Direkt zum Hauptbereich

Der Identitätsentwickler: Christoph Wallrafen

Christoph Wallrafen
Der Wirtschaftswissenschaftler Christoph berät Unternehmer und Manager. Doch als Unternehemensberater möchte sich der 48-jährige Familienvater nicht bezeichnen. Er sieht sich als Identitätsentwickler. Jetzt ging der Absolvent einer Bonner Klosterschule für einen Abend ins Kloster Stiepel um dort über christliche Unternehmeridentität und Unternehmeridentität zu sprechen. Warum das? Was haben Kirche und Unternehmen gemeinsam, wenn es um Identität geht? "Viel!" sagt der in Düsseldorf lebende und arbeitende Identitätsentwickler.

Auch die katholische Kirche sieht der katholische Ökonom mit Messdienervergangenheit als ein Unternehmen, ein Unternehmen im Dienste der Menschen und ihres Seelenheils. "Wenn Unternehmer, Manager und ihre Unternehmen in eine Krise geraten und neue Impulse brauchen, um wieder Fahrt aufzunehmen, hat das oft mit einer Identitätskrise zu tun, weil sich die Unternehmensführung den Wurzeln und dem Gründergeist ihres Unternehmens entfremdet haben", weiß Wallrafen.

"Warum brauchen die Menschen unser Produkt? Und woran liegt es, dass unser Produkt bei den Kunden nicht oder nicht mehr so ankommt, wie wir es uns wünschen. Welche Innovation und welche innere Veränderung brauchen wir, um unsere Dienstleistung, um unser Produkt für unsere Kunden wieder wertvoll zu machen und sie so mit unserer Botschaft wieder zu erreichen?" In Gesprächen und Workshops mit seinen Auftraggebern aus der Wirtschaft sucht Wallrafen nach Antworten auf diese Fragen, die nicht selten zu Existenzfragen werden. Durchbruch oder Insolvenz. Neue Arbeitsplätze oder Entlassungen?  "Erfolgreiche Unternehmer und Manager wissen, dass der ökonomische Gewinn erst am Ende einer Entwicklung steht, die erst mit Überzeugung, Herzblut und Begeisterung in Gang gesetzt werden muss. Wenn Manager und Mitarbeiter aus welchen Gründen auch immer nicht mehr hinter ihrer Dienstleistung stehen, werden sie auch ihre Kunden nicht mehr davon überzeugen können", sagt Wirtschaftscoach, der übrigens auch Jugendliche auf ihrem Weg ins Berufsleben begleitet, dass dann aber ehrenamtlich und nur für eine gute soziale Tat der jungen Leute, die vor dem Coaching vereinbart wird.

Das Beispiel des gesellschaftspolitisch und sozial engagierten dm-Markt-Gründers Götz Werner, der unter anderem für ein bedingungsloses Grundeinkommen eintritt, um Menschen außerhalb des ersten Arbeitsmarktes nicht abzustempeln, sondern zu aktivieren, ist für Wallrafen ein Beweis dafür, dass Unternehmer nur dann erfolgreich sein können, wenn sie ihrer Kernidee treu bleiben und ihre Identität in der Realität nicht aus kurzfristigen Profitinteressen aufgeben, weil sie, wie Götz Werner erkannt haben, "dass Mitarbeiter nicht Mittel zum Zweck, sondern selbst der Zweck des Unternehmens sind." Als negatives Gegenbeispiel führt Wallrafen den nicht nur wirtschaftlich gescheiterten Drogerie-Ketten-Besitzer Anton Schlecker ins Feld. Das Beispiel Schlecker zeigt für Wallrafen, dass Unternehmen, die nur profitorientiert sind, ohne ihre Mitarbeiter und Kunden mitzunehmen, auf Dauer wirtschaftlich nicht erfolgreich sein können.

Und was bedeutet das für die katholische Kirche? Was würde der rheinische Katholik Christoph Wallrafen Papst Franziskus oder den deutschen Bischöfen raten, wenn sie ihn als Coach für die Kirche engagieren würden? "Die katholische Kirche steck in einer monströsen Identitätskrise. Und ich glaube, dass Papst Franziskus das weiß und deshalb versucht, die Kirche aus dieser Krise herauszusteuern", sagt Wallrafen. In den Hierarchien und Dogmen der römisch-katholischen Kirche erkennt er die Frohe Botschaft des Jesus von Nazareth vom liebenden Gott, der sich wie ein Vater mit den Menschen auf Augenhöhe begibt und ihnen sagt: "Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!" nicht wieder.

Stattdessen erinnert ihn die schrumpfende, aber immer noch mächtige und reiche Kirche mit ihrer "theologischen Besserwisserei und ihren Finanz- und Strukturdiskussionen auf fatale Weise an die Statthalter des Römischen Reiches und an die Pharisäer, die Jeus bekämpft habe. Dabei verkennt er als aktives Mitglied seiner Düsseldorfer Pfarrgemeinde Himmelgeist nicht, dass es viele ehrenamtlich aktive Katholiken und Priester gibt, "die sehr authentisch die christliche Kernbotschaft der Liebe leben." Doch das ändert für ihn nichts daran, dass der Purpur der Bischöfe und Kardinäle nicht an Jesus von Nazareth, sondern an den Purpur der römischen Senatoren erinnert. Und das Schicksal des römischen Imperiums ist bekannt.

Wird es der katholischen Kirche auch so ergehen? Trotz akuten Krise ist Wallrafen optimistisch, "dass wir eine Erneuerung der Kirche erleben werden, wenn sie sich wieder auf ihren Kern, die Liebe, besinnt und so ihre Souveränität und Überzeugungskraft wieder erlangt." In der Krise sieht der Identitätsentwickler eine Chance, "wenn wir begreifen, dass die Kirche uns allen gehört und wir alle als einzigartige Geschöpfe Gottes auch einen göttlichen Funken in uns tragen, der uns frei macht von der Angst und uns zu einer heiteren Gelassenheit, auch im Angesicht aller Schwierigkeiten bringen kann."

Damit der Funke auch überspringt, muss sich die katholische Kirche nach Wallrafens Einschätzung von überkommenen Formen "der Liturgieklempnerei verabschieden und zeitgemäße Formate entwickeln, die Menschen dort erreichen, wo sie mit ihrer weiterhin vorhandenen Sehnsucht nach Spiritualität, Sinn und Orientierung stehen und warten. Gottesdienste, davon ist der katholische Christ, Wirtschaftswissenschafter, Identitätsentwickler und Familienmensch Christoph Wallrafen, müssen nicht hinter Kirchenmauern zelebriert werden, sie können auch im prallen Leben und mit einem christlich inspirierten Tagwerk oder mit einem achtsamen Waldspaziergang gefeiert werden.

Dieser Text erschien am 1. Februar 2018 in der Tagespost

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…