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Es werden Posts vom Februar, 2019 angezeigt.

Ansichten einer Prinzessin

Als Stadtprinzessin führen Sie heute ab 11.11 Uhr den Möhnensturm aufs Rathaus an und werden mit den Stadtschlüsseln symbolisch die Macht erobern. Was würden Sie mit dieser Macht in Mülheim anfangen, wenn Sie sie wirklich hätten?
Martina Ising: Ich würde die Innenstadt beleben und zu einem Ort mit interessanten Geschäften, Restaurants und Cafès machen, in denen man nette Verkäufer und Kellner trifft und sich so einfach wohlfühlt.
Und was würden Sie gerne durchsetzen, wenn Sie mit den Möhnen das Kanzleramt stürmen könnten?
Martina Ising: Ich würde dafür sorgen, dass Krankenhäuser, Pflegeheime undbeschützende Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung personell besser ausgestattet werden, damit die dort geleistete Arbeit auf mehr Schultern verteilt und besser bezahlt werden kann, damit die dort lebenden Menschen besser versorgt werden.
Worüber können Sie lachen und wo hört für Sie der Spaß auf? Martina Ising: An Altweiber kann ich vor allem darüber lachen, wenn die Männer aufs Korn…

Welches Kostüm darf es denn sein?

So bunt geht es selten zu, im Altenhof, dem Haus der Evangelischen Kirche. Dort dominieren im Alltag die gedeckten Töne des normalen Straßenzivils. Doch am Samstag tummelte sich dort bei der Roten-Funken-Sitzung ein ganz buntes Völkchen. Biene und blauer Hund schunkelten sich dort ebenso in gute Laune wie Knastbruder und Mönch, Pirat und Matrose oder Cowboy und Indianer. Der Karneval macht es möglich, dass graue Normalos plötzlich den farbenfrohen Narren in sich entdecken und rauslassen. Das ist ein schönes Vor-Bild fürs Leben, dass viel öfter ein Fest als ein Jammertal sein sollte. Vielleicht zieht es ja in diesen Tagen auch deshalb so viele Menschen zu den Narren, weil sie in ihrer Gesellschaft keine Angst davor haben müssen, aus der Reihe zu tanzen und mal der oder die zu sein, der oder die man ist oder gerne wäre. Vielleicht würde es in unserer Gesellschaft friedlicher und fröhlicher zugehen, wenn wir auch zwischen Aschermittwoch und dem Elften im Elften Farbe bekennen und einsehe…

Johannes Brands: Zum Achtzigsten

Am 22, Februar konnte der ehemalige CDU-Fraktionschef, Johannes Brands, seinen 80. Geburtstag feiern. „Demokratie kann nur mit Kompromissen funktionieren. Und Privat kann nicht alles besser als Öffentlich“, so beschreibt der ehemalige Stadtrat und Grundschulrektor eine wichtige Einsicht seines politischen Lebens. Die CDU würdigt ihren ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Jahre 1994 bis 2004 als „Architekten und Manager des neuen schwarz-grünen  Rathaus-Bündnisses“ und als „Mann des Ausgleichs“.  Der Dümptener, der zwischen 1979 und 2009 dem Rat der Stadt angehörte, erlebte die Hochzeit seiner kommunalpolitischen Karriere, als CDU und Grüne die bis dahin mit absoluter Mehrheit regierende SPD nach der Kommunalwahl vom 16. Oktober 1994 ablösen konnten. Damals wurde Hans-Georg Specht als zweiter Christdemokrat (nach Wilhelm Diederichs in den Jahren 1946-1948) zum Oberbürgermeister der Stadt gewählt. Gemeinsam sorgten CDU und Grüne damals für die Einrichtung kommunaler Eigenbetriebe und für…

Ohne Frauen ist kein Staat zu machen

Demografisch sind die Frauen in der Mehrheit. 50,4 Prozent der Deutschen sind Frauen. Doch im Deutschen Bundestag sind Frauen mit einem Mandatsanteil von 30,9 Prozent eine Minderheit. Seinen höchsten Frauenanteil hatte der Bundestag zwischen 2013 und 2017, als 36,5 Prozent seiner Abgeordneten weiblich waren. Noch schlechter sieht es in unserer Stadt aus. Von den 55 Ratsmitglieder sind nur 11 Frauen. Das entspricht einem Mandatsanteil von 20 Prozent, während 51,3 Prozent aller Mülheimer weiblich sind.
100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechtes in Deutschland hat der brandenburgische Landtag ein Gesetz verabschiedet, wonach die Wahllisten aller Parteien, die künftig zu Landtagswahlen antreten paritätisch mit Frauen und Männern besetzt sein müssen. Der Deutsche Frauenrat und die Bundeskonferenz der deutschen Gleichstellungsbeauftragten sehen in diesem ostdeutschen Landesgesetz auch ein wegweisendes Vorbild für den Bund.
Auch Mülheims Gleichstellungsbeauftragte Antje Buck sagt: „Wi…

