Donnerstag, 30. November 2017

Manchmal muss es eben rot sein

Gestern ging Mutter und mir ein Licht auf. Wir brauchen einen Adventskranz. Denn am kommenden Sonntag soll ja schon die erste Kerze brennen. 
Es soll ja Menschen geben, die jetzt einfach ihren künstlichen Kranz mit elektrischen Kerzen aus dem Keller holen und: „Licht aus, Spot an“ in Adventsstimmung kommen. Doch dafür sind Mutter und ich einfach zu  traditionalistisch.

Angesichts  solcher Künstlichkeiten  im Schimmer der gedämpften Elektrokerzen bliebe uns der Spekulatius sicher im Halse stecken.

Auch wenn uns das Leben den Kinderglauben an Sankt Nikolaus und das Christkind ausgetrieben hat, wollen wir doch mit Blick auf Weihnachten keinesfalls die Herzenswärme und den Hoffnungsschimmer im Licht der Frohen Botschaft, die den kommerziellen Glamour der Vorweihnachtszeit überstrahlt, verlieren. Deshalb beschenken wir uns vor dem ersten Advent mit einem echten, Adventskranz, dessen Kerzen brennen, damit unsere innere Wärme in stürmischen und kalten Zeiten von außen befeuert werden möge.

Und diese echte Wärme der aufflammenden Kerzen muss sich auch im warmen Rot dieser Kerzen niederschlagen, obwohl wir sonst gar nicht gerne rot sehen.

Dieser Text erschien am 29. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 29. November 2017

Ein Zeitsprung zwischen Schloßstraße und Eppinghofer Straße

Eine Innenstadtansicht aus dem Jahr 1970
Privatarchiv Walter Neuhoff
Heute springen wir mit einer Postkarte unseres treuen Zeitzeugen und Lesers Walter Neuhoff ins Jahre 1970 und landen direkt vor der Haustür der Redaktion.

Damals ist der Bereich zwischen Schloßstraße und Eppinghofer Straße noch befahrbar. Erst 1986 wird hier der heutige Kurt-Schumacher-Platz mit seiner Brunnenlandschaft entstehen und damit eine fußläufige Verbindung zu dem im März 1974 eröffneten City-Center geschaffen. An dessen Stelle wird 20 Jahre später das heutige Forum City Mülheim treten.

„In dem Haus an der linken Bildseite befindet sich 1970 die Geschäftsstelle der WAZ. Auf der rechten Seite kann man an der Ecke Schloßstraße/Eppinghofer Straße die damalige Geschäftsstelle der NRZ erkennen. Gleich neben der Geschäftsstelle kauft man 1970 bei Stöters Gardinen und Stoffe, Krawatten im Krefelder Krawattenhaus und Schreibwaren bei Hugo und Walter Leiter.

Im rechten Bildmittelpunkt der Postkarte von 1970 schaut man auf das Bettenhaus Biesgen. Und in der linken Bildmitte erscheint die uns bis heute vertraute Aussicht auf den 1930, als Haus der Evangelischen Kirche, eröffneten Altenhof und auf die 1929 eingeweihte katholische Stadtkirche St. Mariae Geburt.

Nicht nur Autos, sondern auch die Straßenbahnlinien 8, 18, 15 und 12 fuhren damals zwischen Eppinghofer- und Schloßstraße zum Bahnhof Mülheim-Ruhr (Stadt), der dann 1974 den Namen Hauptbahnhof erhält. Auf der äußersten rechten Bildseite sieht man auch noch die für die damalige Zeit üblichen Parkuhren. Automobilisten werden auch noch den Mercedes-Benz/8 (Mitte) oder den Ford Taunus (rechts) erkennen. 


Dieser Text erschien am 27. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 28. November 2017

Zweierlei Arten von Handwerkern

Manchmal muss man Menschen einfach bewundern. So erging es mir am gestrigen Vormittag, als ich an der Ecke Kohlenkamp/Wallstraße einen unermüdlichen Malergesellen in penetranten November-

Nieselregen eifrigst eine Geschäftsfassade streichen sah.
Seine Arbeit wurde von den Nachrichten aus einem kleinen Radio begleitet, die  von der Dauerbaustelle der politischen Staatsbauhandwerker  berichteten.

Wie gut, dass der Mann am Pinsel sich kein Vorbild an seinen Kollegen an der Werkbank der Nation nimmt. Sonst hätte sein Auftrageber auch Weihnachten noch keine schöne neue Hausfassade.

Handwerksbetriebe, die den mit ihren Auftraggebern vereinbarten Termin versäumen, zu dem ihre Arbeit einwandfrei erledigt sein soll, müssen mit Regressforderungen rechnen. Vielleicht würde die Einführung einer solchen Regresspflicht für politische Handwerker dafür sorgen, dass Fegefeuer der Eitelkeiten gelöscht würde und die Damen und Herrn am Staatsbau ihren Wählerauftrag zügig erledigen, in dem sie Farbe bekenn und die Ärmel hochkrempeln statt es allzu bunt zu treiben und ihren Souverän im Regen stehen zu lassen.

Dieser Text erschien am 28. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 27. November 2017

Kein Chance für Aussteiger

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder die Ruhrbahn. Das erfuhr gestern eine Frau, die mit der Straßenbahn unterwegs war. Sie war zu spät am Drücker, als die Bahn die Haltestelle ihrer Wahl erreichte. Die Türen waren geschlossen und blieben es auch. Selbst das Klopfen an die Tür der Fahrerkabine half nichts. Der Steuermann ließ sich nicht erweichen und beirren, denn die Ampel zeigte Grün und der Verkehr musste fließen und die verhinderte Aussteigerin bis zur nächsten Haltestelle mitfahren. Nach einem ersten Aufbäumen nahm die unfreiwillige Mitfahrerin den Umweg zu ihrem Ziel hin.

Vielleicht sollten die Berliner Koalitionsverhandlungen ja demnächst in einer Straßenbahn der Ruhrbahn stattfinden. Aussteigen dürfen die Verhandlungspartner erst, wenn sie ein Ergebnis vorlegen können. Sonst geht es weiter rund.

Dieser Text erschien am 23. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 26. November 2017

Das bedingungsloses Grundeinkommen aus der katholischen Perspektive

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, hat sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte der Erzbischof von München und Freising: "Die Arbeit ist nicht irgendetwas. Es gehört zur Grundkonstitution des Menschseins, dass ich für mich und meine Familie etwas schaffe, das von Wert ist."
Ausdrücklich warnte Marx vor der "demokratiegefährdenden" Wirkung, die die Einführung eines solchen Grundeinkommens haben könne. Gleichzeitig kritisierte der Kardinal die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland und forderte alle gesellschaftlichen Kräfte dazu auf: "die politischen Folgen der Ungleichheit im Auge zu behalten."

Obwohl die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) die Idee des Grundeinkommens unterstützt, ist ihr Kölner Sekretär Winfried Gather angesichts der Positionierung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz "zwar nicht begeistert, aber auch nicht entsetzt." Ausdrücklich teilt er Marx' Festhalten an der in 125 Jahren gewachsenen und bewährten deutschen Sozialversicherung. "Im Gegensatz zu anderen Grundeinkommensmodellen will das von der KAB entwickelte und auch vom Aachen Ökonomen Ralf Welter durchgerechneten Modell die Sozialversicherung keinesfalls abschaffen", betont Gather.

Die KAB geht danach von einem bedingungslosen Grundeinkommen von monatlich 850 Euro (für Erwachsene) und 550 Euro (für Minderjährige) aus, das bei Bedarf durch Wohngeld und eine von der persönlichen Lebenssituation abhängigen Pauschale, etwa für alleinerziehende Eltern, aufgestockt werden soll. Das bedingungslose Grundeinkommen, das allen Bürgern, unabhängig von ihrem Einkommen zustehen soll, sobald sie mindestens fünf Jahre im Land gelebt, gerarbeitet und Steuern gezahlt haben, will die KAB mit einer Vermögenssteuer und einer erhöhten Erbschaftssteuer finanzieren.

Winfried Gather weist darauf hin, dass das bedingungslose Grundeinkommen dazu führen würde, dass die Arbeitgeber dazu gezwungen würden, die betrieblichen, sozialen und finanziellen Rahmenbedingungen zu verbessern, um ihre Arbeitsplätze mit Arbeitnehmern besetzen zu können. Außerdem, so glaubt der KAB-Mann, werde ein bedingungsloses Grundeinkommen den Menschen mehr Freiheit und Lebensqualität verschaffen, um nicht nur einer Erwerbsarbeit nachzugehen, sondern auch ehrenamtliche Familienarbeit und bürgerschaftliches Engagement zu leisten.

In einem im September 2017 veröffentlichten Sozialwort haben sich auch der Bund der deutschen katholischen Jugend und die Evangelische Jugend Deutschlands für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen, um die Schere zwischen Armen und Reichen wieder zu schließen und den vorhandenen Reichtum zur Bekämpfung der Armut einzusetzen. Auf der Internetseite des katholischen Jugendverbandes heißt es zum bedingungslosen Grundeinkommen:

"Die Auswirkungen eines Grundeinkommens wären vielfältig. Die Erwerbsarbeit würde ihre Funktion als wichtigste Einkommensquelle von Besitzlosen verlieren. Ist das Grundeinkommen hoch genug, gäbe es keine Lohnabhängigen mehr. Menschen würden arbeiten, weil sie sich mehr leisten wollen als mit dem Grundeinkommen möglich ist, oder weil sie einer sinnvollen Tätigkeiten nachgehen möchten. Neben die erzwungene Erwerbsarbeitslosigkeit würde die freiwillige treten, um beispielsweise Kinder zu erziehen, im Sportverein aktiv zu werden, sich aus- und weiterzubilden oder um spazieren zu gehen.

