 in Mülheim seine zweite Heimat fand, ein, wenn er das Grundgesetz liest?

Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Knabe: Das ist ein Ideal, ein paradiesischer Zustand. Der Respekt vor dem Leben ist der höchste Wert, ohne den keine menschenwürdige Gesellschaft existieren kann. Ich habe als Soldat der Wehrmacht und als Sohn eines Pfarrers, der vergeblich versuchte, seelisch kranke Insassen einer Anstalt vor der Euthanasie zu bewahren und der an diesem gescheiterten Versuch zerbrochen ist, das Gegenteil von Menschenwürde erlebt.

Artikel 3: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“

Knabe: Ich habe erlebt, was fehlende Rechtsgleichheit bedeutet, als in während der 1960er die USA bereiste, wo Schwarze in den Südstaaten nur hinten im Bus Platz nehmen durften, während die besseren Plätze im vorderen Teil des Busses, auf denen man mehr frische Luft bekam, den Weißen vorbehalten waren. Aber ich mache mir nichts vor. Auch bei uns hängt es nicht zuletzt von den persönlichen Geldmitteln ab, ob man sein Recht nicht nur hat, sondern auch bekommt.

Artikel 4: „Die ungestörte Religionsausübung ist gewährleistet.“

Knabe: Alleine von einem Event zum nächsten zu springen. Das reicht nicht, um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten. Aber die Religionsgemeinschaften können nur durch ihr eigenes Vorbild Menschen zu der Überzeugung bringen: Das ist eine gute Sache. Da möchte ich dabei sein und mitmachen.

Artikel 5: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten.“

Knabe: Vieles lässt sich nur dann ändern, wenn viele Menschen darauf bestehen, dass es sich ändert. Deshalb sehe ich die Fridays-for-Future-Bewegung als den Aufbruch einer ganzen Generation, die uns alle dazu zwingt mehr an die Zukunft unseres Planeten zu denken und unser politisches Handeln darauf hin auszurichten.

Artikel 6: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“

Knabe: Mit großem Erschrecken sehe ich, dass viele junge Leute heute keine Familien mehr gründen, weil sie keine berufliche Sicherheit, sondern nur zeitlich befristete Verträge bekommen. Auch die ständige Verfügbarkeit, die ihnen von immer mehr Arbeitgebern abverlangt wird, behindert das Ehe- und Familienleben.

Artikel 13: „Politisch Verfolgte genießen Asyl.“

Knabe: Als politischer Flüchtling aus der DDR habe ich 1959 am eigenen Leibe erlebt wie schwer es ist, wenn man ohne Arbeitsstelle ist und Einheimischen gegen die Zugezogenen zusammenhalten. Das Asylrecht ist für ein geordnetes Staatswesen von großem Nutzen, weil es Menschen zur Toleranz erzieht. Der Anspruch auf Asyl muss individuell und nach bestem Wissen und Gewissen auf der Basis von Fakten geprüft werden. Starre Regeln helfen nicht. Wenn wir Flüchtlinge in die unmenschlichen Lager nach Libyen zurückschicken, wird das auf unsere eigene Gesellschaft abfärben, in dem die Menschen dann immer skrupelloser miteinander umgehen. Nicht der Fitteste muss in unserer Gesellschaft gewinnen, sondern der, der solidarisch mit anderen zusammenarbeitet.

Artikel 21: „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.“

Knabe: Die Grünen haben den Umweltschutz zum politischen Thema gemacht und als eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe in die Parlamente und Verwaltungen getragen. Aber Parteien sind kein Selbstzweck. Sie müssen ihren Kern bewahren. Die Demokratie lebt von Wahlen und vom regelmäßigen Regierungswechsel, damit keine Partei dazu verführt wird, ihre Anhänger besser zu bedienen als andere Bürger. Gute Karrieren zu machen, ist nicht ehrenrührig, wenn diese nicht durch unfaire Mittel und den Ausschluss bestimmter Menschen befördert werden.



Artikel 24: „Der Bund kann durch Gesetz Hoheitsrechte auf zwischenstaatliche Einrichtungen übertragen.“

Knabe: Ich hoffe, dass die Vernunft auf unserem Kontinent ausreicht, um die Europäische Union zu erhalten statt sie weiter zu zerstören. Eine große Staatengemeinschaft kann in unserer Welt mehr erreichen als ein einzelner Staat. Ob Umweltzerstörung oder demografischer Wandel. Wir haben viele Großbaustellen, die wir gemeinsam angehen müssen. Egoismus und Nationalismus können langfristig nur zum Zusammenbruch führen. Wir brauchen Bildung und Solidarität, um das Raumschiff Erde sicher durchs All zu steuern.

Artikel 38: Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.

Knabe: Als Bundestagsabgeordneter der Grünen trat ich 1989 und 1990 dafür ein, dass die Einheit Deutschlands ein erstrebenswertes Ziel sei. Das sahen viele Kollegen in meiner Fraktion damals anders, weil sie Angst vor einem neuen deutschen Nationalismus hatten. Doch mit Nationalismus konnte man damals in Deutschland keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken. Doch das ist inzwischen leider wieder anders.

Zur Person: Dr. Wilhelm Knabe ist Forst und Umweltwissenschaftler. Der Vater von vier erwachsene Kindern ist verwitwet. 1978 gehörte er zu den Mitbegründern der Grünen in Nordrhein-Westfalen. Von 1979 bis 1984 agierte er als Parteisprecher der Grünen auf Landes- und Bundesebene. Von 1987 bis 1990 gehörte er dem Deutschen Bundestag und von 1994 bis 1999 dem Rat der Stadt Mülheim an. Neben seinem Ratsmandat bekleidete er damals das Amt des 2. Bürgermeisters. Heute ist Knabe Ehrenvorsitzender der Grünen.

Dieser Text erschien am 23. Mai in NRZ und WAZ

Mittwoch, 22. Mai 2019

Aufforderung zur Dienstfahrt

Eigentlich komisch. Alle reden heute von Elektromobilität. Aber ausgerechnet in Mülheim denkt man darüber nach, die Straßenbahn abzuschaffen. Da waren unsere Vorfahren, die ihre Mark auch nur einmal ausgeben konnten, schon weiter. Sie entdeckten und schätzten die elektrische Straßenbahn als schnelles, umweltschonendes und platzsparendes Massenverkehrsmittel.

