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Es werden Posts vom November, 2017 angezeigt.

Manchmal muss es eben rot sein

Gestern ging Mutter und mir ein Licht auf. Wir brauchen einen Adventskranz. Denn am kommenden Sonntag soll ja schon die erste Kerze brennen. 
Es soll ja Menschen geben, die jetzt einfach ihren künstlichen Kranz mit elektrischen Kerzen aus dem Keller holen und: „Licht aus, Spot an“ in Adventsstimmung kommen. Doch dafür sind Mutter und ich einfach zu  traditionalistisch.

Angesichts  solcher Künstlichkeiten  im Schimmer der gedämpften Elektrokerzen bliebe uns der Spekulatius sicher im Halse stecken.

Auch wenn uns das Leben den Kinderglauben an Sankt Nikolaus und das Christkind ausgetrieben hat, wollen wir doch mit Blick auf Weihnachten keinesfalls die Herzenswärme und den Hoffnungsschimmer im Licht der Frohen Botschaft, die den kommerziellen Glamour der Vorweihnachtszeit überstrahlt, verlieren. Deshalb beschenken wir uns vor dem ersten Advent mit einem echten, Adventskranz, dessen Kerzen brennen, damit unsere innere Wärme in stürmischen und kalten Zeiten von außen befeuert werden möge.

Und d…

Ein Zeitsprung zwischen Schloßstraße und Eppinghofer Straße

Heute springen wir mit einer Postkarte unseres treuen Zeitzeugen und Lesers Walter Neuhoff ins Jahre 1970 und landen direkt vor der Haustür der Redaktion.

Damals ist der Bereich zwischen Schloßstraße und Eppinghofer Straße noch befahrbar. Erst 1986 wird hier der heutige Kurt-Schumacher-Platz mit seiner Brunnenlandschaft entstehen und damit eine fußläufige Verbindung zu dem im März 1974 eröffneten City-Center geschaffen. An dessen Stelle wird 20 Jahre später das heutige Forum City Mülheim treten.

„In dem Haus an der linken Bildseite befindet sich 1970 die Geschäftsstelle der WAZ. Auf der rechten Seite kann man an der Ecke Schloßstraße/Eppinghofer Straße die damalige Geschäftsstelle der NRZ erkennen. Gleich neben der Geschäftsstelle kauft man 1970 bei Stöters Gardinen und Stoffe, Krawatten im Krefelder Krawattenhaus und Schreibwaren bei Hugo und Walter Leiter.

Im rechten Bildmittelpunkt der Postkarte von 1970 schaut man auf das Bettenhaus Biesgen. Und in der linken Bildmitte erscheint die …

Zweierlei Arten von Handwerkern

Manchmal muss man Menschen einfach bewundern. So erging es mir am gestrigen Vormittag, als ich an der Ecke Kohlenkamp/Wallstraße einen unermüdlichen Malergesellen in penetranten November-

Nieselregen eifrigst eine Geschäftsfassade streichen sah.
Seine Arbeit wurde von den Nachrichten aus einem kleinen Radio begleitet, die  von der Dauerbaustelle der politischen Staatsbauhandwerker  berichteten.

Wie gut, dass der Mann am Pinsel sich kein Vorbild an seinen Kollegen an der Werkbank der Nation nimmt. Sonst hätte sein Auftrageber auch Weihnachten noch keine schöne neue Hausfassade.

Handwerksbetriebe, die den mit ihren Auftraggebern vereinbarten Termin versäumen, zu dem ihre Arbeit einwandfrei erledigt sein soll, müssen mit Regressforderungen rechnen. Vielleicht würde die Einführung einer solchen Regresspflicht für politische Handwerker dafür sorgen, dass Fegefeuer der Eitelkeiten gelöscht würde und die Damen und Herrn am Staatsbau ihren Wählerauftrag zügig erledigen, in dem sie Farbe bekenn un…

Kein Chance für Aussteiger

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder die Ruhrbahn. Das erfuhr gestern eine Frau, die mit der Straßenbahn unterwegs war. Sie war zu spät am Drücker, als die Bahn die Haltestelle ihrer Wahl erreichte. Die Türen waren geschlossen und blieben es auch. Selbst das Klopfen an die Tür der Fahrerkabine half nichts. Der Steuermann ließ sich nicht erweichen und beirren, denn die Ampel zeigte Grün und der Verkehr musste fließen und die verhinderte Aussteigerin bis zur nächsten Haltestelle mitfahren. Nach einem ersten Aufbäumen nahm die unfreiwillige Mitfahrerin den Umweg zu ihrem Ziel hin.

