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Der Postmann vom Land: 2011 kam Georg Jurga als Zusteller zur Deutschen Post-Tochter DHL: Heute gehört er zu den neun Verbund-Zustellern der DHL, die für den Mülheimer Süden zuständig sind: Er bringt und holt Briefe und Pakete

DHL-Zusteller Georg Jurga bei seiner Tagestour durch Selbeck
150 Männer und Frauen sorgen als Post- und Paket-Zusteller dafür, dass täglich 100.000 Briefe und bis zu 10.000 Pakte in Mülheim ankommen. Einer von ihnen ist der 49-jährige Georg Jurga. 2011 kam der gelernte Einzelhandelskaufmann, der zwischenzeitlich für einen Süßwarenspediteur gearbeitet hatte, als Zusteller zur Deutschen Post und ihrer Tochter DHL.

Den Arbeitsplatzwechsel hat der dreifache Familienvater nicht bereut. „Die Arbeitsbedingungen sind fair. Man kann sehr selbstständig arbeiten und ist fast immer an der frischen Luft. Und wir sind ein gutes Team, in dem jeder dem anderen hilft, wenn es nötig wird“, beschreibt Jurga seinen Arbeitsplatz beim Post-Zusteller DHL.

Wenn er von „seinem“ oder von „unserem“ Team spricht, dann meint Georg Jurga die neun Verbund-Zusteller, die, wie er, im Mülheimer Süden unterwegs sind. Dort, wo es in Mülheim ländlich wird, wie auf Jurgas Tour durch Selbeck, müssen die Postler vielseitig sein. Sie stellen Briefe und Pakete zu. Oft nehmen sie auch Pakte mit. Denn die nächste Poststelle ist für die Menschen im grünen Südzipfel der Stadt weit weg.

In der Hauptpoststelle hinter der Deutschen Postbank am Hauptbahnhof bepacken Jurga und seine Kollegen morgens ab sieben Uhr ihre Sonnenblumen-gelben Posttransporter. „60 bis 70 Pakete und 350 Briefe“, schätzt Jurga seine Tagesladung. Bevor er seinen Lieferwagen über Selbecks zum Teil äußerst engen Feld- und Waldwege steuert, wo man unter anderem Pferden, Gänsen, Reitern, Landwirten, Radfahrern und Spaziergängern begegnet, muss er erst die lange Kölner Straße abarbeiten.

Diese Straße hat es in sich. Auf den Vorbeifahrenden wirkt sie, wie eine lange Strecke mit einigen Wohnhäusern, Geschäften und Gaststätten. Doch Jurga kennt das Terrain besser. Er weiß: Hier muss er viel Fersengeld bezahlen. Denn hinter der langen Straßenfront verbergen sich zuweilen labyrinth-ähnliche kleine Wege, die zu vielen versetzt stehenden Häusern führen. Es sind Häuser, die man auf den ersten Blick von der Straße aus nicht sieht.

Man glaubt es nicht, wenn man Jurga nicht begleitet hat. Aber man kann problemlos sechs- bis sieben Stunden zwischen Kölner Straße, Erzweg, Stooter Straße, Stockweg und Brucher Hof unterwegs sein, ohne dass es langweilig würde. Fahren, zu Fuß gehen, aussteigen, wieder einsteigen, Pakete ein- und auspacken, Treppe auf, Treppe ab, schnell die Straßenseite wechseln und aufpassen, dass man nicht überfahren wird. Das ländliche Revier ist für Georg Jurga, wie gemacht. Denn der Postzusteller, der nicht von ungefähr Sportschuhe und eine trikot-ähnliche gelb-schwarze Dienstkleidung trägt, ist ein drahtiger und sportlicher Mann.

Spätestens, als Jurga, mit der Mitarbeiterin eines Online-Handels 21 Pakete voller edler Spirituosen in seinen Lieferwagen wuchtet und später noch bei einem Handel für Campingbedarf weitere Pakete für die Hauptpoststelle mit nimmt, glaubt man Jurga, wenn er sagt: „Ich brauche kein Fitnessstudio und kein Solarium.“

An diesem Tag zeigt sich Selbeck seinem Postzusteller mal von der regnerischen und mal von seiner sonnigen Seite. Jurga ist auf alles vorbereitet. Eine Regenjacke ist griffbereit. Neben sich hat er die Kiste mit den Briefen postiert, die als nächstes dran sind. Mal muss er nur den Brief durch den Briefkasten-Schlitz stecken. Mal trägt er ein Paket in die Wohnung der älteren Empfängerin. „Hundefutter ist die Hölle“, scherzt Jurga. Viele Kunden seines ländlichen Reviers, in dem man auch schon mal über Stock und Stein muss oder für den Gegenverkehr Platz machen muss, gibt es auch viele Hundehalter, die sich das Hundefutter für ihre Vierbeiner online bestellen und per Post ins Haus liefern lassen. Dann müssen Jurga und seine Kollegen besonders kräftig zupacken.

Apropos Hunde! Obwohl es in Selbeck viele Haus- und Hofeinfahrten mit Hinweisen, wie: „Vorsicht! Pflichtbewusster Hund!“ gibt, ist der Postzusteller, bisher noch nie gebissen worden. Der kluge Mann baut vor und hat Hundekuchen an Bord. Das hilft und macht den Wachhund zu seinem besten Freund, wie man es auch auf dieser Tagestour Jurgas sehen kann.

Obwohl der Zeitplan des Postzustellers eng getaktet ist und das mitgebrachte Butterbrot erst am Ende der Schicht verzehrt wird, nimmt sich der freundliche Wahl-Mülheimer aus Oberschlesien gerade bei älteren Post-Kunden die Zeit für freundlichen Small-Talk über dies und das. Das wissen die Leute, die Jurga ansprechen und bei ihm ein offenes Ohr finden, zu schätzen. Und so kommen sie ihm auch schon mal entgegen, öffnen Tore und räumen Hindernisse aus dem Weg. Doch Pferde und Reiter haben in Selbeck immer Vorfahrt. Dann heißt es für Jurga in seinem gelben Postauto: „Schritttempo!“

Apropos Schritt. Der Mann hat einen flotten Schritt, wenn er seinen Posttransporter verlässt, um über unbefahrbare enge Wege entlegene Häuser und Höfe zu erreichen. Er könnte als Geher bei den Olympischen Spielen antreten. Doch das will er nicht. Lieber ist er in seiner Freizeit mit dem Rad oder zu Fuß, als Spaziergänger unterwegs, am liebsten in Begleitung seiner Frau Monika, seiner drei erwachsenen Kinder Cassandra, Marco-Lukas und Patrick und seiner von ihm im Kinderwagen geschobenen Enkelin Chloeé. Für sie ging vor 18 Monaten die Post des Lebens ab.

Dieser Text erschien am 19. August 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

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