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Donnerstag, 3. März 2022

Phantasie und Wirklichkeit

"Möchten Sie Ihren Kaffee bei uns trinken?", fragt mich die nette Bäckereifachverkäuferin. Ich bejahe und erlebe eine Überraschung. "Dann möchte ich jetzt alles von Ihnen sehen!" Mir stockt der Atem. Mein Blutdruck steigt. Eigentlich wollte ich doch nur einen Kaffee trinken und nicht vernascht werden. Doch dann holt mich die Dame hinter der Theke aus meinem Kopfkino. "Ihr Impfzertifikat und Ihren Personalausweis, bitte!" Natürlich. Wir haben ja Corona. Wie konnte ich das vergessen. Der Bäckerbursche lässt seine eben noch aufsteigende Phantasie im Unterbewusstsein verschwinden. Sigmund Freud lässt grüßen. Ich trinke meinen Kaffee und gehe zurück ins richtige und oft so phantasielose, um nicht zu sagen brutale Leben. Vielleicht hat mir mein Unterbewusstsein ja für einen Moment nur eines sagen wollen: Ich habe keine Lust mehr auf schlechte Nachrichten über Krieg und Corona. Mensch sein heißt: Leben! Und Leben heißt: Make Love, no War! 

Montag, 28. Februar 2022

Heute ist Rosenmontag

 Heute ist Rosenmontag. Oder muss man sagen: Heute wäre Rosenmontag, wenn die Weltgemeinschaft nicht gerade einen schwarzen Donnerstag hinter sich hätte, an dem die russische Regierung die Ukraine mit einem Angriffskrieg überzogen hätte, der uns alle trifft und mehr zerstört, als den Spaß an der Freud. Und doch verbreiteten die Mülheimer Karnevalisten am Karnevalsfreitag einen Hauch von Rosenmontag. Das schafften sie, in dem sie an vier Mülheimer Grundschulen mit einem kurzfristig fahrtüchtig gemachten und dank großzügiger Sponsoren reich gefüllten Rosenmontagswagen vorfuhren, um den dort fürs Leben lernenden Kindern einen Kamelleregen zu spendieren. Wer am Freitagvormittag auf den Schulhöfen an der Frühlingstraße, am Saarnberg, an der Hölterstraße und an der Augustastraße die Begeisterung und die strahlenden Augen der Kinder gesehen hat, der hat, wie sie, fürs Leben gelernt, warum die größten Narren dieser Welt nicht diejenigen sind, die sich so nennen, sondern diejenigen, die sich in ihrem Größenwahn vermeintlich wichtig und mächtig über alles hinwegsetzen, was den Menschen nicht nur zur Fünften Jahreszeit nicht zum Narren, sondern erst zum Menschen macht. Erst die gemeinsame Freude am Leben, die auch den Nachbarn leben lässt, macht den Menschen nicht nur in der Fünften Jahreszeit zum Menschen. Leben und leben lassen, weil jeder Jeck anders, aber eben auch nur ein Mensch ist, der sein Leben leben will. Das ist die Friedensbotschaft des Karnevals, die wir auch nach Aschermittwoch beherzigen sollten, damit es nicht nur uns, sondern auch unseren Nachbarn gut geht und wir bald wieder Grund zum Feiern haben, frei nach dem Motto: "Lieber süße Kamelle und Co als bittere Pillen. Denn in den sauren Apfel müssen wir auch ohne die humor- und schamlosen Narren an den Futtertrögen der Macht noch früh- und oft genug beißen!"


Meine Beiträge in NRZ/WAZ

Donnerstag, 24. Februar 2022

Gut getan

 Wo bleibt das Positive? Das fragte sich der Schriftsteller Erich Kästner schon vor gut 90 Jahren. Man sieht: Auch in den vermeintlich guten alten Zeiten, waren gute Nachrichten Mangelware. Doch wenn man genau hinschaut und hinhört, gibt es sie doch. Die positive Nachricht dieser Woche bekam ich vom Geschäftsführer des Centrums für bürgerschaftliches Engagement, Michael Schüring, zu hören. Er ließ mich wissen, dass sich allein im Rahmen des 2001 gegründeten CBEs aktuell 300 Mülheimerinnen und Mülheimer kontinuierlich und ehrenamtlich, zum Beispiel als Bildungs- und Familien-Paten oder als handwerkliche Hilfestellung leistende Heinzelwerker für ihre Mitbürger und Nachbarn engagieren. Und die Aufzählung der guten Taten, die uns als Stadtgesellschaft gut tun, ließe sich an dieser Stelle noch erfreulich lange fortführen. Also müssen wir nicht darauf hoffen, dass an jeden gedacht ist, weil jeder an sich selbst denkt, sondern wir können mit Erich Kästner sagen: "Es geschieht nichts Gutes, außer man tut es!" 