Autoverstopfte Straßen sollten für die Stadtplanung von heute doch eigentlich von gestern sein. Doch gerade gestern kannte man eben dieses Problem mit allen seinen Risiken und Nebenwirkungen nicht, weil man ja die Tram hatte, die Bürger schnell und preiswert von A nach B brachte und den anderen Verkehrsteilnehmern, die auf zwei und vier Beinen oder Rädern unterwegs waren, noch genügen Platz ließen, um ihrer Wege zu gehen und zu fahren.

Das Problem der heutigen Mobilität ist wohl, dass jeder für sich alleine vorankommen will und deshalb lieber allein im Stau steht als sich mit anderen zusammen in einen Bus oder eine Bahn zu setzen. Auch jene, die in unserem Land und in unserer Stadt über die Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur entscheiden, fahren in der Regel, nicht Bus oder Bahn, sondern ihren Dienstwagen.

Dabei täte so manchem Politiker oder Planer, der bürgernah ist oder werden will eine Dienstfahrt mit Bus oder Bahn sicher gut. Denn jeder, der schon mehr als einmal mit Bus und Bahn unterwegs war, weiß, dass es keine sozialere und kommunikativere Form der Fortbewegung gibt, bei der man ganz nebenbei alles erfährt, was man über das wirkliche Leben wissen muss.

Dieser Text erschien am 22. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 21. Mai 2019

Politisches Glücksspiel


Der Europa-Wahlgang macht seinem Namen alle Ehre. Der Weg nach Europa ist für Mutter und mich besonders weit. Normalerweise sind Wahlen für uns ein Sonntagsspaziergang ins Wahllokal an der nächsten Straßenecke. Doch diesmal ist alles anders. Der Aufzug in unserem Haus hat ausgerechnet vor der Europawahl seinen Betrieb eingestellt. Seine Wiederherstellung wird uns erst am Tag nach der Wahl in Aussicht gestellt. Schlechte Karten für die Generation Rollator, die vor Jahrzehnten als junger Hüpfer leichtfüßig ins Obergeschoss eingezogen ist, ohne auch nur einen Gedanken an das harte Brot der späten Jahre zu verschwenden. So schnell wird man von seinem demokratischen Wahlrecht abgeschnitten. Ist das nicht ein Fall ein Fall für die Europäische Union? Doch bis Mutter und ich in Brüssel jemanden erreichen, ist die Wahl gelaufen. Also halten wir uns an das Wahlbüro im Rathaus. Briefwahl heißt der Ausweg.


Als Kurier meiner Mutter und unserer Wahl-und Wohngemeinschaft zeigt mir der verlängerte Wahlgang, treppauf und treppab. Demokratie hält einen auf Trapp halten und ist ein schweißtreibendes Geschäft sein, vor allem, wenn man daheim auf dem Küchentisch den 93 Zentimeter langen und mit 40 Wahlvorschlägen kleinbedruckten Stimmzettel studiert und sich fragt, wo man sein Kreuz zur Rettung des Kontinents machen soll. Christliche, soziale, freie und ökologische Demokraten stehen auf dem grauen Wahlzettel neben den Grünen, den Violetten und den Grauen Panthern. Auch Parteien wie die Liebe, die Humanisten oder Menschliche Welt haben dort ihren Platz. Sollten nicht alle, die von ins Europaparlament gewählt werden wollen, aus Liebe zu uns und in unserem Namen für eine menschliche Welt sorgen? Auch Berufsbezeichnungen wie Angestellter, Geschäftsführer, Beraterin oder Selbstständiger erhellen die Wahlentscheidung mit Blick auf die Kompetenz der Kandidaten nicht. Je länger der Wahlgang desto quälende wird die Gewissenserforschung. Doch irgendwann haben Mutter und ich dann doch unser Kreuz gemacht, wohlwissend, dass bei einer Quote 1 aus 40 die Chance auf einen Hauptgewinn noch unwahrscheinlicher ist als beim klassischen Lottospiel 6 aus 45. Doch im Leben wie im Lotto gilt: Nur wer wagt, gewinnt.
Dieser Text erschien am 21. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 20. Mai 2019

Ein Zeitsprung an der Oberhausener Straße


So sieht die Oberhausener Straße heute aus
Wir schauen auf die Oberhausener Straße anno 1910. Eine Postkarte aus dem Stadtarchiv macht es möglich. Seit 1897 heißt es auch für die Styrumer: „Bitte einsteigen“, wenn die Straßenbahn kommt. Die fährt damals im Sieben-Minuten-Takt Richtung Mülheim und Oberhausen und befördert damals bereit 9 Millionen Fahrgäste pro Jahr. 31.000 der über 100.000 Mülheimer leben damals in Styrum. Zum Vergleich: Heute leben 16.000 der ins insgesamt 172.000 Mülheimer in Styrum. Der Stadtteil, der von 1878 bis 1904 eine eigenständige Bürgermeisterei war, zu der auch Dümpten und Alstaden gehörten, ist durch das 1871 von August Thyssen gegründete Stahlwerk groß geworden. Die Vorgängerin der jetzt neu gebauten Thyssenbrücke überbrückt erst ab 1911 die Gleise der 1862 eröffneten bergisch-märkischen Eisenbahnlinie, die Thyssen nach Styrum geholt und den ursprünglich bäuerlich geprägten Ort industrialisiert hat. 1910 muss die Straßenbahn ihre Fahrt von Mülheim in Richtung Oberhausen noch an einem beschrankten Bahnübergang unterbrechen, was ihren Fahrplan regelmäßig aus dem Takt bringt. Direkt am Bahnübergang können sich die Fahrgäste in der Gaststätte Biegmanns Hof mit einem schnellen Bierchen verkürzen. Biegmanns Hof ist damals eine von 33 Styrumer Gaststätten. Auch 1910 ist die 2,2 Kilometer lange Oberhausener Straße eine belebte Wohn- und Geschäftsstraße. Einige der dort in der Kaiserzeit errichteten Häuser haben den Zweiten Weltkrieg überstanden. Auch um 1910 gehören zu den neuen Styrumern viele Zuwanderer aus Deutschland und seinen Nachbarländern, die im aufstrebenden Industrieort Arbeit, Brot und Zukunft suchen. Und auch damals schon passiert die Straßenbahn auf der Oberhausener Straße den Marienplatz und die in den 1890er Jahren unter anderem mit Geld von August Thyssen errichtete Kirche St. Mariae Rosenkranz. Auch das Gebäude der heutigen Willy-Brandt-Schule, das wir am Horizont erkennen gehört zu den Konstanten an der Oberhausener Straße. Anno 1910 lernen dort katholische Volksschüler in 16 Klassen fürs Leben. Die 1908 eröffnete Schule ist modern eingerichtet, verfügt unter anderem über eine Turnhalle, eine Schulküche, Handwerksräume und einen Schulgarten. 1968 wird aus der Volks-eine Haupt- und 1986 eine Gesamtschule.

