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Es werden Posts vom Mai, 2019 angezeigt.

Immer schön locker bleiben

Kleider machen Leute. So dichtete Gottfried Keller schon 1874. Früher galten Anzug und Krawatte für Männer, die was zu sagen hatten als das modische Maß aller Dinge. Dass eine Mülheimer Bank die Leser der Lokalpresse jetzt wissen ließ, dass ihr  Mitarbeiter künftig auch in Jeans und Sakko an ihrem Arbeitsplatz erscheinen dürfen, ohne eine Abmahnung zu riskieren, zeigt uns eine Zeitenwende an.

Ohne Anzug und Krawatte wäre Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer, eine Ausgeburt von Seriosität, doch nie auf die Straße gegangen. Von dem Mann hätte man sich doch blind gegen alles versichern lassen. Deshalb sahen viele auch rot, als es der Grüne Joschka Fischer in Sakko, Jeans und Turnschuhen Mitte der 1980er Jahre zu seiner Vereidigung als hessischer Umweltminister antrat.
So ein Mann war doch zu allem fähig.

Welch ein Unterschied zu unseren Tagen, wo auch Top-Manager und Spitzenpolitiker zuweilen in Jeaans, T-Shirt, Sakko, Sportschuhen und mit offenem Hemdkragen vor die Kameras treten. Und…

Die Tücken der Technik

Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehen. So riet uns einst Blödelbarde Mike Krüger in einem seiner Spaßhits. Doch mit dem Nippel ist es heutzutage nicht mehr getan. Im digitalen Zeitalter sind Hardware, Software und Pin-Codes das Maß aller Dinge. Doch eines ist auf dem Weg analogen Nippel zum digitalen Pin gleichgeblieben. „Das ist alles ganz einfach!“ erklären uns die Verkaufsfeen aus dem digitalen Einkaufswunderland. Umso dümmer fühlt man sich denn auch als noch analog sozialisierter Kunde, wenn der auf der bereits bezahlte Lizenzkarte angegebene Pincode, für die Verlängerung des Computerprogramms auch beim dritten Anlauf nicht zur Verlängerung der gewünschten und benötigten Programmlizenz führt.
„Haben Sie den angegebenen Pincode auch korrekt eingegeben?“ fragt mich die Verkäuferin im entsprechenden Fachmarkt? Ich bin mir keines Fehlers bewusst und dennoch habe ich als analoger Technikmuffel irgendwie ein schlechtes Gewissen, dass ich irgendetwas falsch gemacht oder über…

Erfolgsrezept Europa

Es gibt doch nichts schöneres als einen Familienausflug ins Grüne. Im vertrauten Kreis mal was anderes sehen und erleben. Das weckt die Lebensgeister. „Lass uns nicht immer zum Italiener gehen“, schlägt die gastgebende Schwester ihren beiden anderen Geschwistern vor. Die lassen sich von ihr gerne zu einer Wanderung ins Grüne überreden. Es geht bergauf und bergab. Der Appetit wächst mit der Aussicht auf die Einkehr in ein Landgasthaus mit gutbürgerlicher deutscher Küche. Mal schauen, was wir uns leckeres gönnen. Auf jeden Fall haben wir uns ein gutes Mittagessen verdient, wenn wir denn unser ersehntes Ziel im Grünen erreichen, das wir noch aus Kindertagen in guter Erinnerung haben. Und siehe da: Die Waldwege, die dort hinführen, sind immer noch so grün und schattig wie früher. Und endlich kommen auch die Hinweisschilder des Restaurants in Sicht, dessen Küche uns stets das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Doch nicht in Sicht kommen leider die netten Gastwirtsleute und ihre plakativ …

