Mittwoch, 28. Februar 2018

Immer wieder sehenswert: Das Komödchen Sorglos

Das aktuelle Ensemble
Theater im Altenheim und alle haben Spaß. Das Komödchen Sorglos machte es am Wochenende möglich. Gleich zweimal füllte das Ensemble um Regisseur Andreas Pawlowski mit „Tante Olga räumt auf“ die 130 Sitzplätze im Theater der Seniorenresidenz an der Dimbeck.

Nicht nur Jürgen Loss (als arbeitswütiger Architekt Wolfgang Zimmermann), dem seine Frau Heike (Heidi Trojahn) und seine Tochter Sabrina (Desiré Növermann) auf der Nase herumtanzen, sorgten dafür, dass während des 120-minütigen Dreiakters kein Auge trocken blieb. Auch Bärbel Loss hatte als vermeintlich verwirrte, tatsächlich aber hellwache Tante Olga die Lacher der Zuschauer auf ihrer Seite.

Die ambitionierten Theateramateure verstanden es der Komödie von Rainer Martin mit Tempo, Wortwitz und Situationskomik Flügel zu verleihen und die Komik herauszuarbeiten, die in dieser Komödie daraus entsteht, dass auf den zweiten Blick nichts so ist, wie es für den Zuschauer auf den ersten Blick erscheint.

Dabei lebte das Ensemble nicht nur von seiner eigenen Spielfreude, sondern auch von der perfekten Licht- und Tontechnik, mit der Andreas Klettke die Schauspieler in Szene setzte. Weil Klettke derzeit beruflich stark gefordert ist, würde er sich über einen ehrenamtlichen Kollegen freuen, der ihn unterstützen und entlasten könnte. Kontakt zum Komödchen Sorglos und weitere Informationen rund um das Ensemble und sein Programm findet man im Internet unter: www.komoedchen-sorglos.de, per E-Mail an: info@komoedchen-sorglos.de oder bei Jürgen Loss unter der Rufnummer: 0208-51261.

Dieser Text erschien am 27. Februar 2018 in NRZ & WAZ 

Dienstag, 27. Februar 2018

Ihr Smartphone weiß Bescheid

Gestern sah ich einen jungen Mann auf dem Plakat an der Bushaltestelle. Mit seiner aus Pappe gebauten Kopfbedeckung hatte er etwas von einem Rennfahrer oder von einem Astronauten. Wurde hier Autorennen oder Astronautennahrung geworben? Mitnichten. Viel mehr versuchen die Ruhrbahn und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr ihre technikbegeisterten  Fahrgäste für das smartphone-gesteuerte Bus- und Bahn-Ticket der next Generation zu gewinnen. Check in and check out. Dein Smartphone weiß Bescheid.

Ob Du oder Sie dann besser Bescheid wissen, als vorher, hängt wohl davon ab, ob Du oder Sie noch zur analogen oder zur digitalen Generation gehören. Als Bus- und Bahnfahrgast der heutigen Generation, der sich schon als Teil der technischen Avantgarde fühlt, wenn er mit seinem Smartphone telefonieren, SMS-Kurznachrichten versenden und seine Adressen und Telefonnummern verwalten kann, stellt sich da eher die ganz profane Frage: Wird der öffentliche Personennahverkehr in der schönen neuen digitalen Welt der nächsten Generation vielleicht mal pünktlich und preiswerter und damit für alle Fahrgäste, ob mit oder ohne Smartphone, attraktiver? Der Hintergrund des Werbeplakates macht mich skeptisch. Denn man schaut dort in die Galaxien des Weltraums. Wollen uns die öffentlichen Personennahverkehrsbetriebe angesichts ihrer irdischen Probleme mit Defiziten und nörgelnden Fahrgästen am Ende auf den Mond oder gar auf den Mars schießen, weil es im luftleeren Raum des ewigen Weltalls auf die eine oder andere Verspätung und die eine oder andere rote Zahl im Bus- und Bahn-Budget nicht mehr ankommt?!

Dieser Text erschien am 27. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 26. Februar 2018

Lions helfen Mitbürgern in Not

Solchen Besuch bekommen Andrea Krause und Hartwig Kistner vom Diakonischen Werk und Superintendent Gerald Hillebrand gerne. Dr. Christian Endreß und Andreas Schmidt vom Lions-Club Mülheim-Ruhr überbrachten ihnen jetzt einen Scheck in Höhe von 6000 Euro. Das Geld kommt aus dem Verkaufserlös der Adventskalender, die der 40 Mitglieder starke Lions-Club zusammen mit seinen Kollegen aus dem Lions-Club Mülheim-Leinpfad für einen guten Zweck unter die Leute bringt.
Dieser gute Zweck ist im Falle des Lions-Clubs Mülheim-Ruhr die ambulante Gefährdetenhilfe der Diakonie, die Menschen hilft, die obdachlos sind oder von Obdachlosigkeit bedroht sind. "Ohne die Hilfe, die ich hier erhalten habe, hätte ich mein Leben nicht mehr in den Griff bekommen. Das wäre dann sicher ganz schlimm geworden", sagt ein 61-jähriger Mann, der nach zweijähriger Obdachlosigkeit jetzt ein Apartment im Diakoniehaus an der Kaiser-Wilhelm-Straße bewohnt und inzwischen wieder einer geregelten Arbeit nachgeht.

Das Haus und seine Bewohner werden von zwei Sozialarbeitern betreut, Auch an der Auerstraße und an der Kanalstraße betreibt die Diakonie ähnliche Einrichtungen, die Menschen beisteht, die zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit, Krankheit, Sucht oder Trennung aus ihrer Lebensbahn geworfen worden sind. "Mir liegt die Arbeit, die hier für Menschen in Not geleistet wird und die ich auch durch ehrenamtliche Mitarbeit kennengelernt habe sehr am Herzen", sagt der Präsident des Lions-Clubs Mülheim-Ruhr, deren Mitglieder sich auch in anderen sozialen Bereichen, wie etwas der Hausaufgabenhilfe und Sprachförderung für Kinder und Jugendliche ehrenamtlich engagieren.

"Die 6000 Euro können wir für unsere Arbeit in der ambulanten Gefährdetenhilfe gut gebrauchen, etwa für die Anschaffung von neuen Möbeln oder die Finanzierung von Ausflügen und Festen. Genauso wichtig, wie das Geld ist uns aber auch die mit dieser Spende verbundene Anerkennung und Aufmerksamkeit für unsere immer wichtiger werdende soziale Arbeit", sagt die zuständige Abteilungsleiterin der Diakonie Andrea Krause. Und der Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, Hartwig Kistner betont: "Alle Spenden, die wir erhalten, fließen zu 100 Prozent in die soziale Arbeit. Unsere Verwaltungsarbeit finanzieren wir nur mit unseren eigenen Mitteln." Mehr zum Thema unter: www.diakonie-muelheim.de 

Dieser Text erschien am 5. Februar 2018 in der Mülheimer Woche

Sonntag, 25. Februar 2018

Da ist Musik drin

Wer, wie ich, an der Schloßstraße wohnt, braucht kein Radio. Er muss nur das Fenster öffnen. Dann kann er sicher sein, dass irgendein Straßenmusikant, ob mit der Geige, E-Gitarre, der Panflöte, der Trompete oder einem Saxophon alles spielt, was die Notenblätter hergeben. "Spanisch Eyes", "An der schönen blauen Donau oder wenn es mal wieder so weit ist: "Alle Jahre wieder"!

Als Zuhörer muss man natürlich eine gewisse musikalische Toleranz mitbringen. Denn nicht jeder Musiker, der auf der Straße steht, könnte auch bei den Wiener Philharmonikern unter Vertrag stehen. Aber dafür spielen sie ja auch ohne jede Gage oder den Anspruch auf Gema- oder Rundfunkgebühren.

Und wenn man bei manchen Musikern, die auch jetzt bei winterlichen Temperaturen unverfroren und unverdrossen weiter spielen, den einen oder anderen Groschen ins Körbchen oder in den Geigenkasten fallen lässt, würde man sich schon wünschen, dass mal der Dirigent eines großen Orchester vorbei käme, um sie und ihr Talent zu entdecken.

Doch ich fürchte, dafür müsste in der Innenstadt noch etwas mehr Musik drin sein, damit sich der eine oder andere Bernstein unserer Tage dort hin gezogen fühlen könnte. Immerhin hat, wie berichtet, der Mülheimer Georg Reinders, mit Hilfe des Bürgermitwirjungsbudgets einen Konzertrundgang durch die Innenstadt organisieren können. Und die Initiative Kultur in Mülheim lädt regelmäßig zur Kaffeehausmusik in Ricks Cafe am Synagogenplatz. Der Auftakt ist also schon mal gemacht. Sage also noch ein Musikfreund in der Innenstadt: "I cant get no satisfaction?" Und was ist mit dem gar nicht so wohlklingenden Rest der innerstädtischen Straßenmusik? Da schweigt des Sängers Höflichkeit.

Dieser Text erschien am 22. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung


Samstag, 24. Februar 2018

Wer geht, lebt gefährlich

Wie kann man den Kohlendioxid-Austoß verringern und so und so unser Klima retten, ehe wir vom Winde verweht sind oder uns das Wasser in den Küstenregionen bist zum Hals steht. Darüber werden ganze Konferenzen abgehalten, deren Teilnehmer meistens mit dem Auto oder per Flugzeug anreisen, so dass erst mal wieder jede  Menge CO2-Abgase in die Atmosphäre gepustet werden. Auch die dreckigsten Diesel erst mal weiter über unsere verstopften Straßen fahren, damit der Rubel rollt.

Doch wer den Klimaschutz wirklich befördert, in dem er zu Fuß geht, wird an manchen Stellen des Stadtgebietes auf so schmale und zudem oft noch so hinfällige Wege abgedrängt, dass das Gehen manchmal zum Drahtseilakt wird, wenn die bis auf den einen oder anderen fröhlichen Furz garantiert abgasfreien Fußgänger sich den zugunsten der Fahrbahn dezimierten Gehweg mit den ebenfalls garantiert abgasfreien Radfahrern teilen müssen. Da kommt man sich als Fußgänger auf dem Gehweg schon mal, wie ein Hase im Jagdrevier vor. Frei nach dem Motto: Von wem möchte ich lieber angefahren werden, von meinem Nachbarn auf dem Rad oder von meinem Nachbarn im Auto? Würden die Fahrbahnen mal schmaler und die Rad- und Gehwege dafür breiter, wäre das wohl die beste Vorfahrt für den Klimaschutz. Doch bis es soweit ist, müssen wohl noch ganz viele wichtige Damen und Herrn mit dem Flugzeug und im Auto zu Klimaschutz-Konferenzen an- und abreisen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie unsere Mutter Erde oder Ihre Lebenserwartung. 