Dieser Text erschien am 20. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 19. Mai 2019

Wahlkampf auf dem Wochenmarkt


Wenn wir heute über die Schloßstraße gehen, werden wir nicht nur auf den Wochenmarkt stoßen, dessen Händler uns Lebensmittel anbieten. Einkaufen an der frischen Luft macht regt den Appetit an. Mit diesem Erfolgsrezept versuchen uns derzeit auch die Europa-Wahlkämpfer ihre politischen Appetithappen auf der Schloßstraße und am Kurt-Schumacher-Platz zu servieren, garniert mit Kugelschreibern, Gummibärchen, Luftballons und Chips für den Einkaufswagen und präsentiert in den schönsten Farben. Für jeden Farb-Typ ist was dabei: Schwarz, Rot, Gelb, Himmelblau, Grün oder Magenta. Auch die politische Poesie, die uns die Handelsreisenden der Parteien auf dem politischen Markt der Möglichkeiten in bunten Broschüren mit auf den Weg geben, wecken die schönsten Fantasien und verlocken dazu, anzubeißen. „Wir schaffen das Soziale Europa!“ „Klimaschutz!“ „Miteinander!“ „Wo der Mut kommt, geht der Hass!“ „Kommt zusammen und macht Europa stark!“ „Unser Europa gibt Sicherheit!“ „Renten sichern und erhöhen!“ Wer kann da noch widerstehen? Im Wahlkampf erscheint uns die Politik wie die zarteste Versuchung seit es Parteien und Kandidaten gibt. Die Kandidaten, die unsere Volksvertreter werden wollen, erscheinen uns als wahre Lichtgestalten, die uns verstehen und alles für uns tun. Wer sich auf dem politischen Markt der Möglichkeiten umschaut, der zuweilen wie ein politischer Märchenwald anmutet, dem fällt Hape Kerkelings Lied ein: „Das ganze Leben ist ein Quiz und wir sind nur die Kandidaten. Und wir raten, raten, raten“ ein. Auf dem Wahl- wie auf dem Wochenmarkt gilt: Wir müssen uns für ein Produkt entscheiden, ohne vorher zu wissen, ob es uns bekommt oder schwer im Magen liegt. Schade, dass es nach einer Wahl wie bei jedem guten Menü keinen Nachtisch gibt. Ob auf der Schloßstraße oder anderswo: Ich sähe gerne mal Plakate, die wahrheitsgemäß verkünden: „Mieten und Strom bezahlbar gemacht!“ „Faire Ausbildungs- und Arbeitsplätze geschaffen!“ „Steuergerechtigkeit hergestellt!“ „Waffenhandel eingestellt!“ und: „Kleptomanische Diktatoren in den Knast gebracht!“ Das wären wirklich mal schöne Aussichten, die Lust auf die nächste Wahl machen würden.


Dieser Text erschien am 18. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 18. Mai 2019

Ein Zeitsprung an der Schloßstraße


Ein Blick auf die Schloßstraße 1974 und 2019
Archivfoto Franz Rolf Krapp
Aktuelles Foto Thomas Emons

Wir setzen den letzten Zeitsprung fort und bleiben mit einer historischen Aufnahme aus Franz-Rolf Krapps Buch „Mülheim nach 1945“ im September 1974. Die aktuelle Aufnahme entstand jetzt auf dem Dach des neuen Hotels Holiday Inn Express, als an der Stelle, an der zwischen 1953 und 2010 der Kaufhof seine Kunden anlockte.

So voll – das historische Bild zeigt es - war die Schloßstraße, als nicht nur die Mülheimer mit einer „Mülheimer Woche“ vom 7. bis zum 15. September 1974 ihre neue Innenstadt feierten. Die neue Innenstadt, dass war nicht nur die Schloßstraße, die zu einer Fußgängerzone mit Tiefgarage umgebaut worden war. Zur neuen Innenstadt gehörten auch das im März 1974 eröffnete City-Center und der neugeschaffene Hans-Böckler-Platz mit seinen Hochhäusern. Stadt und Einzelhandel investierten damals 350.000 Mark in einen Festmarathon aus über 60 Einzelveranstaltungen. Konzerte, Musikumzüge, Theateraufführungen, Märkte, Ausstellungen, Lesungen, eine Riverboat-Shuffle, Tage der offenen Türe im Rathaus, bei der Feuerwehr und bei der Polizei, eine Kirmes am Hans-Böckler-Platz, ein spektakuläres Feuerwerk über der Ruhr und ein nicht minder spektakulärer Drahtseilakt, den die Traber-Familie zwischen Rathausturm und Stadthalle aufführte, lockten während der Mülheimer Woche insgesamt rund 500.000 Menschen in die Innenstadt. Zur Eröffnung der Mülheimer Woche hatte der damalige Oberbürgermeister Heinz Hager, der wenig später ins Amt des Oberstadtdirektors wechseln sollte, gesagt: „Mit dem, was wir hier in der Innenstadt getan haben und weiterhin tun, geht es uns nicht um eine dynamische Selbstdarstellung, sondern darum, dass sich die Menschen in ihrer Stadt begegnen und wohlfühlen können. Dabei kann man Begegnung und das Überwinden von Anonymität nicht verordnen. Nur durch fröhliches Mittun, können sich Bürger ihre erschließen und das Bewusstsein erleben: Das ist meine Stadt.“

Was Hager damals sagte, gilt sicher auch heute unter völlig veränderten Rahmenbedingungen in unserer Innenstadt.