Dienstag, 11. Januar 2022

Mein Freund, der Baum

„O, Tannenbaum! O, Tannenbaum! Du kannst mir sehr gefallen.“ So haben wir noch kürzlich gesungen. Und jetzt begegnen mir an jeder zweiten Straßenecke ausgesetzte Weihnachtsbäume. So schnell geht das: Gestern stand man noch glanzvoll im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses und heute landet man schon abgetakelt auf dem Müllhaufen der Geschichte. Das geht nicht nur Euch, so liebe Tannenbäume. Auch so manches Pflänzchen im Garten der menschlichen Naturen wurde gestern noch umarmt und hochgelobt und heute schon abgesägt und auf die Straße gesetzt. Gut zu wissen und am Beispiel der abgehalfterten Christbäume gut zu sehen. Weder Lob noch Tadel sollten uns im menschlichen Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel zu sehr beeindrucken, weil neben dem Amen in der Kirche, der Steuer und dem Tod nichts so sicher ist, wie das „Kreuzigt ihn“, das auf das „Hosianna“ folgt. „O, Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren!“


NRZ, 10.01.2022

Montag, 3. Januar 2022

Leuchtendes Beispiel

Es ist noch nicht lange her, dass ich Menschen nicht verstehen konnten, die ihre Energie zur Weihnachtszeit in ihren Vorgärten und an ihren Hausfassaden mit einer Weihnachtsbeleuchtung in den unterschiedlichsten Anmutungen, vom Lichterregen über Sterne bis hin zu Schlitten, Nikoläusen und Rentieren verschwendeten. Doch jetzt in dieser dunklen Zeit zwischen den Jahren ist mir ein Licht aufgegangen. Vor allem in jenen Straßen, der Beleuchtung nicht vom Rotlicht, aber doch wohl offensichtlich vom Rotstift diktiert ist, habe ich diese privaten Erleuchtungs-Initiativen als wohltuende Nachbarschaftshilfe entdeckt und zu schätzen gelernt. Deshalb möchte ich mich auf diesem Weg bei allen Mitmenschen herzlich bedanken, die unsere Stadt durch ihre energiegeladenen Initiative und Taten, nicht nur zur Weihnachtszeit und im Vorbeigehen, gerade dort etwas heller machen, wo sie besonders dunkel ist. 


 NRZ, 31.12.2021

Sonntag, 12. Dezember 2021

Würstchen-Wirschaft

Kürzlich fühlte ich mich wie ein armes Würstchen. Das hatte damit zu tun, dass ich bei meinem Lieblings-Bratwurst-Business auf dem Weihnachtstreff ein Würstchen verspeiste. Wurst, Brötchen und Senf schmeckten gut, wie immer. Doch blieb mir der Imbiss im Halse stecken, weil sein Preis von 2,50 auf 3 Euro angestiegen war.  Ich gönne der Dame am Grill  50 Cent mehr. Doch immer öfter  stelle ich nicht nur am Grillstand fest, dass es preislich immer mehr um die Wurst geht. Otto-Normalverbraucher backt immer noch die gleichen kleinen Brötchen und soll die großen Brötchen der anderen bezahlen. Darf es noch ein bisschen mehr sein? Beim Bäcker, beim Metzger, bei der Miete oder im Supermarkt? Nein, danke! 

Doch ich ahne, dass dieser Wunsch des zahlenden Kunden nicht mehr als ein frommer Wunsch bleibt. Die Letzten in der Nahrungskette beißen die Hunde. Sie zahlen drauf. EZB-Chef Mario Draghi will mehr Inflation. Denn wenn die Kunden mehr ausgeben, nimmt die Wirtschaft mehr ein. Doch Mister Euro könnte schnell selbst zum armen Würstchen werden, wenn mehr Ausgaben für den täglichen Bedarf den Menschen weniger Lust auf das Ankurbeln der Wirtschaft machen sollte.

