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Dienstag, 11. April 2023

75 Jahre Lokaljournalismus

 Am Samstag, den 3. April 1948 erscheint in Mülheim erstmals die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Das Kriegsende liegt drei Jahre zurück. Der Schwarzmarkt blüht. Die D-Mark, das Grundgesetz und das Wirtschaftswunder lassen auf sich warten. Immer noch ist die Stadt als Teil der britischen Besatzungszone von Ruinen und Trümmern gezeichnet. Der Wiederaufbau schreitet langsam voran.

Die britische Militärregierung hat die mit einer Startauflage von 250.000 Exemplaren von Erich Brost und Jakob Funke herausgegebene WAZ als „Unabhängige Zeitung für das“ 1946 neugegründete „LandNordrhein-Westfalen“ lizensiert.

Der Anfang ist bescheiden. Die erste WAZ, die Mülheimerinnen und Mülheimer vor 75 Jahren in Händen halten, hat vier Seiten, davon eine Lokalseite. Sie erscheint dienstags, donnerstags und samstags und kostet am Kiosk Pfennige. Im Monatsabo ist sie für zwei Reichsmark zu haben. En Industriefacharbeiter arbeitet damals 48 Stunden pro Woche und verdient 1,59 Reichsmark pro Stunde.

Erster Lokalredakteur der WAZ ist Dr. Theo Schröter. Er hat seinen ersten Arbeitsplatz in einem Raum des Rathauses. Ab April 1949 wird er vom Jungredakteur Heribert Vollmer und vom Redaktionsmitarbeiter Fritz Brinkmann unterstützt. Die Lokalredaktion mietet an der Wallstraße zwei Räume in der Rechtsanwaltskanzlei Niehoff an. Im Oktober 1949 zieht sie ins Pressehaus an der Eppinghofer Straße um. Die Fusion mit der seit 1872 erscheinenden Mülheimer Zeitung macht es möglich.

Vom Zusammengehen profitieren beide Blätter.

Denn die in der NS-Zeit gleichgeschaltete Mülheimer Zeitung ist in den Augen der britischen Militärregierung deskreditiert. Sie will auch die Mülheimerinnen und Mülheimer zur Demokratie erziehen. Andererseits kann die neue WAZ den traditionsreichen und werbewirksamen Untertitel: „Mülheimer Zeitung“ gut gebrauchen.

 Die erste Mülheimer Lokalausgabe berichtet über den Wiederaufbau der Stadtbibliothek, die 90.000 Bücher über den Krieg retten konnte und zum damaligen Zeitpunkt ihr provisorisches Quartier in der Rahmenschule an der Kettwiger Straße hat. Dort kann sie aber nur als Präsenz- und nicht als Leihbibliothek arbeiten. Dass solle sich, so heißt es im Bericht, in einigen Monaten aber ändern, wenn die Stadtbibliothek in wiederhergestellte Räume der 1943 von Bomben stark beschädigten Stadthalle umziehen werde. Festgehalten wird auch, dass die Stadtbibliothek „inzwischen entnazifiziert worden ist“, dass es aber auch „eine große Nachfrage nach der verbotenen Literatur gebe“ und viele, zunächst aussortierten Bücher behalten werden konnten, in dem man die Seiten mit NS-Inhalten herausgeschnitten habe.

Unter der Überschrift: „Im Tierpark regt sich der Frühling“ liest man am 3. April 1948 einen Ausflugstipp für den Duisburger Zoo, verbunden mit dem Hinweis, dass Kinder dort auf Eseln reiten können.