Dieser Text erschien am 21. Februar 2018 in der NRZ

Freitag, 23. Februar 2018

Ein Soli für Mülheim?!

Als Mitarbeiter der Redaktion  konnte ich gestern schon in die Zeitung von heute schauen. Doch auf die Voraussicht auf das 35 Millionen Euro große Loch bei den Gewerbesteuereinnahmen der Stadt hätte ich gestern genauso gerne verzichtet, wie sie heute.

Angesichts immer neuer finanzpolitischer Hiobsbotschaften aus dem Rathaus  möchte man dem Kämmerer eine Lotto-Flatrate und eine  Dauerkollekte in allen Mülheimer Kirchen und eine Fastenaktion aller städtischen Mitarbeiter: „Wir arbeiten ‘Sieben Wochen ohne’ Lohn“ wünschen. Doch auch, wenn es sich bei „Sieben Wochen ohne“ um eine kirchliche Fastaktion handelt, würde sich der Kämmerer mit so einem Vorschlag wohl eher ein blaues Auge und den Segen von Kloster Kamp in Person von Sankt Verdi, als eine schwarze Null einhandeln. Da bleibt wohl nur eins, lieber Herr Oberbürgermeister und lieber Herr Stadtkämmerer: Mülheim muss sich zumindest so lange von einer ostdeutschen Stadt eingemeinden lassen, bis der Solidaritätszuschlag nicht mehr nur dem Osten unseres seit bald 30 Jahren wiedervereinigten Landes zugute kommt. Ansonsten dürfte nicht nur der Mülheimer Kämmerer bald so alt aussehen, wie der letzte Finanzminister der DDR und nicht nur beim Blick auf seine Haushaltszahlen rot sehen.

Dieser Text erschien am 23. Februar in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 22. Februar 2018

Ein Zeitsprung zwischen Leineweberstraße, Berliner Platz und Delle

Blick auf den Berliner Platz in der zweiten Hälfte der 1980er
Jahre (Foto: Walter Neuhoff)


Heute schauen wir mit einem Foto von Walter Neuhoff zurück in die zweite Hälfte der 1980er Jahre. Von der Ecke Friedrich-Ebert-Straße-Leineweberstraße blickte er damals auf den Berliner Platz, der angesichts des 1989 eingeweihten Sparkassen-Neubaus eine Großbaustelle war.

Neben der neuen Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse entstand auch ein neuer Wohn- und Büro-Komplex am Berliner Platz, in den unter anderem die Geschäftsstelle der Barmer Ersatzkasse und die Sparkassen-Immobilien-Tochter FDL einzog.

Nach dem Abriss des 1965 errichteten Neckermann-Kaufhauses hatte der Berliner Platz, dessen großflächiger Brunnen einst ein beliebter Jugend- und Familientreff war, über Jahre ein Schattendasein als Parkplatz gefristet.

Durch das Foto aus den späten 1980er Jahren fährt eine Nostalgie-Bahn, die bis heute unter anderem gerne für Betriebs- und andere Festfahrten genutzt wird. Die alte Tram erinnert an die Nachkriegsjahren, in denen die Mülheimer Straßenbahn fast 50 Millionen Fahrgäste pro Jahr beförderten, weil nur die wenigsten Mülheimer damals ein Auto hatten. Heute fahren jährlich etwa 27 Millionen Fahrgäste mit Mülheims Bussen und Bahnen.

Im Bildhintergrund erkennt man noch die Baumspitze der großen Kastanie, die heute auf einem Parkplatz an der Delle steht, wo bis 1971 die um 1880 errichtete Paulikirche stand. Das Gotteshaus war nicht nur bei den Besuchern der täglichen ökumenischen Andachten, sondern auch bei Hochzeitspaaren beliebt.

Der Plan die von der damaligen Evangelischen Altstadtgemeinde bereits aufgegebene Kirche durch eine spontane Besetzung in ein autonomes Jugendzentrum umzuwandeln, scheiterte. Stattdessen wurde das Gotteshaus im Oktober 1971 abgerissen. Die dort geplanten Neubauten entstanden nie. Stattdessen wird dort heute des Deutschen liebstes Kind geparkt.

Dieser Text erschien am 13. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 21. Februar 2018

Ein winterlicher Zeitsprung an der Ruhr mit Blick auf den Kahlenberg

Eisschollen auf der Ruhr im Winter 1907/1908
Ein Foto aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
Immer wieder schön, der Blick von den Saarner Ruhrauen auf den Kahlenberg, heute einmal mit Eisschollen auf der Ruhr und einmal im Sonnenschein.Die historische Aufnahme aus dem Stadtarchiv zeigt die auf 14 Kilometern durch die Stadt fließende Ruhr und den Kahlenberg im Winter 1907/1908. Das Gebäude, das wir am Horizont sehen wurde 1890 als Kahleberg-Restaurant eröffnet. Ab 1952 diente es der Stadt als Jugendherberge. Heute befindet sich dort ein privates und exklusives Wohnquartier mit Ruhrblick.

Damals war Mülheim auf dem Weg zur Großstadt. Im April 1908 sollte der 100.000. Mülheimer das Licht der Welt erblicken. Eisschollen auf der Ruhr waren anno dazumal nichts ungewöhnliches. Wie man in der Lokalpresse nachlesen kann, war die Ruhr auch in den Wintern 1953/54, 1962/63 und 1984/85 zum Teil oder gänzlich zugefroren, so dass die Mülheimer zu Fuß über die Ruhr gehen konnten.

Andere Mülheimer trauten sich auch mit Schlittschuhen oder mit ihren Fahrrädern aufs Ruhreis. Weil das nicht ungefährlich war, behielten Polizisten das winterliche Treiben auf der Ruhr im Blick.
In den extrem kalten Wintern gab es für Mülheimer Schüler auch schon mal kältefrei, vor allem dann, wenn der eisige Frost nicht nur Straßen und Schienen spiegelglatt machte, sondern hier und dort auch Wasser- und Heizungsrohre platzen ließ.

Im Januar 1985 berichtete die NRZ unter anderem darüber, dass die Heizungen im Rathaus zugefroren seien. Und der damalige Oberstadtdirektor Heinz Hager gab bekannt, dass die Stadt 400 000 Mark, das wären heute etwa 200 000 Euro investieren müsse, um die Straßen mit Hilfe von 900 Tonnen Salz und Granulat wieder befahrbar und begehbar zu machen. 80 städtische Mitarbeiter mussten damals insgesamt 13 000 Arbeitsstunden für den Winter- und Räumdienst leisten.

Dieser Text erschien am 19. Februar 2008 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 20. Februar 2018

Wenn Schüler uns was lehren

Wer hätte gedacht, dass es so vergnüglich sein kann, zur Schule zu gehen und das am Wochenende.

Die Musicalaufführung der Saarner Gesamtschüler machte es möglich. Mit Spielfreude, Herzblut, Souveränität und Professionalität brachten sie „Den kleinen Horrorladen“ auf die Bühne
und ihr Publikum zum Lachen.

Die Geschichte, die sie in Szene setzten, war
buchstäblich furchtbar komisch.
Der unscheinbare und schüchterne
Angestellte eines Blumenladens wird über Nacht
zum Star und dann zum Opfer seines
eigenen Erfolges, weil die von
ihm gezüchtete fleischfressende
Pflanze nicht nur Fleisch und Fliegen
zum fressen gerne hat und immer
„mehr, mehr“ haben will, so dass sie am Ende sogar ihren eigenen Schöpfer mit Haut und Haaren
verschlingt.

Und die Moral von der Geschicht: Wer immer mehr haben will, ist nicht ganz dicht und am
Ende ein ganz armer Wicht. Man sieht: Schülern, zumal so kreative, wie an der Gesamtschule
Saarn lernen nicht nur fürs Leben.
Sie können uns alle auch fürs Leben lehren, weil man ja nie auslernt.


Dieser Text erschien am 19. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 19. Februar 2018

Kleine Bühne machte großen Spaß: So unterhaltsam und lebensklug kann das literarische Kabarett sein. Das Ensemble um Volkmar Spira glänzte am Wochenende bei gleich drei Premieren

Gustav an Huef und Justus Cohen auf der Kleinen Bühne
Foto: Walter Schernstein
Intelligente Unterhaltung, die Spaß macht. Das gibt es, zum Beispiel bei der Premiere der Kleinen Bühne, die am Wochenende im Petrikirchenhaus und im Studio 1 über die Bühne ging. Der Titel des 18. Programms „Alles Theater – Spaß und Spötter“, mit dem das Ensemble um Volkmar Spira sein zehnjähriges Bestehen feierte, war Programm. Schon das Ambiente der Aufführungsorte sorgte für Kabarett- und Salon-Atmosphäre. Die überspringende Spiel- und Sprachfreunde der reifen Wortkünstler und der sie begleitenden Musikerinnen Petra Stahringer (Klavier), Bärbel Bucke (Akkordeon) und Ulrike Dommer (Bratsche und Percussion) machten den Abend rund.

Es wäre unmöglich und unangemessen auch nur einen der Darsteller und Rezitatoren hervorzuheben. Christa Böhler, Ursula Bönte, Justus Cohen, Monika Gruber, Günter Johann, Gustav an Huef, Linda Oerter und der hinter den Kulissen wirkende Bühnentechniker und Geräusche-Macher Joachim Oberpeilsteiner lieferten eine überzeugende Mannschaftsleistung ab.
100 Programmminuten vergingen wie im Flug und ohne Durststrecken, weil man den Ensemblemitgliedern die Freude an den gut akzentuiert und schwungvoll vorgetragenen Texten anmerkte. Das ließ den Funken auf das ebenfalls reife Publikum überspringen, so dass sich die Kleine Bühne der großen Lacher und des großen Beifalls ihrer Zuschauer und Zuhörer sicher sein durfte.

