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Posts

Es werden Posts vom August, 2017 angezeigt.

Was uns so alles in die Tüte kommt

Gestern hat für viele Kinder der Ernst des Lebens begonnen. Dabei sollte man das Schulleben ernst, aber auch nicht zu ernst nehmen, wenn man es an Leib und Seele unbeschadet überstehen will. Immerhin wird so manchem Kind der erste Schultag mit einer Schultüte versüßt. Dabei kann man die Schultüte auch als Symbol dafür nehmen, dass einem nicht nur im Schulleben so manches in die Tüte kommt, worauf man dankend verzichten könnte. Aber gerade darin ist das Schulleben eine gute Schule für das Leben jenseits der Klassenzimmer und Stundenpläne. Denn auch nach dem Ende der Schulzeit geht das Lernen weiter und es muss so mancher saure Drops gelutscht werden. Selbst, wenn es so manchem Ex-Schüler auf der freien Wildbahn der Lebensschule zuweilen schwindelig wird, weil er mit seinem braven Schulwissen immer wieder im Morast des Alltags stecken bleibt oder aneckt. Auch wenn er verzagt, weil die ihm gelehrte Moral oft nur Anspruch, aber nicht Wirklichkeit ist, sollten Er und Sie, Du und ich  mutig…

Philosophie an der Kuchentheke

Es gibt sie noch, die süßen Bienen. Nicht nur auf der freien Wildbahn, sondern auch in der Bäckerei trifft man sie.

In der Bäckerei machen sie sich jetzt zu schaffen. Die einen wirbeln als fleißige Bienchen hinter der Theke. Und die anderen stürzen sich als gefräßige Bienchen in der Theke auf Kirsch-Streusel, Berliner Ballen oder auch auf den Pflaumen-Hefekuchen.

Als Mann habe ich eine natürliche Vorliebe für flotte Bienen.  Allerdings  musste ich auch schon so manche schmerzhafte und bestechende Erfahrung mit der einen oder anderen Biene machen, die dann flott als Unschuld vom Lande davon summte, als sei nichts gewesen. So ein Bienenstich kann wirklich unangenehme Folgen haben. Da ist mir der gebackene Bienenstich schon lieber. Den fischen die flotten und fleißigen Bienen aus der Bäckerei meines Vertrauens, wie nichts aus der Tiefe ihrer Theke. Dabei ist sie in diesen Tagen von ganzen Bienenvölkern besetzt. „Wir ärgern sie einfach nicht und lassen sie leben“, verrät mir eine flotte Bie…

"Wir haben doch schon seit 120 Jahren Elektromobilität!": Ein Gespräch mit dem ehemaligen Chef der städtischen Vehrkehrsbetriebe Werner Foerster-Baldenius

„Alle reden heute von Elektromobilität. Dabei haben wir sie doch schon seit 120 Jahren“, sagt der ehemalige Chef der Mülheimer Verkehrsbetriebe Werner Foerster-Baldenius mit Blick auf Mülheims Straßenbahnen. Bis zu seiner Pensionierung (2001) hat der Bauingenieur die öffentliche Personennahverkehrslandschaft mitgestaltet. 1936 geboren, in Bremen aufgewachsen und an der Technischen Hochschule Braunschweig ausgebildet, kam er 1966 nach Mülheim.
„Damals fuhr die Straßenbahn noch durch die Schloßstraße und man träumte von der auto-gerechten Stadt, in der die Straßenbahn unter der Erde und die Autos oben auf der Straßen fahren sollten“, erinnert sich Foerster-Baldenius.
Wie heute gab es in Mülheim damals vier Straßenbahnlinien. Von denen wurde aber die Linie 11, die von der Innenstadt bis zum Saarner Klostermarkt fuhr, 1968 stillgelegt. „Schon damals wurde darüber diskutiert, ob man den öffentlichen Personennahverkehr nur noch mit Bussen organisieren und auf die Straßenbahn verzichten sollte“…

Ruhr statt Riviera: Ein Zeitsprung am Kahlenberg

Wir schreiben das Jahr 1900. Der Herr von Welt trägt Hut und der junge Mann kleidet sich in einem Mastrosenanzug, weil die Marine des Kaisers liebstes Kind ist.

