Mittwoch, 23. Dezember 2020

Helfer brauchen Hilfe

 MALZ. Das steht seit 1986 für Mülheimer Arbeitslosenzentrum. Hier finden Arbeitssuchende und Menschen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind, den juristisch qualifizierten Rat von Gabi Spitmann. Doch die hauptamtliche Mitarbeiterin des unabhängigen und niederschwelligen Arbeitslosenzentrums muss jetzt selber um ihren Arbeitsplatz fürchten. 


Grund: Das Land NRW steigt zum Jahreswechsel aus der Finanzierung der bewährten Beratungsstelle im Gewerkschaftshaus an der Friedrichstraße 24 aus. Spitmann und die Vorsitzende des gemeinnützigen Trägervereins, Annette Lostermann-DeNil, können die Entscheidung der von CDU und FDP geführten Landesregierung nicht nachvollziehen. "Bergründet wurde das Auslaufen unserer Förderung mit einem veränderten Förderschwerpunkt der Europäischen Union. Denn die Mittel, die zu 80 Prozent unsere Personal- und Sachkosten finanzieren, kommen aus dem Europäischen Sozialfonds", erklärt Spitmann. 

MALZ sieht sich im Dienst der fairen Arbeit 

Dennoch kann auch Lostermann-DeNil die vom Land veranlasste Streichung der ESF-Mittel für das MALZ nicht wirklich verstehen. Die ehemalige Stadträtin ist, ebenso wie Spitmann, davon überzeugt, "dass wir beim MALZ sehr wohl gut zum neuen EU-Förderschwerpunkt Faire Arbeit passen, weil wir mit unserer qualifizierten Arbeit einen Beitrag dazu leisten, dass Arbeitssuchende, von betriebsbedingten Kündigungen bedrohte Arbeitnehmer, kranke Langzeitarbeitslose, prekär Beschäftigte und Senioren mit Mini-Renten eine faire Chance auf Hilfe und Teilhabe am Arbeitsleben und am gesellschaftlichen Leben bekommen."

"Jeder Euro zählt!"

Nicht zum ersten Mal löst die Landesregierung mit der Streichung der ESF-Mittel beim MALZ Existenzangst aus. In den Jahren 2009 und 2010 sprang die von der Stadt verwaltete Leonhard-Stinnes-Stiftung in die finanzielle Bresche. Doch in Zeiten der Null-Zins-Politik wird die Rettung mithilfe von Stiftungs- und Drittmitteln ungleich schwieriger. Doch Spitmann, Lostermann-DeNil und die Vorstandsmitglieder des Mülheimer Arbeitslosenzentrums wollen nicht aufgeben und befinden sich derzeit, wie es Spitmann formuliert, "auf einer Betteltour." Aus der 140-köpfigen Mitgliedschaft des gemeinnützigen Trägervereins, der auch steuerabzugsfähige Spendenquittungen ausstellen darf, gibt es bereits die erste Spende. Ein Vereinsmitglied, das namentlich nicht genannt werden möchte, hat 10.000 Euro aus seinem privaten Vermögen zur Verfügung gestellt. "Jeder Euro zählt. Wir arbeiten hier solange weiter, wie es eben geht." Das Malz, dass mit einer hauptamtlichen Mitarbeiterin und einer Kollegin auf 450-Euro-Basis tätigen Kollegin personell nicht üppig ausgestattet ist, hat im laufenden Corona-Jahr 1300 Klienten persönlich beraten. Das sind 150 mehr als im Jahr davor. "Wir wurden noch nie mehr gebraucht, als jetzt in der Corona-Pandemie, die viele Arbeitsplätze bedroht oder schon vernichtet hat", sagt Gabi Spitmann. Ein Drittel der Klienten haben in diesem Jahr erstmals den Rat des Mülheimer Arbeitslosenzentrums gesucht, weil sie mit dem Papierkrieg rund um die Beantragung von Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Wohngeld, Grundsicherung im Alter oder mit dem Antrag auf eine Erwerbsminderungsrente heillos überfordert sind. "Zwölf Prozent sind aufgrund einer chronischen Erkrankung, nicht mehr arbeitsfähig", berichtet Spitmann. Deshalb hat die MALZ-Beraterin nicht nur Angst um ihre eigene berufliche Existenz. Sie fürchtet, dass ihre Klienten die Zeche für die ausfallenden Fördermittel zahlen müssen. Denn ihnen stehen Spitmann und das MALZ nicht nur im bürokratischen Dschungel der staatlichen Transferleistungen bei. Hier werden Menschen, die um ihre materielle Existenz bangen müssen, nicht nur durch das sozialstaatliche Hilfesystem gelotst, sondern auch beraten und begleitet, wenn es zum Beispiel darum geht, um den Erhalt des alten Arbeitsplatzes oder um das Erreichen eines neuen existenzsichernden Arbeitsplatzes zu kämpfen. In den Beratungsgesprächen, die Gabi Spitmann im Auftrag des MALZ führt, geht es für ihre Klienten oft darum, sich neue Lebens- und Berufsperspektiven zu erarbeiten. "Unsere Arbeit ist angesichts der  Folgen der Corona-Pandemie wichtiger denn je. Wir sollten vielleicht die Corona-Hilfen des Landes und des Bundes beantragen", sagt die MALZ-Vereinsvorsitzende Lostermann-DeNil.

Kurzfristige Hilfe

Solange sich noch kein Groß-Sponsor gefunden hat, der das MALZ retten kann und will, setzen Spitmann und Lostermann-DeNil auf eine Spendenwerbekampagne, die nach dem Prinzip vorgeht: "Viele kleine Spenden ergeben eine große Spende, die auf dem MALZ-Sparkassen-Konto (IBAN: DE24 3625 0000 0300 0389 99) eingehen könnte. Was Annette Lostermann-DeNil Hoffnung gibt, "ist die Tatsache, dass wir in den vergangenen Jahren finanzielle Rücklagen bilden konnten, die uns jetzt erlauben, die laufenden Kosten des Arbeitslosenzentrums noch bis zum Ende des ersten Quartals 2021 aus den eigenen Mitteln decken zu können."

Wer dem MALZ helfen kann und will, erreicht es telefonisch unter der Rufnummer: 0208-32521 oder: 0208-32627 sowie per E-Mail an: arbeitslosenzentrum@gmx.de


Dieser Text erschien am 16. Dezember 2020 im Lokalkompass der Mülheimer Woche

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