Und wie schon bei den vorangegangenen literarisch-kabarettistischen Abenden entließen die Damen und Herrn der Kleine Bühne ihr Publikum lebensklüger, als es gekommen war. 
Denn wer könnte und wollte etwa Rolf Rolfs Einsicht in die Gerüchteküche: „Die Leute glauben die Hälfte und erzählen das Doppelte weiter“, Wener Fincks Bekenntnis: „Die schwierigste Turnübung ist immer noch, sich selbst auf den Arm zu nehmen“ oder Mark Twains Erkenntnis widersprechen: „Die Liebe auf den ersten Blick ist eine weit verbreitete Augenkrankheit. Und die Ehe ist oft, wie eine Burg. Die, die in ihr sind, wollen raus. Und die, die draußen sind, wollen rein.“

Und wer hätte nicht auch schon den Spontispruch; „Paulus schrieb an die Irokesen: Euch schreib ich nicht, lernt erst mal lesen“ bei irgendeiner Gelegenheit im Munde geführt, ohne zu wissen, dass er aus Robert Gernhardt Feder stammt.

Dieser Text erschien am 19. Februar 2018 in NRZ & WAZ

Sonntag, 18. Februar 2018

Überzeugende Premiere am Raffelberg: Authentisch und emotional inszenierte das Junge Theater an der Ruhr Kleists „Die Marquise von O“

Rupert Seidl und Thomas Schweibeeer
in Kleists  "Die Marquise von O"
Foto: Theater an der Ruhr
Was hat uns Heinrich von Kleist mit seiner „Marquise von O“ heute noch zu sagen? Eine Menge. Das  zeigte jetzt die Premiere im Jungen Theater an der Ruhr. Esther Hattenbach (Regie) und Sven Schlötcke (Dramaturgie) machten die Bühne zum Laufsteg. Die Schauspieler traten zum Teil aus dem Publikum heraus auf die Bühne.

Trotz eines minimalistischen Bühnenbildes, das letztlich nur aus einigen Stühlen bestand, sorgten Joanna Kitzi, Gabriella Weber, Nico Ehrenteit, Oliver Kerstan, Thomas Schweiberer und Rupert Seidl mit ihrer überzeugenden Schauspielkunst für eine Emotionalität und eine packende Atmosphäre, der man sich als Zuschauer nicht entziehen konnte und wollte. Der Applaus und die Bravo-Rufe zum guten Schluss waren der konsequente Lohn für den leidenschaftlichen Einsatz auf der Bühne.

Dass die Schauspieler mit ihren Charakteren so authentisch rüberkamen und deren Zerrissenheit zu spüren war, hatte auch mit der gut eingestellten Ton- und Lichttechnik zu tun. Scheinwerfer und Standmikrofone entlang des Bühnenstegs sorgten dafür, dass alle Zuschauer alles und jeden zu jedem Zeitpunkt sehen und hören konnten. Dem Ton- und Lichtteam aus Franz-Josef Dumcius, Gerd Posny, Frederik Loef, Jochen Jahnke und Fritz Dumcius sei Dank.
 Auch die musikalische Begleitung durch Oliver Kerstan zeigte sich als dramaturgischer Gewinn, der die emotionalen Wellenbewegungen der Inszenierung untermalte.

Was das Stück und seine Inszenierung zeitlos aktuell und sehenswert machen, ist die gelungene Darstellung der menschlichen und moralischen Zerrissenheit zwischen dem, was Menschen tatsächlich sind und brauchen und dem, was sie nach außen als Teil der Gesellschaft sein wollen.
Diesem Dilemma zwischen dem sozialen Anspruch und der daraus resultierenden Rolle und den urmenschlichen Sehnsüchten und Bedürfnissen sind wir heute genauso ausgesetzt, wie zu Kleists Zeiten.

Dieser Text erschien am 17. Februar 2018 in NRZ & WAZ

Samstag, 17. Februar 2018

Das nennt man wohl Kapitalismus

Das gestern Aschermittwoch war wusste ich. Das der Aschermittwoch und der Valentinstag 2018 auf einen Tag fallen, war mir aber entfallen- So staunte ich in einem Blumengeschäft über das Meer von roten und teuren Rosen. Der Preisgestaltung schien mir wie die Verkehrung eines Werbespruchs: „Kaufen Sie ein Rose und zahlen Sie einen ganzen Strauß.“  Meines Wissens mussten die Brautpaare, die der Bischof Valentin von Terni im  dritten Jahrhundert gegen das ausdrückliche Verbot des römischen Kaisers nach christlichem Ritus vermählte, für die Blumen, die er ihnen nach der Trauung in seinem Garten pflückte, nichts bezahlen. Sie waren sein Hochzeitsgeschenk an die Liebenden. Der heilige Blumenfreund war eben Priester und kein Geschäftsmann. Auch der Klingelbeutel und die Kirchensteuer waren ihm unbekannt. Statt dessen musste er seinen Ungehorsam gegen das kaiserliche Hochzeitsverbot mit dem Leben bezahlen.

Und aus dieser Tragödie macht die Blumen-Branche im Namen der unbezahlbaren Liebe heute ein gutes Geschäft. Heiliger Valentin, vergib ihnen. Aber es ist eben nicht jeder zum Märtyrer geboren und wir können alle nicht von Luft und Liebe leben. Leider.

Dieser Text erschien am 18. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 16. Februar 2018

Gegen den Muff von 1000 Jahren: 1968 rebellierte auch die Mülheimer Jugend gegen die erstarrten gesellschaftlichen Strukturen - Zeitzeuge Hans Georg Hötger erinnert sich

Hans Georg Hötger bei einer seiner Stadtführungen
50 Jahre ist es her, dass auch an der Ruhr die Jugend „gegen den Muff von 1000 Jahren“ rebellierte. Stadtrat Hans-Georg Hötger, heute beim Bürgerlichen Aufbruch aktiv, erinnert sich noch gut an die Zeit des gesellschaftspolitischen Umbruchs- und Aufbruchs.
„Ich habe damals 27-jährig an der noch neuen Ruhr-Universität in Bochum Geschichte, Germanistik und Soziologie studiert und neben dem Studium als Jungsozialist den SPD-Ortsverein Holthausen aufgemischt“, erinnert sich Hötger an seine Sturm- und Drang-Zeit.

„Mit Ihren langen Haaren kommen Sie nie in den Stadtrat“, sagte ihm damals sein Parteigenosse Hans Meinolf und irrte. Hötger sollte für die SPD in den Stadtrat einziehen und später mit seinen ratsinternen Informationen auch das alternative Stadtmagazin Freie Presse füttern.
Heute unvorstellbar, besetzten damals Jugendliche die zentrale  Innenstadt-Kreuzung, um gegen geplante Fahrpreiserhöhungen für Bus und Bahn zu protestieren. Und wenige Jahre später besetzten sie die zum Abriss freigegebene Paulikirche an der Delle, um ihren Abriss zu verhindern und stattdessen dort ein autonomes Jugendzentrum einzurichten.

Auch wenn die Kirche von der Polizei geräumt und im Oktober 1971 doch abgerissen wurde, zeigte die Aktion, dass die damals junge Generation nicht mehr alles unhinterfragt schlucken wollte, was ihr von der staatlichen, kirchlichen oder politischen Obrigkeit vorgesetzt wurde.

„Der damalige SPD-Vorsitzende und Bundeskanzler Willy Brandt war für mich ein Hoffnungsträger, weil er als ehemaliger Widerstandskämpfer für das bessere Deutschland stand und mehr Demokratie wagen wollte“, erinnert sich Hötger, der bis zu seiner Pensionierung an einer Oberhausener Schule Geschichte und Deutsch unterrichtet hat. Die Gründung von neuen Hoch- und Gesamtschulen sowie die Reform der Ausbildungsförderung, die vielen Arbeiterkindern Abitur und Studium ermöglichten, bleiben für Hötger ebenso Folgen des politischen Aufbruchs von 1968, wie die selbstverständliche Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Lebensbereichen und die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe und Lebensstile. „Die 68er haben unsere Gesellschaft farbiger und freier gemacht“, sagt Hötger. Auch die Gründung von Bürgerinitiativen, die sich basisdemokratisch für Bürgerbelange stark machen, sieht Hötger als eine positive Folge „des Demokratisierungsschubes, den die 68er unserer Gesellschaft gebracht haben.“ Dass er Ende der 70er Jahre zum Mitgründer der Grünen und Ende der 90er Jahre zum Mitbegründer der Mülheimer Bürgerinitiativen MBI wurde und sich heute im Bürgerlichen Aufbruch engagiert, sieht Hötger als seinen konsequenten Marsch durch die Institutionen.

„Ich finde es schade, dass sich heute viele Jugendliche mehr für ihr Smartphone als für unsere Demokratie interessieren, die auch heute wieder einen Reformschub, wie 1968 gut gebrauchen könnte“ , sagt der Alt-68er. Die Direktwahl des Bundespräsidenten, Bürgerbegehren und Bürgerentscheide auf allen staatlichen Ebenen oder ein breiter gesellschaftspolitischer Diskurs über die kulturelle Identität unseres inzwischen multikulturell gewordenen Landes und die inhaltliche und demokratische Gestaltung unserer Massenmedien wären aus Hötgers Sicht Grund genug politisch aktiv zu werden und die Wahlbeteiligungn wieder steigen zu lassen. 

Dieser Text erschien am 16. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 15. Februar 2018

Bloß nicht in Sack und Asche gehen

Nein. Es ist nicht alles vorbei am Aschermittwoch, auch wenn uns das ein Karnevalsschlager weismachen will. Gut der Hoppeditz ist beerdigt und die Tollitäten mussten abdanken. Aber machen wir uns nichts vor. Nach dem Aschermittwoch ist ja im Grunde schon wieder vor dem Elften im Elften. Eines ist gewiss. Die Narretei geht weiter, auch wenn der Karneval vorbei ist. Also feiern wir weiter das Leben und gehen nicht in Sack und Asche, auch wenn uns der Aschermittwoch zurecht daran erinnert, dass unser Leib dereinst zur Asche wird. Das sollte unsere unsterbliche Seele aber nicht betrüben und uns auch zwischen Aschermittwoch und dem 11.11. nicht daran hindern, uns des Lebens zu freuen.

Denn es gibt immer wieder Lichtblicke. Einer davon begegnete mir gestern an der Schloßstraße, wo ein italienische Eiscafé nach seiner Winterpause wieder eröffnet hat. Wenn dieser Hauch von Bella Italia kein Grund ist, um schon mal in ersten Frühlingsgefühlen zu schwelgen. Jetzt kommen Sie mir bloß nicht damit, dass heute die Fastenzeit beginnt. Als rheinisch-römisch-katholischer Christ weiß ich: Der nächste Sonntag kommt schon bald und mit ihm die Auszeit von der Fastenzeit. Also haben wir keinen Grund, uns zu grämen, ob mit oder ohne Eis mit Sahne.