Vielleicht sollten die Berliner Koalitionsverhandlungen ja demnächst in einer Straßenbahn der Ruhrbahn stattfinden. Aussteigen dürfen die Verhandlungspartner erst, wenn sie ein Ergebnis vorlegen können. Sonst geht es weiter rund.

Dieser Text erschien am 23. November 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Das bedingungsloses Grundeinkommen aus der katholischen Perspektive

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, hat sich gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte der Erzbischof von München und Freising: "Die Arbeit ist nicht irgendetwas. Es gehört zur Grundkonstitution des Menschseins, dass ich für mich und meine Familie etwas schaffe, das von Wert ist." Ausdrücklich warnte Marx vor der "demokratiegefährdenden" Wirkung, die die Einführung eines solchen Grundeinkommens haben könne. Gleichzeitig kritisierte der Kardinal die ungleiche Vermögensverteilung in Deutschland und forderte alle gesellschaftlichen Kräfte dazu auf: "die politischen Folgen der Ungleichheit im Auge zu behalten."
Obwohl die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) die Idee des Grundeinkommens unterstützt, ist ihr Kölner Sekretär Winfried Gather angesichts der Positionierung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz "zwar nicht begeistert, aber auch …

„Als Kirche die Dinge zu lange schön geredet“: Der emeritierte Weihbischof Franz Grave feiert seinen 85. Geburtstag. Er engagiert sich als Pastor im Unruhezustand in der Stadtpfarrei St. Mariae Geburt. Die Situation bei Siemens bereitet ihm Sorgen

Mit 85 könnte er eigentlich seinen Ruhestand genießen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Doch Franz Grave genießt eben das, dass sein Ruhestand nicht absolut ist, sondern immer wieder unterbrochen wird, etwa durch Gottesdienste, die er in St. Mariae Geburt feiert, durch Seelsorge-Gespräche oder durch das freundliche, aber bestimmte Klinkenputzen bei Unternehmern, denen er hier und dort einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz aus dem Kreuz leiert. Leider gibt es keinen Herrn Siemens, den er besuchen und überzeugen könnte, Arbeitsplätze in der Region zu erhalten. „Die Situation bei Siemens besorgt mich. Die müssen wir sehr genau beobachten und vergleichen. Da haben wir noch was im Köcher“, sagt der sozialpolitisch ambitionierte Gottesmann, ohne schon konkreter werden zu wollen.
Im zu Ende gehenden Luther-Jahr steht für den katholischen Priester im Unruhezustand fest: „An den erreichten Fortschritten in der Ökumene müssen wir jetzt weiterarbeiten. In unserer pluralen Gesellschaft müss…

MüKaGe feierte mit 150 Jecken im Altenhof: Als Hoppeditz arbeitete sich Pfarrer Michael Manz an den Baustellen der Stadt ab. Neuer Showtanz begeisterte

Mit einer neuen Tanzshow (Burlesque) ihrer Aktivengarde und mit einem  neuen Hoppeditz (Pfarrer Michael Manz aus Styrum) startete die MüKaGe am Samstagabend mit 150 Jecken im Altenhof in ihre 80. Session.

Als Hoppeditz arbeitete sich Michael Manz an den Baustellen der Stadt ab und machte deutlich, dass er sich auf der Kanzel genauso wohl fühlt, wie in der Bütt.

O-Ton Hoppeditz: „Im Yachthafen  habe ich bis auf die Tretboote noch nicht viele Schicki-Micki-Yachten gesehen. Aber was sollen die da auch anlegen? Gehste von Bord und zack! – stehst Du in einer Baustelle! Mit dem Thema „Baustelle“ kann ich mir Zeit lassen, denn Baustellen nehmen uns Mölmschen ja auch Zeit ohne Ende.“ Auch die Stadtverwaltung bekam vom geistlichen Hoppeditz ihren Segen von Kloster Kamp: „Seien wir mal ehrlich. In unserer schönen Stadt wird viel Müll produziert. Nicht nur der Müll, den die MEG abholt. So mancher Müll ist auch in den Büros von Verwaltungen zu finden.“ Der ebenfalls unter die Narren gegangene Oberb…

Start in die Fünfte Jahreszeit: Die MükaGe feiert den Start in ihre 80. Session am 17. November im Altenhof

Am 17. November betritt die Erste Große Mülheimer Karnevalsgesellschaft (MüKaGe) Neuland. Erstmals feiert die 1937 in Saarn gegründete Karnevalsgesellschaft ihren Sessionsauftakt im Altenhof an der Kaiserstraße. Los geht es um 19.30 Uhr.

