Samstag, 27. September 2014

Wie und warum an die Shoa erinnern? Eindrücke aus einer Tagung in der katholischen Akademie Die Wolfsburg


„Wie und warum die Shoa erinnern?“ Eine schwierige Frage. Eine Tagung in der Wolfsburg stellte sie am 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen. Tagungsleiter Jens Oboth nannte gleich zu Beginn zwei Zahlen, die er selbst als unfassbar beschrieb: 55 Millionen Menschen verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben. 6 Millionen Menschen wurden Opfer der Shoa. „Wie kann man dieses unglaubliche Menschheitsverbrechen der nachwachsenden Generation vermitteln, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden“, fragte Oboth.

Der Regisseur Johannes Kuhn gab eine Antwort mit seinem Film „Der Dachdecker von Birkenau.“ In ihm gab er den millionenfachen Holocaust-Opfern ein Gesicht, in dem er den 90-jährigen Mordechai Ciechanower an den Orten seines Martyriums von seinem Leiden und Überleben in sechs Konzentrationslagern und Ghettos berichten ließ. „Das war das schlimmste Erlebnis in meinem Leben. Das hat mich zerbrochen“, erinnert sich Ciechanower im ehemaligen KZ Auschwitz-Birkenau, in dem er einst als Dachdecker arbeiten musste, an den 10. Dezember 1942. Es war der Tag, an dem er auf der Rampe des Konzentrationslagers von Mutter und Schwester getrennt wurde und sie nie wiedersehen sollte. Sein Vater und er durchlebten und überlebten die Hölle des Holocaust und sollten sich nach Kriegsende in einem Camp für „displaced persons“ wiedersehen.
Nach 100 belastenden und zugleich beeindruckenden und berührenden Filmminuten, fällt der Beginn der Diskussion nicht leicht. „Dieser Film wird mich noch lange beschäftigen,“ sagt eine Tagungsteilnehmerin. „Das Schlimmste war die Erniedrigung der Menschen und ihr Schwanken zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit“, sagt eine andere. Wer diesen Film gesehen hat, und das sollte jeder einmal getan haben, weiß, was der Holocaust war und was er angerichtet hat.

Der im christlich-jüdischen Dialog aktive Theologe Hans Hermann Henrix und die im Stiftungsrat der internationalen Jugendbegegnungsstätte des ehemaligen KZs Auschwitz engagierte Politikwissenschaftlerin Katarina Bader bescheinigen Kuhn: „Sie haben der Erzählung des Überlebenden, den Platz eingeräumt, der ihm zukommt und auf jedes Spiel mit Effekten und Emotionen verzichtet.“
Kuhn und Bader sind sich einig, dass sich die Enkelgeneration im Erinnern an die Shoa leichter tut, als die Kinder der Tätergeneration, deren Erinnerung an Krieg und Holocaust noch stärker von Schuldzuweisungen an die eigenen Eltern dominiert werde. Kuhns Film, der vom Verein Gegen das Vergessen und für Demokratie produziert worden ist, zeigt es. Die Jugendlichen, denen Mordechai Ciechanower seine Geschichte erzählt, fragen ihn interessiert und unbefangen. Und er ermutigt sie dazu. „Die Jugend muss wissen, was passiert ist, damit sich so etwas nicht wiederholt. Fragen Sie alles, was Sie wissen wollen und haben Sie keine Scham“, sagt er. Dass der Holocaust-Überlebende mit Elan, aber ohne Verbitterung und Schuldzuweisung von seinem Leidensweg berichtet, beeindruckt nicht nur Regisseur Kuhn, der ihn 2005 im ehemaligen KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen kennengelernt und 2013 auf seiner Zeitreise zu seinen Leidensstationen begleitet hat. Auch die Zuschauer sind sichtbar bewegt.

„In Auschwitz ist nicht das Judentum, sondern das Christentum gestorben“, zitiert Jens Oboth mit Elie Wiesel einen anderen Holocaust-Überlebenden und stellt damit die selbstkritische Schuldfrage in Richtung Katholische Kirche. „Dass müssen wir uns als Christen gesagt sein lassen“, räumt Theologe Henrix ein. Ausgehend von einem Hirtenwort der deutschen Bischöfe im August 1945 beschreibt er die lange Entwicklung von der Schuldverdrängung, die den Katholizismus allein als Hort des Widerstandes sehen wollte bis zum klaren Eingeständnis der eigenen Schuld, wie sie im November 1975 von den deutschen Bischöfen in ihrer Erklärung „Unsere Hoffnung“ formuliert worden sei. Henrix erinnert daran, dass es unter den 500.000 aktiven Nazis auch viele getaufte Christen gegeben habe. Er zitiert in diesem Zusammenhang das Wort des Münsteraner Theologen Johann Baptist Metz: „Die Katholiken haben während der NS-Zeit mit dem Rücken zum verfolgten jüdischen Volk einfach weitergelebt.“
Auch Tagungsteilnehmer, die während der 50er und frühen 60er Jahre zur Schule gegangen sind, erinnern sich an Lehrer, „die viel gewusst, aber nichts gesagt und kräftig verdrängt haben.“ Der Theologe Henrix wirbt um Verständnis für diesen frühen Verdrängungsprozess: „Wir brauchten als Gesellschaft diese Zeit, um ein erwachsenes Verhältnis zu unserer Geschichte zu bekommen.“ Bis zu der vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker 1985 formulierten Einsicht, „dass der 8. Mai 1945 auch für die Deutschen kein Tag der Niederlage, sondern ein Tag der Befreiung gewesen ist“, sei es ein weiter Weg gewesen. Filmische Zeitzeugenberichte, wie ihn jetzt die katholische Akademie in Mülheim zeigte, sind für Henrix geeignet, den Holocaust auch für die nachfolgende Generation anschaulich und begreifbar zu machen.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen bei der Mitarbeit in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz und beim Verfassen einer Biografie des Holocaust Überlebenden Jurek Hronowski („Jureks Erben“) plädiert Katarina Bader dafür, Raum für die Begegnung christlicher, jüdischer und islamischer Jugendlicher zu schaffen und auch die Kinder der Holocaust-Opfer und Überlebenden stärker in Zeitzeugenbefragungen mit einzubeziehen.
Baders Bilanz: „Die meisten Jugendlichen halten die Erinnerung an die Shoa und den Krieg für sinnvoll. Sie haben aber oft den Eindruck, dass man nicht offen und ehrlich darüber sprechen kann, weil es noch zu viele Tabus gibt. Deshalb müssen wir selbstkritisch darüber nachdenken, ob die Enkel- und Urenkelgeneration in das Erinnerungsgebäude einziehen will, das wir ihnen aufgebaut haben.“ (Thomas Emons)

Johannes Kuhns und Mordechai Ciechanowers Zeitzeugen-Film „Der Dachdecker von Birkenau wird ab November 2014 als DVD erhältlich sein. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.der-dachdecker-von-birkenau.de

 Dieser Text erschien am 12. September 2014 im Neuen Ruhrwort

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen