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Mittwoch, 8. November 2023

Starke Kunst

 Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Zwei Ausstellungen, die man zurzeit eintrittsfrei besuchen kann, zeigen es uns. In der Galerie 46 an der Aktienstraße 46 sehen wir unter dem Titel: "Torsi" Bilder und Skulpturen des Mülheimer Malers und Bildhauers Jochen Leyendecker. Der Name ist Programm. Torsi. Der 1957 in Mülheim geborene Leyendecker zeigt sich als Meister der Torsi. "Sie zeigen alles, auch wenn sie nicht alles zeigen", beschreibt der die Kunst der Andeutung, in der sich das Kunstobjekt durch die Phantasie seines Betrachters vervollständigt. Johannes Leendecker wurde durch seinen Kunstlehrer an der heutigen Otto-Pankok-Schule, Johannes Rickert, und durch den Mülheimer Bildhauer Ernst Rasche auf den Weg der bildenden Kunst gebracht. Er selbst hat die Kunst als Lehrer am Gymnasium Heißen der jungen Generation nahegebracht und in den Jahren 1998 bis 2015 im Bismarckturm am Kahlenberg gearbeitet und ausgestellt und damit den Dialog mit den Freunden der Kunst gesucht. 

Im Vorbeigehen und eintrittsfrei kann man in der katholischen Ladenkirche an der Wallstraße 22 zurzeit die gemalten "Seelenwelten" der 1981 geborenen und seit 1991 in Mülheim lebenden Künstlerin Monika Nemet betrachten. Wir sehen Werke einer vielseitigen Künstlerin, die offensichtlich gerne und gut mit verschiedenen Mischtechniken und realen bis surrealen Motiven experimentiert. Besonders beeindrucken sind dabei ihre ausdrucksstarken Portraits von Menschen, die offensichtlich vom Leben gezeichnet sind. Nicht nur der Teamleiter der katholischen Ladenkirche, Johannes Brands, wünscht den technisch wie inhaltlich bemerkenswerten Bildern Nemets, eine Publizität und Aufmerksamkeit, die über den Radius der katholischen Ladenkirche hinaus geht.


Jochen Leyendecker   Monika Nemet   Über mich


Samstag, 10. Februar 2018

In Memoriam: Ernst Rasche 1926 - 2018

Ernst Rasche 2016 in seinem Atelier
Der Bildhauer Ernst Rasche ist tot. Der Ruhrpreisträger des Jahres 1962 und Mitgründer der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Künstler und des Mülheimer Kunstvereins ist am 4. Februar im Alter von 91 Jahren gestorben. Als Mensch und Künstler schöpfte Rasche aus der Kraftquelle seines christlichen Glaubens. Er war eine beeindruckende und inspirierende Persönlichkeit, die weit über den Tellerrand der Kunst hinaus dachte. Sein Künstlerfreund Heiner Schmitz, der ihn noch vor wenigen Monaten besuchte, war von Rasches geistiger Vitalität tief beeindruckt. Nach dem Rasche bereits 2016 vom Duisburger Lehmbruck-Museum mit einer Werkschau und einem zweibändigen Katalog gewürdigt worden war, will sich Schmitz jetzt für eine posthume Werkschau im städtischen Kunstmuseum Alte Post einsetzen, 

Nicht nur die Altarräume der katholischen Stadtkirche St. Mariae Geburt und der evangelischen Petrikirche tragen seine Handschrift. Das Mahnmal auf dem Jüdischen Friedhof kam ebenso aus seiner Werkstatt, wie die in den 1970er und 1980er Jahren aufgestellten Brunnenlandschaften am Rathaus und auf der Schloßstraße oder der 1991 im Innenhof von Kloster Saarn aufgestellte Marienbrunnen. Auch jenseits der Stadtgrenzen konnte Rasche in den kirchlichen und öffentlichen Räumen von bundesweit 140 Städten Akzente setzen. Am 24. November 1926 geboren, engagierte er sich in der von den Nazis verbotenen katholischen Jugend von St. Mariae Geburt. Als Kriegsteilnehmer überlebte er die sowjetische Kriegsgefangenschaft. Beruflich  trat er als Bildhauer nach seiner 1947 begonnen Ausbildung an der Kunstakademie Düsseldorf in die Fußstapfen seines Vaters und fand mit seiner Frau, der Goldschmiedin Elisabeth eine kongeniale Lebenspartnerin. Das Ehepaar Rasche schenkte zwei Söhnen das Leben, die als Architekten und Bühnenbildner, wie ihre Eltern, kreativ gestaltende Berufe ergriffen haben.