Warum engagiert man sich heute in einer traditionsreichen Karnevalsgesellschaft: „Das ist die pure Leidenschaft. Wir sind eine große Familie, in  der jeder gibt und nimmt“, erklären Jenny Begall (31) und Sabrina Uding (34). Beide gehören zum Trainerteam der 32-köpfigen Tanzgarde und arbeiten außerdem in der Geschäftsführung der 125 Mitglieder starken Gesellschaft mit.
„Wir sind ja nicht nur im Karneval aktiv. Wir treffen uns auch jenseits der Fünften Jahreszeit, um zum Beispiel gemeinsam unsere Freizeit zu gestalten, zu trainieren oder uns fortzubilden“, berichtet Begall. Sie kam bereits als Mädchen zur MükaGe, während Uding nach der Auflösung der KG Düse erst vor kurzem bei der MüKaGe ihre neue karnevalistische Heimat gefunden hat.

Wenn man die beiden …

Wenn Märkte verrückt werden

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Das merkte ich, als ich gestern die Schloßstraße hinauf ging, um mich bei den Wochenmarkthändlern meines Vertrauens mit dem täglichen Bedarf einzudecken. Doch dort traf ich nicht auf Markstände, sondern auf eine riesige Tanne und Holzhütten. Für einen Moment glaubte ich, im Wald zu stehen, obwohl ich wusste, dass  ich auf der Schloßstraße und damit mitten in der Stadt stand. Doch dann fiel der Groschen.

Ich war, der Macht meiner Gewohnheit folgend, blindlings an den jetzt auf der mittleren Schloßstraße platzierten Wochenmarktständen vorbei gehuscht und so im Weihnachtstreff gelandet, der noch auf seine Eröffnung wartet.

Die Markthändler, die buchstäblich im Regen standen, machten, ob ihrer Verschiebung, einen eher bedröppelten Eindruck. Klar. Auch Markthändler werden nicht gerne verrückt. Aber irgendwie passt der verrückte Markt ins Bild der Zeit. Denn anders als die Früchte des Mülheimer Wochenmarktes, können einem die Früchte des Zorns, die uns heut…

Im Schleudergang des Lebens

Vitamine kommen in dieser Jahreszeit des großen Hustens und Schniefens gerade recht. Apfelsinen und Mandarinen seien da allen noch oder noch nicht verschnupften Zeitgenossen als Vitamin-C-Bomben gegönnt und empfohlen. Doch ausgerechnet die Überreste dieser gesunde Früchte, nämlich ihre Schalen, wären mir gestern beinahe zum gesundheitlichen Verhängnis geworden, weil sie irgend  ein Früchtchen  großzügig auf dem Gehweg verteilt hatte.

Zwar wünscht man sich zuweilen Hals und Beinbruch. Doch diesen Wunsch scheint besagtes Früchtchen unter dem Eindruck akuten Vitaminmangels wohl missverstanden zu haben.

Um nicht vor der Zeit ins Schleudern zu kommen, empfiehlt sich wohl nicht nur Vitamine und einen Schutzengel, sondern auch seinen Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ im Rucksack zu haben.

Denn nicht nur im Herbst kommt man heute schnell ins Rutschen, wenn man nicht mit allem und das heißt vor allem auch mit der Unvernunft seiner Mitmenschen rechnet.

Und das, man sieht…

Vor dem ersten Glühwein

Glühwein schreibt die junge Frau in der kurzärmeligen Bluse auf das Werbeschild des City-Cafés. „Ist es schon wieder so weit“, frage ich. „Ja, es ist so weit“, sagt sie und lächelt. Wenige Schritte weiter überzeugt mich der Anblick der MST-Mitarbeiter, die am Volkstrauertag an der Schloßstraße kleine Holzhütten aufbauen. Der Weihnachtstreff steht vor der Tür. O, du fröhliche. Und das schon im  tiefsten November. Komisch. Als der Weihnachtstreff noch ein Weihnachtsmarkt war, der seinem Namen alle Ehre machte, wurden erheblich mehr Holzhüten erheblich später aufgestellt. Ich weiß. Das ist Nostalgie.

Das Hier und Heute besteht im November und Dezember aus einem Weihnachtstreff an der oberen und einem Wochenmarkt an der unteren Schloßstraße. Und die ersten Sterne der Weihnachtsbeleuchtung prangen schon.

Wenn es denn der Belebung der Innenstadt und ihren Einzelhändlern hilft, können wir alle und vor allem der Stadtkämmerer am Ende wirklich: „O, du fröhliche anstimmen“ und mit seinem Glühwein…

In der Kürze liegt die Würze

Ein Soziologe, so las ich es jetzt in unserer Zeitung, empfiehlt den christlichen Kirchen kürzere und einladendere Gottesdienste, um die Kirchenbänke samstags und sonntags wieder besser zu besetzen.