NRZ, 27.11.2015

Samstag, 11. Dezember 2021

Sankt Nikolaus und seine Stellvertreter

Gestern hörte ich zwei Nachbarskinder darüber diskutieren, dass der Nikolaus in ihrer Grundschule gar kein Nikolaus, sondern ein ihnen bekannter Lehrer sei. Früher fieberte ich dem Nikolaustag entgegen und ließ mein kindliches Sündenregister („Die Schwester an den Haaren gezogen und das Kinderzimmer trotz mehrfacher Ermahnung der Mutter nicht aufgeräumt“ Revue passieren.  In meiner Erinnerung bin ich ein erschreckend braves Kind gewesen. Wahrscheinlich konnte ich dem Nikolaustag deshalb auch immer getrost und mit froher Erwartung entgegen sehen. 

Es muss mein fünfter oder sechster Nikolaustag gewesen sein, als ich das schönste Nikolausgeschenk meines Lebens, ein altes Telefon mit Drehscheibe auf meinem Teller präsentiert bekam. Das schmeckte mir besser als jedes Marzipanbrot. Doch an diesem Nikolaustag begriff ich auch, dass die Geschenke wohl nicht vom Nikolaus, sondern von meiner Mutter kamen. Denn das alte Telefon, das für die nächsten Jahre mein liebstes Spielzeug werden sollte, erkannte ich als unser altes Telefon, das inzwischen durch ein neues mit Tasten ersetzt worden war. Doch das schmälerte meine Freude kein bisschen.

NRZ, 07.12.2017

Freitag, 26. November 2021

Heiliges Blech

 In einer Zeit, in der sich alles in unserem Land schnell verändert, gibt es doch eine Konstante. Das Auto ist und bleibt des Deutschen liebstes Kind, auch und gerade, wenn er aus Mülheim kommt. Das sieht man in unserer Stadt. So mancher lässt vielleicht Frau und Kinder im Regen stehen, aber nicht sein geliebtes Auto. Da müssen zur Not auch schon mal ein oder zwei Garagen her. Und wenn die Garagen nicht mehr ausreichen, weil auch Kind und Kegel nicht mehr ohne Auto leben können und ein dritter Wagen angeschafft worden ist, dann wird der motorisierte Vierräderer auf den Bürgersteig geparkt. Es wäre ja auch zu schlimm, wenn dem geliebten Vehikel, dass unvorsichtiger Weise am Fahrbahnrand abgestellt würde, ein Blechschaden zustoßen könnte, weil die Straßen ja heutzutage so voll und die Autos kaum noch durch die beidseitig beparkten und viel zu engen Straßen. Da müssen Fußgänger schon mal solidarisch auf die Fahrbahn ausweichen und ein Opfer bringen, indem sie sich in potenzielle und punktuelle Lebensgefahr bringen. Etwa Solidarität wird man ja wohl noch einfordern können, als steuer- und Spritpreise- zahlender Autofahrer, um den einen oder anderen teuren Kratzer am Heiligen Blech abzuwenden. Wir lamentieren über Mord und Totschlag in aller Welt, über Klimawandel, über Staus und den schlechten Zustand unserer Straßen oder über das teure Zuschussgeschäft leerer Busse und Bahnen. Aber die jährlich zig Verkehrstoten nehmen wir als Naturgesetz der motorisierten Mobilität hin. 

Und wenn wir erst mal einsteigen, den Schlüssel umdrehen und aufs Gaspedal treten, sind wir scheinbar aller Sorgen ledig, wenn wir die freie Fahrt des freien Bürgers genießen und nach dem Prinzip leben: Ich fahre, also bin ich. Nach mir die Sintflut. 


