Arme reiche Stadt


Samstag in der City. Man geht einkaufen oder mit dem Gästeführer der MST durch die Stadt. Natürlich bleibt man auf der Schloßstraße an Ernst Rasches zeitlos schöner Brunnenlandschaft stehen und bewundert sie zurecht. Rechts schaut man in Richtung Forum, links schaut man auf das neu entstehende Stadtquartier Schloßstraße. Doch auf den Mann der sich vor einem leerstehenden Ladenlokal niedergelassen hat und eingeschlafen ist, weil er keine Kraft mehr hat, weiterzugehen, schaut man lieber nicht.

Das ist keine Sehenswürdigkeit, kein Aushängeschild und kein schöner Anblick in der sympathischen Stadt am Fluss. Aber es ist ein reales Abbild unserer Stadtgesellschaft, in der allem Reichtum in der Stadt der Millionäre zum Trotz, zu wenige Bürger ihr persönliches Wirtschaftswunder genießen können und zu viele Bürger ihr blaues Wunder erleben müssen, weil sie als Zaungäste und Stiefkinder der Konjunktur auf keinen grünen Zweig kommen.

Was wäre das für eine sympathische und sehenswerte Stadt, in der jeder dabei ist, wenn zu tun ist, was in einer Stadt zu tun ist und wenn die gerecht verteilten Früchte der gemeinsamen Arbeit von allen gefeiert und genossen werden könnten, ohne das auch nur einer den Hals nicht voll bekäme und im dekadenten Egoismus versumpfen oder aber verzweifelt und erschöpft auf dem Straßenpflaster vor einem leerstehenden Ladenlokal einzuschlafen würde. So eine Stadt wäre wirklich reich und jeden Tag eine Reise wert.

Dieser Text erschien am 9. Juli 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

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