Sonntag, 7. Januar 2018

„Frauen können das!“: Alt-Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern im Gespräch über Frauenquote, Betreuungsgeld, Ruhrbania und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft

Eleonore Güllenstern (1929-2018) im Juni 2012
Von 1982 bis 1994 war sie Mülheims erste Oberbürgermeisterin.
16. Juni 1982: An diesem Tag Eleonore Güllenstern zur damals einzigen Oberbürgermeisterin einer deutschen Großstadt gewählt. Für die Neue Ruhr Zeitung sprach ich mit ihr zu diesem Stichtag über Politik von gestern und heute.

Ihre erste Wahl zur Oberbürgermeisterin am 16. Juni 1982 sorgte bundesweit für Schlagzeilen. War es auch für Sie ein besonderer Tag?

Das war schon ein besonderer Tag. Besonders habe ich mich damals darüber gefreut, dass ich bei der Wahl im Rat 46 von 50 Stimmen bekommen habe.

Warum fiel die Wahl damals auf Sie?
Ich wollte das damals eigentlich gar nicht und wurde von meiner Nominierung überrascht. Ich dachte, dass unser damaliger Fraktionsvorsitzer Friedrich Wennmann als Oberbürgermeister die Nachfolge des verstorbenen Oberbürgermeisters Dieter aus dem Siepen antreten würde. Doch Wennmann hat dann mich vorgeschlagen, wohl auch deshalb, weil ich damals ja schon als Bürgermeisterin den kranken OB oft vertreten habe. Die repräsentativen Verpflichtungen, die mit dem Amt verbunden waren, waren für mich also nichts Neues.

Konnten Sie Amt und Familie damals gut miteinander verbinden?

Ich habe mich natürlich vor meiner Wahl mit meinem Mann und meinen beiden Söhnen beraten. Erst nachdem sie ihre Genehmigung gegeben hatten und sagten: „Du schaffst das“, war ich auch bereit, das zu machen. Aber das Amt hat mich viel Zeit gekostet, mindestens 70 bis 80 Stunden pro Woche. Anders als heute war das OB-Amt ja trotz einer Aufwandsentschädigung ein Ehrenamt (Erst seit 1999 ist es ein Hauptamt, d. Red.).

Was hat Sie angetrieben?

Die Menschen haben mich immer interessiert. Ihre Schicksale haben mich auch bewegt. Deshalb waren mir meine Sprechstunden besonders wichtig, in denen die Bürger mit ihren Anliegen zu mir kommen konnten. Ich habe immer wieder da und dort helfen können, weil es eine ganz andere Wirkung hat, wenn ich in einer Angelegenheit als Oberbürgermeisterin zum Beispiel bei einem Amt nachfragte. Außerdem war die Kultur immer mein Steckenpferd, weil mich immer interessiert hat, wie Kunst eine Stadt und ihre Menschen positiv beeinflussen kann.

Was war der schönste Tag ihrer Amtszeit?
Das war der 11. April 1992, als die Müga von Johannes Rau eröffnet wurde. Das war ein tolles Fest. Daran kann ich mich bis heute erfreuen, dass wir so etwas hinbekommen haben, von dem wir bis heute alle profitieren können.

Wir haben heute eine Bundeskanzlerin, eine Ministerpräsidentin und eine Oberbürgermeisterin. Ist die Gleichberechtigung am Ziel?

Sicher nicht, wenn man zum Beispiel den Streit über das Betreuungsgeld oder die Frage betrachtet, ob man über eine Quote oder besser auf freiwilliger Basis mehr Frauen in Führungpositionen großer Unternehmen bringen kann. Es ist keine Frage, dass Frauen das können, sondern nur, ob sie es auch wollen oder aus persönlichen Gründen zufrieden sind mit der Arbeit, die sie tun.

Sie hatten als Oberbürgermeisterin nie Probleme, auf Menschen zu zu gehen. Wie steht es aus ihrer Sicht heute um die Bürgernähe von Politik?

Hannelore Kraft betrachte ich da als meine Freundin und gönne ihr jeden Erfolg, weil sie eine lebendige und herzliche Person ist, die nichts sagt, was sie nicht auch genau so meint. Ich finde es auch gut, dass sie ganz klar gesagt hat, dass sie nicht nach Berlin gehen will. Ich sehe bei ihr auch eine ähnliche Mentalität, wenn es darum geht, energisch zu sein, um etwas durchzusetzen. Sie hat sich Gott sei Dank auch durchgesetzt, dass die Schulden des Landes abgebaut werden müssen und gespart werden muss. Das ist genau das Richtige, um am Ende das eingesparte Geld in wichtige Zukunftsaufgaben investieren zu können.

Und wie sehen Sie die Mülheimer Politik?

Ich denke, dass Kommunalpolitik heute schwerer ist als zu meiner Zeit. Ich weiß nicht, ob wir früher mehr gespart haben. Ich glaube, dass die heutige Oberbürgermeisterin, die auch hauptamtliche Verwaltungschefin ist, auf alles achten wird. Aber der Laden Stadtverwaltung ist sehr umfangreich geworden. Es ist sehr viel ausgelagert worden. Und was ich ins Sachen Zinswetten verfolgt habe, durch die viel Geld verloren gegangen ist, das ist auch sehr ärgerlich. Erfreulich finde ich, dass die Gesamtschulen, die auch in meiner Zeit eingerichtet wurden, heute gut angenommen werden und dort auch Kinder aus Zuwandererfamilien gefördert werden. Das ist eine wichtige Aufgabe für unsere Zukunft. Da sind wir auf einem guten Weg. Die Innenstadt ist ja traurig und die Wohnungen an der Ruhrpromenade sind sehr elitär. Man muss froh sein, wenn Menschen in Mülheim wohnen wollen. Deshalb muss man überall das Augenmerk auf Wohnumfeldverbesserungen haben und nicht nur auf exklusive Baufelder achten, wo die Menschen leben, die sich das leisten können.


Dieser Text erschien am 16. Juni 2012 in der Neuen Ruhr Zeitung

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