Die Postkartenansicht von einer Sonntagspartie zum Restaurant am Kahlenberg zeigt es. Der Urlaub oder die Sommerfrische fand für die meisten Mülheimer damals zu Hause statt, etwa mit Bier, Limonade und Kaffee auf der Terrasse des 1890 eröffneten Restaurants am Kahlenberg. Ab 1897 kamen die Mülheimer mit der neuen elektrischen Straßenbahn noch schneller zu dem beliebten Ausflugslokal. Ruhr statt Riviera lautete damals die Devise für Herrn und Frau Normalverbraucher. Bis zu 3000 Gäste fanden im Restaurant am Kahlenberg einen Platz und eine tolle Aussicht aufs Ruhrtal.

Doch 1951 war die legendäre Gastwirtschaft abgewirtschaftet und man überlegte ernsthaft das 1889 errichtete Haus am Hang abzureißen. „Da weiß ich was besseres“, sagte der damalige Stadtdirektor und Jugenddezernent Bernhard Witthaus. Die Stadt kaufte das alte Gasthaus…

Wenn das Mittagessen nach Hause kommt: Der Menü-Service des Deutschen Roten Kreuzes

Wie wäre es mit Paprikaschnitzel, Kartoffelpüree und Apfelmus oder hätten Sie lieber Rinderbraten mit Leipziger Allerlei und Salzkartoffeln? Das sind nur zwei von acht Mittagsmenüs, unter denen die 170 Kunden des Menüservice am 24. Juli auswählen können. Im Durchschnitt liefert der Menüservice des Roten Kreuzes täglich 150 Mahlzeiten frisch ins Haus.
Wer den Menüservice des Mülheimer Kreisverbandes bucht, bei dem klingelt zwischen 9 und 13 Uhr ein freundlicher Fahrer des DRKs, um das Mittagessen in einer Warmhaltebox frisch auf den Tisch zu stellen. „Die meisten unserer Fahrer sind Rentner, die auf 450-Euro-Basis für das Rote Kreuz arbeiten“, erzählt Ute Ramisch.
Die heute 60-jährige Bürokauffrau leitet seit 2004 den Menüservice des Mülheimer DRKs. „2004 übernahm das Rote Kreuz das Essen auf Rädern für alle Stadtteile Mülheims. Bis dahin hatte jeder Sozialverband seinen eigenen Menüservice, der lediglich Kunden in einzelnen Stadtteilen belieferte. So war das Rote Kreuz bis dahin nur für…

"Das unterscheidet uns von den Fundamentalisten!" - Eindrücke von einer politischen Dialogpredigt

Köln. Wie kann man als Christ Politik machen? Die Dialog-Predigt, die der scheidende Pfarrer der Jesuiten-Kirchengemeinde St. Peter am Sonntagmittag vor 250 Gottesdienstbesuchern hielt, gab den Zuhörern interessante Einblicke.


"Als Politiker müssen Sie ständig Kompromisse machen. Kommen Sie dabei als Christ schnell an ihre Grenzen?" fragte der Jesuiten-Pater in seinem Predigt-Interview den NRW-Ministerpräsidenten und katholischen Christen Armin Laschet. "Ich habe schon als Integrations-Minister ab 2005 gelernt, dass sich die Dinge nicht immer schwarz-weiß darstellen, wenn man sich den betroffenen Menschen stellt und sich von ihnen ihre Lebensgeschichte erzählen lässt", antwortete der CDU-Politiker. Auch mit Blick auf sein heutiges Amt räumte der Christdemokrat ein: "Egal, zu welcher Entscheidung man am Ende auch kommt, man sollte immer wissen, dass man die Dinge auch anders sehen könnte. Diese Einsicht unterscheidet uns von den Fundamentalisten.
Eine neue und be…

Die Bürger-Energie-Genossenschaft Ruhr-West nimmt ihre erste Photovoltaikanlage an der Elbestraße in Betrieb