Dieser Text erschien am 14. Februar 2018 in der Neuen Rihr Zeitung

Mittwoch, 14. Februar 2018

Ein Zeitsprung an der Ruhr: Ein Rückblick auf die Friedrich-Wilhelms-Hütte


Ein Blick auf die Friedrich Wilhelms Hütte im Januar 1940.
Ein Foto aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
Mit einer Aufnahme aus dem Stadtarchiv springen wir heute zurück in den Kriegswinter 1940 Man sieht die 1811 von Johann Dinnendahl gegründete und seit 2001 zum Unternehmensverbund der Georgsmarienhütte Holding gehörende Friedrich-Wilhelms-Hütte (FWH). Die FWH war ab 1933 Teil der Deutschen Eisenwerke AG. In der zuletzt kriselnden Hütte werden Stahl- und Eisenguss-Produkte hergestellt.

Ab 1939 ist sie ein kiegsrelevanter Rüstungsbetrieb und beschäftigt während des Zweiten Weltkrieges unter anderem verschleppte Zwangsarbeiter aus der damals zur Sowjetunion Stalins gehörenden Ukraine. 60 Jahre danach besuchen einige der ehemaligen Zwangsarbeiter den Ort ihrer Ausbeutung und ihrer Pein. Beim Wiedersehen in der Friedrich-Wilhelms-Hütte sind die ehemaligen Zwangsarbeiter ohne Groll und lassen sich von der Mülheimer Historikerin Barbara Kaufhold bereitwillig als Zeitzeugen interviewen. Dabei sprechen sie unter anderem über die 1903 geborene Mülheimer Dolmetscherin Eleonore Helbach, die ihnen zwischen 1942 und 1945 in ihrer Not menschlichen Beistand geleistet hat und ihnen deshalb als „Russenengel“ in bester Erinnerung geblieben ist. Zusammen mit den Tagebuchaufzeichnungen der Eleonore Helbach und erläuternden Erklärungen zum Zwangsarbeitersystem der Nationalsozialisten, gibt der Mülheimer Verlag an der Ruhr die Zeitzeugen-Interviews, die Barbara Kaufhold in der Friedrich-Wilhelms-Hütte geführt hat, 2003 als Buch heraus. Insgesamt haben während des Zweiten Weltkrieges 24 000 Zwangsarbeiter in Mülheimer Unternehmen gearbeitet. Sie waren in stadtweit 55 Lagern interniert.  

Dieser Text erschien am 12. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 13. Februar 2018

„Das macht ja richtig Spaß!“ Bewohner und Mitarbeiter aus dem Dorf der Theodor-Fliedner-Stiftung fuhren und gingen gestern bei der Röhrengarde Silber-Blau mit

Um kurz nach 14 Uhr ging es an der Kaiserstraße los.
Foto: Claudia Krszuka
Für Katzenfrau Eva, Cowboy Gunar, Ritter Norbert, Clown Christian, Prinzessin Anna, die Löwenfrau Christina und die beiden Musketiere Justin und Dieter ist es ein besonderer Rosenmontagszug. Zum ersten Mal fahren sie auf einem Wagen mit und werfen Kamelle, statt nur am Straßenrand zu stehen und Kamelle zu fordern. Die Röhrengarde Silber-Blau und ihre Wagenbau Lothar Schott und Rüdiger Rute haben es möglich gemacht.

Begleitet werden die Bewohner aus dem Fliednerdorf vom Heilerziehungspfleger Timo Wäller, der als Hase mit an Bord ist und der Sozialarbeiter Andreas Hesse, der als Power-Flower-Mann mit Sonnenbrille den Jecken am Straßenrand in die Augen schaut und ihr Verlangen nach Süßem stillt.

Mit von der silber-blauen Zugpartie sind auch die Wohnbereichsleiter des Fliednerdorfes Friedhelm Tissen und Angela Eisch-Müller. Sie haben zusammen mit den Röhrerngardisten vom Ordnerteam den härtesten Job. Denn sie müssen die Augen während des knapp 100-minütgen Zugfahrt überall haben, damit keiner der kleinen und manchmal allzu risikofreudigen Kamellejäger unter die Räder kommt.

„Unser Streben ist Freude geben. Und wo kann man das besser, als beim Rosenmontagszug“, sagt Lothar Schwarze, während er den Turbo-Werfer Justin in seinem Eifer  bremst. „Es kommen noch ganz viele Jecken, die auch noch etwas fangen wollen“, rät er dem übermotivierten Musketier, der am liebsten schönen Frauen Kamelle zuwirft, zu einer behutsamen Wurfstrategie.
Seine Mitbewohner werfen da schon eher zurückhaltend. Manchmal stehen sie einen Moment an der Wagenbande und werfen gar nichts, sondern schauen nur staunend in die jubelnde und „Helau“ oder „Kamelle“ rufenden Massen.

„Das macht ja richtig Spaß“, findet Clown Christian. Und Katzenfrau Eva, die nicht nur gerne Kamelle wirft, sondern sich auch gerne bei ihrem Nebenmann einhakt, ist ganz begeistert, als sie in der Menschenmenge einige Familienangehörigen und eine Betreuer aus dem Fliednerdorf entdeckt. Prinzessin Anna kann ihr Rosenmontagsglück gar nicht fassen. Immer wieder klatscht sie in die Hände und lacht, ehe sie die nächsten Kamelle wirft.

„Ich hatte schon befürchtet, dass uns auf dem Wagen kalt werden könnte. Aber mir ist jetzt richtig warm“, meint Andreas Hesse nach einer Stunde Kamelle-Werfen. Er und sein im Hasenoverall bestens gewärmter Kollege Timo Wäller haben bereits am Samstag kräftig mit angepackt, um das von der Theodor-Fliedner-Stiftung eingekaufte Wurfgut zusammen mit den Röhrengardisten Lothar Schott und Rüdiger Rute in der Wagenbauhalle an der Hafenstraße aufzuladen.

Die närrische Viererbande ist sich einig: „Das müssen wir nächstes Jahr unbedingt wieder machen!“ Und die Bewohner an Bord sehen das genauso. Für die Rohrengarde, die seit 1992 die Karnevalsparty im Fliednerdorf ausrichtet, ist das jetzt kein Problem, weil sie nicht nur zwei Gesellschaftswagen, sondern auch einen neuen Musikzug hat. Der sorgt als Fußgruppe zwischen den beiden Wagen der Röhrengarde beim Rosenmontagszug für die karnevalistische Musikbegleitung.

Dieser Text erschien am 13. Februar 2018 in NRZ & WAZ


Nur nicht nachlassen

Sage noch einer: Politiker würden sich für ihre Mitbürger nicht ins Zeug legen. OB Ulrich Scholten und Stadtrat Peter Beitz traten gestern den Gegenbeweis an. Beim Prinzenempfang traten sie für die Karnevalisten und damit auch für alle Mülheimer, die am Rosenmontag am Straßenrand in der Stadtmitte auf Kamelle warten, kräftig in die Pedale. Damit erstrampelten sie  Bonbons, Schokoriegel, Plüschbären und manchen Leckerbissen mehr, den die Energie- und Wasserversorger Innogy und RWW den Jecken als Wurfgut spendieren. Das ist doch wirklich mal eine positive Nachricht, dass Kommunalpolitiker und Versorger dafür sorgen, dass die Mölmschen am Rosenmontag etwas zu beißen haben und, etwa in Form von Schokoriegeln und Streicheleinheiten, Marke Kuschelbär, einen Energieschub bekommen. 

Wer hätte das gedacht, das Volksvertreter und Versorger ausgerechnet in der närrischen Hochzeit ihren Auftrag, für das Wohl der Bürger zu sorgen, so ernst nehmen. Hoffentlich ist in dieser Hinsicht am Aschermittwoch nicht wieder alles vorbei. Doch ich befürchte: Die nächsten Rechnungen aus dem Rathaus und aus den Versorgungswerken kommen so sicher, wie der Ruf „Kamelle!“ beim Rosenmontagszug. 

Dieser Text erschien am 5. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Rosenmontagsansichten

Der Rosenmontag begann für mich mit einer Überraschung . „Tolles Kostüm!“, rief ich dem Mann im vermeintlichen Scheich-Kostüm zu. Doch als mich der ältere Herr etwas irritiert anschaute, merkte ich: Für den Mann arabischer Herkunft war seine Kleidung, mit der er durch die Innenstadt lief, keine Karnevalskostüm, sondern eine für ihn landesübliche Tracht, so als begegne man in Bayern Menschen in Dirndl und Lederhose. So etwas nennt man wohl kulturelle Identität und Vielfalt. Später, während des Rosenmontagszuges, sah ich in der Menschenmenge dann auch noch einige Männer im Scheichkostüm, die diese arabische Tracht tatsächlich als Karnevalskostüm trugen. Der Karneval zeigt uns also gerade an seinem höchsten Feiertag. Unsere kleine und große Welt ist bunt und jeder Jeck ist anders.

Nur auf die Ansicht schwarzer Gesichtsmasken, wie sie die IS-Terroristen in Syrien und im Irak oder in ihren Propaganda-Videos tragen, hätte ich bei diesem Rosenmontagszug gerne verzichtet. Da halte ich es dann doch lieber mit dem Zugwagen der KG Knatsch Gek 1950, auf dem gestern zu lesen war: „Egal, wie groß die Terrorspinne auch sei, wir sind beim Karneval dabei!“

Dieser Text erschien am 13. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 12. Februar 2018

Ein Fest für das Leben in der Stadt

Heute kommt er um 14 Uhr, der Rosenmontagszug, der seit 60 Jahren vom Hauptausschuss Groß-Mülheimer Karneval und seinen Gesellschaften auf die Straßen der Innenstadt gebracht wird. Die Karnevalsmuffel lachen, wenn sich kostümierte Mitmenschen in der Innenstadt tummeln und sie zu einem Art Disneyland machen. 