NRZ, 22.11.2021

Sonntag, 10. Oktober 2021

Der lange Atem der Demokratie

Der Teufel steckt im Detail, auch beim Wählen. Das konnte ich am Sonntag als Wahlhelfer im Briefwahllokal feststellen. Viele Wähler gingen auf Nummer Sicher. Wenn sie schon nicht sicher sein konnten, welchen Einfluss ihre Erst- und Zweitstimme auf das Bundestagswahlergebnis haben werde, wollten sie doch mit Klebstreifen und Klebestiften sicher gehen, dass ihr Stimmzettel bis zur Auszählung ganz sicher verschlossen bleibe. Doch in manchen Fällen hätte der Klebeeffekt fast dafür gesorgt, dass manches Wahlgeheimnis für immer eines geblieben wäre. Wenn es mit der demokratischen Endabrechnung oft länger dauerte, als es den auf heißen Kohlen sitzenden Wahlleitern, Kandidaten und Wählern lieb war, hatte das auch mit den Wahlbriefen zu tun, die oft so verflucht gut zugeklebt waren, dass die Befreiung der Wahlzettel aus den Wahlbriefumschlägen nicht selten einem chirurgischen Eingriff glich. 


Doch die Wahlhelfer waren zu allem entschlossen, um den zu Papier gebrachten Volkswillen ans Licht der politischen Erkenntnis zu bringen. 

Zum Fluch der gut gemeinten, aber schlecht gemachten Tat wurde manchem Briefwähler die falsche Antwort auf die entscheidende staatsbürgerliche Frage: "In welchen Briefumschlägen müssen der adressierte und unterschriebene Wahlschein und der anonyme Wahlzettel verschlossen werden?" Wer Wahlschein und Wahlzettel zusammen in einem der beiden Wahlbriefumschläge verschlossen hatte, offenbarte den Wahlhelfern damit sein persönliches Wahlgeheimnis und machte damit seine beiden Stimmen ungültig. So gemein kann Demokratie sein, aber nicht nur zu den Wählern, sondern auch zu den Wahlhelfern. Ihnen bescherte unser Wahlrecht mit den aus guten Gründen häufig gesplitteten Erst- und Zweitstimmen einen zeit- und nerven raubenden Auszählungsmarathon, weil auch in der Demokratie die Rechnung stimmen muss. War schon die Auszählung des Wahlergebnisses eine Geduldsprobe, so wird seine Umsetzung in Form einer Regierungsbildung ein Geduldsspiel, an dessen Ende wir Wähler, Steuerzahler und Bürger hoffentlich nicht den Schwarzen Peter in Händen halten. 

NRZ, 28.09.2021

Samstag, 9. Oktober 2021

Affentheater der Doppelmoral

Darf man Affen einem Abgastest aussetzen, um herauszufinden, dass die gesundheitlichen Auswirkungen der Schadstoffe, die des Deutschen liebstes Kind absondert, gar nicht so gefährlich sind, wie man immer geglaubt hat? „Nein!!!“ schallt es im Brustton der moralischen Empörung aus allen Richtungen.  Und der für die Affenversuche  mitverantwortliche  VW-Manager wird dafür in die Wüste geschickt. Immerhin wird er dort einer erheblich geringeren Abgasbelastung als Millionen von Menschen ausgesetzt, die an stark befahrenen Straßen leben müssen. Wer schon mal während des Berufsverkehrs zum Beispiel an der Aktienstraße zu Fuß unterwegs sein musste, weiß wovon ich rede. Straßenseitige Balkone erscheinen da wie ein steingewordener Zynismus. Und ich wage mir nicht vorzustellen, was ein Kleinkind oder ein Hund, die sich auf Auspuffhöhe bewegen müssen, täglich an Schadstoffen einatmen müssen. Da hilft nur eins: Runter vom Gas und öfter zu Fuß gehen, statt ein Affentheater zu machen.

Dieser Text erschien am 2. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Kleine und große Jungs

Gestern sah ich unseren kleinen Nachbarjungen mit seinem Vater über die Schloßstraße gehen. Das heißt: Sein Vater ging. Er selbst fuhr in seinem kleinen Elektroauto neben her. Die Tatsache, dass er die Schrittgeschwindigkeit seines Vaters mit seinem Elektromobil unterbot, änderte nichts daran, dass sich der Kleine hinter seinem  Steuer ganz groß vorkam. Das  versetzte mich für einen Augenblick in meine Kindheit zurück. Auch ich fuhr als Knirps gerne über die Schloßstraße. Erst ließ ich mich von meiner Mutter im Kinderwagen schieben.

Und einige Jahre später stieg ich dann auf das Kettcar um, das mir mein Großvater geschenkt hatte.