Alle sprechen über Klimaschutz und Energiewende. Die 74 Mitglieder der 2016 gegründeten Bürger-Energie-Genossenschaften Ruhr-West machen sie. Im Juni erwarb die Genossenschaft eine erste Windkraftanlage. Jetzt konnte auf dem Firmendach des Dachdeckermeisters Kurt Essers an der Elbestraße im Speldorfer Hafen die erste Photovoltaikanlage in Betrieb genommen werden.
„Jetzt haben wir das erste Projekt am Start und hoffen auf die Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt der Genossenschaftsvorstand und Projektleiter Dr. Volker Thiele.
Zurzeit plant und finanziert die Bürgergenossenschaft, die sich über jeden neuen Genossen freut, bereits zwei weitere Anlagen.
Genossenschaftsvorstand Peter Loef geht davon aus, dass man ein Drittel des örtlichen Energiebedarfs mit Photovoltaikanlagen abdecken könnte, wenn man gezielt alle dafür geeigneten Dächer nutzen würde. Große Dächer von Firmengebäuden eignen sich für die Montage von Photovoltaikanlagen besonders gut. Aber auch private Hausdächer kommen in Frage.
„Ich…

Die Physiotherapeutin Silke Timmermann: Seit 25 Jahren betreibt sie ihre Praxis an der Schloßstraße

Es gibt sie noch, die Erfolgsgeschichten an der Schloßstraße. Eine von ihnen hat die 49-jährige Physiotherapeutin Silke Timmermann geschrieben. Seit 25 Jahren betreibt sie im Haus an der Schloßstraße 8 bis 10 eine physiotherapeutische Praxis.
„Als ich vor 25 Jahren als selbstständige Krankengymnastin begann, habe ich hier zunächst ganz allein gearbeitet. Anmeldung, Buchhaltung, Therapie, Räume putzen und Wäsche waschen, alles habe ich im ersten halben Jahr ganz alleine gemacht“, erinnert sich Timmermann an ihre Anfänge. Nach sechs Monaten lief die Praxis so gut, dass sie ihre erste Mitarbeiterin anstellen konnte. Heute beschäftigt Timmermann in ihrem Therapie-Team acht Mitarbeiterinnen und zwei Mitarbeiter.
„Das wichtigste für uns ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. Denn zufriedene Patienten bringen die nächsten Patienten in die Praxis“, sagt Timmermann. Auch wenn Freizeit und Urlaub mit der Familie für die selbstständige Physiotherapeutin Seltenheitswert haben, hat die Mutter von zwei Söh…

Glück ist Ansichtssache

Worüber kann man glücklich sein? So fragt sich mancher Zeitgenosse. Ich war glücklich, als ich jetzt beim Bürgerfest der Sparkasse mit Mühe und Muskelkraft einen Rollstuhlparcours bewältigen und danach wieder aufstehen und auf meinen beiden gesunden Beinen meiner Wege gehen konnte. Es macht auf jeden Fall glücklicher, wenn man erkennt, was man hat, statt sich stetig darüber zu ärgern, was einem fehlt.

Und wenn wir, die wir durchs Leben gehen und vielleicht auch rollen müssen einfach mal aufeinander zugehen statt achtlos aneinander vorbei, könnten wir vielleicht erleben, dass es unserem Mitmenschen auch nicht viel besser geht, als uns. Und wenn wir dann noch im miteinander reden und im Mitdenken und im gemeinsamen Tun sähen, dass uns der Neid und die Angst, zu kurz zu kommen, ausbremst, dann kämen wir gemeinsam weiter und wirklich voran.

Dieser Text erschien am 23. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Der Tagespflge-Bedarf wächst: Deshalb geht die Familie Behmenburg mit einem neuen An gebot an den Start

Obwohl es, laut Stadtverwaltung, in Mülheim derzeit bereits sieben Tagespflegeanbieter mit jeweils 12 bis 18 Plätzen gibt, hat sich die Familie Behmenburg, die seit 1992 den ambulanten Pflegedienst Pflege zu Hause betreibt, dazu entschlossen, in ihrer Firmenzentrale am Flughafen eine achte Tagespflegestation mit 18 Plätzen einzurichten.

„Der Bedarf ist groß und er wächst mit dem demografischen Wandel. Wir bräuchten in Mülheim so viele Tagepflegestationen, wie Kindertagesstätten“, betont Martin Behmenburg. Zum Vergleich: Derzeit gibt es in Mülheim 87 Kindertagesstätten. 
Behmenburgs Tochter Felicitas übernimmt die Pflegedienstleistung der neuen Tagespflege am Flughafen. Neun Fachkräfte werden sich um die  bis zu 18 Tagesgäste kümmern. „Wir haben schon einige Kunden für unseren Tagespflegedienst gewonnen, der am 4. September an den Start geht und montags bis freitags zwischen 7.30 Uhr und 17 Uhr für seine Kunden dasein wird“, nennt Behmenburg die Eckdaten. „Unser Konzept heißt nicht satt …

Rudern und genießen: Ein Zeitsprung zwischen dem Leinpfad und der Mendener Straße

Als diese Postkartenzeichnung aus dem Stadtarchiv entstand, wurde auf der Ruhr bereits gerudert. Und die Gäste der Gaststätte Ruhrtal genossen vom Bootshaus zwischen der Mendener Straße und dem Leinpfad die Aussicht auf die Ruhr.

Anno 1906 taten sich zwölf ruder-begeisterte Mülheimer zum Wassersportverein zusammen, der sportlich erfolgreich, bis heute an der Mendener Straße 68 zu Hause ist. 1921 kaufte der Verein das Gasthaus und machte es zu seinem Vereinshaus. War das Rudern beim WSV zunächst reine Männersache, so wurden ab 1913 auch Ruderinnen zugelassen, die ab 1930 die erste Damenriege des Vereins bildeten. Auf der Poskartenansicht aus dem frühen 20. Jahrhundert sieht man noch keine Mendener Brücke. Sie wurde erst 1938 als Hermann-Göring-Brücke eingeweiht und zerschnitt damit das Vereinsgrundstück des Mülheimer Wassersportvereins. 

Die Bomben des Zweiten Weltkrieges zerstörten 1943 auch das Vereinshaus an der Ruhr. Die Ruderer des WSVs mussten bei Null anfangen. Obwohl es bereits i…

Der Postmann vom Land: 2011 kam Georg Jurga als Zusteller zur Deutschen Post-Tochter DHL: Heute gehört er zu den neun Verbund-Zustellern der DHL, die für den Mülheimer Süden zuständig sind: Er bringt und holt Briefe und Pakete

150 Männer und Frauen sorgen als Post- und Paket-Zusteller dafür, dass täglich 100.000 Briefe und bis zu 10.000 Pakte in Mülheim ankommen. Einer von ihnen ist der 49-jährige Georg Jurga. 2011 kam der gelernte Einzelhandelskaufmann, der zwischenzeitlich für einen Süßwarenspediteur gearbeitet hatte, als Zusteller zur Deutschen Post und ihrer Tochter DHL.

Den Arbeitsplatzwechsel hat der dreifache Familienvater nicht bereut. „Die Arbeitsbedingungen sind fair. Man kann sehr selbstständig arbeiten und ist fast immer an der frischen Luft. Und wir sind ein gutes Team, in dem jeder dem anderen hilft, wenn es nötig wird“, beschreibt Jurga seinen Arbeitsplatz beim Post-Zusteller DHL.

Wenn er von „seinem“ oder von „unserem“ Team spricht, dann meint Georg Jurga die neun Verbund-Zusteller, die, wie er, im Mülheimer Süden unterwegs sind. Dort, wo es in Mülheim ländlich wird, wie auf Jurgas Tour durch Selbeck, müssen die Postler vielseitig sein. Sie stellen Briefe und Pakete zu. Oft nehmen sie auch Pak…

Zeitzeugen erinnerten sich: Horst Heckmann und Horst Rübenkamp erzählten in der Buchhandlung Fehst aus ihrer Kindheit und Jugend im Dritten Reich: 30 Zuhörer kamen zur Zeitzeugenbörse in der Buchhandlung Fehst

Nichts ist lebendiger, als Zeitgeschichte, die von Zeitzeugen erzählt wird. Das konnten jetzt 30 Zuhörer bei einer Zeitzeugen-Lesung mit Horst Heckmann (Jahrgang 1928) und Horst Rübenkamp (Jahrgang 1932) erleben.