Die Karnevalsfans lachen auch und rufen „Uss Mölm Helau“ und fordern Kamelle. Und das Tollste ist: Sie bekommen, wonach sie verlangen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Es ist mehr als reine Narretei, dass 1500 aktive Karnevalisten durch ihre Mitarbeit und ihre Spenden einen bunten Zug durch die Straßen der oft gescholtenen und an vielen Stellen notleidenden Innenstadt schicken und dabei Kamelle und  gute Laune unter die 10 000de von Jecken bringen, die hier vor Ort buchstäblich die Wirtschaft ankurbeln.

Das ist mehr, als manche hauptamtliche Strategen bewerkstelligen, die uns blühende Landschaften versprechen, aber Leerstände und Schlaglöcher bescheren. Immerhin macht ein Rosenmontagszug die Stadtmitte für einige Stunden bunter und lebendiger. Damit muss es nach Aschermittwoch nicht vorbei sein. Froher Sinn und  Tatkraft schaden nie.

Dieser Text erschien am 12. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 11. Februar 2018

Finale Furioso beim blau-weißen Saal-Karneval im Altenhof

Präsident Thomas Straßmann, Ehrenpräsident Klaus Vieten
und Geschäftsführer Herbert Hövelmann verliehen dem
langjährigen Wagenbauer Udo Bohnenkamp (2.v.r)
im Rahmen der 71, Prunksitzung den Verdienstorden
der KG Blau Weiss 1947 KF
Am Samstag hatten die Jecken die Qual der Wahl. Denn die Mölmschen Houltköpp, die MüKaGe und die Kirchengemeinden Engelbert und Mariae Rosenkranz luden zeitgleich mit der aus der Kolpingsfamilie erwachsenen KG Blau Weiß zu ihren Prunksitzungen.

Allein 380 Gäste kamen zur 71. Prunksitzung der Blau-Weißen in den Altenhof. Die Kostümdichte der stimmungsgeladenen und feierwilligen Jecken lag bei gefühlten 100 Prozent. Und das Wort Sitzung nahmen die meisten Piraten, Cowboys, Polizisten, Indianer, Sträflinge, Engel- und Teufelsweiber nicht wörtlich. Da wurde zwischen den eng gestellten Tischreihen geschunkelt und geklatscht, was das Zeug hielt. Nicht nur die Akteure im Scheinwerferlicht, auch das Catering-Team aus dem Ratskeller kam in der Narrenhochburg ins Schwitzen.

Ja, so ist das, zumal in einer kurzen Session. Wenn es am schönsten ist, muss man auch schon wieder aufhören. Bei ihrem Heimspiel im Finale des Saalkarnevals liefen Prinz Jürgen, Prinzessin Janine und  ihre Paginnen Karina und Jennifer bei ihrer Tanzshow „We are Family“ zur Höchstform auf. „Ich jedem empfehlen, es auch mal zu probieren. Was man dabei an Emotionen erlebt und wie man unterstützt und getragen wird, ist einfach unglaublich und großartig“, machte Prinzessin Janine potenziellen Tollitäten im Publikum Mut.

Nicht nur die Tollitäten, sondern auch die Karnevals-Hit-Maschinen der BPM-Band und des singenden Präsidenten Thomas Straßmann, der unter anderem: „So ein Tag, so wunderschön, wie heute“ anstimmte, hatten ebenso wie die Show- und Tanzgarden der BlauWeißen ein Heimspiel mit ganz vielen Zugaben. Emotional wurde es, als sich Blau-Weiß-Solo-Tanzmariechen Michelle Jakobs nach 13 Bühnen-Jahren mit ihrem letzten Tanzauftritt von ihrem Publikum verabschiedete und anschließend von einer Video-Laudatio mit ganz vielen bekannten Gesichtern aus den Reihen der Bürgerschaft und des Karnevals überrascht und zu Tränen gerührt wurde.

Die Lacher und den Applaus des Publikums hatten an diesem Abend nicht nur die männlichen Tanzbienen, sondern auch der Bauchredner Michael aus Münster und die Büttenrednerin Anne Vogd aus Aachen auf ihrer Seite. O-Ton Anne Vogd: „Nur weil mein lieber Mann das möchte, lasse ich mir doch nicht meinen Busen vergrößern. Dann soll er sich doch lieber seine Hände verkleinern lassen.“ O-Ton Michael & Elvira: „Eine Frau braucht einen Nerz für den Winter, einen Jaguar für die Straße und einen Esel, der das alles bezahlt.“

Dieser Text erschien am 12. Februar 2018 in NRZ und WAZ

Der Rollenwechsel will gekonnt sein

Politiker wechseln gerne mal die Rollen. Man sah es am Donnerstag beim Rathaussturm der närrischen Weiber, als Oberbürgermeister Ulrich Scholten als Tanzmariechen eine gute Figur machte. Was tut Man(n) nicht alles, um Frauen zu gefallen. Vielleicht hat den OB der närrische Rollenwechsel auch deshalb gereizt, weil er als Tanzmariechen absolut konsensfähig ist. Wer hat schon was gegen Tanzmariechen? Auch, wenn Sen nicht so grazil wie seine Kolleginnen auftreten kann, hat er doch als das etwas andere Tanzmariechen in diesen Tollen Tagen, da auch andere kostümierte Zeitgenossen gerne in andere Rollen schlüpfen, nicht nur die Lacher, sondern auch die Sympathien auf seiner Seite.

Das kann derzeit nicht jeder Politiker von sich behaupten, obwohl oder gerade, weil er sich zum Narren macht und die  politische Bühne in Berlin wie ein Tollhaus aussehen lässt.
Der Rheinländer Martin Schulz, der sich bei seine Salto vorwärts ins Auswärtige Amt und rückwärts ins politische Abseits das politische Genick gebrochen hat, hätte es besser wissen müssen. Beim Rollenwechsel muss nicht nur das Kostüm, sondern auch der Zeitpunkt zum Mann passen.

Dieser Text erschien am 10. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 10. Februar 2018

In Memoriam: Ernst Rasche 1926 - 2018

Ernst Rasche 2016 in seinem Atelier
Der Bildhauer Ernst Rasche ist tot. Der Ruhrpreisträger des Jahres 1962 und Mitgründer der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Künstler und des Mülheimer Kunstvereins ist am 4. Februar im Alter von 91 Jahren gestorben. Als Mensch und Künstler schöpfte Rasche aus der Kraftquelle seines christlichen Glaubens. Er war eine beeindruckende und inspirierende Persönlichkeit, die weit über den Tellerrand der Kunst hinaus dachte. Sein Künstlerfreund Heiner Schmitz, der ihn noch vor wenigen Monaten besuchte, war von Rasches geistiger Vitalität tief beeindruckt. Nach dem Rasche bereits 2016 vom Duisburger Lehmbruck-Museum mit einer Werkschau und einem zweibändigen Katalog gewürdigt worden war, will sich Schmitz jetzt für eine posthume Werkschau im städtischen Kunstmuseum Alte Post einsetzen, 

Nicht nur die Altarräume der katholischen Stadtkirche St. Mariae Geburt und der evangelischen Petrikirche tragen seine Handschrift. Das Mahnmal auf dem Jüdischen Friedhof kam ebenso aus seiner Werkstatt, wie die in den 1970er und 1980er Jahren aufgestellten Brunnenlandschaften am Rathaus und auf der Schloßstraße oder der 1991 im Innenhof von Kloster Saarn aufgestellte Marienbrunnen. Auch jenseits der Stadtgrenzen konnte Rasche in den kirchlichen und öffentlichen Räumen von bundesweit 140 Städten Akzente setzen. Am 24. November 1926 geboren, engagierte er sich in der von den Nazis verbotenen katholischen Jugend von St. Mariae Geburt. Als Kriegsteilnehmer überlebte er die sowjetische Kriegsgefangenschaft. Beruflich  trat er als Bildhauer nach seiner 1947 begonnen Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf in die Fußstapfen seines Vaters und fand mit seiner Frau, der Goldschmiedin Elisabeth eine kongeniale Lebenspartnerin. Das Ehepaar Rasche schenkte zwei Söhnen das Leben, die als Architekten und Bühnenbildner, wie ihre Eltern, kreativ gestaltende Berufe ergriffen haben.

„Ich lebe gerne in meiner Heimatstadt, auch wenn hier manchmal etwas mehr los sein könnte. Das ist eine Durststrecke, die wir überstehen müssen. Wir brauchen visionäre Ideen und Entscheidungen, damit sich die Stadt weiter entwickeln kann“, sagte Rasche 2011 im Interview mit der Mülheimer Lokalpresse.




Freitag, 9. Februar 2018

Karneval für Kind und Kegel: Eindrücke vom Volksfest der Röhrengarde und von der Kinderprinzenproklamation

We are family. Wir sind eine Familie“, heißt es in der Tanzshow, die die großen und die kleinen Tollitäten am Wochenende beim Volksfest der Röhrengarde und bei der Kinderprinzenproklamation auf die Bühne zauberten.

Das passte. Denn bei beiden Karnevalsveranstaltungen in der Aula der Realschule Stadtmitte und im Autohaus Extra konnte man an den vielen kleinen und großen Karnevalisten, die auf und hinter der Bühne aktiv waren, miterleben, dass der mölmsche Karneval eine große Familie ist, in der jeder mit anfasst und sein Talent einbringt, ob als Tanzmariechen in der Garde, als Trommler oder Trompeter im Musikzug, als Schlumpf oder Cowgirl in der Showtanztruppe, als Ton- und Lichttechniker oder auch als tatkräftiger Teil des Cateringteams. „Jeder weiß, was er zu tun hat, und die Leute haben Spaß“, freute sich am Samstagabend Röhrengardistin Margot Jansen, die auch hauptberuflich im Catering arbeitet.

Alle machten mit
„Ich finde es toll, dass die familiäre Tradition im Karneval gepflegt wird und hier Leute aus ganz unterschiedlichen Richtungen zusammen kommen“, betonte IT-Techniker Sven Korsten, der den Musikzug der Röhrengarde anführte und auch seinen dreijährigen Sohn Fynn als Trommler im Schlepptau hatte. Mitschleppen ließ sich auch Realschulrektorin Sabine Dilbat: „Unser Hausmeister Michael Cramer, der bei der Röhrengarde aktiv ist, hat mich eingeladen. Und nach vielen Jahren des Karnevalsentzugs staune ich darüber, was die Karnevalisten auf die Beine stellen“, sagte die närrische Novizin.

