Samstag, 27. August 2016

Ein grün-weißes Sommermärchen: 1956 schaffte es der VfB Speldorf bis ins Berliner Finale der deutschen Fußball-Amateure und euphorisierte damit die Mülheimer Fußballfans

Was für Deutschland die Helden von Bern, das waren für Mülheim die Helden von Berlin. Die Rede ist von der Elf des VfB Speldorf, die vor 60 Jahren Vizemeister der deutschen Fußball-Amateure wurde.

Nur den „Roten“ aus Neu-Isenburg mussten sich die Grün-Weißen aus Speldorf im Berliner Finale geschlagen geben. Auch wenn es für die von Kurt Biesenkamp trainierte Mannschaft nach 90 Minuten 2:3 hieß, sahen viele der 75 000 Zuschauer die vom Verletzungspech und von umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidungen gebeutelten Speldorfer als „moralische Sieger.“ Auch Bundestrainer Sepp Herberger und Torwart-Legende Bernd Trautmann diktierten der Presse den Satz: „Die Speldorfer waren eine Klasse besser“ in den Block.

VfB-Leistungsträger und Nationalspieler Theo Klöckner, erlitt gleich zu Beginn des Spiels einen Wadenbeinbruch, machte aber unbeirrt weiter und schoss später sogar noch ein Tor.
Helmut Hirnstein, Heinz Riepe, Ernst Stroß, Hans Otto Bösebeck, Georg Hanselmann, Horst Riemenschneider, Walter Krogel, Werner Höttger, Walter Reichert, Theo Klöckner, Kurt Zimmermann, Heinz Brands, Harro Weiß

Die Spieler-Namen der Vizemeister-Elf von 1956 klingen für Speldorfer Fußball-Nostalgiker noch heute, wie Musik oder wie Fritz Walter, Toni Turek und Helmut Rahn.
Nach ihrer Rückkehr aus Berlin wurden die Verlierer, wie Sieger gefeiert. Ihr Triumphzug durch die Stadt dauerte eineinhalb Stunden. Tausende säumten die Straßen. In vielen Fenstern wurde Grün und Weiß geflaggt. Der Verkehr kam zeitweise völlig zum Erliegen.

Spieler des Vizemeisters und VfB-Präsident Heinz Otten sprachen später von einem „100-prozentigen Mülheimer Ereignis“ und von einem nie zuvor und nie danach erlebten „Rausch“ der Fußball-Euphorie. „Die Menschen feierten die Mannschaft auf eine Art, wie es Mülheim bisher noch nie erlebt hatte“, schrieb die lokale Sportpresse.

Das Speldorfer Sommermärchen 1956 hatte mit dem Gewinn der Niederrhein-Meisterschaft begonnen. Als Niederrhein-Meister hatte sich der VfB Speldorf für die ab 1951 ausgetragene Deutsche Meisterschaft der Fußball-Amateure qualifiziert.

Siege über Duisburg 08, Dortmund 95, die Spielvereinigung Hagen und Eintracht Braunschweig sowie ein Unentschieden bei Troisdorf 05 hatten Speldorf den Weg zum Deutschen Vizemeister der Fußball-Amateure geebnet.

Auch wenn die Speldorfer nach ihrer umjubelten Vizemeisterschaft für eine Saison in der Zweiten Liga West und viele Jahre später immerhin auch in der NRW-Liga spielen sollten, konnten sie bis heute nie wieder die Fans so begeistern, wie sie es im Sommer 1956 getan hatten.
Während ein in Speldorf verwurzelter Spieler, wie Kurt Zimmermann Angebote von Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf ablehnten und noch bis 1963 in den Reihen der Grün-Weißen kickten, spielte Theo Klöckner nach der Einführung der Bundesliga (1963) unter anderem für Werder Bremen und wurde so in der Saison 1964/65 Deutscher Fußballmeister.

Stichwort: VFB Speldorf


Das VFB im Vereinsnamen der Speldorfer steht für „Verein für Bewegungsspiele.“ Der 1919 gegründete VFB Speldorf trat als Zusammenschluss die Nachfolge der Clubs Rheinland und Preußen an. Die Grün-Weißen, deren erste Mannschaft zurzeit in der Landesliga spielt, kickten in den 30er Jahren in der Bezirksklasse Niederhein, die sie zweimal als Meister abschlossen, ohne in die Gauliga aufsteigen zu können. Der kriegsbedingte Spielermangel führte 1943 dazu, dass der VFB Speldorf zusammen mit dem TSV Broich 85 und dem MSV 07 eine Kriegsspielgemeinschaft Linksruhr bildete. Nach dem Krieg spielte der VFB zunächst in der Bezirksliga Niederrhein. Nach seinem 1956 erreichten Aufstieg in die Zweite Oberliga West konnte sich der VFB nur eine Saison lang in dieser Klasse halten. Ursprünglich am Blötter Weg beheimatet, spielen und trainieren die Grün-Weißen seit 2010 im Ruhrstadion und auf dem Sportplatz an der Saarner Straße. 2009 konnte sich VFB Speldorf als Niederrhein-Pokalsieger für den DFB-Pokal qualifizieren.

Dieser Text erschien am 20. August 2016 in NRZ/WAZ

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