Mir sind noch zweistündige Hochämter mit Weihrauchberieselung in fragwürdiger Erinnerung, bei denen auch der best konditionierte Christenmensch an die Grenzen der  Besinnungslosigkeit gelangen kann.  Warum soll also auch bei der Predigt in der Kirche nicht gelten, was uns Journalisten von Ausbildern und Vorgesetzten immer wieder gepredigt wird: In der Kürze liegt die Würze. Von einem Pfarrer erfuhr ich jüngst, dass die Aufmerksamkeitsspanne seiner alltagsgeplagten Schäfchen beim Hören der Predigt zwischen sieben bis acht Minuten liege.

Immerhin. Lieber tolle fünf Minuten auf der Kanzel in einer hoffentlich gut geheizten Kirche mit orthopädisch unbedenklichem Kirchengestühl als 140-Zeichen-Tweitterbotschaften von Donald Trump, bei denen es einem kalt über den Rücken läuft. Eines macht uns der…

Ein Fußgänger sieht rot

Mein Gesprächspartner erwartete mich um 8 Uhr. Der Tag fing gut an. Ich kam leicht aus den Federn, frühstückte gut und meine Bahn war pünktlich.  Ich hatte zu viel Glück auf einmal. Denn auf der letzten Etappe meines Weges wurde ich von einer roten Ampel brutal ausgebremst. Ich habe nichts gegen rote Ampeln. Sie müssen ja den fließenden Verkehr in die richtigen Bahnen lenken und für Sicherheit sorgen. 

Doch wenn man als termingesteuerter Fußgänger gefühlte 15 Minuten an einer roten Ampel steht und nur der Autoverkehr fließt, kann man als Fußgänger schon mal rot sehen, wenn die Zeit gnadenlos verrinnt und aus der Pünktlichkeit mal wieder Unpünktlichkeit wird, was nicht gerade imagebildend wirkt. Vielleicht hätte ich noch gerade pünktlich sein  können, wenn ich die rote Ampel ignoriert und todesmutig die stark befahrene Straße überquert hätte. Gut, dass ich es nicht tat und für mein Image mein Leben aufs Spiel setzte, denn als ich im Büro meines Gesprächspartners eintraf, ließ der sich v…

Der Mann mit der Spitzen Feder: Auch wenn der Karikaturist Thomas Plaßmann kein Jeck ist, freut er sich über die Spitze Feder der Mülheimer Karnevalisten

Thomas Plaßmann bekommt nicht nur die Spitze Feder. Der Karikaturist der Neuen Ruhr Zeitung arbeitet auch mit ihr. Mit einer klassischen Feder und Tusche zeichnet er auf Papier und sorgt mit seinen Karikaturen für Aha-Effekte am Frühstückstisch. „Als Karikaturist muss man zuspitzen, Dinge auf den Punkt bringen, frei nach dem wahren Wort: ‘Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte’“, unterstreicht der 57-Jährige.

Manchmal hat er, der sich schon immer dafür interessiert hat, „wie wir unser gesellschaftliches Leben positiv gestalten können“, ein schlechtes Gewissen. „Denn ich profitiere als Karikaturist von den Missständen dieser Welt und von fragwürdigen politischen Charakteren“, weiß Plaßmann. So ist ein Donald Trump, den er politisch gar nicht mag, für ihn als Karikaturisten ein Glücksfall. „Der US-Präsident bietet mit seinen plakativen Gesten und mit seinen oft haarsträubenden Äußerungen viele Angriffsflächen.“ Das gilt auch für Trumps weltpolitischen Gegenspieler, Nordkoreas Diktator Kim Jon…

Die Saarner Dorfkirche: Ein Zeitsprung im Mülheimer Süden

Die Dorfkirche an der Holunderstraße, die wir auf eine historischen Aufnahme aus dem Stadtarchiv in den 1950er Jahren sehen, erscheint uns heute, wie der Prototyp einer Kirche aus der guten alten Zeit. Diese gute alte Zeit, die bei genauerer Betrachtung natürlich nie so gut war, wie sie im Rückblick manchmal erscheint, war in diesem Fall die Mitte des 19. Jahrhunderts, als das im bergischen Barockstil errichtete Gotteshaus der Evangelischen Gemeinde eingeweiht werden konnte.