„Das ist gelebte Inklusion. Und wir sind mittendrin. Das motiviert und macht Freude“, resümierten Friedhelm Tissen, Daniela Bongers und Andreas Hesse, die mit vier weiteren Kollegen aus dem Fliednerdorf 40 Dorfbewohner mit Handicap, aber viel guter Laune zum karnevalistischen Volksfest der Silber-Blauen begleiteten. Zwei von ihnen, Dustin und Eva, waren besonders eifrig beim Schunkeln Tanzen mit von der Partie und motivierten auch ihre Nebenleute zum Mitmachen.

„Karneval statt Mathe“
Zum Mitmachen motivierten auch die neuen Kindertollitäten Nico I., Sarina I., Pagin Nancy und Page Simon die kleinen und großen Jecken, die zu ihrer Prinzenproklamation ins Autohaus Extra gekommen waren. Mit einem Auftritt, den nicht nur Oberbürgermeister Ulrich Scholten als „grandios“ empfand, machten die kleinen Tollitäten deutlich, dass sie ein großes Potenzial haben, um ihr Versprechen: „Wir wollen Spaß und gute Laune in die Säle bringen“ wahr zu machen. Wenn es nach den Kindertollitäten geht, soll das Schulfach Mathematik durch Karneval ersetzt werden. OB Scholten muss auf dem Rathaus-Balkon den Karnevalsschlager „Echte Fründe“ schmettern. Und auch die Eltern sind angehalten, mit ihren Kindern Karnevalslieder zu üben, „damit beim Rosenmontagszug auch alle mitsingen und die Stimmung steigern können“.


Dieser Text erschien am 8. Januar 2018 in NRZ & WAZ

Was reife Jecken begeistert: Eindrücke von der Seniorensitzung Lachende Herzen

Auch wenn diesmal einige Plätze im Theatersaal der Stadthalle frei blieben, bleibt es dabei: Die Seniorensitzung ist für die Karnevalisten, was die Westkurve auf Schalke für die Fußballer. 1000 Senioren gehen mit, klatschen, schunkeln und sie können auch mit singen. Das weiß Oberbürgermeister Ulrich Scholten sehr zu schätzen. Unter der Narrenkappe löst er vor den reifen Jecken das Versprechen ein, das er den Tollitäten geben musste. Mit musikalischer Rückendeckung der Ein-Mann-Kapelle Horst Herrmann singt er den Karnevals-Klassiker „Echte Fründe stonn zusammen!“ Und weil’s so schön war, gibt er dem Publikumsverlangen nach: Zugabe mit „O, mein Papa!“

Auch die schrecklich schöne Liselotte Lotterlappen, die sich bei genauerem Hinsehen als echter Kerl, namens Joachim Jung erweist, kommt nicht ohne Zugabe von der Bühne. Und das, obwohl der Mann, der als Frau auftritt, nicht nur singt: „Theater, Theater. Der Vorhang geht auf“, sondern auch kräftig austeilt. Erst muss das Publikum daran glauben: „Sind Sie jetzt auch in dem selben Alter wie ich, in dem Happy und Birthday getrennte Wege gehen?“ Oder: „Geht es Ihnen auch so wie mir. Jetzt gehe ich mit meinem Mann schon seit 20 Jahren auf Trödelmärkte, aber ich werde ihn einfach nicht mehr los!“ Die Lacher hatte die lästernde Liselotte auch auf ihrer Seite, als sie dem Publikum für einen Moment den Rücken zukehrte und sich über den närrischen Adel der Ruhrstadt hermachte, der es sich auf der Bühne hinter dem Sitzungspräsidenten Heino Passmann gemütlich gemacht hatte. O-Ton Liselotte: „Hier sitzen ja einige Leute, die stehen bestimmt schon unter Denkmalschutz.“

Gut Lachen hatte an diesem Nachmittag auch Sitzungspräsident Heino Passmann. Denn der frisch gekürte Ritter vom schiefen Turm bekam die höchste Auszeichnung des Bundes Ruhrkarneval, den Schwarzen Diamanten.

„Da werde ich doch etwas wackelig auf den Beinen. Hoffentlich kann ich gleich noch weiter moderieren“, gab sich Ex-Prinz Heino Passmann kleinlaut. Aber er moderierte natürlich problemlos weiter. Denn er ist eben ein lang gedienter ehrenamtlicher Karnevalsprofi.


Dieser Text erschien am 30. Januar 2018 in NRZ & WAZ

Donnerstag, 8. Februar 2018

Ansichten einer närrischen Regentin: Ein Gespräch mit der Mülheimer Stadtprinzessin Janine Müller

Stadtprinzessin Janine Müller mit ihrer Pagin
Karina Pütz beim Prinzenempfang
Ehe Stadtprinzessin Janine I. ab heute auf der närrischen Wolke 7 schwebt, gab die karnevalistische Frontfrau der Lokalredaktion ein ganz bodenständiges Interview.

Frohsinn ohne Frauen. Warum ist das unmöglich?

Was geht überhaupt ohne Frauen?

Karneval ohne das bunte Bild der Frauen, ohne die Emotionen wäre doch nur die Hälfte wert. Es gäbe nur Tanzmajore und Männergarden, und davon nicht wirklich viele. Gut, dass die Emanzipation auch im Karneval Einzug gehalten hat. In den Vereinen findet man inzwischen viele Frauen in führenden Positionen. Dies macht sich auch in den Veranstaltungsprogrammen positiv bemerkbar.

Worüber können Sie als Frau gar nicht lachen?

Über diejenigen, die den Karneval, oder die Öffentlichkeit generell, als Bühne für Belästigungen nutzen und über Witze, die auf Kosten von Minderheiten gemacht werden.

Sollten sich Frauen und Männer zum Narren machen?

Die Welt ist so schon ernst genug. Man sollte sich aus diesem Grund, nicht nur im Karneval zum Narren machen. Der Karneval macht es den Menschen einfacher, mit einem Kostüm in eine andere Rolle zu schlüpfen und dem Alltag zu entfliehen und auch anderen eine Freude zu bereiten. Menschen zum Lachen zu bringen, und auch über sich selber zu lachen. Im Karneval hat man die Gelegenheit, Narr unter Narren zu sein. Narren verbreiten Fröhlichkeit und sagen oft leicht verkleidete Wahrheiten. Narren nimmt man nicht alles so schnell übel.

Was würden Sie als Regentin durchsetzen, wenn Sie nicht nur die Narren, sondern auch die Macht auf Ihrer Seite hätten?

Der Straßenkarneval würde doppelt so lange gefeiert. Es gäbe viel mehr Feiertage, die uns Frauen und unsere Arbeit würdigen.
Intoleranz, Fremdenhass und Trübsinn würden verbannt. In Mülheim würde ich das Rathaus farbenfroher gestalten und nur Menschen mit guter Laune begrüßen. Es würde in Mülheim mindestens einen kostümierten Umzug im Sommer geben. Außerdem würde ich mich für die Belange unseres Nachwuchses einsetzen. Es gäbe wöchentliche Sprechstunden in Kitas und Schulen mit Kindern, Jugendlichen und Lehrern sowie Feste bei denen Jung- und Alt zusammen feiern und sich ergänzen, austauschen und einander helfen.

Muss Aschermittwoch denn wirklich alles vorbei sein?

Natürlich ist nicht alles vorbei. Der Titel der Prinzessin wird abgelegt. Ansonsten nimmt man viel aus der Fünften Jahreszeit mit, etwa den Spaß beim Feiern in der Gesellschaft netter Menschen sollte man auch im stressigen Alltag nicht aus den Augen verlieren. Ich hoffe, die Menschen erhalten sich die Fröhlichkeit und erinnern sich zurück an die unbeschwerte Zeit und freuen sich dann auf die neue Session.


Janine Müller ist 42 Jahre jung, Mitglied der Karnevalsgesellschaft Blau Weiß und Mutter von zwei Töchtern. Zusammen mit ihrem Ehemann Jörg für sie die an der Aktienstraße ansässige Firma Malwerk.

Nur keinen Ärger mit den Frauen

Was geht eigentlich ohne die Frauen? Das fragt Stadtprinzessin Janine Müller im Interview und meint diese Frage rhetorisch. Spätestens am heutigen Weiberfastnachtsdonnerstag, liebe Geschlechtsgenossen, dürfen wir Herrn der Schöpfung uns eingestehen. Ohne Frauen geht gar nichts. Selbst der stärkste Mann hätte ohne die erste Frau in seinem Leben, seine Mutter, gar nicht erst das Licht der Welt erblickt.

Auch das wir vom Knirps zum Mann hochgepäppelt worden sind, haben wir im Wesentlichen unseren Müttern zu verdanken. Bei Familienkrisen aller Art, vom Liebeskummer über die Fünf in Mathe bis zur Verwaltung der Haushaltskasse, ist es oft eben nicht das vermeintlich starke Geschlecht, das seinen Mann steht. Also seien wir Männer froh, dass wir sie haben, die Frauen. Denn ohne sie würde uns niemand sagen, was wir zu tun und zu lassen haben: „Bring den Müll runter! Räum dein Zimmer auf! Trink nicht so viel!“ Und auch wenn Sie Ihn manchmal damit nervt, dass Sie es mit Ihm „ja nur gut meint“, sollten wir Männer die Frauen gerade heute, so wie sie sind in den Arm und nicht auf den Arm nehmen und mit ihnen schunkeln und bützen. Denn der kluge Mann weiß: Nur keinen Ärger mit den Frauen.

Dieser Text erschien am 8. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 7. Februar 2018

Auf die Unterlage kommt es an

Was braucht man eigentlich für einen gelungenen Rosenmontagszug? Natürlich gute Laune, Gesellschafts- und Motivwagen, Kamelle hoch zehn, entsprechende Auffangtechniken und Behältnisse sowie Fuß- und Musikgruppen, Ordnungskräfte und Erst-Helfer, wenn aus dem Spaß doch mal unvermittelt Ernst werden sollte. Aber das ist eben nicht alles? 

Ja, was soll denn da noch kommen , außer den fleißigen Müllmännern von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft, die nach dem Rosenmontagszug den Rest vom Karnevalsfest von der Straße fegen müssen, was bestimmt nicht lustig oder gar vergnügungssteuerpflichtig ist. Ganz einfach: „Es ist noch Suppe da!“ Wir hörten es bereits im Karnevalsschlager. Und im Mülheimer Falle handelt es sich um Erbsensuppe, mit der die Helfervereinigung des Technischen Hilfswerks die 1000 aktiven Teilnehmer des Rosenmontagszuges mit Erbsensuppe vor dem Start der närrischen Karawane beköstigen wird. Darauf hat der Vorsitzende der THW-Helfervereinigung, Wolfgang Thommessen, gestern bei der Pressekonferenz zum Rosenmontagszug hingewiesen, bei der übrigens nicht nur Fakten, sondern auch Gebäck, Kaffee und Wasser serviert worden. Denn nicht nur für Narren und Journalisten gilt: Essen und Trinken hält Leib und Seele gesund. Frei nach Bert Brecht: Erst kommt das Fressen und dann der Frohsinn.

