Montag, 29. September 2014

Geld ist doch nicht alles: Der Organisator der Mülheimer Bibeltage, Oskar Dierbach, über die fortschreitende Ökonomisierung unserer Gesellschaft

"Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Was hat uns dieses über 2000 Jahre alte Wort aus der Bergpredigt Jesu heute noch zu sagen? Es könnte nicht aktueller sein, glaubt der Organisator der ökumenischen Mülheimer Bibeltage, Oskar Dierbach. Deshalb hat Dierbach, der als Pflegedienstleiter im Altenheim Ruhrgarten arbeitet, zusammen mit einem Kreis von Theologen und Nichttheologen der Gerhard-Tersteegen-Konferenz eben dieses Wort als Leitthema für die Bibeltage ausgewählt, zu denen er am 20. und 21. September rund 400 Gäste einlud. Es können natürlich auch mehr werden, weil die seit über 100 Jahren stattfindenden Bibeltage eintrittsfrei und für alle Interessierten offen sind. Aber was könnte Menschen 2014 an der Mahnung Jesu vor dem Mammon interessieren? Es würden nicht so viele Menschen zu den Bibeltagen kommen, wenn sie nicht das Gefühl hätten, dass die Frohe Botschaft vom lebendigen und in Jesus Christus offenbarten Gott, der die Menschen liebt und will, etwas mit ihrem Leben zu tun hat und ihnen gut tut, betont Dierbach. In diesem Sinne versteht er die Bibeltage 2014 als ein Forum für eine geistige und kulturelle Alternativveranstaltung zur totalen Ökonomisierung unserer Gesellschaft. Denn eben diese totale Ökonomisierung aller Lebensbereiche, die den Menschen permanent einredet: Hast du was, dann bist du was, sieht er als den Mammon unserer Tage.

Auch Kirche, Diakonie und Caritas, die in seinen Augen die Aufgabe haben, die frohe Botschaft Jesu lebendig werden zu lassen, um so zu einem Treffpunkt zwischen Gott und der Welt zu werden, atmen die gleiche Luft dieser durchökonomisierten und durchrationalisierten Gesellschaft, in der ein gnadenloser Wettlauf um materielle Vorteile herrscht und nicht nur Menschen, sondern auch Institutionen, wie Kirche, Diakonie und Caritas in Versuchung geraten, ihre eigene Mitte zu verlieren.

Dierbach hat kein Problem damit, dass die Kirche zum Beispiel als Arbeitgeber von bundesweit einer Million Menschen mit Geld wirtschaftet und Geld aus Spenden und Steuern einnimmt, solange sie nicht ihre Mitte und ihre göttliche Sendung aus den Augen verliert, nämlich, dass es für sie darum geht, den Menschen zu dienen und nicht zu verdienen.

Er erinnert daran, dass auch die Jünger Jesu Spenden für die Armen gesammelt hätten und alle Christen von Jesus aufgefordert seien, ihre Talente, zu denen auch Geld gehören könne, nicht zu vergraben, sondern damit zu wuchern. Auf der anderen Seite dürfe die Kirche, die sich immer wieder auf ihre biblischen Wurzeln besinnen müsse, nicht vergessen, dass Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieben habe. Auch die christlichen Kirchen sieht Dierbach in der Versuchung, gerade in Zeiten sinkender Kirchensteuereinnahmen und Kirchenmitgliedszahlen die Sorge um Macht, Geld und Einfluss in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns zu stellen. Wenn sie freiwillig Gott austauschen gegen den Gott Mammon, gehen sie kaputt, mahnt er und weist darauf hin, dass die großen Segenswerke der Kirche nicht durch ökonomische Konzepte, sondern durch den Gehorsam einzelner Menschen gegenüber ihrer göttlichen Sendung und der daraus folgenden Vollmacht entstanden sind. Dierbach ist überzeugt, dass wir in Deutschland nicht zu wenig Geld, sondern zu viele harte Herzen haben.

Das Beispiel einer Oberhausener Kirchengemeinde, die aus finanziellen Gründen aufgelöst werden sollte, dann aber genug Spender fand, um ihre seelsorgerische und soziale Arbeit mit einem Pfarrer und einem Jugendleiter fortzusetzen, zeigt ihm: Wo Kirche nah bei Gott und nah bei den Menschen ist, werden am Ende auch finanzielle Engpässe überwunden.

Natürlich weiß auch Dierbach, dass die Kirche ihre Mitarbeiter nicht mit Gebeten bezahlen kann. Er weiß aber auch, dass die Menschen zu Recht von der Kirche erwarten, dass sie anders mit Geld umgeht, als dies auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Unternehmen tun und dabei nie vergisst, das Geld den Menschen dienen muss und nicht umgekehrt.

Für Dierbach geht es im Kern darum, dass Kirche durch ihr authentisch gelebtes Glaubenszeugnis vor allem Herzen bewegen und die Menschen erleben lassen muss: Das, was hier geschieht, hat etwas mit meinem Leben zu tun und hier sind Menschen, die sich für mich interessieren und mir eine glaubwürdige Antwort auf die Frage geben, woher ich komme, wer ich bin und wohin ich gehe.

Dabei ist sich der evangelische Christ Dierbach mit dem katholischen Papst Franziskus einig, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinen ausbeuterischen Auswüchsen „Menschen tötet und in seiner Wurzel ungerecht ist.“ Und noch ein anderer Aspekt treibt ihn um: Auch wenn das für ihn keine inhaltlich entscheidende, sondern nur eine strukturelle Frage ist, kann er sich auch eine Kirche ohne Kirchensteuern und durch sie finanzierte Pfarrer- und Bischofsgehälter vorstellen. Das könnte, glaubt Dierbach, eine Hilfe sein, die Kirche zu erneuern, weil es eine starke Herausforderung für alle Menschen wäre, die sich um ein kirchliches Amt bewerben oder als Kirchenmitglied kirchliche Aufgaben mit finanzieren und dann sehr viel enger miteinander verbunden wären und sich deshalb auch viel stärker fragen müssten: Was tue ich warum und für wen und was erwarten wir voneinander.

Am Ende entscheidet sich für Dierbach die Zukunftsfähigkeit der Kirchen aber nicht an ihrer Finanzierung, sondern daran, ob sie ihr Handeln an der biblischen Botschaft Jesu von der Liebeszusage Gottes ausrichten und diese als ihren Mittelpunkt begreifen, sie leben und verkünden oder nicht.

Dieser Text erschien am 20. September 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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