Dieser Text erschien am 13. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 17. Mai 2019

Stolpersteine geben NS-Opfern ein Gesicht

An Stolpersteinen nimmt man Anstoß. Doch in Mülheim und 1264 anderen Städten Europas liegen auch Stolpersteine, die ein Denkanstoß sind. Mit ihren Namen und Lebensdaten erinnern sie an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, verlegt vor ihren letzten freiwilligen Wohnorten. Die Idee dazu hatte der Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine des Gedenkens seit 1996 verlegt. Am 24. Mai werden in Mülheim weitere 20 Stolpersteine verlegt. Dann werden 168 Mülheimer, die zu Opfern der NS-Diktatur geworden sind an 92 Stellen im Stadt- und Straßenbild sichtbar sein.
Genau das ist auch das Ziel der derzeit 15 Menschen, die sich in der örtlichen Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine, die sich regelmäßig im Stadtarchiv an der Von-Graefe-Straße treffen, um Opfer-Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus zu recherchieren und auf der Internetseite des Stadtarchivs www.stadtarchiv-mh.de zu dokumentieren. "Wir wollen den Opfer ein Gesicht geben", sagt der langjährige Stolperstein-Aktivist Friedrich-Wilhelm von Gehlen. Bei ihrer Arbeit werden sie von Stadtarchivarin Annett Fercho unterstützt. Akten und Meldekarten werden ausgegraben und ausgewertet. "Oft kommt der erste Hinweis von Verwandten oder Nachbarn, die die Menschen gekannt haben, die dem Hitler-Regime zum Opfer gefallen sind", berichtet Fercho. So war es auch im Fall der psychisch kranken Katharina Sandmann, deren Schicksal von ihrer Großnichte Ingvild Mathe-Anglas rechiert und dokumentiert ist. Die Journalistin wird den Lebens- und Leidensweg ihrer Großtante, der einer der neuen Stolpersteine gewidmet ist, am 23. Mai um 19 Uhr mit einem eintrittsfreien Vortrag im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 vorstellen.

Fundierte Forschungsarbeit

Für den Leiter des Stadtarchivs, Dr. Kai Rawe, ist die Mitarbeit seines Hauses in der AG Stolpersteine "ein Teil unseres Auftrages, die Geschichte unserer Stadt nicht nur zu verwahren und zu verwalten, sondern auch aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In diesem Sinne ist die Arbeit, die hier von engagierten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern geleistet wird nicht nur eine emotionale Auseinandersetzung mit dem Schicksal der NS-Opfer, sondern eine fundierte Forschungsarbeit."
Für die Stolperstein-Rechercheurin und Autorin Christel Squarr-Tittgen geht es darum "mit den Opfer-Biografien Geschichte erlebbar zu machen und das perfide Verfolgungssystem der Nationalsozialisten aufzuzeigen." Ihr Kollege David Bakum (19) möchte den NS-Opfern "ihren Namen zurückgeben" und mit dazu beitragen, "dass sich diese Geschichte nicht wiederholt." Als Mitglied der Jüdischen Gemeinde hat seine Mitarbeit in der AG Stolpersteine nicht nur eine historische, sondern auch eine biografische Dimension. "Es ist schon ein gruseliges Gefühl, wenn man die Akten in Händen hält, die damals Menschen in Händen gehalten und bearbeitet haben, die nichts gutes im Schilde führten", sagt Bakum.
Angesichts der Tatsache, dass allein 270 jüdische Mülheimer dem Holocaust zum Opfer gefallen sind, geht Friedrich Wilhelm von Gehlen davon aus, dass die jetzt vorliegenden 168 Opfer-Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus noch lange nicht das Ende der Recherche- und Dokumentationsarbeit der AG Stolpersteine bedeuten. Diese Arbeit, daran erinnert Bürgermeisterin Margarete Wietelmann jetzt bei der Vorstellung der neuen Stolperstein-Etappe, wurde in Mülheim 2004 von Schülern der Realschule Stadtmitte begonnen. Zum 75. Geburtstag ihrer Schule recherchierten und dokumentierten sie damals die Biografien jüdischer Mitschüler, die im Zuge des Holocaust ermordet worden waren.
Auch wenn sich Friedrich Wilhelm Gehlen an einen Fall erinnern kann, in dem ein Mann gegen  die Verlegung eines Stolpersteins vor seinem Haus protestierte, "weil dann ja jeder weiß, dass ich das Haus damals für einen Appel und ein Ei gekauft habe", sieht er in der Tatsache, dass sich immer wieder Spender für die 120 Euro kostenden Stolpersteine mit den in Messing gravierten Namen und Lebensdaten der NS-Opfer finden, dass diese Form des Gedenkens im öffentlichen Raum in der Mülheimer Bürgerschaft eine breite Akzeptanz findet.
Dieser Text erschien am 16. Mai 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Donnerstag, 16. Mai 2019

Auf den Mülheimer Spuren der EU

"Was haben wir mit der Europäischen Union zu tun? Das bringt doch nichts und kostet nur unser Steuergeld, mit denen die Eurokraten in Brüssel durchgefüttert werden." Solche und ähnliche EU-kritische Stimmen hört man vor der europäischen Parlamentswahl am 26. Mai immer wieder. Deshalb luden der Regionalverband Ruhr (RVR) und die kommunale Wirtschaftsförderung Mülheim & Business 13 Tage vor der Wahl interessierte Bürger zu einer Europa-Tour durch Mülheim.
23 Frauen und Männer waren mit von der Partie, nahmen sich sechs Stunden Zeit, um an verschiedenen Standorten der Stadt zu erfahren, wie die Europäische Union in Mülheim Geld an die Bürgerinnen und Bürger seines größten Nettozahlers Deutschland zurückgibt.