Die evangelische Dorfkirche in dem vom katholischen Kloster geprägten Saarn hatte zwei schlichtere Vorgängerrinnen, die ab 1685 und ab 1775 für evangelische Sonntags- und Trauergottesdienste genutzt wurde. Doch bis zur Gemeindegründung im Jahr 1844 gehörten die evangelischen Christen in Saarn zur Evangelischen Kirchengemeinde rund um die Petrikirche. Aber wenn die Ruhr Hochwasser führte, war es den evangelischen Saarnern (bis zum Bau der Kettenbrücke 1844) unmöglich mit der Schollschen Fähre überzusetzen und in der…

Gute Argumente gegen Stammtisch-Parolen; Sach watt: Abend mit Improvisationstheater macht den Alltagsrassismus im Pfarrsaal von St. Barbara zum Thema

Zu einem Abend mit Improvisationstheater gegen den Alltagsrassismus mit einem Schauspieler-Duo hatte der Stadtkatholikenrat in den Pfarrsaal von St. Barbara am Schildberg eingeladen. Mal schwadroniert Karin Kettling über den notwendigen Schutz der deutschen Kultur, damit deutsche Schauspieler ihre Arbeit nicht verlieren. Dann verwandelt sich ihr Kollege Jürgen Albrecht in einen Hausmeister, der über „die Ausländer“ schimpft, „die erst ihre Kippen und ihren Müll in den Hof werfen und dann unsere Wohnungen anzünden!“ Seine Forderung: „Die müssen alle wieder weg!“ Diesmal hält Kettling als Nachbarin mit antirassistischen Argumenten dagegen: „Das ist doch ein normaler Nachbarschaftsstreit. Haben Sie schon mal mit den ausländischen Nachbarn gesprochen?“ „Das kommt gar nicht in Frage“, so Albrecht. „Das sind doch nette junge Leute, mit denen man sprechen kann. Wir haben uns in unserer Siedlung doch immer mehr junge Leute gewünscht“, kontert Kettling.

Dann sind beim Mitmachtheater die Zuschau…

Närrische Regenten legten los: 400 Jecken ließen die Tollitäten bei der Prinzenproklamation im Festsaal der Stadthalle hochleben: Buntes Showprogramm sorgte für Stimmung

400 Jecken feierten am Samstagabend im Festsaal der Stadthalle die Proklamation des neuen Stadtprinzenpaares. Jürgen II. (Wisniewski) und Janine I. (Müller) starteten mit dem ökumenischen Segen des Stadtdechanten Michael Janßen und des Styrumer Pfarrers Michael Manz in die Fünfte Jahreszeit, die mit dem Rosenmontag am 12. Februar 2018 ihren Höhepunkt erreichen wird. „So viel Lachen zu hast, so viel Glauben hast du“, gab Ehrensenator Manz den Jecken und Tollitäten mit auf den Weg.

Um 21 Uhr war es so weit: Flankiert von ihren Paginnen Jennifer Kolkmann und Karina Pütz und ihrem Hofmarschall Ulrich Pütz verkündeten Prinz und Prinzessin ihr närrisches Regierungsprogramm, ehe sie ihre Tanzshow präsentierten. 
Närrisches Regierungsprogramm

Geht es nach ihren Willen, leisten alle Mülheimer bis zum Aschermittwoch dem Sessionsmotto Folge: „Rund um die (R)uhr regiert die mölmsche Freude nur.“

Wer die ihm verliehenen Prinzenorden bei Karnevalsveranstaltungen nicht trägt, muss 11.11 Euro in die Kass…

Das richtige Maß macht den Spaß

Eine interessante Idee. Sie oder ich summen oder singen das Lied: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und schon wieder dieser Tag, der die Wende von der Fastnacht zur Fastenzeit markiert, auf unbestimmte Zeit verschoben.

So haben es zumindest die närrischen Regenten bei ihrer Proklamation in der Stadthalle verkündet. Wie wollen die Tollitäten erfahren, wer  wo was von wem ein Lied zu singen hat?  Aber denken wird die Idee doch mal zu Ende! Nie wieder fasten! Das Leben nie wieder nüchtern betrachten! Immer gut drauf sein! 365 Tage im Jahr singen, schunkeln, klatschen und bützen. Was auf den ersten Blick verführerisch klingt, lässt mich bei genauerer Betrachtung an Heinrich Bölls Erzählung: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ denken. Eine Tante, die das ganze Jahr über Weihnachten feiern möchte, treibt damit ihre gesamte Familie in den Wahnsinn. Wenn wir uns einmal als Mülheimer Stadt-Familie betrachten, brauchen wir wohl nicht viel Fantasie, um uns vorzustellen, dass es zu einem Horrorszena…

Sankt Martin als Vorreiter

Ich horchte auf, als ich gestern an der offenen Haustür unserer kurdischen und islamischen Nachbarn vorbeikam. Aus dem einen Zimmer klang arabische Rockmusik, aus dem anderem das alt vertraute Lied: „Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, Sein Ross, das trug ihn fort geschwind. Sankt Martin ritt mit leichtem Mut. Sein Mantel deckt ihn warm und gut.“ Die akustischen Schnittmenge beider Melodien hielt sich in Grenzen, hatte in meinen Ohren aber irgendwie einen  guten Klang.