Ein Pfarrer geht, der andere kommt

Mit einem vorgezogenen Pfarrfest, das am 25. Mai um 17 Uhr mit einem Gottesdienst in St. Barbara am Schildberg beginnt und am 26. Mai fortgesetzt wird, verabschiedet die Pfarrgemeinde ihren scheidenden Seelsorger Manfred von Schwartzenberg und begrüßt ihren neuen Pfarrer Christian Böckmann, der ab dem 1. Juni auch Pfarrer von St. Mariä Himmelfahrt wird. Vor dem Stabwechsel trafen sich die beiden Geistlichen zum Tischgespräch.
Herr von Schwartzenberg, mit welchem Gefühl scheiden Sie aus Ihrem Amt und welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg.
Schwartzenberg: Jeder Abschied fällt schwer. Aber ich empfinde vor allem Dankbarkeit für eine erfüllte Zeit, in der ich als Priester alles machen kannte, was und wie ich es wollte. Ich bin dankbar für die vielen, lieben und aktiven Menschen, auf die auch mein Nachfolger und sein Kollege, der als Pastor ab 1. September in St. Barbara sein wird, bauen können, wenn sie berücksichtigen, dass die etwa 200 ehrenamtlich Aktiven in St. Barbar…

Wichtigen Fragen Gehör verschaffen

In einem Gespräch, das ich für die katholische Wochenzeitung Neues Ruhrwort geführt habe, äußert sich die stellvertretende Leiterin des Katholischen Büros in Berlin, Katharina Jesteadt zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes über das Verhältnis zwischen Kirche, Politik und Staat. 
Vor 70 Jahren entstand im Parlamentarischen Rat das Grundgesetz. Welchen Einfluss nahm die Katholische Kirche auf die damaligen Beratungen?


Der Kölner Domkapitular Wilhelm Böhler, wurde 1948 vom Kölner Erzbischof und Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Frings beauftragt, die im Zuge der Beratungen des parlamentarischen Rates eventuell notwendigen mündlichen Verhandlungen mit den katholischen Parlamentariern zu führen. Das war praktisch die Geburtsurkunde des institutionalisierten Kontaktes zwischen der katholischen Kirche und staatlich-politischen Instanzen. Man sagt, dass Prälat Böhler sehr engagiert und durchaus überzeugend agiert hat. So soll es etwa durchaus auch seinem Einfluss zu ver…

Ansichten eines Zeitzeugen

Am 70. Geburtstag des Grundgesetzes blättert der Zeitzeuge Wilhelm Knabe (95) in unserer Verfassung. Als Wissenschaftler und Politiker war der Nestor der Grünen nicht nur Zeitzeuge, sondern auch eine aktive Person der Zeitgeschichte. Was fällt dem gebürtigen Sachsen, der 1967 in Mülheim seine zweite Heimat fand, ein, wenn er das Grundgesetz liest?
Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Knabe: Das ist ein Ideal, ein paradiesischer Zustand. Der Respekt vor dem Leben ist der höchste Wert, ohne den keine menschenwürdige Gesellschaft existieren kann. Ich habe als Soldat der Wehrmacht und als Sohn eines Pfarrers, der vergeblich versuchte, seelisch kranke Insassen einer Anstalt vor der Euthanasie zu bewahren und der an diesem gescheiterten Versuch zerbrochen ist, das Gegenteil von Menschenwürde erlebt.
Artikel 3: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“
Knabe: Ich habe erlebt, was fehlende Rechtsgleichheit bedeutet, als in während der 1960er die USA bereiste, wo Schwarze in den…

Aufforderung zur Dienstfahrt

Eigentlich komisch. Alle reden heute von Elektromobilität. Aber ausgerechnet in Mülheim denkt man darüber nach, die Straßenbahn abzuschaffen. Da waren unsere Vorfahren, die ihre Mark auch nur einmal ausgeben konnten, schon weiter. Sie entdeckten und schätzten die elektrische Straßenbahn als schnelles, umweltschonendes und platzsparendes Massenverkehrsmittel.

Autoverstopfte Straßen sollten für die Stadtplanung von heute doch eigentlich von gestern sein. Doch gerade gestern kannte man eben dieses Problem mit allen seinen Risiken und Nebenwirkungen nicht, weil man ja die Tram hatte, die Bürger schnell und preiswert von A nach B brachte und den anderen Verkehrsteilnehmern, die auf zwei und vier Beinen oder Rädern unterwegs waren, noch genügen Platz ließen, um ihrer Wege zu gehen und zu fahren.

