Gegen den Muff von 1000 Jahren: 1968 rebellierte auch die Mülheimer Jugend gegen die erstarrten gesellschaftlichen Strukturen - Zeitzeuge Hans Georg Hötger erinnert sich

Hans Georg Hötger bei einer seiner Stadtführungen
50 Jahre ist es her, dass auch an der Ruhr die Jugend „gegen den Muff von 1000 Jahren“ rebellierte. Stadtrat Hans-Georg Hötger, heute beim Bürgerlichen Aufbruch aktiv, erinnert sich noch gut an die Zeit des gesellschaftspolitischen Umbruchs- und Aufbruchs.
„Ich habe damals 27-jährig an der noch neuen Ruhr-Universität in Bochum Geschichte, Germanistik und Soziologie studiert und neben dem Studium als Jungsozialist den SPD-Ortsverein Holthausen aufgemischt“, erinnert sich Hötger an seine Sturm- und Drang-Zeit.

„Mit Ihren langen Haaren kommen Sie nie in den Stadtrat“, sagte ihm damals sein Parteigenosse Hans Meinolf und irrte. Hötger sollte für die SPD in den Stadtrat einziehen und später mit seinen ratsinternen Informationen auch das alternative Stadtmagazin Freie Presse füttern.
Heute unvorstellbar, besetzten damals Jugendliche die zentrale  Innenstadt-Kreuzung, um gegen geplante Fahrpreiserhöhungen für Bus und Bahn zu protestieren. Und wenige Jahre später besetzten sie die zum Abriss freigegebene Paulikirche an der Delle, um ihren Abriss zu verhindern und stattdessen dort ein autonomes Jugendzentrum einzurichten.

Auch wenn die Kirche von der Polizei geräumt und im Oktober 1971 doch abgerissen wurde, zeigte die Aktion, dass die damals junge Generation nicht mehr alles unhinterfragt schlucken wollte, was ihr von der staatlichen, kirchlichen oder politischen Obrigkeit vorgesetzt wurde.

„Der damalige SPD-Vorsitzende und Bundeskanzler Willy Brandt war für mich ein Hoffnungsträger, weil er als ehemaliger Widerstandskämpfer für das bessere Deutschland stand und mehr Demokratie wagen wollte“, erinnert sich Hötger, der bis zu seiner Pensionierung an einer Oberhausener Schule Geschichte und Deutsch unterrichtet hat. Die Gründung von neuen Hoch- und Gesamtschulen sowie die Reform der Ausbildungsförderung, die vielen Arbeiterkindern Abitur und Studium ermöglichten, bleiben für Hötger ebenso Folgen des politischen Aufbruchs von 1968, wie die selbstverständliche Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Lebensbereichen und die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensentwürfe und Lebensstile. „Die 68er haben unsere Gesellschaft farbiger und freier gemacht“, sagt Hötger. Auch die Gründung von Bürgerinitiativen, die sich basisdemokratisch für Bürgerbelange stark machen, sieht Hötger als eine positive Folge „des Demokratisierungsschubes, den die 68er unserer Gesellschaft gebracht haben.“ Dass er Ende der 70er Jahre zum Mitgründer der Grünen und Ende der 90er Jahre zum Mitbegründer der Mülheimer Bürgerinitiativen MBI wurde und sich heute im Bürgerlichen Aufbruch engagiert, sieht Hötger als seinen konsequenten Marsch durch die Institutionen.

„Ich finde es schade, dass sich heute viele Jugendliche mehr für ihr Smartphone als für unsere Demokratie interessieren, die auch heute wieder einen Reformschub, wie 1968 gut gebrauchen könnte“ , sagt der Alt-68er. Die Direktwahl des Bundespräsidenten, Bürgerbegehren und Bürgerentscheide auf allen staatlichen Ebenen oder ein breiter gesellschaftspolitischer Diskurs über die kulturelle Identität unseres inzwischen multikulturell gewordenen Landes und die inhaltliche und demokratische Gestaltung unserer Massenmedien wären aus Hötgers Sicht Grund genug politisch aktiv zu werden und die Wahlbeteiligungn wieder steigen zu lassen. 

Dieser Text erschien am 16. Februar 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

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