Der Tag, an dem mir mein Großvater in der Spielzeugabteilung des Kaufhofs, ja die gab es damals noch und zwar im XXL-Format, den Weg freimachte und gegen den vergeblichen Widerstand der Verkäuferinnen, alles beiseite wuchtete, was seinem Enkel für eine Testfahrt durch die Abteilung in die Quere kam, gehört bis heute zu den erhebensten und schönsten Erinnerungen meines Lebens, auch wenn meine damals pubertierende Schwester sich angesichts dieses Einkaufsschauspiels in Grund und Boden schämte.

Ich habe damals gelernt. Auch wenn man sich selbst abstrampeln muss, um voranzukommen, braucht man Menschen, die einem den Weg freimachen.

Dieser Text erschien am 3. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 17. September 2021

Betreten auf eigene Gefahr

Es gibt noch Abenteuer zu bestehen, in unserer Stadt. Wenn man zum Beispiel als Fußgänger die Mendener Straße oder den unteren Teil des Steinknappens zu passieren versucht, weiß man, was der Wunsch: "Hals und Beinbruch" zu bedeuten hat. Zwar weist mich meine Stadt inzwischen an den besagten Stellen mit rot-weißen Warnschildern und Warnbaken auf den brüchigen Mülheimer Untergrund hin, doch das mindert das Risiko der Passanten auf zwei Beinen und zwei Rädern nicht wirklich. Tatsächlich sagen uns die gut sichtbaren rot-weißen Warnhinweise nur, dass die Stadt, trotz vergleichsweise hoher Steuer- und Gebührensätze, in die roten Zahlen gestolpert ist und nicht wirklich weiß, wie sie finanziell wieder Boden unter die Füße bekommen kann, um unter anderem auch dafür zu sorgen, dass ihre Bürgerinnen und Bürger am Ende nicht den Boden unter den Füßen verlieren. Wenn es mit dem Mülheimer Untergrund so unterirdisch weitergeht, bleibt uns wohl nur, die besonders arg ramponierten Geh- und Fahrwege den Motor-Cross-Fahrern,- den Mountain-Bikern,- den Parcours-Akrobaten, den Military-Reitern und der Bundeswehr als Trainingsgelände zu vermieten, um erst die Löcher in der Stadtkasse und dann vielleicht irgendwann auch die Löcher in Mülheims Straßen schließen zu können. 


NRZ, 17.09.2021

Dienstag, 10. August 2021

Der Ton macht die Musik

 Manchmal hat man das Gefühl, dass man in die falsche Richtung fährt, obwohl man in der richtigen Buslinie sitzt. Dieses Gefühl beschlich mich, als ich jetzt im richtigen Bus, aber offensichtlich im falschen Film saß. Denn ich musste unfreiwillig folgenden Dialog zwischen zwei jungen Männern und einer alten Dame mit anhören. Da die jungen Herren allzu lautstark schwadronierten, bat sie eine in ihrer Nähe sitzenden, aber Welten von ihnen entfernte alte Dame zu Recht um eine moderatere und somit sozialverträgliche Tonlage. Einer der jungen Männer antwortete ihr darauf flapsig und unverschämt: „Wenn Sie Ruhe haben wollen, können Sie sich ja auf den Friedhof legen. Daraufhin kam es zu lautstarken Wortgefechten zwischen der alten Dame und den jungen Herren, die offensichtlich keine gute Kinderstube hatten oder sie schlicht vergessen hatten. Auch die Mehrheit der Mitfahrenden zeigte sich mit der verunglimpften Seniorin solidarisch. Die jungen Herren zeigten sich derweil überrascht, ob des Gegenwindes, der ihn rhetorisch ins Gesicht blies. Der Schlagabtausch, in dem leider auch rassistische Zwischentöne mischten, weil es sich offensichtlich um zwei junge Zuwanderer handelte, machte deutlich, dass Respekt und Rücksichtnahme keine Einbahnstraße sind. Mir wurde klar: Wenn wir gut zusammenleben wollen, müssen wir auch unsere Nachbarn leben lassen und eine Menge Toleranz im Tank haben, wenn wir mit unserer offensichtlich bunter werdenden Gesellschaft nicht auf den Holzweg und in eine Sackgasse geraten wollen. Das wird nur gelingen, wenn wir uns alle so behandeln, wie wir selbst gerne behandelt werden möchten. Nur so können wir auf eine gemeinsame goldene Zukunft hoffen, in der niemand schwarz-weiß denken und niemand Rot oder Schwarz sehen sollte. Denn der Ton macht auch unsere Zukunftsmusik. 