Impulse für die Stadtentwicklung

Schon beim Start im Ratssaal hatte Tour-Leiter Paul Richard Gromnitza eine beeindruckende Zahl parat. Seit 2007 sind 23 Millionen Euro aus dem EU-Haushalt nach Mülheim geflossen. Außerdem steigert die EU das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland um 1045 Euro. "Allein in das Stadtentwicklungsprojekt Ruhrbania, zu dem auch das Haus der Wirtschaft gehört, hat die Europäische Union 5,9 Millionen Euro investiert", verrät Klaus Beisiegel aus dem Bau- und Planungsdezernat der Stadt. Er weist darauf hin, dass die Stadt Fördermittel der EU nicht beliebig beantragen und ausgeben könne, sondern sich mit ihren Förderanträgen an den regionalen thematischen Förderschwerpunkten der EU orientieren müsse, um deutsches Steuergeld aus Brüssel zurück nach Deutschland zu holen. Ganz nebenbei erfahren die Mülheimer EU-Touristen von Beisiegel, warum es auf dem Platz am Hafenbecken keine Bäume gibt. Das werde durch den Rumbach und eine Starkstromleitung im Erdreich des Platzes verhindert.
Dass die EU in Mülheim Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft schafft, lässt Zenit-Geschäftsführer Carsten Lemke seine Besucher an der nächsten Station im Haus Urge an der Bismarckstraße wissen. 60 Zenit-Mitarbeiter erwirtschaften hier einen Jahresumsatz von 4,6 Millionen Euro, in dem sie kleine und mittlere Unternehmen dahingehend beraten, welche EU-Fördermittel sie wie in Anspruch nehmen können und wie sie zum Beispiel durch Kooperationen mit anderen europäischen Unternehmen und Hochschulen innovativer werden und neue Märkte in der Europäischen Union und darüber hinaus erschließen können.
"Bei der Vergabe ihrer Fördermittel ist die EU sehr sorgfältig und transparent. Alle Ausgaben der verschiedenen EU-Fonds kann man im Internet nachlesen. Außerdem werden alle Förderanträge von drei unabhängigen Gutachtern der EU geprüft, die für Antragsteller unbekannt sind", erklärt der Zenit-Geschäftsführer das Prozedere. 7.000 Beratungen und 70.000 Fachgespräche in den letzten zehn Jahren und ein internationales Netzwerk mit 1,7 Millionen Teilnehmern und 600 Standorten in 60 Ländern sprechen für sich. 

Geld für die Forschung

Weiter geht es zum Max-Planck-Institut für Kohlenforschung am Kahlenberg. Hier machen derzeit 380 Mitarbeiter chemische Grundlagenforschung. In den dortigen Laboren, Büros, Werkstätten und Hörsälen geht es um auch energietechnisch relevante chemische Grundlagenforschung. Welch internationales Renommee das zwischen 1943 und 1969 vom Chemie-Nobelpreisträger Karl Ziegler geleitete Max-Planck-Institut für Kohlenforschung bis heute genießt, machen nicht nur die rund 15 Millionen Euro deutlich, mit denen die EU das Institut in den letzten zehn Jahren unterstützt hat. Auch die Tatsache, dass der geschäftsführende Direktor des Institutes, Prof. Dr. Tobias Ritter, nach einer zehnjährigen Lehrtätigkeit als Professor an der amerikanischen Elite-Universität Harvard an das Mülheimer Institut gewechselt ist, spricht dafür.
Wie am Max-Planck-Institut, wird auch in den Gesprächen an der Hochschule Ruhr-West deutlich, dass die Freizügigkeit des Europäischen Binnenmarktes für den Wissenschaftsbetrieb unverzichtbar ist. Auch wenn HRW-Vizepräsident Oliver Koch und Christiane Hinrichs die Europa-Aktivitäten der vor zehn Jahren gegründeten Hochschule als noch im Aufbau begriffen beschreiben, ist es doch beeindruckend, dass die EU die HRW seit 2009 mit insgesamt rund 500.000 Euro gefördert hat und dass die HRW inzwischen Partnerschaften mit Hochschulen in Frankreich, Italien, Spanien, Polen, Ungarn, der Türkei, Österreich, Schweden, Finnland, Litauen und Lettland unterhält. Jährlich nutzen derzeit 20 Studierende die Möglichkeit, an einer der europäischen Partner-Universitäten zu studieren und so internationale Erfahrungen zu sammeln. Die EU unterstützt ihre Auslandssemester mit einem monatlichen Stipendium von maximal 450 Euro.

Förderung der sozial Schwachen

Dass die Europäische Union auch Geld für Sozial- und Arbeitsmarktpolitik übrig hat, zeigt die letzte Station der EU-Tour durch Mülheim, die die 23 Bildungsreisenden zum U25-Haus der Sozialagentur an der Viktoriastraße. Hier berichten Anke Schürmann-Rupp, Andrea Faßbender und Birgit Mohr von 20 Projekten der Sozialagentur, in die seit 2007 Fördermittel der EU geflossen seien. Besonders gerne erinnern sie sich an das Projekt BIWAQ, in das die EU 700.000 Euro investierte. Mit diesem Geld konnten zwischen 2016 und 2018 rund 140 Langzeitarbeitslose durch gezielte Beratungs,- Trainings,- und Akquise-Maßnahmen wieder in Lohn und Brot gebracht werden.
Stimmen zur EU-Tour durch Mülheim:Franziska Sander (Dümpten): "Diese Tour hat mir zum Beispiel bei Zenit oder am Max-Planck-Institut Dinge gezeigt, die ich sonst nicht hätte entdecken können. Und dann noch zu hören, wo in Mülheim was mit Geldern der EU gemacht wird, war schon spannend."
Ilse Büllmann (Broich): "Bei dieser Tour habe ich so viel gesehen und gelernt. Das hätte ich mir alleine niemals anlesen können."

Monika Nover: "Jetzt weiß ich als überzeugte Europäerin, was ich Menschen sagen kann, wenn sie mich fragen: Was tut die EU eigentlich für uns?"
Elke Dombrowski aus Speldorf: "Ich bin begeistert, was die EU alles in Mülheim fördert. Ich bin jetzt nicht mehr so kritisch gegenüber der Europäischen Union eingestellt." 
Dietmar Prell aus Heißen: "Die Tour hat mir ganz neue und tiefe Einblicke vermittelt. Unseren Besuch beim Max-Planck-Institut fand ich besonders spannend. Und mir ist deutlich geworden wie dankbar wir sein können, dass wir auch dank der Europäischen Union in Frieden leben dürfen."

Dieser Text erschien am 14. Mai 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

Dienstag, 14. Mai 2019

Was Mütter wirklich lieben


Am 12. Mai 1907 feierte die Amerikanerin Anna Jarvis mit einem Gedenkgottesdienst für ihre 1905 verstorbene Mutter, in dessen Anschluss sie an alle Mütter in ihrer Gemeinde weiße Rosen verteilte den ersten Muttertag der Geschichte.