"Die Angst vor dem existenzgefährdenden Verlust des Arbeitsplatzes würde drastisch verringert. Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen könnten mit dem Arbeitgeber fast auf Augenhöhe vereinbart werden. Es gäbe vermutlich mehr Menschen, die ihre eigene Geschäftsidee umsetzen, weil das mit einem geringeren Risiko verbunden wäre. Andere würden ehrenamtliche oder Familienpflegetätigkeiten der Erwerbsarbeit vorziehen. Staatliche Behörden würden keinen Zwang ausüben, sondern könnten ihre Bürger mit Offenheit und Respekt behandeln."

Dagegen weiß sich der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV), Joachim Hüpkes, mit Kardinal Marx einig in der Ablehnung eines bedingungslosen Grundeinkommens. "Arbeit ist ein Wert an sich", sagt Hüpkes und erklärt: "Die Argumente der Befürworter hören sich gut an, entpuppen sich bei genauerer Betrachtung aber als Wuschtraum. Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde dazu führen, dass sich die Menschen mit einem geringen Einkommen fragen, ob sie für ein 100 Euro mehr oder weniger im Monaten noch arbeiten gehen sollten. Das können wir uns in Zeiten des demografischen Wandels gar nicht erlauben. Denn wir brauchen jeden."

Für den im Oktober 2017 neu gewählten Bundesvorsitzenden des Bundes katholischer Unternehmer, Professor Ulrich Hemel, ist die Diskussion über ein national begrenztes bedingungsloses Grundeinkommen kein Ausdruck von Solidarität, sondern von Gruppen-Egoismus. Er fordert stattdessen ein weltweites Grundeinkommen, das in den sogenannten Entwicklungsländern die ärgste Not von Hunger, Durst sowie fehlender Hygiene und Bildung überwinden müsse. Dieses Einkommen, so Hemel, werde sich dann aber realistischerweise weit unter einer Spanne von monatlich 500 bis 1000 Euro bewegen. Mit Blick auf die Situation in Deutschland sagt der BKU-Bundesvorsitzende: "Wir haben bei uns bereits eine Grundsicherung, die dafür sorgt, dass niemand verhungern oder verdursten muss. Und es ist für mich eine Frage der Teilhabegerechtigkeit, dass jeder Mensch in unserem Land einen Anreiz zur Arbeit hat, um sich an unserer Gesellschaft zu beteiligen und sich damit auch in seiner Persönlichkeit zu entfalten."

Die Diskussion über die Einführung eines bedingungslosen Grund einkommens ist nicht neu. Bereits 2007 hatte der damalige thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus in der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken für die Einführung eines bedingungslosen Bürgergeldes geworben, dass aus einer monatlichen Zuwendung von 600 Euro, zuzüglich einer Gesundheuitsprämie von 200 Euro bestehen sollte.



Aktuell gewann die Grundeinkommen-Debatte an Fahrt, nachdem die Universität Osford Anfang des Jahres eine Studie veröffentlicht hatte, die davon ausgeht, dass der durch die Digitalisierung ausgelöste Rationalisierungsschub in den nächsten 25 Jahren weltweit 47 Prozent aller Arbeitsplätze zum Opfer fallen könnten. Außerdem weisen die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens darauf hin, dass heute ein Fünftel der Erwerbstätigen in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt und damit langfristig von Altersarmut bedroht sei.

Dieser Text erschien am 25. November 2017 in der Tagespost

Samstag, 25. November 2017

„Als Kirche die Dinge zu lange schön geredet“: Der emeritierte Weihbischof Franz Grave feiert seinen 85. Geburtstag. Er engagiert sich als Pastor im Unruhezustand in der Stadtpfarrei St. Mariae Geburt. Die Situation bei Siemens bereitet ihm Sorgen

Franz Grave
Mit 85 könnte er eigentlich seinen Ruhestand genießen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Doch Franz Grave genießt eben das, dass sein Ruhestand nicht absolut
ist, sondern immer wieder unterbrochen wird, etwa durch Gottesdienste, die er in St. Mariae Geburt feiert,
durch Seelsorge-Gespräche oder durch das freundliche, aber bestimmte Klinkenputzen bei Unternehmern,
denen er hier und dort einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz
aus dem Kreuz leiert. Leider gibt es keinen Herrn Siemens,
den er besuchen und überzeugen könnte, Arbeitsplätze in der
Region zu erhalten. „Die Situation bei Siemens besorgt mich. Die müssen wir sehr genau beobachten und vergleichen. Da haben wir noch was im Köcher“, sagt der sozialpolitisch ambitionierte Gottesmann, ohne schon konkreter werden zu wollen.

Im zu Ende gehenden Luther-Jahr steht für den katholischen
Priester im Unruhezustand fest: „An den erreichten Fortschritten in
der Ökumene müssen wir jetzt weiterarbeiten. In unserer pluralen Gesellschaft müssen die christlichen Kirchen heute zusammenarbeiten und sich zusammen zu Wort melden,
um gehört zu werden“, unterstreicht der emeritierte Weihbischof.

An dem aktuellen Pfarrei-Entwicklungsprozess arbeitet der 85-
Jährige „nicht mehr aktiv mit“. Dennoch hat er eine konkrete Vorstellung davon, „dass wir auch als kleinere Kirche in unserer Gesellschaft eine seelsorgerische und sozialpolitische
Dynamik entfalten können und müssen, weil wir von den Menschen gebraucht und gefragt werden“.

Den Umbruch in der katholischen Kirche sieht er auch als eine
Chance zum Aufbruch. „Als junger Priester habe ich es
noch miterlebt, dass man öffentlich hofiert und mit Hochwürden angesprochen wurde. Davon ist man heute Gott sei Dank abgekommen. Heute haben die Kleriker in der Kirche
nicht mehr das alleinige Sagen, sondern arbeiten ganz selbstverständlich mit den Laien auf Augenhöhe
zusammen und das ist auch gut so“, beschreibt Grave den selbst
erlebten Wandel im Priesteramt.

Auch wenn das für ihn und seine Priester-Kollegen nicht immer nur
angenehm ist, schätzt Grave an seinen Mitchristen an der Ruhr, „dass sie offen und geradeaus ansprechen, was Sache ist und was anliegt“.

Besonders intensiv sind ihm die vielen Gespräche in Erinnerung
geblieben, die er etwa über den sexuellen Missbrauch im Priesteramt führen musste, der die Kirche viel moralischen Kredit einbüßen ließ. Er sagt: „Wir haben uns als Kirche
die Dinge zu lange schön geredet und nicht rechtzeitig auf absehbare Entwicklungen reagiert, so dass wir
jetzt umso intensiver kirchliche Strukturen entwickeln müssen, die
auch in Zukunft funktionieren und die Menschen tragen können.“
Ihn selbst hat das Beispiel „der materiell armen, aber fröhlichen
und begeisterten Christen in Lateinamerika immer inspiriert. 

Deshalb hat der ehemalige Adveniat-Vorsitzende auch in St. Mariae Geburt im Advent Lateinamerikawochen initiiert, Anfang Dezember bekommt er Besuch von einem deutschen Bischof
aus Brasilien. Ihm selbst hilft sein christlicher Glaube und die Zuversicht, „dass ich mich mit meiner ganzen Persönlichkeit
und Existenz in Gott fallen lassen kann“, dabei, auch in schwierigen Situationen und mit Blick auf Alter und Tod gelassen zu bleibenund auf Gottes Güte zu vertrauen.

Hat er nie an seinem Lebensweg und an seinem Glauben gezweifelt?Franz Grave formuliert es so: „Wir Priester sind keine besondere Spezies. Wir sind, wie alle anderen
Menschen auch, aus dem selben Holz geschnitzt.“

Franz Grave wurde am 25. November 1932 in Essen geboren, wo er auch heute lebt. Nach dem Theologiestudium wurde er 1959 zum Priester geweiht und arbeitete zunächst als junger Seesorger in Duisburg. Im Laufe seines beruflichen Werdegangs wurde er unter anderem zum Leiter des Seelsorgeamtes im Generalvikariat des Bistums Essen berufen und 1988 zum Weihbischof geweiht. In diesem Amt war Grave auch Vorsitzender des Lateinamerika-Hilfswerkes Adveniat und Bischofsvikar für weltkirchliche und gesellschaftliche Fragen. Seit 2008 arbeitet er als Pastor in der Mülheimer Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt mit und hat dort unter anderem die Lateinamerika-Wochen im Advent ins Leben gerufen.

Donnerstag, 23. November 2017

MüKaGe feierte mit 150 Jecken im Altenhof: Als Hoppeditz arbeitete sich Pfarrer Michael Manz an den Baustellen der Stadt ab. Neuer Showtanz begeisterte

Die Tanzgarde der Mükage nach ihrer neuen Burlesque-Show
Mit einer neuen Tanzshow (Burlesque) ihrer Aktivengarde und mit einem  neuen Hoppeditz (Pfarrer Michael Manz aus Styrum) startete die MüKaGe am Samstagabend mit 150 Jecken im Altenhof in ihre 80. Session.

Als Hoppeditz arbeitete sich Michael Manz an den Baustellen der Stadt ab und machte deutlich, dass er sich auf der Kanzel genauso wohl fühlt, wie in der Bütt.