NRZ, 09.08.2021

Sonntag, 8. August 2021

Die Dosis macht das Gift

 Früher hört man schon mal die Flöhe husten. Heute reagiert man auf jeden Wassertropfen allergisch, der vom Himmel fällt. "Regnet es schon wieder?" fragt man heute, wenn man auch nur den Hauch eines Schauers hört. Jetzt hörte ich sogar das meiner Ansicht nach besonders laute und heftige Wasserrauschen in der Kanalisation, als ich an einer Haltestelle auf meinen Bus wartete. Unheimlichkeit machte sich in mir breit. Das nennt man wohl eine posttraumatische Belastungsstörung. Dabei sind wir in Mülheim mit dem Ruhrhochwasser ja noch vergleichsweise glimpflich davongekommen. Sicher. Wasser ist lebenswichtig. Aber wenn es einem bis zum Hals steht, ist eben auch lebensgefährlich. Mit dem Wasser ist eben, wie mit allen Lebensmitteln und Lebensmitteln. Die Dosis macht das Gift. Und während ich das so schreibe, ahne ich, dass wir noch auf so manche Öko-Diät in Sachen Häuslebau, Flächenverbrauch, Urlaubsreisen und Automobilität gesetzt werden, um uns mit einer Überdosis umwelt- und klimaschädlicher Konsumfreude am Ende nicht selbst umzubringen, in dem wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstören.


NRZ, 03.08.2021

Dienstag, 27. Juli 2021

Harte Fahrschule

 An dieser Stelle werbe ich aus eigener Erfahrung und aus eigenem Miterleben oft und zurecht um mehr Rücksichtnahme auf Fußgänger. Rasender Radfahrer und zugeparkte Gehwege machen dies immer wieder nötig. Aber leider sind auch Fußgänger keine grundsätzlich besseren Verkehrsteilnehmer. Dies musste ich jetzt miterleben, als ein älterer Mann am Gehstock unmittelbar vor einer einfahrenden Straßenbahn glaubte, die Straßenseiten an der zentralen Haltestelle in der Friedrich-Ebert-Straße mit dem Ziel der Wegverkürzung und der Zeitersparnis wechseln zu müssen. Und dies tat er nicht regelkonform an dem nur wenige Schritte entfernten beampelten Übergang, sondern auf dem kürzesten Weg unmittelbar vor der einfahrenden Straßenbahn. Besagter Fußgänger machte sich nicht mal die Mühe, mit dem Blick nach links die Geschwindigkeit der ankommenden Straßenbahn einzuschätzen. Sonst hätte er gemerkt, dass sein Vorgehen im Zweifel der kürzeste Weg zum Friedhof hätte werden können. Doch der waghalsige Fußgänger, der offensichtlich ein Rad abhatte, hatte Gott sei Dank einen Schutzengel und das Glück des Unvernünftigen auf seiner Seite. Denn die einfahrende Tram wurde, siehe Anzeige, von einem  umsichtigen Straßenbahnfahrschüler der Ruhrbahn gesteuert. Er konnte das tonnenschwere öffentliche Personennahverkehrsmittel  gerade noch rechtzeitig abbremsen. So musste der junge Tram-Fahrschüler gleich bei einer der ersten Dienstfahrten für sein Berufsleben lernen, was ihm im öffentlichen Personennahverkehr so alles und jederzeit in die Quere kommen kann. Möge er durch diese harte Schule der alten Schule, die offensichtlich nicht vor Dummheit schützt, in seiner umsichtigen Fahr- und Führungsweise gestärkt worden sein. Und dem rücksichtslosen Fußgänger möchte ich mit auf den Weg geben. „Augen auf, bei jedem Tageslauf. Denn nicht jeder Tag ist ein Glückstag, in dem andere Menschen als Verkehrsteilnehmer und auf anderen Lebenswegen für einen mitdenken!“ 