Denn allen, in der Öffentlichkeit unüberhörbaren Misstönen über die vermeintliche Integrationsunfähigkeit unserer zugewanderten Nachbarn zum Trotz, ließ die unverhoffte multikulturelle Klangmischung im Vorbeigehen, in mir die Zukunftsmusik einer bunter, aber deshalb nicht weniger friedlich werdenden Gesellschaft anklingen, in der der Grundton der der Toleranz in vereinter Vielfalt sein könnte und in der jeder Mensch guten Willens in unserem gemeinsamen Interessen, seine besten Seiten, zum…

Gehen wir es mal närrisch an

Heute ist der 11.11. Wetterprognose: Sechs Grad Celsius. Bewölkt. 50 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Wahrscheinlich wird das kein schöner Tag! Doch man soll den Tag nicht vor dem Abend schmähen. Denn heute Abend gibt es 25 Grad Celsius und strahlend blauen Himmel, begleitet von einem erfrischenden Sturm der Begeisterung, der etwa ab 19.30 Uhr im Festsaal der  Stadthalle aufziehen wird. Denn dann starten die Jecken in die Fünfte Jahreszeit und die neuen Tollitäten werden mit ihren elf Proklamationsparagrafen den Jecken aufzeigen, wo es bis Aschermittwoch lang geht.

Auch wenn der Inhalt dieser närrischen Regierungserklärung noch ein Staatsgeheimnis ist, darf man gewiss sein, dass man bei ihrem Anhören gut Lachen haben wird. Das kann heute nicht jeder Regent von seinen Botschaften sagen, obwohl so manche Regierungszentrale von außen und mit gesundem Menschenverstand betrachtet zuweilen, wie ein Käfig voller Narren erscheinen mag.

Heute wird der Festsaal der Stadthalle wahrhaftig zu einem …

Weiblicher Pragmastismus

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, auch wenn er auf dem Wochenmarkt seinen täglichen Lebensmittelbedarf einkauft.

Bei der Markthändlerin meines Vertrauens, die nicht nur eine gute Kauffrau, sondern auch eine Frau mit Herz ist, finde ich nicht nur an diesem verschnupften Herbsttag zwischen Aufschnitt und Geflügelfrikadelle ein offenes Ohr für meine Husten,- Schnupfen-Heiserkeits-Krankengeschichte.

„Machen Sie sich nichts daraus. In 100 Jahren spricht da kein Mensch mehr drüber,“ tröstet sie mich. Was wären wir Männer ohne die so herrlich pragmatischen Frauen, die uns auch in unserem Leiden immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

„Du bist erkältet und hast Husten und Gliederschmerzen? Dann bring doch neben Brot, Kartoffeln, Eiern, Obst und Gemüse auch noch gleich Hustensaft und Bronchialtee mit. Apotheke und Teeladen liegen ja gleich auf dem Weg!“ Auch wenn sich morgen schon niemand mehr für unsere Leiden interessiert, liebe Artgenossen der Gattung männliches Beuteltier, …

Werbung mit Langzeiteffekt

Wer wie ich als Mensch mit zwei linken Händen auf die Welt gekommen ist, hat sich schnell geschnitten. Ich habe mich schon oft geschnitten, weil mein Leben nicht meinen Erwartungen entsprechen wollte. Aber gestern schnitt ich mich tatsächlich. Es floss Blut. Keine Angst. Anders, als das Blut, das wir zuweilen in den  Nachrichten fließen sehen müssen, war es nur etwas ärgerliches und hinderliches, aber nichts lebensbedrohliches. 

Ein Pflaster musste her. Auf meiner Suche wurde ich ausgerechnet beim Werbegeschenk eines Sozialverbandes fündig, das ich bei Zeiten in meinem Medizinschrank verstaut hatte, so dass ich es jetzt in der Not nutzen konnte. Ein Sozialverband, der mit seinem Pflaster ungefragt da ist, wenn seine Hilfe gebraucht wird, um Wunden zu heilen. Das ist wirklich sozial. Eine bessere Werbung gibt es nicht. 

