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Nehmen wir das Leben bloß nicht zu wörtlich

"Ich habe kürzlich unser Wohnzimmer ausgemessen“, erzählt der Mann im Bus neben mir. „Schön, wenn man handwerklich begabt ist. Das spart Geld“, sage ich und ernte ungläubige Blicke. Kein Wunder. Meine Zufallsbekanntschaft ist mit Krücken unterwegs und ich bin ins Fettnäpfchen getreten. Sorry. Mein Gegenüber hat Humor und muss ob meines Missverständnisses lachen.  Denn neben mir sitzt kein  Do-it-yourself-Mann, sondern ein  gestrauchelter und gestürzter Mitmensch, der am eigenen Leibe die statistisch längst belegte Tatsache erfahren musste, dass das Leben zuhause am aller gefährlichsten ist, weil in der vertrauten Umgebung die meisten Unfälle passieren. 

Der Mann mit den Krücken und dem Handverband, der im Rucksack seine Einkäufe nach Hause schleppt, beeindruckt mich. Er hält sich nicht lange mit seiner Krankengeschichte auf, sondern erzählt begeistert von seinen Reiseplänen. Nach Venedig soll es gehen, ob mit oder ohne Krücken. „Toll! Venedig sehen und sterben!“ sage und füge noch hinzu: „Venedig sehen und sterben!“ sage ich. Der Mann mit Humor und Nehmerqualitäten meint: „So weit wollte ich nicht gehen“ und wünscht mir zum Abschied noch „Hals und Beinbruch!"

Dieser Text erschien am 15. Mai 2018 der Neuen Ruhr Zeitung

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