Frohe Botschaft, mal ganz fröhlich

So voll ist die Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße sonst nur an Weihnachten. Doch es ist ein Karnevalssonntag. Die kostümierten Gemeindemitglieder, Tanzmariechen, Musikzüge und Tollitäten zeigen es. Der karnevalsbegeisterte Pfarrer Michael Manz zieht alle Register und schlüpft bei seiner Büttenpredigt in die Rolles des Liebesgottes Amor: „Am liebsten würde ich ja nicht nur einen großen Pfeil, sondern ganz viele kleine Pfeile abschießen, damit sich ganz viele Menschen, auch die im Rat unserer Stadt ein bisschen mehr lieb haben“, sagt Manz. Von der Liebe ist auch die Rede in den Karnevalsschlagern „Viva Colonia“ und „Die Liebe gewinnt“. Die Höhner und die Brinks lassen grüßen. Das „Viva Colonia“ wird in „Viva Lukania“ abgewandelt. Wir sind ja in der Evangelischen Lukaskirchengemeinde. "Und deshalb lassen wir den Dom nicht in Köln, sondern in Styrum stehen", betont Pfarrer Manz. Nicht nur die kleinen und großen Tollitäten, sondern auch die keinen und großen Tanzmariec…

Karneval unter dem Hakenkreuz

Die älteste Karnevalsgesellschaft, die MüKaGe, trägt das Jahr 1937 im Namen. Diese Jahreszahl weist in eine Zeit, in der viele Menschen in Deutschland nichts zu lachen hatten. Wie feierten die Mülheimer, nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 und vor dem Beginn des 2. Weltkrieges 1939 die Fünfte Jahreszeit? Ein Blick in Zeitungen und Festschriften aus dem Stadtarchiv zeigen es.
Aus Berichten der von der NSDAP gleichgeschalteten Mülheimer Zeitung erfahren wir unter der Überschrift „Närrisches Volk“, dass sich in der Session 1937/38 die Erste Mülheimer Karnevalsgesellschaft gebildet habe, deren Karnevalssitzungen in Gaststätte des Saarners Ernst Rosendahl „sich auch bei Dorffremden“ zunehmender Beliebtheit erfreuen. Von Büttenreden, Tanz und Schunkelliedern ist die Rede. Die Büttenredner würden vom Präsidenten Willi Enaux und vom VorsitzendenPaul Eneke aus dem Publikum heraus auf die Bühne gebeten.
Das Wort Büttenreden lässt aufhorchen. Denn das Dritte Reich kannte keine Mei…

Inklusion heißt: Dicke Bretter bohren

Inklusion, dass barrierefreie Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung wird im Verein für Bewegungsförderung und Gesundheitssport (VBGS) schon seit 30 Jahren gelebt. Am morgigen Freitag, 22. Februar, lädt der VBGS in Zusammenarbeit mit der Mülheimer Stadtwache und dem städtischen Kulturbetrieb zur 5. Inklusiven Musik- und Tanzveranstaltung „Grenzenlos“ in den Festsaal der Stadthalle ein. Der Vorsitzende des VBGS, Alfred Beyer, erwartet 450 Gäste aus Mülheim und seinen Nachbarstädten. Auch die mölmschen Tollitäten, das Tanzcorps „Mehlsäck“ und integrative Tanzgruppen aus Duisburg und Essen haben sich zu der dreistündigen Veranstaltung angesagt, die um 19 Uhr beginnt.
„Leider klappt es mit der Inklusion im schulischen und beruflichen Bereich nicht so gut wie in den Bereichen Freizeit, Sport und Kultur,“ sagt Alfred Beyer, der auch Vorsitzender der örtlichen Arbeitsgemeinschaft der in der Behindertenarbeit tätigen Organisationen ist. Mehr Ausweichräume für die pädagogische Binnen…