Ob mir die Partei-Kugelschreiber aus dem letzten Wahlkampf weiterhelfen, wenn ich auf meinem nächsten Lottoschein sechs Richtige ankreuzen möchte. Ich weiß: Geschnitten! …

Im Labyrinth der Märkte

Alles neu macht der Mai. So dichtete 1829 Hermann Adam von Kamp. Würde der Mülheimer Lehrer und Dichter heute noch leben, dichtete er vielleicht: „Alles neu macht der Markt!“ Denn wer in Märkten aller Art einkauft, erlebt immer wieder eine ungewollte Schnitzeljagd: „Wo haben Sie das Toilettenpapier? Das haben wir jetzt dort, wo sonst die Windeln standen? Aber wo standen den sonst die  Windeln?“ „Sie brauchen eine Handcreme? Die steht jetzt dort, wo wir früher das Parfüm hatten. Wir haben nämlich umgebaut.“ Diese Auskunft bekommt der hilflos durch die Regalreihen irrende Kunde öfter zu hören, als ihm lieb ist. In ihrem kreativen Bestreben, die Ware des Hauses so verlockend wie möglich und so überraschend neu, wie möglich, zu präsentieren, schießen so manche Marktbelegschaften über ihr Ziel hinaus. Das gilt vor allem dann, wenn zu neuen Produktstandorten auch noch neue Preise und Packungsgrößen kommen. Auf solch erlebnisorientiertes Einkaufen können die meisten Kunden vom Stamme Gewohnh…

Ein Zeitsprung zwischen Dudel. Leinpfad und Schleuse

Die Kreuzung zwischen Leinpfad, Auf dem Dudel und Schleuseninsel. Ein Stück schönes Mülheim, wie gemalt, hier von Carl Altena. Sein Tempera-Gemälde findet sich auch in der Postkartensammlung des Stadtarchivs.

Der 1894 in Dortmund geborene Maler lebte ab 1925 in Mülheim, wo er 1971 starb. Sein Gemälde, eines von vielen malerischen Motiven aus der Stadt am Fluss entstand also noch bevor die Mülheimer 1972 zwischen Dudel und Leinpfad im Eiscafe der Familie Plati einkehrte.  Das traditionsreiche Eiscafe mit Ruhrblick wird inzwischen seit 2009 von dem italienischen Eismacher Enzo und Tunc und seiner Frau Sema betrieben.

Schon lang bevor an der Schleuseninsel das Eis-Zeitalter anbrach, kehrten die Mülheimer dort im Gasthaus Zur Schleuse ein. Der pensionierte Geschichtslehrer und Heimatforscher Bernd Siemerock, der sich intensiv mit der Geschichte der Mülheimer Gaststätten beschäftigt hat, kann die Gasthaus-Geschichte zwischen Leinpfad und Dudel (bis 1914 hieß diese Straße noch Louisenstraße) …

Wer zu Fuß geht, kommt weiter

Gestern kam ich mit drei stattlichen Damen in Kontakt. Sie traten mir im Aufzug nahe. Mir war diese Begegnung nicht unangenehm. Denn die Damen konnten sich sehen lassen und machten einen sympathischen Eindruck. Als reifer und ebenfalls nicht gerade schmaler Junggeselle ist man ja heute im schnellen Auf und Ab des Lebens für jede angenehme Begegnung mit dem anderen Geschlecht. dankbar.  Doch dem Aufzug waren solche Ambitionen fremd. Per blinkender Leuchtschrift und Warnsignal machte er dem stattlichen Herrn und den drei stattlichen Damen klar: Ein Quartett von eurem Format ist mir zu viel.

Und so trennten sich auch schon wieder die Wege der Fahrgäste, ehe sie sich vielleicht hätten kreuzen können. Zurück blieb die Einsicht: Zu viel ist zu viel, wenn es am Ende zu dicke kommt.
Deshalb, meine stattlichen Damen und Herrn, gehen wir demnächst vielleicht lieber und öfter zu Fuß. Treppe auf Treppe ab. Das tut unserer Figur und Kondition ebenso gut, wie der Chance mit der Frau oder dem Mann uns…

Als Mülheim evangelisch wurde: Ein Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte beleuchtet die Reformation

Was hat Mülheim mit Martin Luther und der Reformation zu tun? Eine Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte zeigt es in Wort und Bild. Die Historikerin Anke Asfur hat dafür in den Archiven der Stadt und des Evangelischen Kirchenkreises an der Ruhr recherchiert und Dokumente zusammengetragen.