„Ich lebe gerne in meiner Heimatstadt, auch wenn hier manchmal etwas mehr los sein könnte. Das ist eine Durststrecke, die wir überstehen müssen. Wir brauchen visionäre Ideen und Entscheidungen, damit sich die Stadt weiter entwickeln kann“, sagte Rasche 2011 im Interview mit der Mülheimer Lokalpresse.




Sonntag, 29. Januar 2017

Nur Bildung, Begegnung und Dialog können Frieden bringen: Der Mülheimer Lutz Gierig hat sich künstlerisch mit dem Krieg in Aleppo und mit dem Terror in Berlin auseinandergesetzt

Lutz Gierig vor seinen Bildern über den Krieg in Syrien und den
Zerroranschlag in Berlin
Als Psychiater am St. Marien-Hospital beschäftigt sich Lutz Gierig mit der menschlichen Seele. Als Künstler versucht er das, was er in seinem Alltag erlebt, ins Bild zu setzen und so zu verarbeiten und auch zu kommentieren.

Der 59-Jährige, der mit seinen in den letzten zehn Jahren entstandenen Arbeiten, etwa durch Ausstellungen im Bismarkturm, in der Evangelischen Ladenkirche, in der Ruhr-Galerie oder in der Galerie Art 73 ein interessiertes Publikum angesprochen hat, hat jetzt mit zwei Acrylbildern seine Ohnmacht und sein Entsetzen über menschliche Tragödien der Kriegsgräuel im syrischen Aleppo und des Terroranschlages in Berlin ins Bild gesetzt. „Wäre ich ein Journalist, hätte ich vielleicht einen Artikel geschrieben oder einen Film gedreht. Wäre ich ein Politiker, würde ich vielleicht versuchen, eine Friedensinitiative zu ergreifen. Wäre ich ein Schriftsteller, würde ich vielleicht einen Roman darüber schreiben, was nicht nur mich, sondern uns alle bewegt. Da ich nun aber male, habe ich eben meine Empfindungen in Bildern ausgedrückt.“

Auf einem schwarzen Hintergrund sieht man einen hell erleuchteten Ausschnitt, in den ein Blutstrahl hineinfährt. Im Licht erahnt man menschliche Silhouetten. So sieht der Künstler den Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt. Das von weißen, Hoffnung verheißenden Tönen, durchstreifte Schwarz dominiert auch Gierigs Gemälde, das nach dem Fall von Aleppo entstanden ist. Lichtstrahlen, die nicht von ungefähr an die Scheinwerfer einer Flugabwehrkanone erinnern, beleuchten das dominierende Schwarz und das ebenfalls als Symbol für das vergossene Blut zu erkennende Rot.

Den Krieg in Syrien und die Terroranschläge in Frankreich und Deutschland sieht der Künstler als eine Zäsur und als „Angriff auf unsere durch die Freiheit und das Christentum geprägte Kultur.“ Als Psychiater und Psychologe sieht Gierig die tieferen Ursachen des Terrors „einen Schrei nach Anerkennung“ einer sozial deklassierten und ausgegrenzten Jugend, die die Religion instrumentalisiert und pervertiert, um die eigene Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit durch terroristische Gewalt in eine scheinbare Allmacht zu verwandeln.“ Dagegen helfen nach Gierigs Ansicht nur Bildung, Begegnung und Dialog.