O-Ton Hoppeditz: „Im Yachthafen  habe ich bis auf die Tretboote noch nicht viele Schicki-Micki-Yachten gesehen. Aber was sollen die da auch anlegen? Gehste von Bord und zack! – stehst Du in einer Baustelle! Mit dem Thema „Baustelle“ kann ich mir Zeit lassen, denn Baustellen nehmen uns Mölmschen ja auch Zeit ohne Ende.“ Auch die Stadtverwaltung bekam vom geistlichen Hoppeditz ihren Segen von Kloster Kamp: „Seien wir mal ehrlich. In unserer schönen Stadt wird viel Müll produziert. Nicht nur der Müll, den die MEG abholt. So mancher Müll ist auch in den Büros von Verwaltungen zu finden.“ Der ebenfalls unter die Narren gegangene Oberbürgermeister Ulrich Scholten konterte die Spitzen mit Humor: „Wenn ich gewusst hätte, was hier auf mich zukommt, hätte ich vorher einen Beruhigungstee getrunken. Für mich steht jetzt fest: In meinem nächsten Leben werde ich Hoppeditz.“ Doch nicht nur der Verwaltungschef, sondern auch der nicht anwesende Baudezernent Peter Vermeulen, wurde, ob seiner Hochhaus-Pläne an der Ruhr, vom Hoppeditz als „unser Pitter“ verspottet, „dessen Mülheim-Babylon-Projekt ja jetzt Gott sei Dank vertagt worden ist.“

Manz, der in einem zweiten Bühnenauftritt als Pfarrer vom Tod besucht wurde, während er an einer Beerdigungspredigt arbeitete und den Sensemann tot quatschte, damit dieser ihn noch einmal verschone, wurde an diesem Abend, ebenso, wie sein katholischer Kollege Pastor Michael Clemens (aus Eppinghofen) zum Ehrensenator der MüKaGe ernannt, Am 15. Januar lädt Clemens um 11 Uhr zur Karnevalsfestmesse in St. Engelbert ein.

Dieser Text erschien am 20. November 2017 in der NRZ und in der WAZ

Mittwoch, 22. November 2017

Start in die Fünfte Jahreszeit: Die MükaGe feiert den Start in ihre 80. Session am 17. November im Altenhof


 
Jennifer Begall und Sabrina Uding berichten aus der MüKaGe
Am 17. November betritt die Erste Große Mülheimer Karnevalsgesellschaft (MüKaGe) Neuland. Erstmals feiert die 1937 in Saarn gegründete Karnevalsgesellschaft ihren Sessionsauftakt im Altenhof an der Kaiserstraße. Los geht es um 19.30 Uhr.


Warum engagiert man sich heute in einer traditionsreichen Karnevalsgesellschaft: „Das ist die pure Leidenschaft. Wir sind eine große Familie, in  der jeder gibt und nimmt“, erklären Jenny Begall (31) und Sabrina Uding (34). Beide gehören zum Trainerteam der 32-köpfigen Tanzgarde und arbeiten außerdem in der Geschäftsführung der 125 Mitglieder starken Gesellschaft mit.
„Wir sind ja nicht nur im Karneval aktiv. Wir treffen uns auch jenseits der Fünften Jahreszeit, um zum Beispiel gemeinsam unsere Freizeit zu gestalten, zu trainieren oder uns fortzubilden“, berichtet Begall. Sie kam bereits als Mädchen zur MükaGe, während Uding nach der Auflösung der KG Düse erst vor kurzem bei der MüKaGe ihre neue karnevalistische Heimat gefunden hat.

Wenn man die beiden MükaGe-Frauen nach dem Schwerpunkt ihrer Gesellschaft fragt, lautet die Antwort: „Tanzen!“ Besonders stolz sind Uding und Begall, die von ihrer Trainer-Kollegin Nadine Ossmann und einem zusätzlichen Betreuerteam unterstützt werden, dass sie den Jecken bei Sessionsstart am Freitag eine neue Mini-Garde und auch einen neuen Showtanz präsentieren kann.
Außerdem hat die von Willi Enaux gegründete Gesellschaft, die heute von Horst Heinrich und Bernd Kaiser geführt wird, den Styrumer Pfarrer Michael Manz als Ehrensenator und Hoppediz gewinnen können.

Neben dem närrischen Hausfrauennachmittag, zu dem die Müttergarde der MüKaGe am 31. Januar in den Styrumer Unionsaal an der Neustadtstraße einlädt, richtet die MükaGe bereits seit mehr als 40 Jahren das Qualifikationsturnier für die Deutschen Meisterschaften aus. „Am 9. und 10. Dezember erwarten wir Garden und Tänzer aus 70 deutschen Gesellschaften in der Sporthalle an der Mintarder Straße“, blickt Sabrina Uding in die nächste Zukunft. Und Jenny Begall macht deutlich: „Solch eine große Turnierveranstaltung können wir nur stemmen, weil alle Mitglieder der Gesellschaft mit anpacken. Und dann macht es auch allen riesig Spaß!“ Das gilt natürlich nicht nur für das Tanzturnier zur Deutschen Meisterschaft, sondern auch für den Kinderkarneval, zu der die MüKaGe am 4. Februar um 15.30 Uhr ins Gemeindehaus der Immanuelkirche an der Albertstraße in Styrum einlädt.

iMehr zur MüKaGe unter www.muekage.de

Dieser Text erschien am 17. November 2017 in der NRZ und in der WAZ

Wenn Märkte verrückt werden

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das merkte ich, als ich gestern die Schloßstraße hinauf ging, um mich bei den Wochenmarkthändlern meines Vertrauens mit dem täglichen Bedarf einzudecken. Doch dort traf ich nicht auf Markstände, sondern auf eine riesige Tanne und Holzhütten. Für einen Moment glaubte ich, im Wald zu stehen, obwohl ich wusste, dass  ich auf der Schloßstraße und damit mitten in der Stadt stand. Doch dann fiel der Groschen.

Ich war, der Macht meiner Gewohnheit folgend, blindlings an den jetzt auf der mittleren Schloßstraße platzierten Wochenmarktständen vorbei gehuscht und so im Weihnachtstreff gelandet, der noch auf seine Eröffnung wartet.

Die Markthändler, die buchstäblich im Regen standen, machten, ob ihrer Verschiebung, einen eher bedröppelten Eindruck. Klar. Auch Markthändler werden nicht gerne verrückt. Aber irgendwie passt der verrückte Markt ins Bild der Zeit. Denn anders als die Früchte des Mülheimer Wochenmarktes, können einem die Früchte des Zorns, die uns heutzutage auf den freien Märkten der politischen und wirtschaftlichen Handelsvertreter angebotenen Früchte schwer im Magen liegen und den Appetit auf mehr verderben.

Dieser Text erschien am 22. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 21. November 2017

Im Schleudergang des Lebens

Vitamine kommen in dieser Jahreszeit des großen Hustens und Schniefens gerade recht. Apfelsinen und Mandarinen seien da allen noch oder noch nicht verschnupften Zeitgenossen als Vitamin-C-Bomben gegönnt und empfohlen. Doch ausgerechnet die Überreste dieser gesunde Früchte, nämlich ihre Schalen, wären mir gestern beinahe zum gesundheitlichen Verhängnis geworden, weil sie irgend  ein Früchtchen  großzügig auf dem Gehweg verteilt hatte.

Zwar wünscht man sich zuweilen Hals und Beinbruch. Doch diesen Wunsch scheint besagtes Früchtchen unter dem Eindruck akuten Vitaminmangels wohl missverstanden zu haben.

Um nicht vor der Zeit ins Schleudern zu kommen, empfiehlt sich wohl nicht nur Vitamine und einen Schutzengel, sondern auch seinen Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ im Rucksack zu haben.

Denn nicht nur im Herbst kommt man heute schnell ins Rutschen, wenn man nicht mit allem und das heißt vor allem auch mit der Unvernunft seiner Mitmenschen rechnet.

Und das, man sieht es in Berlin, gilt offensichtlich nicht nur für den täglichen Straßenverkehr, sondern auch für das politische Parkett.

Dieser Text erschien am 21. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 20. November 2017

Vor dem ersten Glühwein

Glühwein schreibt die junge Frau in der kurzärmeligen Bluse auf das Werbeschild des City-Cafés. „Ist es schon wieder so weit“, frage ich. „Ja, es ist so weit“, sagt sie und lächelt. Wenige Schritte weiter überzeugt mich der Anblick der MST-Mitarbeiter, die am Volkstrauertag an der Schloßstraße kleine Holzhütten aufbauen. Der Weihnachtstreff steht vor der Tür. O, du fröhliche. Und das schon im  tiefsten November. Komisch. Als der Weihnachtstreff noch ein Weihnachtsmarkt war, der seinem Namen alle Ehre machte, wurden erheblich mehr Holzhüten erheblich später aufgestellt. Ich weiß. Das ist Nostalgie.

Das Hier und Heute besteht im November und Dezember aus einem Weihnachtstreff an der oberen und einem Wochenmarkt an der unteren Schloßstraße. Und die ersten Sterne der Weihnachtsbeleuchtung prangen schon.

Wenn es denn der Belebung der Innenstadt und ihren Einzelhändlern hilft, können wir alle und vor allem der Stadtkämmerer am Ende wirklich: „O, du fröhliche anstimmen“ und mit seinem Glühwein darauf anstoßen, dass hoffentlich nicht nur die Kassen der Stadt mal wieder kräftig klingeln. Da kommt mir vor dem ersten Glühwein eine Schnapsidee: Sollten wir nicht aus dem Wochenmarkt- und dem Weihnachtstreff eine ganzjährige Veranstaltung machen. Das könnte die City vielleicht dauerhaft beleben und den Einzelhändlern ein Gefühl wie Weihnachten und Ostern verschaffen. Zu Risiken und  Nebenwirkungen fragen sie die Mülheimer Entsorgungsgesellschaft und das Ordnungsamt.