Außerdem erfahren die Leserinnen und Leser vom „Lieder- und Arienabend mit dem durch Konzerte und Rundfunk volkstümlich gewordenen Sänger Wilhelm Strienz“, der am Flügel von Franz Sembeck begleitet, mit Werken von Beethoven, Verdi, Schubert, Schumann, Moussorgsky, Tschaikowsky und Smetana im Altenhof an der Kaiserstraße gastiert habe. „Doch verbeugte sich auch Strienz an diesem durchaus niveauvollen Konzertabend“, heißt es im Konzertbericht: „vor dem ihm Bewunderung zollenden Publikum, indem er dessen Geschmack huldigend, als letzte Zugabe, dem Sentimentalen seinen Tribut gab. Schade drum. Denn das schöne mährische Volkslied vorher hatte echtere Töne angeschlagen.“

Berichtet wird auch darüber, dass der Mülheimer Delegationsleiter des Schwedischen Roten Kreuzes, Per Bolinder, vorübergehend nach Schweden abgereist sei, aber Ende April wieder in Mülheim zurückerwartet werde. Bolinder und das Schwedische Rote Kreuz sind damals in aller Munde, da sie die Mülheimer Schulspeisungen organisieren.

Im Kleinanzeigenteil der ersten Mülheimer WAZ-Ausgabe werden die Leserinnen und Leser auf einen Literaturabend hingewiesen, zu dem die Buchhandlung Max Röder am 9. April 1948 ins Josefshaus an der Dimbeck einlädt und auf einen Liederabend, der am 10. April mit dem Tenor Franz Völker und mit Werken von Schubert, Brahms und Strauß im Altenhof über die Bühne gehen wird. Wer im harten Nachkriegsalltag entspannen will, dem zeigt der staatliche geprüfte und am Kuhlendahl 147 ansässige Masseur Siegfried Karrenberg in der ersten Mülheimer WAZ seine wohltuenden Massagen, Kosmetikbehandlungen und Bäder an. Und ein „Mädel (28 Jahre) mit guten Umgangsformen und einer Ausbildung als Lebensmittelverkäuferin sucht, per Kleinanzeige im WAZ-Lokalteil vom 3. April 1948 „einen möglichst selbstständigen Wirkungskreis!“ Um ihre Chancen auf eine Anstellung zu erhöhen, weist die Inserentin auch darauf hin, dass sie: „in sämtlichen Haushaltbereichen, einschließlich Kochen gut erfahren“ sei.


Mülheimer Presse

Samstag, 8. April 2023

Mülheimer Zeitungsgeschichte(n)

 Auch diese Zeitung hat sich mit der Zeit gewandelt. Als ihre Herausgeber Jakob Funke und Erich Brost am 3. April 1948 mit ihrer WAZ an den Start ging, war vom Fernsehen und vom Internet noch keine Rede. Was sagen langjährige Mülheimer Leserinnen und Leser über ihre Zeitung im Wandel von 75 Jahren. Zu einem Gespräch darüber traf sich die Lokalredaktion mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern der von Brigitte Preuss und Manfred Zabelberg moderierten und für Neuzugänge immer offenen Mülheimer Zeitzeugenbörse im Sommerhof am Tourainer Ring.

„Wir hatten die WAZ von Anfang an im Jahres-Abo. Im ersten Jahr kostete es 44 Reichsmark“, erinnert sich die 1926 in Berlin geborene und seit 1945 in Mülheim lebende Eva Timm. Angesichts der vier Seiten der ersten Ausgabe, stellt sie fest: „Der Umfang ist in den ersten Jahren rasch gewachsen. Mit der Wirtschaft wuchs auch die Zahl der Anzeigen. Vor allem die Wochenendausgaben waren später wesentlich dicker als heute, wohl deshalb, weil inzwischen viele Werbeanzeigen ins Internet abgewandert sind.“

Auch mit 98 Jahren liest Timm täglich die WAZ und trainiert ihre grauen Zellen nicht nur mit den Informationen, sondern auch mit der Rätselecke, die ihr die Zeitung bietet. Allerdings vermisst sie den täglichen Fortsetzungsroman, den man früher in der WAZ lesen konnte.