Deshalb war gestern auch Mutters großer Tag. Alle haben sie an sie gedacht. Blumen,- Parfüm und Pralinen wurden ihr von geschäftstüchtigen Händlern als Präsent zu ihrem Ehrentag offeriert. Doch Mutter ist alt genug und hat genug erlebt, um zu wissen, dass nicht alle Blütenträume reifen. So mancher und so manche, die eine große Wolke vor sich herschoben und Mutter Glauben machten, dass sie sie gut riechen könne, verdufteten am Ende sang- und klanglos. Und auch so mancher Süßholzraspler, der sich als zarteste Versuchung offerierte, hat sich in ihrem Leben als bittere Enttäuschung entpuppt. Deshalb feierte Mutter ihren Tag lieber ganz ohne blumige Komplimente und ohne jede Duftwolke, frei nach Trude Herr: „Ich will keine Schokolade, sondern lieber eine gesellige Runde mit meinen Kindern, in der wir uns aneinander freuen und darauf anstoßen, dass wir alle zusammen noch möglichst viele Muttertage erleben dürfen.“ Das hätte sich auch Anna Jarvis gefallen, die sich bereits in den 1920er Jahren gegen die Kommerzialisierung des von ihr eingeführten Muttertages vehement aber vergeblich wehrte.


Dieser Text erschien am 13. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 12. Mai 2019

Auf gutem Grund

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Diesen Satz haben die 61 Väter und 4 Mütter des Grundgesetzes bewusst an den Anfang unserer Verfassung gestellt, die am 23. Mai 2019 ihren 70. Geburtstag feiert. Nicht von ungefähr haben sie den Artikel 1 ebenso wie den Artikel 20 des Grundgesetzes, der unser Land zum demokratischen und sozialen Rechtsstaat erklärt mit der sogenannten Ewigkeitsklausel des Artikel 79 der Verfügbarkeit des Gesetzgebers entzogen.

Die Männer und Frauen, die vor 70 Jahren das Grundgesetz für die damals noch westdeutsche Bundesrepublik in Kraft setzten, hatten am eigenen Leibe erlebt wozu politischer Extremismus führen konnte. Der Christdemokrat Konrad Adenauer, der Sozialdemokrat Kurt Schumacher und der Freidemokrat Theodor Heuss, nach denen auch in Mülheim eine Brücke und zwei Plätze benannt sind, hatten die Verfolgung durch die Nationalsozialisten selbst erlitten. Sie waren durch die moralische Katastrophe von Diktatur, Krieg und Holocaust gezeichnet, aber auch motiviert ein neues, besseres und freieres Deutschland aufzubauen.

Der Sozialdemokrat Schumacher hatte als Reichstagsabgeordneter 1933 gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz gestimmt. Der Christdemokrat Adenauer war von den Nazis als Oberbürgermeister Kölns seines Amtes enthoben und später inhaftiert worden. Der Liberale Heuss musste mit der Scham leben, als Reichstagsabgeordneter der Deutschen Staatspartei im März 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt zu haben, dass die Weimarer Reichsverfassung von 1919 außer Kraft setzte und den Weg in die Diktatur geebnet hatte.

Mit Blick auf die Verbrechen der NS-Herrschaft sprach Heuss als erster Bundespräsident später davon, dass es keine deutsche Kollektivschuld geben könne, aber das es eine deutsche Kollektivscham geben müsse. Es sollte bis zum 8. Mai 1985 dauern, ehe der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Tag, an dem der 2. Weltkrieg mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht zu Ende ging, auch für die Deutschen als "Tag der Befreiung" deklarierte und aus den Erfahrungen vor und nach 1933 die historische Lehre zog: "Ehren wir die Freiheit!"

Wer das heutige politische Geschehen betrachtet, weiß: Weizsäckers Forderung ist so aktuell wie damals. Die Tatsache, dass wir den 70. Geburtstag des Grundgesetzes feiern können, ist ein Anlass zur Freude und zur Dankbarkeit. Seinen Verfassungsvorgängern von 1849, 1871 und 1919 war keine so lange Zeitspanne beschieden. Es spricht für die Weitsichtigkeit und Qualität des Grundgesetzes, dass es auch nach der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 als gesamtdeutsche Verfassung Bestand hatte und nicht durch eine neue Verfassung abgelöst werden musste.

70 Jahre Grundgesetz erinnern uns aber auch schmerzhaft daran, dass Deutschland, die historischen Chancen auf eine friedliche Demokratisierung und Parlamentarisierung vertan hat und zwei Weltkriege und eine Diktatur brauchte, ehe sich auch bei uns unter dem Druck der äußeren Verhältnisse eine parlamentarische Demokratie etablieren konnte. Auch heute müssen wir anerkennen, dass die verfassungsrechtlich verbrieften Grundrechte der Grundgesetz-Artikel 1-19 keine Selbstläufer sind, sondern immer wieder auf ihre soziale Wirklichkeit überprüft werden müssen. Sie bleiben so eine dauerhafte Herausforderung und Bewährungsprobe für unsere Demokratie, die täglich neu gestaltet und auch verteidigt werden muss. In diesem Zusammenhang muss man daran erinnern, dass das von der sozialdemokratischen Juristin Elisabeth Selbert gegen erhebliche Widerstände durchgesetzte Gleichberechtigungsgebot des Grundgesetz-Artikels 3 in der sozialen Wirklichkeit bis heute immer wieder neu durchgesetzt werden muss. Rückblickend erscheint es zum Beispiel unfassbar, dass es bis in die 1970er Jahre hinein dauerte, ehe Ehefrauen, ohne die Zustimmung ihres Ehemannes einen Arbeitsvertrag unterschreiben und ein Konto eröffnen konnten.

Und die Tatsache, dass sich Bundestag und Bundestag in der Gesetzgebung zuweilen gegenseitig blockieren, was der Präsident des Parlamentarischen Rates und erste Bundeskanzler Konrad Adenauer vorausgesehen hatte, zeigt ebenso wie die Tatsache eines durch Ausgleichs- und Überhangmandate aufgeblähten Bundestages, dass auch das Grundgesetz seine strukturellen und reformbedürftigen Schwächen hat. Auch in diesem Punkt hatte Konrad Adenauer Weitsicht bewiesen, in dem er vor 70 Jahren die Einführung des wahlkreisbezogenen Mehrheitswahlrechtes, einen auf 250 Abgeordnete begrenzten Bundestag und als Bundesvertretung der Länder einen Senat nach amerikanischen Vorbild gefordert hatte, sich damit aber leider nicht durchsetzen konnte.