Im angenehmen Ambiente der Buchhandlung am Löhberg berichteten Rübenkamp und Heckmann kurzweilig und zugleich berührend über ihre Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus.
Gemeinsam erinnerten sie sich an eine Zeit, die sich als „abenteuerlich“ und auch „fröhlich und vergnüglich“, dann aber wieder als „furchtbar“ erlebt haben.

Die schönen Seiten. Das waren die Fußballspiele auf der Straße, die nur selten von Lieferwagen und Pferdefuhrwerken unterbrochen wurden. Das waren die Ernteeinsätze auf dem Land und die ersten Kino-Erlebnisse mit „Die Frau meiner Träume“ oder „Quax, der Bruchpilot“ im Ufa-Palast oder im Löwenhof oder auch die Geländespiele beim Jungvolk und später bei der Hitler-Jugend. Die schlechten Seiten: Das waren die Luftangriffe, die sie in Kellern und Bunkern übe…

Die Gnade der frühen Geburt

Wer sich die Zeit nimmt, um in alten Zeitungen, etwa anno 1900, nachzulesen, wie die damaligen Zeitgenossen, ihre noch wesentlich knapper bemessene Freizeit verbrachten, lernt viel über unsere Zeit. Man stößt auf eine Unmenge von Gaststätten, geselligen Veranstaltungen und Vereinen. Das reicht vom Raucherclub über den Gesangverein bis hin zur Literaturgesellschaft. Man fragt sich: Woher nahmen die Menschen bloß die Zeit für all diese Aktivitäten. Und dann kommt man darauf, dass sich unsere Vorfahren die Zeit nahmen, die wir heute oft mit Fernsehen, Internet, Hörfunk, Smartphones, Computerspielen, Staufahrten in den Urlaub und anderen Zerstreuungsmöglichkeiten vergeuden. Natürlich lebten auch die Zeitgenossen um 1900 nicht im Paradies. Aber sie wurden dank ihrer frühen Geburt von weitaus weniger Zeitfressern daran gehindert, sich Zeit für die wichtigen Dinge zu nehmen. Früher war nicht alles, aber manches besser. Aber zum Glück kann man als Zeitgenosse ja aus der Geschichte lernen. Und…

170 Jahre Pfarrbücherei St. Mariae Geburt: Ihr ehrenamtliche Leiterin Maria Baumgarten erzählt

170 Jahre. So lange gibt es in der Stadt-Pfarrei St. Mariae Geburt eine Pfarrbücherei. Damit dürfte sie zu den landesweit ältesten ihrer Art gehören. Seit 30 Jahren wird die kleine und gemütliche Bibliothek an der Pastor-Jakobs-Straße von Maria Baumgarten geleitet. Wie ihre acht Kolleginnen, arbeitet Baumgarten, ehrenamtlich. „Ich investiere 10 bis 15 Stunden pro Woche. Aber das mache ich gerne. Denn meine Kolleginnen und ich lernen interessante Menschen kennen, die nicht nur Bücher, sondern oft auch ein offenes Ohr und ein gutes Gespräch suchen“, erzählt Baumgarten. Die 80-Jährige, die früher auch als ehrenamtliche Katechetin und Pfarrgemeinderätin aktiv war, kennt noch die Zeiten, in denen die Regale der Pfarrbücherei nur mit frommen Büchern gefüllt waren. Doch das ist Vergangenheit. „Wir sind eine Katholische öffentliche Bücherei und haben inzwischen auch viele muslimische Nutzer. Wir fragen niemanden nach seiner Konfession“, betontBaumgarten. Und so finden sich neben religiösen Büche…

Die Wiederauferstehung einer Kaufhaus-Legende: Ein Zeitsprung an der unteren Schloßstraße

Als das Foto aus dem Stadtarchiv entsteht schreibt man das Jahr 1935. Das Woolworth-Kaufhaus, das heute mit Gastronomie, Einzelhandel und Wohnraum wiederbelebt werden soll, steht damals erst  seit acht Jahren.