NRZMH, 26.07.2021

Mittwoch, 7. Juli 2021

TEAM MÜLHEIM

Ein alter Mann geht mit seinem Stock über die Schloßstraße. Plötzlich kommt ihm ein Fußball in die Quere, Komma den ein Junge in die Tiefe des Raumes der Fußgängerzone geflankt hat. Spontan stützt sich der alte Herr auf seinen Gehstock und spielt den Ball gekonnt mit seinem rechten Fuß zurück. Die Szene wirkt skurril. Interessant, wie ein Ball die Phantasie der Menschen beflügeln kann und selbst aus reifen Herren mit Handicap im Geiste wieder kleine Jungs werden lassen kann, die sich an den Straßenkick ihrer Kindheit erinnert fühlen. Wenig später sehe ich auf der gleichen Straße einen jungen Mann, der mit seinem E-Scooter wie ein Rennfahrer auf dem Nürburgring fühlt und frech einen Rollatorfahrer beiseite hupt. Das nennt man wohl ein grobes Foul, um in der Sprache des Fußballs zu bleiben. Leider ist auf dem Spielfeld des Lebens nicht immer ein Schiedsrichter zur Stelle, wenn er vonnöten wäre, um solche Regelverstöße zu ahnden und dafür zu sorgen, dass sich alle Spieler auf dem Spielfeld des Lebens als Mitspieler und nicht als Ego-Shooter begreifen. Das Team ist der Star, nicht nur im Fußballstadion, sondern auch auf dem Spielfeld, das sich Leben nennt. Gewinnen können wir auch als Team Mülheim nur dann, wenn wir uns die Bälle zuspielen, statt uns die Steine in den Weg zu legen.


NRZMH, 07/2021

Mittwoch, 16. Juni 2021

Nationale Angelegenheit

 Ob Würstchen, Grillfleisch oder Brot. In der Werbe-Beilage, die mir jetzt ins Haus flatterte, wird plötzlich das tägliche Brot zur nationalen Angelegenheit. Hier und dort sehe ich Schwarz, Rot, Gold. Habe ich eine deutsche Meisterschaft im Lebensmittelhandel verpasst oder haben wir einen mir unbekannten Nationalfeiertag gehabt. Ach Nein. Die Europameisterschaft hat begonnen. Was wir Deutschen und sonst nicht trauen, wird zum guten Ton, sobald es König Fußball regiert. Dann zeigen wir Flagge. Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, ob Jogi Löws letztes Aufgebot der schwarzrotgoldenen Kicker, bei der Europameisterschaft auch wirklich ins Schwarze trifft und am Ende die Goldmedaille und den Pokal des Europameisters gewinnen wird oder ob sie wieder, wie bei der letzten Weltmeisterschaft das harte Brot des Verlierers essen müssen und als arme Würstchen vom Platz gehen, so dass wir daheimgebliebenen Fußballfans Rot sehen, wenn wir in die Röhre schauen, die heute ein Flachbildschirm ist. 


NRZ, 14.06.2021

Dienstag, 1. Juni 2021

Weniger ist mehr

Ob im Geschäft oder im Online-Shop: Vieles, was man auf den ersten Blick braucht, lockt uns da das hart verdiente Geld aus dem Portemonnaie. Wer auf Shoppingtour geht und dem Kaufrausch verfällt,  der sollte therapeutisch vorbeugend an einer Haushaltsauflösung teilnehmen und erleben, wie viele vermeintlich wertvolle und unverzichtbare Dinge, für die sich Generationen krumm gelegt und geschuftet haben, plötzlich zum Ballast werden, der vielen selbst geschenkt zu teuer erscheint. Nicht nur unsere Lebenszeit, auch der Wert der Dinge, die wir heute unbedingt zu brauchen glauben, um uns das Leben schön zu machen, ist begrenzt. Wer anschafft, muss viel Zeit, Geld und Nerven investieren. Doch wer unbeschwert und leichten Herzens leben will, der reist am besten mit leichtem Gepäck. Das ist gescheiter und bringt uns erheblich weiter. Der Klügere erkennt: Weniger ist mehr.