Dieser Text erschien am 20. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 19. November 2017

In der Kürze liegt die Würze

Ein Soziologe, so las ich es jetzt in unserer Zeitung, empfiehlt den christlichen Kirchen kürzere und einladendere Gottesdienste, um die Kirchenbänke samstags und sonntags wieder besser zu besetzen.

Mir sind noch zweistündige Hochämter mit Weihrauchberieselung in fragwürdiger Erinnerung, bei denen auch der best konditionierte Christenmensch an die Grenzen der  Besinnungslosigkeit gelangen kann.  Warum soll also auch bei der Predigt in der Kirche nicht gelten, was uns Journalisten von Ausbildern und Vorgesetzten immer wieder gepredigt wird: In der Kürze liegt die Würze. Von einem Pfarrer erfuhr ich jüngst, dass die Aufmerksamkeitsspanne seiner alltagsgeplagten Schäfchen beim Hören der Predigt zwischen sieben bis acht Minuten liege.

Immerhin. Lieber tolle fünf Minuten auf der Kanzel in einer hoffentlich gut geheizten Kirche mit orthopädisch unbedenklichem Kirchengestühl als 140-Zeichen-Tweitterbotschaften von Donald Trump, bei denen es einem kalt über den Rücken läuft. Eines macht uns der amtierende US-Präsident allerdings deutlich. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er nicht immer auch Verstand. Und allein diese Tatsache sollte uns das Beten lehren. 

Dieser Text erschien am 18. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 17. November 2017

Ein Fußgänger sieht rot

Mein Gesprächspartner erwartete mich um 8 Uhr. Der Tag fing gut an. Ich kam leicht aus den Federn, frühstückte gut und meine Bahn war pünktlich.  Ich hatte zu viel Glück auf einmal. Denn auf der letzten Etappe meines Weges wurde ich von einer roten Ampel brutal ausgebremst. Ich habe nichts gegen rote Ampeln. Sie müssen ja den fließenden Verkehr in die richtigen Bahnen lenken und für Sicherheit sorgen. 

Doch wenn man als termingesteuerter Fußgänger gefühlte 15 Minuten an einer roten Ampel steht und nur der Autoverkehr fließt, kann man als Fußgänger schon mal rot sehen, wenn die Zeit gnadenlos verrinnt und aus der Pünktlichkeit mal wieder Unpünktlichkeit wird, was nicht gerade imagebildend wirkt. Vielleicht hätte ich noch gerade pünktlich sein  können, wenn ich die rote Ampel ignoriert und todesmutig die stark befahrene Straße überquert hätte. Gut, dass ich es nicht tat und für mein Image mein Leben aufs Spiel setzte, denn als ich im Büro meines Gesprächspartners eintraf, ließ der sich von seiner Sekretärin entschuldigen. Er stehe im Stau und brauche mindestens noch 15 Minuten bis zu seiner Ankunft.

Dieser Text erschien am 17. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 16. November 2017

Der Mann mit der Spitzen Feder: Auch wenn der Karikaturist Thomas Plaßmann kein Jeck ist, freut er sich über die Spitze Feder der Mülheimer Karnevalisten

Thomas Plaßmann bei der Arbeit.
Thomas Plaßmann bekommt nicht nur die Spitze Feder. Der Karikaturist der Neuen Ruhr Zeitung arbeitet auch mit ihr. Mit einer klassischen Feder und Tusche zeichnet er auf Papier und sorgt mit seinen Karikaturen für Aha-Effekte am Frühstückstisch. „Als Karikaturist muss man zuspitzen, Dinge auf den Punkt bringen, frei nach dem wahren Wort: ‘Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte’“, unterstreicht der 57-Jährige.

Manchmal hat er, der sich schon immer dafür interessiert hat, „wie wir unser gesellschaftliches Leben positiv gestalten können“, ein schlechtes Gewissen. „Denn ich profitiere als Karikaturist von den Missständen dieser Welt und von fragwürdigen politischen Charakteren“, weiß Plaßmann. So ist ein Donald Trump, den er politisch gar nicht mag, für ihn als Karikaturisten ein Glücksfall. „Der US-Präsident bietet mit seinen plakativen Gesten und mit seinen oft haarsträubenden Äußerungen viele Angriffsflächen.“ Das gilt auch für Trumps weltpolitischen Gegenspieler, Nordkoreas Diktator Kim Jong Un. „Manchmal weiß man als Karikaturist nicht mehr, wie man die Realität noch toppen soll“, gibt Plaßmann zu. 

Doch er arbeitet sich nicht nur an Politikern ab, sondern nimmt mit seiner Feder auch soziale Themen wie Rente, Armut oder Pflege unter die Lupe. „Politik ist kein Schauspiel von und für die da oben, sondern bestimmt ganz konkret unsere Lebensverhältnisse“, beschreibt Plaßmann, was ihn beim Zeichnen antreibt.  Täglich entstehen so im Zimmer unter dem Dach seines Hauses die aktuellen Karikaturen zum Geschehen in der Welt und vor der Haustür. Der studierte Historiker und gelernte Schreiner, der schon als Schüler gerne seine Lehrer zeichnete, entschied sich vor 30 Jahren dazu, als freiberuflicher Karikaturist zu leben und zu arbeiten. Nun schon seit vielen Jahren für die NRZ und andere Tageszeitungen und Publikationen. „Nicht nur Zeitungsredaktionen haben erkannt, dass man mit der Bildsprache der Karikatur viele Themen besser kommunizieren kann, als wenn man dies nur mit dem geschriebenen Wort täte“, erklärt Plaßmann. Er selbst versteht sich als Journalist und Künstler.

Bevor er zur Tuschefeder greift, informiert er sich via Zeitung, Radio und Internet über die aktuelle Nachrichtenlage. „Das Zeichnen ist der geringste Teil meiner Arbeit. Entscheidend ist für mich, erst mal herauszufinden, was das Thema des Tages sein könnte und wie ich es kommentierend ins Bild setzten könnte“, beschreibt Plaßmann seine kreative, oft aber auch geistig mühevolle und anstrengende Arbeit. Im digitalen Zeitalter könnte er seine Karikaturen auch mit Hilfe eines Computerprogramms erstellen. Doch das will er nicht. „Ich will mir den künstlerisch handwerkliche Teil meiner Arbeit bewahren und zeichne lieber nach alter Väter Sitte“, sagt er.  Auch wenn er heute von seiner künstlerischen und journalistischen Arbeit “gut leben kann“, erinnert er sich auch noch an die Zeit des großen Klinkenputzens. 

„Das muss man tun, wenn der Vater kein Verleger und der Schwiegervater kein Chefredakteur ist“, scherzt Plaßmann. Mit Sorge sieht er, dass immer mehr Kollegen nur noch schlecht oder gar nicht mehr von ihrer Arbeit leben können. „Dabei zeigen die aktuellen Erfahrungen mit den sogenannten Fake-News in den sozialen Medien, dass wir heute mehr denn je einen guten und kritischen Journalismus brauchen, zu dem auch die Karikatur gehört. Aber dieser gute Journalismus kann nur dann existieren, wenn er auch bezahlt wird und Journalisten und Karikaturisten von ihrer Arbeit leben können“, sagt Plaßmann. 

Obwohl der in der Nachbarstadt Essen lebende Plaßmann „kein geborener Jeck ist“, freut er sich sehr darüber, „dass die Mülheimer Karnevalisten mit der Verleihung der Spitzen Feder nicht nur meiner Arbeit, sondern auch der für unsere Demokratie so wichtigen Arbeit meiner zeichnenden Kolleginnen und Kollegen Respekt und Anerkennung zollen.“  

Bleibt die Frage, ob man als Karikaturist, der mit dem künstlerischen Stilmittel der Satire arbeitet, frei nach Kurt Tucholsky, alles darf. „Es war für uns Zeichner wohl das einschneidendste Erlebnis ,als unsere Kollegen von Charlie Hebdo im Januar 2015 von islamistischen Terroristen ermordet wurden, weil sie den Propheten Mohammed karikiert hatten. Für einen Moment erstarb uns allen die Feder in der Hand“, erinnert sich Plaßmann. Doch sie wurde schnell wieder ergriffen und geführt. „Es wäre der falsche Weg, sich wegzuducken und darauf hin nur noch Blumenwiesen und röhrende Hirsche zu zeichnen. Karikaturen müssen die Probleme benennen und auf den Punkt bringen. Das erregt natürlich Anstoß, Widerspruch und ärgert mitunter natürlich auch. Aber das ist ja auch Ihre Aufgabe, um aufzurütteln, und zum Nachdenken anzuregen.“, sagt Plaßmann. Und so karikiert der praktizierende Christ auch seine eigene Kirche, wenn er das für notwendig hält. Dieser öffentlichen Kritik, so meint er, müssten sich, bei allem Respekt vor religiösen Gefühlen, nicht nur die christlichen Kirchen, sondern alle Religionsgemeinschaften stellen.  “Die spitze Feder”, so unterstreicht Plaßmann,”ist nicht nur Symbol, sondern unverzichtbares Werkzeug unserer Demokratie und unserer geistigen und kulturellen Freiheit.“

Dieser Text erschien am 14. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 15. November 2017

Die Saarner Dorfkirche: Ein Zeitsprung im Mülheimer Süden

Foto: Stardtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
Die Dorfkirche an der Holunderstraße, die wir auf eine historischen Aufnahme aus dem Stadtarchiv in den 1950er Jahren sehen, erscheint uns heute, wie der Prototyp einer Kirche aus der guten alten Zeit. Diese gute alte Zeit, die bei genauerer Betrachtung natürlich nie so gut war, wie sie im Rückblick manchmal erscheint, war in diesem Fall die Mitte des 19. Jahrhunderts, als das im bergischen Barockstil errichtete Gotteshaus der Evangelischen Gemeinde eingeweiht werden konnte.