Dieser Text erschien am 7. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 6. Februar 2018

Spaß und Spötter auf der Kleinen Bühne des Backsteintheaters



Günter Johann auf der Kleinen Bühne
Foto: Walter Schernstein
Stadtmitte „Alles Theater - Spaß und Spötter!“ Das kann ja heiter werden und das soll es auch, wenn das 18. Programm der Kleinen Bühne des Mülheimer Backstein-Theaters am 16., 17. und 18. Februar gleich dreimal Premiere hat.
Wer sich ab dem 5. Februar an der Information des Evangelischen Krankenhauses ein Ticket für die eintrittsfreie Aufführung sichert, kann am 17. oder 18. Februar (jeweils um 19 Uhr) im Studio 1 an der Schulstraße 10 mit von der Kleinkunstpartie sein. Wer die Vorpremiere erleben möchte, die am 16. Februar um 19 Uhr im Petrikirchenhaus miterleben möchte, muss sich unter s 43 72 801 eine Karte vorbestellen.

Freuen dürfen sich die Zuhörer auf ein Literarisches Kabarett mit szenisch rezitierten und gespielten Spitzfindigkeit über Simples und Gereimtes, Gott und Glauberei, Spötteleien für Jung und Alt, Behutsamkeiten und das Eheglück.
Neben Klassikern, wie Joachim Ringelnatz, Christian Morgenstern und Robert Gernhardt, werden auch sprachliche Leckerbissen aus der Feder des Mülheimer Autoren und Journalisten Lars von der Gönna vorgetragen. Weil mit Musik alles, und deshalb auch kurze und kurzweilige Literatur besser geht, lässt sich das Ensemble der Kleinen Bühne musikalisch von Petra Stahringer, Bärbel Bucke, Ulrike Donner und Wolfgang Bruns mit Akkordeon, Bratsche, Klavier und Percussion begleiten. „Wir sind die musikalische Schmiere im 100-minütigen Programm“, sagt Petra Stahringer und verspricht einen leichtfüßigen und wohltuenden Mix aus „Der Haifisch, der hat Zähne“ über „Land of Hope and Glory“ bis zum Jazz-Walzer.

„Wir haben ein Faible für das Wort und die Sprache, dass wir gerne mit Rhythmus, Timing und Pointen in Szene setzen“, erklärt Regisseur Volkmar Spira , was die Mitglieder seit zehn Jahren und 200 Auftritten zusammenhält und immer wieder neu anfangen und weitermachen lässt.
„Ich stehe, spiele und spreche am liebsten im Duett auf der Bühne, weil man sich dabei so schön die Bälle zuspielen kann. Das macht unheimlich frei“, sagt Ensemble-Mitglied 

Justus Cohen, der als Pfarrer von Berufs wegen eine gewisse Bühnenerfahrung mit bringt. „Im Laufe der Jahre und Aufführungen haben wir natürlich auch an Bühnenpräsenz und Sprachgefühl gewonnen“, resümiert sein Bühnenkollege Günter Johann. Für seine Bühnen-Kollegin Monika Gruber „ist das sich Vertrautmachen und Interpretieren von Texten ein Elixier geistiger Frische.“ Dabei geben ihr der Einsatz von Bildern, Moderationskarten und Paravents auf der Bühne eine gewisse choreographische und dramaturgische Hilfestellung, ohne das Kopfkino der Zuhörer und Zuschauer zu stören.

Auch mit seinem neuen Programm wird das vom Requisiteur und Redakteur Joachim Oberpeilsteiner inszenierte Team der Kleinen Bühne nicht nur daheim, im Studio 1 an der Schulstraße 10, sondern auch an vielen Gastspielstätten, vom Altenheim bis zum Kulturzentrum auftreten. „Als Kleine Bühne sind wir ja flexibel und können auch zu den Menschen kommen“, freut sich Justus Cohen.

iWeitere Informationen zur Kleinen Bühne findet man auch im Internet unter: www.evkmh.de

Dieser Text erschien am 1. Februar 2018 in NRZ & WAZ

Montag, 5. Februar 2018

Der Oberbürgermeister vor einer närrischen Herausforderung

Als Kommunalpolitiker ist man froh, wenn man mal den Ton angeben kann. Doch Oberbürgermeister Ulrich Scholten sieht dem Vernehmen nach dem Weiberfastnachtsdonnerstag mit gemischten Gefühlen entgegen, soll er doch dann vor dem Rathaussturm der Möhnen den Karnevalsschlager: „Echte Freunde stehen zusammen!“ singen, weil die Tollitäten es so wollen.   Die Herausforderung ist für Scholten zweischneidig. Gerät sein Sängerauftritt auf dem Rathaus-Balkon zur grandiosen Show, bekommt er anschließend vielleicht den einen oder anderen Auftritt und vielleicht sogar einen Anruf aus einer der großen Musikstudios. Dann könnte er als singender OB die Stadtkassen klingeln lassen und den Namen Mülheim auf einen Schlag landesweit bekannt machen.

Wenn das keine Wirtschaftsförderung ist. Aber vielleicht hat Scholten ja auch Angst vor der eignen Courage und fürchtet, dass er den Ton nicht nur nicht angibt, sondern gar nicht erst trifft. Auch im Karneval möchte ein OB ja nicht als Witzfigur erscheinen. Aber keine Bange, Herr Scholten: Echte Freunde stehen zusammen und verzeihen auch mal einen schrägen Ton. So was ist ihnen vertraut. Und zur Not zündet die KG Wagaschei eben etwas früher ihre große Konfettikanone!

Dieser Text erschien am 6. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung


Der Identitätsentwickler: Christoph Wallrafen

Christoph Wallrafen
Der Wirtschaftswissenschaftler Christoph berät Unternehmer und Manager. Doch als Unternehemensberater möchte sich der 48-jährige Familienvater nicht bezeichnen. Er sieht sich als Identitätsentwickler. Jetzt ging der Absolvent einer Bonner Klosterschule für einen Abend ins Kloster Stiepel um dort über christliche Unternehmeridentität und Unternehmeridentität zu sprechen. Warum das? Was haben Kirche und Unternehmen gemeinsam, wenn es um Identität geht? "Viel!" sagt der in Düsseldorf lebende und arbeitende Identitätsentwickler.

Auch die katholische Kirche sieht der katholische Ökonom mit Messdienervergangenheit als ein Unternehmen, ein Unternehmen im Dienste der Menschen und ihres Seelenheils. "Wenn Unternehmer, Manager und ihre Unternehmen in eine Krise geraten und neue Impulse brauchen, um wieder Fahrt aufzunehmen, hat das oft mit einer Identitätskrise zu tun, weil sich die Unternehmensführung den Wurzeln und dem Gründergeist ihres Unternehmens entfremdet haben", weiß Wallrafen.

"Warum brauchen die Menschen unser Produkt? Und woran liegt es, dass unser Produkt bei den Kunden nicht oder nicht mehr so ankommt, wie wir es uns wünschen. Welche Innovation und welche innere Veränderung brauchen wir, um unsere Dienstleistung, um unser Produkt für unsere Kunden wieder wertvoll zu machen und sie so mit unserer Botschaft wieder zu erreichen?" In Gesprächen und Workshops mit seinen Auftraggebern aus der Wirtschaft sucht Wallrafen nach Antworten auf diese Fragen, die nicht selten zu Existenzfragen werden. Durchbruch oder Insolvenz. Neue Arbeitsplätze oder Entlassungen?  "Erfolgreiche Unternehmer und Manager wissen, dass der ökonomische Gewinn erst am Ende einer Entwicklung steht, die erst mit Überzeugung, Herzblut und Begeisterung in Gang gesetzt werden muss. Wenn Manager und Mitarbeiter aus welchen Gründen auch immer nicht mehr hinter ihrer Dienstleistung stehen, werden sie auch ihre Kunden nicht mehr davon überzeugen können", sagt Wirtschaftscoach, der übrigens auch Jugendliche auf ihrem Weg ins Berufsleben begleitet, dass dann aber ehrenamtlich und nur für eine gute soziale Tat der jungen Leute, die vor dem Coaching vereinbart wird.

Das Beispiel des gesellschaftspolitisch und sozial engagierten dm-Markt-Gründers Götz Werner, der unter anderem für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintritt, um Menschen außerhalb des ersten Arbeitsmarktes nicht abzustempeln, sondern zu aktivieren, ist für Wallrafen ein Beweis dafür, dass Unternehmer nur dann erfolgreich sein können, wenn sie ihrer Kernidee treu bleiben und ihre Identität in der Realität nicht aus kurzfristigen Profitinteressen aufgeben, weil sie, wie Götz Werner erkannt haben, "dass Mitarbeiter nicht Mittel zum Zweck, sondern selbst der Zweck des Unternehmens sind." Als negatives Gegenbeispiel führt Wallrafen den nicht nur wirtschaftlich gescheiterten Drogerie-Ketten-Besitzer Anton Schlecker ins Feld. Das Beispiel Schlecker zeigt für Wallrafen, dass Unternehmen, die nur profitorientiert sind, ohne ihre Mitarbeiter und Kunden mitzunehmen, auf Dauer wirtschaftlich nicht erfolgreich sein können.

Und was bedeutet das für die katholische Kirche? Was würde der rheinische Katholik Christoph Wallrafen Papst Franziskus oder den deutschen Bischöfen raten, wenn sie ihn als Coach für die Kirche engagieren würden? "Die katholische Kirche steck in einer monströsen Identitätskrise. Und ich glaube, dass Papst Franziskus das weiß und deshalb versucht, die Kirche aus dieser Krise herauszusteuern", sagt Wallrafen. In den Hierarchien und Dogmen der römisch-katholischen Kirche erkennt er die Frohe Botschaft des Jesus von Nazareth vom liebenden Gott, der sich wie ein Vater mit den Menschen auf Augenhöhe begibt und ihnen sagt: "Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!" nicht wieder.