Aus meine Vortrag beim Rotary Club Mülheim an der Ruhr vom 6. Mai 2019



Samstag, 11. Mai 2019

Wenn man eine Reise macht


Wer eine Reise macht, der kann was erleben. Das gilt auch für eine Straßenbahnfahrt. Fahrgäste warten auf ihre Straßenbahn. Die kommt pünktlich. Doch der Fahrer lässt seine Fahrgäste nicht einsteigen. Die Türen der Tram bleiben geschlossen und aus dem Haltestellenlautsprecher ertönt die Aufforderung: „Nicht einsteigen!“ Die Fahrgäste stehen wie der Ochse vorm Berg. Nur, dass auf dem Richtungsanzeiger kein Ziel, sondern Dienstfahrt steht, lässt die ausgesperrten Fahrgäste ahnen, dass da was nicht stimmt. Hat der Fahrer seine gesetzliche Arbeitszeit überschritten und will ungestört in den Feierabend fahren? Zugegeben. Fahrgäste können manchmal ganz schön nerven und den Fahrer von seiner eigentlichen Aufgabe, dem Fahren, ablenken.

Aber Fahrgäste sind auch nur Menschen und dazu noch zahlende Kunden eines Vekehrsunternehmens, die mit dem festen Vorsatz in Busse und Bahnen einsteigen, ihr Ziel pünktlich zu erreichen. Als solche hätten sie sich eine Durchsage gewünscht, die über „Nicht einsteigen!“ hinausgegangen und den Grund für die unerwartete Aussperrung und die damit verbundene zusätzliche Wartezeit erklärt hätte.

Erst später erfahre ich auf eigene Nachfrage aus berufenem Munde, dass die verschlossene Straßenbahn defekt war und deshalb keine Fahrgäste zusteigen lassen konnte. So ist die verkorkste Straßenbahnfahrt ein Sinnbild dafür, was bei unserer gesellschaftspolitischen Zeitreise schiefläuft. Wo klare Ansagen zur rechten Zeit fehlen und Menschen nicht mitgenommen werden, braucht man sich nicht wundern, wenn immer mehr von ihnen nicht mehr ein,- sondern nur noch aussteigen und nicht mehr mitfahren und bezahlen wollen. So wird die Dienstfahrt im Zug der Zeit zur Farce. Vielleicht sollte man unsere Steuerleute in ihren Chefetagen wie bei der Papst-Wahl im Konklave solange einsperren bis sie zu gescheiten Ergebnissen kommen. Bis dahin hieße die klare Ansage: „Nicht aussteigen!“ 


Dieser Text erschien am 11. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 8. Mai 2019

Alles hat seine Zeit

Wer hätte gedacht, dass die Busse und Bahnen der Ruhrbahn so beliebt beim Nachwuchs sind. Ein kleiner Mann war jetzt so begeistert von der Straßenbahnfahrt, dass er gar nicht mehr aussteigen wollte. Die Frau Mama wartete schon ungeduldig mit seinem Tretroller draußen auf der Haltestelleninsel, während es sich der kleine Mann noch seelenruhig im Durchgang der Tram gemütlich machte. Um ein Haar hätte der renitente Knirps noch eine Rundfahrt ohne seine Mutter gemacht. Doch dann hieß es für den kleinen Mann, frei nach Goethe: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin!" Da verstehen Muttis, die noch was vorhaben und vorankommen wollen im Leben, keinen Spaß.
Und der kleine Knirps? Er musste sich in sein Schicksal quengelnd fügen und seinen Weg auf dem Tretroller fortsetzen und so lernen, dass man sich im Leben schon früh abstrampeln musss, um ans Ziel zu kommen, ob es einem gefällt oder nicht.

Aber keine Angst, kleiner Mann. Schon bald bist du etwas größer und dann gehst du ganz allein mit dem Schüler-Schokoticket auf Bus- und Bahntour. Und die Mutti wird froh sein, wenn sie dich nicht zu schnell wieder sieht wie mir ein Schülergespräch in der selben Bahn wenig später bewies: "Meine Mutter wird sich erschrecken. Wieso denn das? Sie erwartet mich erst um 16 Uhr zurück. Doch weil Mathe und Deutsch heute ausfallen, bin ich schon drei Stunden eher zuhause."

Dieser Text erschien am 7. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 7. Mai 2019

Lehrreiches Leergut


Immer öfter begegnen mir bei meinem Gang durch die Stadt Flaschen. Ich meine nicht die Flaschen, an die Sie vielleicht denken. Von ganz normalen Flaschen ist die Rede. Sie haben recht. Was bitte ist heute noch normal, zumal, wenn von Flaschen die Rede ist? Also ich rede jetzt von Glasflaschen. Dabei handelt es sich in 9 von 10 Flaschen um Flaschen, in denen vorher Bier abgefüllt war. In einer Stadt, in der der Oberbürgermeister politisch in die Zwickmühle gekommen ist, weil er von Amtswegen und damit auf Kosten der Stadt und ihrer Steuerzahler die eine oder andere Flasche Wein zu viel geleert hat, stellt sich die Frage: Warum kümmert sich niemand um die leeren Bierflaschen, die als Leergut ungenutzt im Stadtgebiet herumstehen. Haben die durstigen Herrschaften, die sie achtlos zurückgelassen haben zu viel Geld in der Tasche als das sie ihr Leergut im nächsten Getränke- oder Supermarkt als Pfandgut zu Geld machen? Wahrscheinlich nicht. Es wird wohl so sein, dass sie nicht nur eine Flasche Bier geleert und am Ende einfach den Überblick verloren haben. Wenn man erst mal einen bestimmten Promille-Bereich überschritten hat, ist einem eigentlich alles Wurst und man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, geschweige denn die nächste Rückgabemöglichkeit fürs teuer ausgetrunkene Leergut. Jetzt frage ich mich, ob der OB seinen weinseligen Schnitzer vielleicht dadurch wiedergutmachen könnte, in dem er das herrenlose Leergut aus dem Stadtgebiet entfernt oder entfernen lässt und die daraus resultierenden Erlöse dem sich zu Tode sparenden Stadtkämmerer zugutekommen ließe. Vielleicht würde das dann auch die Stimmung im Verwaltungsvorstand wieder um einige Promille heben. Aber ich gebe zu. Das ist eine Schnapsidee. Denn wenn unsere Stadtspitzen plötzlich so gute Laune bekommen, dass sie sich vielleicht auch noch die eine oder andere Weinflasche ohne Pfand gönnen, dann sind wir wieder da, wo wir ja gar nicht mehr hinwollten.