Das Problem der heutigen Mobilität ist wohl, dass jeder für sich alleine vorankommen will und deshalb lieber allein im Stau steht als sich mit anderen zusammen in einen Bus oder eine Bahn zu setzen.…

Politisches Glücksspiel

Der Europa-Wahlgang macht seinem Namen alle Ehre. Der Weg nach Europa ist für Mutter und mich besonders weit. Normalerweise sind Wahlen für uns ein Sonntagsspaziergang ins Wahllokal an der nächsten Straßenecke. Doch diesmal ist alles anders. Der Aufzug in unserem Haus hat ausgerechnet vor der Europawahl seinen Betrieb eingestellt. Seine Wiederherstellung wird uns erst am Tag nach der Wahl in Aussicht gestellt. Schlechte Karten für die Generation Rollator, die vor Jahrzehnten als junger Hüpfer leichtfüßig ins Obergeschoss eingezogen ist, ohne auch nur einen Gedanken an das harte Brot der späten Jahre zu verschwenden. So schnell wird man von seinem demokratischen Wahlrecht abgeschnitten. Ist das nicht ein Fall ein Fall für die Europäische Union? Doch bis Mutter und ich in Brüssel jemanden erreichen, ist die Wahl gelaufen. Also halten wir uns an das Wahlbüro im Rathaus. Briefwahl heißt der Ausweg.

Als Kurier meiner Mutter und unserer Wahl-und Wohngemeinschaft zeigt mir der verlängerte Wah…

Ein Zeitsprung an der Oberhausener Straße

Wir schauen auf die Oberhausener Straße anno 1910. Eine Postkarte aus dem Stadtarchiv macht es möglich. Seit 1897 heißt es auch für die Styrumer: „Bitte einsteigen“, wenn die Straßenbahn kommt. Die fährt damals im Sieben-Minuten-Takt Richtung Mülheim und Oberhausen und befördert damals bereit 9 Millionen Fahrgäste pro Jahr. 31.000 der über 100.000 Mülheimer leben damals in Styrum. Zum Vergleich: Heute leben 16.000 der ins insgesamt 172.000 Mülheimer in Styrum. Der Stadtteil, der von 1878 bis 1904 eine eigenständige Bürgermeisterei war, zu der auch Dümpten und Alstaden gehörten, ist durch das 1871 von August Thyssen gegründete Stahlwerk groß geworden. Die Vorgängerin der jetzt neu gebauten Thyssenbrücke überbrückt erst ab 1911 die Gleise der 1862 eröffneten bergisch-märkischen Eisenbahnlinie, die Thyssen nach Styrum geholt und den ursprünglich bäuerlich geprägten Ort industrialisiert hat. 1910 muss die Straßenbahn ihre Fahrt von Mülheim in Richtung Oberhausen noch an einem beschrankten…

Wahlkampf auf dem Wochenmarkt

Wenn wir heute über die Schloßstraße gehen, werden wir nicht nur auf den Wochenmarkt stoßen, dessen Händler uns Lebensmittel anbieten. Einkaufen an der frischen Luft macht regt den Appetit an. Mit diesem Erfolgsrezept versuchen uns derzeit auch die Europa-Wahlkämpfer ihre politischen Appetithappen auf der Schloßstraße und am Kurt-Schumacher-Platz zu servieren, garniert mit Kugelschreibern, Gummibärchen, Luftballons und Chips für den Einkaufswagen und präsentiert in den schönsten Farben. Für jeden Farb-Typ ist was dabei: Schwarz, Rot, Gelb, Himmelblau, Grün oder Magenta. Auch die politische Poesie, die uns die Handelsreisenden der Parteien auf dem politischen Markt der Möglichkeiten in bunten Broschüren mit auf den Weg geben, wecken die schönsten Fantasien und verlocken dazu, anzubeißen. „Wir schaffen das Soziale Europa!“ „Klimaschutz!“ „Miteinander!“ „Wo der Mut kommt, geht der Hass!“ „Kommt zusammen und macht Europa stark!“ „Unser Europa gibt Sicherheit!“ „Renten sichern und erhöhen!…

