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"Das unterscheidet uns von den Fundamentalisten!" - Eindrücke von einer politischen Dialogpredigt

Pater Wener Holter (SJ) und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet
Köln. Wie kann man als Christ Politik machen? Die Dialog-Predigt, die der scheidende Pfarrer der Jesuiten-Kirchengemeinde St. Peter am Sonntagmittag vor 250 Gottesdienstbesuchern hielt, gab den Zuhörern interessante Einblicke.


"Als Politiker müssen Sie ständig Kompromisse machen. Kommen Sie dabei als Christ schnell an ihre Grenzen?" fragte der Jesuiten-Pater in seinem Predigt-Interview den NRW-Ministerpräsidenten und katholischen Christen Armin Laschet. "Ich habe schon als Integrations-Minister ab 2005 gelernt, dass sich die Dinge nicht immer schwarz-weiß darstellen, wenn man sich den betroffenen Menschen stellt und sich von ihnen ihre Lebensgeschichte erzählen lässt", antwortete der CDU-Politiker. Auch mit Blick auf sein heutiges Amt räumte der Christdemokrat ein: "Egal, zu welcher Entscheidung man am Ende auch kommt, man sollte immer wissen, dass man die Dinge auch anders sehen könnte. Diese Einsicht unterscheidet uns von den Fundamentalisten.

Eine neue und besondere Sicht forderte der NRW-Ministerpräsident auch bei den Politikfeldern Ökonomie, Ökologie und Integration ein.
Von Pater Holter auf die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Armen und Reichen angesprochen, reagierte Laschet mit dem Appell "der Arbeit einen eigenen moralischen Wert zu geben" und diesen nicht nur dem Umweltschutz zuzugestehen. Der absolute moralische Vorrang für die Ökologie, so der CDU-Politiker, "gefährdet auf Dauer unsere Industriearbeitsplätze, die wir auch dann brauchen, wenn sie, wie in der chemischen Industrie, nicht immer nur schön sind." Angesichts der voranschreitenden Digitalisierung des Arbeitsmarktes machte Laschet deutlich, "dass wir in unserem Land auch wieder mehr einfache Arbeitsplätze brauchen." Die Politik, so Laschet weiter müsse konkrete Antworten auf die Fragen liefern, die sich etwa aus dem von Wissenschaftlern der Universität Cambrige entworfenen Szenario ergäben, "dass die Digitalisierung in den nächsten 20 Jahren etwa 700 Berufe verschwinden lassen wird und wir plötzlich vor der Frage stehen: Was machen wir, wenn niemand mehr Taxifahrer werden kann, weil wir dann selbstfahrende Autos haben werden."

Der Christdemokrat erinnerte in diesem Zusammenhang an die 1891 von Papst Leo XIII. "viel zu spät" formulierte katholische Soziallehre und ihre Bekräftigung durch Papst Johannes Paul II. im Jahre 1991. Nach der von ihm mit vorangetriebenen weltpolitischen Wende von 1989/90 habe der Papst aus  Polen den Westen zurecht ermahnt: "Dies war eine Niederlage des Kommunismus, aber kein Sieg des Kapitalismus."

Pater Werner Holter fragte auch nach den Herausforderungen, die sich aus der Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen nicht nur für NRW ergeben. Hierzu stellte der Ministerpräsident fest: "Wir sind ein Einwanderungsland und müssen deshalb mehr dafür tun, dass Kinder, unabhängig von ihrem Elternhaus, durch Bildung eine soziale Chancengleichheit bekommen. Dabei sehe ich Bildung nicht als eine Frage der etnischen Herkunft, sondern als eine soziale Frage an. Denn oft kann das Kind des türkischen Rechtsanwaltes viel besser deutsch sprechen, als manches deutsche Kind, weil in vielen Familien heute leider zu wenig vorgelesen wird."

Vor dem aktuellen Hintergrund des islamistischen Terroranschlages in der Kölner Partnerstadt Barcelona, nannte es Armin Laschet ein "ermutigendes Zeichen, dass Christen und Muslime dort gemeinsam um die Opfer getrauert und die Täter verurteilt haben."

Dieser Text wurde am 20. August 2017 über die Katholische Nachrichtenagentur KNA verbreitet


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