Dieser Text erschien am 30. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Ein Meister der Formensprache: Der Bildhauer Ernst Rasche konnte jetzt seinen 90. Geburtstag feiern

Ernst Rasche in seinem Atelier
Das Kreuz-Relief an seiner Haustür zeigt, was Ernst Rasche trägt, der am 24. November seinen 90. Geburtstag feiert. Sein christlicher Glaube hat ihn von Kindesbeinen geprägt. Nicht nur in seiner Heimatstadt hat er Kirchen und öffentliche Räume gestaltet. Wer auf die von ihm geschaffene Chorwand der Stadtkirche St. Mariae Geburt schaut und das Himmlische Jerusalem erkennt, aus dem ein warmer (göttlicher) Lichtstrahl auf die Erde hernieder kommt, der spürt etwas von seiner christlichen Lebenszuversicht.
Gleich gegenüber der Chorwand kann man am Eingangsportal der Marienkirche sein in den 60er Jahren geschaffenes Kreuzweg-Relief erkennen. Als Mitglied der Kriegesgeneration musste Rasche so manchen Kreuzweg gehen. „Wir mussten und heimlich in der Krypta unter dem Altarraum von St. Mariae Geburt treffen“, erinnert sich Rasche an die Nazi-Zeit, als er in der katholischen Jugend aktiv war. Als Soldat musste er eine schwere Schulterverletzung und die sowjetische Kriegsgefangenschaft überleben, ehe er ab 1947 bei Lehrern, wie Ewald Mataré und Ferdinand Enseling, an der Kunstakademie Düsseldorf Bildhauerei studieren konnte.
Mit seiner Frau Elisabeth, einer Goldschmiedin, fand er 1954 eine Frau fürs Leben, mit der er (bis zu ihrem Tod 2009) seine künstlerische Kreativität teilen konnte. „Ich habe meinem Vater Heinrich schon als kleiner Junge bei seiner Arbeit als Steinbildhauer zugeschaut und die Freunde an Formen und Gestaltung entdecken dürfen“, erinnert sich Rasche an seine frühe Prägung. Mit Wohlwollen sieht er heute, dass seine Söhne Christoph und Gereon, als Bühnenbildner und als Architekt, ebenfalls kreative Berufe ergriffen haben.
Sein Sohn Christoph und seine Schwiegertochter Astrid haben, mit finanzieller Unterstützung von Evonik, jetzt eine zweibändige Dokumentation seines Lebenswerkes erstellt, die am 24. November bei einer Matinee im Duisburger Lehmnruck-Museum vorgestellt wird.
Ernst Rasche, der in seiner Heimatstadt Mülheim auch mehrere Brunnenlandschaften, ein Mahnmal für den Jüdischen Friedhof und den Altarraum der evangelischen Petrikirche gestaltet hat, ist davon überzeugt: „Gerade in einer Zeit des rasanten technischen Fortschritts brauchen wir als Menschen Halt, Orientierung und Visionen. Deshalb müssen wir auch die Kunst und die Geisteswissenschaften fördern, um die technische und wirtschaftliche Entwicklung kreativ, sozial und ethisch zu begleiten.“

Dieser Text erschien am 26. November 2016 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 20. Februar 2016

Mölmscher „Gemischtwarenladen“ statt Leerstand In einer alten Bäckerei an der Oberstraße sind jetzt Kunst und Geschichte im Angebot

Bernd Simmerock, Gerd Kampf und Dirk von Eicken (v.l.)
gewähren in ihrem Kunst- und Geschichtsladen interessante
 Einblicke in das alte Mülheim. 
Dirk von Eicken, Bernd Simmerock und Gerd Kampf sind drei kreative Köpfe. Sie interessieren sich als gebürtige und bekennende Mülheimer für alles, was mit der Geschichte ihrer Heimatstadt zu tun hat.

Deshalb haben sie ein leerstehende Ladenlokal an der Oberstraße 27 zunächst für drei Jahre angemietet, um anderen interessierten Mitbürgern zu zeigen, was sie für sehenswert halten. Derzeit präsentieren sie noch bis zum Ende der Woche eine Postkartenausstellung, die uns das Mülheim um 1900 vor Augen führt. Das Hotel Victoria am späteren Kaisereck oder der Kirchholtesche Saal, Mülheims Sinfoniescheune, an der Charlottenstraße sind ebenso zu betrachten wie die 1943 durch Bomben zerstörten Gaststätten Mausefalle und Ührchen an der Bogenstraße.