„Wir wollen und können als Haus der Stadtgeschichte keine theologische Reformationsausstellung anbieten. Wir wollen die sozialen und politischen Auswirkungen der Reformation versuchen auf Mülheim herunterzubrechen“, erklärt der Leiter des Stadtarchivs, Kai Rawe.

Wer die kompakte und anschauliche Ausstellung zur Reformation besucht, erfährt zum Beispiel, dass sich die ersten Protestanten Mülheims lange gar nicht als solche sahen und die Gottesdienste, die an den drei Altären der Petrikirche gefeiert wurden, abwechselnd im evangelischen und katholischen Ritus feierten. Obwohl es mit Johann Kremer bereits ab 1546 im Mülheimer Kirchspiel einen evangelischen Pastor gab, schloss sich die Gemein…

Sparfuchs trifft Milchmädchen

Jetzt liebäugeln die Sparfüchse also mit der Schließung von Stadtteilbüchereien und reduzierten Öffnungszeiten der Zentralbibliothek im Medienhaus. Bisher hielt ich Sparfüchse für eine clevere Gattung. Vielleicht sind die Sparfüchse, die auf kurzfristige Einspareffekte im Büchereietat setzen ja clever. Aber klug sind sie  bestimmt nicht. Eher klingt ihr bibliophiles Streichkonzert nach einer Liaison mit dem Milchmädchen. Dessen Rechkünste kommen uns auf kurze Sicht verheißungsvoll vor, aber auf lange Sicht kommen sie uns teuer zu stehen.

Wenn sich die Rechschiebereien auf dem Rücken der bildungsbedürftigsten und Bildungswilligsten durchsetzen, können wir auch gleich die Stadt zumachen und uns nach Dummsdorf eingemeinden lassen. 

Die Hoffnung auf eine Stadt, in der wir gut und gerne leben, weil in  ihr Bildung und guter, weil inspirierender Lesestoff kein Luxusgut, sondern Allgemeingut sind, können wir uns dann von politischen Märchenerzählern einflößen lassen: „Es waren einmal Stadt- un…

Ein Zeitsprung an der Raffelbergbrücke zwischen Speldorf und Styrum

Diese etwa 100 Jahre alte Postkartenansicht aus dem Stadtarchiv zeigt die 1914 fertig gestellte Raffelbergbrücke, die von einer Straßenbahn überquert wird.

Die heutige Raffelbergbrücke, die als Teil der A40 (bis Ende 2018) vom Landesbetrieb Straßen NRW saniert wird, wurde 1966 aus Stahlbeton neu errichtet. Weil ihre Konstruktion aus Beton und Stahlseilen ihr als einer sogenannten „Vorspannbrücke“ eine besondere elastische Stabilität verlieh, wurde die Mülheimer Brückenbaustelle am Raffelberg 1966 sogar von Ingenieuren aus Lateinamerika besucht, die sich hier besondere Anregungen für ihre eigene Arbeit erhofften. 

420 Meter lang verbindet die Raffelbergbrücke Speldorf und Styrum. Wenn ihre Fahrbahn nicht gerade, abustellenbdingt, verengt werden muss, wird die Raffelbergbrücke täglich von rund 90 000 Kraftfahrzeugen überquert.

Wie berichtet, schätzt der Landesbetrieb die Modernisierungskosten der Brücke auf rund 2,6 Millionen Euro. Auch in den 1970er und 1980er mussten die Fahrbahn und der…

Was zwei Mülheimer Pfarrern zum 500. Reformationstag einfällt: Ein Interview mit Michael Clemens und Michael Manz

Der Reformator Martin Luther, der vor 500 Jahren mit seinen 95 Thesen die  Grundlage für ein neues und freies Glaubens- und Kirchenverständnis legte, wirkt bis heute. Dass wir unseren Glauben heute besser verstehen können, dafür sorgt Luthers Bibel-Übersetzung, die die Grundlage für unseren muttersprachlichen Gottesdienst legt. Zum 500. Reformationstag äußern sich der evangelische Pfarrer Michael Manz aus Styrum und der katholische Pastor Michael Clemens aus Eppinghofen zum Stand von Ökumene und der auch heute notwendigen Reformation der Kirchen.

500 Jahre Reformation. 500 Jahre Kirchenspaltung. Kann man das feiern?

Clemens: Ich sehe den Reformationstag nicht als das Fest einer Kirchenspaltung, sondern als Christusfest, das uns daran erinnert, dass es auch schon vor 500 Jahren Menschen gab, die nicht alles hingenommen haben und die Leib und Leben risikiert haben, um ihre Sicht der Dinge und den rechten Glauben öffentlich zu machen.
Manz: Der Reformationstag ist kein Fest, sondern ein Ged…