Ein Zeitsprung an der Schloßstraße

Wir setzen den letzten Zeitsprung fort und bleiben mit einer historischen Aufnahme aus Franz-Rolf Krapps Buch „Mülheim nach 1945“ im September 1974. Die aktuelle Aufnahme entstand jetzt auf dem Dach des neuen Hotels Holiday Inn Express, als an der Stelle, an der zwischen 1953 und 2010 der Kaufhof seine Kunden anlockte.
So voll – das historische Bild zeigt es - war die Schloßstraße, als nicht nur die Mülheimer mit einer „Mülheimer Woche“ vom 7. bis zum 15. September 1974 ihre neue Innenstadt feierten. Die neue Innenstadt, dass war nicht nur die Schloßstraße, die zu einer Fußgängerzone mit Tiefgarage umgebaut worden war. Zur neuen Innenstadt gehörten auch das im März 1974 eröffnete City-Center und der neugeschaffene Hans-Böckler-Platz mit seinen Hochhäusern. Stadt und Einzelhandel investierten damals 350.000 Mark in einen Festmarathon aus über 60 Einzelveranstaltungen. Konzerte, Musikumzüge, Theateraufführungen, Märkte, Ausstellungen, Lesungen, eine Riverboat-Shuffle, Tage der offenen Tü…

Stolpersteine geben NS-Opfern ein Gesicht

An Stolpersteinen nimmt man Anstoß. Doch in Mülheim und 1264 anderen Städten Europas liegen auch Stolpersteine, die ein Denkanstoß sind. Mit ihren Namen und Lebensdaten erinnern sie an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, verlegt vor ihren letzten freiwilligen Wohnorten. Die Idee dazu hatte der Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine des Gedenkens seit 1996 verlegt. Am 24. Mai werden in Mülheim weitere 20 Stolpersteine verlegt. Dann werden 168 Mülheimer, die zu Opfern der NS-Diktatur geworden sind an 92 Stellen im Stadt- und Straßenbild sichtbar sein. Genau das ist auch das Ziel der derzeit 15 Menschen, die sich in der örtlichen Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine, die sich regelmäßig im Stadtarchiv an der Von-Graefe-Straße treffen, um Opfer-Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus zu recherchieren und auf der Internetseite des Stadtarchivs www.stadtarchiv-mh.de zu dokumentieren. "Wir wollen den Opfer ein Gesicht geben", sagt der langjährige Sto…

Auf den Mülheimer Spuren der EU

"Was haben wir mit der Europäischen Union zu tun? Das bringt doch nichts und kostet nur unser Steuergeld, mit denen die Eurokraten in Brüssel durchgefüttert werden." Solche und ähnliche EU-kritische Stimmen hört man vor der europäischen Parlamentswahl am 26. Mai immer wieder. Deshalb luden der Regionalverband Ruhr (RVR) und die kommunale Wirtschaftsförderung Mülheim & Business 13 Tage vor der Wahl interessierte Bürger zu einer Europa-Tour durch Mülheim. 23 Frauen und Männer waren mit von der Partie, nahmen sich sechs Stunden Zeit, um an verschiedenen Standorten der Stadt zu erfahren, wie die Europäische Union in Mülheim Geld an die Bürgerinnen und Bürger seines größten Nettozahlers Deutschland zurückgibt. Impulse für die Stadtentwicklung Schon beim Start im Ratssaal hatte Tour-Leiter Paul Richard Gromnitza eine beeindruckende Zahl parat. Seit 2007 sind 23 Millionen Euro aus dem EU-Haushalt nach Mülheim geflossen. Außerdem steigert die EU das jährliche Pro-Kopf-Einkommen …

Was Mütter wirklich lieben

Am 12. Mai 1907 feierte die Amerikanerin Anna Jarvis mit einem Gedenkgottesdienst für ihre 1905 verstorbene Mutter, in dessen Anschluss sie an alle Mütter in ihrer Gemeinde weiße Rosen verteilte den ersten Muttertag der Geschichte.
Deshalb war gestern auch Mutters großer Tag. Alle haben sie an sie gedacht. Blumen,- Parfüm und Pralinen wurden ihr von geschäftstüchtigen Händlern als Präsent zu ihrem Ehrentag offeriert. Doch Mutter ist alt genug und hat genug erlebt, um zu wissen, dass nicht alle Blütenträume reifen. So mancher und so manche, die eine große Wolke vor sich herschoben und Mutter Glauben machten, dass sie sie gut riechen könne, verdufteten am Ende sang- und klanglos. Und auch so mancher Süßholzraspler, der sich als zarteste Versuchung offerierte, hat sich in ihrem Leben als bittere Enttäuschung entpuppt. Deshalb feierte Mutter ihren Tag lieber ganz ohne blumige Komplimente und ohne jede Duftwolke, frei nach Trude Herr: „Ich will keine Schokolade, sondern lieber eine gesell…

Auf gutem Grund

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Diesen Satz haben die 61 Väter und 4 Mütter des Grundgesetzes bewusst an den Anfang unserer Verfassung gestellt, die am 23. Mai 2019 ihren 70. Geburtstag feiert. Nicht von ungefähr haben sie den Artikel 1 ebenso wie den Artikel 20 des Grundgesetzes, der unser Land zum demokratischen und sozialen Rechtsstaat erklärt mit der sogenannten Ewigkeitsklausel des Artikel 79 der Verfügbarkeit des Gesetzgebers entzogen.