Die 1949 geborene Jutta Loose sagt: „Ich bin mit der WAZ aufgewachsen und habe nach meinem Auszug von zuhause ein eigenes Abo abgeschlossen. Ich möchte die tägliche Lektüre nicht missen. Ich lese alle Seiten und Rubriken der Zeitung, aber der Lokalteil mit seinen Nachrichten aus Mülheim ist für mich der wichtigste Teil der Zeitung, der in den vergangenen Jahren leider dünner geworden ist. Ich würde mir mehr lokale Nachrichten wünschen und könnte dafür gerne auf Seiten über den Niederrhein, die Niederlande und die Nachbarstädte verzichten.“

Der 1928 in Mülheim geborene Horst Heckmann findet die Nachbarschaftsseiten in der WAZ dagegen „durchaus interessant, weil man über den lokalen Tellerrand hinausschauen und dabei manchmal den Eindruck gewinnen kann, dass in unseren Nachbarstädten mehr los ist als bei uns.“ Allerdings wünscht auch er sich mehr Mülheimer Nachrichten in der WAZ. Außerdem hat er den Eindruck, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis des WAZ-Abos in den vergangenen Jahren eher schlechter als besser geworden ist und dass die Druckfehler im Blatt zugenommen haben.

Wie Timm kann sich auch Heckmann daran erinnern, dass auch die ausgelesene und als Altpapier abgelegte WAZ auf dem Markt und in Geschäften als Verpackungsmaterial oder daheim, in Vierecke geschnitten, als Klopapier ihren Dienst tat. Für Heckmann steht fest: „Wer keine Zeitung liest, lebt doch hinter dem Mond.“

Der 1944 in Österreich geborene und seit 35 Jahren in Mülheim lebende Ex-FDP-Stadtrat, Wolf D. Hausmann, bescheinigt der Mülheimer WAZ eine „alles in allem sehr faire und differenzierte Berichterstattung über das lokale Geschehen und die Kommunalpolitik“, auch wenn er als Liberaler immer „den subjektiven Eindruck hat, dass die anderen Parteien mit ihren Inhalten und ihrer politischen Arbeit mehr Platz im Blatt bekommen als meine Partei.“

Auch die 1943 geborene Christel Lohmar bescheinigt der WAZ, „dass sie im Vergleich zu anderen Zeitungen nicht so tendenziös, sondern neutraler ist und sich bemüht, leicht verständlich, sachlich und nachrichtlich zu schreiben und zu berichten.“ Allerdings würde sie sich insgesamt eine größere Themenvielfalt und eine stärkere Berücksichtigung der Stadtteile im Mülheimer Lokalteil der WAZ wünschen. Wie für Eva Timm, so vergeht auch für Christel Lohmar keine WAZ-Lektüre ohne den Blick in die Todesanzeigen und in die Leserbriefspalten. So manchen Leserbrief empfinden die beiden WAZ-Leserinnen als pointierter als den einen oder anderen Zeitungskommentar.

Alle Zeitzeugen vermissen den Leserladen an der Eppinghofer Straße und wünschen sich von der Lokalredaktion, dass sie sich für den Erhalt des Wasserbahnhofes einsetzen möge. 

 

Kontakt zur Zeitzeugenbörse

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der im November 2011 gegründeten Mülheimer Zeitzeugenbörse treffen sich regelmäßig im Sommerhof am Tourainer Ring 12/Ecke Hingberg 62. Auf ihrer Internetseite, aber auch mit öffentlichen Zeitzeugenlesungen und als Gesprächspartner in Zeitzeugengesprächen mit Kindern und Jugendlichen halten sie ihre Lebenserfahrungen fest und geben sie weiter. Die Zeitzeugenbörse findet man im Internet unter: www.unser-quartier.de/zzb-muelheim. Sie ist per E-Mail an: zeitzeugenboerse@gmx.de sowie telefonisch unter der Rufnummer: 0208/30680015 erreichbar.


Mülheimer Presse

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...