aus der NRZ vom 31.05.2021

Montag, 26. April 2021

Erfahrungen eines Fußgängers

 Wer früher ein Abenteuer erleben wollte, musste in die weite Welt hinaus. Heute reicht der normale Alltag vor der Haustür. Längst sind auch Fußgängerzonen und Bürgersteige zu Rennstrecken für E-Rollern, die kaum hörbar, aber blitzschnell und lebensgefährlich an einem vorbeirasen. „Was ihr könnt, kann ich schon lange“, sagt sich da so mancher rasende Radfahrer. Auch manche Autofahrer beschränken sich heute bei weitem nicht mehr auf Fahrbahnen und Parkplätze. Sie nehmen auch schon mal erstaunlich selbstverständlich und rasant eine Abkürzung durch die Fußgängerzone oder parken, weil sie es ja besonders eilig haben und jeder zu Fuß zurückgelegter Meter für sie die reinste Zeitverschwendung ist, auch die Bürgersteige zu, die noch nicht als Parkplätze ausgewiesen sind. Und selbst, wenn man sich als Fußgänger in Bus- und Bahn flüchtet, ist man seines Lebens nicht immer sicher. Denn da gehen die Automatiktüren auch schon mal vor der Zeit zu und bringen den für unsere schnelllebige Zeit zu langsamen Fußgänger in die Klemme. Mir scheint: Je schneller wir vorankommen wollen, desto schneller kommen wir auf den Holzweg und landen am Ende in der Sackgasse, namens Rücksichtslosigkeit.


aus der NRZ vom 26.04.2021

Dienstag, 6. April 2021

Nur nicht unter die Räder kommen

In diesen Zeiten muss man manchmal Angst haben, unter die Räder zu kommen, und das nicht nur, weil das Corona-Virus unterwegs ist. Dieses Gefühl, unter die Räder zu kommen. hatte ich jetzt gleich in kürzesten Abständen, als ein Fahrradkurier, der schneller durch den Übergang zwischen Forum und Hauptbahnhof an meiner Nasenspitze vorbeifuhr, als es die Polizei erlaubt. Die war allerdings gerade, wir ahnen es, nicht zur rechten Zeit am rechten Ort, um den Rad-Rowdy zu stoppen. Überhaupt habe ich in den letzten Jahren das Gefühl, dass ich in unserer Innenstadt nur noch motorisierte Polizeistreifen sehe, die anders, als ihre Vorgänger, nicht mehr zu Fuß, sondern nur noch auf vier Rädern in ihren Streifenwagen nach dem rechten schauen. Leider nicht anwesend waren die Kollegen von der Polizei auch, als sich zur bereits dunklen Abendstunde unvorsichtigerweise mit einem Hakenprosche nach meinem Tageseinkauf aus einem Supermarkt an der Zentralen Haltestelle in der Friedrich-Ebert-Straße hervor trat. Hier hatte ich das ungute Gefühl im Mittelpunkt und damit allen, die mich sehr rasant mit ihre schnell fahrenden, aber leider nur sehr schwach beleuchteten E-Rollern, umkreisten. Dabei überkam mich der spontane Eindruck, dass nicht nur die an der zentralen Haltestelle zwischen Passanten, wartenden Fahrgästen und späten Einkäufern herum sausenden Elektrolleroller schwach beleuchtet waren. Gott sei Dank war auch diesmal mein Schutzengel an meiner Seite und verhinderte, dass ich unter die Räder der abendlichen Renn-Roller kam. Gute Schutzengel brauchen aber auch die Verkehrsteilnehmer, die sich auf zwei und vier Rädern am Kahlenberg auf der dort ohnehin sehr engen Mendener Straße begegnen. Hier war man offensichtlich nicht gut beraten, als man es mit dem reinen Aufstellen von rot weißen Warnbaken Rad,-Auto und Busfahren gemeinsam recht machen wollte und so eine für alle Verkehrsteilnehmer abenteuerliche, um nicht zu sagen: lebensgefährliche Begegnung zwischen Kahlenberg und Leinpfad zu schaffen, die auf den ersten Blick zeigt, dass gut gemeint nicht unbedingt auch gut gemacht ist und so einen neuen Hotspot für Schutzengel und Stoßgebete an den Schutzpatron aller Verkehrsteilnehmer, den heiligen Christophorus, schafft: "Hilf, dass ich nicht unter die Räder komme und jene gut beraten sind, die über unsere Rad,- Geh und Fahrbahnen wachen, dass ihnen ein Licht aufgehen möge, dass so manche hohle Gasse, durch die Er, Sie und Es kommen müssen, zur Sackgasse oder zum Holzweg wird, wenn der verkehrspolitische Wille und die verkehrspolitische Phantasie im Rathaus breiter ist, als der in der Realität zur Verfügung stehende und naturgemäß endliche Verkehrsraum auf Fahrbahnen und Gehwegen! 


aus der NRZ vom 06.04.2021

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...