Die Männer und Frauen, die vor 70 Jahren das Grundgesetz für die damals noch westdeutsche Bundesrepublik in Kraft setzten, hatten am eigenen Leibe erlebt wozu politischer Extremismus führen konnte. Der Christdemokrat Konrad Adenauer, der Sozialdemokrat Kurt Schumacher und der Freidemokrat Theodor Heuss, nach denen auch in Mülheim eine Brücke und zwei Plätze benannt sind, hatten die Verfolgung durch die Nationalsozialisten selbst erlitten. Sie waren durch d…

Wenn man eine Reise macht

Wer eine Reise macht, der kann was erleben. Das gilt auch für eine Straßenbahnfahrt. Fahrgäste warten auf ihre Straßenbahn. Die kommt pünktlich. Doch der Fahrer lässt seine Fahrgäste nicht einsteigen. Die Türen der Tram bleiben geschlossen und aus dem Haltestellenlautsprecher ertönt die Aufforderung: „Nicht einsteigen!“ Die Fahrgäste stehen wie der Ochse vorm Berg. Nur, dass auf dem Richtungsanzeiger kein Ziel, sondern Dienstfahrt steht, lässt die ausgesperrten Fahrgäste ahnen, dass da was nicht stimmt. Hat der Fahrer seine gesetzliche Arbeitszeit überschritten und will ungestört in den Feierabend fahren? Zugegeben. Fahrgäste können manchmal ganz schön nerven und den Fahrer von seiner eigentlichen Aufgabe, dem Fahren, ablenken.
Aber Fahrgäste sind auch nur Menschen und dazu noch zahlende Kunden eines Vekehrsunternehmens, die mit dem festen Vorsatz in Busse und Bahnen einsteigen, ihr Ziel pünktlich zu erreichen. Als solche hätten sie sich eine Durchsage gewünscht, die über „Nicht ein…

Alles hat seine Zeit

Wer hätte gedacht, dass die Busse und Bahnen der Ruhrbahn so beliebt beim Nachwuchs sind. Ein kleiner Mann war jetzt so begeistert von der Straßenbahnfahrt, dass er gar nicht mehr aussteigen wollte. Die Frau Mama wartete schon ungeduldig mit seinem Tretroller draußen auf der Haltestelleninsel, während es sich der kleine Mann noch seelenruhig im Durchgang der Tram gemütlich machte. Um ein Haar hätte der renitente Knirps noch eine Rundfahrt ohne seine Mutter gemacht. Doch dann hieß es für den kleinen Mann, frei nach Goethe: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin!" Da verstehen Muttis, die noch was vorhaben und vorankommen wollen im Leben, keinen Spaß. Und der kleine Knirps? Er musste sich in sein Schicksal quengelnd fügen und seinen Weg auf dem Tretroller fortsetzen und so lernen, dass man sich im Leben schon früh abstrampeln musss, um ans Ziel zu kommen, ob es einem gefällt oder nicht.
Aber keine Angst, kleiner Mann. Schon bald bist du etwas größer und dann gehst du ganz allein mi…

Lehrreiches Leergut

Immer öfter begegnen mir bei meinem Gang durch die Stadt Flaschen. Ich meine nicht die Flaschen, an die Sie vielleicht denken. Von ganz normalen Flaschen ist die Rede. Sie haben recht. Was bitte ist heute noch normal, zumal, wenn von Flaschen die Rede ist? Also ich rede jetzt von Glasflaschen. Dabei handelt es sich in 9 von 10 Flaschen um Flaschen, in denen vorher Bier abgefüllt war. In einer Stadt, in der der Oberbürgermeister politisch in die Zwickmühle gekommen ist, weil er von Amtswegen und damit auf Kosten der Stadt und ihrer Steuerzahler die eine oder andere Flasche Wein zu viel geleert hat, stellt sich die Frage: Warum kümmert sich niemand um die leeren Bierflaschen, die als Leergut ungenutzt im Stadtgebiet herumstehen. Haben die durstigen Herrschaften, die sie achtlos zurückgelassen haben zu viel Geld in der Tasche als das sie ihr Leergut im nächsten Getränke- oder Supermarkt als Pfandgut zu Geld machen? Wahrscheinlich nicht. Es wird wohl so sein, dass sie nicht nur eine Flas…

Hochburg adieu!