Die evangelische Dorfkirche in dem vom katholischen Kloster geprägten Saarn hatte zwei schlichtere Vorgängerrinnen, die ab 1685 und ab 1775 für evangelische Sonntags- und Trauergottesdienste genutzt wurde. Doch bis zur Gemeindegründung im Jahr 1844 gehörten die evangelischen Christen in Saarn zur Evangelischen Kirchengemeinde rund um die Petrikirche. Aber wenn die Ruhr Hochwasser führte, war es den evangelischen Saarnern (bis zum Bau der Kettenbrücke 1844) unmöglich mit der Schollschen Fähre überzusetzen und in der Petrikirche Gottesdienst zu feiern.

Als die Dorfkirche in den 1960er Jahren umgebaut und restauriert wurde, stellte sich heraus, dass das kleine, aber feine Gotteshaus auf Teilen eines alten Kirchhofes erbaut worden war.

1991 wurde die Dorfkirche durch ein Gemeindehaus komplettiert, das heute einen wichtigen Treffpunkt für kirchliche, soziale und kulturelle Aktivitäten im Dorf Saarn darstellt. Seit der Gemeindefusion im Jahr 2009 ist die Dorfkirche an der Holunderstraße neben der Kirche an der Wilhelminenstraße Gottedienststandort für die Evangelische Kirchengemeinde Broich-Saarn.

Dieser Text erschien am 13. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 14. November 2017

Gute Argumente gegen Stammtisch-Parolen; Sach watt: Abend mit Improvisationstheater macht den Alltagsrassismus im Pfarrsaal von St. Barbara zum Thema

Jürgen Albrecht und Karin Kettling bei
ihrem Auftritt im Pfarrsaal von
St. Barbara
Zu einem Abend mit Improvisationstheater gegen den Alltagsrassismus mit einem Schauspieler-Duo hatte der Stadtkatholikenrat in den Pfarrsaal von St. Barbara am Schildberg eingeladen. Mal schwadroniert Karin Kettling über den notwendigen Schutz der deutschen Kultur, damit deutsche Schauspieler ihre Arbeit nicht verlieren. Dann verwandelt sich ihr Kollege Jürgen Albrecht in einen Hausmeister, der über „die Ausländer“ schimpft, „die erst ihre Kippen und ihren Müll in den Hof werfen und dann unsere Wohnungen anzünden!“ Seine Forderung: „Die müssen alle wieder weg!“ Diesmal hält Kettling als Nachbarin mit antirassistischen Argumenten dagegen: „Das ist doch ein normaler Nachbarschaftsstreit. Haben Sie schon mal mit den ausländischen Nachbarn gesprochen?“ „Das kommt gar nicht in Frage“, so Albrecht. „Das sind doch nette junge Leute, mit denen man sprechen kann. Wir haben uns in unserer Siedlung doch immer mehr junge Leute gewünscht“, kontert Kettling.

Dann sind beim Mitmachtheater die Zuschauer gefragt, die sich bei einem Getränk die Szene angeschaut haben. Bei „Sach watt“ geht es darum, selbst etwas gegen fremdenfeindliche Stammtisch-Parolen zu sagen. „Man ist zu gut erzogen und möchte nicht unangenehm auffallen“, beschreibt ein Zuschauer seine Hemmschwelle, sich einzumischen. Doch das Coaching in Sachen Zivilcourage zeigt in den nächsten Theaterakten Wirkung. Die Zuschauer im Saal verbünden sich gegen die Phrasendrescherei: „Nicht nur die Würde der deutschen Menschen ist unantastbar“, ruft eine Zuschauerin. „Woher haben Sie eigentlich Ihre Erkenntnisse über ihre zugewanderten Nachbarn?“ will eine andere wissen. Und als der Hausmeister sich beklagt, „dass die Flüchtlinge ja alles hinten und vorne hereingesteckt bekommen“, fragt eine Frau: „Wollen Sie mit den Flüchtlingen tauschen? Wissen Sie, wie hoch die Asylbewerberleistungen sind?“ Und schon kommt die Parolen-Maschine ins Stocken.

Für Rolf Völker vom gastgebenden Stadtkatholikenrat steht am Ende des Abends fest: „Wer zu fremdenfeindlichen Stammtischparolen schweigt, überlässt Populisten und Rechtsextremisten das Feld.“ 

Dieser Text erschien am 14. November 2017 in NRZ und WAZ

Montag, 13. November 2017

Närrische Regenten legten los: 400 Jecken ließen die Tollitäten bei der Prinzenproklamation im Festsaal der Stadthalle hochleben: Buntes Showprogramm sorgte für Stimmung

Die neuen Tollitäten bei der Prinzenproklamation in der Stadthalle:
v.l. Karina Pütz, Janine Müller, Jürgen Wisniewski, Jennifer Kolkmann und
Ulrich Pütz.
400 Jecken feierten am Samstagabend im Festsaal der Stadthalle die Proklamation des neuen Stadtprinzenpaares. Jürgen II. (Wisniewski) und Janine I. (Müller) starteten mit dem ökumenischen Segen des Stadtdechanten Michael Janßen und des Styrumer Pfarrers Michael Manz in die Fünfte Jahreszeit, die mit dem Rosenmontag am 12. Februar 2018 ihren Höhepunkt erreichen wird. „So viel Lachen zu hast, so viel Glauben hast du“, gab Ehrensenator Manz den Jecken und Tollitäten mit auf den Weg.

Um 21 Uhr war es so weit: Flankiert von ihren Paginnen Jennifer Kolkmann und Karina Pütz und ihrem Hofmarschall Ulrich Pütz verkündeten Prinz und Prinzessin ihr närrisches Regierungsprogramm, ehe sie ihre Tanzshow präsentierten. 
Närrisches Regierungsprogramm

Geht es nach ihren Willen, leisten alle Mülheimer bis zum Aschermittwoch dem Sessionsmotto Folge: „Rund um die (R)uhr regiert die mölmsche Freude nur.“

Wer die ihm verliehenen Prinzenorden bei Karnevalsveranstaltungen nicht trägt, muss 11.11 Euro in die Kasse des Kinderprinzenpaares spenden. Jeder Mülheimer muss während der Session mindestens einmal die Hofburg des Prinzenpaares, die Prinzeß-Luise-Stuben besucht haben.
Alle Jecken werden dazu verpflichtet, dort, wo Karnevalsmusik gespielt wird, mitzusingen, zu klatschen und zu schunkeln. Der Oberbürgermister und Vertreter der Stadtverwaltung müssen einen Mariechentanz einüben, der nach der Schlüsselübergabe beim Rathaussturm am Weiberfastnachtsdonnerstag, 8. Februar 2018, vorzuführen ist. Alle Karnevalsmuffel und Miesepeter werden dazu verpflichtet, den Jecken den Spaß an der Freude nicht zu verderben. Deshalb bekommen sie für alle Karnevalsveranstaltungen Hausverbot.

Das Prinzenmobil darf während der Session überall in der Stadt frei parken. Knöllchen werden vom Oberbürgermeister zu Konfetti für den Rosenmontagszug verarbeitet.

Darüber hinaus muss der OB bei den Seniorensitzung des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval am  29. Januar 2018 als Sänger für Stimmung im Theatersaal der Stadthalle sorgen. Alle närrischen Bürger sind dazu aufgerufen beim Rosenmontagszug am 12. Februar mit wenig Alkohol und viel guter Laune an der Zugstrecke zu feiern und die Tollitäten hochleben zu lassen. Wenn das Lied „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ bis zum 13. Februar 2018 auch nur gesummt, gesungen oder gespielt wird, wird der Aschermittwoch und damit das Ende der Fünften Jahreszeit auf unbestimmte Zeit verschoben. Und schließlich dürfen Jecken während der Karnevalsveranstaltungen kein Handy benutzen, um ihre ganze Konzentration auf die Bühnenshow und die Tollitäten richten zu können.

Dieser Text erschien am 13. November 2017 in NRZ und WAZ

Das richtige Maß macht den Spaß

Eine interessante Idee. Sie oder ich summen oder singen das Lied: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und schon wieder dieser Tag, der die Wende von der Fastnacht zur Fastenzeit markiert, auf unbestimmte Zeit verschoben.

So haben es zumindest die närrischen Regenten bei ihrer Proklamation in der Stadthalle verkündet. Wie wollen die Tollitäten erfahren, wer  wo was von wem ein Lied zu singen hat?  Aber denken wird die Idee doch mal zu Ende! Nie wieder fasten! Das Leben nie wieder nüchtern betrachten! Immer gut drauf sein! 365 Tage im Jahr singen, schunkeln, klatschen und bützen. Was auf den ersten Blick verführerisch klingt, lässt mich bei genauerer Betrachtung an Heinrich Bölls Erzählung: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ denken. Eine Tante, die das ganze Jahr über Weihnachten feiern möchte, treibt damit ihre gesamte Familie in den Wahnsinn. Wenn wir uns einmal als Mülheimer Stadt-Familie betrachten, brauchen wir wohl nicht viel Fantasie, um uns vorzustellen, dass es zu einem Horrorszenario kommen würde, wenn wir dazu gezwungen wären, rund ums Jahr närrisch sein zu müssen. So närrisch kann keiner sein. Deshalb ist am Aschermittwoch Gott sei Dank alles vorbei.

