Direkt zum Hauptbereich

In Memoriam Norbert Blüm


Einsichten eines politischen Christenmenschen



Der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm gab auf Einladung des Medienforums und der Pax-Bank seine reichen Lebenserfahrungen weiter



Essen. Es lohnt sich Rentnern zuzuhören. Vor allem dann, wenn Sie ihre Lebenserfahrungen, so wie der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (82) so geistreich und pointiert vortragen können, dass es für die Zuhörer erbaulich und unterhaltsam zugleich sein kann.


Mit einer Mischung aus Lesung und Gespräch fesselten Norbert Blüm und Moderatorin Vera Steinkamp die vom Medienforum des Bistums und von der Pax-Bank eingeladenen Zuhörer in der fast vollbesetzen Aula des Generalvikariates.


Da erfuhr man nicht nur, dass Norbert Blüm seit 30 Jahren Mitglied von Borussia Dortmund ist und sich auch eine Berufskarriere als Kapitän hätte vorstellen können. Man spürte in seinen spontanen Erzählungen und in den Lektionen aus seinem Vermächtnis-Buch: „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht“, dass da nicht nur ein Ex-Politiker sein Buch vorstellen, sondern ein Mensch seine Botschaft vom Primat der Liebe und dem Frieden zwischen Mensch und Natur.


Bewegend, wie sich Blüm, an die Bombennächte des Kriegsjahres 1943 erinnerte, die er als Achtjähriger erlebte „und bis heute wie einen Film im Kopf“ mit sich trägt. Seine Konsequenz: Ein glühendes Ja zu Europa und ebenso energisches Nein zu allen Nationalismen. O-Ton Blüm: „Der Nationalismus hat noch kein Problem gelöst oder wollen Sie das Ozonloch nur über Gelsenkirchen schließen?“ oder: „Wenn wir es als 500 Millionen Europäer in der Europäischen Union nicht hinbekommen, fünf Millionen Flüchtlinge aufzunehmen, dann können wir den Laden zu machen.“

Mit Blick auf den Ressourcenverbrauch und die Ideologie des unbegrenzten Wirtschaftswachstum sagt Blüm: „Ein weiter so kann es nicht geben!“ In der aktuellen Politik vermisst der soziale Christdemokrat und ehemalige Bundesminister vor allem „die Ausdauer, an einer Sache dran zu bleiben!“ Ausdauer und Hartnäckigkeit, verbunden mit einem unbedingten Ja zur Liebe wünscht Blüm denn auch nicht nur seinen Enkeln, sondern auch allen anderen Mitmenschen. „In meiner Lehrzeit bei Opel habe ich gelernt: Immer nur ein Werkstück im Schraubstock zu bearbeiten und es solange zu feilen, bis es rund ist. Ohne diese Lektion in Ausdauer und Hartnäckigkeit hätte ich die CDU nie überlebt“, sagt der ehemalige Vorsitzende der CDU-Sozialausschüsse und weiß damit den Applaus und die Lacher auf seiner Seite.


Hartnäckigkeit und Ausdauer scheinen auch in Blüms Erinnerung an seine Begegnung mit dem chilenischen Militärdiktator Augusto Pinochet durch. In einem Gespräch, in dem Pinochet sich zunächst hinter der Fassade des aufrechten Antikommunisten und des täglich betenden Christen verbarg, konfrontierte Blüm ihn mit seinen Folteropfern und fragte ihn: „Was wollen Sie Gott antworten, wenn er Sie fragt: ‚Was hat du den geringsten meiner Brüder getan?‘“ Das Gespräch blieb nicht ohne Wirkung auf den Diktator und veranlasste ihn 16 zum Tode verurteilte chilenische Oppositionelle nach Deutschland ausreisen zu lassen.


Eine von Blüms Geschichten zum Hinhören und Aufhorchen war auch die von seinem kommunistischen Onkel Adolf, der im Krieg von seinem Vorgesetzten, einem katholischen Kirchenvorstand denunziert wurde, weil er heimlich russische Zwangsarbeiterinnen mit Lebensmitteln versorgt hatte und dafür zwei Jahre im KZ überleben musste.

Die vielleicht wichtigste politische und menschliche Botschaft, die Norbert Blüm, seinen Zuhörern im Generalvikariat mit auf den Heimweg gab, war wohl die, „dass eine Gesellschaft, in der jeder nur seinen eigenen Vorteil sucht, nicht funktionieren kann, weil wir alle von der Wiege bis zu Bahre aufeinander angewiesen sind.“ Den Menschen im Ruhrgebiet bescheinigte der Rheinländer in diesem Zusammenhang die wegweisende Toleranz eines Schmelztiegels, in dem die Menschen gemeinsam arbeiten, Herausforderungen annehmen und dabei „leben und leben lassen.“

Dieser Text erschien am 24. März 2018 im Neuen Ruhrwort


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…

Vom Untergang einer kleinen Geschäftswelt: Vor 30 Jahren wurden die Bahnbögen an der Bahnstraße geöffnet

Der 30. und 31. Januar ist in meinem Kalender rot angestrichen", erzählt Familienforscherin Bärbel Essers. Dass das so ist, hat mit der Geschichte ihrer Familie zu tun. Denn am 30. und 31. Januar 1981 wurde das Geschäft ihrer Eltern am Bahnbogen 19 abgerissen. Mit diesem Abriss ging vor 30 Jahren eine lange Geschäftstradition unter den Bahnbögen an der Bahnstraße zu Ende. Denn als Gerhard Essers 1955 dort sein Geschäft für Angler- und Campingbedarf eröffnete, war er nicht der einzige Geschäftsmann, der unter den 1865 errichteten und 1866 als Eisenbahntrasse in Betrieb genommenen Bahnbögen sein Quartier aufgeschlagen hatte.
Seine 1961 geborene Tochter erinnert sich nicht nur an eine legendäre Pommesbude, eine Eisdiele und den Löschbogen, der damals noch wirklich unter dem Bahnbogen Bier und mehr ausschenkte und die traditionelle Stammkneipe der Marktleute war.

Als Essers noch ein Kind war, handelten ihre Nachbarn unter den Bahnbögen zum Beispiel mit Lederwaren, Obst und Gemüse, Kart…