Närrischer Nachwuchs: 3 Fragen an Filip Fischer

Sie sind 22 und studieren Soziale Arbeit. Warum engagieren Sie sich als Vizepräsident der Prinzengarde Rote Funken im Karneval?
Der Karneval ist für mich ein Stück kulturelle Identifikation mit unserer Region an Rhein und Ruhr. Da gehört der Karneval einfach dazu wie das Oktoberfest zu Bayern. Für mich ist der Karneval ein Stück Lebensfreude. Hier kann man Gemeinschaft, Geselligkeit, Musik und Tanz erleben und ausleben. Das macht einfach Spaß.
Wie können Karnevalisten junge Leute für den Frohsinn gewinnen?
Der Karneval muss seine Brauchtumstraditionen bewahren, aber auch in die Zukunft schauen. Er muss sehen, dass junge Leute heute aufgrund der allgemeinen Arbeits- und Freizeitverdichtung weniger Zeit haben, um sich ehrenamtlich zu engagieren. Deshalb lassen sie sich nicht langfristig, aber vielleicht auf Zeit und projektbezogen für die Mitarbeit gewinnen. Bei der Veranstaltungsplanung müssen Gesellschaften verstärkt auf eine Balance zwischen dem traditionellen Sitzungskarneval und dem v…

Von den Hausfrauen kann man nur lernen

Drei Fragen an die Leiterin der MüKaGe-Müttergarde Renate Enaux zum Närrischen Hausfrauennachmittag am Mittwoch, 20.02.2019



Wer steht hinter der Müttergarde der MüKaGe, die am Mittwoch (20. Februar) um 16.30 Uhr zum Närrischen Hausfrauennachmittag in den Altenhof an der Kaiserstraße 6 einlädt?
Die Müttergarde der MüKaGe, die den Elferrat des Närrischen Hausfrauennachmittags entstand in den 1970er Jahren aus den Müttern, die ihre Kinder zum Tanztraining brachten und sich dabei anfreundeten und auf die Idee kamen: Wir könnten doch auch mal aktiv werden. Deshalb laden wir nicht nur zum Hausfrauennachmittag ein, sondern unterstützen als Catering-Team auch das Karnevalstanzturnier unserer Gesellschaft.
Ist der Begriff Hausfrauennachmittag nicht von gestern?
Er ist gut eingebürgert und grenzt unsere Veranstaltung von der Mädchensitzung der Roten Funken ab. Warum sollen wir einen bekannten Namen ändern? Außerdem sollte man die Hausfrauen nicht schlecht machen. Denn es sind doch in aller Regel, d…

Das Wort vom Sonntag

Ach, du lieber Gott die Narren sind los und das in der Kirche. Wo auch sonst und warum auch nicht? Darauf wies gestern der Styrumer Pfarrer Michael Manz hin. Beim Karnevalsgottesdienst in der vollbesetzten Immanuel-Kirche waren nicht nur Gottesdienstbesucher, sondern auch der Pfarrer (als Liebesgott Armor) verkleidet. Inspiriert vom gemeinsam gesungenen Schlager der Kölner Band Brinks „Die Liebe gewinnt“, der auch inhaltlich im Gotteshaus der Frohen Botschaft als Kirchenlied locker durchging, wie Michael Amor Manz darauf hin, dass Helau und Halleluja nicht von ungefähr sprachgeschichtlich miteinander verwandt seien. Als Amor, so Manz, wolle er lieber ganz viele kleine als einen ganz großen Pfeil der Liebe verschießen, damit sich möglichst viele Menschen, „auch die im Rat unserer Stadt zumindest etwas mehr liebhaben.“ Der Zeitungsleser hört den frommen Wunsch, allein im fehlt der Glaube. Und doch wünscht er sich insgeheim ein Wunder, dass dazu führen möge, dass unsere Stadtmütter und S…