Dieser Text erschien am 13. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 12. November 2017

Sankt Martin als Vorreiter

Ich horchte auf, als ich gestern an der offenen Haustür unserer kurdischen und islamischen Nachbarn vorbeikam. Aus dem einen Zimmer klang arabische Rockmusik, aus dem anderem das alt vertraute Lied: „Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, Sein Ross, das trug ihn fort geschwind. Sankt Martin ritt mit leichtem Mut. Sein Mantel deckt ihn warm und gut.“ Die akustischen Schnittmenge beider Melodien hielt sich in Grenzen, hatte in meinen Ohren aber irgendwie einen  guten Klang.

Denn allen, in der Öffentlichkeit unüberhörbaren Misstönen über die vermeintliche Integrationsunfähigkeit unserer zugewanderten Nachbarn zum Trotz, ließ die unverhoffte multikulturelle Klangmischung im Vorbeigehen, in mir die Zukunftsmusik einer bunter, aber deshalb nicht weniger friedlich werdenden Gesellschaft anklingen, in der der Grundton der der Toleranz in vereinter Vielfalt sein könnte und in der jeder Mensch guten Willens in unserem gemeinsamen Interessen, seine besten Seiten, zum Klingen bringt, und unsere Gesellschaft so zu einer Ode an die Freude werden lässt.  „Alle Menschen werden Brüder,wo dein sanfter Flügel weilt.“ Eine schöne Zukunftsmusik.

Dieser Text erschien am 28. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 11. November 2017

Gehen wir es mal närrisch an

Heute ist der 11.11. Wetterprognose: Sechs Grad Celsius. Bewölkt. 50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Wahrscheinlich wird das kein schöner Tag! Doch man soll den Tag nicht vor dem Abend schmähen. Denn heute Abend gibt es 25 Grad Celsius und strahlend blauen Himmel, begleitet von einem erfrischenden Sturm der Begeisterung, der etwa ab 19.30 Uhr im Festsaal der  Stadthalle aufziehen wird. Denn dann starten die Jecken in die Fünfte Jahreszeit und die neuen Tollitäten werden mit ihren elf Proklamationsparagrafen den Jecken aufzeigen, wo es bis Aschermittwoch lang geht.

Auch wenn der Inhalt dieser närrischen Regierungserklärung noch ein Staatsgeheimnis ist, darf man gewiss sein, dass man bei ihrem Anhören gut Lachen haben wird. Das kann heute nicht jeder Regent von seinen Botschaften sagen, obwohl so manche Regierungszentrale von außen und mit gesundem Menschenverstand betrachtet zuweilen, wie ein Käfig voller Narren erscheinen mag.

Heute wird der Festsaal der Stadthalle wahrhaftig zu einem Käfig voller Narren. Und das ist ausnahmsweise eine gute Nachricht.

Dieser Text erschien am 11. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 10. November 2017

Weiblicher Pragmastismus

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, auch wenn er auf dem Wochenmarkt seinen täglichen Lebensmittelbedarf einkauft.

Bei der Markthändlerin meines Vertrauens, die nicht nur eine gute Kauffrau, sondern auch eine Frau mit Herz ist, finde ich nicht nur an diesem verschnupften Herbsttag zwischen Aufschnitt und Geflügelfrikadelle ein offenes Ohr für meine Husten,- Schnupfen-Heiserkeits-Krankengeschichte.

„Machen Sie sich nichts daraus. In 100 Jahren spricht da kein Mensch mehr drüber,“ tröstet sie mich. Was wären wir Männer ohne die so herrlich pragmatischen Frauen, die uns auch in unserem Leiden immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

„Du bist erkältet und hast Husten und Gliederschmerzen? Dann bring doch neben Brot, Kartoffeln, Eiern, Obst und Gemüse auch noch gleich Hustensaft und Bronchialtee mit. Apotheke und Teeladen liegen ja gleich auf dem Weg!“ Auch wenn sich morgen schon niemand mehr für unsere Leiden interessiert, liebe Artgenossen der Gattung männliches Beuteltier, genau so werden Er und Sie auch noch in 100 Jahren ihren Einkauf organisieren. Und so viel vertraute Kontinuität stimmt in Zeiten des rasenden Wandels tröstlich.

Dieser Text erschien am 6. November 2017 in der Neuen $Ruhr Zeitung

Mittwoch, 8. November 2017

Werbung mit Langzeiteffekt

Wer wie ich als Mensch mit zwei linken Händen auf die Welt gekommen ist, hat sich schnell geschnitten. Ich habe mich schon oft geschnitten, weil mein Leben nicht meinen Erwartungen entsprechen wollte. Aber gestern schnitt ich mich tatsächlich. Es floss Blut. Keine Angst. Anders, als das Blut, das wir zuweilen in den  Nachrichten fließen sehen müssen, war es nur etwas ärgerliches und hinderliches, aber nichts lebensbedrohliches. 

Ein Pflaster musste her. Auf meiner Suche wurde ich ausgerechnet beim Werbegeschenk eines Sozialverbandes fündig, das ich bei Zeiten in meinem Medizinschrank verstaut hatte, so dass ich es jetzt in der Not nutzen konnte. Ein Sozialverband, der mit seinem Pflaster ungefragt da ist, wenn seine Hilfe gebraucht wird, um Wunden zu heilen. Das ist wirklich sozial. Eine bessere Werbung gibt es nicht. 

Ob mir die Partei-Kugelschreiber aus dem letzten Wahlkampf weiterhelfen, wenn ich auf meinem nächsten Lottoschein sechs Richtige ankreuzen möchte. Ich weiß: Geschnitten! Ich erwarte einfach zu viel vom Leben.

Dieser Text erschien am 8. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 7. November 2017

Im Labyrinth der Märkte

Alles neu macht der Mai. So dichtete 1829 Hermann Adam von Kamp. Würde der Mülheimer Lehrer und Dichter heute noch leben, dichtete er vielleicht: „Alles neu macht der Markt!“ Denn wer in Märkten aller Art einkauft, erlebt immer wieder eine ungewollte Schnitzeljagd: „Wo haben Sie das Toilettenpapier? Das haben wir jetzt dort, wo sonst die Windeln standen? Aber wo standen den sonst die  Windeln?“ „Sie brauchen eine Handcreme? Die steht jetzt dort, wo wir früher das Parfüm hatten. Wir haben nämlich umgebaut.“ Diese Auskunft bekommt der hilflos durch die Regalreihen irrende Kunde öfter zu hören, als ihm lieb ist. In ihrem kreativen Bestreben, die Ware des Hauses so verlockend wie möglich und so überraschend neu, wie möglich, zu präsentieren, schießen so manche Marktbelegschaften über ihr Ziel hinaus. Das gilt vor allem dann, wenn zu neuen Produktstandorten auch noch neue Preise und Packungsgrößen kommen. Auf solch erlebnisorientiertes Einkaufen können die meisten Kunden vom Stamme Gewohnheitstier verzichten. Die so ersparte Arbeit und Zeit nähmen sie gerne als Preisnachlass mit. Den könnte es ruhig mal öfter geben. Das wäre mir immer noch das liebste Einkaufserlebnis.

Dieser Text erschien am 7. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 6. November 2017

Ein Zeitsprung zwischen Dudel. Leinpfad und Schleuse

So sah der Mülheimer Maler Carl Altena (1894-1971) die
Häuser zwischen Dudel, Leinpfad und Schleuse.
(Eine Postkartenansicht aus dem Mülheimer Stadtarchiv)
Die Kreuzung zwischen Leinpfad, Auf dem Dudel und Schleuseninsel. Ein Stück schönes Mülheim, wie gemalt, hier von Carl Altena. Sein Tempera-Gemälde findet sich auch in der Postkartensammlung des Stadtarchivs.

Der 1894 in Dortmund geborene Maler lebte ab 1925 in Mülheim, wo er 1971 starb. Sein Gemälde, eines von vielen malerischen Motiven aus der Stadt am Fluss entstand also noch bevor die Mülheimer 1972 zwischen Dudel und Leinpfad im Eiscafe der Familie Plati einkehrte.  Das traditionsreiche Eiscafe mit Ruhrblick wird inzwischen seit 2009 von dem italienischen Eismacher Enzo und Tunc und seiner Frau Sema betrieben.

Schon lang bevor an der Schleuseninsel das Eis-Zeitalter anbrach, kehrten die Mülheimer dort im Gasthaus Zur Schleuse ein. Der pensionierte Geschichtslehrer und Heimatforscher Bernd Siemerock, der sich intensiv mit der Geschichte der Mülheimer Gaststätten beschäftigt hat, kann die Gasthaus-Geschichte zwischen Leinpfad und Dudel (bis 1914 hieß diese Straße noch Louisenstraße) bis in die 1860er Jahre zurückverfolgen. Damals wurde das Gasthaus von der Witwe Margarete Bergfied betrieben, ehe es in den 1880er Jahren von Carl Raumann übernommen wurde.

Als der 1963 mit dm Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnete Carl Altena das Gebäude-Ensemble malte, betrieb der Maler- und Anstreichermeister Friedrich Steinkämper im alten Schifferhaus neben dem Gasthaus  seine Werkstatt. Heute wird das 1784 errichtete und vor fast 30 Jahren liebevoll und aufwendig restaurierte Haus von einem Mülheimer Architekten und seiner als Frabgestalterin tätigen Frau bewohnt.