Wie man sieht, ist die Schloßstraße damals noch eine Durchbruchstraße. Das Haus, das man im Hintergrund, quer zum Straßenverlauf,  sieht, wird schon ein Jahr später verschwinden. Die Schloßstraße wird das Bild annehmen, das wir heute von ihr kennen. „1938 fuhr die erste Straßenbahn über die Schloßstraße“, weiß der 1936 geborene Walter Neuhoff von seinem Vater Wilhelm.

Auch als die Schloßstraße 1974  zur Fußgängerzone wird, bildet das vom Bauhausstil der 20er Jahre  inspirierte Kaufhaus das Eingangstor zur Geschäftsstraße. Doch 90 Jahre, nachdem Woolworth erstmals seine Türen an der Schloßstraße öffnete, ist für die zuletzt 19 Mitarbeiter des Kaufhauses für immer Feierabend.

Das Geschäftsmodell alles kaufen unter einem Dach steckt in der Krise. Drei Jahre nach Woolworth schließt auc…

Worüber man so redet

Sage mir, worüber du redest und ich sage dir, wer du bist. Wenn man über die Schloßstraße schlendert und hier oder dort ein Rentner-Clübchen sitzen und stehen sieht, hört man entweder etwas über den letzten Urlaub oder über den nächsten Arztbesuch.

Wenn man eine Gruppe oder ein Pärchen nadelgestreifter Anzugträger beim Mittags-Meeting im Bistro sitzen sieht, sprechen sie garantiert über ihren Chef, ihr aktuelles Projekt oder über den nächsten Karrieresprung. Wohl beleibte Menschen haben natürlich nur ein Leib- und Magen-Thema: Gutes Essen und Trinken. Entweder tauschen sie sich über Rezepte oder Restaurants aus. Da bleib ich auch schon mal gerne stehen und höre mit. Wirklich begeistert hat mich aber eine hoch betagte Dame, der ich jetzt zum Geburtstag gratulieren durfte. Meine Eingangsfrage, was aus ihrer lebenerfahrenen Perspektive das Schönste im Leben sei, beantwortete sie mir prompt mit: „Sex, natürlich!“

Wenn sie es mit ihrer langen Lebenserfahrung sagt, muss es stimmen. Wenn das k…

Loch an Loch und hält doch

Kennen Sie noch Alfred Zerban? Der Mann machte einst für den WDR-Hörfunk Testfahrten mit Autos der verschiedenen Hersteller. Der Härtetest für die Fahrzeuge und den Fahrer war die sogenannte „Folterstrecke“, bei der es auf vier Rädern über mehr als nur über Stock und Stein ging,

Gestern fühlte ich mich wie Zerban auf der Folterstrecke. Dabei habe ich noch nicht mal einen Führerschein und bin deshalb oft zu Fuß unterwegs. Als Innenstadt-Bewohner dachte ich bisher,
das Fußgänger-Pflaster auf der Leineweber-Straße sei die größtmögliche aller Zumutungen und Stolperfallen. Seit gestern ist für mich in diesem Punkt aber der untere Steinknappen rekordverdächtig. Neben der wunderbar glatten Fahrbahn fühlt man sich als Fußgänger auf dem so genannten Gehweg wie ein Hindernisläufer oder ein Trabi in der DDR.

