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Die Kinder und Kollegen wird sie vermissen: Grundschullehrerin Jutta Putz geht nach 40 Berufsjahren in den Ruhestand


Jutta Putz
„Das ist ein schwerer Verlust und wir bekommen so schnell keinen Ersatz“, sagt die Rektorin der Grundschule an der Barbarastraße, Gabriele Ripholz. Am letzten Tag dieses Monats muss sie ihre Kollegin Jutta Putz in den Ruhestand verabschieden. Sie tut es auch deshalb mit besonders schwerem Herzen, weil mit Jutta Putz eine Grundschullehrerin mit 40-jähriger Berufs- und 63-jähriger Lebenserfahrung geht.

Kinder haben der zweifachen Mutter und Primarstufen-Pädagogin immer Freude gemacht. „Es ist schön, wenn man Kinder an der Kindertagesstätte abholt und sie dann über vier Jahre begleiten und formen darf“, sagt Putz. Trotz ihrer jahrzehntelangen Berufstätigkeit als Grundschullehrerin ist sie immer wieder davon fasziniert, „wie schnell sich die Kinder weiterentwickeln, wie begeisterungsfähig und wissbegierig sie sind.“
Aber die Mutter und Pädagogin hat ihren Beruf auch lange genug ausgeübt, um seine Veränderungen und neuen Herausforderungen kennenzulernen.

„Die Kinder sind heute unruhiger als früher. Früher waren aggressive und verhaltensauffällige Kinder für uns die reinsten Exoten. Heute haben wir es immer öfter mit solchen Kindern zu tun. Außerdem sind viele Eltern heute  beruflich sehr eingespannt oder sogar alleinerziehend und haben deshalb weniger Muße, um sich mit ihren Kindern zu beschäftigen. Deshalb erwarten sie von der Schule und deren Lehrern, dass sie ihre erzieherischen Probleme lösen“, beschreibt Putz den gesellschaftlichen Wandel und seine Auswirkungen auf ihr Klassenzimmer.
Die Ursachen für diese Entwicklung liegen für sie auf der Hand: 

„Ein Fernsehgerät und eine Playstation sind heute im Kinderzimmer ganz normal, das Gespräch am Mittagstisch oder Ausflüge in die Natur sind es aber leider nicht mehr. Viele Kinder wissen heute gar nicht mehr, woher ihr Gemüse kommt und wie und wo es wächst. Für sie kommt es einfach aus dem Supermarkt“, beschreibt Jutta Putz ihre Erfahrungen.

Dass sich heute viele angehende Pädagogen damit schwertun, ins Grundschullehramt zu gehen, ist für sie verständlich. „Das Studium für das Grundschullehramt dauert heute genauso lange, wie das Lehramtsstudium für die Sekundarstufen 1 und 2. Mit unserer Bezahlung bewegen wir uns aber immer eine ganze Gehaltsstufe unter unseren Kollegen an den weiterführenden Schulen“, macht Putz deutlich.

Was sie an ihrem Beruf aber immer geliebt hat, ist seine Vielseitigkeit. Als Grundschullehrerin war sie nie auf ein oder zwei Fächer begrenzt, sondern konnte Deutsch, Mathematik, Sachkunde, Kunst und Sport unterrichten. Andere Kollegen konnten nach einer entsprechenden Fortbildung auch Englisch und Religion an der Grundschule geben.

Viel wäre aus Sicht der bald pensionierten Primarstufen-Pädagogin für das Grundschullehramt gewonnen, wenn Grundschullehrer besser bezahlt und noch öfter, als dies schon heute der Fall ist, durch Sozialpädagogen im Unterricht unterstützt würden. Noch wichtiger wäre ihr aber eine Verkleinerung der Klassen (28 Kinder waren in ihren Klassen der Regelfall). „Wir brauchen kleinere Klassen, damit wir als Pädagogen noch individueller auf unsere Schüler und ihre jeweiligen Bedürfnisse eingehen können“, betont Putz.

Und wie sieht Jutta Putz ihrem Ruhestand entgegen? „Ich werde den strukturierten Tagesablauf mit den Kindern und Kollegen vermissen. Anfangs wird es für mich, wie Ferien sein. Und den Rest lasse ich dann einfach auf mich zukommen“, sagt sie.

Dieser Text erschien am 1. Februar 2018 in der NRZ und in der WAZ

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