Alles im Fluss

„Ich traue mich nicht, ein Bier zu bestellen“, sagt der Kommunalpolitiker, der sich abends mit einem Bürger zum Hintergrundgespräch trifft. „Ich traue mich nicht, das Glas Wein in die Hand zu nehmen“, sagt ein anderer, der sich mit Freunden zum Mittagessen trifft.
Seit Bewirtungskosten dafür gesorgt haben, dass dem Oberbürgermeister das Wasser politisch bis zum Hals steht, ist man im Dunstkreis des Rathauses ernüchtert.
Tatsächlich lässt uns Bürger die jüngste Haushaltsberichterstattung mit Stichworten, wie Grundsteuererhöhungen, Erhöhung der Kindertagesstätten-Gebühren und Einsparungen beim Öffentlichen Personennahverkehr und beim Mitarbeitereinsatz in den offenen Ganztagsgrundschulen ahnen, dass wir bald alle in unserer Stadt am Fluss auf dem Trockenen sitzen könnten, egal, ob wir nun auf Bier und Wein oder auf Mineralwasser schwören.
Wenn es stimmt, dass im Wein die Wahrheit liegt, dürfen unsere Ratsmitglieder von mir aus auch bei der nächsten Haushaltsberatung auch mit Rot- oder Weiß…

Plastisch gesehen

Gestern las ich, dass unser Bundespräsident beim Besuch der Galapagos-Inseln uns Deutsche und unsere europäischen Nachbarn zu einem bewussteren Umgang mit Plastikmüll aufgerufen hat. Wir sollen zum Beispiel auf Plastiktüten, Plastikbecher und Plastikflaschen verzichten, die unter anderen bei den Galapagosinseln im Pazifik millionenfach angeschwemmt werden und dort die Vogel- und Pflanzenwelt bedrohen. „Sehr gut und sehr richtig gesagt, Herr Bundespräsident!“ Doch als ich gestern in den Supermarktregalen fast ausschließlich Getränke in Plastikflaschen sah und mir aus meine Briefkasten unterverlangte und in Plastikfolie eingeschweißte Werbeprospekte entgegenfielen, kam mir der Gedanke, dass unser Bundespräsident zunächst mal im eigenen Land die schrägen Vögel ins Gebet nehmen sollte, die allen Umweltlippenbekenntnissen allzu bedenkenlos gutes Geld mit der Plastikflut verdienen, ehe er (eher nicht umweltfreundlich) mit seinem Dienstjet zu den Galapagos-Inseln abgedüst ist. Darauf nehme i…

Werbung, Wunsch und Wirklichkeit

Ich habe mich schon als kleiner Junge immer gefragt, warum junge Frauen im Werbefernsehen oder in der Zeitung Werbung für Anti-Faltencreme machten. Ich kannte doch genug alte Frauen und Männer, die mit ihren viel faltigeren Gesichtern viel glaubhafter die Vorteile einer Anti-Faltencreme hätten anpreisen können. Das war der Moment, in dem ich erkannte, dass Werbung in der Regel mehr mit Wünschen als mit Wirklichkeit zu tun hat. Doch gestern erkannte ich bei der Lektüre einer NRZ-Meldung, dass Werbung manchmal Wirklichkeit werden kann. Denn da erfuhr ich von zwei Polizeibeamten, die sich tatkräftig als Freunde und Helfer einer ganz besonderen Bürgerin erwiesen hatten. Denn sie begleiteten eine 99-jährige Dame nach Hause, um dort ihr altes Trimm-Rad wieder in Schwung zu bringen. Damit leisteten sie einen wesentlichen Beitrag zur Fitness und Lebensqualität der alten Dame, die ihre Geschichte von den freundlichen und hilfreichen Polizisten sicher nicht nur der NRZ erzählt hat. Bleibt nur z…

Wenn Schüler Theater machen

Schüler machen Theater und das kann sich sehen lassen. Mit ihrer Regie führenden Lehrerin Gabriele Hohlmann bringen 25 Achtklässler der Waldorfschule Otfried Preußlers märchenhaftes Meister- und Gesellenstück „Krabat“ auf die Bühne. Erzählt wird die zeitlose Geschichte vom Widerstreit zwischen Gut und Böse, der sich wie ein roter Faden durch die menschliche Natur zieht.
Am 15. und 16. Februar hebt sich der Vorhang (jeweils um 19.30 Uhr) eintrittsfrei im 500 Zuschauer fassenden Theatersaal der Freien Waldorfschule an der Blumendeller Straße 26. „Das ist für die Schüler eine echte Reifeprüfung, in der sie sich selbst organisieren müssen. Außerdem habe ich das Stück so inszeniert, dass die Hauptrollen einmal nur von den Jungs und einmal nur von den Mädchen gespielt werden, damit die Schüler ihr ganzes Potenzial entfalten können“, sagt Gabriele Hohlmann.
„Wir haben gelernt mehr aufeinander zu achten und sind so als Klassengemeinschaft stärker zusammengewachsen“, eine der „Gesellinnen“ Luise…