Dieser Text erschien am 6. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitunng

Sonntag, 5. November 2017

Wer zu Fuß geht, kommt weiter

Gestern kam ich mit drei stattlichen Damen in Kontakt. Sie traten mir im Aufzug nahe. Mir war diese Begegnung nicht unangenehm. Denn die Damen konnten sich sehen lassen und machten einen sympathischen Eindruck. Als reifer und ebenfalls nicht gerade schmaler Junggeselle ist man ja heute im schnellen Auf und Ab des Lebens für jede angenehme Begegnung mit dem anderen Geschlecht. dankbar.  Doch dem Aufzug waren solche Ambitionen fremd. Per blinkender Leuchtschrift und Warnsignal machte er dem stattlichen Herrn und den drei stattlichen Damen klar: Ein Quartett von eurem Format ist mir zu viel.

Und so trennten sich auch schon wieder die Wege der Fahrgäste, ehe sie sich vielleicht hätten kreuzen können. Zurück blieb die Einsicht: Zu viel ist zu viel, wenn es am Ende zu dicke kommt.
Deshalb, meine stattlichen Damen und Herrn, gehen wir demnächst vielleicht lieber und öfter zu Fuß. Treppe auf Treppe ab. Das tut unserer Figur und Kondition ebenso gut, wie der Chance mit der Frau oder dem Mann unseres Lebens ins Gespräch zu kommen, wenn er oder sie uns den begegnen, ohne das uns ein gefühlloser Aufzug einen Strich durch die Rechnung macht.

Dieser Text erschien am 4. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 4. November 2017

Als Mülheim evangelisch wurde: Ein Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte beleuchtet die Reformation

Was hat Mülheim mit Martin Luther und der Reformation zu tun? Eine Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte zeigt es in Wort und Bild. Die Historikerin Anke Asfur hat dafür in den Archiven der Stadt und des Evangelischen Kirchenkreises an der Ruhr recherchiert und Dokumente zusammengetragen.

„Wir wollen und können als Haus der Stadtgeschichte keine theologische Reformationsausstellung anbieten. Wir wollen die sozialen und politischen Auswirkungen der Reformation versuchen auf Mülheim herunterzubrechen“, erklärt der Leiter des Stadtarchivs, Kai Rawe.

Wer die kompakte und anschauliche Ausstellung zur Reformation besucht, erfährt zum Beispiel, dass sich die ersten Protestanten Mülheims lange gar nicht als solche sahen und die Gottesdienste, die an den drei Altären der Petrikirche gefeiert wurden, abwechselnd im evangelischen und katholischen Ritus feierten. Obwohl es mit Johann Kremer bereits ab 1546 im Mülheimer Kirchspiel einen evangelischen Pastor gab, schloss sich die Gemeinde auf dem Kirchenhügel offiziell erst 1591 der Reformation an, als ihre Vertreter erstmal an der Duisburger Synode der reformierten Kirchengemeinden teilnahmen.

Gleichzeitig blieben das Schloss Styrum und das Kloster Saarn katholische Enklaven. Und mit den Jesuiten kehrten die Katholiken ab 1750 auf den Kirchenhügel zurück.

Die Ausstellung erzählt unter anderem die Geschichte des Grafen Wirich V. von Daun-Falkenstein, der als Herr zu Broich und als Gesandter des Herzogs von Kleve-Jülich-Berg 1521 am Reichstag in Worms teilnahm und dort Luther und seine Thesen kennengelernt hat. Man erfährt von dessen Sohn Philipp von Daun-Falkenstein, der sich 1551 vom Papst aus seinem geistlichen Stand als Subdiakon des Erzbischofs von Köln entlassen ließ, um die ehemalige Nonne Caspara von Holtey zu heiraten und mit ihr die Dynastie fortzuführen.

Bildreich und beeindruckend wird auch der Zeitgeist des 16. Jahrhunderts dargestellt, als in Mülheim etwa 2500 Menschen in 950 Häusern lebten und im wahrsten Sinne des Wortes eine höllische Angst vor der ewigen Verdammnis hatten. Damals wurden die Menschen im Durchschnitt nur 30 Jahre alt und die Kindersterblichkeit war hoch. Das erklärt den Erfolg des päpstlichen Ablasshandels, der von Luther und seinen Anhängern verdammt und durch die Vorstellung, dass jeder Mensch allein auf die Gnade Gottes und sein Heil bringendes Wort angewiesen sei, konterkariert wurde.

Eine deutschsprachige Bibel, ein deutschsprachiger Gottesdienst, deutsche Kirchenlieder, wie etwa „Eine feste Burg ist unser Gott“ und ein Geistlicher, der den Gottesdienst der Gemeinde zugewandt feierte, das war den Mülheimern damals neu und machte die Reformation bei ihnen populär.

Doch die von Anke Asfur recherchierte Ausstellung zeigt auch die machtpolitischen Folgen der Reformation auf. So wurde Mülheim um 1600 zu einem Schlachtfeld des 80-jährigen Krieges zwischen den katholischen Spaniern und den reformierten, nach Unabhängigkeit strebenden, Niederländern. Dieser Krieg kostete nicht nur den damaligen Broicher Herrn Wirich VI. von Dau-Falkenstein das Leben.


Dieser Text erschien am 19. Oktober 2017 in NRZ/WAZ

Freitag, 3. November 2017

Sparfuchs trifft Milchmädchen

Jetzt liebäugeln die Sparfüchse also mit der Schließung von Stadtteilbüchereien und reduzierten Öffnungszeiten der Zentralbibliothek im Medienhaus. Bisher hielt ich Sparfüchse für eine clevere Gattung. Vielleicht sind die Sparfüchse, die auf kurzfristige Einspareffekte im Büchereietat setzen ja clever. Aber klug sind sie  bestimmt nicht. Eher klingt ihr bibliophiles Streichkonzert nach einer Liaison mit dem Milchmädchen. Dessen Rechkünste kommen uns auf kurze Sicht verheißungsvoll vor, aber auf lange Sicht kommen sie uns teuer zu stehen.

Wenn sich die Rechschiebereien auf dem Rücken der bildungsbedürftigsten und Bildungswilligsten durchsetzen, können wir auch gleich die Stadt zumachen und uns nach Dummsdorf eingemeinden lassen. 

Die Hoffnung auf eine Stadt, in der wir gut und gerne leben, weil in  ihr Bildung und guter, weil inspirierender Lesestoff kein Luxusgut, sondern Allgemeingut sind, können wir uns dann von politischen Märchenerzählern einflößen lassen: „Es waren einmal Stadt- und Landesmütter und Väter, die wolten kein Kind zurücklassen. Doch dann machte der böse Sparfuchs ihrem guten Vorsatz einen Strich durch die Rechnung.“

Dieser Text erschien am 3. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 2. November 2017

Ein Zeitsprung an der Raffelbergbrücke zwischen Speldorf und Styrum

Eine Postkartenansicht der Raffelbergbrücke um 1914
aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
Diese etwa 100 Jahre alte Postkartenansicht aus dem Stadtarchiv zeigt die 1914 fertig gestellte Raffelbergbrücke, die von einer Straßenbahn überquert wird.

Die heutige Raffelbergbrücke, die als Teil der A40 (bis Ende 2018) vom Landesbetrieb Straßen NRW saniert wird, wurde 1966 aus Stahlbeton neu errichtet. Weil ihre Konstruktion aus Beton und Stahlseilen ihr als einer sogenannten „Vorspannbrücke“ eine besondere elastische Stabilität verlieh, wurde die Mülheimer Brückenbaustelle am Raffelberg 1966 sogar von Ingenieuren aus Lateinamerika besucht, die sich hier besondere Anregungen für ihre eigene Arbeit erhofften. 

420 Meter lang verbindet die Raffelbergbrücke Speldorf und Styrum. Wenn ihre Fahrbahn nicht gerade, abustellenbdingt, verengt werden muss, wird die Raffelbergbrücke täglich von rund 90 000 Kraftfahrzeugen überquert.

Wie berichtet, schätzt der Landesbetrieb die Modernisierungskosten der Brücke auf rund 2,6 Millionen Euro. Auch in den 1970er und 1980er mussten die Fahrbahn und der Unterbau für insgesamt neun Millionen Mark modernisiert werden.

1926 wurde an der Raffelbergbrücke, die heute mit der Buslinie 122 erreicht werden kann, ein Wasserkraftwerk in Betrieb genommen. Es war der durch der Kohlemangel, der durch die französische Ruhrgebiets-Besetzung (1923 bis 1925) entstanden war, der die Stadtväter um den damaligen Oberbürgermeister Paul Lembke in den 1920er Jahren motivierte, die Wasserkraft zu nutzen. Das neue Wasserkraftwerk der städtischen Betriebe versorgte Speldorf und die Friedrich-Wilhelms-Hütte mit Strom.

Dieser Text erschien am 30. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 1. November 2017

Was zwei Mülheimer Pfarrern zum 500. Reformationstag einfällt: Ein Interview mit Michael Clemens und Michael Manz

Der katholische Pastor Michael Clemens (links) und der
evangelische Pfarrer Michael Manz vor dem Portal der
im 13. Jahrhundert errichtet wurde.
Der Reformator Martin Luther, der vor 500 Jahren mit seinen 95 Thesen die  Grundlage für ein neues und freies Glaubens- und Kirchenverständnis legte, wirkt bis heute. Dass wir unseren Glauben heute besser verstehen können, dafür sorgt Luthers Bibel-Übersetzung, die die Grundlage für unseren muttersprachlichen Gottesdienst legt. Zum 500. Reformationstag äußern sich der evangelische Pfarrer Michael Manz aus Styrum und der katholische Pastor Michael Clemens aus Eppinghofen zum Stand von Ökumene und der auch heute notwendigen Reformation der Kirchen.