Stattdessen erinnert ihn die schrumpfende, aber immer noch mächtige und reiche Kirche mit ihrer "theologischen Besserwisserei und ihren Finanz- und Strukturdiskussionen auf fatale Weise an die Statthalter des Römischen Reiches und an die Pharisäer, die Jeus bekämpft habe. Dabei verkennt er als aktives Mitglied seiner Düsseldorfer Pfarrgemeinde Himmelgeist nicht, dass es viele ehrenamtlich aktive Katholiken und Priester gibt, "die sehr authentisch die christliche Kernbotschaft der Liebe leben." Doch das ändert für ihn nichts daran, dass der Purpur der Bischöfe und Kardinäle nicht an Jesus von Nazareth, sondern an den Purpur der römischen Senatoren erinnert. Und das Schicksal des römischen Imperiums ist bekannt.

Wird es der katholischen Kirche auch so ergehen? Trotz akuten Krise ist Wallrafen optimistisch, "dass wir eine Erneuerung der Kirche erleben werden, wenn sie sich wieder auf ihren Kern, die Liebe, besinnt und so ihre Souveränität und Überzeugungskraft wieder erlangt." In der Krise sieht der Identitätsentwickler eine Chance, "wenn wir begreifen, dass die Kirche uns allen gehört und wir alle als einzigartige Geschöpfe Gottes auch einen göttlichen Funken in uns tragen, der uns frei macht von der Angst und uns zu einer heiteren Gelassenheit, auch im Angesicht aller Schwierigkeiten bringen kann."

Damit der Funke auch überspringt, muss sich die katholische Kirche nach Wallrafens Einschätzung von überkommenen Formen "der Liturgieklempnerei verabschieden und zeitgemäße Formate entwickeln, die Menschen dort erreichen, wo sie mit ihrer weiterhin vorhandenen Sehnsucht nach Spiritualität, Sinn und Orientierung stehen und warten. Gottesdienste, davon ist der katholische Christ, Wirtschaftswissenschafter, Identitätsentwickler und Familienmensch Christoph Wallrafen, müssen nicht hinter Kirchenmauern zelebriert werden, sie können auch im prallen Leben und mit einem christlich inspirierten Tagwerk oder mit einem achtsamen Waldspaziergang gefeiert werden.

Dieser Text erschien am 1. Februar 2018 in der Tagespost

Sonntag, 4. Februar 2018

Schule ohne Rassismus: Mit diesem Titel, der heute offiziell verliehen wird, verpflichtet sich die Realschule an der Mellinghofer Straße zu einem klaren Profil: Nachgefragt

Von Links: Justin Kortheuer, Christian Kamann und Mohamed Hamami.
Am 3. Februar 2018 wird im Rahmen des Tages der Offenen Tür an der Eingangstür der Realschule Mellinghofer  Straße das Schild mit dem Titel: „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ angebracht. Im Gespräch erläutern der für die Schülervertretung zuständige Lehrer Christian Kamann und die Schülervertreter Justin Kortheuer (16) und Mohamed Haimami (14), was es mit dem Projekt auf sich hat.

Wie kam es zu der Bewerbung um den vielversprechenden Titel?

Christian Kamann: Das Eintreten gegen Rassismus und für Zivilcourage sind unserer Schulgemeinschaft wichtig. 90 Prozent der Schüler, Lehrer und Mitarbeiter haben  das bei einer Umfrage mit ihrer Unterschrift bestätigt. Wir führen an unserer Schule ein Deeskalationstraining durch. Es gibt aber auch eine Stolperstein-AG, die Opfer-Biografien aus der NS-Zeit recherchiert. Und in unserer Aula gibt es eine Ausstellung über Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus. Ältere Schüler führen ihre jüngeren Mitschüler regelmäßig durch diese Ausstellung. Außerdem laden wir ältere Menschen, die sich noch an die NS-Zeit erinnern können, regelmäßig zu Zeitzeugengesprächen ein.

Aber welche Aktualität haben Zivilcourage und Ablehnung von Rassismus?

Mohamed Haimami: Wir sind eine multikulturelle Schule, in der jeder weiß, woher der andere kommt und in der jeder willkommen ist. Es gibt viele multikulturelle Freundesgruppen, die auch in der Freizeit gemeinsam etwas unternehmen. 
Ist die Realschule an der Mellinghofer Straße in der Praxis wirklich eine Schule ohne jeden Rassismus?

Justin Kortheuer: Natürlich kommt es auch bei uns im Streit schon mal zu einem Ausrutscher. Aber wenn jemand mal einen dummen Spruch bekommt, sind auch schnell Mitschüler zur Stelle, die Ihn oder Sie in Schutz nehmen. An unserer Schule hat aber die Einsicht, dass jeder als Mensch gleich viel Wert ist, egal woher er kommt und woran er glaubt, alle erreicht.

Werden die Themen Rassismus und Zivilcourage auch im Unterricht aufgegriffen?

Christian Kamann: Auf jeden Fall. Natürlich haben wir im Politikunterricht auch die aktuellen weltpolitischen Probleme, wie etwa den islamistischen Terrorismus oder den türkisch-kurdischen Konflikt thematisiert. Die Schüler diskutierten über diese Themen und in dem man die oft vorhandene Unwissenheit abbaut, wird der Blick auf politisch motivierte Konflikte auch differenzierter und die Schüler erkennen dann auch schnell, dass es nie um die Türken, die Kurden, die Muslime oder die Deutschen, sondern immer um den einzelnen Menschen geht. Und das ist auch meine Erfahrung. Trotz der einen oder anderen verbalen Entgleisung, lernen, arbeiten, spielen und feiern unsere Schüler problemlos und gerne miteinander, egal woher sie kommen.

Was steht hinter dem Titel?

Die Realschule an der Mellinghofer Straße gehört als „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ zu einem bundesweiten Netzwerk von 2500 Schulen.  
Der Titel ist keine Auszeichnung, sondern eine Selbstverpflichtung der Schule.  
Vergeben wird der Titel vom 1992 gegründeten Jugendhilfeverein Courage e.V. Internetinfos: www.schule-ohne-rassismus.org

Dieser Text erschien am 3. Februar 2018 in der NRZ und in der WAZ

Samstag, 3. Februar 2018

Die Kinder und Kollegen wird sie vermissen: Grundschullehrerin Jutta Putz geht nach 40 Berufsjahren in den Ruhestand


Jutta Putz
„Das ist ein schwerer Verlust und wir bekommen so schnell keinen Ersatz“, sagt die Rektorin der Grundschule an der Barbarastraße, Gabriele Ripholz. Am letzten Tag dieses Monats muss sie ihre Kollegin Jutta Putz in den Ruhestand verabschieden. Sie tut es auch deshalb mit besonders schwerem Herzen, weil mit Jutta Putz eine Grundschullehrerin mit 40-jähriger Berufs- und 63-jähriger Lebenserfahrung geht.

Kinder haben der zweifachen Mutter und Primarstufen-Pädagogin immer Freude gemacht. „Es ist schön, wenn man Kinder an der Kindertagesstätte abholt und sie dann über vier Jahre begleiten und formen darf“, sagt Putz. Trotz ihrer jahrzehntelangen Berufstätigkeit als Grundschullehrerin ist sie immer wieder davon fasziniert, „wie schnell sich die Kinder weiterentwickeln, wie begeisterungsfähig und wissbegierig sie sind.“
Aber die Mutter und Pädagogin hat ihren Beruf auch lange genug ausgeübt, um seine Veränderungen und neuen Herausforderungen kennenzulernen.

„Die Kinder sind heute unruhiger als früher. Früher waren aggressive und verhaltensauffällige Kinder für uns die reinsten Exoten. Heute haben wir es immer öfter mit solchen Kindern zu tun. Außerdem sind viele Eltern heute  beruflich sehr eingespannt oder sogar alleinerziehend und haben deshalb weniger Muße, um sich mit ihren Kindern zu beschäftigen. Deshalb erwarten sie von der Schule und deren Lehrern, dass sie ihre erzieherischen Probleme lösen“, beschreibt Putz den gesellschaftlichen Wandel und seine Auswirkungen auf ihr Klassenzimmer.
Die Ursachen für diese Entwicklung liegen für sie auf der Hand: 

„Ein Fernsehgerät und eine Playstation sind heute im Kinderzimmer ganz normal, das Gespräch am Mittagstisch oder Ausflüge in die Natur sind es aber leider nicht mehr. Viele Kinder wissen heute gar nicht mehr, woher ihr Gemüse kommt und wie und wo es wächst. Für sie kommt es einfach aus dem Supermarkt“, beschreibt Jutta Putz ihre Erfahrungen.

Dass sich heute viele angehende Pädagogen damit schwertun, ins Grundschullehramt zu gehen, ist für sie verständlich. „Das Studium für das Grundschullehramt dauert heute genauso lange, wie das Lehramtsstudium für die Sekundarstufen 1 und 2. Mit unserer Bezahlung bewegen wir uns aber immer eine ganze Gehaltsstufe unter unseren Kollegen an den weiterführenden Schulen“, macht Putz deutlich.

Was sie an ihrem Beruf aber immer geliebt hat, ist seine Vielseitigkeit. Als Grundschullehrerin war sie nie auf ein oder zwei Fächer begrenzt, sondern konnte Deutsch, Mathematik, Sachkunde, Kunst und Sport unterrichten. Andere Kollegen konnten nach einer entsprechenden Fortbildung auch Englisch und Religion an der Grundschule geben.

Viel wäre aus Sicht der bald pensionierten Primarstufen-Pädagogin für das Grundschullehramt gewonnen, wenn Grundschullehrer besser bezahlt und noch öfter, als dies schon heute der Fall ist, durch Sozialpädagogen im Unterricht unterstützt würden. Noch wichtiger wäre ihr aber eine Verkleinerung der Klassen (28 Kinder waren in ihren Klassen der Regelfall). „Wir brauchen kleinere Klassen, damit wir als Pädagogen noch individueller auf unsere Schüler und ihre jeweiligen Bedürfnisse eingehen können“, betont Putz.

Und wie sieht Jutta Putz ihrem Ruhestand entgegen? „Ich werde den strukturierten Tagesablauf mit den Kindern und Kollegen vermissen. Anfangs wird es für mich, wie Ferien sein. Und den Rest lasse ich dann einfach auf mich zukommen“, sagt sie.

Dieser Text erschien am 1. Februar 2018 in der NRZ und in der WAZ

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