Fromm & Fröhlich: Drei Fragen an Pfarrer Michael Manz

Warum sollte man den Karnevalsgottesdienst, zu dem Sie am 17. Februar um 11 Uhr in die Immanuelkirche an der Kaiser-Wilhelm-Straße 21 einladen, auf keinen Fall verpassen?
Der Karnevalsgottesdienst in der Immanuelkirche ist schon fast eine rheinische Institution in unserer Lukaskirchengemeinde. Da kann man aus vollem Herzen Freude erleben, teilen und mal herzlich lachen, auch über sich selbst und über Kirche. Und natürlich wird der Pfarrer auch dieses Jahr in eine besondere Rolle schlüpfen und aus ihr heraus einen Büttenpredigt halten.


Was stimmt Sie als Christ heiter?
Ich freue mich, wenn die Menschen mit Freude durch ihr Leben gehen können, wenn sie etwas finden, das ihnen das Schwere im Leben leichter macht oder es auch für eine Zeit lang vergessen lässt. Wie es Hanns Dieter Hüsch mal geschrieben hat: “Gott will uns heiter sehen.”


Wo hört für Sie als Christ der Spaß auf?
Ich glaube, Gott kann wahrscheinlich über mehr Sachen selber herzlich lachen, als wir uns das eingestehen, gerade als …

Mit Volldampf in die Vergangenheit

Ich traute meinen Augen nicht, als ich einen Zug der Reichsbahn mit Dampflok einfahren sah und ein Schaffner in kaiserblauer Uniform ausstieg. Verspätungen um Jahrzehnte sind selbst für die Deutsche Bahn selten. Die Dampfschwaden, die die Wartenden auf dem Bahnsteig einnebelten stammten noch aus einer Zeit, in der von Feinstaubbelastung noch keine Rede war, weil die meisten Menschen noch mit der Eisenbahn statt mit dem eigenen Auto fuhren. Damals wurden keine Straßen verstopft und deren Anwohner mit Autoabgasen um ihre Gesundheit gebracht. Da kam es auf die eine oder andere Dampflok nicht an. Waren das die guten alten Zeiten? Nicht wirklich. Denn anno dazumal musste auch so manches arme Schwein im Dritte-Klasse-Abteil der Reichsbahn an die Front fahren und dort vor der Zeit seine Lebensreise beenden. Doch von Dritter Klasse und anderen Irrfahrten der Geschichte war am und im Rauch des Nostalgiezuges nicht zu sehen. Die gute alte Zeit wird eben erst gut, wenn wir die schlechten Erinner…

Ein Menschenfischer

So voll ist es in St. Mariae Geburt sonst nur an Weihnachten. Doch ihren alten Seelsorger Franz Grave zu feiern, der vor 60 Jahren zum Priester geweiht worden ist, war vielen Freunden und Mitgliedern der katholischen Stadtgemeinde mindestens so wichtig wie Weihnachten. Und Standing Ovation am Ende eines Gottesdienstes. Das gibt es selbst an Weihnachten nicht. So etwas erleben sonst nur Popstars oder Politiker.
Vielleicht hat die spontan und von Herzen kommende Zuneigung, die der vom Alter gebeugte, aber nicht gebrochene Geistlich gerührt genoss ja auch damit zu tun, dass Franz Grave seinen Seelsorgeauftrag immer auch konkret und politisch verstanden hat und wie ein Popstar seiner Kirche das Licht der Öffentlichkeit nie gescheut hat, wenn es darum ging im Sinne der christlichen Botschaft Gesicht zu zeigen und Stellung zu beziehen, egal ob es um Ausbildungs- und Arbeitsplätze bei uns oder um Entwicklungshilfe in Lateinamerika ging. Zu seinem Feiertag passte das gestrige Sonntagsevangeliu…

Übung macht den geraden Ton

Mutter mag Saxophon-Musik. Das erinnert sie an ihre Jugend, als die Jugend noch swingte. Doch als sie jetzt bei ihrem Rundgang durch an einer Straßenecke einen Saxophon-Spieler hörte, stand ihr Urteil fest: Der Mann muss noch viel üben. Ich erinnerte Mutter daran, dass auch ein Gerry Mulligan man mit Straßenmusik angefangen hat. Denn wäre der Mann am Saxophon, den wir gestern im Vorbeigehen hörten, tatsächlich schon ein perfekter Meister seines Instrumentes, dann würde er höchstwahrscheinlich nicht in der Mülheimer Innenstadt, sondern vielleicht Royal-Albert-Hall oder in der Carnegie Hall von sich hören lassen. Das sah Mutter sofort ein und ließ dem unerbittlich am Saxophon trainierenden Musicus einen Groschen in seinen Instrumentenkasten fallen. Denn auch wenn Mutter selbst nie Saxophon gespielt hat, weiß sie doch nach einem langen Leben mit Moll- und Dur-Tonlagen, dass nicht das Anfängen, sondern nur das Durchhalten belohnt wird.

Dieser Text erschien am 1. Februar 2019 in der Neuen R…

Erleuchtende Erkenntnis

Gestern sah ich an der Straßebahnhaltestelle vor einer Mülheimer Schule ein weinendes Mädchen, das von seinen Klassenkammeraden getröstet werden musste. Offensichtlich war das gerade ausgeteilte Halbjahreszeugnis der Anstoß für ihre Trauer. „Ich bekomme von meinem Vater für mein Zeugnis auch keinen Cent“, ließ sie eine Mitschülerin wissen. „Ich bestimmt auch nicht“, bekräftigte ein Klassenkamerad, der offensichtlich auch weit von der 1,0 entfernt war. Auch ich kenne aus meinem Schülerleben solch bittere Momente, in denen man Schwarz auf Weiß erfährt, dass die eigenen Lernanstrengungen nicht ausreichend waren. Zu Details fragen Sie besser nicht meinen alten Mathematiklehrer. Allen, die gestern ein Zeugnis bekommen haben, dessen Noten ihre Eltern nicht frohlocken lässt, sei die Geschichte des Physikers und Erfinders Thomas Alva Edison (1847-1931) als Trost mit auf den Weg gegeben. Ihm wurde angesichts seiner schlechten Schulnoten von seinem Lehrer bescheinigt, „ein Hohlkopf“ zu sein. De…

Was will das Bundesteilhabegesetz?

Welches Ziel verfolgt der Gesetzgeber mit dem Bundesteilhabegesetz? Das wollte der Eltern- und Betreuerbeirat der Theodor-Fliedner-Stiftung wissen und lud deshalb des Sozialpolitiker und CDU-Bundestagsabgeordneten Uwe Schummer ins Dorfrathaus ein. Von diesem Gesetz sind alle Menschen mit Handicap betroffen, die in einer beschützenden Einrichtung wie der Theodor-Fliedner-Stiftung leben. Allein in deren Selbecker Dorf leben derzeit rund 170 Menschen mit einer Behinderung, die dort von Fachkräften betreut werden. "Das Bundesteilhabegesetz setzt die von Deutschland unterschriebene UN-Menschenrechtskonvention um, die ein gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben fordert", erklärte Schummer den Ausgangspunkt der aktuellen Gesetzgebung. Künftig solle sich die finanzielle Förderung nicht  mehr an den Strukturen der beschützenden Einrichtungen, sondern an den persönlichen Bedürfnissen der Betroffenen orientieren. Diese müssten zum Beispiel die Optio…

Einzelhandel auf Probe

Wer Mülheim mag, sollte man bei Jörn Gedig und Kai Op de Beeck vorbeischauen. Der 45-jährige Textilwerbekaufmann und sein Mitarbeiter haben jetzt im ehemaligen Ladenlokal des Team Innenstadt für die kommenden drei Monate ein „Einzelhandelslabor“ eröffnet. Sein Name ist Programm: 4330 Mülheim. Auf 50 Quadratmeter kann man dort in den kommenden drei Monaten T-Shirts, Pullover, Stoffbeutel und Tassen mit lokalpatriotischem Aufdruck wie 4330 Mülheim, I love MH oder Pott People zu moderaten Preisen erwerben.
Der gebürtige Speldorfer, Jörn Gedig, der seit Oktober 2018 in der Altstadt wohnt, hatte seine Mülheim-Stöffchen schon beim Adventsmarkt in der Altstadt mit so viel Erfolg unter die Leute gebracht, dass er sich jetzt auf das zeitlich befristete Einzelhandelsexperiment in der ehemaligen Wertstadt eingelassen hat.

Gedig ist zuversichtlich das seine MH-Marke ihre Kundschaft finden wird und aus dem Einzelhandelsexperiment zwischen Löhberg 35 und Kohlenkamp 34 an einem anderen Ort in der In…