Dieser Text erschien am 6. Mai 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Hochburg adieu!

In der nordenglischen Partnerstadt Darlington musste die Labour Party jetzt erfahren, was die Mülheimer Sozialdemokraten bereits seit 1994 wissen. Es gibt keine natürlichen Hochburgen mehr, in der die Menschen traditionell immer eine Partei wählen, komme, was da wolle.

Und so wurden bei den jüngsten Kommunalwahlen in Darlington die Konservativen mit 22 Mandaten erstmals zur stärksten Partei. Labour landete mit 20 Mandaten nur auf dem zweiten Platz. Auch die europafreundlichen Liberaldemokraten, die landesweit punkten konnten, kamen in Darlington über ihren Status quo von drei Mandaten nicht hinaus. Stattdessen zogen erstmals zwei Grüne und drei Unabhängige in den Stadtrat ein.

Für den Labour-Stadtrat Thomas Nutt, der nach 16 Jahren im Stadtparlament auf eine erneute Kandidatur verzichtet hatte, sind der Links-Kurs von Labour-Chef Jeremy Corbyn und seine zwiespältige Haltung in der Brexit-Frage die Hauptgründe für die Niederlage seiner Partei, Gut für Mülheim, das seit 1953 durch eine Städtefreundschaft mit Darlington verbunden ist, dass Tom Nutt auch nach seinem Abschied aus der Kommunalpolitik seinem ehrenamtlichen Engagement als Vorsitzender der Twin Town Association und damit dem Einsatz für die bewährte Städtepartnerschaft treu bleibt.  

Sonntag, 5. Mai 2019

Das Buch lebt

Das KÖB-Team aus dem Kloster Saarn
Auch im digitalen Zeitalter ist das Buch nicht tot zu kriegen. Das gedruckte Wort ist seit Johannes Guttenberg einfach genial. Es schafft Wissen und beflügelt wie ein Kino im Kopf unsere Phantasie.
Dafür, dass diese kulturelle Errungenschaft lebendig bleibt, stehen auch die 28 Frauen und Männer, die allein im letzten Jahr 6000 Arbeitsstunden geleistet haben, um die vor 170 Jahren vom Pfarrer Franz Lamm gegründete Bücherei im Kloster Saarn zu einem Ort der Kommunikation zu machen. Sie treten damit in die Fußstapfen von Menschen wie Maria Breuer und Ludwig Römer, die die ehrenamtliche Leitung der Klosterbücherei auch in schweren und schwersten Jahren zu ihre Lebensaufgabe gemacht und sie so erhalten haben.

Lesetechnisch stehen, so verrät ihre heutige Nachfolgerin Henni Reinke, vor allem Kriminalromane hoch im Kurs. Aber auch theologische Literatur, Gesellschaftsspiele, Hörbücher oder Zeitschriften, finden in der katholischen öffentlichen Bücherei ihre Abnehmer. Allein 2018 haben die 550 Bibliotheksbenutzer 17.900 Mal eines der 13.700 Medien aus dem Büchereibestand entliehen.

Aktivitäten des ehrenamtlichen Bibliotheksteams wie das Bilderbuchkino oder der Bibliotheksführerschein für Grundschüler zeigen, dass das gute alte Buch auch die ganz junge Generation begeistern kann. Wer mit den ehrenamtlichen Mitarbeitenden und den Kunden der Katholischen Öffentlichen Bücherei der Pfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt ins Gespräch kommt, erfährt, dass Bücher in welcher Form auch immer Lebensfreude, Lebenssinn und Gemeinschaft in einer Gesellschaft stiften, in der zu viele Menschen vereinsamen und verzweifeln. Tatsächlich strahlen die Klosterräume, in die die Bibliothek 1986 eingezogen ist, eine gemütliche und kontemplative Atmosphäre aus, die zum Verweilen einlädt. Hans-Theo Horn, ehemaliger Kulturdezernent Mülheims und einer der Väter der im Kloster Saarn eingerichteten Bürgerbegegnungsstätte sieht die Bücherei im Kloster Saarn denn auch als einen "attraktiven kulturellen und geistigen Ausdruck von Kirche."

Meine Berichte zu diesem Thema erschienen am 4. und 5. Mai 2019 im NRW & in der NRZ/WAZ

Samstag, 4. Mai 2019

Apropos Pressefreiheit


Warum sind am 1. Mai nur 750 Menschen auf dem Rathausmarkt und keine 7500? Geht es uns heute zu gut als das wir noch massenhaft für unsere Rechte auf die Straße gehen würden oder haben wir schon resigniert? Der Blick in den grauen Mai-Himmel war auch nicht so verlockend als das man am Tag der Arbeit einfach ins Grüne statt auf den Rathausmarkt hätte gehen müssen. „Viele Menschen interessieren sich nicht mehr für den anderen. Keiner will mehr zu einem organisierten Kollektiv gehören. Aber ohne Kollektiv funktioniert eine Gesellschaft eben nicht“, antwortet mir der 88 Jahre alte Sozialdemokrat Hans Meinolf auf meine am 1. Mai im Vorbeigehen gestellte Frage. Er selbst geht trotz seines Alters am Tag der Arbeit noch auf die Straße und setzt damit ein ermutigendes Zeichen gegen die Resignation des Schweigens und der Vereinsamung.
Dazu fällt mir nach dem Tag der Arbeit und am Tag der Pressefreiheit ein, wie gut es ist, dass wir als Zeitungsmenschen, die wir diese Zeitung machen und lesen Gott sei Dank noch ein Kollektiv bilden, dass miteinander kommuniziert und sich nicht nur für sich selbst interessiert. Denn eines bleibt wie es schon immer war. Am Anfang ist das Wort, dem die Tat folgen muss. Denn nur redenden Menschen, die ersatzweise auch schreiben, senden oder lesen, kann geholfen werden. Gönnen wir uns diese Freiheit, die Mut macht, nicht nur heute am Tag der Pressefreiheit. 

Dieser Text erschien am 3. Mai 2019 in der Neuen Ruhrzeitung

Mülheim zu Kaisers Zeiten

  Mit der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Schloss von Versailles wurde vor 150 Jahren der erste deutsche Nationalsta...