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Stolpersteine geben NS-Opfern ein Gesicht

An Stolpersteinen nimmt man Anstoß. Doch in Mülheim und 1264 anderen Städten Europas liegen auch Stolpersteine, die ein Denkanstoß sind. Mit ihren Namen und Lebensdaten erinnern sie an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, verlegt vor ihren letzten freiwilligen Wohnorten. Die Idee dazu hatte der Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine des Gedenkens seit 1996 verlegt. Am 24. Mai werden in Mülheim weitere 20 Stolpersteine verlegt. Dann werden 168 Mülheimer, die zu Opfern der NS-Diktatur geworden sind an 92 Stellen im Stadt- und Straßenbild sichtbar sein.
Genau das ist auch das Ziel der derzeit 15 Menschen, die sich in der örtlichen Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine, die sich regelmäßig im Stadtarchiv an der Von-Graefe-Straße treffen, um Opfer-Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus zu recherchieren und auf der Internetseite des Stadtarchivs www.stadtarchiv-mh.de zu dokumentieren. "Wir wollen den Opfer ein Gesicht geben", sagt der langjährige Stolperstein-Aktivist Friedrich-Wilhelm von Gehlen. Bei ihrer Arbeit werden sie von Stadtarchivarin Annett Fercho unterstützt. Akten und Meldekarten werden ausgegraben und ausgewertet. "Oft kommt der erste Hinweis von Verwandten oder Nachbarn, die die Menschen gekannt haben, die dem Hitler-Regime zum Opfer gefallen sind", berichtet Fercho. So war es auch im Fall der psychisch kranken Katharina Sandmann, deren Schicksal von ihrer Großnichte Ingvild Mathe-Anglas rechiert und dokumentiert ist. Die Journalistin wird den Lebens- und Leidensweg ihrer Großtante, der einer der neuen Stolpersteine gewidmet ist, am 23. Mai um 19 Uhr mit einem eintrittsfreien Vortrag im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße 37 vorstellen.

Fundierte Forschungsarbeit

Für den Leiter des Stadtarchivs, Dr. Kai Rawe, ist die Mitarbeit seines Hauses in der AG Stolpersteine "ein Teil unseres Auftrages, die Geschichte unserer Stadt nicht nur zu verwahren und zu verwalten, sondern auch aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In diesem Sinne ist die Arbeit, die hier von engagierten und interessierten Bürgerinnen und Bürgern geleistet wird nicht nur eine emotionale Auseinandersetzung mit dem Schicksal der NS-Opfer, sondern eine fundierte Forschungsarbeit."
Für die Stolperstein-Rechercheurin und Autorin Christel Squarr-Tittgen geht es darum "mit den Opfer-Biografien Geschichte erlebbar zu machen und das perfide Verfolgungssystem der Nationalsozialisten aufzuzeigen." Ihr Kollege David Bakum (19) möchte den NS-Opfern "ihren Namen zurückgeben" und mit dazu beitragen, "dass sich diese Geschichte nicht wiederholt." Als Mitglied der Jüdischen Gemeinde hat seine Mitarbeit in der AG Stolpersteine nicht nur eine historische, sondern auch eine biografische Dimension. "Es ist schon ein gruseliges Gefühl, wenn man die Akten in Händen hält, die damals Menschen in Händen gehalten und bearbeitet haben, die nichts gutes im Schilde führten", sagt Bakum.
Angesichts der Tatsache, dass allein 270 jüdische Mülheimer dem Holocaust zum Opfer gefallen sind, geht Friedrich Wilhelm von Gehlen davon aus, dass die jetzt vorliegenden 168 Opfer-Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus noch lange nicht das Ende der Recherche- und Dokumentationsarbeit der AG Stolpersteine bedeuten. Diese Arbeit, daran erinnert Bürgermeisterin Margarete Wietelmann jetzt bei der Vorstellung der neuen Stolperstein-Etappe, wurde in Mülheim 2004 von Schülern der Realschule Stadtmitte begonnen. Zum 75. Geburtstag ihrer Schule recherchierten und dokumentierten sie damals die Biografien jüdischer Mitschüler, die im Zuge des Holocaust ermordet worden waren.
Auch wenn sich Friedrich Wilhelm Gehlen an einen Fall erinnern kann, in dem ein Mann gegen  die Verlegung eines Stolpersteins vor seinem Haus protestierte, "weil dann ja jeder weiß, dass ich das Haus damals für einen Appel und ein Ei gekauft habe", sieht er in der Tatsache, dass sich immer wieder Spender für die 120 Euro kostenden Stolpersteine mit den in Messing gravierten Namen und Lebensdaten der NS-Opfer finden, dass diese Form des Gedenkens im öffentlichen Raum in der Mülheimer Bürgerschaft eine breite Akzeptanz findet.
Dieser Text erschien am 16. Mai 2019 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

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