Vor den Postkarten konnte man in dem ehemaligen Bäcker-, Crêpe- und Schneiderladen Fundstücke aus der Firmengesichte Wissolls in Augenschein nehmen. Ein altes Telefon aus der Tengelmann-Zentrale und ein Adressbuch aus dem Jahr 1941 zeugen davon. Außerdem grüßen Winnetou und Old Shatterhand plakativ und erinnern an eine Ausstellung über Karl-May-Fest-Spiele, die die Mülheimer 1971 tausendfach an die Freilichtbühne an der Dimbeck zog. Demnächst wollen die kreativen Drei in ihrem Kunst-, Kultur- und Geschichtsladen an der Oberstraße 27 alte Büromaschinen ausstellen. Neben Ausstellungen gibt es hier auch historische Vorträge und Malereiworkshops zu erleben. Für letzteres steht Gerd Kampf, der hier auch seine Gemälde ausstellt.

Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr. Weitere Informationen gibt Dirk von Eicken: MH-Malocher@web.de, unter der Rufnummer: 0162/2843183.

Dieser Text erschien am 16. Februar 2016 in NRZ und WAZ

Freitag, 15. Januar 2016

Erinnerung an zerbrochene Strukturen: Das Kunstmuseum Alte Post und die Heinrch-Böll-Stiftung luden in die Ausstellung "Befreite Moderne"

Die Leiterin des Kunstmuseums Alte Post
Kunsthistorikerin, Dr. Beate Reese bei der
Führung durch die Ausstellung
"Befreite Moderne"
Zerbrochene Strukturen, das Spiel mit Hell und Dunkel, geöffnete Fenster, die frische Luft hereinlassen oder schwungvolle und farbenstarke Motive der neuen Freiheit und Lebensfreude. Diese Motive finden sich immer wieder in der Ausstellung „Befreite Moderne“, durch die sich am Freitag 30 Gäste der Heinrich-Böll-Stiftung fachkundig von Beate Reese führen ließen.

Kurzweilig und pädagogisch geschickt, bezog die Kunsthistorikerin und Leiterin des Kunstmuseums Alte Post die Betrachter in ihre Führung mit ein, ermutigte sie zum genaueren Anschauen und Interpretieren der Bilder. In der eineinhalbstündigen Werkschau wurde deutlich: Freiheit ist nicht selbstverständlich. Sie muss immer wieder gepflegt, verteidigt, erkämpft und erarbeitet werden. Alt-Bürgermeister Wilhelm Knabe weiß das aus seiner 92-jährigen Lebenserfahrung. Er hat als Zeitzeuge die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung auf die Mülheimer Ausstellung aufmerksam gemacht. Eigentlich wollte der Gründungsvater der Grünen in der Alten Post selbst berichten, wie er die Befreiung der Kunst nach 1945 erlebt hat. Doch eine Grippe zwang ihn, zuhause zu bleiben. „Von einer intakten Zivilgesellschaft konnte man nicht mehr sprechen. Denn die Nationalsozialisten hatten während ihrer Herrschaft alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens beherrscht“, erinnert sich Knabe in seinem von Marlies Rustemeyer vorgetragenen Zeitzeugenbericht. Kaum vorstellbar, dass sein Deutsch-Unterricht in den 30er Jahren ohne die Werke von Hermann Hesse oder Thomas Mann stattfand. Sie sollte er erst in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft kennen lernen. „Erst 1946“, so Knabe, habe er in einer Ausstellung zum ersten Mal die Bilder des von den Nazis verfemten Malers Otto Dix gesehen. „Ich brauchte viele Jahrzehnte“, so Knabe weiter, „um diesen durch die Nazis verursachten Verlust an Bildung in meiner Jugend aufzuholen. Unser Kunstmuseum hat mir dabei geholfen. Ich danke dafür und nutze ganz praktisch auch den Freiraum dieser Ausstellung dafür.“


Dieser Text erschien am 9. Januar 2016 in der NRZ und in der WAZ

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...