In der nordenglischen Partnerstadt Darlington musste die Labour Party jetzt erfahren, was die Mülheimer Sozialdemokraten bereits seit 1994 wissen. Es gibt keine natürlichen Hochburgen mehr, in der die Menschen traditionell immer eine Partei wählen, komme, was da wolle.

Und so wurden bei den jüngsten Kommunalwahlen in Darlington die Konservativen mit 22 Mandaten erstmals zur stärksten Partei. Labour landete mit 20 Mandaten nur auf dem zweiten Platz. Auch die europafreundlichen Liberaldemokraten, die landesweit punkten konnten, kamen in Darlington über ihren Status quo von drei Mandaten nicht hinaus. Stattdessen zogen erstmals zwei Grüne und drei Unabhängige in den Stadtrat ein.

Für den Labour-Stadtrat Thomas Nutt, der nach 16 Jahren im Stadtparlament auf eine erneute Kandidatur verzichtet hatte, sind der Links-Kurs von Labour-Chef Jeremy Corbyn und seine zwiespältige Haltung in der Brexit-Frage die Hauptgründe für die Niederlage seiner Partei, Gut für Mülheim, das seit 1953 durch eine …

Das Buch lebt

Auch im digitalen Zeitalter ist das Buch nicht tot zu kriegen. Das gedruckte Wort ist seit Johannes Guttenberg einfach genial. Es schafft Wissen und beflügelt wie ein Kino im Kopf unsere Phantasie.
Dafür, dass diese kulturelle Errungenschaft lebendig bleibt, stehen auch die 28 Frauen und Männer, die allein im letzten Jahr 6000 Arbeitsstunden geleistet haben, um die vor 170 Jahren vom Pfarrer Franz Lamm gegründete Bücherei im Kloster Saarn zu einem Ort der Kommunikation zu machen. Sie treten damit in die Fußstapfen von Menschen wie Maria Breuer und Ludwig Römer, die die ehrenamtliche Leitung der Klosterbücherei auch in schweren und schwersten Jahren zu ihre Lebensaufgabe gemacht und sie so erhalten haben.

Lesetechnisch stehen, so verrät ihre heutige Nachfolgerin Henni Reinke, vor allem Kriminalromane hoch im Kurs. Aber auch theologische Literatur, Gesellschaftsspiele, Hörbücher oder Zeitschriften, finden in der katholischen öffentlichen Bücherei ihre Abnehmer. Allein 2018 haben die 55…

Apropos Pressefreiheit

Warum sind am 1. Mai nur 750 Menschen auf dem Rathausmarkt und keine 7500? Geht es uns heute zu gut als das wir noch massenhaft für unsere Rechte auf die Straße gehen würden oder haben wir schon resigniert? Der Blick in den grauen Mai-Himmel war auch nicht so verlockend als das man am Tag der Arbeit einfach ins Grüne statt auf den Rathausmarkt hätte gehen müssen. „Viele Menschen interessieren sich nicht mehr für den anderen. Keiner will mehr zu einem organisierten Kollektiv gehören. Aber ohne Kollektiv funktioniert eine Gesellschaft eben nicht“, antwortet mir der 88 Jahre alte Sozialdemokrat Hans Meinolf auf meine am 1. Mai im Vorbeigehen gestellte Frage. Er selbst geht trotz seines Alters am Tag der Arbeit noch auf die Straße und setzt damit ein ermutigendes Zeichen gegen die Resignation des Schweigens und der Vereinsamung. Dazu fällt mir nach dem Tag der Arbeit und am Tag der Pressefreiheit ein, wie gut es ist, dass wir als Zeitungsmenschen, die wir diese Zeitung machen und lesen G…