500 Jahre Reformation. 500 Jahre Kirchenspaltung. Kann man das feiern?

Clemens: Ich sehe den Reformationstag nicht als das Fest einer Kirchenspaltung, sondern als Christusfest, das uns daran erinnert, dass es auch schon vor 500 Jahren Menschen gab, die nicht alles hingenommen haben und die Leib und Leben risikiert haben, um ihre Sicht der Dinge und den rechten Glauben öffentlich zu machen.
Manz: Der Reformationstag ist kein Fest, sondern ein Gedenktag, an dem wir uns daran erinnern, warum Luther mit seinen Thesen gegen die damalige Kirchenführung protestiert hat und warum er auf der ursprünglichen Form des biblisch begründeten Christentums beharrte.

Muss Kirche auch heute reformiert werden?

Manz: Wir müssen uns immer fragen: Was brauchen Menschen, um ihren Glauben leben zu können. Der Evangelischen Kirche wird oft vorgeworfen: Ihr passt euch dem Zeitgeist zu sehr an. Ihr müsst mehr bei eurem eigenen Kern bleiben.
Clemens: Die katholische Kirche steht eher im Ruf, sich ihrer Umwelt nicht  anzupassen. Aber wir haben bei beiden christlichen Kirchen das gleiche Problem. Solange das Geld bei uns eine so große Rolle spielt, wie das jetzt der Fall ist, sind wir auf dem falschen Weg. Das ist auch das, was Luther angemahnt hat.

Muss es den christlichen Kirchen erst richtig schlecht gehen, damit es ihnen wieder gut gehen kann?

Clemens: Wir haben ein dickes Relevanzproblem. Viele Menschen leben Volkskirche noch, wenn es um Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeit oder Bestattung geht. Aber viele wissen gar nicht mehr, was dahinter steht. Wir müssen ihnen wieder den christlichen Glauben zeigen und verständlich machen, damit er ihnen bei ihrer Lebensgestaltung helfen kann. Das wird auch unserer Gesellschaft helfen.
Manz: Auch ich stelle oft fest, dass es Menschen gibt, die ihre zentralen Lebensereignisse kirchlich begleitet sehen möchten, aber vom christlichen Glauben keine Ahnung haben und sich deshalb in der Kirche, wie ein Fremdkörper fühlen.

Wie kann man als Kirche die Menschen dort abholen, wo sie stehen?

Clemens: Wir müssen da ansetzen, wo sich Menschen fragen: Woher komme ich? Weshalb lebe ich? Und wohin gehe ich? Die Fragen sind da. Aber wir hinken als Kirche mit unserer Sprache und unseren Formen hinter der Zeit her. Daran müssen wir arbeiten.
Manz: „Wir müssen dem Volk aufs Maul schauen“, um Luther zu zitieren.  Alle Menschen sind in ihrem Leben auf einer Sinnsuche. Und wir müssen als Geistliche in einer Sprache, die sie verstehen mit ihnen und nicht über ihre Köpfe hinweg sprechen.

Die christliche Botschaft ist doch eindeutig. Warum tun sich die Kirchen so schwer, sie in unsere Zeit zu übersetzen?

Manz: Weil wir oft zu akademisch an die Sache herangehen. Eine mit vielen Bibel-Zitaten und Bibel-Kommentaren gut vorbereitete Predigt kann ein Genuss sein. Aber was sagt sie Otto Normalverbraucher. Der braucht etwas, was ins Herz geht und was ihn in seiner aktuellen Lebenssituation abholt und ihm weiterhilft.
Clemens: Dass das funktionieren kann, merke ich Weihnachten, wenn die Kirche voll ist und man emotional eine Menge transportieren kann und viele Menschen auch etwas damit anfangen können, dass Gott Mensch geworden ist.
Manz:...und mit Jesus von Nazareth die Welt revolutioniert hat.

Sind Menschen heute vieleicht medial so stark eingefangen, dass sie nicht mehr zur Kirche kommen?

Clemens: Sicher erleben heute viele Menschen im Fernsehen einen besseren Gottesdienst, als sie ihn in ihrer Heimatgemeinde erleben. Das ist für uns eine Herausforderung. Wir müssen mehr in unsere Gottesdienste investieren.
Manz: Aber dafür brauchen wir Zeit und Geld. Denn von nichts kommt nichts. Ich ärgere mich oft über die viele Zeit, die mir durch meine Verwaltungsaufgaben gemommen wird. Das hat nichts damit zu tun, was ich studiert und wofür ich Pfarrer geworden bin.
Clemens: An manchen Tagen sitze ich mir in Sitzungen den Hintern platt und komme erst nachts dazu, meinen Gottesdienst vorzubereiten.

Viele Menschen können mit der konfessionellen Spaltung in evangelische und katholische Christen nichts mehr anfangen. Ist es nach 500 Jahren Reformation und Kirchenspaltung nicht Zeit für eine christliche Kirche?

Clemens: Über Ökumene muss man nicht sprechen. Man muss sie einfach machen und dann ist ganz viel möglich.
Manz: Viele Menschen verstehen die Kirchenspaltung nicht mehr und fragen sich: Seid ihr verrückt, dass ihr euch mit Streitfragen aus dem Mittelalter herumschlagt. Wenn wir heute einen ökumenischen Gottesdienst feiern ist viel möglich, womit man nicht gleich zur Bild-Zeitung gehen muss.

Werden wir die Einheit der christlichen Kirchen noch erleben?

Clemens: Ich habe den Eindruck, dass bei der gemeinsamen Israel-Reise der katholischen und evangelischen Bischöfe Deutschlands mehr passiert ist, als man derzeit veröffentlichen kann. Und das stimmt mich hoffnungsfroh, dass wir noch weitere Fortschritte erleben werden, die sich hier und dort vielleicht auch den Amtskirchen entziehen. Das geht nur, wenn die Bischöfe ihren Mitarbeitern vor Ort vertrauen und ihnen etwas zutrauen. Die Basis muss in der Ökumene vorangehen und die Amtskirche muss die erreichten Fortschritte einholen. Ich kann mir eine Kirche unter einem Dach vorstellen, in der wir weiter mit unterschiedlichen Traditionen gemeinsam unseren Glauben leben können.
Manz: Die Strukturen verändern sich. Alte Verkrustungen brechen auf und wir müssen mehr und intensiver zusammenarbeiten, ohne das wir einen Papst bekommen, der für alle Christen zuständig ist.

Wie sehen Sie die Zukunft der christlichen Kirchen?

Clemens: Ich glaube, dass wir als Kirchen gefragt sind und bleiben, wenn es um wichtige Lebensfragen geht. Ich kann mir vorstellen, dass wir unsere Festgottesdienste ökumenisch in gemeinsamen Kirchen feiern. Außerdem muss die Kirche mehr in ihren Unterbau und weniger in ihren Überbau investieren.
Manz: Gemeinden werden immer größer. Wir brauchen aber kleine Gemeinden, in denen sich  die Pfarrer um die Menschen kümmern können und von Verwaltungsaufgaben entlastet werden.

Zur Person:
Pastor Michael Clemens wurde 1949 in Bochum geboren. Sein Vater arbeitete dort als Theatermaler. Nach seinem katholischen Theologiestudium wurde er 1981 vom damaligen Ruhrbischof Franz Hengsbach im Essener Dom zum Priester geweiht. Seit 1993 leitet er die Gemeinde St. Engelbert in Eppinghofen, die seit der Gemeindeumstrukturierung von 2006 zur Groß-Pfarrei St. Barbara  gehört.
Pfarrer Michael Manz wurde 1962 in Essen geboren, Sein Vater arbeitete dort als Maurer. Nach seinem Theologiestudum leitete der fünffache Vater und bekennende Fußballfan von 1993 bis 2014 den Gemeindebezirk Heißen-Ost, dessen Friedenskiche am Humboldthain 2014 aufgegeben wurde. Seit 2014 leitet Manz den Styrumer Gemeindebezirk der Lukas-Kirchengemeinde.

Zahlen, Daten, Fakten:
Heute gehören jeweils etwa 48.000 Mülheimer der katholischen und evangelischen Kirche an. Als Mülheim 1808 zur Stadt erhoben wurden, waren etwa 80 Prozent der 12.000 Einwohner evangelisch. Durch die Arbeitszuwanderung der Industrialisierung wuchs der katholische Bevölkerungsanteil bis 1927 auf 36 Prozent an. Als Mülheim 1973 mit 193.000 Einwohnern seinen Bevölkerungshöchststand erreichte, waren mehr als 100.000 Mülheimer evangelisch und mehr als 60.000 katholisch. Seit dem ist die Zahl der christlichen Kirchenmitglieder kontinuierlich zurückgegangen, weil es mehr Bestattungen und Kirchenaustritte als Taufen und Kircheneintritte gibt. Bereits in der Vergangenheit haben beide Stadtkirchen zum Beispiel mit der Aufgabe oder Umnutzung von Kirchen und Gemeindefusionen auf diese Entwicklung reagieren müssen. Aktuell befindet sich die katholische Stadtkirche in der heißen Phase ihres Pfarreientwicklungsprozesses, der im kommenden Jahr zu konkreten Strukturveränderungen führen wird.

Dieses Interview erschien am 31. Oktober 2017 in NRZ und WAZ

Mülheim zu Kaisers Zeiten

  Mit der Kaiserproklamation des preußischen Königs Wilhelm I. im Schloss von Versailles wurde vor 150 Jahren der erste deutsche Nationalsta...