Die DDR und ihr real existierender Sozialismus sind nicht nur, aber auch an ihren Straßenzuständen gescheitert. Das sollte unserer Stadt zu denken geben. „Loch an Loch und hält doch“ An diesem …

St. Mariae Rosenkranz: Die Kirche der kleinen Leute ist ein großes Kunstwerk

Kirchen kann man nicht nur während des Gottesdienstes besuchen. Jetzt führte Gemeindemitglied Beate Düster Kultur- und Kunstinteressierte durch St. Mariae Rosenkranz, um ihnen zu zeigen welche geistlichen Kulturschätze St. Mariae Rosenkranz zu bieten hat. Die nächsten kostenlose Kirchenführung am Marienplatz in Styrum bietet Gemeindemitglied Hans Hanisch am 27. August um 12.30 Uhr an. "Mir liegt diese Kirche ganz besonders am Herzen, weil sich hier ganz einfache Menschen krumm gelegt haben, um sich einen würdigen Ort der Seelsorge zu schaffen", erklärt Beate Düster. Deshalb führt sie interessierte Menschen nicht nur sonntags in den Sommerferien durch die sehenswerte Kirche ihrer 3000-Seelen-Gemeinde im Mülheimer Norden.

Sie hat den wenigen, aber umso interessierter zuhörenden Teilnehmern der Kirchenführung viel zu zeigen und zu erzählen. "Wir hätten niemals gedacht, dass eine Arbeiter-Kirche so viele Schätze in sich birgt", sind sich Oliver Birnkammer und Urszula Ch…

Hungern und sterben für Kaiser und Reich: Vor 100 Jahren gibt es Lebensmittel auch in Mülheim nur auf Karte. Die Mülheimer gehen zum Hamstern aufs Land oder essen Maisbrote, Brennsuppe und Steckrüben: Der Erste Weltkrieg fordert viele Opfer

Wer heute am Sinn der Europäischen Union zweifelt, sollte 100 Jahre zurückschauen. Im Sommer 1917 wird auch in Mülheim gehungert. Denn das auf Lebensmittel- und Rohstoff-Importe angewiesene Deutschland steht im Krieg. Um das Kaiserreich in die Knie zu zwingen, hat der Kriegsgegner Großbritannien eine Seeblockade verhängt.

Lebensmittel und Rohstoffe werden knapp. Seit 1915 sind Lebensmittel rationiert. Bezugskarten werden zur neuen Währung beim Einkauf. Nicht nur vor dem Lebensmittelgeschäft Zorn an der Leineweberstraße kommt es immer wieder zu Menschenaufläufen. Ein halbes Pfund Butter kostet damals 15 Mark. Die von Oberbürgermeister Paul Lembke geführte Stadt richtet in ihrem Schlachthof eine Konservenfabrik und eine Gemüsedörranstalt ein, um Lebensmittelvorräte für den Winter anzulegen.

Es fehlt am nötigsten, auch am Mehl. So ist der Brotbezug auf 14-täglich zwei Brote und 20 Brötchen pro Person begrenzt. War die Kriegsbegeisterung im August 1914 noch groß und die Mülheimer Zeitung ti…

Tipps für einen Polit-Pensionär

Wer Zeitung liest, wem sage ich das, weiß mehr und wundert sich entsprechend. Jetzt las ich in unserer Zeitung, dass inzwischen ein Viertel der Erwerbstätigen einen Minijob hat, um über die Runden zu kommen. Vor allem Rentner, so erfuhr ich, versuchten damit ihre Altersbezüge aufzubessern.

Zeitgleich wurde gemeldet, dass jetzt auch unser Alt-Bundespräsident Christian Wulff, auf seine noch gar nicht alten Tage als Prokurist bei einer türkischen Modefirma angeheuert hat. Das kommt mir spanisch vor. Bekommt unser ehemaliges Staatsoberhaupt nicht ein jährliches Ruhegehalt von mehr als 200.000 Euro? Muss der Mann, der zwei Jahre an der Spitze unseres Staates stand, jetzt wirklich als deutscher Gastarbeiter in die Türkei gehen?

Da schüttelt selbst mein türkischer Nachbar, der vor über 50 Jahren als Gastarbeiter an die Ruhr kam, weil er zu Hause keine Arbeit fand, altersmilde den Kopf.

Er staunt nach der Zeitungslektüre darüber, dass der Polit-Pensionär, anders als andere Empfänger…